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Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Erster Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.net
created20150221
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Der Uhrkasten

Ein Bekenntniß aus der Zeit Karls II., in einem Gefängniß aufgefunden.

 

Ich hatte eine Lieutenantsstelle in der Armee Seiner Majestät und diente auswärts in den Feldzügen von 1677 und 1678. Nach Abschluß des Tractats von Nimwegen kehrte ich heim, quittirte den Dienst und zog mich nach einem kleinen Landgut, einige Meilen östlich von London, zurück, das kürzlich durch eine Erbschaft meiner Frau an mich gekommen war.

Dieß ist die letzte Nacht, welche ich zu leben habe, und so will ich denn die nackte Wahrheit ohne alle Bemäntelung niederschreiben. Ich war nie ein braver Mann und hatte von Kindheit an einen verschlossenen, grämlichen und mißtrauischen Charakter. Ich spreche von mir wie von einem aus der Welt Geschiedenen, denn während ich dies schreibe, ist bereits mein Grab gegraben und mein Name eingetragen in das schwarze Buch des Todes.

Bald nach meiner Ankunft in England wurde mein einziger Bruder von einer tödtlichen Krankheit befallen. Dieser Umstand machte mir wenig oder gar keinen Kummer, denn seit wir in's Mannesalter getreten, hatten wir nur sehr wenig miteinander verkehrt. Er war offenherzig, edelmüthig, schöner als ich, gebildeter und allgemein beliebt. Diejenigen, welche im Ausland meine Bekanntschaft suchten, weil sie Freunde von ihm waren, hielten sich selten lange zu mir, und gewöhnlich sagten sie schon nach der ersten Besprechung, sie könnten garnicht begreifen, wie es möglich sei, daß zwei Brüder dem Wesen und dem Aeußern nach so gar keine Aehnlichkeit mit einander hätten. Es war meine Gewohnheit, sie selbst auf dieses Zugeständniß zu führen, denn ich wußte, welche Vergleichungen zwischen uns angestellt werden mußten, und da der Neid an meinem Herzen zehrte, so suchte ich ihn vor mir selbst zu rechtfertigen.

Wir hatten zwei Schwestern geheirathet. Dieses weitere Band zwischen uns (wofür es wohl mancher betrachten möchte) diente jedoch nur dazu, uns noch mehr zu entfremden. Seine Gattin kannte mich wohl. Nie kämpfte ich in ihrer Gegenwart mit einer geheimen Eifersucht oder einem Grolle, ohne daß es diese Frau eben so gut als ich wußte; bei solchen Gelegenheiten erhob ich nie meine Augen, ohne zu finden, daß die ihrigen auf mich geheftet waren, und selbst wenn ich zur Erde oder in eine andere Richtung blickte, so fühlte ich, daß sie mich durchschaute. Es gereichte mir zu einem unaussprechlichen Troste, wenn wir mit einander zanken konnten, und noch größer war meine Beruhigung, als ich im Auslande hörte, daß sie gestorben sei. Es kömmt mir jetzt vor, als hätte uns damals schon eine finstere und schreckliche Vorahnung von dem vorgeschwebt, was dereinst kommen sollte. Ich fürchtete mich vor ihr; sie umspukte mich; ihr starrer und fester Blick tritt selbst jetzt noch wie ein schwerer Traum in mein Gedächtniß und macht mir das Blut in den Adern gerinnen.

Sie starb, kurz nachdem sie einem Kinde – einem Knaben – das Leben gegeben hatte. Als mein Bruder sah, daß er sich keine Hoffnung mehr zur Wiedergenesung machen durfte, ließ er mein Weib an sein Krankenbett rufen, und vertraute den verwaisten Sohn, welcher damals vier Jahre alt war, ihrem Schutze. Er hinterließ ihm seine ganze Habe, und traf die testamentarische Verfügung, daß dieselbe, falls das Kind stürbe, als Lohn für ihre Liebe und Sorgfalt an meine Gattin übergehen sollte. Er wechselte einige brüderliche Worte mit mir, beklagte unsere lange Trennung und sank erschöpft in einen Schlummer, aus dem er nicht wieder erwachte.

