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Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Erster Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.net
created20150221
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Der Raritätenladen. Dreizehntes Kapitel

Daniel Quilp von Towerhill und Samson Braß von Bevis-Marks in der City von London, Gentleman und einer aus Ihrer Majestät Anwälten von Kings-Bench und Common-Pleas zu Westminster, zugleich auch Advocat bei dem hohen Kanzleigerichtshof, schliefen bewußtlos und ohne etwas Arges zu ahnen, bis ein Klopfen an der Hausthüre, welches sich oft wiederholte und von einem bescheidenen, einzelnen Schlage allmählig sich zu einer vollkommenen Batterie, alle Augenblicke in langen Salven abgefeuert, steigerte, genannten Daniel Quilp veranlaßte, sich in eine horizontale Lage emporzuarbeiten und die Zimmerdecke mit einer schläfrigen Gleichgültigkeit anzustieren, welche bekundete, daß er den Lärm hörte und etwas verwundert darüber war, ohne daß er sich übrigens die Mühe nehmen mochte, der Sache eine weitere Aufmerksamkeit zu widmen.

Da jedoch das Klopfen, statt sich nach der Schläfrigkeit des Zwerges zu bequemen, immer zunahm und aufdringlicher wurde, als wollte es gegen sein Wiedereinschlafen, nachdem er einmal seine Augen geöffnet hatte, ernstliche Gegenvorstellungen machen, so begann Daniel Quilp allmählig die Möglichkeit zu begreifen, daß Jemand an der Thüre wäre; außerdem fiel es ihm auch nachgerade ein, daß es Freitag Morgen sei und daß er Frau Quilp befohlen hatte, ihm in aller Frühe ihre Aufwartung zu machen.

Herr Braß war, nach vielem Recken und Drehen, in den sonderbarsten Haltungen und nach oftmaligem Verzerren seines Gesichtes und seiner Augen zu einem Ausdrucke, ähnlich dem, welcher durch das Essen von unreifen Stachelbeeren veranlaßt wird, gleichfalls aufgewacht, und da er bemerkte, daß Herr Quilp sich in seine Werktagskleider warf, so beeilte er sich, ein Aehnliches zu thun, wobei er übrigens seine Schuhe vor den Stümpfen anzog, seine Beine in die Rockärmel steckte, und noch viele solche kleine Toilettenmißgriffe beging, wie sie nicht selten bei Denjenigen Vorkommen, die sich hastig ankleiden wollen und unter der Aufregung eines plötzlich unterbrochenen Schlafes leiden.

Während der Advokat so beschäftigt war, tastete der Zwerg unter dem Tisch herum und murmelte verzweifelte Verwünschungen über sich selbst, über das ganze menschliche Geschlecht im Allgemeinen und alle seelenlosen Gegenstände obendrein, wodurch sich Herr Braß zu der Frage veranlassen ließ: »was es gäbe.«

»Der Schlüssel,« sagte der Zwerg mit einem malitiösen Blicke nach dem Rechtsgelehrten, »der Thürschlüssel, – das ist's, was es gibt. Wissen Sie nichts davon?«

»Wie sollte ich auch etwas davon wissen, Sir?« entgegnete Herr Braß.

»Wie sollten Sie? –« wiederholte Quilp mit einem Hohnlachen. »Sie sind mir ein sauberer Rechtsgelehrter – he! Ein Dummkopf seid Ihr!«

Ohne dem Zwerg in seiner gegenwärtigen üblen Laune Vorstellungen machen zu wollen, daß das Verschleudern eines Schlüssels durch eine andere Person kaum irgendwie mit seiner Gesetzeskunde in Verbindung stehe, bemerkte Herr Braß nur ganz demüthig, daß man ihn wahrscheinlich abzuziehen vergessen habe, und daß er ohne Zweifel zur Zeit in seinem ursprünglichen Schüsselloch stecke.

