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Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Erster Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150121
modified20180917
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Herrn Pickwick's Erzählung.

Erstes Kapitel

Vor einer Reihe von Jahren lebte der alte John Podgers in der Stadt Windsor, wo er geboren worden war und im Laufe der Zeit ganz gut und gemächlich der Erde heimgegeben wurde. Man darf mir's glauben, daß in den Zeiten Königs Jakob I. Windsor eine sehr nette, wunderliche, alte Stadt war; desgleichen war aber auch John Podgers ein ganz netter, wunderlicher, alter Kauz, wie man mir kecklich nachsagen darf. Er und Windsor paßten daher prächtig für einander, wie sie sich auch selten – wäre es auch nur für einen halben Tag – von einander trennten.

John Podgers war breit, untersetzt, holländisch gebaut, von nicht sonderlicher Höhe, und ein sehr starker Esser, wie es bei Leuten von seiner Figur häufig der Fall ist. Da er auch gerne viel schlief, so theilte er seine Zeit recht hübsch zwischen den beiden letztgenannten Unterhaltungen, indem er jedesmal einschlummerte, wenn er gespeist hatte, und sobald sein Schläfchen vorbei war, wieder nach dem Teller griff – Beschäftigungen, in deren Folge er immer beleibter und mit jedem Tage schläfriger wurde. In der That pflegte man auch von ihm zu sagen, daß er, wenn er vor dem Mittagessen auf der Sonnenseite der Straße auf- und abschlenderte (was er bei schönem Wetter nie unterließ) sich seines gesundesten Schlafes erfreute, obgleich viele Leute dieß für eine Fabel hielten: denn sie hatten ihn an Markttagen mehrere Male den fetten Ochsen nachschauen sehen, und achtbare, glaubwürdige Personen wollen wissen, daß er bei dem Anblicke kicherte und mit großem Vergnügen: »lebendiges Rindfleisch! lebendiges Rindfleisch!« vor sich hinsprach. In Folge dieses Zeugnisses geschah es, daß die weisesten Leute in Windsor (natürlich von der Ortsobrigkeit an gerechnet) der Meinung waren, John Podgers sei ein Mann von gutem und gesundem Verstände – vielleicht nicht gerade aufgeweckt, sondern eher etwas träge und schlagflüssig, aber doch ein Mann von soliden Grundsätzen, in dem weit mehr lag, als er gerade zur Schau tragen mochte. Diese Meinung fand noch eine Bestätigung in der äußerst würdevollen Weise, womit er seinen Kopf schüttelte und dabei seinem Doppelkinn eine gewisse pendelförmige Bewegung beibrachte; mit einem Worte, er galt für einen von Denjenigen, welche, wenn sie in Themse fallen, dieselbe nicht durch unnöthige Anstrengungen bemühen, sondern als Männer von Gewicht geradenwegs auf den Grund sinken und deßhalb die Achtung aller Guten verdienen.

Da er in der Lage war, sich's wohl sein zu lassen, durch kein keifendes Weib beunruhigt wurde, sich eines guten Appetits erfreute, der, da er ihn befriedigen konnte, für ihn eine Lust und keine Unbequemlichkeit war, und eine Fertigkeit im Schlafen besaß, um die man ihn wohl sehr beneiden durfte, sintemalen kein Grund vorhanden war, warum er hätte wach bleiben sollen – so kann man sich leicht denken, daß John Podgers ein glücklicher Mann war. Aber der Anschein ist oft trügerisch, selbst wenn man es am wenigsten glauben sollte, und auch hier traf es zu, daß der genannte Ehrenmann, ungeachtet seines wohlgemästeten Aeußeren, in Folge einer beharrlichen Besorgniß, welche ihm Tag und Nacht zusetzte, sehr unruhig im Geiste war und sich außerordentlich unbehaglich fühlte.

