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Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150121
modified20180917
projectide099f732
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Der Raritätenladen.

Zweiunddreißigstes Kapitel

Madame Jarley's Zorn, als sie hörte, man habe sie mit dem Schimpf des Stocks und des Sünderhemdes bedroht, überstieg alle Beschreibung. Die ächte und einzige Jarley als öffentliches Schauspiel dem Spotte der Kinder und dem Hohn der Büttel ausgesetzt! Das Entzücken eines hohen Adels und verehrungswürdigen Publikums, ihres Hutes beraubt, um den sie eine Lordmajorin beneidet haben würde, und angethan mit einem weißen Hemd, als ein Bild der Schmach und Erniedrigung! Und Miß Monflathers, diese kecke Person, welche sich unterfangen konnte, auch nur in der düstersten und weitesten Ferne ihrer Phantasie ein so entwürdigendes Gemälde heraufzubeschwören! – »Ich wäre fast geneigt« – rief Madame Jarley, beinahe berstend vor Wuth und Aerger über ihre Ohnmacht, sich zu rächen, »eine Atheistin zu werden, wenn ich nur daran denke.« Statt aber diesen Weg zur Wiedervergeltung einzuschlagen, kam Madame Jarley zum Vorschein, ließ Gläser auf ihre Lieblingstrommel stellen, warf sich in einen Stuhl hinter derselben und rief ihre Satelliten um sich her, denen sie zu wiederholten Malen Wort für Wort die erlittene Schmach mittheilte. Sobald dies geschehen war, bat sie dieselben in einer Art von tiefer Verzweiflung, zu trinken; dann lachte, dann weinte sie, dann half sie sich selbst zu einem kleinen Schlucke, dann lachte und weinte sie wieder, und sprach dann abermals der Herzstärkung zu, und so machte die würdige Dame fort, während allmälig die heitere Stimmung immer mehr zu-, und das Weinen mehr und mehr abnahm, bis sie endlich nicht mehr genug über Miß Monflathers lachen konnte, welche sich in ihrem Auge aus dem Gegenstand bitteren Aergers in den einer lächerlichen Abgeschmacktheit umgewandelt hatte.

»Ich möchte doch wissen, wer von uns am besten dabei wegkäme,« sprach Madame Jarley, »sie oder ich. Am Ende ist es doch nur eitles Gesalbader, und wenn sie von mir im Stock spricht, je nun, so kann ich auch von ihr im Stock sprechen, was beim Lichte betrachtet, noch um ein ansehnliches spaßhafter ist. Ach Gott, was steckt im Grunde dahinter?«

Nachdem sich Madame Jarley in diese tröstliche Stimmung hineingearbeitet hatte (gewisse kurze Gelegenheitsbemerkungen des philosophischen George thaten dabei auch das ihrige), tröstete sie Nell mit vielen freundlichen Worten, und erbat sich's von ihr zu Gefallen, sie solle so oft sie an Miß Monflathers denke, ihr ganzes Leben nichts Anderes thun, als sie auslachen.

So endete Madame Jarley's Zorn, über den sie die Sonne nicht untergehen ließ. Nell's Besorgnisse lagen jedoch tiefer, und die Störung, welche ihr Frohsinn erlitten hatte, war nicht so leicht zu beseitigen.

Wie sie gefürchtet hatte, stahl sich ihr Großvater diesen Abend fort, und kam nicht wieder zurück, bis die Nacht fast um war. So müde und erschöpft sie auch an Geist und Körper war, so blieb sie doch allein auf und zählte die Minuten, bis er zurückkehrte – ohne einen Heller Geld, niedergedrückt und elend, aber doch noch immer glühend seiner Bethörung ergeben.

