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Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Erster Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.net
created20150221
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Der Raritätenladen. Achtzehntes Kapitel

Die »lustigen Sandbuben« hieß ein kleines Straßenwirthshaus von ziemlichem Alter, mit einem auf der andern Seite des Weges an seinen Pfosten pendelnden und knarrenden Schild, drei Sandbuben darstellend, die ihre Lustigkeit durch eben so viele Bierkrüge und Beutel mit Goldstücken noch steigerten. Die Reisenden hatten den Tag über manche Merkmale wahrgenommen, daß sie der Stadt, wo das Wettrennen abgehalten werden sollte, näher und näher kamen – zum Beispiel Zigeunerlager, mit Spielbuden sammt Zubehör, beladene Karren, Leute, die alles nur Erdenkliche vorzuzeigen hatten, und dergleichen, weßhalb Herr Codlin Alles besetzt zu finden fürchtete. Diese Furcht nahm zu, jemehr sich die Entfernung zwischen ihm und dem Wirthshause minderte; er beschleunigte daher seine Schritte, trotz der Bürde, die er zu tragen hatte, und hielt einen tüchtigen Trab ein, bis er die Schwelle erreichte. Hier hatte er die Freude, zu entdecken, daß seine Furcht unbegründet war, denn der Wirth lehnte träge gegen den Thürpfosten und sah dem Regen zu, welcher inzwischen schwer niederzustürzen angefangen hatte, während kein Klingeln der geborstenen Glocke, kein jubelnder Lärm, kein geräuschvoller Chorus auf eine Gesellschaft im Hause hinwies.

»Ganz allein?« fragte Herr Codlin, indem er seine Last niedersetzte und seine Stirn abwischte.

»Noch ganz allein,« antwortete der Wirth, den Himmel ansehend, »aber wir werden hoffentlich heute noch mehr Gesellschaft kriegen. Da, ihr Buben, trage einer die Puppenkasten in die Scheune. Machen Sie, daß Sie in's Trockene kommen, Tom. Sobald es zu regnen anfing, ließ ich Feuer anmachen, und wir haben jetzt eine prächtige Flamme in der Küche, kann ich Ihnen sagen.«

Herr Codlin folgte bereitwillig und fand bald, daß der Wirth seine Vorkehrungen nicht ohne guten Grund gelobt hatte. Ein gewaltiges Feuer prasselte auf dem Herde und zischte lustig nach dem weiten Kamin auf – ein Ton, welchen das Sprudeln und Schmoren eines großen eisernen Kessels auf eine vergnügliche Weise erhöhen half. Ein tiefer, röthlicher Schein erhellte den Raum, und als der Wirth in dem Feuer störte, daß die Funken lustig aufhüpften und in die Höhe flogen – als er den Deckel von dem eisernen Topfe nahm, aus dem ein wohlriechender Duft hervorkam, während der sprudelnde Ton immer dumpfer und reicher wurde, und ein fetter Dampf wie ein köstlicher Nebel ihre Häupter umhüllte, – als der Wirth dieß that, da fühlte sich Herrn Codlin's Herz gerührt; er setzte sich in dem Kaminwinkel nieder und lächelte. Herr Codlin saß also lächelnd in dem Kaminwinkel und beäugelte den Wirth, als dieser mit schelmischem Blick den Deckel in der Hand hielt und, als sei es unumgänglich nothwendig in der Kocherei, den belebenden Duft entströmen ließ, um die Nasenlöcher seines Gastes zu kitzeln. Der Wiederschein des Feuers fiel auf das kahle Haupt des Wirthes, auf seine blinzenden Augen, auf seinen wässernden Mund, auf sein finniges Gesicht, und auf seine ganze runde, fette Gestalt. Herr Codlin zog den Rockärmel über seine Lippen und sagte mit murmelnder Stimme:

»Was ist's denn?«

»Ein Ragout von Kuttelflecken,« sagte der Wirth, mit den Lippen schmatzend, »und Kuhfüßen,« abermals schmatzend, »und Speck,« noch einmal schmatzend, »und Beefsteaks,« zum vierten Mal schmatzend, »und Erbsen, Blumenkohl; neuen Kartoffeln und Spargeln, das sich Alles zu einer köstlichen Brühe zusammenkocht.«

Nachdem er bei diesem Höhepunkte angelangt war, schmatzte er eine ziemliche Weile mit den Lippen, sog mit einem langen Athem den ihm umschwebenden Wohlgeruch ein, und setzte mit der Miene eines Mannes, dessen Erdenmühen vorüber sind, den Deckel wieder auf.