Es ist bekannt, daß es in jenen Zeiten unterschiedliche schlimme alte Weiber gab, welche unter dem Namen »Hexen« großes Unwesen im Lande trieben und ehrlichen Christenmenschen mancherlei argen Schabernack anthaten; sie stachen ihnen Steck- und Nähnadeln in den Leib, wenn sie sich dessen am wenigsten versahen, und ließen sie, die Füße aufwärts in die Luft gekehrt, einherspazieren – zum großen Schrecken ihrer Weiber und Familien, welche natürlich nicht wenig erschraken, wenn der Hausherr unerwartet heimkam und mit den Fersen an die Thüre klopfte, während er sein Haar mit dem Kratzeisen auskämmte. Dieß gehörte zu ihren gewöhnlichsten Streichen; aber jeden Tag spielten sie noch hundert andere, gegen die sich eben so viel einwenden ließ, da sie außerdem höchst unanständig waren. Daraus folgte nothwendig, daß man allen alten Weibern Rache schwur, und nicht einmal der König (wie man doch hätte erwarten sollen) erwies diesen Geschöpfen Mitleid, denn mit höchst eigener, allergnädigster Hand übergab er sie mittelst eines allergnädigsten Dekrets dem ewigen Zorne und verfügte allergnädigste Mittel zu deren Verfolgung und Vertilgung, kraft welcher kaum ein Tag verging, ohne daß wenigstens Eine Hexe in irgend einem Theile seiner Besitzungen allergnädigst gehängt, ertränkt oder geröstet wurde. Demungeachtet waren die Zeitungen voll von seltsamen und schrecklichen Neuigkeiten über Hexen und ihre unglücklichen Opfer aus dem Norden, Süden, Osten und Westen, und das Haar des Publikums stand zu Berge, daß es ihm fast den Hut vom Kopf drückte, und die Gesichter erbleichten vor Schrecken und Entsetzen.

Man darf es glauben, daß die kleine Stadt Windsor der allgemeinen Ansteckung nicht entging. Die Einwohner sotten eine Hexe am Geburtstage des Königs und schickten eine Flasche der Fleischbrühe an den Hof, indem sie zugleich in einer pflichtschuldigen Adresse ihre Ergebenheit ausdrückten. Der König war etwas entsetzt über das Geschenk, welches er gar andächtig dem Erzbischof von Canterbury verehrte, und erwiederte die Adresse mit einem Gegenschreiben, worin er goldene Regeln für Entdeckung der Hexen ertheilte und ein großes Gewicht auf gewisse schützende Zauber, zumal auf Hufeisen legte. Die Bürgerschaft schickte sich alsbald an, Hufeisen über jeder Hausthüre festzunageln, und viele ängstliche Eltern gaben ihre Kinder bei Hufschmieden in die Lehre, damit ihnen nichts angethan werden könne, in Folge deß dieses Gewerbe allgemein zu hohen Ehren kam.

