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Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Erster Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150121
modified20180917
projectid46ce39a3
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Der Raritätenladen.

Sechzehntes Kapitel

Die Sonne ging eben unter, als sie an das Gehägethürchen kamen, von welchem aus der Fußpfad seinen Anfang nahm; und wie der Regen gleichmäßig auf Gerechte und Unrechte fällt, so goß sie ihre warmen Strahlen selbst auf den Ruheplatz des Todes und hieß sie sich getrösten, bis sie morgen wieder aufgehen würde. Die Kirche war alt und grau, und der Epheu umzog Wände und Portal. Die Monumente vermeidend, kroch er um die Grabhügel, unter denen arme, geringe Menschen schliefen und wand ihnen die ersten Kränze, die sie je errungen, aber Kränze, die weniger dem Verwelken unterworfen sind und in ihrer Art weit länger dauern, als die in Stein und Marmor eingegrabenen, welche in pomphaften Ausdrücken von Tugenden sprechen, die viele Jahre demüthig verborgen und erst zuletzt von den Testamentsvollstreckern und den tief betrübten Erben an's Licht gefördert worden waren.

Das Pferd des Geistlichen, mit plumpem, schwerfälligem Tritt unter den Gräbern umher stolpernd, weidete das Gras ab und holte sich in dieser Weise orthodoxen Trost von den todten Pfarrkindern, indem es den Text des letzten Sonntags bestätigte, daß Fleisch nichts weiter als welkes Gras sei; ein magerer Esel, der sich gleichfalls an einer solchen Texterklärung versucht hatte, ohne dazu qualificirt und ordinirt zu sein, spitzte seine Ohren in einem hart nebenan liegenden, leeren Pfandstalle, und sah mit hungrigen Augen auf seinen priesterlichen Nachbar.

Der alte Mann und das Kind verließen den Kiesweg und gingen unter den Gräbern weiter; denn dort war der Grund weich und that ihren ermüdeten Füßen nicht so wehe. Als sie in die Nähe der Kirche kamen, hörten sie Stimmen, und alsbald wurden sie auch Derjenigen, welche gesprochen hatten, ansichtig.

Es waren zwei Männer, die nachlässig im Grase saßen und so emsig beschäftigt waren, daß sie anfangs die Ankömmlinge gar nicht bemerkten. Man konnte leicht errathen, daß sie zu der Klasse reisender Puppenspieler oder der Darsteller von Polichinellpossen gehörten, denn auf einem Grabstein hinter ihnen saß die Figur jenes Helden selbst, mit gekreuzten Beinen, während dessen Nase und Kinn so gekrümmt und sein Gesicht so strahlend als gewöhnlich war. Nie hatte sich wohl sein unverwüstlicher Charakter schlagender entwickelt, denn er behielt das gewohnte, gleichförmige Lächeln bei, ungeachtet sein Körper in einer höchst unbehaglichen Stellung, lose, schlotterig und formlos, niederbaumelte, während seine lange, zugespitzte Mütze unverhältnißmäßig gegen seine außerordentlich leichten Beine vorwärts balancirend, jeden Augenblick herabzustürzen und den ganzen Körper nachzuziehen drohte.

Zum Theil vor den Füßen der beiden Männer auf dem Boden umher liegend, zum Theil in einer langen, flachen Schachtel durcheinander geworfen, waren die übrigen Personen des Dramas zu erkennen. Das Weib des Helden und ein Kind, das Steckenpferd, der Doctor, der ausländische Herr, der aus Unbekanntschaft mit der Sprache seine Ideen nicht anders, als durch das dreimal sehr bestimmt hervorgestoßene Wort »Schallabalah« auszudrücken vermag, der radikale Nachbar, der um keinen Preis zugeben will, daß ein Zinnglöckchen eine Orgel ist, der Henker und der Teufel – alles war hier zugegen. Die Eigenthümer dieser Puppen waren augenscheinlich an diesen Ort gekommen, um einige Reparationen in ihrem Bühnenarrangement vorzunehmen, denn einer derselben war beschäftigt, einen kleinen Galgen mit Zwirn zusammen zu binden, während der Andere auf dem Kopfe des radikalen Nachbars, welchem eine Glatze geschlagen worden war, unter Behilfe eines kleinen Hammers und etlicher Stifte, eine schwarze Perücke befestigte.

