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Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Erster Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.net
created20150221
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Der Raritätenladen. Neunzehntes Kapitel

Das Nachtessen war noch nicht vorüber, als in den lustigen Sandbuben noch zwei weitere Reisende anlangten, welche nach demselben Hafen steuerten, wie die Uebrigen, und nach einem Marsch von etlichen Stunden im Regen ganz glänzend und triefend hereinkamen. Der Eine davon war der Eigenthümer eines Riesen und einer kleinen Dame ohne Arme und Beine, die in einem Korbwägelchen weiter geschafft worden war; der Andere, ein schweigsamer Herr, der sich durch Kartenkünste seinen Unterhalt gewann und den natürlichen Ausdruck seines Gesichtes dadurch etwas derangirt hatte, daß er kleine bleierne Vierecke in seine Augen steckte und durch den Mund wieder zum Vorschein brachte, was gleichfalls zu den Fertigkeiten seines Gewerbes gehörte.

Der erste dieser neuen Ankömmlinge hieß Vuffin; den andern nannte man, wahrscheinlich als lustige Satyre auf seine Häßlichkeit, Sweet William Der süße Wilhelm.. Der Wirt sputete sich nach Kräften, um für ihre Bequemlichkeit zu sorgen, und in kurzer Zeit hatten's die beiden Herren vollkommen behaglich.

»Was macht der Riese?« fragte Short, als sie alle rauchend um das Feuer saßen.

»Er ist etwas schwach auf den Beinen,« versetzte Herr Vuffin. »Ich fürchte, er fängt an, mit den Knieen einzuknicken.«

»Das ist eine schlimme Aussicht,« sagte Short.

»Ach! Freilich schlimm,« entgegnete Vuffin, mit einem Seufzer das Feuer betrachtend. »Wenn ein Riese nicht mehr fest auf seinen Beinen steht, so kümmert sich das Publikum nicht mehr um ihn, als um einen faulen Kohlstrunk.«

»Und was wird dann aus den alten Riesen?« fragte Short, nach kurzem Nachsinnen die Rede wieder ausnehmend.

»Sie kommen dann gewöhnlich zu ganzen Caravanen, wo sie die Zwerge bedienen müssen,« erwiederte Herr Vuffin.

»Ihr Unterhalt muß etwas hoch zu stehen kommen, wenn man sie nicht mehr zeigen kann, he?« bemerkte Short, den Andern bedenklich ansehend.

»Jedenfalls ist's doch besser so, als wenn man sie dem Kirchspiel zuwiese oder auf den Straßen umherlaufen ließe,« sagte Herr Vuffin. »Wird ein Riese einmal gewöhnlich, so ist mit Riesen nichts mehr zu machen. Betrachten wir einmal die hölzernen Beine. Wenn es nur einen einzigen Stelzfuß gäbe, so müßte er ein wahrer Schatz sein.«

»Allerdings,« bemerkte der Wirth und Short zumal, »das ist sehr wahr.«

»Wollte man aber,« fuhr Herr Vuffin fort, »wollte man aber ein Stück von Shakespeare von lauter Stelzbeinen spielen lassen, so würde es, glaube ich, keine sechs Pence eintragen.«

»Das glaube ich selber auch,« entgegnete Short, welchem der Wirth beipflichtete.

»Ihr seht also daraus deutlich,« sprach Herr Vuffin, in argumentirender Weise seine Pfeife schwingend, »daß es politisch ist, die verbrauchten Riesen bei den Caravanen zu erhalten, wo sie ihr Leben lang Kost und Wohnung umsonst haben und im Allgemeinen sehr froh sind, da bleiben zu dürfen. Es war einmal ein Riese – ein schwarzer – welcher vor etlichen Jahren seine Caravane verließ und Kutschenanschlagszettel in London umhertrug, wodurch er natürlich so gewöhnlich wurde, wie ein Straßenkehrer. Er starb. Ich will keine Anspielung auf irgend Jemand in's Besondre machen,« sagte Herr Vuffin, feierlich umherblickend, »aber er hat das Gewerbe verdorben; – und er starb.«

Der Wirth athmete tief auf und sah auf den Eigenthümer der Hunde, welcher mit dem Kopfe nickte und verdrießlich sagte, er erinnere sich des Falles.

