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Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Erster Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.net
created20150221
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Der Raritätenladen. Einundzwanzigstes Kapitel

Kit entfernte sich und vergaß sehr bald den Pony, die Chaise, die kleine alte Dame, den kleinen alten Herrn und den kleinen jungen Herrn obendrein, indem er an weiter nichts dachte, als was aus seinem vormaligen Herrn und der lieblichen Enkelin desselben, welche der Hauptgegenstand aller seiner Betrachtungen war, geworden sei. Während er so über alle nur erdenklichen Gründe für ihr Nichterscheinen nachsann und sich selbst überredete, daß sie bald zurückkommen müßten, lenkte er seine Schritte der Heimath zu, um das Geschäft, in welchem er durch die plötzliche Erinnerung an seinen Vertrag unterbrochen worden war, zu beendigen, dann auf's Neue fortzueilen und noch einmal sein Glück für den Tag zu versuchen.

Als er an die Ecke des Hofes kam, auf dem er wohnte – siehe, da war der Pony wieder! Ja, da war er – und sah noch störriger aus als je; und allein in der Chaise, auf jede Bewegung des Gaules eifrig Acht habend, saß Herr Abel, der bei einem zufälligen Erheben seiner Augen Kit vorbeigehen sah und demselben zunickte, als ob er sich hätte den Kopf abnicken wollen.

Kit wunderte sich, den Pony wieder zu sehen, und noch obendrein so nahe bei seiner Wohnung; es fiel ihm jedoch nicht bei, zu welchem Zwecke der Pony wohl da sein möchte, oder wo die alte Dame und der alte Herr hingekommen wären, bis er auf die Klinke seiner Thüre drückte und er, nachdem er in die Stube getreten war, dieselben in eifriger Unterhaltung mit seiner Mutter dasitzen sah. Ob diesem unerwarteten Anblick zog er seinen Hut ab und machte in einiger Verwirrung seine beste Verbeugung.

»Wir sind vor dir hier, Christoph, wie du siehst,« sagte Herr Garland lächelnd.

»Ja, Sir,« sagte Kit; und während er dieß sagte, blickte er auf seine Mutter, gleichsam als Frage, was dieser Besuch zu bedeuten habe.

»Der Herr ist so gütig gewesen, mein Lieber,« versetzte sie als Erwiederung auf diesen stummen Aufruf, »mich zu fragen, ob du an einem guten Platz, oder überhaupt an einem Platze seiest, und als ich dieß verneinte, war er so gütig, zu sagen, daß –«

»Daß wir einen guten Jungen in unserem Hause haben möchten,« fielen der alte Herr und die Dame zumal ein, »und daß wir vielleicht daran denken wollen, wenn wir Alles so finden, wie wir wünschen, daß es sein möchte.«

Mit diesem Darandenken meinten sie offenbar, sie wollten daran denken, Kit zu dingen – ein Umstand, der ihn sogleich die Besorgnisse seiner Mutter theilen ließ, und ihn in große Verwirrung versetzte; denn das kleine alte Paar war sehr methodisch und vorsichtig und fragte nach so vielem, daß er zu fürchten anfing, es sei da keine Möglichkeit des Erfolges abzusehen.

»Ihr seht, meine gute Frau,« sagte Herr Garland zu Kit's Mutter, »daß es nöthig ist, sehr vorsichtig und bedachtsam in solchen Dingen zu sein, denn unsere Familie besteht nur aus drei ruhigen, regelmäßigen Leutchen, und es wäre schlimm, wenn wir einen Mißgriff machten und etwas ganz anderes fänden, als wir hofften oder erwarteten.«

