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Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Erster Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.net
created20150221
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Der Raritätenladen. Elftes Kapitel

Ruhe und Einsamkeit sollten nicht länger ununterbrochen weilen unter dem Dache, welches das Kind beschützte. Des andern Morgens lag der alte Mann in einem heftigen Fieber, von Delirien begleitet, und unter dem Einflusse dieser Krankheit dahinschwindend, schwebte er viele Wochen in großer Lebensgefahr. Man wachte wohl an seinem Bette, aber es war das Wachen von Fremden, die ein habgieriges Gewerbe daraus machten, und in den freien Stunden, welche ihnen der Dienst bei dem kranken Manne ließ, sich mit einer schauerlichen Zechgenossenschaft zusammensetzen, aßen, tranken und sich lustig machten: denn Krankheit und Tod waren ihre gewöhnlichen Hausgöttinnen.

Aber ungeachtet des Lärmens und des Gedränges einer solchen Zeit fühlte die Kleine sich mehr als je allein: allein im Geiste, allein in ihrer Anhänglichkeit an den, der auf seinem heißen Krankenlager sich verzehrte, allein in ihrem unverstellten Kummer und in ihrer unverkauften Theilnahme. Tag um Tag, Nacht um Nacht befand sie sich an dem Kissen des bewußtlosen Leidenden, stets jedem seiner Bedürfnisse zuvorkommend und horchend auf die Wiederholungen ihres Namens und der Ausdrücke der Angst und der Besorgnisse für sie, welche immer in seinen Fieberphantasieen die Hauptrolle spielten.

Das Haus war nicht länger das ihrige. Selbst die elende Krankenkammer schien ihnen nur als ein unsicheres Lehen, das von Herrn Quilp's Gunst abhing, überlassen zu sein. Die Krankheit des alten Mannes hatte noch nicht lange gedauert, als er von dem Hause und allem Zugehöre, kraft gewisser dazu befähigenden, gesetzlichen Eigenschaften, welche nur Wenige verstanden und Niemand beanstanden mochte, förmlich Besitz nahm. Sobald dieser Schritt unter dem Beistande eines Advokaten, welchen der Zwerg zu diesem wichtigen Zwecke beigezogen hatte, geschehen war, begann derselbe sich mit seinem Gefährten in dem Hause einzurichten, um seine Rechte gegen alle Nachkommenden zu behaupten, und dann schickte er sich an, in seinen Quartieren sich's nach seiner Weise behaglich zu machen.

Herr Quilp quartirte sich zu diesem Ende in der hintern Wohnstube ein, nachdem er zuvor dem Raritätenkram durch Schließung des Ladens auf die wirksamste Weise ein Ende gemacht hatte. Unter dem alten Möbelwerk suchte er den schönsten und bequemsten Stuhl, der sich auffinden ließ, zu seinem eigenen Gebrauche aus, während er sehr rücksichtsvoll einen besonders garstigen und unbequemen zu Nutz und Frommen seines Freundes wählte und beide in das genannte Gemach bringen ließ, wo er mit großer Stattlichkeit seinen Sitz aufschlug. Das Zimmer war ziemlich entfernt von der Kammer des alten Mannes, aber Herr Quilp hielt es für klug, als Vorsichtsmaßregel gegen Fieberansteckung und als heilsame Räucherung nicht nur selbst ohne Unterlaß Tabak zu rauchen, sondern auch darauf zu bestehen, daß sein Rechtsfreund das Gleiche that. Außerdem schickte er auch einen Expressen nach dem Kai, um den gaukelnden Jungen herbeizuholen, welcher denn auch in aller Eile ankam und den Befehl erhielt, auf einem andern Stuhle in der Nähe der Thüre Platz zu nehmen, unaufhörlich aus einer von dem Zwerge zu diesem Ende gekauften, großen Pfeife zu rauchen und sich ja nicht zu unterstehen, dieselbe unter was immer für einem Vorwande auch nur eine Minute aus dem Munde zu nehmen. Nachdem diese Vorkehrungen getroffen waren, sah Herr Quilp mit kichernder Zufriedenheit umher und meinte, das nenne er einmal Comfort.

