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Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Erster Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150121
modified20180917
projectid46ce39a3
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Der Raritätenladen.

Zwanzigstes Kapitel

Tag für Tag, so oft Kit von einem neuen Versuche, sich eine Beschäftigung zu verschaffen, heimkehrte, erhob er seine Augen zu dem Fenster des Stübchens, welches er Nelly so angelegentlich empfohlen hatte, und hoffte irgend ein Merkmal ihrer Anwesenheit wahrzunehmen. Sein sehnlicher Wunsch, in Vereinigung mit der Versicherung, die er von Quilp erhalten hatte, erfüllte ihn mit dem Glauben, sie werde noch kommen, um das demüthige Obdach, welches er ihr angeboten, in Anspruch zu nehmen, und aus der todten Hoffnung des einen Tages entsproßte eine neue für den morgigen.

»Ich glaube gewiß, daß sie morgen kommen – was meint Ihr, Mutter?« sagte Kit mit einem Seufzer, indem er ermattet seinen Hut niederlegte. »Sie sind schon eine Woche fort und können doch gewiß nicht länger als acht Tage ausbleiben – oder?«

Die Mutter schüttelte den Kopf und erinnerte ihn, wie oft er schon bereits vergeblich gehofft habe.

»Was das anbelangt,« entgegnete Kit, »so habt Ihr freilich Recht, und Ihr sprecht verständig genug, wie es immer bei Euch der Fall ist, Mutter. Demungeachtet meine ich aber, eine Woche sei lange genug für sie, um draußen herum zu streifen; müßt Ihr das nicht selber auch sagen?«

»Lange genug, Kit, und sogar länger als genug: aber sie kommen vielleicht deßhalb doch nicht zurück.«

Kit war einen Augenblick geneigt, sich über diesen Widerspruch zu ärgern, obgleich er selbst auch schon darauf verfallen war und die Richtigkeit desselben anerkennen mußte. Es war jedoch nur eine momentane Regung, und der verdrießliche Blick wandelte sich in einen freundlichen um, noch ehe er in der Stube auf und ab gegangen war.

»Aber was kann wohl nach Eurer Meinung aus ihnen geworden sein, Mutter? Ihr glaubt doch nicht, daß sie etwa auf's Meer gegangen sind?«

»Wenigstens gewiß nicht, um Matrosen zu werden,« entgegnete die Mutter mit einem Lächeln. »Aber ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, daß sie sich in's Ausland begeben haben.«

»O Mutter, redet nicht so,« rief Kit mit einer Jammermiene.

»Ich fürchte, daß es so ist, und daß ich das Wahre getroffen habe,« erwiederte sie. »Alle Nachbarn sind derselben Meinung. Und Einige wollen sogar wissen, daß man sie an Bord eines Schiffes gesehen hat; sie nennen sogar den Namen des Platzes, wo sie zur See gingen – er ist aber so schwer auszusprechen, daß ich ihn nicht behalten konnte, mein Lieber.«

»Ich glaub's nicht,« sagte Kit, – »kein Wort davon. Ein Haufe müßiger Klatschbasen – wie sollten die es wissen können.«

»Sie sind vielleicht auf der falschen Fährte,« versetzte die Mutter; »ich kann da nichts sagen, obgleich ich es nicht für ganz unmöglich halte, daß sie Recht haben. Es geht das Gerede, daß der alte Herr etwas Geld zurückgelegt hat, von dem Niemand was wußte, nicht einmal jener kleine, häßliche Mann, von dem du mir erzähltest – wie heißt er doch? – Quilp; und daß er und Miß Nell fortgegangen sind, um auswärts zu leben, wo man ihnen nichts nehmen kann und sie von Niemand beunruhigt werden. Dieß darf Einem doch nicht so ganz unwahrscheinlich vorkommen – oder?«

Fritz kratzte sich traurig am Kopfe und mußte, wohl oder übel, die Wahrscheinlichkeit zugeben; dann kletterte er nach dem alten Nagel hinauf, nahm den Käficht herunter und schickte sich an, denselben zu reinigen und den Vogel zu füttern. Bei dieser Beschäftigung kehrten auch seine Gedanken zu dem kleinen alten Herrn zurück, der ihm den Shilling gegeben hatte, und es fiel ihm plötzlich bei, daß heute der Tag – ja sogar jetzt fast die Stunde sei, zu welcher er, dem Geheiße des kleinen, alten Herrn zu Folge, sich wieder an dem Hause des Notars einfinden sollte. Er hängte den Käficht eilig wieder an seinen Nagel, erklärte seiner Mutter hastig den Grund seines Ausgangs und setzte sich in vollem Galopp nach dem bestimmten Orte in Bewegung.

Es waren ein paar Minuten über die Zeit, als er die von seiner Wohnung ziemlich entlegene Stelle erreichte, aber zum guten Glück war der kleine, alte Herr noch nicht angekommen; wenigstens war die einspännige Chaise nicht zu sehen, und eben so wenig ließ sich denken, daß er in einer so kurzen Zeit angelangt und wieder abgefahren wäre. Sehr beruhigt durch die Ueberzeugung, daß er nicht zu spät komme, lehnte sich Kit gegen einen Lampenpfosten, um sich zu verschnaufen, und erwartete die Ankunft des Pony und seiner Ladung.

