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Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Erster Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.net
created20150221
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Master Humphrey's persönliche Abenteuer

Das Raritätenkabinett.

Gewöhnlich wähle ich den Abend zu meinen Spaziergängen. Im Sommer verlasse ich oft früh Morgens mein Haus und streife den ganzen Tag über auf Feldern und Feldwegen umher, ja, ich komme sogar Tage und Wochen lang nicht wieder heim; wenn ich aber nicht auf dem Lande bin, so gehe ich selten vor dem Eintritt der Dunkelheit aus, obgleich ich, dem Himmel sei Dank, das Licht liebe, und mich so gut als irgend ein lebendes Wesen freue, wenn es seine Strahlen lustig über die Erde ergießt.

Dieß wurde mir, ehe ich mich's versah, zur Gewohnheit, sowohl weil es meiner Gebrechlichkeit zu statten kömmt, als weil es mir besser Gelegenheit gibt, Betrachtungen über die Charaktere und Beschäftigungen derjenigen anzustellen, welche die Straße füllen. Das grelle Licht und das Getümmel des hohen Mittags sind für ein so müßiges Treiben wie das meinige nicht geeignet, und ein Blick auf die vorübergehenden Gesichter im Lichte einer Straßenlampe oder eines Ladenfensters entspricht meinem Zwecke oft weit besser, als die volle Entfaltung derselben im hellen Scheine des Tages, ja, um die Wahrheit zu gestehen – die Nacht ist in dieser Hinsicht freundlicher, als der Tag, welcher nur zu oft ohne Umstände und Bedenken ein Luftschloß im Augenblicke der Vollendung zerstört.

Dieses beständige Ab- und Zugehen, diese nie endigende Rührigkeit, diese unablässigen Fußtritte, welche das rauhe Steinpflaster glätten – ist es nicht ein Wunder, wie die Bewohner enger Straßen es nur mit anhören können? Denke man sich einen Kranken zum Beispiel in Sanct Martins Hof, wie er in Mitte seiner Schmerzen und seiner Ermattung auf die Fußtritte horcht, und sich (als wäre es ein ihm auferlegtes Geschäft) abquält, den Tritt des Kindes von dem des Mannes, den Holzschuh des Bettlers von dem Stiefel des Stutzers, das Schlendern des Müssiggängers von dem Auftreten des thätigeren Arbeiters, den trägen Fuß eines Auswürflings von dem raschen Schritte des vergnügungssüchtigen Lebemannes zu unterscheiden – denke man sich das Gesumme und den Lärm, welche stets sein Ohr belästigen, und den Strom des Lebens, der sich ohne Unterlaß dahin wälzt und fort und fort sich sogar durch seine ruhelosen Träume ergießt, als sei er verdammt, todt, aber mit fortlebendem Bewußtsein, auf einem geräuschvollen Kirchhof zu liegen, ohne die Hoffnung zu haben, in den nächsten Jahrhunderten zur Ruhe zu kommen.

Dann das hin und her wogende Gedränge auf den Brücken (wenigstens auf denjenigen, wo kein Zoll bezahlt wird), auf denen Viele an schönen Abenden Halt machen und sorglos nach dem Wasser hinunter sehen – mit irgend einem unbestimmten Begriffe, daß es zwischen grünen Ufern hinfließe, welche allmählig weiter und weiter werden, bis es sich endlich mit dem großen weiten Meere vereinigt – wo einige stille stehen, um unter ihrer schweren Last auszuruhen und, wenn sie über die Böschung hinuntersehen, denken, es müsse ein ungetrübtes Glück sein, in jener trägen Barke sein Leben durch rauchen, schlendern und auf der heißen, getheerten Leinwand in der Sonne schlafen zu dürfen – und wo Einige von einer ganz andern Klasse, mit weit schwereren Lasten, als die der vorigen, inne halten, und sich erinnern, wie sie in früheren Zeiten gehört oder gelesen haben, das Ertrinken sei kein harter Tod, und jedenfalls die leichteste und beste Art, dem Leben ein Ende zu machen.

Dann der Covent-Garden-Markt im Frühling oder Sommer, wenn der Duft würziger Blumen die Luft erfüllt, welcher sogar die unbequemen Dünste der letzten Nachtschwärmereien überwältigt und die schwärzliche Drossel, deren Käfig die ganze Nacht vor dem Fenster eines Dachstübchens hing, halb toll vor Freude macht! Armer Vogel! Einziges Nachbarwesen, welches wenigstens einigermaßen verwandt ist mit den anderen kleinen Gefangenen, den Blumen, die zum Theil, welk geworden in den heißen Händen trunkener Käufer, bereits auf den Straßen liegen, während andere, gesotten von der engen Berührung mit dem Gedränge, der Zeit harren, wann sie, mit Wasser begossen, wieder neu aufleben können, um einer nüchterneren Gesellschaft Freude zu machen, und die alten Kaufmannsdiener, welche auf ihrem Geschäftswege vorüber gehen, in Verwunderung zu setzen, was wohl ihre Brust mit Visionen von Landleben erfüllt haben möge.

Es ist übrigens vorderhand nicht mein Zweck, mich allzuweit über meine Spaziergänge zu verbreiten; denn ich habe im Sinne, ein Abenteuer zu erzählen, auf das ich je zuweilen zurückkommen muß. Es ist das Ergebniß einer dieser Streifzüge, weshalb ich mich veranlaßt sah, derselben gewissermaßen als einer Einleitung zu erwähnen.

Eines Abends ging ich in der City umher, und spazierte, wie gewöhnlich, langsam weiter, über viele Dinge nachdenkend, als ich durch eine Frage angehalten wurde, die zwar kaum mein Ohr erreichte, aber doch an mich gerichtet zu sein schien: der Ton der Stimme war so weich und sanft, daß sie einen gar angenehmen Eindruck auf mich machte. Ich wandte mich rasch um und bemerkte an meiner Seite ein hübsches kleines Mädchen, welches mich bat, ihr den Weg nach einer gewissen Straße in ziemlicher Entfernung – ja, sogar in einem ganz andern Stadttheile – anzugeben.

