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Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.net
created20150221
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Der Raritätenladen. Einundvierzigstes Kapitel

Kit eilte durch die überfüllten Straßen, brach sich mit den Ellenbogen Bahn durch die Menge, huschte über die dröhnenden Fahrstraßen, schlüpfte durch Gäßchen und Winkel und hielt keinen Augenblick inne, bis er in die Nähe des Raritätenladens kam, wo er stehen blieb – theils aus Gewohnheit, theils um Athem zu schöpfen.

Es war ein trüber Herbstabend und es däuchte ihm, als habe der alte Ort nie so unheimlich ausgesehen, als in dieser trübseligen Dämmerung. Die zerbrochenen Scheiben, die rostigen, in ihren Rahmen klappernden Schiebfenster, das öde Haus, einer finstern Barriere ähnlich, welche die grellen Lichter und die Rührigkeit der Straße in zwei lange Zeilen theilte, kalt, düster und leer in der Mitte stehend – all' dieses gewährte einen unfreundlichen Anblick, schmerzlich gemischt mit den hochfliegenden Hoffnungen, welche der Knabe auf die vormaligen Bewohner gesetzt, während doch statt ihrer nur Täuschung und Unglück eingetroffen waren. Kit hätte gerne ein hübsches, prasselndes Feuer in den leeren Kaminen, flimmernde Lichter in den Fenstern, geschäftig ab- und zugehende Leute und die Unterhaltung heiterer Stimmen in jenen Räumen gehabt – kurz Etwas, was mit den neuen Hoffnungen, die sich in ihm regten, in Verbindung stand. Er hatte nicht erwartet, daß das Haus anders aussehen würde (wußte er ja, daß es nicht sein konnte), wie er aber so in Mitte schwunghafter Gedanken und Fernsichten herankam, da wurde denn doch der Strom derselben gehemmt und durch einen wehmüthigen Schatten verdüstert.

Zum Glück war jedoch Kit nicht gelehrt oder contemplativ genug, um sich durch die Vorboten eines weit entfernten Uebels beunruhigen zu lassen, und da er keine geistige Brille trug, welche in dieser Beziehung seiner Sehkraft nachhelfen konnte, so erblickte er weiter nichts, als das öde Haus, das zu seinen früheren Gedanken in einen unbehaglichen Gegensatz trat. Ohne sich deutlich bewußt zu sein, warum, wünschte er fast, diese Straße vermieden zu haben, und so eilte er wieder vorwärts, die kurze Zögerung durch raschere Schritte einbringend.

»Aber wenn sie jetzt nicht zu Hause ist,« dachte Kit, als er sich der ärmlichen Wohnung seiner Mutter näherte, »und wenn ich sie nicht finden kann? Nun, da würde der ungeduldige Herr schön an mir auffahren. Richtig – da ist kein Licht und die Thüre verschlossen. Gott verzeihe mir, daß ich so sage, aber wenn jenes Klein-Bethel daran Schuld ist, so wollte ich, daß Klein-Bethel beim – weiter weg wäre,« sagte Kit, sich plötzlich unterbrechend, indem er zugleich an die Thüre pochte.

Ein wiederholtes Pochen veranlaßte keine Antwort aus dem Innern des Hauses; dagegen sah eine Frau über der Straße drüben aus dem Fenster und fragte, wer zu Frau Nubbles wolle.

»Ich,« antwortete Kit. »Sie ist vermuthlich in – in Klein-Bethel?« Der Name dieses ihm anstößigen Conventikels glitt nur mit Widerstreben über seine Lippen und war mit einem verächtlichen Nachdrucke begleitet.

Die Nachbarin nickte bejahend.