»Wann ist es fertig?« fragte Herr Codlin mit schwacher Stimme.

»Es wird präcise,« antwortete der Wirth, auf die Uhr sehend – und sogar das fette weiße Zifferblatt erglühete, ganz so aussehend, wie eine Uhr für lustige Sandbuben – »es wird präcise zweiundzwanzig Minuten vor eilf Uhr gar sein.«

»Dann,« sagte Herr Codlin, »bringen Sie mir eine Pinte warmen Biers und lassen Sie Niemand etwas hereinbringen, wäre es auch nur so viel als ein Stück Zwieback, bis die Zeit kömmt.«

Diesem entschiedenen und männlichen Verfahren seinen Beifall zunickend, entfernte sich der Wirth, um das Bier zu holen, kam schnell damit wieder zurück und schickte sich an, dasselbe in einem kleinen verzinnten Gefäße zu wärmen, das trichterartig geformt war, um es an Stellen, wo das Feuer am lebhaftesten brannte, recht tief in die Glut stecken zu können. Dieß war bald geschehen, und er händigte das Getränk Herrn Codlin mit jenem rahmartigen Schaum auf der Oberfläche ein, welcher zu den glücklichen Eigenschaften eines heißgemachten Malztrankes gehört.

Durch dieses beruhigende Getränk sehr besänftigt, gedachte Herr Codlin jetzt seiner Gefährten, indem er unserem Gastwirth »zu den Sandbuben« ihre Ankunft als ein Ereigniß ankündigte, dem man in Kürze entgegensehen dürfe. Der Regen rasselte gegen die Fenster und schoß in Strömen nieder, und Herrn Codlin's außerordentliche liebevolle Stimmung ging sogar so weit, daß er mehr als einmal seine ernstliche Hoffnung ausdrückte, sie würden doch nicht so thöricht sein, sich durchnässen zu lassen. Endlich kamen sie an, getränkt vom Regen und in einem ganz elendiglichen Zustande, obgleich Short das Kind so gut als möglich mit den Schößen seines Rockes geschützt hatte, und sie Alle vor Eile fast athemlos waren. Ihre Schritte wurden kaum auf der Landstraße gehört, als der Wirth, der an dem Außenthore ängstlich ihrer Ankunft entgegen gesehen hatte, in die Küche stürmte und den Deckel abnahm. Die Wirkung war elektrisch. Sie kamen Alle mit lächelnden Gesichtern, obschon das Wasser von ihren Kleidern auf den Boden träufelte, und Short's erste Bemerkung lautete: »welch' ein köstlicher Geruch!«

Es war nicht sonderlich schwer, an der Seite eines lustigen Feuers und in einem hellen Gelasse des Regens und Schmutzes zu vergessen. Sie wurden mit Pantoffeln und so vielen trockenen Kleidern, als das Haus oder ihre Bündel liefern konnten, versehen, und dann kauerten sie sich, wie Herr Codlin bereits gethan hatte, in den warmen Kaminwinkel, wo sie bald der kürzlichen Unlust vergaßen, oder sich derselben nur noch erinnerten, um die Behaglichkeit des gegenwärtigen Augenblicks zu erhöhen. Nelly und der alte Mann hatten noch nicht lange ihre Sitze eingenommen, als sie nach der Ermüdung des Tages und überwältigt von der behaglichen Wärme in Schlaf verfielen.

»Wer sind diese?« flüsterte der Wirth.

Short schüttelte den Kopf und entgegnete, das möchte er selber auch wissen.

»Wissen's auch Sie nicht?« fragte der Wirth, sich an Herrn Codlin wendend.

»Nein,« versetzte dieser. »Vermuthlich nicht viel Rechtes.«

»Harmlose Menschen, zuverlässig,« sagte Short. »Ich will Ihnen was sagen – es fällt in die Augen, daß es mit dem Kopfe des alten Mannes nicht recht richtig ist –«

»Wenn Ihr keine bessere Neuigkeit wißt als diese,« brummte Herr Codlin, nach der Uhr sehend, »so wäre es besser, Ihr ließet uns an's Nachtessen denken, statt uns mit solchem Gerede zu incommodiren.«

»So laßt mich doch ausreden,« entgegnete sein Gefährte. »Ich sehe außerdem deutlich, daß sie an diese Lebensweise nicht gewöhnt sind. Niemand soll mir weis machen, daß dieses hübsche Kind sonst schon in der Welt herumgestrichen ist, wie sie es in den zwei oder drei letzten Tagen gethan hat. Ich weiß das besser.«

»Gut; aber wer hat denn das Gegentheil behaupten wollen?« brummte Herr Codlin, indem er abermals nach der Uhr und von da aus nach dem Kessel sah.

