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Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150121
modified20180917
projectide099f732
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Der Raritätenladen.

Zweiundfünfzigstes Kapitel

Nach einer geraumen Weile erschien endlich der Schulmeister an dem Pförtchen des Kirchhofes und eilte auf sie zu, indem er im Gehen mit einem rostigen Schlüsselbunde klingelte, den er in der Hand hatte. Ganz athemlos vor Hast und Freude langte er an dem Portale an, und konnte anfangs nur mit dem Finger auf das alte Gebäude deuten, welches das Kind so angelegentlich betrachtet hatte.

»Du siehst jene zwei alten Häuser?« sagte er endlich.

»Ja, gewiß,« versetzte Nell. »Ich habe während der ganzen Zeit Ihrer Abwesenheit fast für nichts Anderes ein Auge gehabt.«

»Und wie würdest du sie erst betrachtet haben, wenn du hättest ahnen können, was ich dir zu sagen habe,« entgegnete ihr Freund. »Eines dieser Häuser ist das meinige.«

Ohne ein weiteres Wort – ja nicht einmal der Kleinen Zeit lassend, etwas zu erwidern, nahm der Schulmeister ihre Hand, und mit freudestrahlendem Gesichte führte er sie nach dem Orte, von dem er sprach.

Vor der niederen Bogenthüre blieben sie stehen. Der Schulmeister probirte zuerst mehrere Schlüssel vergeblich, bis er endlich einen fand, der für das ungeheure Schloß paßte. Er drehte dasselbe auf, und die Thüre gestattete ihnen knarrend den Eingang.

Der Raum, in den sie traten, war ein gewölbtes Gemach, einst edel verziert von geschickten Baumeistern, und noch immer in dem Dachbug, wie auch in der reich ausgelegten Steinarbeit köstliche Ueberreste alten Glanzes bewahrend. In das Gemäuer war Blätterwerk ausgehauen, das mit der Meisterhand der Natur wetteiferte und noch hier prangte, um zu sagen, wie oftmal das Laub außen gekommen und gegangen war, während es selbst unverändert fortlebte. Die zerbrochenen Figuren, welche das Kamingesims unterstützten, ließen in schroffem Gegensatze von dem Staube draußen trotz ihrer Verstümmelung noch deutlich unterscheiden, was sie gewesen, und standen traurig neben dem leeren Herde, Geschöpfen gleich, die ihre Gattung überlebten, und nun über ihren eigenen nur zu langsamen Verfall wehklagten.

In irgend einer alten Zeit – denn selbst die Veränderungen waren schon alt an diesem alten Orte – war in dem Gemach eine hölzerne Scheidewand aufgeführt worden, um den einen Theil desselben in ein Schlafkabinet umzuwandeln, welchem damals ein roh gearbeitetes Fenster, oder vielmehr eine in die dicke Mauer gehauene Nische Licht zuführte. Diese Wand nebst zwei Stühlen bei dem breiten Kamin hatten vor längst vergessenen Jahren zu der Kirche oder dem Kloster gehört, denn das eichene Getäfel, das ganz in der Eile seinem dermaligen Zwecke angepaßt war, hatte nur wenig von seiner früheren Gestalt verloren, und zeigte dem Auge eine Menge Ueberreste aus dem reichen Schnitzwerke alter Chorstühle. Eine offene Thüre, die zu einem kleinen Gemache oder einer Zelle führte, nur matt von dem durch Epheulaub einfallenden Lichte beleuchtet, vollendete das Innere dieses Theils der Ruine. Es fehlte nicht ganz an Möbeln. Ein paar seltsame Stühle, deren Arme und Beine aussahen, als seien sie von Alterschwäche abgezehrt, ein Tisch, den man in seiner Art ein wahres Gespenst nennen konnte, eine große, alte Truhe, welche ehemals die Kirchenchroniken aufbewahrt hatte, nebst anderem wunderlichem Hausgeräthe und einem Vorrath von Brennholz für den Winter, standen und lagen zerstreut umher, augenscheinlich beweisend, daß der Ort erst in jüngster Zeit zu einer Wohnung umgeschaffen worden war.