Kit's Mutter entgegnete hierauf, es sei gewiß wahr und ganz recht und ganz passend, und der Himmel verhüte, daß sie erschräke, oder Ursache hätte, vor was immer für einer Nachfrage über ihren Charakter oder den ihres Sohnes zu erschrecken, der gewiß ein sehr guter Sohn sei, obgleich sie es als seine Mutter nicht sagen sollte; in dieser Hinsicht getraue sie sich übrigens zu sagen, daß er seinem Vater nacharte, der nicht nur ein guter Sohn gegen seine Mutter, sondern auch der beste Gatte und Vater gewesen sei, und Kit könne und werde dieß bekräftigen, und dasselbe würden auch der kleine Jakob und das Wickelkind thun, wenn sie alt genug wären, was, jedoch unglücklicher Weise nicht der Fall sei, obgleich ihnen ihre Jugend um deßwillen zu statten komme, da sie nicht wüßten, welchen Verlust sie erlitten hätten; und so haspelte Kit's Mutter eine lange Geschichte ab, indem sie hin und wieder ihre Augen mit der Schürze abwischte und den Kopf des kleinen Jakob's pätschelte welcher die Wiege in Bewegung setzte und aus Leibeskräften die fremde Dame und den fremden Herrn anstierte.

Sobald Kit's Mutter ausgesprochen hatte, fiel alsbald die alte Dame ein und erklärte, sie zweifle nicht im Geringsten, daß Frau Nubbles eine sehr anständige und respectable Person sei, sonst würde sie sich nicht in dieser Weise ausgedrückt haben; auch verdienten gewiß das Aussehen der Kinder und die Reinlichkeit des Hauses großes Lob und gereichten ihr sehr zur Ehre, worauf Kit's Mutter einen Knix machte und etwas getröstet wurde. Die gute Frau erging sich nun in einem langen und ausführlichen Bericht über Kit's Leben und Geschichte von der frühesten Periode an bis auf die gegenwärtige Zeit herunter, wobei sie es nicht unterließ, seines mirakulösen Sturzes aus dem Fenster der Hinterstube, als er noch ein ganz kleines Kind war, oder seiner Leiden während der rothen Flecken zu erwähnen, was sie durch correcte Nachahmung der kläglichen Weise illustrirte, in welcher er Tag und Nacht um Brodwasser rief oder die Mutter mit den Worten tröstete, sie solle nicht weinen, da er bald besser sein werde. Zum Beweise dieser Angaben berief sie sich auf Frau Green, die bei dem Käsekäufler um die Ecke zur Miethe wohnte, und auf unterschiedliche andere Damen und Herrn in verschiedenen Theilen von England und Wales (auch auf einen gewissen Herrn Brown, der jetzt Corporal in Ostindien sein mußte und sich daher mit ganz geringer Mühe auffinden ließ), zu deren persönlicher Kenntniß die Thatsachen gelangt waren. Nach Beendigung dieser Erzählung stellte Herr Garland an Kit noch einige Fragen hinsichtlich seiner Befähigung und seiner Kenntnisse im Allgemeinen, während Frau Garland ihre Aufmerksamkeit auf die kleineren Kinder richtete und sich von Kit's Mutter gewisse merkwürdige Umstände, welche die Geburt eines Jeden begleitet hatten, erzählen ließ; sie berichtete sodann gewisse andere merkwürdige Umstände, welche die Geburt ihres eigenen Sohnes, des Herrn Abels, begleitet hatten, woraus erhellte, daß sowohl Kit's Mutter, als sie selbst mit ganz absonderlichen Gefahren zu kämpfen gehabt hatten – mehr als alle andere Frauen, welchen Alters oder Standes sie auch gewesen sein mochten. Endlich wurde auch nach der Beschaffenheit und Ausdehnung von Kit's Garderobe gefragt und zur Erweiterung derselben ein kleiner Vorschuß hergegeben, worauf man den Knaben förmlich mit einem Jahreseinkommen von sechs Pfunden, nebst Verköstigung und Wohnung bei Herrn und Frau Garland in Abel-Cottage zu Finchley in Dienste nahm.

Es dürfte schwer sein, zu ermitteln, welche Partie am meisten mit dieser Uebereinkunft zufrieden war, deren Abschluß von beiden Seiten nur durch freundliche Blicke und heiteres Lächeln begrüßt wurde. Herr Garland setzte fest, daß Kit übermorgen früh an seinem neuen Bestimmungsorte eintreffen sollte, und nun verabschiedete sich das kleine alte Paar, nachdem es zuvor den kleinen Jakob und das Wiegenkind je mit einer blanken halben Krone beschenkt hatte, und der neue Diener begleitete sie die Straße hinauf, hielt, während sie die Sitze einnahmen, den hartnäckigen Pony beim Zaum und sah ihnen mit erleichtertem Herzen nach, als sie dahinfuhren.