Wir besaßen keine Kinder. Die Schwestern hatten sich sehr geliebt, und da meine Frau vorher schon fast Mutterstelle an dem Knaben vertreten hatte, so wurde er ihr jetzt so theuer, wie ein eigener Sohn. Das Kind war ihr zärtlich zugethan, aber zugleich war er auch das treue Abbild der Mutter in seinem Geiste und seinen Zügen, und er traute mir nie.

Ich kann kaum die Zeit angeben, in welcher mir dieses Gefühl erstmals zum Bewußtsein kam, aber ich fing bald an, unruhig zu werden, wenn der Knabe zugegen war. So oft ich aus irgend einer finsteren Träumerei erwachte, fand ich, daß seine Augen auf mir hafteten – nicht etwa in kindlicher Verwunderung, sondern ganz mit demselben Ausdrucke, wie ich es so oft an seiner Mutter bemerkt hatte. Gewiß – es war kein Spiel meiner Einbildungskraft, wie es vielleicht die große Aehnlichkeit der Gesichtszüge hätte herbeiführen können. Ich konnte nie auf den Knaben hinuntersehen. Er fürchtete mich; aber zugleich schien ihn auch sein Instinkt zu lehren, mich zu verachten, und selbst wenn er sich vor meinen Blicken zurückzog – was er oft that, wenn wir allein waren, – um näher bei der Thüre zu sein, hafteten seine leuchtenden Augen auf mir.

Vielleicht verberge ich die Wahrheit vor mir selbst, aber ich glaube nicht, daß ich damals schon daran dachte, ihm ein Leides zu thun. Vielleicht kam mir der Gedanke, wie gut uns sein Erbe zu statten kommen könnte, und ich wünschte deshalb, daß er todt sein möchte; aber ich glaube nicht, daß ich daran dachte, seinen Tod zu verschulden. Auch kam mir ein solcher Gedanke nicht auf einmal, sondern ganz allmälig, anfangs nur ganz unbestimmt und in weiter Ferne, wie man etwa an ein Erdbeben oder an den jüngsten Tag denkt – dann immer näher, deutlicher, minder schreckhaft und weniger unwahrscheinlich – endlich wurde er zu einem Theil, was sage ich Theil – nein, zur Summe und zum Wesen meines ganzen täglichen Sinnens und Trachtens, da dabei nur noch die Mittel und die Sicherung meiner Person in Betracht kamen; denn ob die That geschehen sollte, oder nicht – das war nimmer die Frage.

Mit solchen Gefühlen in meinem Innern konnte ich es nie ertragen, wenn das Kind bemerkte, daß ich es ansah, und doch stand ich unter dem Einflusse eines Bannes, der es mir zu einer Art Lieblingsgeschäft machte, seine schwächliche, hinfällige Gestalt zu betrachten, und dabei zu denken, wie leicht sich die Sache abmachen lasse. Bisweilen stahl ich mich die Treppe hinauf, um ihn im Schlaf zu beobachten; gewöhnlich aber eilte ich in den Garten, dem Fenster des Zimmers nahe, in welchem er seine kleinen Aufgaben lernte; und wenn er so auf einem Schemel neben meiner Frau dasaß, konnte ich stundenlang hinter einem Baume stehen und nach ihm hinstarren – auffahren wie ein schuldbewußter Verbrecher (der ich auch war) bei jedem Rauschen eines Blattes, aber doch wieder zurückschlüpfen, um hinzusehen und wieder aufzufahren.

Hart an unserem Landhause, aber dem Auge und – bei etwas lebhaftem Winde – auch dem Ohre entgegen, befand sich ein tiefes Wasserbecken. Ich brachte Tage damit zu, um mit einem Taschenmesser das rohe Modell eines Bootes zu schnitzen; und als es fertig war, legte ich es dem Knaben in den Weg. Dann verkroch ich mich in einen Schlupfwinkel, an dem er vorbei mußte, wenn er sich allein davon stahl, um dieses Spielzeug schwimmen zu lassen, und lauerte auf sein Kommen. Er kam jedoch weder an diesem, noch dem nächsten Tage, obgleich ich von Mittag bis zum Einbruch der Nacht wartete. Ich war sicher, ihn in meinem Garne zu haben, denn ich hatte ihn von dem Tande plaudern hören, und wußte, daß er denselben in seiner kindischen Freude Nachts sogar mit ins Bett nahm. Ich fühlte weder Ermattung noch Schläfrigkeit, sondern wartete geduldig, bis er endlich am dritten Tage an mir vorbeikam und freudig dahineilte. Sein seidenes Haar wallte im Winde, und er sang – Gott sei mir gnädig! – er sang ein heiteres Liedchen, obgleich er kaum die Worte auszusprechen wußte.