Obgleich Herr Quilp stark von dem Gegentheil überzeugt war, weil er sich erinnerte, ihn sorgfältig abgezogen zu haben, so ließ er sich doch heran, eine solche Möglichkeit zuzugeben, und ging daher brummend nach der Thüre, wo er ihn auch wirklich fand.

In dem Augenblicke, als Herr Quilp seine Hand auf das Schloß legte und mit großem Erstaunen sah, daß die Riegel zurückgeschoben waren, begann das Klopfen auf's Neue mit höchst empörender Gewaltthätigkeit, und das Tageslicht, welches durch das Schlüsselloch schien, wurde von außen durch ein menschliches Auge abgehalten. Der Zwerg war ungemein üblen Humors, und da er nur einer Person bedurfte, um ihn gegen dieselbe losbrechen zu lassen, so entschloß er sich, plötzlich hinauszustürzen und Frau Quilp für die Aufmerksamkeit, womit sie einen so abscheulichen Lärm machte, höflich zu begrüßen.

In dieser Absicht schloß er ganz still und sachte das Schloß auf, öffnete rasch die Thüre und stürmte nach der Person außerhalb derselben hinaus, welche eben den Klopfer zu einer neuen Mahnung erhoben hatte; auf diese nun rannte der Zwerg köpflings zu, wobei er Hände und Füße zumal ausstreckte und in der Ueberfülle seiner Wuth in die Luft biß.

Aber weit gefehlt, auf Jemanden zu stoßen, der, ohne Widerstand zu leisten, seine Gnade anflehte, fand sich Herr Quilp nicht sobald in den Armen des Individuums, welches er für sein Weib gehalten hatte, als er von zwei kräftigen Hieben auf den Kopf, und zwei weiteren von der gleichen Qualität auf die Brust becomplimentirt wurde; und als er seinen Angreifer packte, regnete ein solcher Schauer von Rippenstößen auf seine Person, daß sich der Ehrenmann hinreichend überzeugen konnte, er befinde sich in sehr geschickten und starken Händen. Ohne sich jedoch durch diese Begrüßung einschüchtern zu lassen, hängte er sich dicht an seinen Gegner und hämmere so herzhaft um sich, daß es wenigstens etliche Minuten anstund, bis der Andere sich seiner erwehrt hatte. Dann, und nicht früher, fand sich Herr Daniel Quilp über und über roth und zerrauft mitten in der Straße liegen, während Herr Richard Swiveller eine Art von Tanz um ihn aufführte und zu wissen begehrte: »ob er noch mehr verlange.«

»Es ist noch ein hinreichender Vorrath in demselben Laden,« fügte Herr Swiveller bei, der abwechselnd in einer drohenden Attitüde bald näher rückte, bald sich zurückzog; »ein großes und ausgedehntes Waarenlager stets zur Hand – Landbestellungen, schnell und pünktlich realisirt – wollen Sie noch ein bischen weiter haben, Sir? – Sie brauchen sich nicht zu bedenken, es zuzugestehen.«

»Ich meinte, es wäre Jemand anders,« versetzte Quilp, die Schultern reibend. »Warum sagten Sie nicht, wer Sie wären.«

»Warum sagten Sie nicht, wer Sie sind?« entgegnete Dick. »Was brauchen Sie da wie ein Tollhäusler herauszustürzen?«

»Sie waren es also, der – der gepocht hat – ist es so?« sagte der Zwerg, indem er sich mit einem kurzem Aechzen auf die Beine warf.

»Ja, ich war es,« erwiederte Dick. »Jene Dame hat angefangen, als ich kam; aber sie klopfte zu sanft, und so habe ich sie abgelöst.«

Bei diesen Worten deutete er auf Frau Quilp, die zitternd in einiger Entfernung stand.