Sie schlugen erst ihre Augen auf, als sich der alte Mann und seine Begleiterin dicht hinter ihnen befanden, hielten in ihrer Arbeit inne und erwiederten deren neugierige Blicke. Einer davon, ohne Zweifel der eigentliche Puppenspieler, war ein kleiner Mann mit einem heitern Gesichte, blinzelndem Auge und rother Nase, und schien, ohne es selbst zu wissen, einiges von dem Charakter seines Helden angenommen zu haben. Der Andere – der, welcher das Geld einsammelte – sah bedachtsamer und vorsichtiger aus, was vielleicht ebenfalls nothwendig mit seinem Geschäfte zusammenhing.

Der heitere Mann war der erste, welcher die Fremden mit einem Kopfnicken begrüßte, und als er den Augen des alten Mannes folgte, bemerkte er, vermuthlich habe derselbe nie vorher einen Polichinell außerhalb der Bühne gesehen. (Wir deuten gelegentlich an, daß Polichinell mit der Spitze seiner Mütze auf eine ungemein pathetische Grabschrift zu deuten und darüber aus dem Grunde seines Herzens zu lachen schien.)

»Warum kommt Ihr zu einer solchen Verrichtung hieher?« fragte der alte Mann, indem er sich neben den Beiden niederließ und mit ungemeinem Vergnügen die Puppen betrachtete.

»Je nun, seht Ihr,« versetzte der kleine Mann, »wir geben diesen Abend in dem Wirthshause dort eine Vorstellung, und da würde es nicht angehen, die Leute zusehen zu lassen, wie unsere Gesellschaft geflickt wird.«

»Nicht?« rief der alte Mann, indem er Nell durch Zeichen bedeutete, daß sie zuhören solle, »warum nicht, he? Warum nicht?«

»Weil es alle Täuschungen zerstören und das Interesse aufheben würde – oder meint Ihr nicht?« entgegnete der kleine Mann. »Würdet Ihr Euch um den Lordkanzler nur eines halben Penny Werths bekümmern, wenn Ihr ihn privatim und ohne seine Perücke gesehen hättet? Gewiß nicht.«

»Gut!« sagte der alte Mann, indem er es wagte, eine der Puppen zu berühren, und dann mit einem schrillen Lachen die Hand zurückzog. »Ihr wollt sie also heute Abend zeigen – nicht wahr?«

»Das ist unsere Absicht, Herr,« erwiederte der Andere; »und wenn ich mich in Tommy Codlin nicht sehr täusche, so berechnet er in dieser Minute den Verlust, den wir durch Eure Ueberraschung erleiden. Doch – nur guten Muths, Tommy, er kann nicht bedeutend sein.«

Der alte Mann begleitete die letzteren Worte mit einem Blinzeln, womit er sein Gutachten über den Stand der Finanzen unserer Reisenden ausdrückte.

Herr Codlin, der ein sauertöpfisches und brummendes Wesen an sich hatte, nahm jetzt den Polichinell von dem Grabsteine, warf ihn in die Schachtel und sagte:

»Ich mache mir nichts daraus, wenn wir auch einen Farthing verloren haben; aber Ihr seid zu frei. Wenn Ihr so vor dem Vorhang stündet und die Gesichter des Publikums sehen würdet, wie es bei mir der Fall ist, so würdet Ihr Euch besser auf die menschliche Natur verstehen.«

»Oh! Es ist nicht gut für Euch gewesen, daß Ihr Euch auf diese Branche gelegt habt,« entgegnete sein Gefährte. »Als Ihr noch den Geist in den eigentlichen Jahrmarktkomödien spieltet, glaubet Ihr an Alles – nur nicht an Geister; aber nun seid Ihr mißtrauisch gegen alle Welt. Ich habe nie einen Menschen so sich ändern sehen.«

»Gleichviel,« entgegnete Herr Codlin mit der Miene eines unzufriedenen Philosophen. »Ich weiß es jetzt besser, obgleich ich gerade nicht sagen kann, daß es mir Freude macht.«

Herr Codlin beugte sich nun über die Figuren in der Schachtel, einem Manne gleich, welcher sie kannte und daher verachtete, zog eine hervor und reichte sie seinem Freunde zur Besichtigung hin:

»Seht einmal an, Judy's Kleider sind schon wieder in Fetzen zerfallen. Vermuthlich habt Ihr weder Nadel noch Faden bei Euch?«

Der kleine Mann schüttelte seinen Kopf und kratzte sich mit einer Jammermiene im Haare, als er dieses übeln Zustandes einer Hauptperson ansichtig wurde. Als Nell ihre Verlegenheit wahrnahm, sagte sie schüchtern:

»Ich habe Nadel und Faden in meinem Korbe, Sir. Wollt Ihr mich die Figur ausbessern lassen? Ich glaube, ich kann es hübscher machen als Ihr.«

Selbst Codlin hatte nichts gegen ein so gelegenes Anerbieten einzuwenden. Nell knieete neben der Schachtel nieder und war bald emsig mit ihrer Arbeit beschäftigt, die sie auch zum Wunder ausführte.