Mitten in diesem unruhigen Treiben aß und schlief John Podgers wie gewöhnlich; man bemerkte jedoch, daß er weit öfter als sonst den Kopf schüttelte, und daß er viel weniger den Ochsen, desto mehr aber den alten Weibern nachsah. Er hatte ein kleines Gesims in seiner Wohnstube, auf dem in einer Reihe, welche sich jede Woche vergrößerte, die ganze Hexenliteratur jener Zeit stand; er sammelte sich gelehrte Kenntnisse hinsichtlich der Zauberei und des Exorcismus, gab Winke über verdächtige Weiber auf Besenstielen, die er von seinem Kammerfenster aus Nachts hatte durch die Luft reiten sehen, und war in beständiger Angst verhext zu werden. Da er fortwährend über dieser einzigen Idee brütete, welche, da keine andere Zugang fand, sich seiner ganz und gar bemächtigte, so war endlich Furcht vor Hexen die ausschließliche Leidenschaft seines Lebens. Er, der bisher nie gewußt hatte, was ein Traum ist, begann nun, so oft er in Schlaf verfiel, Gesichte von Hexen zu haben, und wenn er wachte, schwebten sie gleichfalls ohne Unterlaß vor seiner Einbildungskraft; er hatte daher weder im Schlafe noch im Wachen auch nur einen Augenblick Ruhe. Er fing an, auf der Landstraße Hexenfallen auszustellen, und man sah ihn oft Stunden lang an einer Ecke auf der Lauer liegen, um die Wirkung derselben abzupassen. Die Construction dieser Maschinen war sehr einfach, indem sie gewöhnlich aus zwei kreuzweise übereinander gelegten Strohhalmen, oder aus dem Bruchstücke eines Bibeleinbandes, mit einer Messerspitze voll Salz darauf, bestanden, demungeachtet konnten sie aber nicht trügen, und wenn zufällig ein altes Weib darüber stolperte (was nicht selten geschah, da er für seine Vorkehrungen einen unebenen, steinigen Platz gewählt hatte), so fuhr John aus seinem Schlummer auf, stürzte über sie her und umklammerte ihren Hals, bis Beistand anlangte, worauf die Gefangene auf der Stelle weggeführt und ersäuft wurde. Dem Umstande, daß er beharrlich auf alte Damen Acht hatte und in dieser summarischen Weise mit ihnen verfuhr, verdankte er den Ruf eines großen politischen Charakters, und da er bei seinen Verfolgungen, allenfalls mit Ausnahme eines zerkratzten Gesichtes, zu keinem weiteren Schaden kam, so entstand daraus mit der Zeit die ganz natürliche Ansicht, daß er zauberfest sei.

Es gab nur eine einzige Person, welche John Podgers' hohe Befähigungen einigermaßen in Zweifel zu ziehen geneigt war, und diese Person war niemand anders als sein eigner Neffe, ein wilder, unsteter Bursche von zwanzig Jahren, der in seines Onkels Hause erzogen worden war und noch in demselben wohnte – das heißt, wenn er sich zu Hause befand, was übrigens nicht so oft der Fall war, als es hätte sein können. Da er seine Schule nicht vernachlässigt hatte, so mußte er jede neue Brochüre über ein seltsames und schreckliches Ereigniß, das John Podgers gekauft hatte, laut vorlesen; und dies geschah immer Abends in der kleinen Vorhalle vor dem Hause, in welcher sich die Nachbarn schaarenweise versammelten, um die grausige Kunde zu hören, – denn die Leute lieben es, sich einschüchtern zu lassen, um so mehr, wenn es umsonst und auf anderer Leute Kosten geschehen kann.

An einem schönen Sommerabend war an dem genannten Platze eine Menschengruppe versammelt und horchte aufmerksam auf Will Marks (dies war der Name des Neffen), als derselbe, die Mütze ganz schief auf die Seite gedrückt, den Arm schlau um die Hüfte eines neben ihm sitzenden hübschen Mädchens geschlungen und das Gesicht zu einem komischen Ausdruck, welcher den höchsten Ernst vorstellen sollte, verzogen – mit Gott weiß wie vielen eigenen Ausschmückungen – eine schauderhafte Geschichte vorlas, wie ein Gentleman in Northamptonshire behext und gewaltsam von dem Teufel besessen wurde, welcher nun recht hübsch sein Teufelsspiel mit dem genannten Herrn trieb. John Podgers, in einer hohen, zuckerhutförmigen Kopfbedeckung und einem kurzen Mantel, nahm die gegenüberstehende Bank ein und betrachtete die Zuhörerschaft mit einem gar erbaulich anzusehenden Blicke, in welchem sich Stolz und Entsetzen mischten, während die Umstehenden den Mund aufrissen und die Köpfe rückwärts streckten, zitternd aufhorchten und in höchster Spannung noch schrecklicheren Dingen entgegensahen. Bisweilen hielt Will einen Augenblick inne, um sich sein verwundertes Auditorium zu betrachten, worauf er mit einem noch komischeren Gesichtsausdrucke als früher, indem er sich zugleich behaglich zurechtsetzte und die vorerwähnte junge Dame an sich drückte, irgend ein neues, alles Frühere übertreffendes Wunder vom Stapel laufen ließ.

