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Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.net
created20150221
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Der Raritätenladen. Vierundvierzigstes Kapitel

Die Menschenmassen drängten sich ohne Unterlaß in zwei entgegengesetzten Strömungen an ihnen vorüber, ohne sich an ihren Geschäftsgängen und Speculationen durch das Geräusch der mit klirrenden Eisenwaaren geladenen Wagen und Karren, das Ausgleiten von Pferdehufen auf dem feuchten und schlüpfrigen Pflaster, den gegen die Fenster und Regenschirme schlagenden Regen, die Ellenbogenstöße ungeduldiger Vorübergehenden, oder überhaupt den tumultarischen Lärm der Straße in dieser Hochfluth seiner Rührigkeit stören zu lassen: während unsere zwei armen Wanderer in verwirrter Betäubung und mit trauernden Blicken auf das Treiben der Menschen schauten, an denen sie keinen Theil hatten. Sie fühlten in Mitte dieses Gewühles eine Einsamkeit, die nur mit dem Durste eines schiffbrüchigen Seemanns verglichen werden kann, der, von den Wogen des mächtigen Oceans hin und her gestoßen, während seine glühenden Augen vom Anstarren des ihn von allen Seiten umgebenden Wassers fast geblendet sind, keinen Tropfen hat, um seine lechzende Zunge zu kühlen.

Sie suchten unter einem niedrigen Bogenwege Schutz gegen den Regen und achteten auf die Gesichter der Vorübergehenden, ob ihnen aus denselben nicht ein Strahl der Ermuthigung oder Hoffnung entgegen leuchtete. Einige runzelten die Stirne, Andere lächelten und wieder Andere murmelten vor sich hin; Einige fochten mit den Händen, als vergegenwärtigten sie sich das Gespräch, das demnächst statthaben sollte, Andere trugen die verschmitzten Blicke des Schacher-und Ränkegeistes zur Schau; die Einen waren gespannt und begierig, die Andern langsam und träge; in diesem Gesichte konnte man Gewinn, in jenem Verlust lesen. Wenn man ruhig hier stand und die Mienen der Raschvorbeieilenden betrachtete, so war es fast, als würde man von ihnen in's Vertrauen gezogen. An betriebsamen Orten, wo Jeder seine eigenen Zwecke verfolgt und das Gleiche von jedem Andern voraussetzt, ist Allen der Charakter und das Vorhaben, womit sie sich tragen, mit deutlichen Buchstaben auf die Stirne geschrieben; nur auf öffentlichen Spaziergängen und Belustigungsorten finden sich Leute, die sehen und gesehen werden wollen, und hier wiederholt sich der gleiche Ausdruck mit wenig Abänderungen zu hundert Malen. Die Werktagsgesichter kommen der Wahrheit näher und lassen sie deutlicher an's Licht treten.

In jene Zerstreuung versunken, welche eine derartige Einsamkeit stets zu erwecken pflegt, fuhr Nell fort, mit einer neugierigen Verwunderung, welche sie fast ihre eigene Lage vergessen ließ, auf das vorbeitreibende Gedränge zu achten. Aber Kälte, Nässe, Hunger, das Bedürfniß der Ruhe und der Mangel irgend eines Ortes, wo sie das schmerzende Haupt hinlegen konnte, führten ihre Gedanken bald wieder auf den Punkt zurück, von dem sie ausgegangen waren. Niemand war da, der ihrer zu achten schien, oder den sie anzusprechen wagten. Nach einer Weile verließen sie den Ort, wo sie Schutz gegen das Wetter gefunden hatten, und mischten sich in das Gewühl. Der Abend kam heran. Die Menschenmenge verminderte sich, aber noch immer gingen sie auf und nieder – mit dem gleichen Gefühle der Verödung in der Brust und eben so wenig berücksichtigt von ihrer Umgebung. Die Lichter in den Straßen und Läden ließen sie ihre Verlassenheit nur noch mehr fühlen, denn mit dem Erscheinen derselben kam es ihnen vor, als ob auch Nacht und Dunkelheit schneller heranrückten. Vor Kälte und Nässe schaudernd, mit erschöpftem Körper und todtkrankem Herzen, mußte Nell alle ihre Festigkeit und Entschlossenheit aufbieten, um sich nur weiter zu schleppen.

