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Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Zweiter Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150121
modified20180917
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Der Raritätenladen.

Vierzigstes Kapitel

Mit jenem unbestimmten Gefühle von Reue, welches der Morgen nach einem Feiertag zu wecken pflegt, stand Kit mit der Sonne auf und begab sich nach dem Orte, wo er Barbara und ihre Mutter treffen sollte – etwas erschüttert in seinem Glauben an die Belustigungen des letzten Abends durch den nüchternen Anblick des Tages und die Rückkehr zu den Werktagsobliegenheiten seines Dienstes. Um Niemand von der kleinen Familie, die von ihren ungewöhnlichen Strapazen ausruhte, zu wecken, ließ Kit sein Geld auf dem Kaminsims, die Aufmerksamkeit seiner Mutter mit einer Kreideinschrift auf diese Thatsache lenkend, in welcher er mittheilte, daß sie von ihrem dankbaren Sohne herrühre, und ging mit etwas schwererem Herzen, als sich dieß von seinen Taschen sagen ließ, obschon keine besonders namhafte Bedrückung darauf lastete, seines Weges.

Ach, diese Feiertage! Warum hinterlassen sie uns immer etwas Reue? Warum können wir sie in unserem Gedächtniß nicht um eine oder zwei Wochen zurückschieben, so daß sie mit einem Male in der geeigneten Entfernung stehen, in welcher man sie entweder mit ruhiger Gleichgültigkeit, oder mit dem angenehmen Gefühle der Rückerinnerung betrachten kann? Warum kleben sie an uns, wie die Nachwehen des gestern genossenen Weines mit ihrem Kopfweh, ihrer Schlaffheit und ihren guten Vorsätzen für die Zukunft, welche das ewige Pflaster eines großen, unterirdischen Reiches bilden und gewöhnlich nicht länger als bis zum Mittagessen dauern?

Wen wird es Wunder nehmen, daß Barbara Kopfweh hatte, oder daß Barbara's Mutter eine Neigung zu übler Laune verrieth, daß sie Astley's Theater unter seinem wahren Werthe anschlug, und daß sie meinte, der Rüpel wäre älter, als sie gestern Abend geglaubt habe? Kit wenigstens wunderte sich nicht darüber. Er hatte bereits eine trübe Ahnung, daß die unbeständigen Helden jenes blendenden Traumgesichts ihm gestern schon so vorgekommen wären und ihm diesen Abend, den nächsten, ja auf Wochen und Monate hinein, in demselben Lichte erscheinen müßten, obschon er nicht dort sein würde. Dieß ist der Unterschied zwischen gestern und heute. Wir Alle gehen in das Theater oder kommen heraus.

Wie dem übrigens sein mag, auch die Sonne ist nur schwach bei ihrem Aufgehen und sammelt sich erst Muth und Kraft im Laufe des Tages. Allmälig fingen sie an, sich der Gegenstände in einem erfreulicheren Lichte zu erinnern, bis sie endlich unter Plaudern und Lachen in so guter Laune zu Finchley anlangten, daß Barbara's Mutter erklärte, sie habe sich nie heiterer und weniger ermüdet gefühlt, als eben jetzt, und Kit sagte das Gleiche. Barbara war auf dem ganzen Wege sehr schweigsam gewesen, aber auch sie drückte sich in ähnlicher Weise aus. Die arme kleine Barbara! Sie war sehr still.

Sie kamen in so guter Zeit nach Hause, daß Kit bereits den Pony gestriegelt und ihn wie ein Rennpferd herausgeputzt hatte, ehe noch Herr Garland zum Frühstück herunterkam – welch pünktliches und fleißiges Betragen, das die alte Dame, der alte Herr und Herr Abel höchlich belobten. Zu seiner gewohnten Stunde (oder vielmehr zu seiner gewohnten Minute und Secunde, denn Herr Abel war die Pünktlichkeit selber) ging der junge Herr aus, um auf die Londonkutsche zu treffen, und Kit begab sich mit dem alten Herrn in den Garten, um daselbst zu arbeiten.