»Hum!« keuchte der Zwerg, einen Zornblick auf sein Weib werfend. »Ich dachte mir's wohl, daß es ihre Schuld sei. Und Sie, Sir – wissen Sie nicht, daß ein Kranker hier ist, weil Sie klopfen, als ob Sie die Thüre entzwei schlagen wollten.«

»Hol' mich der Henker!« antwortete Dick, »eben darum that ich's. Ich glaubte sogar, es sei ein Todter hier.«

»Vermutlich haben Sie einen Zweck bei Ihrem Besuch,« sagte Quilp. »Was wünschen Sie?«

»Ich will mich nach dem Befinden des alten Herrn erkundigen,« versetzte Swiveller, »und möchte von Nell selbst darüber Auskunft haben, mit welcher ich auch gerne ein Bischen plauderte. Ich bin ein Freund der Familie, Sir – wenigstens der Freund Eines aus der Familie, was eben so viel besagen will.«

»Da würden Sie gut thun, hereinzukommen,« sagte der Zwerg. »Spazieren Sie voran, Sir, spazieren Sie nur zu. Ist's gefällig, Frau Quilp? – Nach Ihnen, Madame.«

Frau Quilp zögerte, aber Herr Quilp bestand darauf. Es war jedoch kein Höflichkeitsstreit und nichts weniger als eine bloße Förmlichkeit, denn sie wußte sehr gut, daß ihr Gatte sie nur vorangehen lassen wollte, um eine günstige Gelegenheit zu gewinnen, sie etliche Mal in die Arme zu kneipen, was selten ohne Spuren seiner Finger in schwarzen und blauen Farben ablief. Herr Swiveller, welcher von diesem Geheimniß nichts wußte, war ein wenig überrascht, als er einen unterdrückten Schrei hörte, und beim Rückblicken Frau Quilp ihm mit einem plötzlichen Zucken folgen sah; er achtete jedoch nicht auf diese Erscheinungen und vergaß sie bald wieder.

»Jetzt gehst du, wenn's gefällig ist, in Nell's Zimmer hinauf, Frau Quilp, und sagst ihr, daß man sie zu sprechen wünscht,« sagte der Zwerg, als sie in dem Laden anlangte.

»Es scheint. Sie thun hier wie zu Hause,« meinte Dick, der nichts von Herrn Quilp's Berechtigungen wußte.

»Ich bin zu Hause, junger Herr,« entgegnete der Zwerg.

Dick überlegte eben, was der Andere wohl mit diesen Worten sagen wollte, und noch mehr, was die Anwesenheit des Herrn Braß zu bedeuten haben möchte, als Frau Quilp eilig die Treppen herunterkam und erklärte, daß die Zimmer oben leer wären.

»Leer, du Närrin!« sagte der Zwerg.

»Ich versichere dich, Quilp,« entgegnete sein bebendes Weib, »daß ich in allen Gemächern war und keine Seele darin gefunden habe.«

»Und das wird wohl das Geheimniß mit dem Schlüssel erklären,« rief Herr Braß, nachdrücklich seine Hände zusammenschlagend.

Quilp warf zuerst diesem, dann seinem Weibe, und endlich Richard Swiveller einen Zornblick zu; da ihm aber all' dieß zu keiner Aufklärung verhalf, so eilte er die Treppe hinauf und kehrte bald wieder zurück, um die von seinem Weibe gemachte Angabe zu bestätigen.

»Das ist eine wunderliche Weise, sich zu entfernen,« sagte er, Swiveller ansehend; »gewiß sehr auffallend, nichts davon einem so nahen und innigen Freunde, wie ich bin, mitzutheilen! Doch, er wird mir ohne Zweifel schreiben, oder durch Nelly an mich schreiben lassen – ja, ja, so wird's sein. Nelly hat mich sehr gerne. Die hübsche Nell!«

Herr Swiveller stand erstaunt und mit offenem Munde da. Quilp blickte verstohlen nach ihm hin und wandte sich an Herrn Braß, gegen den er mit affectirter Gleichgültigkeit bemerkte, daß dieß kein Grund sei, mit der Fortschaffung der Güter zu zögern.