Das Kind schaute mit jenem feierlichen Gefühl umher, mit welchem wir die Werke entschwundener Jahrhunderte betrachten, die zu bloßen Wassertropfen in dem großen Ocean der Ewigkeit geworden sind. Der alte Mann folgte ihnen; aber alle Drei blieben eine Weile stumm und athmeten nur ganz leise, als fürchteten sie, das Schweigen auch nur durch den leisesten Ton zu unterbrechen.

»Es ist ein sehr schöner Ort!« sagte das Kind mit gedämpfter Stimme.

»Ich fürchtete fast, du würdest es nicht so finden,« versetzte der Schulmeister. »Du schaudertest beim Eintreten, als ob es dich fröre, oder als fühltest du dich unheimlich.«

»Es war nicht das,« entgegnete Nell, indem sie mit einem leichten Schauder umhersah. »In der That, ich kann Ihnen nicht sagen, was es war, aber als ich das Gebäude draußen von dem Kirchhofe aus betrachtete, kam dasselbe Gefühl über mich. Vielleicht kömmt es daher, weil es so alt und grau ist.«

»Ein friedlicher Ort, um darin zu wohnen, meinst du nicht auch so?« fragte ihr Freund.

»O, ja,« erwiderte das Kind, ernst die Hände faltend. »Ein stiller, glücklicher Ort, – ein Ort, in dem man leben und sterben lernen kann!«

Sie würde noch mehr gesagt haben, aber der Drang der Gedanken machte ihre Stimme stottern, und ließ nur ein zitterndes Flüstern über ihre Lippen gleiten.

»Ein Platz, an dem man leben lernen und an Leib und Seele gesunden kann,« sagte der Schulmeister, »denn dieses alte Haus ist das eurige.«

»Das unsrige?« rief das Kind.

»Ja,« entgegnete der Schulmeister heiter, »und ich hoffe, für viele künftige glückliche Jahre. Ich werde ein naher Nachbar sein – nur die nächste Thüre – aber dieses Haus ist euch angewiesen.«

Nachdem der alte Schulmeister sich dieser überraschenden Kunde entledigt hatte, setzte er sich nieder, zog Nell an seine Seite, und erzählte ihr, wie er erfahren habe, daß dieses alte Gebäude lange Zeit von einer alten, fast hundertjährigen Person bewohnt worden sei, welche die Kirchenschlüssel aufbewahrte, die Kirche zum Zwecke des Gottesdienstes öffnete und schloß, und dieselbe den Fremden zeigte; sie sei vor einigen Wochen gestorben, und bisher habe Niemand aufgefunden werden können, um dieses Amt zu versehen; dieß Alles habe er von dem Todtengräber gehört, der wegen eines Rheumatismus im Bette liege, weßhalb er so kühn gewesen sei, seiner Gefährten Erwähnung zu thun; jener hohe Würdenträger habe seine Andeutung sehr günstig aufgenommen, weßhalb er auf dessen Rath sich das Herz gefaßt, die Sache dem Geistlichen vorzutragen. Mit einem Wort, das Ergebniß seiner Bemühungen war, daß Nell und ihr Großvater am morgenden Tag dem letztgenannten Herrn vorgestellt werden sollten; derselbe habe sich zwar eine Prüfung ihres Betragens und Aussehens der Form wegen vorbehalten, sie seien aber bereits schon so gut, als zu dem vakanten Posten ernannt.

»Es ist ein kleiner Gehalt dabei,« sagte der Schulmeister; »zwar nicht viel, aber doch genug, um an diesem abgeschiedenen Orte leben zu können. Wenn wir unsere Fonds zusammenwerfen, so wird's hübsch ausreichen; man darf da keine Furcht haben.«

»Gott segne und beglücke Sie,« schluchzte das Kind.