»Das will ich doch meinen, Jerry,« entgegnete Herr Vuffin bedeutungsvoll. »Ich weiß, daß Ihr Euch daran erinnert, Jerry, und die allgemeine Ansicht war, daß ihm Recht geschehen ist. Nun, ich entsinne mich noch der Zeit, wo der alte Maunders dreiundzwanzig Korbwägelchen hatte – ich weiß noch gut, wie der alte Maunders in seiner Hütte auf den Spätfeldern zur Winterszeit, wenn die Saison vorüber war, jeden Tag acht männliche und weibliche Zwerge am Tische sitzen hatte, welche von acht alten Riesen in grünen Röcken, rothen, kurzen Hosen, blauen Baumwollenstrümpfen und hohen Schuhen bedient wurden; und da war ein Zwerg darunter, dem mit dem Alter auch die Bosheit angeflogen war, und wenn ihm sein Riese nicht schnell genug aufwartete, so pflegte er ihm Stecknadeln in die Beine zu stecken; weil er nicht höher hinauf reichen konnte. Das ist Thatsache, denn Maunders hat's mir selbst erzählt.«

»Was fängt man mit den Zwergen an, wenn sie alt werden?« fragte der Wirth.

»Je älter ein Zwerg ist, desto mehr steigt er im Werthe,« versetzte Herr Vuffin. »Ein grauköpfiger Zwerg mit recht vielen Runzeln ist über allen Verdacht erhaben. Aber ein Riese, der schwach auf den Beinen ist und nicht aufrecht stehen kann? – zu einer Caravane mit ihm, aber ihn ja nie gezeigt, ihn ja nie gezeigt, mag man Einem auch noch so viel dafür anbieten!«

Während Herr Vuffin und seine zwei Freunde ihre Pfeifen rauchten und sich die Zeit durch derartige Gespräche kürzten, saß der schweigsame Gentleman in einer warmen Ecke und verschluckte, oder schien, der Uebung halber, ein Dutzend Halbpence zu verschlucken, balancirte eine Feder auf seiner Nase und probirte andere derartige Kunststücke, ohne auf die Gesellschaft die mindeste Rücksicht zu nehmen, welche ihrerseits ihn gleichfalls völlig unbeachtet ließ. Endlich vermochte das müde Kind seinen Großvater, sich zu entfernen, und sie verließen die Gesellschaft, welche noch immer um das Feuer saß, während die Hunde, in bescheidener Entfernung, fest schliefen.

Nachdem Nell dem alten Manne gute Nacht gesagt hatte, begab sie sich in ihr armseliges Dachkämmerchen: sie hatte jedoch kaum die Thüre geschlossen, als ganz leise an dieselbe gepocht wurde. Sie öffnete sogleich wieder und war ein wenig erstaunt, als sie des Herrn Codlin ansichtig wurde, den sie unten, allem Anschein nach, im festem Schlafe verlassen hatte.

»Was gibt es denn?« fragte das Kind.

»Nichts Besonderes, meine Liebe,« versetzte Herr Codlin. »Ich bin Euer Freund. Vielleicht habt Ihr Euch das nicht so gedacht, aber ich bin Euer Freund – nicht er

»Wen meint Ihr mit diesem Er?« fragte das Kind.

»Short, meine Liebe. Ich will dir was sagen,« fuhr Codlin fort; »er hat zwar eine Manier an sich, die vielleicht geeignet ist, Euch zu gefallen; demungeachtet bin aber doch nur ich der eigentliche offenherzige Mann. Mein Aeußeres sieht vielleicht nicht darnach aus, aber du darfst dich darauf verlassen, daß ich es bin.«

Das Kind begann unruhig zu werden, denn sie glaubte, das Bier habe an Herrn Codlin seine Wirkung gethan, und die Folge davon sei seine gegenwärtige Selbstanpreisung.

»Short ist kein übler Mann und scheint es gut zu meinen,« nahm der Misanthrop wieder auf; »aber er übermacht es. Das ist nun freilich nicht meine Sache.«

Freilich, wenn in Herrn Codlin's gewöhnlichem Benehmen ein Fehler war, so bestand dieser gewiß nicht in einer übertriebenen Freundlichkeit gegen seine Umgebung, da er es im Gegentheil liebte, gar nichts dergleichen an sich merken zu lassen. Das Kind war übrigens verblüfft, und wußte nicht, was es sagen sollte.