»Nun, Mutter,« sagte Kit, indem er in das Haus zurück eilte, »ich denke, mein Glück macht sich jetzt.«

»Man sollte es allerdings meinen,« versetzte seine Mutter. »Sechs Pfund im Jahr! Wer hätte das geglaubt?«

»Ah!« sagte Kit, der es versuchte, jene Gravität anzunehmen, welche der Gedanke an eine solche Summe forderte, wider Willen aber sein Gesicht zu einem entzückten Grinsen verzog. »Es ist ein Vermögen!«

Nach diesen Worten holte Kit tief Athem, senkte seine Hand tief in die Taschen, als ob in jeder derselben wenigstens ein Jahreslohn sich befände und blickte auf seine Mutter, als schaue er durch sie hindurch auf eine unabsehbare Perspective von Goldstücken.

»So Gott will, können wir nun an Sonntagen eine rechte Dame aus Euch machen, Mutter. Der Jakob soll in die Schule gehen, und das Wiegenkind soll mir ein rechtes Kind werden, und das Stübchen oben, wie mir dieses aussehen soll! Sechs Pfund jährlich.«

»Hem!« krächzte eine fremde Stimme. »Was ist's da mit sechs Pfund jährlich? Was wollt Ihr mit sechs Pfunden jährlich?«

Und während die Stimme diese Frage stellte, spazierte Daniel Quilp, mit Richard Swiveller an der Ferse, in die Stube.

»Wer sagte, er solle sechs Pfund jährlich haben?« fragte Quilp, indem er scharf umherschaute. »Hat es der alte Mann, oder hat es die kleine Nelly gesagt? Und wofür soll er es haben? Und wo sind sie – he?«

Die gute Frau erschrack über das plötzliche Auftreten dieses unbekannten Cabinetsstückes von Häßlichkeit so sehr, daß sie hastig den kleinen Nubbles aus der Wiege nahm und sich mit demselben in die hinterste Ecke retirirte, während der kleine Jakob, der mit auf die Kniee gelegten Händen auf seinem Schemel saß, Herrn Quilp in einer Art von Behexung anstierte und die ganze Zeit über mit aller Macht schrie. Richard Swiveller musterte die Familie flüchtig über Herrn Quilp's Kopf weg, und Quilp selbst, der die Hände in seinen Taschen stecken hatte, lächelte mit ausgesuchter Lust über die Bewegung, welche er veranlaßt hatte.

»Sie brauchen nicht zu erschrecken, Frau,« sagte Quilp nach einer Pause. »Ihr Sohn kennt mich; ich fresse keine Kinder und kann sie überhaupt nicht leiden. Demungeachtet wird's aber gut sein, diesem jungen Schreier das Maul zu stopfen, damit er mich nicht in Versuchung führt, ihm etwas Unangenehmes anzuthun. Holla, Bürschlein! willst du ruhig sein?«

Der kleine Jakob hemmte den Lauf zweier Thränen, die er aus seinen Augen drückte, und blieb in stummem Entsetzen sitzen.

»Wenn du mir wieder losbrichst, du Spitzbube,« fuhr Quilp fort, indem er ihn strenger ansah, »so will ich dir Gesichter schneiden, daß du in Gichter verfällst – ja, das will ich. Jetzt aber ein Wörtchen mit dir, Musjeh; warum bist du nicht versprochenermaßen gekommen?«

»Weßhalb hätte ich kommen sollen?« entgegnete Kit. »Ich habe mit Euch nichts zu schaffen, eben so wenig als Ihr mit mir.«

»Wohlan Frau,« sagte Quilp, indem er sich rasch von Kit ab und an seine Mutter wandte; »wann kam oder schickte sein alter Herr zum letzten Mal hieher? Ist er noch hier? Und wenn nicht, wo ist er hingegangen?«