»Amen, meine Liebe,« entgegnete ihr Freund wohlgemuth. »Und uns Alle! Er wird es thun, wie er es bereits gethan hat, indem er uns durch Sorgen und Trübsal zu diesem ruhigen Leben führte. Aber jetzt müssen wir nach meinem Hause sehen. Kommt!«

Sie begaben sich nach der andern Behausung, versuchten, wie früher, die rostigen Schlüssel, bis sie endlich den rechten fanden, und öffneten die von Würmern zerfressene Thüre. Sie führte in ein altes, gewölbtes Gemach, demjenigen ähnlich, aus welchem sie kamen, aber nicht so geräumig und nur mit einer einzigen angefügten Kammer. Es war nicht schwer, zu errathen, daß das andere Haus eigentlich dem Schulmeister zugedacht war, und daß er nur aus besorgter Rücksicht für seine Reisegefährten das weniger bequeme für sich gewählt hatte. Wie in der benachbarten Wohnung befand sich auch hier so viel altes Möbelwerk, als unumgänglich nöthig war, und ein Vorrath von Brennholz.

Ihre angelegentlichste Sorge war nun, diese Häuser so wohnlich und behaglich als möglich zu machen. In kurzer Zeit hatte jedes derselben ein lustig prasselndes Feuer auf dem Herd, das die grauen, alten Wände mit einer gesunden und lieblichen Rothe färbte. Nell beschäftigte sich emsig mit ihrer Nadel, um die zerfetzten Fenstervorhänge auszubessern und die Risse zu verbannen, welche die Zeit in die fadenscheinigen Abwischteppiche geschlissen hatte, und machte überhaupt Alles ganz anständig. Der Schulmeister fegte und glättete den Boden vor der Thüre, stutzte das lange Gras, band den Epheu und die andern Schlingpflanzen auf, die ob ihrer Vernachlässigung melancholisch die Köpfe hängen ließen, und gab dem äußern Gemäuer ein heiteres und heimisches Aussehen. Der alte Mann leistete bald ihm, bald seiner Enkelin Beihülfe, ließ sich geduldig zu kleinen Diensten und Gängen brauchen, und fühlte sich glücklich. Die von der Arbeit zurückkehrenden Nachbarn boten gleichfalls ihren Beistand an, oder schickten ihre Kinder mit kleinen Geschenken, um den neuen Ortsbewohnern Kleinigkeiten, die sie gerade am nöthigsten brauchten, zu schenken oder zu leihen. Es war ein rühriger Tag; und mit dem Einbruche der Nacht wunderten sie sich, daß es schon so spät sein konnte, während doch noch so viel zu thun übrig war.

Sie nahmen ihr Nachtessen gemeinschaftlich in dem Hause ein, welches wir hinfort Nell's nennen wollen, und als sie ihr Mahl beendigt hatten, setzten sie sich um das Feuer und besprachen, fast flüsternd – ihre Herzen waren zu ruhig und zu froh für einen lauten Erguß – ihre Pläne für die Zukunft. Ehe sie sich trennten, las der Schulmeister laut einige Gebete, und dann sagten sie sich, voll seligen Dankes gegen den Himmel, gute Nacht.

Zu stiller Stunde, als ihr Großvater bereits friedlich in seinem Bette schlief und Alles in lautlosem Schweigen verharrte, zögerte das Kind noch vor der verglimmenden Asche und dachte über ihre vergangenen Schicksale nach, als wären sie ein Traum gewesen, aus dem sie eben jetzt erst erwachte. Der Schein der ersterbenden Flamme, wiederstrahlend von dem eichenen Getäfel, dessen geschnitzte Zacken sich nur undeutlich in der düstern Dachwölbung unterscheiden ließen – die altersgrauen Mauern, an denen bei jedem Aufflackern des Feuers sonderbare Schatten auftauchten und entschwanden – innen der feierliche Anblick jenes Verfalls, welcher auch leblose, ihrer Natur nach lange andauernde Gegenstände heimsucht, und außen rund umher die ergreifende Gegenwart des Todes – erfüllten ihre Seele mit ernsten Gefühlen, in die sich jedoch weder Schrecken noch Unruhe mischten. In der Zeit ihrer Einsamkeit und ihres Kummers war allmälig eine Veränderung mit ihr vorgegangen. Mit den hinsinkenden Kräften und der sich steigernden Entschlossenheit hatte sich auch ihr Geist gereinigt und geläutert. In ihrem Herzen entsproßten selige Gedanken und Hoffnungen, wie sie nur Wenigen, den Schwachen und Gebeugten ausgenommen, zu Theil werden. Niemand war Zeuge, wie die gebrechliche, vergängliche Gestalt von dem Feuer wegglitt und gedankenvoll sich in das offene Fenster lehnte – Niemand, als die Sterne, welche in dem nach dem Himmel gerichteten Antlitz ihre Geschichte lasen. Die alte Kirchthurmglocke rief mit klagendem Tone die Stunde aus, als hätten der häufige Verkehr mit den Todten und die unbeachteten Warnerufe an die Lebenden sie wehmüthig gestimmt; das gefallene Laub raschelte; auf den Gräbern säuselte das hohe Gras; Alles Uebrige war still und in Schlummer.