Warum waren sie auch in diese geräuschvolle Stadt gekommen, da es doch viele friedliche Orte auf dem Lande gab, wo ihnen wenigstens Hunger und Durst minder schmerzlich gefallen wäre, als in diesem schmutzigen Treiben? Hier waren sie nur ein Sandkorn in einer ganzen Wüste von Elend, deren Anblick schon zureichte, ihre Hoffnungslosigkeit und ihre Leiden zu vermehren.

Nell hatte nicht nur mit den sich häufenden Beschwerlichkeiten ihrer verlassenen Lage zu kämpfen, sondern auch die Vorwürfe ihres Großvaters zu tragen, welcher zu murren anfing, daß er von seinem letzten Aufenthalte hinweggeführt worden sei, und wieder dahin zurückzukehren verlangte. Ohne einen Penny in ihrem Vermögen und keiner wahrscheinlichen Hülfe und Unterstützung entgegensehend, gingen sie durch die verödeten Straßen nach dem Lauer zurück, in der Hoffnung, das Boot, in welchem sie gekommen waren, wieder aufzufinden und die Erlaubniß zu erhalten, am Bord desselben ihr Nachtlager aufschlagen zu dürfen. Aber auch diese Aussicht wurde ihnen vereitelt, denn das Thor war geschlossen und einige wilde Hunde, die sie mit Bellen empfingen, nöthigten sie zum Rückzuge.

»Wir müssen diese Nacht unter freiem Himmel schlafen, lieber Großvater,« sagte das Kind mit schwacher Stimme, als sie sich wieder umwandten, »und morgen wollen wir uns durch einen ruhigeren Theil des Landes weiter betteln; vielleicht gelingt's uns, irgendwo eine, wenn auch noch so geringe Beschäftigung zu finden, die uns das tägliche Brod schafft.«

»Warum hast du mich hierhergebracht?« entgegnete der alte Mann trotzig. »Ich kann diese engen, unabsehbaren Straßen nicht ertragen. Wir kamen von einem ruhigen Orte; warum zwangst du mich, ihn zu verlassen?«

»Weil ich nicht so träumen durfte, wie ich Ihnen sagte,« versetzte das Kind mit einer augenblicklichen Festigkeit, die sich jedoch schnell in Thränen auflöste, »und wir müssen unter armen Leuten leben, sonst kömmt es immer wieder. Ich weiß zwar, lieber Großvater, daß Sie alt und schwach sind, aber sehen Sie mich an. Ich will mich ja gern nicht beklagen, wenn nur Sie sich zufrieden geben, aber auch ich habe Einiges gelitten.«

»Ach, armes, heimathloses, umherirrendes, verwaistes Kind!« rief der alte Mann, indem er die Hände zusammenschlug und, als bemerke er jetzt erst ihr von Sorgen bedrücktes Antlitz, den von der Reise beschädigten Anzug und ihre wunden, geschwollenen Füße betrachtete. »Hat alle Qual meiner bekümmerten Sorge sie endlich so weit gebracht? Was war ich einst für ein glücklicher Mann, und habe ich Alles, was ich besaß, darum verlieren müssen?«

»Wenn wir jetzt auf dem Lande wären,« sagte das Kind mit erkünstelter Heiterkeit, als sie weiter gingen, um ein Obdach aufzusuchen, »so könnten wir irgend einen guten, alten Baum auffinden, der seine grünen Arme über uns ausstreckte, als liebte er uns, und über uns nickte und rauschte, als wollte er, daß wir einschliefen und von ihm träumten, während er wachte. So Gott will, werden wir bald dort sein – morgen oder spätestens übermorgen – und inzwischen wollen wir denken, lieber Großvater, daß unser Hierherkommen doch für etwas gut sein mag. In dem Gedränge und Gewühle dieses Orts verlieren wir uns, und wenn uns schlimme Leute verfolgen sollten, so ist ihrem Spüren sicher ein Ziel gesteckt. Welcher Trost liegt nicht schon hierin. Und da ist auch ein tiefer, alter Thorweg – zwar sehr dunkel, aber trocken und obendrein warm, weil der Wind hier nicht blasen kann. – Was ist dieß?«

Die letzten Worte halb entsetzt ausstoßend, bebte sie vor einer schwarzen Gestalt zurück, die plötzlich aus einem dunklen Winkel des Ortes zum Vorschein kam, in welchem sie hatte Zuflucht suchen wollen, und stehen blieb, um sie zu betrachten.