Dieß war für Kit nicht gerade die unangenehmste Beschäftigung, denn an schönen Tagen konnte man es eigentlich eine Familienpartie nennen. Man hatte die alte Dame in der Nähe, die mit ihrem Arbeitskörbchen an einem Tische saß; der alte Herr schaufelte, handhabte seine Gartenscheere, oder ging Kit mit großer Emsigkeit bei seiner Arbeit an die Hand, und der Klepper sah aus seinem Stalle in wohlgefälliger Beschaulichkeit dem Ganzen zu. Heute sollten die Rebstöcke zugerichtet werden, weßhalb Kit die Mitte einer kurzen Leiter bestieg und zu schneiden und zu hämmern begann, während der alte Herr, mit großem Interesse an dem Fortgange der Arbeit, die Nägel und Bastbänder hinaufreichte, deren man gerade benöthigt war. Die alte Dame und der Klepper sahen, wie gewöhnlich, zu.

»Nun, Christoph,« sagte Herr Garland, »du hast dir also einen neuen Freund gemacht, he?«

»Bitt' um Verzeihung, Sir!« entgegnete Kit, von der Leiter heruntersehend.

»Du hast dir, wie ich von Abel höre, in dem Bureau des Notars einen Freund gemacht,« sagte der alte Herr.

»Ach – ja, Sir, ja. Er hat sich sehr freigebig gegen mich benommen, Sir.«

»Freut mich, das zu hören,« entgegnete der alte Herr mit einem Lächeln. »Aber er ist geneigt, noch mehr für dich zu thun, Christoph.«

»In der That, Sir? Das ist sehr schön von ihm; aber gewiß, ich bedarf dessen nicht,« sagte Kit, indem er kräftig auf einen störrigen Nagel loshämmerte.

»Es ist ihm sehr darum zu thun,« fuhr der alte Herr fort, »dich in seinem eigenen Dienst zu haben. – Nimm dich in Acht, sonst wirst du herunterfallen und Schaden nehmen.«

»Mich in seinem Dienst zu haben?« rief Kit, der jetzt in seiner Arbeit inne hielt und sich wie ein geschickter Equilibrist auf der Leiter umdrehte. »Ei, Sir, ich glaube nicht, daß er im Ernst so etwas sagen kann.«

»Oh, freilich, freilich ist's ihm Ernst,« sagte Herr Garland. »Er hat es zu Abel gesagt.«

»Hab' ich doch nie so etwas gehört!« murmelte Kit, indem er mit einer kläglichen Miene seinen Herrn und seine Gebieterin anblickte. »Nein, das nimmt mich in der That Wunder.«

»Du siehst ein, Christoph, daß dieß ein Punkt von Wichtigkeit für sich ist, und den du in diesem Lichte auffassen mußt. Der Herr ist im Stande, dir mehr Geld zu geben, als ich – zwar hoffe ich nicht, daß er dir, so weit es die Verhältnisse des Herrn und Dieners gestatten, mehr Güte und Vertrauen schenken kann; aber gewiß, Christoph, er ist in der Lage, dich besser zu bezahlen.«

»Das mag wohl sein, aber, Sir –« erwiederte Kit.

»Halt noch einen Augenblick,« fiel ihm Herr Garland in's Wort. »Das ist noch nicht alles. Dem Vernehmen nach warst du ein sehr treuer Diener gegen deine alte Herrschaft, und sollte der Herr diese wieder auffinden, was er mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zu bewerkstelligen sucht, so zweifle ich nicht, daß du in seinem Dienste deine Belohnung erhalten wirst. Außerdem,« fügte der alte Herr mit noch größerem Nachdrucke bei, »außerdem wirst du die Freude haben, wieder in Verbindung mit denen zu kommen, an denen du mit so großer und uneigennütziger Treue zu hängen scheinst. Du mußt all' dieß bedenken, Christoph, und nicht rasch oder voreilig in deinen Entschließungen sein.«