»Laßt Euch rathen,« fuhr Codlin fort; »fragt mich nicht, warum, aber laßt Euch rathen. So lange Ihr mit uns reist, so haltet Euch so nahe als möglich an mich. Laßt's Euch nicht einfallen, uns zu verlassen – um keinen Preis – sondern haltet Euch immer an mich und sagt, daß ich Euer Freund bin. Willst du dir das merken, meine Liebe, und willst du immer sagen, daß ich es gewesen sei, der Euch freundlich berieth?«

»Aber wo – und wann soll ich so sagen?« fragte das Kind unschuldig.

»Oh, nicht an irgend einem besonderen Ort,« versetzte Codlin, der durch diese Frage etwas außer Fassung gebracht zu sein schien; »es ist mir nur viel daran gelegen, daß Ihr so von mir denkt und mir Gerechtigkeit widerfahren laßt. Ihr könnt gar nicht glauben, was ich für ein Interesse an Euch nehme. Warum erzähltest du mir nicht Eure kleine Geschichte – ich meine die deinige und die des alten Herrn? Ich kann Euch besser rathen, als irgend Jemand, und interessire mich so sehr für Euch – oh, wie viel mehr als Short. Ich glaube gar, sie brechen jetzt unten auf; du brauchst natürlich Short nichts von dem zu sagen, was wir da miteinander geplaudert haben. Gott behüte dich! Vergiß nicht, daß Codlin, nicht Short, der Freund ist. Short ist zwar, so weit er geht, nicht übel, aber der eigentliche, wahre Freund ist Codlin, nicht Short.«

Nachdem Thomas Codlin diese Versicherungen noch mit einer Anzahl wohlwollender und beschützender Blicke ausgestattet und dabei in seinem Benehmen eine große Wärme an den Tag gelegt hatte, stahl er sich auf den Zehenspitzen fort und ließ das Kind in einem Zustande der äußersten Ueberraschung zurück. Sie dachte noch immer über dieses sonderbare Benehmen nach, als die gebrechlichen Treppen unter den Fußtritten der anderen Wanderer erknarrten, welche sich zu Bette begaben. Kaum war dieß vorüber und der Schall der Tritte verklungen, als einer der nächtlichen Gäste wieder umkehrte und nach einigem Zögern und Rascheln auf der Flur, als wisse er nicht recht, an welcher Thüre er klopfen solle, an Nell's Thüre pochte.

»Nun?« fragte das Kind von innen.

»Ich bin es – Short« – rief eine Stimme durch das Schlüsselloch. »Ich wollte nur sagen, daß wir morgen mit dem Frühesten fort sein müssen, meine Liebe; denn wenn wir den Hunden und dem Hexenmeister keinen Vorsprung abgewinnen, so werden die Dörfer keinen Penny werth sein. Ihr seid gewiß auch zeitig auf den Beinen und geht mit uns? Ich will Euch rufen?«

Das Kind gab eine bejahende Antwort und erwiederte eine »gute Nacht,« worauf sie ihn hinwegschleichen hörte. Sie fühlte über die Besorgtheit dieser Leute einige Unruhe, die noch durch den Umstand erhöht wurde, daß Nell sich ihres Flüsterns in der Küche und der leichten Verwirrung erinnerte, welches sie bei ihrem Erwachen an den Tag gelegt hatten; auch war sie nicht ganz frei von dem Verdachte, daß sie hier gerade nicht auf die passendste Reisegesellschaft gestoßen wären. Diese Unruhe kam jedoch ihrer Müdigkeit gegenüber nicht in Betracht, und sie vergaß derselben bald in ihrem Schlummer.

Short erfüllte mit dem frühesten Morgen sein Versprechen, klopfte leise an die Thür des Mädchens und bat sie, gleich aufzustehen, da der Hundeeigenthümer noch schnarche; wenn sie keine Zeit verlören, so könnten sie sowohl diesem, als dem Hexenmeister, der eben jetzt im Schlafe rede und nach dem, was man hören könne, in seinen Träumen einen Esel balancire, einen hübschen Vorsprung abgewinnen. Sie sprang ohne Zögerung aus ihrem Bette und weckte den alten Mann mit solcher Eile, daß sie eben so bald, als Short selbst, reisefertig waren – zur unaussprechlichen Zufriedenheit und Beruhigung des letzteren Herrn.