»Sprich noch einmal,« sagte die Gestalt; »kenne ich die Stimme?«

»Nein,« versetzte das Kind schüchtern; »wir sind fremd und haben kein Geld, um eine Nachtherberge zu bezahlen, weßhalb wir uns hier zur Ruhe legen wollten.«

Nicht ferne davon befand sich eine matte Lampe – die einzige an diesem Platze, welcher eine Art viereckigen Hofes war, aber doch zureichte, um seine Aermlichkeit zu zeigen. Dorthin winkte ihnen die Gestalt, indem sie zugleich in den Lichtkreis trat, als wolle sie zeigen, daß sie nicht die Absicht habe, sich vor ihnen zu verbergen, oder ihnen einen Vortheil abzugewinnen.

Es war ein Mann in ärmlicher, von Rauch geschwärzter Kleidung, welche ihn vielleicht, durch den Contrast mit der natürlichen Farbe seiner Haut, noch bleicher erscheinen ließ, als er wirklich war, obschon er von Natur bleich aussehen mußte, was sich aus seinen hohlen Wangen, seinen scharfen Zügen, den eingesunkenen Augen und dem ruhigen, leidensvollen Blicke erkennen ließ. Seine Stimme war hart, aber nicht roh, und obgleich sein Gesicht, neben den bereits erwähnten Eigenthümlichkeiten durch einen Büschel langen, dunkeln Haars beschattet wurde, so hatte doch der Ausdruck desselben durchaus nichts Wildes.

»Wie kommt ihr auf den Gedanken, hier euer Nachtlager zu suchen?« fragte er. »Oder wie ging es zu,« fügte er, das Kind aufmerksamer betrachtend, bei, »daß ihr euch zu dieser Zeit der Nacht um einen Ruheplatz umseht?«

»Wir sind durch unser Unglück dazu genöthigt,« antwortete der Großvater.

»Wißt Ihr auch,« sagte der Mann mit einem noch ernsteren Blicke auf Nell, »wie naß sie ist, und daß feuchte Straßen keine geeigneten Orte für sie sind?«

»Ach, Gott stehe mir bei – ich weiß es wohl,« entgegnete er. »Aber was kann ich thun?«

Der Mann sah wieder auf Nell und berührte sanft ihre Kleider, von denen der Regen in Strömen herunterfloß.

»Ich kann euch Wärme geben,« entgegnete er nach einer Pause, »aber sonst nichts. Meine Wohnung ist zwar in jenem Hause,« er deutete auf den Thorweg, aus dem er hervorgekommen war, »aber jedenfalls ist sie dort besser und sicherer aufgehoben, als hier. Das Feuer ist freilich an einem unscheinbaren Ort, aber ihr könnt die Nacht ruhig neben demselben verbringen, wenn ihr euch mir anvertraut. Seht ihr jenes rothe Licht?«

Sie erhoben ihre Augen und gewahrten einen düsteren Schein an dem nächtlichen Himmel – den Wiederschein eines fernen Feuers.

»Es ist nicht weit,« sagte der Mann. »Soll ich euch mit hinnehmen? Ihr wolltet auf kalten Ziegeln schlafen; ich kann euch ein Bett in warmer Asche geben – ein besseres habe ich nicht.«

Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, als diejenige, welche er in den Blicken der Beiden lesen konnte, nahm er Nell auf seine Arme und forderte den alten Mann auf, ihm zu folgen.

Er trug sie sorgsam und leicht dahin, als wäre sie ein kleines Kind, und ging raschen Fußes durch einen Theil der Stadt, der wohl der ärmste und schlechteste sein mochte, ohne den überfließenden Gossen und den rinnenden Dachtraufen auszuweichen, indem er, ohne Rücksicht auf solche Beschwerlichkeiten, geradeaus lief. Sie mochten eine Viertelstunde in tiefem Schweigen vorwärts geschritten sein, und hatten den oben erwähnten Schein in den finsteren und engen Gassen bereits aus dem Gesicht verloren, als er plötzlich wieder hervorbrach und sie entdecken konnten, daß er aus dem hohen Schornsteine eines dicht vor ihnen stehenden Gebäudes strömte.