Der Rechtsgelehrte, dessen melodischer Name Braß lautete, hätte es wohl auch, zwei Vorbehalte abgerechnet. Comfort nennen können; der eine bestand nämlich darin, daß er unter keinen Umständen behaglich in seinem Stuhle sitzen konnte, weil derselbe sehr hart, eckig, schlüpfrig und schief war, der andere, daß der Tabakrauch ihm stets große Uebelkeit machte und er ihn daher von Grund seiner Seele aus nicht leiden konnte. Da er aber mit Haut und Haaren eine Creatur des Herrn Quilp war und tausend Gründe hatte, dessen Gunst zu erhalten, so versuchte er es, zu lächeln, und nickte, wohl oder übel, so beifällig, als er es zu thun vermochte.

Dieser Braß war ein Anwalt von nicht sonderlich gutem Rufe aus Bevis Marks in der City von London – ein hoher, magerer Mann mit einer Nase wie eine Warze, einer hervorragenden Stirne, eingesunkenen Augen und tiefrothen Haaren. Er trug einen langen, schwarzen Ueberrock, der bis auf seine Knöchel reichte, kurze, schwarze Beinkleider, hohe Schuhe und bläulich graue, baumwollene Strümpfe. Er hatte ein kriechendes Wesen an sich, aber eine sehr rauhe Stimme, und sein einschmeichelndstes Lächeln war so ungemein abstoßend, daß man, wenn man einmal seine Gesellschaft haben mußte, ihn lieber ungelaunt und im Zorne gesehen hätte, als in seinen complaisanten Stimmungen.

Quilp sah auf seinen Rechtsfreund, und als er bemerkte, wie er in seinem Pfeifenfieber sehr viel blinzelte, wie er schauderte, wenn er sich hin und wieder eines recht vollen Qualmes nicht zu erwehren vermochte, und wie er ohne Unterlaß mit dem Taschentuch den Rauch von sich weg fächelte, so war er ganz außer sich vor Freude und rieb sich entzückt die Hände.

»Rauche wacker drauf los, du Galgenstrick,« sagte Quilp zu dem Jungen; »stopfe dir deine Pfeife nochmals und rauche sie schnell aus; hinunter bis auf den letzten Zug, sonst brenne ich eine Siegelwachsstange an und reibe sie dir glühend auf die Zunge.«

Zum Glück war der Junge stahlhart und würde einen kleinen Kalkofen ausgeraucht haben, wenn ihn Jemand damit traktirt hätte; er murmelte daher nur einige Trotzreden gegen seinen Meister und that, wie ihm befohlen worden.

»Ist es nicht gut. Braß? ist es nicht hübsch? ist es nicht würzig? fühlen Sie sich nicht wie der Großtürke?« fragte Quilp.

Herr Braß dachte in seinem Innern, der Großtürke dürfte dann in diesem Falle keineswegs sehr zu beneiden sein, sagte aber nur, es wäre famos, und er zweifle nicht, daß es ihm ganz wie diesem Potentaten zu Muthe sei.

»Dieß ist die beste Weise, das Fieber abzuhalten,« meinte Quilp, »oder überhaupt die Calamität des Lebens zu verscheuchen. So lange wir hier weilen, wollen wir keinen Augenblick davon ablassen – rauch' zu, du Hund, oder du sollst mir an der Pfeife ersticken.«

»Wir werden lange hier bleiben, Herr Quilp?« fragte sein Rechtsfreund, als der Zwerg seinem Jungen diese letzte höfliche Ermahnung ertheilt hatte.

»Wir müssen, glaube ich, aushalten, bis der alte Herr, welcher eine Treppe weiter oben liegt, todt ist,« antwortete Quilp.

»Hä, hä, hä!« lachte Herr Braß, »oh! sehr gut!«

»Rauchen Sie nur zu!« rief Quilp. »Nicht inne gehalten! Man kann auch während dem Rauchen sprechen. Verlieren Sie keine Zeit.«

»Hä, hä, hä!« greinte Braß halb ohnmächtig, indem er die verhaßte Pfeife wieder in den Mund steckte; »aber wenn er wieder aufkommt, Herr Quilp?«

»Dann bleiben wir so lange, und nicht länger,« entgegnete der Zwerg.