Nach einem sehr regelmäßigen und übereilten Frühstück, dessen Stapelwaaren aus Speck, Brod und Bier bestanden, verabschiedeten sie sich von dem Wirthe und verließen die Thüre der lustigen Sandbuben. Der Morgen war schön und warm, der Boden nach dem letzten Regen für die Füße abgekühlt, die Hecken prunkten in einem heiteren Grün, die Luft war klar und Alles strotzte von Frische und Gesundheit. Unter so belebenden Einflüssen ging es vergnüglich genug vorwärts.

Sie waren noch nicht sehr weit gekommen, als das Kind abermals durch das veränderte Benehmen des Herrn Thomas Codlin beunruhigt wurde, der, statt wie früher, verdrießlich sich weiter zu schleppen, fortwährend in ihrer unmittelbaren Nähe blieb und ihr, so oft er sie ansehen konnte, ohne daß es sein Gefährte bemerkte, durch gewisse Gesichtsverzerrungen und Rucke mit dem Kopfe zu verstehen gab, dem Short nicht zu trauen, sondern alles Vertrauen für Codlin aufzubewahren. Er ließ es jedoch nicht blos bei Blicken und Geberden bewenden, denn wenn sie und ihr Großvater an der Seite des vorgenannten Short's gingen und dieser kleine Mann mit seiner gewohnten Lebhaftigkeit über verschiedene gleichgültige Gegenstände sprach, so legte Thomas Codlin seine Eifersucht und seinen Argwohn dadurch an den Tag, daß er ihr auf den Fersen folgte und hin und wieder ihren Knöcheln mit den Beinen des Polichinellkastens eine plötzliche und schmerzliche Ermahnung gab.

Ein solches Benehmen machte natürlich das Kind noch aufmerksamer und argwöhnischer, und sie bemerkte bald, daß Herr Codlin, so oft vor einem Dorfwirthshause oder an einem andern Platze Halt gemacht wurde, um eine Vorstellung zu geben, im Laufe seiner Verrichtungen kein Auge von ihr und dem altem Manne verwandte, oder mit dem Anscheine großer Freundschaft und Rücksicht den Letzteren einlud, sich auf seinen Arm zu lehnen, wobei er ihn nicht wieder los ließ, bis das Spiel vorüber war und die Reise auf's Neue anging. Selbst Short schien sich in dieser Hinsicht zu verändern und seiner Gutmütigkeit etwas von dem Wunsch beizumischen, sie in sicherem Gewahrsam zu halten. Dieß erhöhte den Argwohn der Kleinen und machte sie noch ängstlicher und unruhiger.

Mittlerweile näherten sie sich der Stadt, wo am nächsten Tage das Pferderennen beginnen sollte, immer mehr und mehr. Sie kamen an zahllosen Gruppen von Zigeunern und anderen Wanderern vorbei, welche aus jedem Kreuz- und Nebenwege in die Landstraße einbogen, und versenkten sich allmählig in einen wahren Volksstrom, in welchem Einige an der Seite ihrer bedeckten Karren einhergingen. Andere auf Pferden oder Eseln ritten oder solche Thiere vor sich hertrieben, und wieder Andere mit schweren Lasten auf den Rücken sich weiterschleppten – Alle aber dem gleichen Ziele zu. Die Wirthshäuser an der Straße, welche früher so leer und stille gewesen waren, als die in entfernteren Landestheilen, entsandten nun ein lärmendes Gejubel und Masten von Rauchwolken, und aus den neblichten Fenstern schauten Haufen von breiten, rothen Gesichtern auf die Straße hinunter. Auf jedem Stückchen einer Haide oder eines Gemeindegrundes trieb irgend ein kleiner Spieler sein lärmendes Gewerbe und schrie die müssigen Vorübergehenden an, zu halten und ihr Glück zu versuchen; das Gedränge wurde immer dichter und geräuschvoller; vergoldete Pfefferkuchen setzten in Leinwandzelten ihre Herrlichkeit dem Staube aus; und oft jagte eine vierspännige Equipage vorüber, hüllte alle Wanderer in die von ihr aufgewühlte Wolke und ließ sie, betäubt und geblendet, weit hinter sich.

Es dunkelte bereits, ehe sie die Stadt erreichten, und die letzten paar Meilen waren ihnen in der That sehr lang geworden. Man sah nichts als Tumult und Verwirrung; die Straßen waren von Menschenmasten erfüllt – darunter viele Fremde, wie aus den Blicken, die sie um sich warfen, zu erhellen schien, – die Kirchthurmglocken ließen ihr lärmendes Geläute ertönen, und Flaggen wehten von den Fenstern und Hausgiebeln.