»Kind, das ist ein langer Weg von hier aus,« sagte ich.

»Ich weiß das, Sir,« versetzte sie schüchtern. »Ich fürchte, es ist ein sehr langer Weg, denn ich komme diesen Abend von dort her.«

»Allein?« fragte ich etwas überrascht.

»O ja; der Weg macht mir nichts aus; aber jetzt bin ich ein wenig in Angst, denn ich habe die Richtung verloren.«

»Und was veranlaßt dich, mich zu fragen? Angenommen, ich gäbe dir eine falsche Weisung?«

»Ich bin überzeugt, daß Sie dieß nicht thun werden,« erwiederte das kleine Geschöpf. »Sie sind schon ein sehr alter Herr und gehen selbst so langsam.«

Ich kann nicht beschreiben, welchen Eindruck diese Berufung und die Energie, womit sie gemacht wurde, auf mich übte: denn eine Thräne stand in dem klaren Auge des Kindes und ihre leichte Gestalt zitterte, als sie mir in's Gesicht sah.

»Komm,« sagte ich; »ich will dich hinführen.«

Sie legte ihre Hand so vertrauensvoll in die meinige, als ob sie mich von der Wiege an gekannt hätte, und so gingen wir mit einander weiter. Das kleine Wesen richtete seinen Schritt nach dem meinigen, und schien eher mich zu leiten und für mich Sorge zu tragen, als unter meinem Schutze zu stehen. Ich bemerkte, daß sie hin und wieder verstohlen einen neugierigen Blick nach meinem Gesichte warf, als suche sie sich zu überzeugen, daß ich sie nicht täusche, und diese Blicke, die noch obendrein sehr scharf und spähend waren, schienen ihre Zuversicht mehr und mehr zu erhöhen.

Was mich anbelangt, so war meine Neugierde und mein Interesse wenigstens denen des Kindes gleich, denn ein Kind war sie sicherlich, obgleich ich es aus dem, was ich aus ihr zu machen wußte, für wahrscheinlich hielt, daß auch noch die kleine, zarte Gestalt ihrem Aeußern etwas eigenthümlich Jugendliches verlieh. Sie war zwar ziemlich dürftig, aber doch nett und reinlich gekleidet, und keine Spur deutete auf Armuth oder Verwahrlosung.

»Wer hat dich denn allein einen so weiten Weg geschickt?« fragte ich.

»Jemand, der sehr gütig gegen mich ist, Sir.«

»Und was wurde dir für ein Geschäft aufgetragen?«

»Das darf ich nicht sagen,« erwiederte das Kind mit Festigkeit.

Es lag etwas in der Weise dieser Entgegnung, was mich veranlaßte, das kleine Wesen mit einem unwillkürlichen Ausdruck der Ueberraschung anzusehen, denn ich wunderte mich, was für ein Auftrag es wohl sein mochte, der sie auf eine solche Frage vorbereitet hatte. Ihr schneller Blick schien meine Gedanken zu lesen, denn als er dem meinigen begegnete, fügte sie bei, es liege nichts Unrechtes in dem, was sie gethan habe, aber es sei ein großes Geheimniß – ein Geheimniß, von dem sie selbst nicht einmal etwas wisse.

Sie sprach dieß ohne irgend einen Ausdruck von Verschmitztheit oder Arglist, sondern mit einer unverdächtigen Freimüthigkeit, welche das Gepräge der Wahrheit an der Stirn trug. Sie ging, wie früher, neben mir her und wurde im Verlaufe unseres Spazierganges immer zutraulicher. Wir führten unterwegs ein heiteres Gespräch, aber sie sagte nichts Weiteres von ihrer Heimath, als daß wir einen ganz neuen Weg gingen, wobei sie fragte, ob es ein kürzerer wäre.

Während unseres Ganges beschäftigte sich mein Geist mit hundert verschiedenen Lösungen dieses Räthsels, welche ich jedoch alle wieder verwarf. Uebrigens schämte ich mich, von der Freimüthigkeit und dem dankbaren Gefühle des Kindes Vortheil zu ziehen, um meine Neugierde zu befriedigen. Ich liebe solch' kleines Volk, und es ist nichts Geringes, wenn sie, die so frisch aus der Hand Gottes kommen, uns lieben. Da ihr Vertrauen mir gleich von Anfang an Freude gemacht hatte, so beschloß ich, es zu verdienen und der Natur Ehre zu machen, welche die Kleine veranlaßt hatte, auf mich zu bauen.

Es war indeß kein Grund vorhanden, warum ich es vermeiden sollte, die Person zu sehen, welche unüberlegter Weise das Mädchen allein und bei Nacht so weit wegschicken konnte, und da es wohl kommen mochte, daß sie in den Nähe ihrer Wohnung mich verabschiedete und mich der Gelegenheit dazu beraubte, so wählte ich, mit Umgehung der besuchtesten Straßen, die verwickelteren, in Folge deß sie erst wußte, wo sie war, als wir in der gewünschten anlangten. Sie schlug freudig ihre Hände zusammen, eilte mir eine Strecke voraus, und blieb vor einer Thür stehen, ohne jedoch früher zu klopfen, als bis ich ihr nachgekommen war.

Ein Theil dieser Thüre bestand aus Glasscheiben, die durch keinen Laden geschützt waren. Ich bemerkte dieß anfangs nicht, denn es war innen sehr dunkel und still, und ich sah etwas ängstlich (bei dem Kinde war es der gleiche Fall) einer Antwort auf unser Klopfen entgegen. Als sie ihr Pochen einige Male wiederholt hatte, vernahm ich ein Geräusch, wie wenn sich Jemand innen bewege, und endlich blinkte ein schwaches Licht durch die Glasscheiben, in dessen Scheine – es kam nämlich sehr langsam näher, da der Träger desselben sich durch viele umherliegende Gegenstände durcharbeiten mußte – ich sowohl die sich nähernde Person, als den Ort, durch welchen dieselbe kam, beobachten konnte.