»Dieß ist der Ort,« sagte er, indem er an der Thüre Halt machte, um Nell niederzusetzen und ihre Hand zu ergreifen. »Fürchtet euch nicht; Niemand wird euch hier ein Leides thun.«

Man mußte viel Vertrauen haben, wenn man sich durch diese Versicherung veranlassen wollte, einzutreten und was unsere Wanderer innen sahen, war nicht geeignet, die Furcht und die Unruhe zu vermindern. Es war ein großes, hohes, durch eiserne Pfeiler unterstütztes Gebäude, mit großen, schwarzen Oeffnungen in den obern Theilen der Wände, um der Luft Zutritt zu gestatten, wo das Getöse schlagender Hämmer, das Brausen der Öfen, gemengt mit dem Zischen des rothglühenden Metalls, das in's Wasser geworfen wurde, und hundert sonderbare unheimliche Töne, die man sonst nirgends hören konnte, bis zum Dach hinauf wiederhallten. An diesem düsteren Orte trieben sich, Dämonen gleich, Haufen von Menschen umher, bald Heller, bald undeutlicher aus Flammen und Rauch auftauchend, geröthet und gequält von den hoch auflodernden Feuern, ungeheure Werkzeuge schwingend, von denen ein einziger Fehlschlag den Schädel eines Arbeiters zerschmettert haben würde, und wie Riesen arbeitend. Andere lagen, die Gesichter nach dem schwarzen Gewölbe aufwärts gekehrt, auf Haufen von Kohlen und Asche, und schliefen, oder ruhten von ihren Mühen aus. Wieder Andere öffneten die weißglühenden Ofenthüren und warfen Brennstoff in die Flammen, welche zischend demselben entgegenfuhren und ihn wie Oel aufleckten. Und noch Andere warfen mit klirrendem Getöse große Platten glühenden Stahls auf den Boden, der eine unerträgliche Hitze von sich strahlte und in jenem dunklen Licht erglänzte, welches Einem aus den Augen wilder Thiere so unheimlich entgegenleuchtet.

Durch diese verwirrenden Umgebungen und betäubenden Töne brachte sie ihr Führer nach einem dunkeln Theile des Gebäudes, wo Tag und Nacht ein Ofen brannte – so viel entnahmen sie wenigstens aus der Bewegung seiner Lippen, denn bisher hatten sie ihn nur sprechen sehen, nicht hören können. Der Mann, dem die Wache über das Feuer anvertraut und dessen Geschäft jetzt zu Ende war, ließ sich mit Freuden durch den Beschützer unserer armen Wanderer ablösen, der für Nell einen kleinen Mantel auf einen Aschenhaufen breitete und ihr zeigte, wo sie ihre Oberkleider aufhängen und trocknen könnte; dann bedeutete er ihr und dem alten Manne, daß sie sich niederlegen und schlafen sollten. Er selbst setzte sich auf eine grobe Matte vor der Thüre des Ofens, stützte das Kinn auf seine Hände und betrachtete die Flamme, die durch die eisernen Spalten schien, oder sah der weißen Asche zu, wie sie in ihr glühendes, leuchtendes Grab hinunterfiel.

Trotz der Härte und Armseligkeit des Bettes, machte doch die Wärme desselben in Verbindung mit der großen Ermüdung, daß der Lärm des Ortes weniger ungestüm auf die Ohren der Kleinen wirkte und dieselbe bald darauf in den Schlaf lullte. Der alte Mann hatte an ihrer Seite Platz genommen, und, ihren Arm um seinen Hals geschlungen, lag sie da und träumte.

Es war noch Nacht, als sie erwachte, und sie wußte nicht, wie lange oder wie kurz sie geschlafen hatte. Sie fand jedoch, daß sie sowohl gegen die kalte Luft, die durch das Gebäude streichen mochte, als auch gegen die sengende Hitze des Ofens durch die Kleider einiger Arbeiter geschützt war, und als sie nach ihrem Gönner aufblickte, bemerkte sie, daß er noch ganz in derselben Stellung dasaß, unverwandt auf das Feuer blickend und so regungslos, als ob er nicht einmal athme. Sie war noch in einem Zustande von Halbschlummer und sah die regungslose Figur so lange an, bis sie endlich fast fürchtete, er sei gestorben, wie er dort saß. Sie stand daher leise auf, trat ihm näher und wagte es, ihm ins Ohr zu flüstern.