In den Höfen großer Gasthäuser flogen Kellner, gegenseitig aneinander anprallend, hin und her, Pferdehufe klapperten auf dem unebenen Pflaster, Kutschentritte fielen rasselnd nieder, und krankmachende Düfte aus den vielen Küchen betäubten mit ihrem schweren, lauwarmen Athem die Sinne. In den kleineren Wirthshäusern quiekten die Fiedeln mit aller Macht zu dem Takte stolpernder Füße; betrunkene Männer, den Refrain ihres Liedes vergessend, vereinigten sich zu einem sinnlosen Geheul, welches das Klingeln der schwachen Glocke ertränkte und sie zu einer wahren Wuth nach dem Branntwein entflammte; vagabundirende Gruppen versammelten sich um die Thüren, um die herumziehende Tänzerin ihre Sprünge machen zu sehen und ihr eigenes Geschrei mit den Tönen der schrillen Stockpfeife und der betäubenden Trommel zu vereinigen.

Ueber diesem Schauplatz des Wahnsinnes führte das Kind, erschreckt und zurückgezogen durch Alles, was sie sah, den verwirrten, alten Mann, indem sie sich fest an ihren Führer anklammerte, zitternd vor Angst, sie könnte in dem Gedränge von ihm getrennt werden und ihren Weg allein suchen müssen. Sie beschleunigten ihre Schritte, um dem Getöse und dem wüsten Treiben zu entkommen und langten endlich in der Stadt an, von wo aus sie sich nach der Rennbahn begaben. Diese bestand aus einer offenen Haide, welche eine volle Meile hinter der Stadt auf einer Anhöhe lag.

Auch hier waren viele Leute, und nicht zwar von der begünstigten oder festbekleideten Sorte, welche geschäftig Zelte ausspannten, Pfähle in den Grund schlugen, mit staubigen Füßen hin- und hereilten und manchen Fluch vor sich hin murmelten – müde Kinder krabbelten auf Strohhaufen zwischen Karrenrädern und weinten sich in den Schlaf – magere, müde Pferde und Esel, kaum erst von ihrer Last befreit, grasten unter den Männern und Weibern, den Töpfen und Kesseln, den halbangezündeten Feuern und Kerzenstümpchen, die in der Luft verflackerten – doch für all' dieß hatte das Kind kein Auge, denn es empfand blos das glückliche Gefühl, der Stadt entkommen zu sein, und athmete wieder freier. Nach einem spärlichen Abendessen, dessen Kosten ihren kleinen Vorrath so weit heruntergebracht hatten, daß sie nur noch ein paar Halbpence besaß, womit sie am andern Morgen ein Frühstück kaufen konnte, legte sie sich neben dem alten Mann in einer Zeltecke zur Ruhe und schlief ein, trotz der geschäftigen Vorbereitungen, welche die ganze Nacht durch rund um sie getroffen wurden.

Und nun war die Zeit gekommen, wo sie ihr Brod betteln mußte. Bald nach Sonnenaufgang stahl sie sich aus dem Zelte, streifte auf den nahen Feldern umher und pflückte einige wilde Rosen und andere bescheidene Blumen, die sie in kleine Sträuße zu binden und den Damen anzubieten gedachte, wenn sie in ihren Carossen angefahren kämen. Ihre Gedanken waren während dieser Beschäftigung nicht laß. Als sie zurückkam und sich in einer Ecke des Zeltes an der Seite des alten Mannes niedersetzte, um, während die zwei Männer in einer andern Ecke schlafend lagen, ihre Blumen zu binden, zupfte sie ihn am Aermel, blickte leicht nach den Schläfern hin und sagte mit leiser Stimme:

»Großvater, sehen Sie nicht auf die Leute, von welchen ich spreche, und lassen Sie sich's nicht anmerken, daß ich von etwas Anderem als von meiner Beschäftigung rede. Was haben Sie mir gesagt, ehe wir das alte Haus verließen? Sagten Sie nicht, man würde Sie für wahnsinnig erklären und uns trennen, wenn man wüßte was wir im Schilde führten?«

Der alte Mann wandte sich mit der Geberde wirren Entsetzens an sie; Nell beschwichtigte ihn jedoch durch einen Blick und bat ihn, einige Blumen zu halten, während sie dieselben zusammenbände; dann brachte sie ihre Lippen seinem Ohr näher und sagte:

»Ich erinnere mich noch wohl dieser Worte. Sie brauchen nicht zu sprechen, lieber Großvater. – Ich entsinne mich derselben noch ganz gut, und es ist nicht wahrscheinlich, daß ich sie je vergessen werde, Großvater. Diese Männer beargwöhnen uns, als hätten wir heimlich unsere Freunde verlassen, und sie hegen die Absicht, uns vor irgend einen Herrn zu führen, der uns in Gewahrsam nehmen lassen und uns zurücksenden soll. Wenn Ihre Hand so zittert, so können wir ihrer nie los werden; aber wenn Sie nur jetzt ruhig bleiben, so wird sich's leicht ausführen lassen.«

»Aber wie?« murmelte der alte Mann. »Liebe Nelly, wie? Sie werden mich in einen steinernen Kerker sperren – dunkel und kalt, und mich mit Ketten an die Mauer schließen, Nell – mich mit Peitschen geißeln, und dich nie wieder vor mich lassen!«

»Sie zittern schon wieder,« sagte das Kind. »Halten Sie sich nur den ganzen Tag über dicht an mich. Kehren Sie sich nicht an diese Männer; sehen Sie nicht auf sie, sondern nur auf mich. Ich werde Gelegenheit finden, mich wegzustehlen; und wann ich dieß thue, so vergessen Sie nicht, mir zu folgen, ohne sich im mindesten aufzuhalten, oder auch nur ein Wort zu sprechen. Bst! Genug für jetzt.«

»Holla! Was – du bist schon auf, meine Liebe?« begann Herr Codlin, indem er gähnend den Kopf in die Höhe richtete. Als er dann bemerkte, daß sein Gefährte noch schlief, fügte er in ernstem Flüstern bei: »vergiß nicht, Codlin ist der Freund – nicht Short.«

»Ich binde einige Sträuße,« versetzte das Kind, »und will sehen, ob ich sie nicht während der drei Tage des Pferderennens verkaufen kann. Wollt Ihr nicht auch einen? Als Geschenk meine ich.«

Herr Codlin wollte aufstehen, um den Strauß in Empfang zu nehmen, aber das Kind eilte auf ihn zu und gab ihm denselben in die Hand. Er steckte ihn mit einer Miene, die für einen Misanthropen recht wohlgefällig war, in ein Knopfloch, schielte triumphirend auf den nichtsahnenden Short hin, und murmelte, als er sich wieder niederlegte:

»Tom Codlin ist der Freund, bei Gott!«

Mit dem Anbruch des Morgens gewannen die Zelte eine heiterere und glänzendere Außenseite, und lange Reihen von Wagen rollten sanft über den Rasen. Menschen, welche die ganze Nacht durch in Kitteln und Ledergamaschen umher gelungert hatten, kamen in seidenen Westen und Federhüten als Gaukler oder Quacksalber zum Vorschein, versahen in prächtigen Livreen das Geschäft der höflichen Diener in den Spielbuden, oder traten in der Tracht stämmiger, wohlhabender Bauern auf, um Andere in die Hände falscher Spieler zu liefern. Schwarzäugige Zigeunermädchen mit bunten Tüchern um den Kopf eilten umher, um wahrzusagen, und blasse, ausgemergelte Weiber mit schwindsüchtigen Gesichtern folgten den Bauchrednern und Taschenspielern auf dem Fuße, mit gierigen Augen die sechs Pence zählend, noch ehe sie verdient waren. Kinder, so viel man deren in den Schranken halten konnte, packte man sammt allen ihren Merkmalen von Unreinlichkeit und Armuth unter die Esel, Karren und Pferde; und diejenigen, welche man nicht in dieser Weise unterbringen konnte, eilten aller Orten umher, krochen den Leuten zwischen die Beine, zwischen den Wagenrädern durch und kamen unbeschädigt zwischen den Hufen der Rosse wieder zum Vorschein. Die tanzenden Hunde, die Stelzen, die kleine Dame nebst dem großen Manne, und alle die übrigen Lockmittel mit einer Unzahl von Drehorgeln und zahllosen Musikantenbanden tauchten aus den Löchern und Winkeln auf, in denen sie die Nacht zugebracht hatten, und stolzierten keck in der Sonne.