Ich schlich hinterdrein, unter dem Gebüsche, das den Platz umgab, weiter kriechend, und nur die Teufel können wissen, mit welchem Entsetzen ich, ein erwachsener Mann, den Fußtritten des Kindes folgte, als es sich dem Rande des Wassers näherte. Ich war dicht hinter ihm, auf die Knie niedergekauert, und streckte eben meine Hand aus, um ihn hineinzustoßen, als er meinen Schatten im Wasser sah und sich umwandte.

Seiner Mutter Geist blickte aus seinen Augen. Die Sonne brach eben hinter einer Wolke hervor: sie leuchtete aus dem klaren Himmel, der glänzenden Erde, der Spiegelfläche des Wassers und den funkelnden Regentropfen auf den Blättern. Augen von allen Seiten! Das ganze, große All des Lichtes war anwesend, um Zeuge der Unthat zu sein. Ich weiß nicht, was er sagte: er stammte aus einem kühnen und männlichen Blute, und obgleich er nur ein Kind war, so kroch und winselte er doch nicht vor mir. Ich hörte ihn schreien, daß er es versuchen wolle, mich zu lieben – er sagte nicht, daß er mich wirklich liebe – und dann sah ich ihn nach dem Hause zurückeilen. Das nächste, was ich erblickte, war das bloße Schwert in meiner Hand und der todte Knabe zu meinen Füßen, hie und da mit Blut befleckt, aber sonst nicht anders, als wie ich ihn im Schlafe gesehen hatte – sogar in derselben Lage, die Wange auf seiner kleinen Hand ruhend.

Ich nahm ihn auf meine Arme und legte ihn – jetzt, da er todt war, ganz sanft – in einen Busch. Mein Weib war an diesem Tage nicht zu Hause, und sollte erst am andern Tag zurückkommen. Das Fenster unseres Schlafgemachs – das einzige Schlafzimmer auf dieser Seite des Hauses – lag nur einige Fuß über der Erde, und ich beschloß, des Nachts hinaus zu steigen und die Leiche im Garten zu begraben. Es fiel mir nicht bei, daß mein Plan verfehlt war, denn ich kam nicht auf den Gedanken, daß man das Wasser durchsuchen und nichts finden würde, und daß dann das Geld unnütz liegen bleiben mußte, weil ich nicht umhin konnte, die Ansicht zu unterstützen, der Knabe sei verloren oder gestohlen. Alle meine Gedanken waren wirr unter einander geworfen, und hatten nur die alles Andere überwiegende Nothwendigkeit im Auge, meine That zu verbergen.

Was ich empfand, als man kam, um mir zu sagen, daß das Kind vermißt wurde, als ich nach allen Richtungen Nachforschungen anstellen ließ, als ich bei der Rückkehr eines jeden Spähers zitterte und nach Luft schnappte – das vermag keine Zunge auszusprechen, kein sterbliches Gehirn zu fassen. Ich begrub ihn in jener Nacht. Als ich die Zweige auseinander bog und in das dunkle Gebüsch schaute, da leuchtete ein Glühwurm wie der sichtbare Geist Gottes über dem erschlagenen Kinde. Ich sah in das Grab hinab, in welches ich den Knaben gelegt hatte, und noch immer flimmerte er auf seiner Brust – ein Feuerauge, das zum Himmel rief, als fordere es Zeugniß von den Sternen, die mir zugeschaut.

Ich sah nun der Ankunft meines Weibes entgegen, der ich die Nachricht mittheilen und die ich mit der Hoffnung trösten mußte, der Knabe werde sich wohl wieder auffinden lassen. Ich that es – mit der Miene der Biederkeit, wie ich glaube, denn auf mich fiel kein Verdacht. Nachdem dies geschehen war, setzte ich mich den ganzen Tag an das Fenster des Schlafgemachs und bewachte den Ort, wo das furchtbare Geheimniß verborgen lag.