Während der Arbeit sah ihr der heitere, kleine Mann mit einem Interesse zu, welches sich keineswegs zu mindern schien, als er von ihr auf ihren hilflosen Begleiter blickte. Nach geschehener Verrichtung dankte er ihr und fragte, wohin sie reisten.

»Ni – nicht mehr weiter diesen Abend, glaube ich,« sagte das Kind mit einem Blicke auf seinen Großvater.

»Wenn ihr ein gutes Nachtlager braucht,« bemerkte der Mann, »so möchte ich euch zu demselben Nachtlager rathen, wo wir einquartiert sind. Dort ist, dort ist es, das lange, niedrige, weiße Haus. Man wird sehr wohlfeil gehalten.«

Der alte Mann wäre, ungeachtet seiner Ermüdung, die ganze Nacht über auf dem Kirchhof geblieben, wenn seine neuen Bekannten gleichfalls daselbst ihr Lager aufgeschlagen hätten. So aber nahm er diesen Rath bereitwillig und mit Freuden an, worauf Alle sich erhoben und mit einander weggingen; er hielt sich dicht hinter der Schachtel mit Puppen, von welchen er ganz bezaubert war, der heitere, kleine Mann trug dieses werthvolle Gepäck an einem über die Achsel geschlungenen Riemen, Nelly ging an der Hand ihres Großvaters mit, und Herr Codlin schlenderte langsam hintendrein, indem er gelegentlich den Kirchthurm und die benachbarten Bäume mit den nämlichen Blicken beehrte, wie er sie in seiner Stadtpraxis nach den Kinder- und Gesindestubenfenstern zu werfen pflegte, wenn er sich nach einem bequemen Platz umsah, wo das Puppenspiel aufgepflanzt werden konnte.

Das Wirthshaus gehörte einem fetten, alten Wirthe und einer Wirthin, welche nichts gegen die Aufnahme ihrer neuen Gäste einzuwenden hatten, sondern Nelly's Schönheit lobten und mit einemmale ganz von ihr hingerissen waren. In der Küche befand sich, außer den zwei Puppenspielern, keine weitere Gesellschaft, und das Kind dankte Gott, ein so gutes Quartier aufgefunden zu haben. Die Wirthin war ungemein erstaunt, als sie hörte, daß sie den ganzen Weg von London zu Fuß gemacht hätten, und schien nicht wenig neugierig hinsichtlich ihrer weitern Bestimmung zu sein. Das Kind wich ihren Fragen so gut als möglich aus, was um so leichter anging, da die alte Dame selbst davon abstand, sobald sie bemerkte, daß ihre Nachforschungen der Kleinen peinlich waren.

»Diese zwei Herren wünschen ihr Nachtessen in einer Stunde einzunehmen,« sagte die Wirthin, indem sie Nell mit in den Schenkverschlag nahm, »und ihr werdet gut thun, wenn ihr mit ihnen speist. Inzwischen sollst du etwas bekommen, was dir gut thun wird, denn sicherlich kannst du nach einem so langen Marsche etwas der Art brauchen. Nun, du brauchst dich nicht um den alten Herrn zu bekümmern, denn wenn du getrunken hast, soll er auch etwas bekommen.«

Da sich jedoch das Kind durchaus nicht bewegen ließ, ihn allein zu lassen, oder etwas zu berühren, wovon er nicht den ersten, größten Theil hatte, so sah sich die alte Dame genöthigt, ihn zuerst zu bedienen. Sobald sie sich in dieser Weise erfrischt hatten, eilte das ganze Haus nach einem leeren Stall, wo das Puppenspiel stand, und wo bei dem Scheine einiger Talglichter, welche an einem von der Decke herunter hängenden Faßreife staken, die Comödie sofort losgehen sollte.