Die untergehende Sonne goß ihre letzten, goldenen Strahlen auf die kleine Gesellschaft, welche, ganz von ihrer gegenwärtigen Beschäftigung in Anspruch genommen, weder auf die einbrechende Nacht, noch auf die Herrlichkeit achtete, womit der Tag zur Neige ging, als die Hufschläge eines Pferdes, welches sich in raschem Trabe näherte, das Schweigen der Stunde unterbrach und Veranlassung gab, daß der Leser plötzlich inne hielt und die Zuhörer neugierig ihre Köpfe in die Höhe reckten. Die Verwunderung wurde auch nicht im Geringsten vermindert, als ein Reiter auf die Vorhalle zusprengte, plötzlich sein Roß zügelte und fragte, wo ein gewisser John Podgers wohne.

»Hier!« rief ein Dutzend Stimmen, während Dutzend Finger auf den beleibten John deuteten, der sich noch immer in dem Strome des Entsetzens aus der eben gelesenen Flugschrift badete.

Der Reiter gab einem der Umstehenden seine Zügel, stieg ab, und trat, den Hut in der Hand, in großer Hast auf John zu.

»Woher kommt Ihr?« fragte John.

»Von Kingston, Meister John.«

»Und weßhalb?«

»Wegen einer äußerst dringlichen Angelegenheit.«

»Welcher Beschaffenheit?«

»Hexerei.«

»Hexerei!« Jedermann schaute entsetzt auf den athemlosen Boten, und der athemlose Bote betrachtete gleichfalls voll Entsetzen Jedermann – Will Marks ausgenommen, der, als er sich unbemerkt sah, nicht nur die junge Dame abermals an sich zog, sondern ihr auch zwei Küsse aufdrückte. Sicherlich mußte er selbst behext sein, sonst würde er es wohl nicht gethan haben – und die junge Dame gleichfalls, weil sie es sonst unmöglich hätte dulden können.

»Hexerei?« rief Will, um den Ton seines letzten Kusses zu maskiren, der allerdings etwas laut geschallt hatte.

Der Bote wandte sich gegen ihn, wiederholte mit einem finstern Stirnrunzeln und feierlicher als zuvor das zuletzt genannte Wort und entledigte sich sodann seines Auftrags, welcher kürzlich darin bestand:

Die Leute von Kingston waren in den letzten paar Nächten durch grausenvolle Gelage erschreckt worden, welche eine Hexenzunft ungefähr eine Meile von der Stadt unter dem Galgen abgehalten hatte, – eine Thatsache, welche von Wanderern, die zufälligerweise auf Gehörweite an dem Orte vorbei gekommen waren, bezeugt und zu Protokoll angegeben wurde. Der Ton ihrer Stimme bei ihren wilden Orgien war von vielen Personen deutlich gehört worden. Starker Verdacht ruhte auf drei alten Weibern, und den Vorgängen zu Folge war feierlich Rath geschlagen und das Ergebniß erzielt worden, um die Identität der Hexen nachzuweisen, sei es nothwendig, daß eine einzelne Person ganz allein an Ort und Stelle wache. Nun hatte aber Niemand den Muth, sich diesem Wagniß zu unterziehen, und der Bote war daher ausdrücklich abgeschickt worden, John Podgers zu bitten, in der nächsten Nacht das Abenteuer zu bestehen, denn man wisse von ihm, daß er ein gefeietes Leben habe und fest sei gegen jeden unheiligen Zauber.

