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Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150121
modified20180917
projectide099f732
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Der Raritätenladen.

Neunundvierzigstes Kapitel

Kit's Mutter hätte sich die Mühe sparen können, so oft zurückzuschauen, denn nichts lag Herrn Quilp's Absicht ferner, als sie und ihren Sohn zu verfolgen, oder den Streit, in dem sie sich getrennt hatten, zu erneuern. Er ging seines Weges, pfiff von Zeit zu Zeit ein Liedchen vor sich hin, und trabte mit ganz ruhigem und gefaßtem Gesichte vergnügt nach Hause, wobei er sich Frau Quilp's Angst und Schrecken vergegenwärtigte, die sich, da sie drei ganze Tage und zwei Nächte nichts von ihm gehört und auch von seiner Abreise keine Kunde erhalten hatte, ohne Zweifel diese ganze Zeit über in einem Zustande halben Wahnsinns befand und alle Augenblick vor Angst und Kummer in Ohnmacht sank.

Diese belustigende Wahrscheinlichkeit war dem Humor des Zwerges so angemessen und machte ihm so ausnehmend viel Vergnügen, daß er aus seinem Spaziergänge lachte, bis ihm die Thränen die Backen hinunterliefen; und mehr als einmal, wenn er sich eben in einem Nebengäßchen befand, machte er seinem Entzücken durch einen schrillen Ausruf Luft, einen einsamen Wanderer, der zufälligerweise, ohne an etwas der Art zu denken, vor ihm herging, fast zu Tode erschreckend. Solche kleine Vorfallenheiten erhöhten seine Heiterkeit und machten ihn ungemein wohlgemuth und fröhlich.

In dieser glücklichen Gemüthsstimmung erreichte Herr Quilp Towerhill, und als er nach dem Fenster seines eigenen Wohnzimmers hinaufsah, bemerkte er, wie es ihm dünkte, mehr Licht, als in einem Hause der Trauer üblich ist. Beim Näherkommen hörte sein aufmerksames Ohr mehrere Stimmen in angelegentlicher Unterhaltung, unter denen er nicht nur die seines Weibes und seiner Schwiegermutter, sondern auch Männerstimmen unterscheiden konnte.

»Ha!« rief der eifersüchtige Zwerg; »was ist das? Nimmt sie in meiner Abwesenheit solche Besuche an?«

Ein gedämpftes Husten von oben war die Antwort. Er fühlte in der Tasche nach seinem Hausschlüssel, aber er hatte ihn vergessen. Es blieb also kein anderer Ausweg, als an die Thüre zu klopfen.

»Ein Licht in der Hausflur?« sagte Quilp, durch das Schlüsselloch schauend. »Ein sehr leises Pochen – und mit Ihrer Erlaubniß, Madame, werde ich Sie ganz unversehens beschleichen. So, so!«

Ein ganz sanfter und leiser Schlag bewirkte keine Antwort von innen. Auf eine zweite, kaum stärkere Anwendung des Klopfers wurde jedoch die Thüre sachte durch den Knaben von dem Kai geöffnet, welchem Quilp augenblicklich mit der einen Hand den Mund stopfte, während er ihn mit der andern auf die Straße hinauszog.

»Ihr erwürgt mich, Meister,« keuchte der Junge. »Laßt mich gehen – wollt Ihr?«

»Wer ist oben, du Schlingel?« flüsterte Quilp. »Sage mir's. Und sprich leise, sonst erdroßle ich dich allen Ernstes.«

Der Knabe konnte nur nach dem Fenster deuten und mit einem erstickten Kichern antworten, in dem sich eine so ungemeine Heiterkeit verrieth, daß Quilp abermals nach der Kehle des Jungen fuhr und vielleicht seine Drohung ausgeführt, oder wenigstens ziemliche Fortschritte in der Ausführung gemacht haben würde, wenn derselbe nicht behend seiner Hand entwischt wäre und sich hinter dem nächsten Pfosten verschanzt hätte, vor welchem sein Herr nach einigen fruchtlosen Bemühungen, ihn an den Haaren hervorzuziehen, Unterhandlungen einzuleiten genöthigt war.