»Wir wußten ja,« fügte er bei, »daß sie heute gehen würden, und dachten uns ihre Entfernung nur nicht so frühe oder so ruhig. Doch sie werden ihre Gründe haben, sie werden ihre Gründe haben.«

»Und wo sind sie denn in's Teufels Namen hin?« fragte der verwunderte Dick.

Quilp schüttelte den Kopf und warf die Lippen in einer Weise auf, welches andeuten sollte, daß er es recht wohl wisse, aber nicht sagen dürfe.

»Und was« – fuhr Dick fort, indem er auf die Verwirrung in dem Laden schaute – »was wollen Sie mit dem Fortschaffen der Güter sagen?«

»Daß ich sie gekauft habe, Sir,« entgegnete Quilp. »He? und was weiter?«

»So hat also der schlaue alte Fuchs seine Habe zusammengerafft und ist fort, zu leben in ruhiger Hütte an einem lieblichen Ort, wo er kann ersteigen die Höh', um zu schauen die wechselnde See?« sagte Dick in großer Verblüffung.

»Und hält dabei den Ort seiner Zurückgezogenheit so geheim, damit er nicht so oft von seinen zärtlichen Enkeln und deren ergebenen Freunden besucht werde, he?« fügte der Zwerg mit hartem Händereiben bei; »ich will nichts sagen, aber ist das nicht Ihre Meinung, Sir?«

Richard Swiveller war ganz entsetzt über diesen unerwarteten Wechsel der Verhältnisse, welcher das Project, in dem er eine so bedeutende Rolle spielen sollte, durchaus zu vernichten drohte und seine Aussichten im Keime zu ersticken schien. Da er erst gestern Nacht spät durch Frederick Trent Nachricht von des alten Mannes Krankheit erhalten hatte, so wollte er alsbald eine Condolenz-Visite abstatten und nach Nell fragen, ausgerüstet mit der ersten Abschlagszahlung jener langen Reihe von Liebeszaubern, welche endlich ihr Herz in Brand stecken sollten. Und jetzt, nachdem er über alle möglichen Manieren einer graziösen und gewinnenden Annäherung nachgedacht hatte, und über die schreckliche Wiedervergeltung mit sich zu Rathe gegangen war, welche er langsam gegen Sophia Wackles spielen lassen wollte – jetzt waren Nelly und der alte Mann sammt all' dem vielen Gelde fort, weggeschmolzen, ausgewandert, er wußte nicht, wohin – ganz, als hätten sie den Plan vorausgewußt und sich entschlossen, ihn im Beginn, noch ehe ein Schritt geschehen war, zu vereiteln.

Daniel Quilp war in dem Innersten seines Herzens über diese Flucht eben so überrascht als beunruhigt. Es war seinem scharfen Auge nicht entgangen, daß einige unentbehrliche Kleidungsstücke mit den Flüchtlingen abhanden gekommen waren, und da er den schwachen Geisteszustand des alten Mannes kannte, so war er nicht wenig verwundert, wie er es wohl angefangen haben mochte, um die Einwilligung des Kindes so leicht zu erlangen. Man würde Herrn Quilp großes Unrecht thun, wenn man glauben wollte, daß ihn irgend eine uneigennützige Besorgniß für die Beiden gequält hätte, denn seine Unruhe entsprang nur aus der Vermuthung, der alte Mann habe wohl noch einen geheimen Geldvorrath, von welchem er nichts geahnet, besessen, und schon der Gedanke, daß derselbe seinen Geiergriffen entwischt sei, erfüllte ihn mit Verdruß und Selbstvorwürfen.