Und nun nahm Herr Thomas Codlin, der Menschenfeind, nachdem er sich auf der Papagenopfeife in eine völlige Erschöpfung geblasen hatte, seine Stellung rechts von der gewürfelten Leinwand, welche den Figurenlenker verbarg, und schickte sich mit in die Taschen gesteckten Händen an, alle Fragen und Bemerkungen des Polichinell zu beantworten und auf eine ganze grauenhafte Weise dergleichen zu thun, als wäre er dessen intimster Freund, als glaube er an ihn in der vollsten und unbegränztesten Ausdehnung und als lebe er der zuversichtlichsten Ueberzeugung, daß der Held des Stücks sich Tag und Nacht einer glorreichen Existenz in diesem Tempel erfreue, und daß derselbe jeder Zeit und unter allen Umständen dieselbe einsichtsvolle und lustige Person sei, wie ihn die Zuschauer jetzt erblickten. All' dieß that Herr Codlin mit der Miene eines Mannes, der sich mit vollständiger Resignation in das Schlimmste zu schicken weiß; und sein Auge wandelte unter den treffendsten Erwiederungen langsam umher, um des Eindruckes zu gewahren, dem sie auf die Zuhörerschaft, insbesondere aber auf den Wirth und die Wirthin machten, was hinsichtlich der Zeche von besonders wichtigen Folgen sein konnte.

In dieser Hinsicht hatte er jedoch keine gegründete Ursache zur Besorgniß, denn die ganze Vorstellung wurde aus Leibeskräften beklatscht, und es regnete freiwillige Beiträge mit einer Freigebigkeit, welche noch weit nachdrücklicher das allgemeine Entzücken bekundete. Niemand lachte lauter und häufiger, als der alte Mann. Von Nell hörte man übrigens nichts, denn das arme Kind war, das Köpfchen auf die Brust gesenkt, eingeschlafen und schlummerte zu fest, als daß sie durch seine Bemühungen, sie zur Theilnahme an seiner Lust aufzufordern, hätte geweckt werden können. Das Nachtessen war sehr gut, aber sie fühlte sich zu ermattet, um zu essen; doch wollte sie den alten Mann nicht verlassen, bis sie ihn im Bette wußte und ihn zur guten Nacht geküßt hatte. Er, zum Glück unempfindlich für jede Sorge und Bekümmerniß, saß da und horchte mit einem leeren Lächeln und bewundernden Gesichte auf Alles, was seine neuen Freunde sprachen, und erst als diese sich gähnend nach ihrer Kammer zurückzogen, folgte er dem Kinde die Treppen hinauf.

Es war nur ein in zwei Fächer abgetheilter Dachboden, wo sie sich zur Ruhe begeben sollten; aber demungeachtet freuten sie sich über ihr Nachtquartier, da sie auf kein so gutes gerechnet hatten. Der alte Mann fühlte sich, nachdem er sich niedergelegt hatte, unwohl, und bat Nell, daß sie kommen und sich an seinem Bette niedersetzen möchte, wie sie so viele Nächte gethan hatte. Sie gehorchte in aller Eile und blieb da, bis er eingeschlafen war.

In dem ihr angewiesenen Fache befand sich ein kleines Fenster, kaum größer als ein Mauerriß, und nachdem sie ihren Großvater verlassen hatte, öffnete sie es, verwundert über das tiefe Schweigen. Der Anblick der alten Kirche und der umherliegenden Gräber in der Mondbeleuchtung, wie auch die dunkeln Bäume, die unter sich flüsterten – stimmten sie gedankenvoller, als je zuvor. Sie machte das Fenster wieder zu, setzte sich auf ihr Bette und dachte über das Leben nach, das ihnen jetzt bevorstand.

Sie hatte ein wenig Geld, aber es war nur sehr wenig, und wenn dieses fort war, so mußten sie zu betteln anfangen. Es war ein Goldstück darunter, und im Falle der Noth konnte es leicht für sie einen hundertfältigen Werth bekommen. Daher mochte es wohl das beste sein, diese Münze zu verbergen und nur in einer durchaus verzweifelten Lage Zuflucht dazu zu nehmen, wenn alle andern Hülfsquellen versiegt waren.

Ihr Entschluß war gefaßt, sie nähte das Goldstück in ihr Kleid, und da sie jetzt mit leichterem Herzen zu Bette gehen konnte, so fiel sie schnell in einen tiefen Schlaf.


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