Kit empfand einen augenblicklichen Stich durch's Herz, als dieses letztere Argument seine Gedanken durchkreuzte und die Verwirklichung aller seiner Hoffnungen und Wünsche heraufbeschwor, obgleich sein Entschluß bereits gefaßt war. Es war jedoch nur vorübergehend, denn unmittelbar darauf gab er die feste Antwort, der Herr müsse sich nach jemand Anders umsehen, und hätte, seiner Ansicht nach, dieß gleich anfangs thun sollen.

»Er hat kein Recht zu glauben, daß ich mich verführen lasse, zu ihm zu gehen, Sir,« fügte Kit bei, und wandte sich wieder um, nachdem er eine halbe Minute gehämmert hatte. »Meint er, ich sei ein Narr?«

»Er könne es vielleicht meinen, Christoph, wenn du sein Anerbieten ausschlägst,« sagte Herr Garland mit Ernst.

»So mag er's,« versetzte Kit. »Was kümmert's mich, was er von mir denkt. Warum sollte ich mich um seine Gedanken kümmern, da ich weiß, daß ich ein Narr sein müßte, und noch schlimmer als ein Narr, Sir, wenn ich um seiner oder sonst Jemands willen die gütigste Herrschaft, die es je gab oder geben kann, verlassen wollte – eine Herrschaft, die mich als einen ganz armen und hungrigen Jungen von der Straße wegnahm – in der That ärmer und hungriger, als Sie sich's vielleicht je gedacht haben, Sir. Wenn Miß Nell wieder zurückkäme, Ma'am,« fügte Kit plötzlich gegen seine Gebieterin bei, »dann wäre es freilich etwas Anderes, und wenn sie meiner bedürfen sollte, so möchte ich wohl hin und wieder bitten, daß Sie mich für sie arbeiten ließen, wenn ich hier mit Allem fertig bin. Aber wenn sie auch wieder zurückkömmt, so sehe ich jetzt wohl ein, daß sie so reich sein wird, wie der alte Herr es immer voraussagte, und wie sollte eine reiche Dame meiner bedürfen? Nein, nein,« sagte Kit mit bekümmertem Kopfschütteln, »sie wird mich nie mehr brauchen und, Gott segne sie, ich hoffe es auch, obgleich ich sie gerne noch einmal sehen möchte.«

Mit diesen Worten trieb Kit einen Nagel in die Wand – tief, viel tiefer, als nöthig war – und sobald dieß geschehen, drehte er sich wieder um.

»Da ist der Pony, Sir,« fuhr Kit fort. »Nun, Ma'am, er weiß ganz gut, daß ich von ihm spreche, und wird deßhalb gleich zu wiehern anfangen – aber würde er wohl jemand Anders sich nahekommen lassen, als mich, Ma'am? Und der Garten, Sir, und Herr Abel, Ma'am. Würde Herr Abel mich wohl entbehren können, Sir, oder gibt es Jemand, der besser auf den Garten Acht hätte, Ma'am? Es würde meiner Mutter das Herz brechen, Sir, und selbst der kleine Jakob hätte Verstand genug, sich die Augen auszuweinen, Ma'am, wenn er dächte, Herr Abel wünsche sich so bald von mir zu trennen, da er doch erst kürzlich zu mir sagte, er hoffe, wir würden noch manches kommende Jahr mit einander aushalten –«

Wir können nicht sagen, wie lange Kit noch auf der Leiter gestanden und abwechselnd seinen Herrn und seine Gebieterin, wobei er sich regelmäßig an die unrechte Person wandte, angeredet haben würde, wenn nicht in diesem Augenblick Barbara mit der Nachricht gekommen wäre, ein Bote aus dem Bureau des Notars habe ein Billet gebracht, welches sie, mit dem Ausdrucke der Ueberraschung über Kits rednerische Stellung, ihrem Herrn einhändigte.