Es war ein frisch aufgegrabenes Bodenstück, das neu mit Rasen belegt werden sollte: ich hatte es gewählt, um nicht durch die Spuren des Spatens die Aufmerksamkeit rege zu machen. Die Leute, welche den Rasen legten, mußten mich für toll gehalten haben, denn ich rief ihnen ohne Unterlaß zu, ihr Werk zu beeilen, begab mich selbst an Ort und Stelle, und arbeitete an ihrer Seite, trat die Rasenschichte mit meinen Füßen nieder und trieb sie mit wahnsinniger Hast an. Sie hatten ihr Werk noch vor dem Eintritt der Nacht beendigt, und jetzt hielt ich mich beziehungsweise für sicher.

Ich schlief – nicht wie Menschen, die erfrischt und heiter wieder aufwachen – sondern ich verfiel in meinem Schlafe aus wirren, dunkeln Träumen, als würde ich niedergehetzt, in Visionen, die mir Blutflecken im Grase zeigten, und aus der Erde tauchte bald eine Hand, bald ein Fuß, endlich gar der Kopf auf. So oft es so weit kam, wachte ich jedesmal auf und stahl mich nach dem Fenster, um mich zu überzeugen, daß es nur ein Traum war. Dann schlüpfte ich wieder in's Bett, und so brachte ich die Nacht zu, voll Angst und Entsetzen, indem ich wohl zwanzigmal aufstand und mich wieder niederlegte, um stets auf's Neue den früheren Traum zu träumen, ein weit schlimmerer Zustand, als wenn ich gewacht hätte, denn jedes dieser Gesichte faßte den Schrecken einer ganzen Nacht in sich. Einmal war es mir, als sei das Kind noch am Leben, und als hätte ich's nie versucht, es zu tödten. Das Erwachen aus diesem Traume war das Fürchterlichste von Allem.

Am nächsten Tage saß ich wieder am Fenster, ohne meine Augen von dem Grabe zu verwenden, das, obgleich es mit Gras bedeckt war – doch hinsichtlich seiner Gestalt, seines Umfangs, seiner Tiefe, seiner zackigen Seiten, und alles Uebrigen so offen, wie im Lichte des Tages, vor mir lag. Als ein Diener darüber ging, war es mir, als müßte er einsinken, und als er die Stelle verlassen, sah ich hin, um mich zu überzeugen, ob seine Füße nicht die Kanten niedergetreten hätten. Wenn sich ein Vogel dort niederließ, so entsetzte ich mich, fürchtend, er möchte durch irgend einen schrecklichen Zufall das Werkzeug der Entdeckung werden, wenn ein Luftzug darüber hinsäuselte, so flüsterte er mir zu: »Mörder!« Kein Anblick, kein Schall, wie gewöhnlich und unbedeutend sie auch sein mochten – konnte sich kund thun, ohne mich mit Schrecken zu erfüllen. Und in diesem Zustande unablässigen Wachens brachte ich drei Tage zu.

Am vierten erhielt ich Besuch von einem Manne, der mit mir im Auslande gedient hatte, begleitet von einem andern Offizier, den ich früher nie gesehen. Ich fühlte, daß ich unfähig war, den Platz aus dem Auge zu lassen. Es war ein Sommerabend und ich befahl meinen Leuten, einen Tisch nebst einer Flasche Wein in den Garten zu bringen. Dann setzte ich mich mit meinem Stuhle auf das Grab, überzeugt, daß jetzt Niemand ohne mein Vorwissen hier Nachforschungen anstellen könnte, und versuchte, zu trinken und zu sprechen.

Sie sprachen ihre Hoffnung aus, daß meine Gattin wohl sei – daß sie nicht ihr Zimmer hüten müsse – daß sie dieselbe nicht verscheucht hätten. Was konnte ich thun, als ihnen mit stotternder Zunge von dem Kinde zu erzählen? Der mir unbekannte Offizier war ein in sich gekehrter Mann, und heftete, während ich redete, seine Blicke fortwährend auf den Boden. Selbst dieß erschreckte mich! Ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, er sehe etwas, was ihn die Wahrheit argwöhnen lasse. Ich fragte ihn hastig, ob er vermuthe, daß – und hielt inne. »Daß das Kind ermordet wurde?« entgegnete er mit einem wilden Blick auf mich. »O nein; was könnte man wohl durch den Mord eines armen Kindes gewinnen?« Ich hätte ihm sagen können, was man durch eine solche That gewinnen kann – Niemand besser, als ich; aber ich schwieg und schauderte wie im Fieber.