»Er ist gar nicht hier gewesen,« versetzte sie. »Ich wollte, wir wüßten, wo sie hin sind, denn es würde dann meinem Sohn viel leichter um's Herz sein, und mir deßgleichen. Wenn Sie der Herr Quilp sind, so sollte ich meinen, daß Sie es am besten wissen, und ich hab' ihm dieß erst heute noch gesagt.«

»Hum!« murmelte Quilp mit der Miene der Täuschung, da ihm ihre Worte glaubwürdig erscheinen mußten. »Und haben Sie diesem Herrn hier das Nämliche zu sagen?«

»Wenn der Herr die gleiche Frage an mich zu richten hat, so kann ich ihm nichts Anderes sagen, Sir, so sehr ich auch um unserer selbst willen das Gegentheil wünschte,« lautete die Antwort.

Quilp blickte auf Richard Swiveller und bemerkte, da er diesen auf der Schwelle getroffen, so habe er angenommen, daß er wohl hieher gekommen sei, um Erkundigungen über die Flüchtlinge einzuziehen: er vermuthe, daß er hierin Recht habe.

»Ja,« sagte Dick, »dieß war der Zweck meines gegenwärtigen Ganges. Ich hielt es für einen möglichen Fall – aber laßt uns die Todtenglocke der Einbildung läuten. Ich will damit anfangen.«

»Sie scheinen sich in Ihrer Hoffnung getäuscht zu haben,« bemerkte Quilp.

»Ein Fehlschuß, Sir, ein Fehlschuß – weiter nichts,« entgegnen Dick. »Ich habe mich in eine Speculation eingelassen, die mir fehlgeschlagen ist; und ein Wesen von holder glänzender Schönheit wird als Opfer dargebracht auf Chegg's Altar. Das ist Alles, Sir.«

Der Zwerg betrachtete Richard mit einem sarkastischen Lächeln, was jedoch von Herrn Swiveller, der mit einem Freunde ein etwas kräftiges Morgenmahl eingenommen hatte, nicht bemerkt wurde, denn er fuhr fort, sein Schicksal mit trauervollen und verzweifelten Blicken zu beklagen. Quilp sah deutlich, daß diesem Besuche und der ungewöhnlichen Niedergeschlagenheit des jungen Mannes irgend ein Geheimniß zu Grunde liegen müsse, und in der Hoffnung, es möchte seiner Schadenfreude Mittel an die Hand geben, entschloß er sich, es herauszuwühlen. Sobald er hierüber mit sich eins geworden war, legte er so viel Ehrlichkeit in sein Gesicht, als dasselbe auszudrücken vermochte, und sagte dann im Tone des herzlichsten Mitgefühls zu Herrn Swiveller:

»Ich bin selbst getäuscht, jedoch blos aus freundschaftlichen Gefühlen für Sie; ohne Zweifel haben Sie aber reellere Gründe, Privatgründe, um deren willen die Täuschung Sie schwerer trifft, als mich?«

»Ei, freilich ist dieß der Fall,« versetzte Dick ärgerlich.

»Das thut mir leid, auf Ehre, das thut mir sehr leid. Auch ich fühle mich sehr niedergeschlagen. Nun wir aber einmal Unglücksgefährten sind, wollen wir nicht auch Gefährten sein auf dem sichersten Wege, es zu vergessen? Wenn Sie eben kein besonderes Geschäft haben, das Sie in eine andere Richtung führt,« drängte Quilp, indem er ihn am Aermel zupfte, und aus den Augenwinkeln schlau nach seinem Gesichte hinauf schielte, »so kenne ich ein Haus an der Wasserseite, wo der edelste Schiedam – unter uns gesagt, er soll geschmuggelt sein – den die ganze Welt aufweisen kann, zu finden ist. Der Wirth kennt mich. Es ist ein Sommerhäuschen dort mit der Aussicht über den Fluß, wo wir uns mit einem Glas dieses köstlichen Branntweins und einem Pfeifchen des besten Tabaks – ich weiß nämlich, wo welcher von der rarsten Qualität zu finden ist – erlaben und vollkommen so behaglich und glücklich sein können, als es unter den Umständen möglicher Weise angeht. Oder sind Sie vielleicht in einer Weise versagt, daß Sie unmittelbar eine andere Richtung einschlagen müssen, Herr Swiveller – wie?«