»Ah,« sagte der alte Herr, nachdem er es gelesen hatte, »sage sie dem Boten, er solle hieher kommen.«

Barbara trippelte fort, um zu thun, wie ihr geheißen wurde, worauf sich der alte Herr mit der Bemerkung an Kit wandte, sie wollten nicht weiter über diesen Gegenstand sprechen, denn Kit könne sich nicht unlieber von ihnen trennen, als sie ihn ungerne entlassen würden – eine Erklärung, welcher die alte Dame sehr gnädig beipflichtete.

»Gleichwohl können wir es nicht verweigern, Christoph,« fügte Herr Garland bei, indem er auf das Billet in seiner Hand blickte, »dich je zuweilen, wenn es dir nämlich recht ist, an den Herrn abzutreten, wenn er dich für eine Stunde oder so etwas, meinetwegen auch auf einen Tag, borgen wollte. – Ah! da ist ja der junge Herr. Wie geht's Ihnen, Sir?«

Dieser Gruß war an Herrn Chuckster gerichtet, welcher mit ganz auf die Seite gedrücktem Hute und fliegendem Haare einherstolzirt kam.

»Ich hoffe, Sie wohl zu sehen, Sir,« entgegnete dieser Gentleman. »Und auch Sie, Ma'am. Ein prächtiges Gartenhäuschen das, Sir. Jedenfalls eine köstliche Landschaft.«

»Sie wollen Kit mit sich nehmen, wie ich finde?« bemerkte Herr Garland.

»Ich habe zu diesem Zweck ein Cabriolet bei mir,« versetzte der Schreiber. »Einen ganz stattlichen Grauschimmel im Geschirr, Sir, wenn Sie ein Kenner von Pferdefleisch sind.«

Herr Garland lehnte die Inspection des stattlichen Grauschimmels unter dem Vorwande, daß er sich auf derartige Gegenstände nicht verstehe, ab, und lud Herrn Chuckster ein, an einem kleinen Lunch Theil zu nehmen, wozu besagter Gentleman bereitwillig Ja sagte. Es wurde daher schleunigst kaltes Fleisch nebst Ale und Wein zu seiner Erfrischung beigeschafft.

Bei diesem Mahle bot Herr Chuckster alle seine Kräfte auf, um seinen Wirth sammt Gemahlin zu bezaubern und ihnen eine Ueberzeugung von der geistigen Ueberlegenheit Derjenigen beizubringen, welche in der Stadt wohnen. Zu diesem Ende brachte er das Gespräch auf die Chronique scandaleuse des Tages, in welcher er, nach dem gerechten Urtheil seiner Freunde, vorzugsweise beschlagen war. So war er im Stande, ausführlich die Einzelnheiten des Streits zwischen dem Marquis von Mizzler und dem Lord Bobby zu erzählen, welcher ursprünglich durch eine Flasche Champagner, keineswegs aber durch eine Taubenpastete, wie die Zeitungen irriger Weise meldeten, veranlaßt worden war; auch hatte Lord Bobby nicht zu dem Marquis von Mizzler gesagt: »Mizzler, Einer von uns Beiden sagt eine Lüge, ich aber gewiß nicht,« wie unrichtiger Weise von einigen Autoritäten ausgesprengt worden, sondern: »Mizzler, Sie wissen, wo ich zu finden bin, und, Gott verdamme mich, Sir, suchen Sie mich, wenn Sie mich brauchen« – wodurch natürlich die interessante Frage ein ganz anderes Gesicht bekam und in einem sehr verschiedenen Lichte erschien. Ferner gab er den genauesten Bescheid über das Einkommen, welches der Herzog von Thigsberry der Violetta Stetta von der italienischen Oper zugesichert habe; auch sei dasselbe vierteljährlich zahlbar und nicht halbjährig, wie man im Publikum wissen wolle, und es schließe nicht auch die Juwelen, die Parfümerien, den Puder für fünf Laquaien und die täglichen zwei Paar Glacéhandschuhe für einen Pagen ein (wie man sich grauenhaft belüge), sondern alles dieß gehe noch extra. Sofort bat Herr Chuckster die alte Dame und den alten Herrn, sich durch diesen wichtigen Punkt nicht weiter beunruhigen zu lassen, denn sie dürften sich vollkommen überzeugt halten, daß seine Aufgaben durchaus richtig wären, worauf er auf das Theatergeklatsch und auf die Neuigkeiten vom Hofe überging; und so haspelte er eine brillante und bezaubernde Unterhaltung ab, welche er allein und ohne sonstigen Beistand wohl drei Viertelstunden fortführte.