»Wie freundlich es von Ihnen ist, Sir, so lange zu warten!« sagte Braß, »Manche Leute, Sir, würden die Waaren verkauft oder fortgeschafft haben – ach du mein Gott, in demselben Augenblicke, wo es ihnen das Gesetz erlaubt hätte. Manche Leute würden ganz von Kieselsteinen und Granit gewesen sein. Manche Leute, Sir, würden –«

»Manche Leute würden sich das Geplapper eines solchen Papagei's, wie Sie sind, erspart haben,« fiel ihm der Zwerg in's Wort.

»Hä, hä, hä!« lachte Braß. »Wie sie doch so witzig sind!«

Jetzt fiel die rauchende Schildwache an der Thüre ein und brummte, ohne die Pfeife aus dem Munde zu nehmen:

»Da kömmt das Mädel herunter.«

»Wer sagst du, du Hund?« sagte Quilp.

»Das Mädel,« entgegnete der Junge; »seid Ihr taub?«

»O,« sagte Quilp, indem er mit so viel Behagen den Athem an sich zog, als ob er Suppe zu sich nähme, »wir Beide wollen das gleich mit einander abgemacht haben; es gibt so etwas wie Risse und Beulen für dich, mein lieber junger Freund. Aha, Nelly! Wie geht's ihm gegenwärtig, mein Diamantenpüppchen?«

»Er ist sehr schlimm,« versetzte das Kind weinend.

»Was das für eine hübsche kleine Nell ist!« rief Quilp.

»O, schön, in der That schön,« sagte Braß. »Ganz bezaubernd!«

»Will sie sich ein wenig auf Quilp's Knie setzen?« sagte der Zwerg, in einem beschwatzenden Tone, wie er meinte, »oder geht sie in ihr kleines Bettchen da drinnen – was will die arme Nell jetzt thun?«

»Was für eine merkwürdige, angenehme Manier er hat, mit Kindern umzugehen!« murmelte Braß, als ob er diese Bemerkung im Vertrauen der Zimmerdecke mittheilen wollte; »auf mein Wort, es ist ein wahrer Schmaus, ihm zuzuhören.«

»Ich will mich überhaupt nicht aufhalten,« stotterte Nell. »Ich wollte nur Einiges aus diesem Zimmer holen, und dann will – will – ich nie mehr herunterkommen.«

»Und ein sehr hübsches, keines Stübchen ist es!« sagte der Zwerg, dem Kinde nachschauend, als es hineingetreten war. »Ganz wie eine Laube. Weißst du's auch gewiß, daß du keinen Gebrauch mehr davon machen wirst? Weißst du es auch gewiß, daß du nicht wieder zurückkömmst, Nelly?«

»Nein,« erwiederte das Kind, indem sie mit den wenigen Kleidungsstücken forteilte, welche sie zu holen gekommen war; »nie wieder, nie wieder!«

»Sie ist sehr empfindlich,« sagte Quilp, ihr nachblickend »sehr empfindlich; und das ist Schade. Die Bettstatt hat so ziemlich meine Größe. Ich denke, ich werde es zu meinem Stübchen machen.«

Da Herr Braß diesen Gedanken ermuthigte, wie er es bei jedem andern gemacht haben würde, der aus derselben Quelle floß, so ging der Zwerg hinein, um einmal die Probe zu machen, legte sich, mit der Pfeife im Munde, rücklings auf das Bett und schlug, gewaltige Rauchwolken von sich stoßend, mit den Beinen um sich. Herr Braß lobte diese Attitüde ungemein, und da das Bett weich und behaglich war, so kam Herr Quilp zu dem Entschlusse, es einmal als Schlafstätte bei Nacht, und dann als eine Art Divan bei Tage zu benützen, und um es auf einmal zu dem letzteren Zweck einzuweihen, blieb er, wo er war, und rauchte seine Pfeife aus. Der Rechtsgelehrte war inzwischen etwas schwindelig und ideenverwirrt geworden (denn dies war eine der Wirkungen des Tabakrauchens auf sein Nervensystem), weßhalb er die Gelegenheit wahrnahm, ein wenig an die frische Luft zu schleichen, wo er sich im Verlaufe der Zeit hinreichend erholte, um mit einem leidlich gefaßten Gesichte wieder zurückkehren zu können. Er wurde jedoch bald wieder durch den boshaften Zwerg veranlaßt, sich einen Rückfall an dem Hals zu rauchen, und in diesem Zustande stolperte er auf ein Canapee, wo er bis zum Morgen schlief.