Einige jener traumlosen Schläfer lagen im Schatten der Kirche – hart an der Mauer, als klammerten sie sich hier an, um Trost und Schutz zu finden; Andere hatten einen Ruheplatz unter den wechselnden Schatten der Bäume vorgezogen. Einige lagen am Weg, um den Fußtritten der Menschen näher zu sein, Andere schlummerten unter den Gräbern kleiner Kinder. Die Einen hatten gewünscht, unter demselben Rasen zu ruhen, den sie bei Gelegenheit ihrer täglichen Gänge betreten hatten. Andere schliefen in Betten, welche die Abendsonne beleuchten konnte, wieder Andere, wo das Licht des Morgenroths ihren Hügel beschien. Vielleicht war nicht eine unter diesen jetzt fessellosen Seelen ganz im Stande gewesen, zur Zeit ihres Erdenwallens sich ganz von ihrem Gefährten, dem Staubleibe, getrennt zu denken. Und wenn es je der Fall war, so fühlten sie doch immer eine Liebe für ihn, wie sie etwa selbst der Gefangene gegen die Zelle fühlt, die ihn lange umschlossen hat und an deren engen Grenzen er beim Scheiden noch mit Zärtlichkeit hängt.

Es währte lange, bis Nell das Fenster schloß und sich ihrem Bette näherte. Abermals dasselbe Gefühl, wie früher – ein unwillkürliches Schaudern – ein augenblickliches Gefühl wie Furcht – aber schnell wieder verschwindend, ohne irgend eine Unruhe zurückzulassen. Und auch jetzt wieder Träume von dem kleinen Schüler! Das Dach that sich auf und eine Säule glänzender Gesichter, die weit bis in den Himmel hinaufreichte (sie hatte es einmal so in einem alten Bibelbilde gesehen), sahen auf sie nieder, während sie schlummerte. Es war ein süßer und glücklicher Traum. Der ruhige Friedhof außen schien derselbe zu sein, nur daß Musik die Luft durchwehte, und ein Ton, wie Fittige der Engel. Nach einer Weile kamen auch die Schwestern Hand in Hand hernieder und standen unter den Gräbern; und dann wurde der Traum unbestimmter und entschwand.

Mit dem frohen Glanze des Morgens kehrten auch die Beschäftigungen, die heiteren Gedanken, die Thatkraft und die wonnige Hoffnungsfülle von gestern zurück. Sie beschäftigten sich wohlgemuth mit Ordnen und Einrichten ihrer Häuser bis Mittag, worauf sie dem Geistlichen ihren Besuch abstatteten.

Es war ein einfacher, alter Herr von schüchternem und demüthigem Geiste, gewöhnt an die Einsamkeit und wenig bekannt mit der Welt, aus der er sich seit vielen Jahren zurückgezogen hatte, um sich an seinem gegenwärtigen Wohnsitze niederzulassen. Seine Frau war in dem Hause gestorben, in welchem er noch lebte, und seit langer Zeit waren ihm Erdensorgen und Erdenhoffnungen fremd geworden.

Er nahm sie sehr freundlich auf und zeigte sogleich lebhaften Antheil an Nell, die er nach ihrem Namen, ihrem Alter, ihrem Geburtsorte, nach den Umständen, welche sie hiehergeführt, und dergleichen fragte. Der Schulmeister hatte bereits ihre Geschichte erzählt. Sie hätten keine andere Freunde, keine Heimath, und wären mit ihm gekommen, um sein Geschick mit ihm zu theilen, denn er liebe das Kind, als ob es sein eigenes wäre, hatte er gesagt.