Bei diesen Worten des Zwergs milderten sich Dick's Züge zu einem wohlgefälligen Lächeln, und die Falten seiner Stirne entschwanden allmählig. Nach dem Schlusse derselben sah Dick in derselben schlauen Weise auf Quilp hinab, in welcher Quilp an ihm hinauf sah, und es blieb nun nichts weiter zu thun übrig, als nach dem fraglichen Hause aufzubrechen. Dieß geschah denn auch geraden Weges. Sobald sie der Stube den Rücken gekehrt hatten, schaute der kleine Jakob wieder auf und fuhr mit seinem Geschrei an derselben Stelle fort, wo es Quilp zum Gefrieren gebracht hatte.

Das Sommerhäuschen, von dem Herr Quilp gesprochen hatte, war eine rohe Bretterhütte, verfault und nackt anzusehen, welche gegen den Schlamm des Flusses überhing und in denselben hinunterzugleiten drohte. Die Schenke, zu welcher es gehörte, war ein baufälliges Gebäude, durch Ratten unterwühlt und unterminirt, welches nur durch große hölzerne, gegen die Wände gestemmte Balken aufrecht erhalten wurde – Stützen, die so lange Dienste geleistet hatten, bis sie mit ihrer Last mürbe und hinfällig geworden waren; und in windigen Nächten konnte man es knarren und knacken hören, als ob das ganze Nest über den Haufen zu fallen gedächte. Das Haus stand – wenn man anders von einem so alten und gebrechlichen Gegenstand diesen Ausdruck gebrauchen kann – auf einem Stück unbebauten Grundes, geschwärzt von dem ungesunden Rauche der Fabrikschornsteine und wiederhallend von dem Geklapper eiserner Räder und dem Rauschen aufgewühlten Wassers. Die innere Bequemlichkeit rechtfertigte in vollem Maaße das, was das Aeußere versprochen hatte. Die Stuben waren feucht und niedrig, die klebrigen Wände von Spalten und Löchern durchbohrt, die vermürbten Fußböden eingesunken und sogar die Stützbalken von ihren Plätzen gewichen, den furchtsamen Fremdling warnend, daß er nicht näher trete.

Zu diesem einladenden Orte führte Herr Quilp Richard Swiveller, indem er denselben unterwegs ersuchte, doch ja die Schönheiten der Umgebung nicht unbeachtet zu lassen, und bald stand auf dem Tische des Sommerhäuschens, wo man viele Galgen und Anfangsbuchstaben tief eingeschnitten sehen konnte, ein Tönnchen voll des angepriesenen Branntweins. Herr Quilp ließ ihn mit der Gewandtheit eines alten Praktikers in die Gläser ab, mischte ihn mit einem Drittheil Wasser und schob Herrn Richard Swiveller seinen Antheil zu, worauf er seine Pfeife an dem Kerzenstümpchen einer sehr alten und zerschlagenen Laterne anzündete, sich auf einen Sitz niederließ und lustig darauf losdampfte.

»Ist er gut?« fragte Quilp als Richard Swiveller mit den Lippen schmatzte; »ist er stark und feurig? Macht er Sie blinzeln? Wirkt er? Treibt er das Wasser in die Augen und versetzt er den Athem – thut er das?«

»Ob er es thut?« rief Dick, indem er einen Theil von dem Inhalt seines Glases weggoß und es mit Wasser auffüllte! »ei, Mensch, Sie wollen mir doch nicht sagen, daß Sie ein solches Feuer hinunterschütten können?«

»Nein,« entgegnete Quilp, »ich schütt's nicht hinunter! Schauen Sie einmal her – noch einmal – und abermal! Ja wohl da, nicht hinunterschütten.«

Bei diesen Worten zapfte Daniel Quilp dreimal ab und trank drei kleine Gläser voll ungemischten Geistes, worauf er mit einer schrecklichen Grimasse seiner Pfeife zusprach und den verschluckten Rauch in dichten Wolken durch die Nase blies. Nachdem er dieses Kunststück gezeigt, brachte er sich wieder in seine frühere Lage und lachte aus Leibeskräften.