Da sie meine Bewegung irrig deuteten, so gaben sie sich Mühe, mich durch die Hoffnung aufzuheitern, daß der Knabe gewiß wieder gefunden werde – ein großer Trost für mich! Auf einmal hörte ich ein dumpfes Geheul und unmittelbar darauf sprangen zwei große Hunde über die Mauer und wiederholten das früher vernommene Bellen im Garten.

»Bluthunde!« riefen die Gäste.

Was brauchte man mir dieß zu sagen? Ich hatte in meinem Leben kein Thier von dieser Race gesehen, aber ich wußte, daß es solche waren und weshalb sie herkamen. Ich faßte die Seitenlehnen meines Stuhles, ohne mich zu rühren oder zu sprechen.

»Es ist eine ächte Zucht,« sagte der Mann, den ich im Ausland kennen gelernt hatte. »Wahrscheinlich sind sie zur Uebung heraus gelassen worden und ihrem Hüter entsprungen.«

Beide Freunde wandten sich um und sahen den Hunden zu, welche mit ihren Nasen rastlos an dem Boden schnupperten, kreuz und quer umhersprangen, sich dabei wie toll geberdeten, von Zeit zu Zeit die Köpfe in die Höhe reckten und auf's Neue zu heulen begannen, dann aber wieder die Nüstern nach der Erde senkten und ernstlich umher spürten. Jetzt begannen sie weit eifriger, als je, am Boden zu schnuppern, und obgleich sie noch immer sehr unstät waren, so beschrieben sie doch keine so weiten Kreise mehr, sondern hielten sich an eine begränztere Stelle, indem sie den Umfang zwischen mir und ihnen immermehr verminderten.

Endlich kamen sie dicht an den großen Stuhl, auf welchem ich saß, heran, erhoben auf's Neue ihr fürchterliches Geheul, und versuchten es, die Querhölzer weg zu reißen, durch welche sie von dem Boden unter dem Stuhle getrennt wurden. Ich entnahm aus den Gesichtern meiner Gäste, wie ich aussah.

»Sie wittern Beute,« sagten Beide zugleich.

»Sie wittern keine Beute,« rief ich.

»Um's Himmelswillen, steht auf,« sagte der Eine, den ich kannte, sehr ernst; »sie reißen Euch sonst in Stücke.«

»Sie sollen mir Glied für Glied vom Leibe reißen, ehe ich diese Stelle verlasse!« rief ich. »Hat man Hunde dazu, um Menschen zu einem schmachvollen Tode zu hetzen? Schlagt sie nieder! Haut sie in Stücke!«

»Hier ist irgend ein schlimmes Geheimniß!« sagte der mir unbekannte Offizier, indem er seinen Degen zog. »In König Karl's Namen, steht mir bei, diesen Mann fest zu nehmen.«

Beide ergriffen mich jetzt und drängten mich fort, obgleich ich wie ein Toller kämpfte, zerrte und um mich biß. Nach einem heftigen Widerstand nahmen sie mich ruhig in ihre Mitte und dann – mein Gott! Ich sah die wüthenden Hunde den Rasen aufreißen und die Erde wie Wasser in die Luft werfen.

Was soll ich noch weiter sagen? Daß ich auf meine Knies niederfiel, mit klappernden Zähnen die Wahrheit bekannte und um Gnade flehte. Daß ich seitdem geläugnet habe und jetzt auf's Neue bekenne. Daß ich wegen der That vor Gericht gestellt, schuldig erfunden und verurtheilt wurde. Daß ich nicht den Muth habe, dem richterlichen Spruch zuvor zu kommen, und eben so wenig, seiner Vollstreckung männlich entgegen zu sehen. Daß mir kein Mitleid, kein Trost, keine Hoffnung, kein Freund geblieben ist. Daß mein Weib zu ihrem Glücke vorderhand die Fähigkeit verloren hat, mein und ihr Elend zu erkennen. Daß ich allein bin in den steinernen Wänden meines Kerkers mit meinem bösen Geiste, und daß ich morgen sterben soll!

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