»Schon gut,« sprach der Geistliche. »Es geschehe nach Eurem Wunsche. Sie ist sehr jung.«

»Alt in Widerwärtigkeiten und Prüfungen, Sir,« versetzte der Schulmeister.

»Gott helfe ihr! Möge sie Ruhe finden und vergessen,« sagte der alte Herr. »Aber eine alte Kirche ist ein düsterer und trübseliger Platz für ein so junges Geschöpf, als du bist, mein Kind.«

»O, nicht doch, Sir,« versetzte Nell. »So etwas kömmt mir in der That nicht zu Sinne.«

»Ich möchte sie lieber des Abends auf dem Rasen tanzen sehen,« sagte der alte Herr, indem er mit einem wehmüthigen Lächeln seine Hand auf ihren Kopf legte, »als daß sie dort in dem Schatten unserer moderigen Gewölbe sitzt. Ihr müßt dafür Sorge tragen, daß ihr das Herz nicht schwer wird unter diesen ehrwürdigen Ruinen. Eurer Bitte ist willfahren, mein Freund.«

Es wurden noch einige freundliche Worte gewechselt, worauf sie sich entfernten und nach dem Hause des Kindes gingen. Hier besprachen sie sich noch über die glückliche Wendung ihres Schicksals, als ein weiterer Freund erschien.

Dieser war ein kleiner, alter Herr, der, wie sie später erfuhren, schon an fünfzehn Jahre – nämlich seit dem Tode der Gattin des Geistlichen, in dem Pfarrhause wohnte. Er hatte mit dem Letzteren studirt und war immer dessen vertrauter Freund gewesen, weßhalb er auch nach dem schweren Schlage, der denselben betroffen, gekommen war, um ihn zu trösten; und seit dieser Zeit hatten sie sich nie wieder getrennt. Der kleine alte Herr war der thätige Geist des Ortes, der Friedensstifter, ein Beförderer der Heiterkeit, der Almosenspender seines Freundes, ein Helfer in der Noth aus eigenem Vermögen, der allgemeine Vermittler, Tröster und Freund, Keiner von den einfachen Dorfbewohnern hatte sich je um seinen Namen bekümmert, oder wenn er ihn wußte, in seinem Gedächtniß aufbewahrt. Vielleicht ging bei seiner ersten Ankunft ein unbestimmtes Gerücht von einem auf der Universität gewonnenen Grade, vielleicht war aber auch der Umstand, daß er unverehelicht war, Ursache, daß man ihn BachelorBachelor bedeutet einen Junggesellen oder einen Baccalaureus. nannte. Der Titel gefiel ihm, oder sagte ihm wenigstens eben so gut zu, als ein anderer, und so war er denn seitdem der Bachelor geblieben. Und eben dieser Bachelor war es auch, der mit eigenen Händen die Brennholzvorräthe beigeschafft hatte, welche die Wanderer in ihren neuen Wohnungen antrafen.

Der Bachelor also – um ihn mit seinem gewöhnlichen Namen zu bezeichnen – drückte auf die Klinke, zeigte einen Augenblick sein kleines, rundes, sanftes Gesicht an der Thüre und trat sodann in das Gemach wie ein Mann, der kein Fremder darin war.

»Sie sind Herr Marton, der neue Schulmeister,« wandte er sich grüßend an Nell's wohlwollenden Freund.

»Ja, Sir.«

»Sie kommen mit guten Empfehlungen, und ich freue mich, Sie zu sehen. Ich wäre Ihnen gestern entgegengegangen, wenn ich nicht über Feld hätte reiten müssen, um einer Tochter, die etliche Meilen von hier im Dienste ist, einen Auftrag von ihrer kranken Mutter zu bringen. Auch bin ich eben erst von dieser Tour zurückgekommen. Dieß ist unsere junge Kirchenhüterin? Sie sind um ihrer, oder um dieses alten Mannes willen nicht minder willkommen hier, mein Freund. Es steht einem Lehrer gut an, wenn er selbst auch Menschenfreundlichkeit gelernt hat.«

»Sie ist kürzlich krank gewesen,« sagte der Schulmeister in Erwiederung des Blickes, mit dem der Bachelor Nell betrachtete, nachdem er sie auf die Wange geküßt hatte.