Es war ein kleiner alter Mann mit langen grauen Haaren, dessen Gesicht und Gestalt ich deutlich unterscheiden konnte, da er das Licht über dem Haupte emporhielt und im Näherkommen vor sich nieder sah. Obgleich er durch das Alter sehr verändert sein mochte, so glaubte ich doch in seinem schmalen und schlanken Aeußeren etwas von der zarten Form zu bemerken, die mir an dem Kinde aufgefallen war. Die glänzenden blauen Augen waren sicherlich dieselben, aber sein Antlitz zeigte so tiefe Furchen und Spuren von Kummer, daß hier alle Aehnlichkeit aufhörte.

Das Local, durch welches er sich ganz gemächlich seinen Weg bahnte, war einer jener Aufbewahrungsorte alter, merkwürdiger Gegenstände, welche sich in die verborgensten Winkel dieser Stadt zu verkriechen und ihre dumpfigen Schätze mißtrauisch und eifersüchtig vor dem Auge der Oeffentlichkeit zu verstecken scheinen. Reihen von Panzern standen da und dort, wie Gespenster in Waffenrüstungen, fantastisches Schnitzwerk aus Mönchsklöstern, rostige Waffen aller Art, verzerrte Figuren aus Porcellan, Holz, Eisen und Elfenbein, Tapeten und seltsames Möbelwerk, wie es Einem nur Träume vorzuführen im Stande sind. Das schmächtige Aeußere des kleinen Mannes stimmte wunderbar mit dem Orte zusammen; es war, als hätte er unter alten Kirchen, Gräbern und verlassenen Häusern umhergewühlt und alle seine Seltenheiten eigenhändig zusammengelesen. In der ganzen Sammlung war nichts, was nicht zu ihm gepaßt hätte, nichts, was älter oder abgenützter aussah, als er selbst.

Während er den Schlüssel im Schloß umdrehte, betrachtete er mich mit einigem Erstaunen, welches keineswegs gemindert wurde, als er von mir auf meine kleine Begleiterin blickte. Die Thüre ging auf; das Kind redete ihn als Großvater an und erzählte ihm die kurze Geschichte unserer Bekanntschaft.

»Ei du mein Gott, Kind,« sagte der alte Mann, indem er das Mädchen auf den Kopf pätschelte, »wie konntest du nur deinen Weg verfehlen? »Wie, wenn ich dich verloren hätte, Nell?«

»Ich würde meinen Weg wohl zu Ihnen zurück gefunden haben, Großvater,« versetzte das Kind beherzt. »Haben Sie um mich keine Sorge.«

Der alte Mann küßte sie, wandte sich dann an mich und bat mich, einzutreten, was ich auch that. Die Thüre wurde zugemacht und abgeschlossen. Der Alte ging mit dem Lichte voran und führte mich über den Platz, den ich bereits von außen gesehen hatte, nach einem kleinen Hinterzimmer, in welchem eine andere Thüre die Verbindung mit einer Art von Kabinet vermittelte; in diesem stand ein Bettchen, worin um seiner Kleinheit und Nettigkeit willen eine Fee hätte schlafen können. Das Kind nahm ein Licht, huschte in das kleine Gemach und ließ den alten Mann bei mir allein.

»Sie werden wohl müde sein, Sir,« sagte er, indem er einen Stuhl an das Feuer rückte. »Wie kann ich Ihnen meinen Dank bezeugen?«

»Wenn Sie ein Andermal für Ihre Enkelin mehr Sorge tragen, mein guter Freund,« versetzte ich.

»Mehr Sorge tragen?« entgegnete der alte Mann mit schriller Stimme. »Mehr Sorge tragen für Nelly? Wer hätte wohl je ein Kind mehr geliebt, als ich Nell liebe?«

Er sprach dieß mit so augenfälligem Erstaunen, daß ich in der Verwirrung nicht wußte, was ich ihm antworten sollte, um so mehr, da sich mit der Schwäche und Unstätigkeit in seinem Wesen Spuren tiefer und ängstlicher Gedanken paarten, welche mich überzeugten, daß er sich nicht, wie ich anfangs glauben zu müssen vermeinte, in einem Zustande von kindischer Altersschwäche befand.

»Ich glaube nicht, daß Sie die geeignete Rücksicht –« begann ich.

»Wie, nicht die geeignete Rücksicht?« unterbrach mich der alte Mann. »Ich sollte nicht die nöthige Rücksicht auf sie nehmen? Ach, wie wenig kennen Sie die Wahrheit. Kleine Nelly, kleine Nelly!«

Es wäre Niemand möglich, möchte nun seine Redeform sein, welche sie wollte, mehr Innigkeit auszudrücken, als in diesen vier Worten des Raritätenkrämers lag. Ich wartete, bis er fortfahren würde, aber er stützte sein Kinn auf die Hand, schüttelte einige Male den Kopf und heftete seine Augen auf das Feuer.

Während wir so schweigend dasaßen, that sich die Thüre des Kabinets auf und das Kind kehrte zurück: ihr lichtbraunes Haar hing los um ihren Nacken, und die Glut ihres Gesichts bekundete, wie sehr sie sich beeilt hatte, um wieder zurückzukommen. Sie schickte sich nun an, ein Nachtessen zu bereiten, und während dieß geschah, bemerkte ich, daß der alte Mann die Gelegenheit wahrnahm, mich schärfer, als er bisher gethan hatte, in's Auge zu fassen. Ich war überrascht, als ich sah, daß diese ganze Zeit über Alles durch das Kind gethan wurde, und daß außer uns keine weiteren Personen in dem Hause zu sein schienen. Sobald sie einen Augenblick das Zimmer verließ, benutzte ich den Anlaß, über diesen Punkt einen Wink fallen zu lassen, worauf der alte Mann erwiederte, es gebe nur wenige erwachsene Personen, welche so zuverlässig und sorgsam seien, wie sie.