»Dann bitte ich, mir zu sagen, wo es ist,« fuhr Kit fort, »denn es handelt sich um eine dringliche Sache, und ich müßte sie herausholen, selbst wenn sie auf der Kanzel stünde.«

Es war nicht sonderlich leicht, eine Weisung nach dem fraglichen Pferche beizuschaffen, da Niemand aus der Nachbarschaft zu der dortigen Heerde gehörte und nur wenige etwas Weiteres davon, als nur den Namen kannten. Endlich ertheilte eine Nachbarin von Frau Nubbles, welche die Letztere ein oder zwei Mal zu der Kapelle begleitet hatte, nachdem zuvor der Andacht ein behagliches Täßchen Thee vorangeschickt worden war, die nöthige Auskunft, und Kit hatte dieselbe kaum gehört, als er auch sogleich dahin aufbrach. Klein-Bethel hätte können näher liegen und auf geraderem Wege zugänglich sein, obgleich in diesem Falle der ehrwürdige Gentleman, welcher der Gemeinde vorstand, seiner Lieblingsanspielung auf die krummen Wege, zu denen man zu ihm gelangte, verlustig geworden und so außer Stand gesetzt worden wäre, die Kapelle mit dem Paradies zu vergleichen, im Gegensatze zu der Pfarrkirche, zu der die breite Straße führte. Kit fand sich endlich, nicht ohne einige Mühe, zurecht, machte an der Thüre Halt, um Athem zu holen und mit dem gebührenden Anstand zu erscheinen, und trat in die Kapelle.

Der Name war in einer Hinsicht nicht unpassend gewählt, denn es war in der That ein ungemein kleines Bethel – ein Bethel von den kleinsten Dimensionen – mit einer kleinen Anzahl kleiner Kirchenstühle und einer kleinen Kanzel, auf welcher ein kleiner Herr (von Profession ein Schuhmacher, dem Berufe nach aber ein Diener des Wortes) mit durchaus nicht kleiner Stimme eine ganz und gar nicht kleine Predigt hielt, wenn man nämlich aus dem Zustand seines Auditoriums auf den Umfang derselben schließen durfte, das im Ganzen allerdings nur klein war, aber eine noch kleinere Anzahl von Hörern umfaßte, da bei weitem die Mehrzahl schlummerte.

Unter den letzteren war Kit's Mutter, welche es durchaus nicht leicht gefunden hatte, nach den Anstrengungen der letzten Nacht die Augen offen zu halten, und da ihre Neigung, dieselben zu schließen, durch die Argumente des Predigers einen kräftigen Beistand erhielt, so hatte sie der sie übermannenden Schlaftrunkenheit nachgegeben und war eingenickt, obgleich nicht in einem Grade, daß sie nicht von Zeit zu Zeit ein leichtes und fast unhörbares Stöhnen, gleich als Anerkennung der Sätze des Redners, hätte ergehen lassen können. Der jüngste Nubbles schlief in ihren Armen so fest, als sie selber, und der kleine Jakob, den seine Jugend hinderte, in dieser verlängerten geistigen Speisung auch nur etwas halb so Interessantes als Austern zu erkennen, war abwechselnd in tiefem Schlafe und in hellem Wachen, je nachdem die Neigung zum Schlummern oder die Furcht, persönlich in der Predigt erwähnt zu werden, die Oberhand über ihn gewann.

»Nun, hier wäre ich einmal,« dachte Kit, indem er in den nächsten seiner Mutter gegenüberstehenden, leeren Stuhl der andern Seite des Mittelganges schlüpfte; »aber wie soll ich an sie kommen, oder sie bereden, daß sie hinausgeht? Ich könnte eben so gut zwanzig Meilen weit sein. Sie wird nicht erwachen, bis alles vorüber ist. Und da schlägt die Uhr schon wieder! Wenn er nur eine Minute aufhören wollte, oder wenn man zu singen anfänge!«

Hierzu hatte es aber für die nächsten paar Stunden keine Aussicht. Der Prediger fuhr fort, herzusagen, von was für Stücken er sie überzeugen wolle, ehe er seine Rede schließe, und es war klar, daß es wenigstens die genannte Frist währen mußte, wenn er auch nur die Hälfte von dem hielt, was er versprach, und die andere Hälfte vergaß.

Kit ließ in seiner Unruhe und Verzweiflung die Augen in der Kapelle umhergleiten, und als sie zufällig auf einen kleinen Sitz vor dem Pulte des Küsters fielen, konnte er kaum seinen Sinnen trauen, welche ihm – Quilp zeigten!

