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Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150121
modified20180917
projectide099f732
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Der Raritätenladen.

Dreiundfünfzigstes Kapitel

Nell war des andern Morgen früh auf, und nachdem sie sich ihrer Haushaltungsgeschäfte entledigt und für den guten Schulmeister Alles zurechtgesetzt hatte (obgleich sehr gegen seinen Willen, da er ihr gerne die Mühe erspart haben würde), nahm sie von dem Nagel neben dem Herde ein kleines Bund Schlüssel herunter, womit sie der Bachelor Tages zuvor förmlich investirt hatte, und ging allein aus, um die alte Kirche zu besuchen.

Der Himmel war schön und heiter, und die klare Luft duftete von den frischen Wohlgerüchen neugefallener Blätter, jeden Sinn lieblich erquickend. Der benachbarte Strom funkelte und rollte weiter mit melodischem Ton; der Thau glänzte auf den grünen Grabhügeln, wie Thränen, womit gute Geister über die Todten trauern.

Einige kleine Kinder spielten unter den Gräbern mit lachenden Gesichtern Verstecken. Sie hatten ein Wickelkind bei sich, das sie in ein kleines Laubbette auf ein Kindergrab gelegt hatten, wo es eingeschlafen war. Es war ein neues Grab – vielleicht der Ruheplatz irgend eines kleinen Wesens, das, geduldig und demüthig in seiner Krankheit, oft dagesessen und ihnen zugesehen hatte und auch jetzt noch, so weit sich die Kleinen des Gestorbenen erinnern konnten, kaum verändert schien. Nell trat näher und fragte eines der Kinder, wessen Grab es wäre. Dieses antwortete, es heiße nicht so, es sei der Garten seines Bruders. Er sei grüner, meinte es, als alle übrigen Gärten, und die Vögel liebten ihn besonders, weil der schlafende Bruder sie immer gefüttert habe. Nach diesen Worten sah sie der Kleine mit einem Lächeln an, kniete nieder, legte einen Augenblick seine Wangen gegen den Rasen und sprang fröhlich weiter.

Sie ging an der Kirche vorbei, sah an dem alten Thurme in die Höhe und begab sich durch das Pförtchen in das Dorf. Der alte auf eine Krücke gelehnte Todtengräber schöpfte vor seiner Hütte frische Luft und wünschte ihr guten Morgen.

»Es geht Euch besser?« sagte Nell, indem sie Halt machte, um mit ihm zu sprechen.

»O freilich, viel besser,« entgegnete der alte Mann. »Ich kann Gott nicht genug danken.«

»Ihr werdet bald ganz gesund sein.«

»Mit der Zulassung Gottes und mit ein Bischen Geduld. Doch kommen Sie herein, kommen Sie herein.«

Der alte Mann hinkte voran, machte sie auf die abwärtsgehende Treppe aufmerksam, über die er selbst nicht ohne einige Anstrengung wegkam, und führte sie in seine kleine Hütte.

»Sie sehen, es ist nur eine Stube. Oben befindet sich zwar eine zweite, aber in den letzten Jahren ist mir das Treppensteigen sauer geworden und ich mache keinen Gebrauch davon. Im nächsten Sommer denke ich übrigens sie doch wieder zu beziehen.«

Das Kind wunderte sich, daß ein grauhaariger Mann wie er – und noch obendrein einer von seinem Gewerbe – so leicht hin von der Zeit sprechen konnte. Er sah ihre Augen über die Werkzeuge, die an der Wand hingen, gleiten und lächelte.

»Ich wollte doch wetten,« sagte er, »daß Sie glauben, man brauche alles dieß zum Gräbermachen.«

»In der That, es kam mir wunderbar vor, daß man dazu so viel brauche.«

»Auch mit Recht. Ich bin nämlich ein Gärtner, grabe den Grund auf und pflanze Dinge, die leben und gedeihen. Nicht alle meine Werke modern und verfaulen in der Erde. Sie sehen diesen Spaten in der Mitte?«

»Den ganz alten, der so schartig und abgenützt ist? Ja.«

»Das ist der Todtengräberspaten – ein fleißig gebrauchtes Werkzeug, wie Sie sehen. Wir sind gesunde Leute hier; er hat aber doch schon eine Last Arbeit verrichtet. Wenn dieser Spaten sprechen könnte, so würde er von manchem unverhofften Geschäfte erzählen, das er und ich miteinander abgemacht haben, aber ich vergesse es, denn mein Gedächtniß ist schwach. Das ist übrigens nichts Neues,« fügte er hastig bei; »es war immer so.«

»Da sind also Blumen und Gesträuche, die von Eurer andern Beschäftigung erzählen?« sagte das Kind.