»Könnt Ihr nicht an etwas denken, was besser für die gegenwärtigen Umstände paßt, als daß Ihr Sätze aufstellt und ihnen hinterdrein widersprecht?«

»Nun, so wünschte ich, daß Euch Jemand Euer Nachtessen gäbe,« entgegnete Short, »denn es wird doch kein Auskommens mit Euch sein, bis Ihr's habt. Ist's Euch nicht aufgefallen, wie es den alten Mann nur drängte, weiter fortzukommen – immer weiter fort – immer weiter fort. Habt Ihr das nicht gesehen?«

»Hum! Und was weiter?« murmelte Thomas Codlin.

»Weiter nichts,« erwiederte Short, »als daß er vor seinen Freunden Reißaus genommen hat. Merkt Euch, was ich Euch sage – er hat vor seinen Freunden Reißaus genommen und die Liebe dieses zarten jungen Wesens gegen ihn benützt, um sie zu überreden, daß sie ihn als Führerin und Reisegefährtin begleite – wohin? weiß er so wenig, als der Mann im Mond. Aber ich will ein Wörtlein dreinsprechen.«

»Was, Ihr wollet ein Wörtlein dreinsprechen?« rief Herr Codlin, indem er abermals nach der Uhr sah und mit einer Art wahnsinniger Wuth mit beiden Händen die Haare niederkämmte – ob wegen der Bemerkung seines Gefährten oder wegen des langsamen Ganges der Zeit, war schwer zu entscheiden. »Was ist doch das für eine Welt, in der wir leben!«

»Ja,« wiederholte Short langsam und mit Ausdruck; »ich will mich um die Sache annehmen. Ich bin kein Bursche, der ruhig zusehen kann, wie dieses schöne Kind in schlimme Hände fällt und unter Leute geräth, für welche sie eben so wenig paßt, als diese an die Kameradschaft mit Engeln gewöhnt sind. Wenn sie daher die Absicht blicken lassen, sich von unserer Gesellschaft zu trennen, so werde ich Maßregeln treffen, sie zurückzuhalten und sie ihren Freunden zurückzugeben, welche zuverlässig jetzt ihre Trostlosigkeit an jeder Straßenecke Londons angeklebt haben.«

»Short,« sagte Herr Codlin, der bis jetzt, den Kopf auf seine Hände und die Ellbogen auf die Knie gestemmt, ungeduldig hin« und her gerutscht war, und hin und wieder mit dem Fuß auf den Boden gestampft hatte, jetzt aber hastig aufblickte; »es ist möglich, daß ein ungewöhnlich guter Sinn in Euren Worten liegt. Wenn's aber so ist, und man eine Belohnung auf ihre Beischaffung ausgesetzt hätte, so vergeßt nicht, Short, daß wir in allen Stücken Compagnons sind!«

Der andre Compagnon hatte nur noch Zeit, Herrn Codlin auf diese Erinnerung eine kurze Bejahung zuzunicken, denn in demselben Augenblicke erwachte das Kind. Sie waren während der vorangehenden leisen Unterhaltung nahe an einander gerückt, trennten sich aber jetzt hastig und machten den ungeschickten Versuch, einige gelegentliche Bemerkungen in ihrem gewöhnlichen Tone vorzubringen, als sich von außen Fußtritte vernehmen ließen und eine neue Gesellschaft eintrat.

Diese Gesellschaft bestand aus nichts Anderem, als aus vier abscheulichen Hunden, die, einer hinter dem andern, hereintappten – voraus ein alter, krummbeiniger Köter von besonders traurigem Aussehen, welcher, als der letzte seines Gefolges in der Stube war, Halt machte, sich auf seinen Hinterbeinen aufrichtete und seine Gefährten beschaute, worauf diese sich alsbald gleichfalls in einer ernsten und melancholischen Reihe auf die Hinterbeine stellten. Dieß war jedoch nicht die einzige Merkwürdigkeit an diesen Hunden, denn jeder trug ein Fräckchen von irgend einer grellen Farbe, das mit schmutzigen Flittern verziert war, und einer derselben hatte eine Mütze auf dem Kopfe, welche sehr sorgfältig unter dem Kinn zusammengebunden, zur Zeit aber gegen seine Nase heruntergefallen war und eines seiner Augen vollständig verdunkelte; fügte man bei, daß die hellen Röcke durch und durch naß und durch den Regen entfärbt waren, während ihre Träger ganz von Schmutz überzogen schienen, so kann man sich vielleicht einen Begriff von dem ungewöhnlichen Auftreten der neuen Gäste in dem lustigen Sandbuben machen.