»Da aber jetzt meine Mähre Athem genug geschöpft haben wird,« schloß Herr Chuckster, indem er in einer gar anmuthigen Weise aufstand, »so fürchte ich, daß ich mein Bündel schnüren muß.«

Weder Herr noch Madame Garland hatten etwas gegen sein Sichlosreißen einzuwenden (ohne Zweifel, weil sie fühlten, daß ein solcher Mann in seinem Wirkungkreise nicht gut entbehrt werden könne), weßhalb sich Herr Chuckster und Kit bald darauf auf ihrem Wege nach der Stadt befanden. Kit saß auf dem Bocke neben dem Kutscher und Herr Chuckster in einsamer Herrlichkeit innen im Cabriolet, indem er zu jedem der Vorderfenster einen seiner Stiefel hinausstreckte.

Als sie das Haus des Notars erreicht hatten, wurde Kit in das Bureau gewiesen, wo ihm Herr Abel sagte, er solle Platz nehmen und warten, denn der Herr, welcher seiner bedürfe, sei ausgegangen und werde vielleicht nicht so schnell wieder zurückkommen. Diese Vermuthung bestätigte sich auch vollkommen, denn Kit hatte sein Mittagessen und seinen Thee eingenommen, hatte all die leichteren Sachen in der Prozeßliste und dem Postroutenverzeichniß gelesen, und war ziemlich oft eingenickt, ehe der besprochene Herr anlangte; und als dieß endlich der Fall war, geschah es in der größten Eile.

Er schloß sich eine Zeitlang mit Herrn Witherden ein, und dann wurde auch Herr Abel herbeigerufen, um an der Konferenz Theil zu nehmen, bis endlich auch Kit, der sich nicht genug wundern konnte, was er eigentlich hier solle, eine Aufforderung erhielt, sich dem Kleeblatte anzuschließen.

»Christoph,« sagte der fremde Herr, als Kit in's Zimmer trat, »ich habe deinen alten Herrn und deine junge Gebieterin gefunden.«

»Nein, Sir! haben Sie das wirklich?« entgegnete Kit, und seine Augen leuchteten vor Entzücken, »wo sind sie, Sir? Wie geht's ihnen, Sir? Sind sie in der Nähe?«

»Nicht doch, sondern weit weg von hier,« erwiederte der Herr mit Kopfschütteln. »Aber ich reise diesen Abend ab, um sie zurückzubringen, und ich wünschte, daß du mit mir gingest.«

»Ich, Sir?« rief Kit voll freudigen Erstaunens.

»Der Ort,« sagte der fremde Herr, gedankenvoll sich an den Notar wendend, »der mir von dem Mann mit den Hunden angegeben wurde, ist – wie weit von hier – sechzig Meilen?«

»Zwischen sechzig und siebenzig.«

»Hum! Wenn wir die ganze Nacht durch mit der Post reisen, so werden wir morgen Vormittag in guter Zeit anlangen. Nun ist aber die einzige Frage, da sie mich nicht kennen werden und das Kind, dem Gott seinen Segen schenken möge, glauben dürfte, ein Fremder verfolge seinen Großvater mit schlimmen Absichten auf seine Freiheit, – kann ich zur Verbürgung meiner freundlichen Absichten, etwas Besseres thun, als diesen Jungen mitnehmen, den sie Beide kennen und dessen Sie sich sogleich erinnern werden?«