»Willst du mir antworten?« sagte Quilp. »Was ist oben los?«

»Ihr wollt einen ja nicht sprechen lassen,« versetzte der Knabe. »Sie – ha, ha, ha! – sie halten Euch – sie halten Euch für todt. Ha, ha, ha!«

»Todt?« rief Quilp, indem er selbst in ein grimmiges Lachen ausbrach. »Nein. Meinen sie das? Meinen sie das wirklich, du Hund?«

»Sie glauben, Ihr wäret – ihr wäret ertrunken,« entgegnete der Knabe, der einen starken Anflug von dem boshaften Wesen seines Herrn hatte. »Man hat Euch zuletzt am Rande des Kai's gesehen; nun glauben sie, Ihr wäret hinuntergepurzelt. Ha, ha!«

Die Aussichten, unter so köstlichen Umständen den Spion zu spielen und ihre Hoffnung durch ein plötzliches Auftreten zu durchkreuzen, war für Quilp entzückender, als der größte Glücksfall, welcher ihm hätte begegnen können. Er fühlte sich nicht weniger gekitzelt, als sein hoffnungsvoller Gehülfe, und so standen sie einige Sekunden grinsend, keuchend und mit ihren Köpfen wackelnd zu beiden Seiten des Pfostens, zwei unvergleichlichen chinesischen Pagoden nicht unähnlich.

»Kein Wort,« flüsterte Quilp, indem er sich auf den Zehenspitzen der Thüre näherte. »Keinen Laut, wäre es auch nur das Krachen einer Diele, oder das Stolpern gegen ein Spinngewebe. Ertrunken, he, Madame Quilp? Ertrunken?«

Mit diesen Worten blies er das Licht aus, streifte seine Schuhe ab, kroch die Treppe hinauf und ließ seinen jungen Freund auf der Straße, der in der Verzückung seines Herzens Purzelbäume machte.

Da die Schlafzimmerthüre neben der Treppe unverschlossen war, so schlüpfte Herr Quilp hinein und pflanzte sich hinter der Thüre auf, welche in das Wohnzimmer führte. Sie stand etwas offen, um der Luft einen Durchzug zu gestatten, und war mit einem sehr bequemen Spalt versehen, den er oft zum Spioniren benützt und zu diesem Zwecke mit seinem Taschenmesser erweitert hatte, und so sah er sich denn in den Stand gesetzt, nicht nur zu hören, sondern auch deutlich zu sehen, was drinnen vorging. Sein Auge an die genannte Ritze legend, bemerkte er Herrn Braß, der mit Feder, Dinte und Papier hinter der Rumflasche – seiner eigenen Rumflasche – seinem eigenen, vortrefflichen Jamaicagetränk – an dem Tische saß, auf welchem sich noch heißes Wasser, duftende Zitronen, Stückchen weißen Zuckers und sonstiges Zugehör befanden. Aus diesem auserlesenen Material hatte sich Sampson, der dasselbe keineswegs seiner Beachtung unwerth hielt, ein mächtiges Glas rauchend heißen Punsches gemischt, das er in demselben Augenblicke mit einem Theelöffel umrührte und mit Blicken betrachtete, in denen die erkünstelte sentimentale Trauer nur schwach gegen das Gefühl froher Behaglichkeit ankämpfte. An demselben Tisch saß auch mit aufgestemmten Ellenbogen Frau Jiniwin, die nicht länger verbrecherischerweise anderer Leute Punsch mit dem Theelöffel schlürfte, sondern tüchtige Schlücke aus einem eigenen Glase nahm, während ihre Tochter – nicht gerade in Sack und Asche trauernd – aber doch ein sehr anständiges, gebührend bekümmertes Aeußere bewahrend – in einem Armstuhle lehnte und ihren Schmerz mit einem kleineren Deputätchen von derselben lieblichen Flüssigkeit beschwichtigte. Ferner waren noch ein paar Fährleute zugegen, welche gewisse Maschinen, Schleifhamen genannt, bei sich hatten, und auch von diesen Burschen letzte sich jeder mit einem Glase Steifen. Da diese Männer mit großem Behagen tranken, und natürlich sehr rothnasig, sinnig und zechgemüthlich aussahen, so trug ihre Anwesenheit eher dazu bei, die entschiedene Behaglichkeit der Scene zu erhöhen, als zu verringern.

»Mit Freuden wollte ich in die Ewigkeit gehen, wenn ich nur der lieben, alten Dame Rum und Wasser vergiften könnte,« murmelte Quilp.