»O ja. Und hohe Bäume. Aber dieses Geschäft ist nicht so ganz verschieden von dem Todtengräbergewerbe, als Sie denken.«

»Nicht?«

»Das heißt nicht in meinem Geiste und in meiner Erinnerung,« fuhr der alte Mann fort. »In der That, Beides muß oft zusammenhelfen. Denn angenommen, ich pflanze den und den Baum für einen solchen und solchen Mann. Er steht dann da, um mich daran zu erinnern, daß er starb. Wenn ich seinen breiten Schatten betrachte, so vergegenwärtige ich mir, was er zu seiner Zeit war, und dieß hilft mir auf die Zeit meiner andern Arbeit, so daß ich ziemlich nahezu sagen kann, wann ich sein Grab gemacht habe.«

»Aber es kann Euch auch an Jemand erinnern, der noch lebt,« entgegnete Nell.

»An zwanzig, die todt sind, in Verbindung mit dem Einen, der lebt,« entgegnete der alte Mann; »Weib, Mann, Eltern, Brüder, Schwestern, Kinder, Freunde – wenigstens an zwanzig. Darum ist auch der Todtengräberspaten so abgenützt und ausgehauen worden. Ich werde einen neuen nöthig haben – nächsten Sommer.«

Nell sah rasch nach ihm auf, denn sie glaubte, daß er mit seinem Alter und mit seiner Gebrechlichkeit scherze; aber der harmlose Todtengräber sprach in völligem Ernst.

»Ach!« sagte er nach einem kurzen Schweigen. »Die Leute lernen nie etwas. Sie wollen nie lernen. Nur wir, die wir den Boden aufwühlen, wo Nichts wächst und alles verwest, denken an solche Dinge – denken auf eine geziemende Weise daran, meine ich. Sind Sie in der Kirche gewesen?«

»Ich will eben hin,« versetzte das Kind.

»Es ist ein alter Brunnen dort,« fuhr der Todtengräber fort, »unmittelbar unter dem Glockenstuhl; ein tiefer, dunkler, wiederhallender Brunnen. Vor vierzig Jahren durfte man nur den Eimer so weit herunterlassen, bis der erste Knoten des Seiles von der Winde los war, um ihn in dem kalten Wasser plätschern zu hören. Das Wasser fiel allmählig, so daß man zehn Jahre später einen zweiten Knoten machte, bis zu welchem man den Strick abwinden mußte, wenn der Eimer nicht frei in der Luft schweben sollte. Im Laufe von zehn Jahren fiel das Wasser wieder, und ein dritter Knoten wurde gemacht. In weiteren zehn Jahren trocknete der Brunnen noch mehr aus, und jetzt, wenn Sie den Eimer so weit herunterlassen, bis Ihre Arme müde sind und der Strick fast am Ende ist, hören Sie ein plötzliches Klingeln und Rasseln auf dem Grunde, und es tönt, als wäre es so weit unten, daß Sie erschrecken und zurückfahren, als wären Sie im Begriffe hineinzustürzen.«

»Ein schrecklicher Ort, wenn man sich ihm in der Dunkelheit nähert!« rief Nell, welche den Blicken und Worten des alten Mannes so aufmerksam gefolgt war, daß es ihr däuchte, sie stände an dem Rande des Brunnens.

»Was ist er anders, als ein Grab?« sagte der Todtengräber. »Was anders? Und wer von unsern alten Leuten, die Alles dieß mit angesehen haben, dachte bei dem Versiegen des Quells an das Hinschwinden der eigenen Kraft und an die Minderung der Lebenstage? Nicht Einer!«

»Ihr seid wohl selbst schon sehr alt?« fragte das Kind unwillkürlich.

»Ich werde neunundsiebenzig sein, – nächsten Sommer.«

»Ihr arbeitet noch immer, wenn Ihr gesund seid?«

»Arbeiten? Gewiß! Betrachten Sie einmal meine Gärten hier herum? Sehen Sie durch das Fenster da. Ich habe dieses Stück Landes ganz mit eigenen Händen umgegraben und in gutem Stande erhalten. Ueber's Jahr um diese Zeit werde ich kaum den Himmel sehen, so dick werden die Zweige geworden sein. Auch habe ich im Winter des Nachts meine Arbeit.«

Er öffnete mit diesen Worten einen Wandschrank dicht neben ihm und brachte einige Büchschen, rauh aus altem Holze geschnitzt, zum Vorschein.