In dieser Gemüthsstimmung gewährte es ihm einigen Trost, als er fand, daß Richard Swiveller, zwar unter ganz verschiedenen Verhältnissen, aber augenscheinlich durch dieselbe Ursache gereizt und getäuscht war. »Es kann gar nicht fehlen,« dachte der Zwerg, »daß er wegen seines Freundes herkam, um dem alten Manne durch Schmeichelworte und Schreckmittel ein kleines Bruchstück von jenem Reichthum zu entlocken, welchen er, ihrer Ansicht zu Folge, im Ueberflusse besitzt.« Es gewährte ihm daher eine Erleichterung, Swivellers Herz mit einem Gemälde der Schätze zu quälen, welche der alte Mann zusammengescharrt, und seine Tücke an ihm zu üben, indem er ihm vorstellte, daß unter so bewandten Umständen keine Zudringlichkeit mehr etwas fruchten könnte.

»Nun,« sagte Dick mit einem albernen Gesichte, »da wird's, denke ich, nicht viel nützen, wenn ich länger hier bleibe.«

»Nicht das Geringste,« versetzte der Zwerg.

»Wollen Sie ihnen aber bedeuten, daß ich sie besuchen wollte?« entgegnete Dick.

Herr Quilp nickte und sagte, er werde es gewiß thun, sobald er sie wieder sehe.

»Und sagen Sie ihnen,« fügte Herr Swiveller bei, »sagen Sie ihnen, Sir, daß ich hergetragen wurde auf den Schwingen der Eintracht, daß ich kam mit dem Rechen der Freundschaft, zu entfernen die Saat wechselseitiger Gewaltthätigkeit und Herzensgehässigkeit und an ihrer Stelle zu pflanzen die Keime geselliger Harmonie. Wollen Sie die Güte haben, sich mit diesem Auftrage zu bemühen, Sir?«

»Gewiß!« entgegnete Quilp.

»Wollen Sie auch gefälligst dieß noch beifügen, Sir,« sagte Dick, indem er eine sehr kleine, zerknitterte Karte zum Vorschein brachte, mit dem Bemerken, »daß dieß meine Adresse ist, und daß ich jeden Morgen zu Hause zu treffen bin. Zwei deutliche Schläge, Sir, werden im Nu die Dienerschaft herbeirufen. Meine besonderen Freunde, Sir, sind gewohnt, bei Eröffnung der Thüre zu niesen, um mir dadurch anzudeuten, daß sie meine Freunde sind und keine eigennützigen Motive haben, wenn sie fragen, ob ich zu Hause sei. Ich bitte um Verzeihung – wollen Sie mir erlauben, die Karte noch einmal anzusehen?«

»O, in all' Weg,« erwiederte Quilp.

»Durch einen leichten und nicht unnatürlichen Irrthum, Sir,« sagte Dick, indem er statt ihrer eine andere aushändigte, »überreichte ich Ihnen die Eintrittskarte zu einem auserlesenen geselligen Zirkel, genannt ›die gloriosen Apollers‹, bei dem ich die Ehre habe, perpetuirlicher Großmeister zu sein. Das ist das eigentliche Dokument, Sir. Guten Morgen.«

Quilp bot ihm guten Tag; der perpetuirliche Großmeister der gloriosen Apollers lüpfte seinen Hut zu Ehren der Frau Quilp, ließ ihn nachlässig wieder auf die Seite seines Kopfes fallen und verschwand mit einer Schwenkung der Hand.

Inzwischen waren unterschiedliche Geräthe zu Fortschaffung der Güter angelangt; und einige baumstarke Männer in Schmeerkappen balancirten Kastenschubladen und andere derartige Kleinigkeiten auf ihren Köpfen, Heldenthaten der Muskelkraft verrichtend, wobei sich übrigens ihre Gesichtsfarbe bedeutend erhöhte. Um in Geschäftigkeit nicht zurückzubleiben, ging Herr Quilp gleichfalls mit überraschender Energie an's Werk: er fuhr umher und trieb die Leute an, wie ein böser Geist, trug Frau Quilp alle Arten schwieriger und unausführbarer Geschäfte auf, schleppte mit geringer Mühe große Lasten auf und nieder, versetzte dem Jungen von dem Kai, so oft er indessen Nähe kommen konnte, einen Tritt, und incommodirte mit seinen Lasten durch viele schlaue Stöße die Schultern des Herrn Braß, welcher auf der Thürstaffel stand, um alle Anfragen neugieriger Nachbarn zu beantworten – eine Aufgabe, die ganz in sein Departement gehörte. Die Anwesenheit und das Beispiel des Zwergs brachte eine solche Rührigkeit in das verwendete Personale, daß das Haus in wenigen Stunden bis auf etliche Matten, leere Porterkrüge und zerstreute Strohhalme völlig geräumt war.