»Es thut mir immer weh,« bemerkte ich, etwas gereizt durch eine anscheinende Selbstsucht, »es thut mir immer weh, wenn ich sehe, daß man Kinder in die Mühen des Lebens einführt, die kaum dem Leitbande entwachsen sind. Es beeinträchtigt ihre Zutraulichkeit und Einfalt – zwei der schönsten Eigenschaften, die ihnen der Himmel geschenkt hat, und legt ihnen einen Theil unserer Sorgen auf, ehe sie im Stande sind, auf unsere Freuden einzugehen.«

»Es wird keine der ihrigen schmälern,« erwiederte der alte Mann mit einem festen Blicke aus mich; »die Quellen sind zu tief. Außerdem, die Kinder des Armen wissen nur wenig von Vergnügen. Selbst die wohlfeilsten Freuden der Kindheit müssen gekauft und bezahlt werden.«

»Aber – ich bitte um Verzeihung, daß ich so spreche – Sie sind doch gewiß nicht so gar arm?« – sagte ich.

»Sie ist nicht mein Kind, Sir,« versetzte der alte Mann, »Ihre Mutter war arm, und sie war es gleichfalls. Ich habe nichts übrig – nicht einen Penny – obgleich ich lebe, wie Sie sehen – aber –« er legte dabei seine Hand auf meinen Arm und beugte sich flüsternd vorwärts – »sie soll eines Tages reich und eine vornehme Dame werden. Denken Sie nicht schlimm von mir, weil ich mich ihrer Beihülfe bediene. Sie sehen, daß sie es gerne thut, und es würde ihr das Herz brechen, wenn sie wüßte, daß ich mir durch Andere das thun ließe, was ihre kleinen Hände zu leisten vermögen. Ich keine Rücksicht auf sie nehmen!« – er rief dieß plötzlich in einem klagenden Tone. »Ach, Gott weiß, daß dieses Kind der einzige Gedanke und Zweck meines Lebens ist; und dennoch läßt er es mir nie glücken – nein, nie.«

Nach dieser Wendung kam der Gegenstand unseres Gesprächs zurück, und der alte Mann winkte mir, näher an den Tisch zu rücken, indem er zugleich abbrach und fortan schwieg.

Wir hatten kaum unser Mahl begonnen, als sich ein Klopfen an derselben Thüre, durch welche ich hereingekommen war, vernehmen ließ, und Nelly brach in ein herzliches Lachen aus, welches ich nicht ungerne hörte, denn es war so kindlich und voll Heiterkeit; dann sagte sie, es wäre ohne Zweifel der liebe alte Kit, welcher endlich zurückkäme.

»Närrische Nell,« sagte der alte Mann, indem er mit ihren Haaren spielte. »Sie lacht immer über den armen Kit.«

Das Kind lachte abermals und noch herzlicher als zuvor, und ich konnte mich nicht enthalten, aus reiner Sympathie mitzulächeln. Der kleine alte Mann ergriff ein Licht und entfernte sich, um die Thüre zu öffnen. Als er zurückkam, folgte ihm Kit auf der Ferse.

Kit war ein stutzköpfiger, latschbeiniger, linkischer Bursche mit einem ungewöhnlich weiten Munde, sehr rothen Backen, aufgestülpter Nase und gewiß dem komischsten Gesichtsausdrucke, den ich je gesehen hatte. Als er sah, daß ein Fremder zugegen war, machte er an der Thüre Halt, drillte in der Hand einen ganz runden, alten Hut, ohne die Spur von einer Krämpe, ruhte in beständigem Wechsel bald auf dem einen, bald auf dem andern seiner Beine, und sah von der Schwelle aus mit dem merkwürdigsten Schielblicke, der mir jemals vorkam, in die Stube. Von diesem Augenblicke an erwachte in meinem Innern ein dankbares Gefühl gegen diesen Jungen, denn es war mir klar, daß er das Lustspiel in dem Leben des Kindes bildete.

»Ein langer Weg, Kit – nicht wahr?« sagte der kleine alte Mann.

»Ei freilich, es war eine ziemliche Strecke, Herr,« entgegnete Kit.

»Hast du das Haus leicht aufgefunden?«

»Je nun, nicht allzu leicht, Herr,« versetzte Kit.

»Du wirst natürlich mit einem hungrigen Magen zurückkommen?«

»Ei freilich, es ist mir fast, als ob es so wäre,« lautete die Antwort.

Der Junge hatte eine merkwürdige Art an sich, beim Sprechen seitwärts zu stehen und den Kopf über die Achsel vorwärts zu schieben, als ob er ohne diese begleitende Gestikulation nicht zum Gebrauch seiner Stimme kommen könne. Ich glaube, er würde überall Heiterkeit veranlaßt haben, aber die ungemeine Freude des Kindes über diese Wunderlichkeit, und der Trost, welcher darin lag, daß an einem Orte, welcher so wenig für die Kleine zu passen schien, doch etwas aufgefunden werden konnte, was ihre Heiterkeit erregte, waren ganz unwiderstehlich. Als einen wichtigen Punkt darf man es auch betrachten, daß Kit selbst sich durch die Stimmung, welche er veranlaßte, geschmeichelt fühlte, denn nach mehreren fruchtlosen Bemühungen, seinen Ernst zu bewahren, brach er in ein schallendes Gelächter aus, wobei er den Mund von einem Ohre bis zum andern verzog, während seine Augen fast ganz zu verschwinden drohten.

Der alte Mann war wieder in seine frühere Zerstreutheit zurückgesunken, und achtete auf Nichts, was vorging. Ich bemerkte jedoch, daß des Kindes leuchtende Augen, als sein Lachen vorüber war, von Thränen verdunkelt wurden, hervorgerufen aus der Fülle des Herzens, mit der sie den ungeschlachten Liebling bewillkommnete. Was Kit selbst anbelangt (dessen Gelächter die ganze Zeit über von der Art war, daß es sich nicht leicht von einem Schreien unterscheiden ließ), so trug er ein großes Stück Brod und Fleisch, nebst einem Kruge Bier, in einen Winkel und schickte sich an, über sein Mahl mit der Gier eines Wolfes zu verfügen.