In der That stand es auch nicht lange an, bis der Pony um die Straßenecke trabte, wobei er so störrig aussah, als ein Pony nur aussehen kann, und seine Füße so gewählt setzte, als suche er die reinsten Stellen auf, um ja keinen Huf schmutzig zu machen oder sich ungebührlich zu übereilen. Hinter dem Pony saß der kleine alte Herr, und neben dem alten Herrn die alte Dame, welche einen ähnlichen Blumenstrauß wie das letztemal bei sich hatte.

Der alte Herr, die alte Dame, der Pony und die Chaise kamen in vollkommener Eintracht die Straße herauf, bis der Pony etwa ein halb Dutzend Häuser unter der Wohnung des Notars Halt machte, indem er, durch das Messingschild unter dem Thürklopfer eines Schneiders getäuscht, durch sein verstocktes Schweigen die Versicherung ausdrückte, daß dieß das gewünschte Haus sei.

»Der Tausend, Bürschchen, willst du die Güte haben, vorwärts zu gehen? Dieß ist nicht der Ort,« sagte der alte Herr.

Der Pony sah mit großer Aufmerksamkeit auf den Stöpsel eines Wasserhahns, der in der Nähe war und schien in dessen Betrachtung ganz vertieft zu sein.

»Ach Herr Je! Welch ein garstiger Klepper!« rief die alte Dame. »Hat er jetzt doch so lange gut gethan und sich bisher so ordentlich aufgeführt! Ich schäme mich seiner. In der That, ich weiß nicht, was wir mit ihm anfangen sollen.«

Nachdem sich der Pony über die Natur und Eigenschaften des Hahnenstöpsels hinreichend orientirt hatte, sah er in die Luft nach seinen alten Feinden, den Fliegen; und da ihn in diesem Augenblick zufällig eine am Ohr kitzelte, so schüttelte er den Kopf und peitschte sich mit seinem Schwanze, worauf er sich in Gedanken zu vertiefen, aber ganz behaglich und gesammelt zu sein schien. Der alte Herr erschöpfte seine ganze Beredsamkeit, ohne jedoch einen Erfolg zu erzielen, und stieg daher ab, um den Gaul am Zaume weiter zu führen; dieser aber, vielleicht weil er hierin eine hinreichende Erlaubniß zu finden glaubte, vielleicht aber auch, weil er zufälliger Weise das andere Messingschild zu Gesicht bekommen hatte, wenn er es nicht gar etwa aus Trotz that, galoppirte mit der alten Dame vorwärts und machte an dem rechten Hause Halt, indem er es dem alten Herrn überließ, keuchend hinterdrein zu kommen.

Jetzt zeigte sich Kit neben dem Kopf des Pony und langte lächelnd an seinen Hut.

»Ei der Tausend,« rief der alte Herr, »der Junge ist hier! Siehst du, meine Liebe?«

»Ich habe ja gesagt, daß ich hier sein würde Sir,« entgegnete Kit, indem er den Hals des Kleppers streichelte. »Ich hoffe, Sie haben eine angenehme Fahrt gehabt, Sir. Es ist ein gar netter, kleiner Pony.«

»Meine Liebe,« sagte der alte Herr, »das ist ein ungewöhnlicher Junge; ein guter Junge darf ich sagen.«

»Ohne Zweifel,« entgegnete die alte Dame; »ein sehr guter Junge, und gewiß auch ein guter Sohn.«

Kit bedankte sich für diese gute Meinung dadurch, daß er abermals nach seinem Hute griff und ganz roth wurde. Der alte Herr half sodann der alten Dame aus der Chaise und warf dem Knaben ein beifälliges Lächeln zu, worauf sie sich in das Haus begaben, im Gehen aber noch immer von ihm sprachen, was Kit nothwendig merken mußte. Unmittelbar darauf trat auch Herr Witherden, der den Blumenstrauß fleißig beroch, an's Fenster und sah nach ihm, und dann that Herr Abel ein Gleiches, und dann kamen der alte Herr und die Dame und blickten nach ihm, und dann traten Alle heran und schauten gemeinschaftlich nach Kit, welcher darüber sehr in Verlegenheit kam, obgleich er that, als ob er es durchaus nicht bemerke, und daher den Pony nur um so fleißiger streichelte – eine Freiheit, welche sich der Pony gnädigst gefallen ließ.