»Bringen Sie einen Toast aus!« rief Quilp, indem er gar gewandt und taktmäßig mit Faust und Ellbogen abwechselnd auf den Tisch trommelte. »Ein Frauenzimmer! Eine Schönheit! Lassen Sie uns auf das Wohl einer Schönheit trinken und unsere Gläser bis auf den letzten Tropfen leeren. Ihr Name – wie?«

»Wenn Sie einen Namen haben wollen,« versetzte Dick, »so sei es Sophie Wackles.«

»Sophie Wackles?« kreischte der Zwerg. »Miß Sophie Wackles ist also die zukünftige Frau Richard Swiveller – die zukünftige – ha! ha! ha!«

»Ach,« entgegnete Dick; »so hätten Sie allenfalls vor ein paar Wochen sagen können, aber jetzt geht's nicht mehr, mein verehrter Geißbart. Sie opfert sich auf dem Tabernakel des Cheggs –«

»Vergiften Sie Cheggs; schneiden Sie Cheggs die Ohren ab,« erwiederte Quilp. »Ich will nichts mehr von Cheggs hören. Ihr Name soll Swiveller sein und sonst keiner. Ich trinke noch einmal auf ihre Gesundheit, auf die Gesundheit ihres Vaters, ihrer Mutter und aller ihrer Schwestern und Brüder – und aller Wacklesen – aller Wacklesen in einen: Glas! Hinunter damit, bis auf die Nagelprobe!«

»Nun,« sagte Richard Swiveller, der, als er das Glas an seine Lippen führen wollte, plötzlich in dieser Bewegung inne hielt und fast erstarrt den Zwerg ansah, wie derselbe mit Armen und Beinen umherfuchtelte. »Sie sind ein lustiger Bursche, aber von allen lustigen Burschen, die ich je gesehen, oder von denen ich je gehört, haben Sie die sonderbarsten und außerordentlichsten Manieren an sich – ja, bei meinem Leben, das haben Sie.«

Die unumwundene Erklärung trug eher dazu bei, die Excentricität des Herrn Quilp zu vermehren, als sie zu zügeln, und Richard Swiveller – erstaunt über die renommistische Laune des Männchens und um der Gesellschaft willen dem Trunke nicht wenig zusprechend – begann unmerklich geselliger und zutraulicher zu werden, so daß er endlich, unter Herrn Quilp's umsichtiger Behandlung, im höchsten Grade mittheilsam wurde. Einmal in dieser Stimmung war es für Daniel Quilp, der jetzt, so oft er in Verlegenheit war, sein Stichwort kannte, beziehungsweise ein leichtes Geschäft, sich bald in den Besitz aller Einzelheiten des Planes zu versetzen, welcher zwischen dem leichtsinnigen Dick und seinem intrikanten Freunde abgekartet worden war.

»Halt!« sagte Quilp. »Sie haben den rechten Weg eingeschlagen. Sie haben es nicht übel vor. Es kann und soll durchgeführt werden. Da haben Sie meine Hand darauf; ich bin von dieser Minute an ihr Freund.«

»Wie? Glauben Sie denn, es sei noch eine Möglichkeit vorhanden?« fragte Dick, von dieser Ermuthigung überrascht.

»Möglichkeit?« wiederholte der Zwerg. »Sagen Sie Gewißheit! Sophie Wackles mag eine Cheggs, oder was ihr sonst ansteht, werden, aber kein Swiveller. O, Sie Glücksvogel! Er ist reicher als ein Jude, und Sie werden ein gemachter Mann sein. Ich sehe in Ihnen nichts mehr, als Nelly's Gatten, der sich in Gold und Silber wälzt. Ich will Ihnen dazu helfen. Es soll geschehen – erinnern Sie sich an meine Worte, es soll geschehen.«

»Aber wie?« fragte Dick.