»Ach!« sagte Herr Braß, das Schweigen unterbrechend und die Augen mit einem Seufzer gegen die Decke heftend. »Wer weiß! Aber vielleicht sieht er jetzt auf uns hernieder. Wer weiß! vielleicht schaut er jetzt uns zu – von ein oder dem andern Orte aus, und beobachtet uns mit wachsamem Auge! Ach Gott!«

Hiermit hielt Herr Braß inne, um die Hälfte seines Punsches hinunter zu gießen, und fuhr dann fort, indem er während des Sprechens die andere Hälfte mit einem betrübten Lächeln beäugelte.

»Es ist mir fast,« sagte der Rechtsgelehrte, den Kopf schüttelnd, »als könnte ich sein Auge unten auf dem Boden meines Glases glänzen sehen. Wann wird uns je wieder seines Gleichen vorkommen? Nie, nie! In der einen Minute sind wir hier« – er hielt den Kelch vor sein Sehorgan – »in der nächsten dort,« er leerte den Inhalt hinunter und klopfte sich dabei bedeutsam auf den Magen – »in dem stillen Grabe – Oh, der Gedanke, daß ich jetzt seinen Rum trinken soll! Es ist mir wie ein Traum!«

Ohne Zweifel in der Absicht, sich von der Wirklichkeit seines Erdenwallens zu überzeugen, schob Herr Braß Frau Jiniwin sein Glas zu, damit es wieder gefüllt würde und wandte sich sodann gegen die Männer von der Themse.

»Das Suchen hat sich also ganz erfolglos erwiesen?«

»Vollkommen erfolglos, Herr. Aber ich möchte behaupten, wenn er irgendwo wieder an's Licht kömmt, soll er morgen früh zur Ebbezeit in der Nähe von Greenwich ans Land treiben – was meinst du, Camerad?«

Der andere Schiffer pflichtete bei, indem er bemerkte, er habe ihn zwar bei dem Hospital aufzufischen gehofft, die Pensionäre dort würden aber schon auf ihn Acht geben und den Körper in Empfang nehmen, wenn er dort ankäme.

»Dann bleibt uns nichts übrig, als Ergebung,« sagte Herr Braß; »nichts als Ergebung und Hoffnung. Es würde ein Trost sein, wenn man seinen Körper hätte – ach freilich, ein trauriger Trost.«

»Oh, ohne allen Zweifel,« pflichtete Frau Jiniwin hastig bei; »wenn wir nur den einmal hätten, so würden wir ganz sicher sein.«

»Doch, was seine Gestaltsbeschreibung anbetrifft,« sagte Sampson Braß, die Feder aufnehmend. »Es ist ein melancholisches Vergnügen, seine Züge sich zurückzurufen. Hinsichtlich seiner Beine –«

»Sie waren jedenfalls krumm,« sagte Frau Jiniwin.

»Glauben Sie wirklich, daß sie krumm waren?« fragte Braß in einschmeichelndem Tone. »Ich meine, ich sehe sie, wie sie weit gespreizt die Straße heraufkommen, in ihren knappen Nankinpantalons und ohne Stege. Ach, in welchem Thale der Zähren leben wir. Wollen wir krumm sagen?«

»Ich glaube, sie waren es ein wenig,« bemerkte Frau Quilp mit einem Seufzer.

»Beine krumm,« sagte Herr Braß während des Schreibens, »Kopf groß, Beine krumm.«

»Sehr krumm,« verbesserte Frau Jiniwin.

»Wir wollen nicht sagen, ›sehr krumm‹, Ma'am,« entgegnete Braß mit frommem Sentiment. »Bedecken wir die Schwächen des Hingeschiedenen mit dem Mantel der Liebe. Er ist hingegangen, Ma'am, wo kein Ansehen der Beine mehr gilt. – Wir wollen uns mit ›krumm‹ begnügen, Frau Jiniwin.«

»Ich meinte, Sie wollten die Wahrheit haben,« sagte die alte Dame. »Weiter hatte ich nichts im Sinne.«

»Gott segne die gute Frau! wie ich sie darum liebe!« murmelte Quilp. »Doch da geht sie schon wieder. Nichts als Punsch!«

»Dieß ist eine Beschäftigung,« sagte der Advokat, indem er die Feder niederlegte und sein Glas leerte, »die ihn meinen Augen vorzuführen scheint, wie den Geist von Hamlet's Vater, in denselben Kleidern, die er an Werktagen trug. Sein Rock, seine Weste, seine Schuhe und Strümpfe, seine Hosen, sein Hut, sein Verstand und Humor, sein Pathos und sein Regenschirm – alles taucht vor mir auf, wie die Träume meiner Jugend! Sein Weißzeug,« fuhr Herr Braß fort, indem er schmachtend nach der Wand lächelte »sein Weißzeug war stets von einer besondern Farbe, denn so war sein Geschmack und seine Laune – wie deutlich sehe ich jetzt sein Weißzeug! –

»Ich glaube, Sie thäten gut, wenn Sie fortmachten,« sagte Frau Jiniwin ungeduldig.