Er rieb sich die Augen zwei- oder dreimal, aber sie bestanden darauf, Quilp sei dort. Und so war es auch in der That; er saß da, die Hände auf die Kniee gestützt und den Hut dazwischen auf einer kleinen hölzernen Unterlage, das gewohnte Grinsen auf seinem schmutzigen Gesichte und die Blicke an die Decke geheftet. Jedenfalls sah er nicht auf Kit oder seine Mutter und schien überhaupt nichts von ihrer Anwesenheit zu ahnen; demungeachtet aber konnte sich Kit des augenblicklichen Gefühls nicht erwehren; die Aufmerksamkeit des verschmitzten kleinen Teufels sei auf Niemand Anders als auf sie Beide geheftet.

So erstaunt er aber auch über das Erscheinen des Zwergs unter den Klein-Betheliten war, und obgleich er sich der Besorgniß nicht erwehren konnte, sie sei der Vorbote irgend eines Unheils oder einer Widerwärtigkeit, so mußte er doch seine Verwunderung unterdrücken und zu thätigeren Maßregeln seine Zuflucht nehmen, um seine Mutter fortzubringen, denn der Abend kam heran und die Sache wurde ernsthaft. Sobald daher der kleine Jakob das nächste Mal erwachte, schickte sich Kit an, dessen unstäte Blicke auf sich zu lenken, was eben nicht sehr schwierig war, da ein einziges Niesen hinreichte; dann bedeutete er ihm durch Zeichen, die Mutter zu wecken. Unglücklicherweise lehnte jedoch in demselben Augenblicke der Prediger bei Gelegenheit der nachdrücklichen Auseinandersetzung eines Hauptpunktes seiner Rede so weit über das Kanzelpult, daß nur wenig mehr als die Beine sich innen befanden; und während er, mit der linken sich festhaltend, heftige Gestikulationen mit seiner rechten Hand machte, stierte er, oder schien er gerade in die Augen des kleinen Jakobs zu stieren und demselben durch Blicke sowohl als Haltung zu drohen. Es war daher dem Knaben, als ob der Prediger, sobald er selbst nur einen Muskel rührte, im buchstäblichen, nicht im figürlichen Sinne über ihn herfallen würde. In diesem schrecklichen Zustande der Dinge, verwirrt durch Kit's plötzliche Erscheinung und behext durch die Augen des Predigers, blieb der unglückliche Jakob bolzgerade sitzen, keiner Bewegung fähig, sehr zum Weinen geneigt, ohne daß er es übrigens wagte, und das Stieren des Pastors erwiedernd, bis die kleinen Augen aus den Höhlen zu springen drohten.

»Es bleibt mir keine andere Wahl, als es öffentlich zu thun,« dachte Kit.

Sofort trat er leise aus seinem Stuhl in den seiner Mutter, und packte, wie Herr Swiveller gesagt haben würde, wenn er anwesend gewesen wäre, den jüngsten Nubbles, ohne ein Wort zu sprechen am Kragen.

»Bst, Mutter!« flüsterte Kit. »Kommt mit mir, ich habe Euch etwas zu sagen.«

»Wo bin ich?« sagte Madame Nubbles.

»In diesem gesegneten Klein-Bethel,« entgegnete ihr Sohn verdrießlich.

»In der That gesegnet!« rief Frau Nubbles, das Wort auffassend. »Ach, Christoph, wie bin ich diesen Abend erbaut worden!«

»Ja, ja, ich weiß es,« entgegnete Kit hastig, »aber kommt nur mit, Mutter; Jedermann sieht auf uns. Macht keinen Lärm – laßt Jakob nicht zurück – so ist's recht.«

»Halt, Satan!« rief der Prediger, als Kit abzog,

»Der Herr sagt, du sollst bleiben,« flüsterte seine Mutter.

»Bleib, Satan, bleib!« brüllte der Prediger abermals. »Versuche das Weib nicht, das sein Ohr dir neigt, sondern höre die Stimme Dessen, der da ruft. Er hat ein Lamm aus der Hürde!« rief der Prediger die Stimme noch mehr erhebend und auf den kleinsten Nubbles deutend. »Er führt ein Lamm, ein köstliches Lamm von hinnen! Er geht umher, wie ein Wolf zur Nachtzeit und verlocket die unschuldigen Lämmlein.«

Kit war der gutmüthigste Bursche von der Welt, aber in Anbetracht dieser scharfen Sprache und etwas aufgeregt durch die Umstände, in denen er sich befand, drehte er sich, den Kleinen auf dem Arme gegen die Kanzel um und erwiederte laut:

»Nein, das thue ich nicht. Es ist mein Bruder!«

»Es ist mein Bruder!« rief der Prediger.