»Ach,« sagte der alte Mann mit einem Seufzer, indem er sich gegen mich kehrte, als ob ich ihn eben erst angeredet hätte, »Sie wissen nicht, was Sie sagen, wenn Sie behaupten, daß ich keine Rücksicht auf sie nehme.«

»Sie müssen kein so großes Gewicht auf eine Bemerkung legen, die nur in einer oberflächlichen Ansicht ihren Grund hatte, mein Freund,« entgegnete ich.

»Nein,« versetzte der alte Mann gedankenvoll, »nein. Komm hieher, Nell.«

Das Mädchen verließ eilig ihren Sitz und schlang ihren Arm um seinen Hals.

»Liebe ich dich, Nell?« sprach er. »Sage – liebe ich dich, Nell, oder liebe ich dich nicht?«

Das Kind antwortete blos durch Liebkosungen und legte das Köpfchen an seine Brust.

»Warum schluchzest du?« sagte der Großvater, indem er sie näher an sich zog und auf mich blickte. »Ist's vielleicht, weil du weißt, daß ich dich liebe, und weil du es nicht gern hast, daß ich es durch meine Frage zu bezweifeln scheine? Nun, nun – dann laß uns sagen, daß ich dich innig liebe.«

»O gewiß, gewiß, das thun Sie,« versetzte das Kind mit großem Eifer. »Kit kann es bezeugen.«

Kit, welcher in Versorgung seines Brodes und Fleisches bei jedem Mundvoll mit der Kaltblütigkeit eines Taschenspielers zwei Drittheile seines Messers verschluckte, hielt bei dieser Berufung in seinen Operationen inne und schrie: »Niemand ist ein solcher Narr, es in Abrede zu ziehen,« wodurch er sich für eine weitere Unterhaltung dadurch unfähig machte, daß er sich mit einer gewaltigen Butterschnitte, welche er auf einmal hineinschob, den Mund stopfte.

»Sie ist jetzt arm,« – sagte der alte Mann, indem er das Kind auf die Wange klopfte; »aber ich wiederhole es, die Zeit wird kommen, wo sie reich sein wird. Es steht freilich lange an, aber sie kann unmöglich ausbleiben. Ist sie ja doch für Andere gekommen, die nichts thun, als schwelgen und schlemmen. Wann wird sie für mich kommen?«

»Ich bin ganz glücklich so, wie ich bin, Großvater,« sagte das Kind.

»Bst, bst!« versetzte der alte Mann, »du versteht es nicht – wie könntest du es verstehen?« Dann murmelte er wieder zwischen den Zähnen: »die Zeit muß kommen – gewiß, sie kann nicht ausbleiben. Nur um so besser, wenn es später eintrifft.«

Dann seufzte er, und fiel in seinen früheren gedankenvollen Zustand zurück, wobei er das Kind noch immer zwischen seinen Knieen hielt und für die ganze Umgebung unempfindlich zu sein schien.

Inzwischen war die Zeit vorgerückt, so daß nur wenige Minuten bis Mitternacht fehlten. Als ich aufstand, um mich zu entfernen, erwachte er aus seinen Träumen.

»Noch einen Augenblick, Sir,« sagte er. »Was soll das, Kit – fast Mitternacht, und du noch hier? Geh' nach Hause, geh' nach Hause, und sei morgen zur Zeit da, denn es gibt Arbeit. Gute Nacht! Gib ihm gute Nacht, Nell, und laß ihn gehen.«

»Gute Nacht, Kit,« sagte die Kleine, und ihre Augen blitzten von Lust und Freundlichkeit.

»Gute Nacht, Miß Nell,« erwiederte der Junge.

»Und bedanke dich bei diesem Herrn,« fiel der alte Mann ein; »denn ohne seine Sorgfalt wäre heute Nacht mein kleines Mädchen verloren gegangen.«

»Nein, nein, Herr,« versetzte Kit, »das ist nichts, das ist nichts.«

»Was willst du damit sagen?« entgegnete der alte Mann.

»Ich würde sie aufgefunden haben, Herr,« antwortete Kit; »ich würde sie aufgefunden haben. Ich wollte wetten, daß ich sie auffände, wenn sie noch über dem Boden wäre; ja, das wollte ich, und so schnell als irgend Einer, Herr. Ha, ha, ha!«

Kit's Mund öffnete sich auf's Neue, während sich seine Augen versteckten, und wie ein Stentor lachend, zog er sich rücklings nach der Thüre zurück, wo er laut hinausbrüllte.

Sobald der Junge aus dem Zimmer war, zögerte er nicht länger, das Haus zu verlassen. Als nach seiner Entfernung das Kind den Tisch abräumte, sagte der alte Mann:

»Ich kann Ihnen wohl nicht genug danken für das, was Sie diesen Abend an mir gethan haben; aber mein demüthiger Dank kommt aus dem Grunde meines Herzens, und auch bei ihr ist es der Fall, obgleich der ihrige mehr werth ist, als der meinige. Es thäte mir leid, wenn Sie mit dem Glauben fortgingen, ich wüßte Ihre Güte nicht zu schätzen oder vernachlässigte das Mädchen – nein, ein solcher Vorwurf kann mich sicher nicht treffen.«

»Nach dem, was ich gesehen,« versetzte ich, »bin ich vollkommen überzeugt davon. Aber« – fügte ich bei – »ich möchte noch etwas fragen.«

»Und das wäre, Sir?« erwiederte der alte Mann.