»Schaffe mir Geld,« sagte er wild, ehe er sich zu Bette begab. »Ich muß Geld haben, Nell. Es soll dir eines Tages mit reichlichen Interessen zurückerstattet werden; aber alles Geld, was unter deine Hände kommt, muß mein werden – nicht um meinetwillen, sondern zu deinem Vortheil. Vergiß nicht, Nell, zu deinem Vortheil!«

Was konnte die Kleine mit der entsetzlichen Verzweiflung, die auf ihrer Seele lag, anders thun, als ihm jeden Pfennig, der ihr in die Hände kam, zu geben, damit er sich nicht versucht fühlen möchte, ihre Wohlthäterin zu bestehlen? Wenn sie die Wahrheit sagte, (dachte sie), so wurde er als ein Wahnsinniger behandelt; wenn sie ihn nicht mit Geld versah, so suchte er selbst Wege, welches beizuschaffen. Und doch nährte sie durch Nachgeben nur das Feuer, das in ihm brannte, und steigerte seine Krankheit zur völligen Unheilbarkeit. Durch solche Gedanken verwirrt, durch das Gewicht des Kummers, den sie Niemand mittheilen konnte, zu Boden gedrückt, während der Abwesenheit des alten Mannes von tausend Besorgnissen gequält und eben so geängstigt durch sein Bleiben, wie durch seine Rückkehr – wich die Farbe von ihrer Wange, der Glanz aus ihrem Auge, und ihr Herz war schwer und beklommen. Alle ihre alten Befürchtungen kehrten, mit neuen Schrecken und Zweifeln vermehrt, wieder zurück, wichen den Tag über nicht aus ihrer Seele, umschwebten des Nachts ihren Pfühl und beunruhigten ihre Träume.

Es war natürlich, daß in Mitte solcher Bekümmerniß ihre Gedanken oft wieder zu der zarten jungen Dame zurückkehrten, welche sie zwar nur flüchtig gesehen hatte, deren Teilnahme jedoch, obgleich nur in einer einzigen, unbedeutenden, kurzen Handlung ausgedrückt, mit einem Nachdrucke in ihrem Gedächtnisse haftete, als hätte sie ein jahrelanges Wohlwollen genossen. Sie dachte oft, um wie viel leichter es ihr um's Herz sein würde, wenn sie eine solche Freundin hätte, der sie ihren Kummer mittheilen könnte, und wie glücklich sie wäre, wenn sie nur jene Stimme hören könnte. Dann wünschte sie aber auch, sie möchte in etwas besseren Verhältnissen stehen und nicht so ganz arm und gering sein, um ohne Furcht vor Zurückweisung eine Ansprache wagen zu können; denn sie fühlte einen unermeßlichen Abstand zwischen sich und ihr, und hatte keine Hoffnung, daß die junge Dame je wieder ihrer gedächte.

Die Schulen hatten jetzt ihre Ferien und die jungen Damen waren nach Hause entlassen worden. Der Sage nach glänzte Miß Monflathers in London und richtete in den Herzen der Herren von mittlerem Alter Verheerungen an. Aber Niemand sagte etwas von Miß Edwards. War sie nach Hause gegangen, hatte sie überhaupt eine Heimath, die sie besuchen konnte, oder befand sie sich noch in der Schule? – Nichts ließ sich verlauten. Eines Abends aber, als Nell von einem einsamen Spaziergang zurückkehrte, kam sie zufällig an einem Wirthshause vorbei, wo die Postkutschen Halt machten; es fuhr eben eine solche an, und da war das schöne Mädchen, dessen sie sich so gut erinnerte, und drängte sich vorwärts, um ein junges Kind zu umarmen, dem man von dem Kutschendache herunter half.

Nun, das war ihre kleine Schwester, viel jünger als Nell, welche sie, wie sie nachher erzählte, in fünf Jahren nicht gesehen hatte, und das Schwesterlein kam jetzt zu einem kurzen Besuch, der von Seite der jungen Dame nur durch das lange, fortgesetzte Zurathehalten ihrer armseligen Mittel möglich geworden war. Der armen Nell wollte das Herz brechen, als sie dieses Wiedersehen mitansah. Sie gingen ein wenig seitwärts von dem Menschenhaufen, der sich um die Kutsche versammelt hatte, fielen einander um den Hals und weinten und schluchzten vor Freude. Ihre schlichte, einfache Kleidung, die Entfernung, aus welcher das Kind allein gekommen war, ihre entzückte Aufregung und ihre strömenden Thränen erzählten an sich schon ihre ganze Geschichte.