»Ihr lügt!« rief Kit entrüstet. »Wie könnt Ihr so etwas sagen? – Und nur keine Scheltworte, wenn ich bitten darf; was habe ich denn Unrechtes gethan? Ihr könnt Euch darauf verlassen, daß ich nicht gekommen wäre, um sie wegzuholen, und ich wollte es ganz ruhig thun, aber ihr ließt mich nicht. Seid jetzt so gut, und schimpft meinetwegen Satan und seinesgleichen, so lange Ihr wollt, Sir, aber mich laßt gefälligst ungeschoren.«

Mit diesen Worten marschirte Kit aus der Kapelle, seine Mutter und den kleinen Jakob auf der Ferse, und trat mit einer unbestimmten Erinnerung in's Freie, als ob die Leute erwacht wären und erstaunt ausgesehn hätten; Quilp aber sei trotz der Unterbrechung, in seiner alten Haltung verblieben und habe die Augen nicht von der Decke verwandt, oder überhaupt nur dergleichen gethan, als ob er die mindeste Notiz nähme von dem, was da vorgegangen war.

»Ach, Kit,« sagte seine Mutter, indem sie das Schnupftuch vor ihre Augen hielt, »was hast du gethan! Ich kann nie, nie wieder hieher kommen!«

»Das freut mich, Mutter. Was war in dem Bischen Vergnügen von gestern Abend Arges, daß Ihr nöthig habt, heute so niedergeschlagen und bekümmert zu sein? Aber so macht Ihr's. Wenn Ihr einmal vergnügt und glücklich seid, so kommt Ihr hieher und sprecht mit diesem Kerl da, daß Ihr es bereutet. Ihr solltet Euch schämen, Mutter, möcht' ich sagen.«

»Bst, Lieber!« versetzte Frau Nubbles. »Doch ich weiß wohl, daß du's nicht so meinst, wie du sprichst, sonst wäre dieß ein sündhaftes Gerede.«

»Ob ich's nicht so meine? Freilich meine ich's so!« entgegnete Kit. »Ich glaube nicht, Mutter, daß eine unschuldige Freude und ein heiterer Sinn im Himmel für größere Sünden angesehen werden, als Hemdkrägen, und daß diese Kunden da sich gleich klug und verständig benehmen, wenn sie die Einen herunterstimmen, als wenn sie auf die Andern schimpfen – das ist mein Glaube. Doch ich will nichts mehr davon sagen, wenn Ihr mir versprechen wollt, nicht zu weinen, das ist Alles. Ihr könnt auch den Kleinen nehmen, der leichter ist, und mir den Jakob geben; und im Gehen (was wir aber rasch thun müssen) will ich Euch meine Neuigkeit mittheilen, über die Ihr Euch ein Bischen verwundern werdet, kann ich Euch sagen. So – jetzt ist's recht. Nun seht Ihr doch wieder aus, als ob Ihr Klein-Bethel in Eurem Leben nie erblickt hättet, und ich hoffe, Ihr werdet's auch nie wieder. Da habt Ihr das Kind, und du, kleiner Jakob, steige auf meinen Rücken und halte dich fest um meinen Hals; und wenn wieder ein Klein-Bethel-Pfarrer dich oder deinen Bruder ein köstliches Lamm nennt, so sage ihm, er habe da in zwölf Monaten das wahrste Wort gesprochen, und wenn er sich selber ein Bischen mehr vom Lamm und etwas weniger von der Münzensauce beilegte, das heißt, wenn er nicht ganz so scharf und sauer wäre, so würde er mir um so besser gefallen. So mußt du mit ihm sprechen, Jakob.«

In solcher Weise, halb ernst, halb scherzhaft den ganzen Weg über sprechend, schritt Kit rüstig voran und erheiterte seine Mutter, die Kinder und sich selbst durch ein ganz einfaches Verfahren – nämlich durch den festen Entschluß guter Laune zu sein. Dann berichtete er auch, was in des Notars Hause vorgefallen war, und warum er sich in das Heiligthum von Klein-Bethel eingedrängt hatte.