Er bewegte sich, sah von ihr auf ihre Lagerstätte, als wolle er sich überzeugen, daß sie es wirklich sei, und sah sie dann fragend an.

»Ich fürchtete, Ihr wäret unwohl,« sagte sie. »Die andern Männer sind alle in Bewegung und Ihr seid so gar ruhig.«

»Sie überlassen mich mir selbst,« versetzte er. »Sie kennen meinen Humor, und obgleich sie mich auslachen, so kümmere ich mich wenig darum. Sieh dorthin – das ist mein Freund.«

»Das Feuer?« entgegnete das Kind.

»Es lebt so lange, als ich,« lautete die Antwort des Mannes. »Wir sprechen und denken die ganze Nacht mit einander.«

Das Kind sah ihn hastig und überrascht an; aber er hatte seinen Augen ihre frühere Richtung wieder gegeben, und war wieder, wie vorhin, in Gedanken vertieft.

»Es erscheint mir wie ein Buch – das einzige Buch, das ich je lesen gelernt habe, und manche alte Geschichte finde ich darin ausgezeichnet. Es ist Musik, denn ich würde seine Stimme unter tausend heraus erkennen, und in seinem Brüllen tönen noch viele andere Stimmen mit. Es hat auch seine Bilder. Du weißt nicht, wie viele wunderliche Gesichter und Erscheinungen ich in den glührothen Kohlen erschaue. Jenes Feuer dort ist mein Gedenkbuch und zeigt mir mein ganzes Leben.«

Nell beugte sich nieder, um seine Worte besser zu verstehen, mußte aber zugleich die Glut bemerken, die aus seinen Augen leuchtete, während er sprach und brütete.

»Ja,« sagte er mit einem matten Lächeln, »es war dasselbe, als ich, ein ganz kleines Kind, hier herumkroch, bis ich in Schlaf fiel. Damals bewachte es mein Vater.«

»Hattet Ihr keine Mutter?« fragte das Kind.

»Nein, sie war todt. Weiber haben hier schwere Arbeit. Man sagte mir, sie habe sich zu Tode gearbeitet, und wie man es mir damals sagte, so hat mir das Feuer hier stets dasselbe erzählt. Es muß wohl wahr sein – ich habe es stets geglaubt.«

»Ihr wurdet also hier aufgezogen?« sagte das Kind.

»Sommers und Winters,« versetzte er; »anfangs heimlich, und als sie mich endlich auffanden, ließen sie mich hier. Das Feuer hat mich also gepflegt – dasselbe Feuer. Es ist nie ausgegangen.«

»Ihr liebt es wohl?« fragte das Kind.

»Versteht sich. Er starb davor. Ich sah ihn niederfallen – gerade dort, wo jetzt jene Asche brennt – und ich erinnere mich, daß ich mich wunderte, warum es nicht helfen wollte.«

»Seid Ihr seitdem immer hier gewesen?« entgegnete das Kind.

»Immer, seit ich die Wache übernehmen konnte; aber es gab da einen Zwischenraum – einen gar kalten und traurigen Zwischenraum. Demungeachtet aber brannte es die ganze Zeit über, und es jauchzte und hüpfte, als ich wieder kam, wie es in unsern Kindertagen zu thun pflegte. Du kannst dir aus meinem jetzigen Aussehen denken, was ich für ein Kind war; aber trotz allem Unterschied zwischen uns Beiden, war ich doch ein Kind – und als ich dich des Nachts in der Straße sah, da erinnerte ich mich, wie ich war, als er starb, und ich fühlte den Wunsch, dich nach dem alten Feuer zu bringen. Wie du so vor demselben schliefest, kamen mir alte Zeiten in's Gedächtniß zurück. Du solltest auch jetzt schlafen. Lege dich wieder nieder, armes Kind, lege dich wieder nieder.«