John nahm diese Mittheilung mit vieler Fassung auf und erklärte in kurzen Worten, daß es ihm ein unaussprechliches Vergnügen gewähren würde, den Bewohnern von Kingston einen so kleinen Dienst zu leisten, wenn er nicht die unglückliche Gewohnheit hätte, allemal gleich einzuschlafen, er habe dieß nie mehr als bei dem gegenwärtigen Anlasse bedauert, aber bei so bewandten Umständen könne natürlich von seiner Beihilfe nicht die Rede sein. Indessen, fuhr er fort, sei ein Gentleman gegenwärtig (er sah dabei einen langen Hufschmied sehr fest an), der, da er sein ganzes Leben der Fertigung von Hufeisen gewidmet habe, gegen jeden Einfluß von Hexerei gestählt sein müsse, und er zweifle nicht, daß derselbe, ein wegen seines Muthes und seiner Gutmüthigkeit bekannter Mann, sich dem Aufträge bereitwillig unterziehen werde. Der Hufschmied dankte höflich für diese gute Meinung, welche er stets zu verdienen sich Mühe geben wollte, fügte übrigens, hinsichtlich der gegenwärtigen ungelegenen Begebenheit bei, er dürfte gar nicht daran denken, sich mit der Sache zu befassen, da sein Ausziehen in einer solchen Absicht sicherlich seinem Weibe, der er, wie männiglich bekannt, zärtlich zugethan sei, augenblicklichen Tod bringen würde. Diese Liebe war nun freilich, wenn man der öffentlichen Stimme Glauben beimessen durfte, etwas verdächtig, denn es ging die Rede, daß der Hufschmied seine Frau etwas stärker zu klopfen pflegte, als es bei zärtlichen Gatten gewöhnlich der Fall ist; demungeachtet aber zollten alle anwesenden Ehemänner seinem Entschlusse den entschiedensten Beifall, indem sie sammt und sonders erklärten, sie wollten zu Hause bleiben, um für die Vertheidigung ihrer gesetzlichen Ehehälfte zu sterben, wenn es nöthig wäre – was aber zum Glück nicht der Fall war.

Sobald sich dieser Erguß von Begeisterung gelegt hatte, begannen sie, wie aus einem gemeinschaftlichen Antriebe, auf Will Marks zu sehen, der, die Mütze weiter als je auf die Seite gedrückt, dasaß und den Vorgängen zuschaute. Man hatte zwar nie öffentlich von ihm gehört, daß er sich ungläubig über Hexerei geäußert hätte, aber man wußte, daß er hin und wieder auf Unkosten derselben Witze gemacht, woraus sich auf seine Freigeisterei schließen ließ, und daß er bei mehreren Anlässen sich vor den Leuten dahin geäußert hatte, er betrachte einen Besenstiel als ein gar unpassendes Reitpferd, das sich insbesondere mit den Würden des weiblichen Charakters durchaus nicht vertrage; auch erinnere man sich mancher anderen freien Bemerkungen, welche er über denselben Gegenstand, zu großer Belustigung seiner wilden Gefährten, preisgegeben hatte.

Während sie so Will ansahen, begannen sie unter sich zu flüstern und zu murmeln, bis endlich einer der Männer rief:

»Warum wendet Ihr Euch nicht an Will Marks?«

Das Gleiche hatten alle bereits vorher im Sinne gehabt, weßhalb sie das Wort erfaßten und im Einklange riefen:

»Ja, warum wendet Ihr Euch nicht an Will?«

»Dem ist's eine Kleinigkeit,« sagte der Hufschmied.

»Freilich, freilich,« fügte eine andere Stimme aus dem Haufen bei.

»Ihr wißt ja, er glaubt nicht daran,« spottete ein kleiner Mann mit einem gelben Gesicht, einer höhnenden Nase und einem Kinn, welches er zwischen dem Arme eines langen Mannes, der vor ihm stand, durchschob.

»Außerdem,« sprach ein Herr mit einem rothen Gesichte und einer heiseren Stimme, »er ist ein lediger Mensch.«

»Ja, das ist's eben!« sagte der Hufschmied.