Seine Mutter war nicht wenig entsetzt, als sie vernahm, was von ihr verlangt wurde, und verfiel auf einmal auf einen Haufen verwirrter Vorstellungen, unter denen die vorherrschendste war, es sei eine große Ehre, in einer Postchaise zu fahren, aber auch eine moralische Unmöglichkeit, die Kinder zurückzulassen. Den letzteren Einwurf und noch viele andere – zum Beispiel, daß gewisse Anzugsartikel in der Wäsche wären, und daß andere sich in der Garderobe der Frau Nubbles gar nicht vorfänden, wurden durch Kit beseitigt, indem er jedem derselben entgegenhielt, was es für eine Freude und Lust sei, Nell wieder aufzufinden und sie im Triumph zurückzubringen.

»Aber es sind nur noch zehn Minuten, Mutter,« sagte Kit, als sie die Heimath erreicht hatten. »Da ist eine Schachtel. Werft hinein, was Ihr braucht, daß wir gleich fort können.«

Zu sagen, wie Kit aller Arten Zeug, an deren Nutzen nicht entfernt zu denken war, in die Schachtel haspelte, und wie er Alles außen ließ, was man möglicherweise brauchen konnte; wie eine Nachbarin beredet wurde, zu kommen und bei den Kindern zu bleiben, und wie die Kinder anfangs erbärmlich schrieen und dann herzlich lachten, als man ihnen alle Arten unmöglicher und unerhörter Spielsachen versprach; wie Kit's Mutter nicht aufhören wollte, sie zu küssen, und wie Kit es nicht über sich gewinnen konnte, sich deßhalb zu ärgern – alles dieses aufzuzählen, würde mehr Raum und Zeit wegnehmen, als wir übrig haben. Mit Umgehung aller dieser Dinge möge es daher genügen, wenn wir andeuten, daß ein paar Minuten nach den versprochenen zwei Stunden Kit und seine Mutter an der Thüre des Notars anlangten, wo bereits eine Postchaise harrte.

»Ei der Tausend, da sind gar vier Pferde!« rief Kit, ganz außer sich über die Vorbereitungen. »Nun, mit Euch fängt's ordentlich an, Mutter! Da ist sie, Sir. Dieß ist meine Mutter. Sie steht ganz zu Diensten, Sir.«

»Recht so,« entgegnete der Herr. »Nur unbekümmert, Ma'am; es soll für Sie alle Sorge getragen werden. Wo ist der Koffer mit den neuen Kleidern und sonstigen Erfordernissen für die Flüchtlinge?«

»Hier,« sagte der Notar. »Hinein damit, Christoph.«

»So, das wäre geschehen, Sir,« erwiederte Kit. »Alles bereit jetzt, Sir.«

»So kommen Sie,« sagte der ledige Herr. Mit diesen Worten reichte er Kit's Mutter den Arm, half ihr mit aller Höflichkeit in den Wagen und nahm an ihrer Seite Platz.

Die Tritte gingen hinauf, die Thüre wurde zugeschlagen, die Räder drehten sich und davon rasselte es, während Kit's Mutter weit aus dem Fenster heraussah, ein feuchtes Taschentuch wehen ließ und noch viele Grüße an den kleinen Jakob und den jüngsten Nubbles rief, wovon natürlich Niemand ein Wort verstand.

Kit blieb in der Mitte der Straße stehen und sah mit thränenfeuchtem Auge dem Wagen nach – nicht wegen der Abreise, sondern wegen der Rückkehr und ihren Folgen.

»Sie gingen zu Fuße fort,« dachte er, »und Niemand war da, um ihnen ein freundliches Wort zum Abschied zu sagen; jetzt aber werden sie mit vier Pferden zurückkommen, im Geleite eines reichen Herrn, der ihr Freund ist, und all' ihr Drangsal ist nun vorüber! Sie wird vergessen, daß sie mich schreiben lehrte –«

Außer diesem mochte Kit wohl noch manches Andere denken, denn er stand noch lange, nachdem die Chaise verschwunden war, da, betrachtete die Reihen flimmernder Lampen, und kehrte nicht eher in das Haus zurück, bis der Notar und Herr Abel, die so lange außen geblieben waren, als sich noch etwas von dem Rasseln der Räder vernehmen ließ, sich zu wiederholtenmalen verwunderten, was ihn wohl möglicherweise abhalten könnte.

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