»Ja, ich weiß das,« versetzte er. »Es hat Leiden und Herzeleid gegeben.«

»Allerdings, Sir.«

Der kleine, alte Herr blickte auf den Großvater und dann wieder auf das Kind zurück, dessen Hand er zart ergriff und in der seinigen behielt.

»Du wirst hier glücklicher sein,« sagte er. »Wir wollen wenigstes versuchen, dir frohe Stunden zu bereiten. Du hast ja hier bereits große Verbesserungen angebracht? Ist dies Alles deiner Hände Arbeit?«

»Ja, Sir.«

»Wir machen vielleicht noch einige andere – wohl keine besseren an sich, aber doch mit besseren Mitteln,« fuhr der Bachelor fort. »Laß einmal sehen, laß einmal sehen.«

Nell begleitete ihn in die andern kleinen Zimmer und durch beide Häuser, bei welcher Gelegenheit er fand, daß noch unterschiedliche kleine Bequemlichkeiten fehlten; er versprach, dieselben aus einer Rumpelkammer des Pfarrhauses zu ergänzen, deren Inhalt jedenfalls sehr gemischt und ausgedehnt sein mußte, da sie alle nur erdenklichen Gegenstände umfaßte. Es kam jedoch Alles, und zwar ohne Zeitverlust, denn der kleine Herr verschwand auf fünf oder zehn Minuten und kehrte dann mit alten Simsgestellen, wollenen Decken und anderem Hausrath beladen, zurück, gefolgt von einem Knaben, der eine ähnliche Last trug. Diese wurde in einem bunten Haufen auf den Boden geworfen, und gab natürlich Anlaß zu langer Beschäftigung, um es zu ordnen, aufzustellen und zu sondern. Die Leitung dieses Geschäftes gewährte dem alten Herrn augenscheinlich ungemein viel Vergnügen, und er betheiligte sich für eine geraume Weile persönlich dabei mit großer Rührigkeit und Thätigkeit. Als nichts mehr zu thun übrig war, gab er dem Jungen den Auftrag, zu laufen und seine Schulkameraden herzuholen, damit sie ihrem Lehrer vorgestellt werden und dessen Musterung passiren könnten.

»'s ist ein so guter Schlag von Jungen, als man sie nur zu sehen wünschen kann,« sagte er zu dem Schulmeister, als sich der Junge entfernt hatte; »aber ich lasse mir's nicht merken, daß ich sie in diesem Lichte betrachte. So was ginge durchaus nicht an.«

Der Bote kehrte bald an der Spitze einer langen Reihe von kleinen Knirpsen zurück, die, sobald sie des Bachelors an der Hausthüre ansichtig wurden, in unterschiedliche Höflichkeitsconvulsionen verfielen, indem sie nach ihren Hüten und Mützen griffen, sie in die möglichst kleinen Dimensionen zusammenpreßten und alle möglichen Bücklinge und Kratzfüße machten. Der kleine, alte Herr sah mit ungemeiner Zufriedenheit zu und gab seinen Beifall durch vielfaches Kopfnicken und Lächeln zu erkennen. Dieser Beifall war jedoch keineswegs so gewissenhaft bemäntelt, als er den Schulmeister zu glauben veranlaßt hatte, denn er ließ denselben in etlichen vernehmlichen Flüsterworten und vertraulichen Bemerkungen so sehr an den Tag treten, daß die Jungen Alles ganz deutlich hören konnten.

»Der erste Junge da, Schulmeister,« sagte der Bachelor, »ist John Owen, ein Junge von guten Anlagen, Sir, und von freier, ehrlicher Gemüthsart, aber zu gedankenlos, zu spielsüchtig und bei weitem zu leichtsinnig. Der Junge, mein guter Sir, würde mit Vergnügen den Hals brechen und seine Eltern des größten Trostes berauben. Unter uns gesagt, wenn Sie ihn beim Hund- und Hasenspiel sehen, wie er mit dem Zaum und dem Graben bei dem Wegweiser umspringt und vorn an dem kleinen Steinbruch hinunterrutscht, so werden Sie es gewiß nie vergessen. Es ist prächtig!«

Sobald John in dieser Weise getadelt worden war und zugleich das Beiseitegesprochene deutlich mit angehört hatte, rief der Bachelor einen anderen Knaben auf.