Aber weder Short, noch der Wirth, noch Thomas Codlin waren auch nur im mindesten überrascht, denn sie bemerkten blos, es wären Jerry's Hunde, und Jerry werde wohl bald nachkommen. Die Hunde blieben in dieser Weise stehen, geduldig blinzelnd, schnappend und unablässig nach dem kochenden Topf sehend, bis Jerry selbst erschien, worauf sich Alle mit einem Male wieder auf die Vorderbeine niederließen und auf ganz natürliche Weise in der Küche umherspazierten. Man muß übrigens gestehen, daß diese Haltung nicht sonderlich zu ihrer Verschönerung beitrug, da ihre persönlichen Schwänze und die ihrer Fräcke – beide in ihrer Weise Kapitaldinger – nicht recht zusammenpassen wollten.

Jerry, der Besitzer dieser tanzenden Hunde, war ein hoher Mann mit schwarzem Backenbart und einem Sammtrock; er schien mit dem Wirthe und seinen Gästen sehr gut bekannt zu sein, und begrüßte sie mit großer Herzlichkeit. Dann entledigte er sich einer Drehorgel, welche er auf einen Stuhl stellte, ohne jedoch eine kleine Peitsche aus der Hand zu legen, womit er seine Comödiantenbande im Respekt erhielt, trat sofort an's Feuer, um sich zu trocknen, und mischte sich in die Unterhaltung.

»Eure Leute reisen wohl gewöhnlich nicht im Costüme, oder?« fragte Short, indem er auf den Anzug der Hunde deutete. »Wenigstens wäre es eine kostspielige Methode.«

»Nein,« versetzte Jerry, »das ist nicht üblich bei uns. Aber wir haben heute ein wenig unterwegs gespielt, und beim Pferderennen treten wir in einer neuen Garderobe auf, weßhalb ich es nicht der Mühe werth hielt, wegen des Auskleidens Halt zu machen. Leg' dich, Pedro!«

Dieß galt dem Hunde mit der Mütze, der, als ein neues Mitglied der Gesellschaft, noch nicht ganz in seine Obliegenheiten eingeweiht war, sondern das unverdunkelte Auge ängstlich auf seinen Gebieter heftete und sich alle Augenblicke, ohne daß ein Grund dazu vorhanden war, auf die Hinterfüße setzte, um gleich wieder auf die vorderen niederzufallen.

»Ich habe hier ein Thier,« sagte Jerry, indem er seine Hand in die geräumige Rocktasche steckte und in eine Ecke hinunterlangte, als suche er eine kleine Orange, einen Apfel oder sonst einen derartigen Artikel, »ein Thier, von dem Ihr, glaube ich, auch Einiges zu erzählen wißt, Short?

»Wirklich?« rief Short. »So laßt einmal sehen.«

»Hier ist es,« entgegnete Jerry, indem er ein Dachshündchen aus der Tasche hervorzog. »Der spielte einmal Euern Toby – oder nicht?«

In einigen Versionen des großen Polichinell-Drama's kömmt – als moderne Neuerung – ein kleiner Hund vor, welcher das Privateigenthum jenes Helden ist, und immer Toby heißt. Dieser Toby ist in seiner Jugend einem andern Herrn gestohlen und betrüglicherweise an den vertrauensvollen Hanswurst verkauft worden der, weil in ihm selber keines Arges ist, nicht entfernt ahnet, daß sich etwas der Art bei ihm finden könnte; aber Toby, der sich noch stets dankbar seines alten Meisters erinnert und es verschmäht, irgend einem neuen Beschützer anzuhängen, weigert sich nicht nur, auf Meister Polichinell's Geheiß eine Pfeife zu rauchen, sondern faßt denselben, um seine alte Treue noch kräftiger an den Tag zu legen, bei der Nase und schüttelt ihm dieselbe mit großem Ungestüm, über welchen Beweis von Hunde-Anhänglichkeit die Zuschauer tief gerührt werden. Dieß war die Rolle, in welcher der fragliche kleine Dachs vordem aufgetreten war, und wenn darüber noch ein Zweifel hätte obwalten können, so wäre derselbe bald durch das Betragen des Thiers beseitigt worden: denn er legte bei Short's Anblick nicht nur die deutlichsten Zeichen einer Wiedererkennung an den Tag, sondern bellte auch, sobald er der flachen Schachtel gewahrte, so wüthend auf die Pappendeckelnase, die er innen wußte, los, daß sich sein Herr genöthigt sah, ihn zu packen und zur großen Belustigung der Gesellschaft wieder in die Tasche zu stecken.