Nach einer Weile wurden sie ruhiger und gingen fort, nicht Hand in Hand, sondern fest in einander verschlungen.

»Bist du auch gewiß glücklich, Schwester?« fragte das Kind, als sie an der Stelle, wo Nell stand, vorbeigingen.

»Jetzt ganz glücklich,« antwortete sie.

»Aber immer?« fuhr das Kind fort. »Ach, Schwester, warum wendest du dein Gesicht ab?«

Nell konnte sich nicht entbrechen, ihnen in einiger Entfernung zu folgen. Sie gingen nach dem Hause einer alten Krankenwärterin, wo die älteste Schwester ein Schlafkämmerchen für das Kind gemiethet hatte.

»Ich werde jeden Morgen mit dem Frühesten zu dir kommen,« sagte sie, »und dann können wir den ganzen Tag beisammen sein.«

»Aber warum nicht auch des Nachts? Liebe Schwester, würde man dir deshalb böse werden?«

Warum mochten wohl an jenem Abend die Augen der kleinen Nell eben so thränenfeucht sein, als die der beiden Schwestern? Warum war sie so mit Dank erfüllt für dieses Wiedersehen, und warum fühlte sie sich so schmerzlich bewegt bei dem Gedanken, daß sie sich in Bälde wieder trennen müßten? Wir wollen nicht glauben, daß irgend eine selbstsüchtige Beziehung zu ihren eigenen Prüfungen – so unwillkürlich sich eine solche hätte einschleichen können – diese Theilnahme erweckte, sondern lieber Gott danken, daß die unschuldigen Freuden Anderer einen kräftigen Eindruck auf uns üben können, und daß wir, trotz unserer gefallenen Natur, doch einen Quell reiner Empfindung besitzen, der dem Himmel gefällig sein muß!

Im heiteren Glühen des Morgens, noch öfter aber beim sanften Lichte des Abends folgte Nell den Beiden auf ihren Spaziergängen und Streifzügen nach, aber nur in einiger Entfernung aus Achtung für den kurzen und glücklichen Verkehr der zwei Schwestern, welcher es ihr nicht gestattete, näher zu treten und ein Wort des Dankes zu sagen, so gerne sie es auch gethan hätte; sie machte Halt, wenn sie Halt machten, setzte sich auf das Gras, wenn sie sich niederließen, stand auf, wenn sie weiter gingen, und fühlte eine gesellige Lust darin, in ihrer Nähe zu sein. Abends gingen sie gewöhnlich an den Ufern spazieren. Dort befand sich auch jedesmal Nell, ohne daß man ihrer wahrnahm, an sie dachte, oder sie beachtete; es war ihr aber, als ob sie ihre Freundinnen wären, als stünde sie mit ihnen in einem innigen und traulichen Verkehr, und als lastete das Gewicht, das sie bedrückte, minder schwer auf ihr; ihr Kummer schien gegenseitig in einander zu verfließen und wechselseitiger Trost daraus zu erwachsen. Es war vielleicht nur ein Trugbild der Phantasie, der kindischen Phantasie eines jungen und einsamen Wesens; aber Abend für Abend verging und noch immer schlenderten die Schwestern über dieselben Stellen, und noch immer folgte ihnen die Kleine mit einem milder gestimmten und erleichterten Herzen.

Sie erschrak nicht wenig, als sie eines Abends nach Hause zurückkehrte und daselbst erfuhr, Madame Jarley habe eine Ankündigung vorbereiten lassen, des Inhalts: daß die staunenerregende Sammlung nur noch einen Tag in ihren gegenwärtigen Quartieren verbleiben werde. In Vollziehung dieser Drohung (denn alle Ankündigungen, welche irgendwie mit einer öffentlichen Belustigung in Verbindung stehen, sind bekanntermaßen pünktlich und unwiderruflich) hatte man also für den nächsten Tag den Schluß der staunenerregenden Wachsfigurensammlung zu gewärtigen.

»Werden wir dann alsbald diesen Platz verlassen, Madame?« fragte Nell.