»Nun betrachten Sie einmal diesen Burschen, Sir,« sagte der Bachelor. »Sehen Sie den Kerl? Er heißt Richard Evans, Sir, und ist ein erstaunlich gelehriger Knabe; er besitzt ein gutes Gedächtnis eine leichte Fassungsgabe und hat außerdem eine Stimme und ein Ohr zum Psalmensingen, so daß er mit dem Besten von uns wetteifern kann. Aber trotzdem, Sir, wird es mit diesem Burschen zu einem schlimmen Ende kommen; er stirbt keines natürlichen Todes, denn er schläft immer während der Predigt. Die Wahrheit zu sagen, Herr Marton, ich machte es in seinem Alter ebenso und bin fest überzeugt, daß es eine natürliche Anlage war, deren ich mich nicht erwehren konnte.«

Sobald der Bachelor diesen hoffnungsvollen Zögling durch die ebengenannte, schreckliche Rüge erbaut hatte, ging er auf einen andern über.

»Wenn wir aber von Beispielen reden, die zur Warnung dienen sollen,« sagte er, »wenn wir von Knaben sprechen, die man allen ihren Kameraden als ein schreckhaftes Beispiel vorstellen kann, so ist hier Einer und ich hoffe. Sie werden ihm nichts schenken. Ich meine den Jungen mit dem blauen Auge und dem hellen Haare. Der Kerl ist ein Schwimmer – ein Untertaucher, behüte uns Gott! Das ist ein Junge, Sir, der sich's einfallen ließ, mit seinen Kleidern in ein achtzehn Fuß tiefes Wasser zu springen, um eines blinden Mannes Hund herauszuholen, der durch die Last seiner Kette und seines Halsbandes fast ersoffen wäre, während sein Herr am Ufer des Flusses stand und über den Verlust seines Thieres und Freundes wehklagte. Ich habe dem Jungen zwei Guineen geschickt,« fügte der Bachelor in seinem eigenthümlichen Flüstern bei, »aber man darf es nie erwähnen, denn er hat nicht die mindeste Idee davon, daß das Geschenk von mir kam.«

Nachdem der Bachelor diesen Verbrecher abgefertigt hatte, wandte er sich an einen Andern, und von diesem wieder an einen Andern, und so fort durch die ganze Reihe, wobei er um sie durch heilsamen Zwang in den gehörigen Grenzen zu erhalten, denselben scharfen Nachdruck auf diejenigen ihrer Neigungen legte, welche seinem eigenen Herzen am theuersten waren und ohne Zweifel in seinen Lehren und in seinem Beispiel den Grund hatten. Schließlich vollkommen überzeugt, daß er sie durch seine Strenge ganz unglücklich gemacht habe, entließ er sie mit einem kleinen Geschenk und mit der Ermahnung, ruhig nach Hause zu gehen, ohne zu springen, zu balgen oder die Wiesen zu zertreten. Dieser Einschärfung fügte er jedoch in demselben hörbaren, geheimnißvollen Flüstern gegen den Schulmeister bei, er glaube nicht, daß er als Knabe einem solchen Verbote hätte Folge leisten können, und wenn es ihm an's Leben gegangen wäre.

Der Schulmeister ersah aus diesen kleinen charakteristischen Zügen des Bachelors, daß seine eigene Erziehungsmethode Beifall finden würde, weßhalb er sich von demselben mit leichtem Herzen und voll froher Hoffnung trennte, sich selbst für den glücklichsten Menschen auf Erden haltend. Die Fenster der zwei alten Häuser rötheten sich jenen Abend wieder von dem Reflexe der lustigen Feuer, die in ihrem Innern brannten; und als der Bachelor mit seinem neuen Freunde von dem Abendspaziergang zurückkehrte, blieben Beide stehen, um darnach hinaufzuschauen. Sie sprachen dabei leise von dem schönen Kinde und sahen sich mit einem Seufzer auf dem Kirchhofe um.


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