Und alle verheiratheten Männer murmelten, »ja, das sei es eben, und sie wünschten nur, selbst ledig zu sein; sie wollten ihm dann zeigen, was Muth sei – und zwar bälder als bald.«

Der Bote warf einen bittenden Blick auf Will Marks.

»Es wird eine feuchte Nacht sein, Freund, und meine graue Mähre ist nach dem gestrigen Tagewerk müde –«

Nun erhob sich allgemeines Gekicher.

»Aber,« nahm Will wieder auf, indem er lächelnd um sich schaute, »wenn Niemand Anders bessere Ansprüche geltend macht, etwas für die Ehre der Stadt zu thun, so bin ich Euer Mann, und sollte ich den Marsch zu Fuß machen. In fünf Minuten bin ich im Sattel, wenn ich nicht allenfalls irgend einen Ehrenmann hier um den Ruhm dieses Abenteuers bringe, was ich um alle Welt nicht thun möchte.«

Nun erhob sich aber eine doppelte Schwierigkeit, denn Will's Entschluß wurde nicht nur durch John Podgers mit allen ihm zu Gebote stehenden Worten, deren freilich nicht viel waren, sondern auch durch den ganzen Thränenvorrath der jungen Dame, den man allerdings einen sehr reichlichen nennen konnte, bekämpft. Will ließ sich jedoch nicht abbringen, sondern parirte die Einwürfe seines Onkels mit einem Scherze, und beschwatzte die junge Dame mit drei leisen kurzen Worten zu einem Lächeln. Sobald es klar war, daß er es sich in den Kopf gesetzt hatte, zu gehen, bot ihm John Podgers einige Talismane der ersten Sorte aus seiner eigenen Tasche an, welche er mit gebührender Achtung abzulehnen für gut hielt, und die junge Dame gab ihm einen Kuß, welchen er gleichfalls wieder zurückgab.

»Ihr seht, was es für eine wichtige Sache um den Ehestand ist,« sagte Will, »und wie behutsam und bedächtig sich diese Ehemänner benehmen. Es ist keiner unter ihnen, dessen Seele nicht darnach schmachtete, mir dieses Abenteuer vor der Nase wegzunehmen, und doch hält ein kräftiges Pflichtgefühl sie alle zurück. Die Hausväter dieser einzigen kleinen Stadt sind ein wahres Muster für die ganze Welt; und deßgleichen müssen es auch die Hausfrauen sein, sonst würden sie sich nicht der Hälfte des Einflusses rühmen können, den sie üben.«

Er wartete keine Erwiderung dieser sarkastischen Bemerkung ab, sondern schnippte mit den Fingern und zog sich in das Haus zurück, von wo aus er sich in den Stall begab, während Einige sich beschäftigten, dem Boten Erfrischungen zu reichen, und Andere sein Pferd mit Futter versahen. In weniger als der anberaumten Zeit kehrte Will auf einem andern Wege zurück: er hatte einen guten Mantel über seinem Arm hängen, ein gutes Schwert an seine Seite gegürtet und führte ein gutes Pferd an der Hand, das für die Reise gezäumt war.

»Nun,« sagte Will, indem er mit einem Sprunge im Sattel saß, »auf und davon! Besteigt Euer feuriges Thier, Freund, und kommt mit. Gute Nacht!«

Er küßte die Hand gegen das Mädchen, nickte seinem schläfrigen Onkel zu, schwang gegen die Uebrigen seine Mütze – und hurrah, hopp, hopp ging's weiter, als ob alle Hexen Englands in den Beinen ihrer Pferde stäken. In einer Minute waren sie den Blicken entschwunden.