»Manche vornehme Leute, die eine Freude an alten Zeiten und ihrem Zubehör haben,« sagte er, »kaufen gerne solche kleine Erinnerungszeichen an unsere Kirche und unsere Ruinen. Bisweilen mache ich sie aus einem Stückchen Eichenholz, das da und dort zum Vorschein kommt, bisweilen aber auch aus den Brettern der Särge, welche sich in den Gewölben lange erhalten haben. Sehen Sie her, dieß ist ein kleines Kistchen von der letztern Art, an den Rändern mit Bruchstücken von Messingplatten versehen, die zu ihrer Zeit überschrieben waren, obgleich die Schrift jetzt kaum mehr würde zu lesen sein. Um diese Jahreszeit ist mein Vorrath zusammengegangen, aber alle diese Gesimse werden beladen sein – nächsten Sommer.«

Die Kleine bewunderte und lobte seine Arbeit und entfernte sich bald nachher. Im Gehen machte sie sich ihre Gedanken, wie seltsam es sei, daß dieser alte Mann, der doch aus seinem ganzen Treiben und seiner ganzen Umgebung eine ernste Lehre zog, nie daran dachte, sie auf sich selbst anzuwenden, und daß er, während er doch so gerne über die Ungewißheit des menschlichen Lebens sprach, sowohl in Worten als in der That sich selbst für unsterblich zu halten schien. Ihre Betrachtungen fanden jedoch hier noch kein Ziel, denn sie war klug genug, einzusehen, daß vermöge der weisen und gnädigen Ordnung Gottes die menschliche Natur so sein mußte, und daß der alte Todtengräber mit seinen Planen für den nächsten Sommer nur ein Abbild seines ganzes Geschlechtes war.

Mit solchen Gedanken erfüllt gelangte sie zu der Kirche. Es war leicht, den Schlüssel zu dem Portale aufzufinden, denn jeder hatte einen angehängten Streifen von gelbem Pergament, auf dem seine Bestimmung bemerkt war. Schon das Umdrehen des Schlüssels in seinem Schlosse weckte einen hohlen Ton, und als sie mit zögernden Schritten eintrat, erschrak sie ob dem Echo, welches das Zuschlagen der Thüre erzeugte.

Alles, was uns in unserm Leben Gutes oder Schlimmes begegnet, ergreift uns vorzugsweise durch den Gegensatz. Wenn der Frieden des einfachen Dörfchens einen stärkeren Eindruck auf Nell gemacht hatte wegen der düstern und mühevollen Wege, die jenseits lagen und über die sie mit so schwachen Füßen gewandert war, wie tief mußte sie sich nicht ergriffen fühlen, als sie sich allein in diesem feierlichen Gebäude befand, wo selbst das Licht, das durch die eingesunkenen Fenster strömte, alt und grau erschien, und wo die Luft, nach Erde und Moder riechend, eine Verwesung sichtbar werden ließ, die sich mit der Zeit von ihren gröberen Bestandtheilen gereinigt hatte und nun, wie der Hauch entschwundener Jahrhunderte, durch die Bogen und Säulenhallen seufzte! Da war das zerbrochene Pflaster, so lange durch fromme Füße ausgenützt, daß die Zeit, den Schritten der Pilgrime verstohlen nachfolgend, ihre Spur ausgetreten und nur ein zerbröckeltes Gestein zurückgelassen hatte. Da war das faulende Gebälk, das sich senkende Gestein, die untergrabene und modernde Mauer, der kleine Laufgraben, das stattliche Grab, auf welchem die Aufschrift verwischt war – Alles – Marmor, Stein, Eisen, Holz und Staub nur ein gemeinschaftliches Denkmal der Vergänglichkeit. Die besten Werke, wie die schlechtesten, die einfachsten wie die reichsten, die prunkvollsten, wie die unbedeutendsten, die des Himmels wie die des Menschen – alle wurden hier nach derselben Richtschnur gemessen und erzählten insgesammt nur Eine Geschichte.