»Dieses zarte Mädchen mit so viel Schönheit und Verstand« – fuhr ich fort – »hat sie Niemand, der für sie Sorge trägt, als Sie? Hat sie keinen andern Gefährten oder Berather?«

»Nein,« entgegnete er, ängstlich mir in's Gesicht blickend; »nein, auch bedarf sie keines andern.«

»Aber fürchten Sie nicht,« sagte ich, daß Sie sich in einer so zarten Aufgabe versehen könnten? Ich bin überzeugt, daß Ihre Absicht gut ist, aber wissen Sie auch ganz gewiß, daß Sie einer derartigen Verpflichtung gewachsen sind. Ich bin ein alter Mann, wie Sie, und fühle die Sorge eines alten Mannes um das, was jung und vielversprechend ist. Glauben Sie nicht, daß das, was ich heute Nacht von Ihnen und diesem kleinen Wesen gesehen habe, mir ein Interesse einflößen muß, welches nicht ganz frei von schmerzlichen Empfindungen ist?«

»Sir,« versetzte der alte Mann nach einem augenblicklichen Schweigen, »ich habe kein Recht, mich durch ihre Worte gekränkt zu fühlen. Es ist wahr, daß ich in vielen Beziehungen das Kind bin, während sie die Erwachsene ist – Sie haben das bereits selbst gesehen. Aber wachend oder schlafend, bei Tag oder Nacht, in gesunden oder kranken Tagen ist sie der einzige Gegenstand meiner Sorge – und wenn sie wüßten, welcher Sorge, so würden Sie mich sicherlich mit ganz andern Augen betrachten. Ach, es ist ein mühsames Leben für einen alten Mann – ja, ein sehr, sehr mühsames Leben; doch es gilt, ein großes Ziel zu erringen, und das ist es, was ich nie aus dem Auge verliere.«

Als ich bemerkte, daß er in einem Zustande von großer Aufregung und Ungeduld war, so wandte ich mich um, in der Absicht, meinen Ueberrock anzuziehen, welchen ich am Eingänge des Zimmers abgelegt hatte, – entschlossen, kein Wort mehr darüber zu verlieren. Ich war jedoch nicht wenig überrascht, als ich das Kind geduldig, mit einem Mantel auf dem Arm und einem Hut und Stock in den Händen, an der Thüre stehen sah.

»Dieß gehört nicht mir, meine Liebe,« sagte ich.

»Nein,« versetzte das Kind ruhig; »es gehört dem Großvater.«

»Aber er wird doch nicht heute Nacht noch ausgehen?«

»O ja, das wird er,« sagte das Kind mit einem Lächeln.

»Und was wird aus dir, mein artiges Kind?«

»Aus mir? Ich bleibe natürlich hier. Es geschieht immer so.«

Ich blickte erstaunt auf den alten Mann; aber er war mit dem Ordnen seines Anzugs beschäftigt, oder that wenigstens dergleichen. Von ihm sah ich wieder auf die leichte, zarte Gestalt des Kindes zurück. Allein! – an diesem düsteren Orte die ganze lange, traurige Nacht!

Sie schien mein Erstaunen nicht zu bemerken, sondern half heiter dem alten Manne den Mantel anlegen, und nahm, als er fertig war, ein Licht, um uns vorzuleuchten. Als sie bemerkte, daß wir nicht folgten, wie sie erwartet hatte, sah sie mit einem Lächeln zurück und harrte unserer. Das Gesicht des alten Mannes zeigte deutlich, daß er meine Zögerung verstand, aber er deutete mir blos durch eine Neigung des Kopfes an, daß ich voranspazieren möchte und blieb stumm. Ich hatte keine andere Wahl, als zu willfahren.

Als wir die Thüre erreichten, stellte das Kind den Leuchter nieder, schickte sich an, sich von uns zu verabschieden, und erhob ihr Köpfchen, um mich zu küssen. Dann eilte sie auf den alten Mann zu, der sie umarmte und Gottes Segen auf sie herabwünschte.

»Schlaf wohl, Nell,« sagte er mit gedämpfter Stimme. »Mögen die Engel an deinem Bette wachen. Vergiß dein Gebet nicht, meine Liebe.«

»Nein, gewiß nicht,« antwortete das Kind mit Wärme; »ich fühle mich so glücklich darauf.«

»Recht so; ich weiß, daß es so ist und so sein muß,« entgegnete der alte Mann. »Gott segne dich tausendmal. Morgen früh werde ich wieder zurückkommen.«

»Sie brauchen nicht zweimal zu läuten,« erwiederte das Kind. »Die Klingel wird mich wecken, selbst wenn ich mitten im Träumen bin.«

Mit diesen Worten trennten sie sich. Das Kind öffnete die Thüre, welche jetzt durch einen Laden geschützt war (ich hatte gehört, wie der Junge, ehe er das Haus verließ, denselben vorgelegt hatte) und nach einem weitern Lebewohl, dessen hellen und klaren Ton ich mir seitdem zu tausendmalen vergegenwärtigt habe, harrte sie, bis wir hinausgegangen waren. Der alte Mann blieb einen Augenblick stehen, während sie von innen leise die Thüre verschloß und verriegelte, und sobald dieß zu seiner Zufriedenheit geschehen war, ging er langsam weiter. An der Straßenecke machte er Halt, betrachtete mich mit einem unruhigen Gesichte und sagte, unsere Wege seien sehr verschieden, weßhalb er hier Abschied nehmen müsse. Ich hatte noch Manches auf dem Herzen, aber er eilte mit einer Behendigkeit weiter, die ich von einem Manne seines Aeußeren nicht erwartet hätte. Ich konnte sehen, daß er noch zwei- oder dreimal zurückblickte, als wolle er sich überzeugen, ob ich ihm noch immer nachschaue, vielleicht aber auch, um sich zu vergewissern, daß ich ihm nicht in der Entfernung folge. Die Dunkelheit der Nacht begünstigte sein Verschwinden und seine Gestalt war mir bald aus dem Auge.