Die Gesichter waren kaum einige Augenblicke von dem Fenster verschwunden, als Herr Chuckster in seinem Amtskleid und den Hut gerade so auf dem Kopf hängend, wie er ihm von dem Nagel darauf gefallen war, auf die Trottoirs herauskam und dem Knaben sagte, daß man drinnen mit ihm sprechen wolle, weßhalb er ihm auftrug, hineinzugehen; er werde inzwischen auf die Chaise Acht haben. Bei Gelegenheit dieser Aufforderung bemerkte Herr Chuckster, der Henker solle ihn holen, wenn er klar darüber werden könne, ob er (Kit) ein »köstlicher Einfaltspinsel« oder ein »köstlicher Schelm« sei; er deutete jedoch durch ein mißtrauisches Kopfschütteln an, daß er sich eher der letzten Ansicht zuwende.

Kit betrat in großer Angst das Bureau, denn er war nicht gewohnt, mit fremden Damen und Herren zu verkehren, und die Blechkapseln nebst den Bündeln bestäubten Papiers hatten in seinen Augen ein ehrwürdiges und Ehrfurcht einflößendes Aussehen. Auch war Herr Witherden ein gar rühriger Gentleman, der sehr laut und sehr schnell sprach, und Aller Augen hafteten auf ihm, während er doch so gar schäbig aussah.

»Nun Junge,« sagte Herr Witherden, »du bist gekommen, um deinen Shilling abzuverdienen; – oder vielleicht, um einen andern zu holen, he?«

»Nein, gewiß nicht, Sir,« versetzte Kit, indem er seinen Muth zusammen nahm und aufsah. »Ich habe nicht entfernt an so etwas gedacht.«

»Der Vater noch am Leben?« fragte der Notar.

»Todt, Sir.«

»Die Mutter noch am Leben?«

»Ja Sir.«

»Wieder verheirathet – he?«

Kit erwiderte nicht ohne einige Entrüstung, daß sie eine Wittwe mit drei Kindern sei, und was ihre Wiederverehelichung betreffe, so würde der Gentleman nicht an so etwas denken, wenn er sie kennte. Auf diese Antwort begrub Herr Witherden seine Nase abermals in den Blumen und flüsterte hinter dem Strauße dem alten Herrn zu, er glaube, der Junge sei so ehrlich, als ein Junge sein müsse.

»Nun,« sagte Herr Garland, nachdem noch einige weitere Fragen gestellt worden waren, »ich habe nicht im Sinne, dir noch etwas zu geben –«

»Ich danke Ihnen, Sir,« versetzte Kit: und es war ihm vollkommen Ernst damit, denn diese Ankündigung schien ihn des Verdachtes, auf welchen der Notar angespielt hatte, zu entheben.

»– Aber,« nahm der alte Herr wieder auf, »vielleicht möchte ich etwas Weiteres über dich erfahren. Sage mir daher, wo du wohnst, damit ich es in meinem Taschenbuche aufzeichnen kann.«

Kit nannte seine Wohnung und der alte Herr notirte dieselbe mit dem Bleistift. Dieß war kaum geschehen, als sich ein großer Lärm auf der Straße erhob; die alte Dame eilte an das Fenster und rief, daß der Pony durchgegangen sei, worauf Kit dem Gaule nacheilte, um ihn zurückzubringen, und die Uebrigen folgten.

Vermuthlich hatte Herr Chuckster mit den Händen in den Taschen dagestanden, dem Pony unbekümmert zugeschaut und ihm vielleicht gelegentlich durch Ermahnungen, als da sind: »bleib stehen«, »sei ruhig«, »oha« und dergleichen beleidigt – Kränkungen, die ein Pony von Ehrgefühl nicht ertragen kann. Der Klepper hatte daher, uneingeschüchtert von Rücksichten der Pflicht oder des Gehorsams und ohne die mindeste Furcht vor menschlichen Augen, endlich Reißaus genommen und rasselte in diesem Augenblicke die Straße hinunter, während Herr Chuckster, ohne Hut und die Feder hinter dem Ohr, hinten an der Chaise hing und dieselbe, zur unaussprechlichen Verwunderung aller Zuschauer, vergeblich in eine andere Richtung zu zerren bemüht war. Aber selbst im Durchgehen war der Pony ein eigensinniger Bursche, denn er war noch nicht sehr weit gekommen, als er plötzlich Halt machte, und ehe man noch Hand anlegen konnte, begann er fast ebenso rasch rückwärts zu gehen, als er vorwärts gegangen war.

Eine Folge davon war, daß Herr Chuckster auf eine höchst unrühmliche Weise nach seinem Bureau zurückgeschoben und gestoßen wurde, woselbst er dann auch nach seiner Niederlage in einem Zustande großer Erschöpfung anlangte.

Die alte Dame setzte sich nun auf ihren Platz und Herr Abel, den sie zu holen gekommen waren, auf den seinigen. Der alte Herr machte dem Pony Vorstellungen über sein außerordentlich unschickliches Betragen, entschuldigte das Thier auf's Beste gegen Herrn Chuckster und nahm dann gleichfalls seinen Platz ein. Sobald alles dieß in Ordnung war, fuhren sie ab, dem Notar und seinem Schreiber ein Lebewohl zuwinkend und mehr als einmal Kit freundlich zunickend, der ihnen auf der Straße nachsah.


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