Ein Theil des Gebäudes war eine Freiherrngruft gewesen, und hier lagen die Abbilder von Kriegern mit gefalteten Händen und gekreuzten Beinen ausgestreckt – diejenigen, welche in den heiligen Kriegen mitgefochten hatten, in ihren Wappenrüstungen und das Schwert an der Seite, wie zu ihrer Lebenszeit. Einige jener Ritter hatten ihre eigenen Gewehre, Helme und Panzerhemden neben ihren Gräbern an der Wand aufhängen lassen, wo sie noch jetzt an rostigen Haken festgehalten wurden. Sie waren zwar zerbrochen und zerstückt, aber doch hatten sie ihre ursprüngliche Form und auch manches von ihrem alterthümlichen Aussehen beibehalten. So überleben auf Erden gewaltsame Handlungen ihre Urheber, und die Spuren von Krieg und Blutvergießen sind noch fühlbar, nachdem diejenigen, welche das Werk der Zerstörung begangen, längst selbst zu Atomen der Erde geworden sind.

Die Kleine setzte sich in diesem alten, stillen Orte unter den starren Gestalten auf den Gräbern nieder – es war ihr, als würde er durch dieselben noch ruhiger, als jeder andere – blickte mit einem ehrfurchtsvollen Schauer, der durch eine milde Wonne gemäßigt war, umher und fühlte, daß sie jetzt glücklich und ruhig war. Sie nahm eine Bibel von dem Gesimse und las; dann legte sie das Buch nieder, dachte an die Sommertage – an die schöne Zeit des kommenden Frühlings – an die Sonnenstrahlen, die schräg über dir schlafenden Gestalten fallen würden – an die Blätter, die am Fenster zitterten und ihre flimmernden Schatten auf das Pflaster warfen – an den Gesang der Vögel – an die Knospen und Blüthen außen – an die süße Luft, die sich hereinstehlen und die zerrissenen Banner über den Häuptern der Standbilder sanft in Bewegung setzen mochte. Was war es, daß der Ort Gedanken an den Tod weckte! Er blieb doch immer derselbe, mochte sterben, wer da wollte – dieser Anblick, diese Töne mußten doch so beseligend sein, wie nur je. Der Gedanke, in ihrer Mitte zu schlafen, konnte nichts Schmerzliches haben.

Sie verließ die Gruftkapelle – sehr langsam und sehr oft sich umdrehend, um zurückzuschauen. Dann gelangte sie zu einer niedrigen Thüre, welche augenscheinlich in einen Thurm führte, öffnete dieselbe und kletterte im Dunkeln die Wendeltreppe hinan, nur hin und wieder einen Lichtblick erschauend, wenn sie durch die engen Gucklöcher nach dem eben verlassenen Orte zurück, oder nach den staubigen Glocken in die Höhe sah. Endlich erreichte sie das Ende der Treppe und stand auf dem Kranze des Thurmes.

Welche Pracht des plötzlich auftauchenden Lichtes! Die frischen Felder und Wälder, die sich in jeder Richtung hindehnten, bis sie das blaue Himmelsgewölbe säumten; das auf den Weiden grasende Vieh; der aus den Bäumen aufsteigende Rauch, als hebe er sich aus der grünen Erde; die Kinder, die weit unten spielten – Alles, alles so gar schön und wonnig! Es war wie ein Uebergang vom Tode zum Leben – ein Näherrücken an den Himmel.

Als sie an das Portal herunterkam und die Thüre schloß, waren die Kinder bereits fort. Bei dem Vorbeigehen am Schulhause konnte sie das Gesumme von Stimmen hören. Ihr Freund hatte an diesem Tage sein Amt angetreten. Der Lärm wurde lauter, und als sie zurückblickte, sah sie die Jungen schaarenweise herauskommen und sich unter lustigem Jubel und Spiel erfreuen. »Es ist gut so,« dachte Nell; »es freut mich sehr, daß sie an der Kirche vorbeigehen.« Und dann machte sie Halt, um sich eine Vorstellung machen zu können, wie sich das Getöse wohl innen ausnähme, und wie sanft es dem Ohre zu verhallen schiene.

Noch einmal, ja sogar noch zweimal stahl sie sich an jenem Tage nach der alten Kapelle zurück und las auf ihrem früheren Sitze aus demselben Buche, oder erging sich in einem ruhigen Gedankenstrome. Selbst als es bereits dunkel geworden war und die Schatten der hereinbrechenden Nacht die Umgebung feierlicher machten, blieb Nell wie an den Ort gewurzelt, ohne sich zu fürchten, ja sogar ohne sich zu rühren.

Endlich fand man sie hier und nahm sie nach Hause. Sie sah blaß aus, fühlte sich aber sehr glücklich, bis man sich in der Nacht trennte; und dann deuchte es dem armen Schulmeister, als er sich niederbeugte, um sie auf ihre Wange zu küssen, er fühle eine Thräne auf ihrem Gesichte.


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