Längs der von Menschen überfüllten Rennbahn hin führte Short seine Gesellschaft, wobei er aus Leibeskräften in seine Messingtrompete stieß und mit der Stimme des Polichinell's lärmte; ihm folgte Thomas Codlin, wie gewöhnlich mit dem Puppenkasten auf dem Rücken, und verwandte kein Auge von Nelly und ihrem Großvater, welche den Nachtrab bildeten. Das Kind trug sein Körbchen Blumen an dem Arme und hielt hin und wieder mit bescheidenen und schüchternen Blicken an, um sie vor irgend einer prunkenden Carosse anzubieten. Aber ach! es waren viele kühnere Bettler da – Ziegeunerinnen, welche Männer versprachen, und andere Adepten ihres Gewerbes; und obgleich einige Damen mit sanftem Lächeln die Köpfe schüttelten und andere den Herren an ihrer Seite zuriefen, sie möchten das hübsche Gesichtchen betrachten, so ließen sie doch das hübsche Gesichtchen gehen, ohne daran zu denken, daß es müde oder hungrig aussehe.

Nur eine einzige Dame schien das Kind zu verstehen; sie saß allein in einem schönen Wagen, und schien von zwei jungen Männern in eleganten Kleidern, die eben ausgestiegen waren und in einiger Entfernung laut plauderten und lachten, ganz vergessen worden zu sein. In ihrer Nähe befanden sich viele Damen, aber sie hatten ihr den Rücken gekehrt, sahen in eine andere Richtung oder warfen den zwei jungen Männern freundliche Blicke nach, ohne sich um die Einzelne zu bekümmern. Sie winkte einer Zigeunerin, welche ihr durchaus wahrsagen wollte, sich zu entfernen, indem sie bemerkte, man habe ihr schon auf einige Jahre hinein prophezeit, rief das Kind zu sich, nahm seine Blumen, drückte ihm Geld in die zitternde Hand und hieß es nach Hause gehen und um Gotteswillen zu Hause bleiben.

Oftmals gingen sie diese langen Reihen auf und ab, und sahen alles, nur nicht die Pferde und das Rennen. Als die Glocke das Zeichen gab, die Bahn zum räumen, kehrten sie zurück, um zwischen den Karren und Eseln auszuruhen, indem sie erst wieder zum Vorschein kamen, als die größte Hitze vorüber war. Oftmals zeigte sich auch Polichinell im vollen Glanze seines Humors; aber die ganze Zeit über haftete Thomas Codlin's Auge auf ihnen, so daß an ein unbemerktes Entkommen nicht zu denken war. Endlich, spät am Tage, pflanzte Herr Codlin den Puppenkasten an einem geeigneten Orte auf, und die Zuschauer waren bald überselig. Das Kind, welches mit dem alten Manne dicht hinter dem tragbaren Schauspielhause saß, machte sich eben seine Gedanken über die Wunderlichkeit, daß Pferde, die so schöne anständige Geschöpfe wären, aus allen Leuten, die ihnen nachzögen, Vagabunden zu machen schienen, als ein lautes Gelächter über einen extemporirten Witz des Herrn Short, welcher auf die Umstände des Tages Bezug hatte, sie aus ihren Betrachtungen weckte und Anlaß gab, daß sie umher schaute.

Wenn sie je unbeachtet entkommen konnte, so war dieß der gelegenste Augenblick dazu. Short ließ die Pritschen kräftig spielen und schlug in der Wuth des Kampfes seine Schauspieler nach den Coulissen der Bühne zurück; die Leute sahen mit lachenden Gesichtern zu; und Herr Codlin verzog seine Züge zu einem gräulichen Lächeln, als sein unstetes Auge bemerkte, wie die Hände in die Westentaschen fuhren und heimlich nach Sixpencestücken tasteten. Wenn sie je unbemerkt entweichen konnten, so war dieß der Augenblick dazu. Sie benützten ihn und flohen.

Sie bahnten sich einen Weg durch die Buden, die Wagen und das Menschengedränge, ohne auch nur einmal anzuhalten, um zurück zu sehen. Die Glocke läutete und die Bahn war geräumt, als sie eben bei den Seilen anlangten; aber sie huschten darüber weg, ohne sich an das Geschrei und den Lärm zu kehren, womit sie wegen dieses Einbruchs in das Heiligthum verfolgt wurden, eilten an dem Rande des Hügels weiter und kamen endlich in das freie Feld.

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