Ich blieb an der Stelle stehen, wo er von mir geschieden, ohne eigentlich zu wissen, warum ich es that. Gedankenvoll blickte ich in die Straße, die wir eben verlassen hatten, und nach einer Weile lenkte ich meine Schritte dahin zurück. Ich ging einige Male an dem Hause auf und ab, machte Halt und horchte an der Thüre; Alles war dunkel und still wie ein Grab.

Demungeachtet weilte ich noch und konnte mich nicht losreißen, indem ich mir alles mögliche Ungemach vergegenwärtigte, welches dem Kinde widerfahren könnte. Ich dachte an Feuer, Räuber, sogar an Mord, und es war mir, als müßte etwas Arges folgen, wenn ich der Stelle den Rücken kehrte. Jedes Schließen einer Thüre oder eines Fensters brachte mich auf's Neue vor die Behausung des Raritätenkrämers. Ich ging über den Weg und sah an dem Gebäude hinauf, um mich zu überzeugen, daß der Ton nicht von dorther gekommen sei. Nein – da war Alles schwarz, kalt und leblos, wie zuvor.

Nur wenige Spätlinge waren noch unterwegs; die Straße war traurig und unheimlich und gehörte so ziemlich mir allein an. Etliche Personen, die aus einem Theater zurückkamen, eilten an mir vorbei, und hin und wieder trat ich etwas bei Seite, um irgend einem lärmenden, nach Hause wankenden Trunkenbold aus dem Wege zu gehen; doch kamen diese Unterbrechungen selten vor und hörten bald ganz und gar auf: die Glocken schlugen Eins. Noch immer ging ich auf und ab, jeden Augenblick im Begriffe, mich zu entfernen, aber stets wieder mein Vorhaben aufgebend, indem ich mich durch einen neuen Vorwand beschwichtigte.

Je mehr ich über die Worte des alten Mannes, seine Blicke und sein ganzes Benehmen nachdachte, desto weniger konnte ich mir Alles, was ich gehört und gesehen hatte, erklären. Eine unheimliche Ahnung beschlich mich, daß seine nächtliche Abwesenheit nichts Gutes erzwecke. Nur die Unschuld des Kindes hatte mich in die Thatsache eingeweiht, und obgleich der alte Mann zugegen war und mein unverhehltes Erstaunen bemerkte, so hatte er doch den Schleier des Geheimnisses über die Sache geworfen und kein Wort der Erklärung gesprochen. Diese Betrachtungen riefen mir natürlich sein abgezehrtes Gesicht, sein unstätes Benehmen und seine fortwährend ängstlichen Blicke lebhafter als je in's Gedächtniß. Seine Liebe zu dem Kinde konnte sich möglicher Weise wohl mit einer Büberei der schlimmsten Art vertragen; selbst diese Liebe war an sich selbst ein ungemeiner Widerspruch – wie hätte er sie sonst verlassen können? Ich war einmal aufgelegt, Schlimmes von ihm zu denken, und so mochte ich auch nicht an die Aufrichtigkeit seiner Liebe glauben. Und doch konnte ich diesem Gedanken nicht Raum geben, wenn ich mich erinnerte, was zwischen uns vorgefallen war – wenn ich mir den Ton vergegenwärtigte, womit er ihren Namen rief.

»Ich bleibe natürlich hier,« hatte das Kind als Antwort auf meine Frage gesagt; »es geschieht immer so.« Was konnte ihn des Nachts aus dem Hause führen – und noch obendrein jede Nacht? Ich rief mir all' die wunderlichen Sagen in's Gedächtniß, die ich je von finstern und geheimen Thaten gehört hatte, welche in großen Städten begangen und eine lange Reihe von Jahren nicht entdeckt worden waren. So fantastisch auch viele dieser Geschichten waren, so konnte ich doch nicht eine finden, welche eine Aehnlichkeit mit dem gegenwärtigen Falle gehabt hätte und das Ganze wurde mir nur um so räthselhafter, je mehr ich mich um einen Aufschluß abmühte.

Mit solchen und einer Menge ähnlicher Gedanken beschäftigt, fuhr ich fort, zwei lange Stunden in der Straße auf und ab zu gehen. Endlich begann ein schwerer Regen niederzufallen, und von Ermattung überwältigt, obgleich mein Interesse ungemindert blieb, miethete ich die nächste Kutsche, um mich nach Hause bringen zu lassen. Ein lustiges Feuer prasselte auf dem Herde, die Lampe brannte schnell, meine Uhr empfing mich mit ihrem alten, traulichen Bewillkommnungsgruße; Alles war ruhig, warm, behaglich und in einem erfreulichen Gegensätze zu dem unheimlichen Dunkel, das ich eben verlassen hatte.

Doch die ganze Nacht über, im Wachen und Schlafen, kehrten stets dieselben Gedanken wieder zurück und die gleichen Bilder beschäftigten mein Gehirn. Immer standen die alten, finstern, düstern Stuben – die Reihe von Harnischen mit ihrem gespenstig-stummen Aussehen – die schielenden Gesichter, die mich aus dem Holze und Steine angrinsten – der Staub, der Moder und der Wurm, welcher in dem Holze lebt – vor meinen Augen, und allein in Mitte all' dieses Gerümpels, dieses Verfalls und dieser häßlichen Alterthümer das schöne Kind in seinem sanften Schlummer, durch seine lichten und sonnigen Träume lächelnd.

*

Correspondenz.

Master Humphrey wurde mit dem folgenden Brief beehrt, der auf sehr stark duftendes Papier geschrieben und mit hellblauem Lack gesiegelt war; die Devise des Siegel bestand aus zwei sehr fetten Tauben, welche sich schnäbeln. Er beginnt mit keiner der üblichen Formen, sondern lautet buchstäblich, wie folgt:

Bath, Mittwoch Nachts.

Himmel! Zu welcher Unbesonnenheit lass' ich mich verlocken! Diese stotternden Zeilen an einen Landfremden zu richten – und noch obendrein an einen Fremden, der dem feindlichen Geschlecht angehört! – Und doch stürzte ich mich in den Abgrund ohne die Macht einer Selbstaufraffung (entschuldigen Sie dieses neugeschaffene Wort) vor dem gähnenden Schlunde, der sich vor mir aufthut.