»Gewiß nicht,« versetzte der Notar. »Christoph muß auf alle Fälle mit.«

»Ich bitte um Verzeihung, Sir,« sagte Kit, der diesem Gespräche mit langem Gesichte zugehört hatte, »aber wenn Sie diese Absicht erreichen wollen, so fürchte ich, daß ich mehr hinderlich als förderlich sein werde. – Was Miß Nell anbelangt, Sir, so kennt mich diese freilich, und ich bin überzeugt, daß sie mir trauen würde; aber der alte Herr – ich weiß nicht warum, meine Herren, und auch sonst Niemand weiß es – konnte mich seit seinem Kranksein nicht vor Augen sehen, und Miß Nell hat selbst zu mir gesagt, ich solle ihm nie wieder nahe kommen, oder mich vor ihm blicken lassen. Ich fürchte, ich würde Alles verderben, was Sie thun könnten, wenn ich mitginge. Freilich thäte ich's ums Leben gern, aber es wird besser sein, wenn Sie mich nicht mitnehmen, Sir.«

»Eine neue Schwierigkeit!« rief der ledige Herr ungestüm. »War je ein Mensch so eingeengt, als ich? Gibt es Niemand Anders, der sie kennt, Niemand Anders, zu dem sie Vertrauen hätten? Ihr Leben war freilich sehr abgeschieden, aber gibt es denn gar keinen Menschen, der mir zu meinem Zwecke verhelfen könnte?«

»Kennst du Niemand, Christoph?« fragte der Notar.

»Niemand, Sir,« versetzte Kit. – »Doch halt! ja, meine Mutter.«

»Ist sie ihnen bekannt?« fragte der ledige Herr.

»Ob sie ihnen bekannt ist, Sir? Ei, sie ging immer ab und zu. Man behandelte sie so freundlich, als mich. Du lieber Himmel, Sir, sie hat immer gehofft, sie würden zurück in ihr Haus kommen.«

»Dann wo zum Teufel ist das Weib?« rief der fremde Herr ungeduldig, indem er nach seinem Hute griff. »Warum ist sie nicht hier? Warum ist dieses Weib immer aus dem Weg, wenn man ihrer am meisten benöthigt ist?«

Mit einem Worte, der ledige Herr war eben im Begriffe, aus dem Bureau zu stürzen, fest gewillt, gewaltsame Hand an Kit's Mutter zu legen, sie in eine Postchaise zu zwingen und mit ihr in die Welt hinaus zu fahren, als diese neue Art von Entführung nicht ohne einige Schwierigkeit, durch die vereinten Anstrengungen des Notars und des Herrn Abel verhindert wurde, welche ihn durch ihre Vorstellungen zurückhielten, und ihn beredeten, Kit über die Wahrscheinlichkeit ihrer Fähigkeit und ihres Willens, so plötzlich eine derartige Reise zu unternehmen, auszuholen.

Dieß veranlaßte einige Bedenken von Seite Kit's, einige ungestüme Demonstrationen von Seite des ledigen Herrn, und viele Beschwichtigungsversuche von Seite des Notars und des Herrn Abel. Das Ergebniß der Verhandlung war, daß Kit, nach sorgfältiger Erwägung aller Umstände, im Namen seiner Mutter versprach, daß sie innerhalb zwei Stunden von jetzt an bereit sein würde, die Reise anzutreten, wobei er sich anheischig machte, sie nach Ablauf dieser Frist vollkommen reisefertig hieher zu bringen.

Nachdem Kit diese etwas kühne Zusicherung, die nicht sonderlich leicht zu erfüllen war, gegeben hatte, eilte er unverzüglich von hinnen und traf Maßregeln, sein Wort zu lösen.


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