Der Wirth beschäftigte sich nun mit dem Decken des Tisches, wobei ihm Herr Codlin dienstfertig Handreichung that, indem er sein Messer und seine Gabel an den besten Platz legte und sich hinter demselben aufpflanzte. Als Alles bereit war, nahm der Wirth den Deckel zum Letztenmal ab, und jetzt strömte in der That ein so köstlicher Vorschmack des Nachtessens aus, daß der Gastgeber sicherlich an seinem eigenen Herde geopfert worden wäre, wenn er Miene gemacht hätte, den Deckel wieder aufzusetzen, oder die Mahlzeit noch länger zu verzögern.

Etwas der Art fiel ihm jedoch nicht entfernt bei, denn er half im Gegentheil einem rüstigen Dienstmädchen den Inhalt des Kessels in eine große Schüssel gießen – ein Verfahren, welches die Hunde, abgehärtet gegen unterschiedliche heiße Tropfen, die auf ihre Nase spritzten, mit fürchterlicher Gier beobachteten. Endlich wurde die Schüssel auf den Tisch gehoben, und da die Bierkrüge zuvor bereits aufgestellt waren, so wagte es die kleine Nell, ein Gebet zu sprechen, und das Nachtessen begann. Als es so weit gekommen war, standen die armen Hände, zum Ueberraschen geschickt, auf ihren Hinterbeinen. Das Kind, welches Mitleid mit den Thieren hatte, wollte ihnen einige Bissen zuwerfen, ehe sie noch, so hungrig sie auch war, selbst etwas gekostet hatte, aber der Herr legte sich in's Mittel.

»Nicht doch, meine Liebe, nicht doch; kein Atom von einer andern Hand, als von der meinigen, wenn ich bitten darf. Dieser Hund,« sagte Jerry mit einer schrecklichen Stimme, indem er mit der Hand auf den alten Führer der Bande deutete, »hat heute einen halben Penny verloren. Er kriegt kein Nachtessen.«

Das unglückliche Geschöpf warf sich sogleich auf seine Vorderfüße nieder, wedelte mit dem Schwanze und sah flehend zu seinem Gebieter auf.

»Du mußt besser Acht geben, Bürschlein,« sagte Jerry, kaltblütig nach dem Stuhle gehend, wo er die Drehorgel hingestellt hatte, und den Handgriff einsetzend. »Komm her. Jetzt, Bürschlein, spielst du uns während des Essens auf und unterstehst dich nicht, aufzuhören.«

Der Hund begann unmittelbar eine höchst klägliche Musik abzuwalzen. Sein Herr nahm, nachdem er die Peitsche genommen hatte, seinen Sitz wieder ein, und rief den andern, die auf seinen Befehl eine Reihe bildeten und aufrecht, wie ein Glied Soldaten dastanden.

»Nun, meine Herren,« sagte Jerry, mit einem scharfen Blick auf die Thiere. »Der Hund, dessen Name aufgerufen wird, darf fressen. Die Hunde, deren Namen ich nicht rufe, verhalten sich ruhig, Carlo!«

Das glückliche Individuum, dessen Name gerufen worden war, schnappte den ihm zugeworfenen Bissen auf, aber Keiner der andern rührte auch nur eine Muskel. In dieser Weise wurden sie gefüttert, ganz wie es ihr Herr für passend erachtete. Inzwischen walzte der in Ungnade gefallene Hund aus Leibeskräften an der Orgel, bisweilen in raschem, bisweilen in langsamerem Tempo, aber nie auch nur für einen Augenblick ablassend. Wenn mit den Messern und Gabeln stark gerasselt wurde, oder einer seiner Kameraden ein ungewöhnlich großes Stück Speck erhielt, begleitete er die Musik mit einem kurzen Geheul, hielt aber augenblicklich wieder inne, sobald sein Herr nach ihm umsah, und machte sich mit erhöhter Emsigkeit zum hundertsten Mal an das alte Geleier.

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