»Wir haben Zeit genug dazu,« antwortete der Zwerg, »und es soll geschehen. Wir wollen uns setzen und die Sache von Anfang an noch einmal durchmachen. Ich entferne mich auf einen Augenblick; füllen Sie inzwischen Ihr Glas – ich bin gleich, auf der Stelle wieder da.«

Nach diesen hastig gesprochenen Worten begab sich Daniel Quilp nach einer eingerissenen Kegelbahn hinter dem Wirthshause, warf sich daselbst recht eigentlich auf den Boden, jubelte laut hinaus und kugelte in nicht zu bewältigendem Entzücken umher.

»Das ist ein Spaß!« rief er, »ein Spaß, dessen Ausführung ganz in meine Hand gegeben ist – alles erfunden und eingeleitet, daß er nur noch genossen zu werden braucht. War es nicht dieser plattköpfige Wicht, der mir kürzlich die Knochen so zerwetterte? War es nicht sein Freund und Mitverschworener, Herr Trent, der einmal auf Frau Quilp seine Augen warf und mit ihr Liebesblicke zu wechseln versuchte? Es ist ja etwas Köstliches, wenn sie zwei oder drei Jahre an diesem preiswürdigen Plane laboriren und am Ende finden, daß sie es mit einem Bettler zu thun gehabt haben, und daß einer von ihnen für seine ganze Lebenszeit gebunden ist – ha! ha! ha! Er soll Nell heirathen. Er soll sie haben, und wenn dann der Knoten gehörig fest gebunden ist, so will ich der Erste sein, der ihnen sagt, was sie gewonnen und was sie mir dabei zu verdanken haben. Das giebt eine Gelegenheit, alte Rechnungen auszugleichen, und die Zeit wird kommen, wo ich sie erinnern kann, welch ein Kapitalfreund ich war, und wie ich ihnen zu einer Erbin verholfen habe. Ha! ha! ha!«

In der Höhe seiner Verzückung wäre Herrn Quilp beinahe ein unangenehmes Intermezzo begegnet, denn da das vorgenannte Manöver in der Nähe einer alten Hundehütte vorfiel, so stürzte mit einemmale ein großer, ungestümer Hund heraus, der den Zwerg mit einem mißliebigen Gruß bewillkommnet haben würde, wenn seine Kette nicht so gar kurz gewesen wäre. Diesen günstigen Umstand übrigens benützend, blieb Herr Quilp in vollkommener Sicherheit auf seinem Rücken liegen, höhnte den Hund mit gräßlichen Fratzen und triumphirte über dessen Unfähigkeit, nur einen Zoll vorzurücken, obgleich Beide nur um ein paar Fuß von einander getrennt waren.

»Warum kömmst du nicht, um mich zu beißen? Warum kömmst du nicht, um mich in Stücke zu zerreißen, du Memme?« sagte Quilp, indem er durch Zischen das Thier fast bis zur Wuth reizte. »Gelt du fürchtest dich, du armseliger Poltron; du weißt wohl, das du dich fürchtest.«

Der Hund riß und zerrte an der Kette, während ihm die Augen fast aus dem Kopf sprangen und sein Bellen in ein wüthendes Geheul überging. Aber der Zwerg lag da und schnippte gegen ihn, unter herausfordernden und verächtlichen Geberden, die Finger. Als sich Herr Quilp von seiner Lust hinreichend erholt hatte, stand er auf und führte, genau außerhalb des Bereichs der Kette, mit in die Seite gestemmten Armen, einen koboldartigen Tanz um die Hütte aus, wodurch der Hund nur noch toller wurde.

So seinen Geist in eine heitere Stimmung versetzend, kehrte er zu seinem nichts ahnenden Gefährten zurück, welcher eben mit ungemeiner Gravität der Fluth zuschaute, und sich in der schönen Aussicht auf das Gold und Silber, wovon Herr Quilp gesprochen hatte, erlabte.

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