Wie ein afrikanischer Häuptling auf einer dieser Matten sitzend, regalirte sich eben der Zwerg mit Brod, Käse und Bier, als er, ohne daß er sich's ansehen ließ, bemerkte, daß ein Knabe durch die Außenthüre hineinschielte. In der Ueberzeugung, daß es Kit sei, obgleich er wenig mehr als seine Nase sah, rief ihm Herr Quilp mit Namen, worauf Kit hereinkam und fragte, was er wünsche.

»Komm daher, Bürschlein,« sagte der Zwerg. »Nun, dein alter Herr und deine junge Gebieterin sind also fort.«

»Wohin?« entgegnete Kit umherschauend.

»Du willst mir damit doch nicht weiß machen, als ob du's nicht wüßtest?« antwortete Quilp in scharfem Tone. »Wohin find sie – he?«

»Ich weiß es nicht,« sagte Kit.

»Bah,« erwiederte Quilp, »komm mir nicht auf diese Weise. Willst du mich etwa bereden, du wissest nicht, daß sie sich diesen Morgen mit Tagesgrauen fortstahlen?«

»Nein,« sagte der Knabe in augenscheinlicher Ueberraschung.

»Du läugnest also?« rief Quilp. »Weiß ich nicht, daß du letzthin des Nachts immer wie ein Dieb um das Haus herum geschlichen bist? Hat man dir nichts gesagt?«

»Nein,« versetzte der Knabe.

»Wirklich nicht?« sagte Quilp. »Was hat man dir denn gesagt und von was habt ihr gesprochen?«

Kit, der keinen besonderen Grund hatte, die Sache jetzt noch geheim zu halten, erzählte, in welcher Absicht er damals gekommen und welchen Vorschlag er gemacht hatte.

»O,« sagte der Zwerg nach einer kurzen Erwägung, »dann denke ich wohl, daß sie noch zu dir kommen werden.«

»Glauben Sie das wirklich?« rief Kit mit Eifer.

»Nun, ich denke wohl,« entgegnete der Zwerg. »Wenn's aber geschieht, so laß mich's wissen, hörst du? Laß mich's wissen und du sollst etwas von mir bekommen! Ich möchte ihnen gerne einen Liebesdienst erweisen, und das ist doch unmöglich, wenn ich's nicht weiß. Du hörst, was ich sage?«

Kit hätte ihm vielleicht eine Antwort gegeben, die den Ohren des reizbaren Fragers nicht sehr angenehm gewesen sein dürfte, wenn nicht plötzlich der Junge von dem Kai, der in dem Zimmer umherschlich, um etwas zu finden, was zufälligerweise liegen geblieben sein mochte, plötzlich ausgerufen hätte:

»Da ist ein Vogel. Was soll man mit dem anfangen?«

»Dreh ihm den Hals um,« versetzte Quilp.