Mit diesen Worten führte er sie zu ihrem ärmlichen Lager und bedeckte sie wieder wie früher mit den Kleidern; dann kehrte er zu seinem Sitze zurück, wo er bewegungslos, wie eine Bildsäule, verblieb und nur dann aufstand, wenn er Brennstoff nachlegen mußte. Nell sah ihm noch eine Weile zu, aber bald gewann ihre Schläfrigkeit die Oberhand, und sie schlummerte an dem dunkeln fremden Orte auf einem Aschenhaufen so friedlich, als ob das Gewölbe ein prachtvolles Zimmer und ihr kümmerliches Lager ein Daunenbette gewesen wäre. Als sie wieder erwachte, drang der Tag hell durch die oberen Maueröffnungen, und da die schräg einfallenden Strahlen nicht über die Mitte des Raumes herunterreichten, so schienen sie das Gebäude nur noch düsterer zu machen, als es des Nachts gewesen war. Das Hammergetöse und der übrige Lärm machten fort, und die unbarmherzigen Feuer brannten so trotzig, als zuvor, denn selten brachte hier der Wechsel von Tag und Nacht Ruhe und Stille.

Der Feuerwächter theilte sein Frühstück – ein spärliches Mahl, aus Kaffee und rauhem Brod bestehend – mit seinen beiden Gästen und fragte, wohin sie gingen. Nell sagte ihm, sie suchten irgend einen fernen Ort auf dem Lande, entlegen vom Gewühl der Städte und anderer Dörfer, und fragte ihn dann mit stotternder Stimme, welchen Weg sie wohl am besten zu dem erwünschten Ziele einschlagen könnten.

»Ich weiß wenig vom Lande,« sagte er, den Kopf schüttelnd, »denn Leute, wie ich, bringen ihr ganzes Leben vor ihren Ofenthüren zu, und kommen selten davon weg, um frische Luft zu schöpfen. Aber es gibt Jenseits wohl solche Plätze.«

»Ist's weit von hier?« fragte Nell.

»Ach, freilich. Wie könnte in unserer Nähe etwas grünen und blühen? Der Weg führt auch durch viele, viele Meilen, aus denen lauter solche Feuer, wie die unsrigen, brennen – ein seltsamer, schwarzer Weg, vor dem ihr des Nachts erschrecken würdet.«

»Wir sind hier und müssen wieder fort,« sagte das Kind kühn, denn sie sah, daß ihr Großvater mit ängstlichem Ohre auf die Worte des Feuerwächters horchte.

»Rauhe Leute – Pfade, die nicht für so kleine Füße, wie die deinigen, gemacht sind – ein unheimlicher, erstorbener Weg – könntest du nicht wieder umkehren, mein Kind?«

»Unmöglich,« rief Nell, indem sie fortdrängte. »Wenn Ihr uns eine Weisung geben könnt, so thut es. Wo nicht, so bitte ich, daß Ihr uns nicht von unserem Vorhaben abwendig zu machen sucht. In der That, Ihr kennt die Gefahr nicht, vor welcher wir fliehen, und wie wichtig es für uns ist, ihr auszuweichen – gewiß, Ihr würdet sonst nicht versuchen, uns aufzuhalten.«

»Gott behüte mich, dieß zu wollen, wenn die Sache so steht!« rief ihr ungeschlachter Beschützer, indem er von Nell hastig zu ihrem Großvater aufblickte, der den Kopf hängen ließ und die Augen zur Erde heftete. »Ich will euch von der Thüre aus den Weg so gut andeuten, als ich kann. Ich wollte, ich wäre im Stande, mehr zu thun.«

Er zeigte ihnen sodann, welche Richtung sie einschlagen mußten, um aus der Stadt zu kommen, und wie sie sich weiter zu verhalten hatten. Er weilte so lange bei seinen Belehrungen, daß sich das Kind endlich mit heißen Dankesergüssen von ihm losriß, ohne ihn ausreden zu lassen.

Aber ehe sie die Ecke der Gasse erreicht hatten, kam ihnen der Mann nachgelaufen, drückte Nell die Hand und ließ etwas darin zurück – es waren zwei alte, abgeschliffene, rauchbraune Pennystücke. Wer weiß, ob sie nicht herrlicher leuchten in den Augen der Engel, als die goldenen Buchstaben, welche auf Grabsteinen eingemeißelt sind?

Und so trennten sie sich – das Kind, um den ihrer Obhut anheimgegebenen Greis von Schuld und Schande fortzuführen, der Arbeiter, um ein neues Interesse mit dem Orte zu verbinden, wo seine Gäste geschlafen hatten, und in dem Feuer seines Ofens neue Geschichten zu lesen.

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