Ja, ich schreibe an einen Mann; doch lassen Sie mich gar nicht daran denken – schon in dem Gedanken liegt Wahnsinn. Sie werden meine Gefühle verstehen? O ja! Gewiß, Sie werden es – und werden sie auch achten, nicht mit Geringschätzung behandeln – nicht wahr?

Ich will ruhig sein. Jenes Porträt – lächelnd, wie es einst mir zulächelte – jener Stock, sich schwingend, wie ich ihn (was weiß ich, wie oft) in seiner Hand sich schwingen sah – jene Beine, die so oft durch meine nächtlichen Träume glitten und nie anhielten, um zu sprechen – jenes vollkommen gentlemänische, obgleich treulose, Original – könnte ich mißverstanden werden? O nein, nein.

Ich will noch ruhiger sein; ich möchte so ruhig sein, wie Särge. Sie haben den Brief eines Mannes veröffentlicht, dessen Bild Sie beifügten, aber dessen Name (und warum?) nicht genannt ist.

Soll ich diesen Namen hauchen? Ist es – doch warum fragen, wenn mir mein Herz so laut und wahr zuruft, daß er es ist.

Ich möchte ihm seinen Verrath nicht zum Vorwurf machen, ich möchte ihn nicht an die Zeiten erinnern, wo er mir die beredtesten Gelübde zuschwur und ein kleines Geldanlehen bei mir machte – und doch, ich möchte ihn sehen – ihn sehen, sagte ich? – Ihn – ach! so ist die Natur des Weibes. Denn wie der Dichter so schön sagt – doch Sie haben meine Gefühle errathen. Sind sie nicht süß? Oja! –

Es war in dieser Stadt (geheiligt durch die Erinnerung), wo ich ihn traf, und gewiß, wenn das Glück der Sterblichen irgendwo ausgezeichnet wird, so müssen jene Whistpartieen mit ihren drei und sechs Pencen für den Point auf Tafeln himmlischen Erzes prangen. Er hatte immer einen Honneur, nicht selten auch zwei. An jenem verhängnißvollen Abend (leuchtend von verführerischer Süßigkeit) zu meinem bewegten Antlitz. » Können Sie?« sagte er mit einem vielsagenden Ausdruck. Ich fühlte den zarten Druck seines Fußes auf dem meinigen; unsere Hühneraugen klopften im Einklange. » Können Sie?« sagte er wieder, und jeder Zug seines ausdrucksvollen Gesichtes fügte die Worte bei: » mir widerstehen? « Ich flüsterte: »Nein,« und sank in Ohnmacht.

Es hieß, als ich wieder zu mir kam, das Wetter sei Schuld daran. Ich sagte, es sei die Muscatnuß im Glühwein. Wie wenig ehreten sie die Wahrheit! Wie wenig erriethen sie den tiefen, geheimnißvollen Sinn jener Frage! Er besuchte mich des andern Morgens auf seinen Knieen – ich will damit nicht gerade sagen, daß er in dieser Stellung vor meine Hausthüre kam, sondern daß er sich auf diese Glieder niederließ, sobald sich der Diener entfernt hatte. Er brachte einige Verse in seinem Hut, die er selbst gemacht zu haben vorgab – ich habe sie übrigens seitdem im Milton gefunden; deßgleichen auch ein kleines Fläschchen, mit »Opium« überschrieben, eine Pistole und einen Stockdegen. Er zog den letzteren, entkorkte das erstere und spannte den Hahn des Mordgewehrs. Er war gekommen, wie er sagte, um zu siegen, oder zu sterben. Er entrang mir ein Geständniß meiner Liebe und schoß die Pistole durch ein Hinterfenster ab, als Einleitung zu einem kleinen Mahle, das er mit mir einnahm.

Treuloser, unbeständiger Mann! Wie viele Menschenalter scheinen mir entschwunden zu sein, seit er sich auf eine unerklärliche, verrätherische Weise unsichtbar machte! Könnte ich ihm doch Beides vergeben, dieß und den geborgten Gewinn, den er mir in der nächsten Woche wieder zu erstatten versprach! Könnte ich ihn mit den Füßen von mir stoßen, wenn er sich mir reuig und mit einem Heirathsantrage näherte? Würde der schmeichelnde Zauberer noch immer seine magischen Ketten um mich weben, oder würde ich sie alle zerreißen und mich kalt abwenden? Ich wage es nicht einmal bei dem Gedanken daran, auf meine Schwäche zu bauen. –

Mein Gehirn kreist wieder. Sie kennen seine Adresse, seine Beschäftigung, seine Lebensweise und sind vielleicht der Vertraute seiner geheimsten Gedanken. Ihr Charakter ist leutselig und menschenfreundlich – theilen Sie mir Alles mit, was Sie wissen – Alles; besonders aber die Straße und die Nummer des Hauses, wo er wohnt. Die Post geht ab, der Briefsammler schellt – gib, o Himmel, daß es nicht die Todtenglocke sei der Liebe und der Hoffnung von

Belinda.

P. S. Entschuldigen Sie das Irrereden einer schlechten Feder und eines verstörten Geistes. Adresse bei der Post. Der Briefsammler, ungeduldig über den Verzug, schellt fürchterlich in der Hausflur.

P. P. S. Ich muß mein Schreiben nochmal öffnen, um zu sagen, daß der Briefsammler fortgegangen ist und daß Sie dasselbe daher erst mit der nächsten Post erwarten dürfen. Wundern Sie sich daher nicht, wenn Sie es nicht erhalten.

Master Humphrey fühlt sich nicht ermächtigt, seiner schönen Correspondentin die Adresse des fraglichen Gentlemans mitzutheilen, veröffentlicht aber hier ihren Brief als einen Aufruf an seine Treue und seine Galanterie.

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