»Sieh her, Kind,« entgegnete Madame Jarley, »dieß wird dich belehren.«

Und mit diesen Worten brachte Madame Jarley eine andere Ankündigung zum Vorschein, in welcher dem Publikum zu wissen gethan wurde, daß in Folge zahlreicher Nachfragen im Hause, und weil so viele Schaulustige hatten abgewiesen werden müssen, die Ausstellung noch eine Woche länger hier verbleibe und am nächsten Tage wieder geöffnet werde.

»Denn da die Schulen geschlossen und die gewöhnlichen Zuschauer müde sind,« fuhr Madame Jarley fort, »so müssen wir uns jetzt an den großen Haufen wenden, der einer besondern Beize bedarf.«

Am Mittage des folgenden Tages nahm Madame Jarley ihren Sitz hinter dem schön verzierten Tische, umgeben von den ausgezeichneten, oben erwähnten Figuren und befahl, die Thüren zum Einlaß eines umsichtigen und erleuchteten Publikums zu öffnen. Aber die Operationen des folgenden Tages waren keineswegs von sehr erfolgreichem Charakter, da der große Haufe zwar für Madame Jarley's Person und ihre wächsernen Satelliten, insoferne dieselben umsonst zu sehen waren, ein lebhaftes Interesse an den Tag legte, aber durch kein Reizmittel sich bewegen ließ, sechs Pence für den Mann zu zahlen. Allerdings belagerten viele Leute den Eingang, um die darin ausgestellten Figuren zu begaffen, und blieben mit großer Beharrlichkeit stundenlang daselbst, um die Zettel zu lesen; und obgleich diese Zuschauerschaft wohlwollend genug war, ihren Freunden zu empfehlen, die Ausstellung in gleicher Weise zu begünstigen, bis der Thorweg die halbe Stadtbevölkerung faßte, um unmittelbar darauf von der andern Hälfte abgelöst zu werden, so wollte doch der Schatz durchaus nicht reicher, oder überhaupt die Aussicht für die Anstalt ermuthigender werden.

In diesem bedrückten Zustande des classischen Marktes versuchte Madame Jarley einige außerordentliche Mittel, um den Geschmack des Volkes zu reizen und seine Neugierde anzulocken. Eine gewisse Maschinerie in dem Leib der Nonne auf dem Bleidache über der Thüre wurde ausgestäubt und in Bewegung gesetzt, so daß die Figur den ganzen Tag lang paralytisch den Kopf schüttelte, zur großen Verwunderung eines betrunkenen, aber sehr protestantischen Barbiers über der Straße, welcher die genannte paralytische Bewegung als einen Ausdruck der erniedrigenden Wirkung betrachtete, die der Ceremoniendienst der römischen Kirche auf den menschlichen Geist übte – ein Thema, das er mit großer Beredtsamkeit und Moral abhandelte. Die beiden Fuhrleute des Etablissements gingen beharrlich in verschiedenen Verkleidungen durch die Thüren des Ausstellungssaales aus und ein, und betheuerten, der Anblick sei sein Geld werth, mehr als Alles, was sie je in ihrem Leben gesehen hätten, bei welcher Gelegenheit sie die Umstehenden mit Thränen in den Augen beschworen, eine so köstliche Belustigung ja nicht zu versäumen. Madame Jarley saß hinter dem Zahltische, von Mittag bis in die Nacht hinein mit den Silbermünzen klimpernd, und forderte die Menge feierlichst auf, zu bedenken, daß der Eintrittspreis blos sechs Pence sei, und daß die ganze Sammlung unwiderruflich heute über acht Tage aufbrechen werde, um bei allen gekrönten Häuptern Europa's ihre Runde zu machen.

»Kommt in Zeiten, kommt in Zeiten, kommt in Zeiten,« rief Madame Jarley jedesmal am Schlusse einer solchen Anrede. »Bedenkt, es ist Jarley's staunenerregende Sammlung von mehr als hundert Wachsfiguren – die einzige Sammlung in der ganzen Welt. In allen andern findet man nur Trug und Täuschung. Kommt in Zeiten, kommt in Zeiten, kommt in Zeiten!«


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