Die zurückbleibenden Männer schüttelten bedenklich die Köpfe, strichen sich das Kinn und schüttelten abermals ihre weisen Häupter. Der Hufschmied sagte, Will Marks sei gewiß ein guter Reiter, und Niemand könne behaupten, daß er dieß je in Abrede gezogen habe, aber er sei vorschnell, schrecklich vorschnell, und man könne nicht wissen, zu was für einem Ende dieß noch führen werde – warum ging er denn? Das war es, was er eigentlich wissen wollte. Er wünschte dem jungen Menschen nichts Uebles, aber warum ging er? Alle echoeten diese Worte und schüttelten auf's Neue ihre Köpfe, worauf sie John Podgers gute Nacht wünschten und sich nach Hause in ihre Betten verfügten.

Die Bewohner von Kingston lagen schon in ihrem ersten Schlafe, als Will Marks und sein Führer durch die Stadt und vor die Thüre eines Hauses sprengten, wo unterschiedliche bedeutende Würdenträger versammelt waren und ängstlich der Ankunft des berühmten Podgers entgegen sahen. Sie waren allerdings in ihrer Erwartung ein wenig getäuscht, als statt seiner ein heiterer, junger Mann vorsprach; doch machten sie die beste Miene zur Sache und versahen ihn mit ausführlichen Instruktionen, wie er sich hinter dem Galgen verbergen, die Hexen belauschen und nach einer gewissen Zeit hervorbrechen solle, um kräftig unter ihnen herum zu fuchteln, damit man die verdächtigen Personen am andern Tag blutend und völlig überwiesen in ihren Betten abfassen könne. Sie gaben ihm noch außerdem eine Menge heilsame Rathschläge und – was Will noch mehr zusagte – ein gutes Nachtessen. Indessen wies die Uhr stark auf Mitternacht, und sofort machte man sich auf den Weg, um ihm die Stelle zu zeigen, wo er seine schauerliche Nachtwache halten sollte.

Die Nacht war finster geworden und der Himmel brütete Unheil. Man hörte das Rollen fernen Donners und der Wind sauste grausig durch die Bäume. Die Würdenträger der Stadt hielten sich so nahe an Will, daß sie fast bei jedem Tritte ihm auf die Zehen traten, gegen seine Knöchel stolperten oder an seine Fersen anstießen, und außer diesen Unannehmlichkeiten klapperten ihnen die Zähne so kräftig vor Furcht, daß unser Freund glaubte, er werde von einer Castagnetten-Trauermusik begleitet.

Endlich machten sie vor dem Eingange eines öden, einsamen Ortes Halt, zeigten auf einen schwarzen Gegenstand in einiger Entfernung und fragten Will, ob er das dort sehe.

»Ja,« antwortete er. »Was weiter?«

Sie theilten ihm in abgebrochenen Worten mit, daß dieß der Galgen sei, wo er zu wachen habe, wünschten ihm außerordentlich freundlich gute Nacht und eilten so schnell zurück, als sie ihre Füße tragen konnten.

Will ging kühn auf den Galgen zu, und als er unten anlangte und in die Höhe sah, bemerkte er, gewiß zu seiner großen Beruhigung, daß er leer war und daß nichts von dem Balken herunter baumelte, als einige eiserne Ketten, welche, kläglich ächzend, im Winde hin und her pendelten. Nachdem er seinen Standort nach allen Seiten besichtigt hatte, entschloß er sich, seine Stellung so zu wählen, daß er mit dem Gesichte gegen die Stadt schaute, einmal, weil ihm dadurch der Wind in den Rücken kam, und dann, weil ein allenfallsiger Streich oder eine Ueberrumpelung am ehesten von dieser Seite zu erwarten stand. So seine Vorsichtsmaßregeln treffend, hüllte er sich auf eine Art in seinen Mantel, daß der Griff seines Schwertes frei blieb, um gleich benützt werden zu können, lehnte sich gegen den Balken des Galgens, wobei er seine Mütze nicht ganz so schief wie früher auf den Kopf drückte, und nahm seine Stellung für die Nacht ein.


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