»Wahr, Ma'am, wahr,« rief Herr Braß. »Unsere Fähigkeiten dürfen nicht vor Gram einfrieren. Darf ich Sie um ein Bischen mehr von diesem bemühen, Ma'am? Wir kommen jetzt zu der Frage hinsichtlich seiner Nase.«

»Platt,« sagte Frau Jiniwin.

»Adlernase!« rief Quilp, der jetzt seinen Kopf hereinsteckte und mit der Faust über sein Gesicht strich, »Adlernase, du Hexe! Seht Ihr's jetzt? Nennen Sie dieß platt? Soll das platt sein – he?«

»Oh, capital, capital!« jauchzte Braß aus bloßer Macht der Gewohnheit. »Vortrefflich! Wie herrlich er ist! Ein höchst merkwürdiger Mann – so außerordentlich spaßhaft! Und die erstaunliche Fähigkeit, die er besitzt, die Leute zu überraschen.«

Quilp achtete jedoch nicht im Geringsten weder auf diese Complimente, noch auf die bedenkliche und eingeschüchterte Miene, die der Rechtsgelehrte annahm, weder auf die Schreckensrufe seines Weibes und der Schwiegermutter, noch auf das Davonlaufen der Letzteren, oder auf das Ohnmächtigwerden der Ersteren. Das Auge auf Sampson Braß geheftet, ging er auf den Tisch zu, trank das Glas des Advokaten aus und machte sodann eine regelmäßige Runde, um die zwei andern gleichfalls zu leeren, worauf er die Flasche ergriff, sie unter seinen Arm drückte und seinen Rechtsfreund mit einem ganz ungewöhnlichen Schielblick betrachtete.

»Noch nicht, Sampson,« sagte Quilp. »Noch nicht im Geringsten!«

»Oh, sehr gut, in der That!« rief Braß, der sich inzwischen ein wenig gesammelt hatte. »Ha, ha, ha! Ausnehmend gut! Es gibt keinen zweiten Mann auf Erden, der es so durchführen könnte. Eine höchst schwierige Lage, um sie durchzuführen. Aber er hat einen solchen Strom von guter Laune, einen so bewunderungswürdigen Strom!«

»Gute Nacht,« sagte der Zwerg mit einem nachdrücklichen Kopfnicken.

»Gute Nacht, Sir, gute Nacht,« rief der Rechtsgelehrte, sich nach der Thüre zurückziehend. »Dieß ist ein erfreulicher Anlaß – in der That erfreulich. Ha, ha, ha! Oh, sehr prächtig – in der That sehr prächtig, außerordentlich prächtig!«

Herr Quilp wartete, bis die Ausrufe des Herrn Braß in der Ferne erstarben (denn er fuhr fort, sie die ganze Treppe hinunter entströmen zu lassen) und wandte sich sodann an die zwei Männer, welche noch in einer Art betäubter Verwunderung dastanden.

»Habt ihr den ganzen Tag den Fluß durchspürt, ihr Herrn?« sagte der Zwerg, indem er mit großer Höflichkeit die Thür öffnete.

»Und gestern auch, Herr.«

»Ach du mein Himmel, da habt ihr ja recht viel Mühe gehabt. Ich bitte, betrachtet alles als euer Eigenthum, was ihr finden könnt, an der – an der Leiche. Gute Nacht!«

Die beiden Männer sahen einander an, hatten aber augenscheinlich keine Neigung, den Punkt dermalen weiter zu erörtern und trollten sich aus dem Zimmer. Sobald Quilp in dieser Weise aufgeräumt hatte, schloß er die Thür und stellte sich, noch immer die Flasche unter den gekreuzten Armen und mit hinaufgezogenen Achseln, wie ein abgestiegener Alp vor sein besinnungsloses Weib hin.


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