»O nein, thut das nicht,« sagte Kit vortretend. »Gebt ihn mir.«

»Natürlich – sonst nichts!« rief der andere Junge. »Ich frage dich nur, ob du den Käficht gehen lassen willst, damit ich ihm den Hals umdrehen kann. Willst du? Er hat gesagt, ich soll's thun. Willst du den Käficht loslassen?«

»Gebt ihn her, gebt ihn mir, ihr Hunde,« schrie Quilp. »Balgt Euch darum, ihr Galgenstricke, oder ich drehe ihm selbst den Hals um.«

Ohne weitern Zuspruch fielen die zwei Jungen mit Zähnen und Nägeln über einander her, während Quilp, der mit der einen Hand den Käficht in die Höhe hielt und mit der andern in einer Art von Verzückung sein Messer durch die Dielen stieß, sie durch Geschrei und Hohnworte zu einem noch heftigeren Kampfe anspornte. Sie waren sich so ziemlich gleich und wälzten sich umher, Schläge austauschend, die keineswegs ein Kinderspiel waren, bis sich endlich Kit seines Gegners durch einen wohlgeführten Stoß nach dessen Brust entledigte, worauf er hurtig aufsprang, Quilp den Käficht aus der Hand riß und mit seinem Preise davon eilte.

Er hielt nicht inne, bis er zu Hause anlangte, wo sein blutunterronnenes Gesicht große Bestürzung verursachte und das ältere Kind veranlaßte, zeterlich zu heulen.

»Barmherziger Himmel! Kit, was giebt es? Was hast du gethan?« rief Frau Nubbles.

»Kehrt Euch nicht daran, Mutter,« antwortete ihr Sohn, indem er sich das Gesicht mit dem Handtuch hinter der Thüre abtrocknete. »Ich bin nicht verletzt, tragt wegen meiner keine Sorge. Es ist weiter nichts, als daß ich mich wegen einem Vogel gebalgt und ihn gewonnen habe. So hör' doch mit deinem Schreien auf, kleiner Jakob. Hab' ich doch Tag meines Lebens keinen so bösen Buben gesehen!«

»Du hast dich um einen Vogel gebalgt?« rief seine Mutter.

»Ja, um einen Vogel; hier ist er – Miß Nelly's Vogel, Mutter, dem sie den Hals umdrehen wollten. Aber ich habe ihnen dafür gethan – ha, ha, ha! Sie sollten ihm nicht den Hals umdrehen, eh' sie mir's gethan hatten, nein, nein, 's ging nicht, Mutter, 's ging durchaus nicht, ha, ha, ha!«

Als Kit, mit seinem geschwollenen und mit Beulen versehenen Gesichte aus dem Handtuch heraussehend, so herzlich lachte, fing auch der kleine Jakob zu lachen an; und dann lachte seine Mutter gleichfalls, und der jüngste Nubbles krähte und stampfte aus Leibeskräften, und dann lachten Alle im Einklang, zum Theil über Kit's Sieg, zum Theil, weil sie sich gegenseitig liebten. Als sie endlich aufhörten, zeigte Kit das Vögelchen den Kindern als eine große und kostbare Rarität (es war nur ein armer Hänfling), sah sich an der Wand nach einem alten Nagel um, und als er einen solchen gefunden hatte, machte er sich aus Tisch und Stuhl ein Gerüst, um ihn unter großem Jubel herauszuziehen.

»Laßt mich sehen, laßt mich sehen,« sagte der Knabe; »ich denke, ich will ihn in das Fenster hängen, weil's dort heller und freundlicher ist, und er den Himmel sehen kann, wenn er recht in die Höhe guckt. Er singt auch recht hübsch, kann ich Euch sagen.«

Das Gerüst wurde daher abermals aufgeschlagen, und Kit, der, mit dem Schüreisen statt eines Hammers bewaffnet, hinanklomm, schlug den Nagel ein und hängte, zum unermeßlichen Entzücken der ganzen Familie, den Käficht auf. Nachdem noch eine geraume Zeit daran gerückt und gedreht worden, und Kit nach dem Kamin zurückgegangen war, um das Thierchen von dort aus zu bewundern, wurde die Vorkehrung für vollkommen erklärt.

»Und nun, Mutter,« sagte der Knabe, ehe ich ausruhe, will ich noch einmal fort und sehen, ob ich nicht ein Pferd zu halten kriege; dann kann ich etwas Hanfsamen kaufen, und vielleicht einen guten Bissen für Euch obendrein.«

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