Dieß waren Herrn Quilp's erste Heldenthaten nach Besitznahme seines neuen Eigenthums. Er wurde nun einige Tage durch Geschäfte verhindert, besondere Tücken auszuüben, da seine erste Zeit fast ganz mit Aufnahme eines ausführlichen Inventariums der vorhandenen Güter (was unter dem Beistande des Herrn Braß geschah) in Anspruch genommen wurde, und dann mußte er auch einige andere Geschäftsgänge machen, welche ihn glücklicherweise immerhin ein paar Stunden fern hielten. Da übrigens sein Geiz und seine Vorsicht jetzt vollkommen wach waren, so blieb er nie eine Nacht aus dem Hause, und seine Ungeduld, daß die Krankheit des alten Mannes einmal zu einem Ende (sei es zu einem guten oder bösen) führen möchte, steigerte sich immer mehr und mehr, so daß er derselben bald durch ein unverholenes Murren und Ausbrüche des Unwillens Luft zu machen begann.

Nell bebte schüchtern zurück, so oft der Zwerg ein Gespräch mit ihr anfangen wollte, und flüchtete sich vor dem bloßen Tone seiner Stimme; aber auch das Lächeln des Advokaten war ihr nicht weniger schrecklich, als Quilp's Fratze. Sie lebte fortwährend in einer solchen Angst und Besorgniß, wenn sie sich außen blicken ließ, auf der Treppe oder in den Hausfluren einem oder dem andern dieser Unholde zu begegnen, daß sie selten anders als bis in später Nacht die Kammer ihres Großvaters verließ, wo das Schweigen ihr den Muth gab, sich hinaus zu wagen und in irgend einem leeren Zimmer die reine Luft einzuathmen.

In einer Nacht hatte sie sich an ihr gewöhnliches Fenster gestohlen und hing daselbst ihrem tiefen Kummer nach, weil der alte Mann einen gar schlimmen Tag gehabt hatte, als es ihr auf einmal vorkam, sie höre ihren Namen von einer Stimme auf der Straße aussprechen, und wie sie hinunter schaute, erkannte sie Kit, dessen Bemühen, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, sie aus ihren trüben Gedanken geweckt hatte.

»Miß Nell!« sagte der Knabe mit leiser Stimme.

»Ja,« versetzte die Kleine, zweifelhaft, ob sie sich mit dem muthmaßlich Schuldigen in einen Verkehr einlassen sollte; sie fühlte aber noch immer Zuneigung zu ihrem alten Liebling und fügte daher bei:

»Was willst du?«

»Ich wollte nach langer Zeit nur wieder ein Wort zu Ihnen sagen,« entgegnete der Knabe, »aber die Leute unten haben mich fortgetrieben und wollten nicht zugeben, daß ich Sie sehe. Sie glauben doch nicht – ich hoffe, Sie können unmöglich glauben, – daß ich verdiene, so verstoßen zu werden, wie man mich verstoßen hat. Oder glauben Sie es, Miß?«

»Ich muß es glauben,« erwiderte das Kind. »Warum würde mein Großvater so zornig über dich gewesen sein?«

»Ich weiß das nicht,« antwortete Kit; »aber ich weiß gewiß, daß ich es weder um ihn noch um Sie verdient habe. So viel kann ich mit treuem und redlichem Gewissen behaupten. Und dann von der Thüre fortgetrieben zu werden, da ich blos kam, um zu fragen, wie es dem alten Herrn gehe –!«

»Man hat mir das nie gesagt,« versetzte das Kind. »Ich habe in der That nichts davon erfahren, und hätte um alles in der Welt nicht haben mögen, daß man dich so behandelt.«

»Ich danke Ihnen, Miß,« entgegnete Kit; »es ist mir ein Trost, Sie so sprechen zu hören. Ich habe stets gesagt, ich könne es unmöglich glauben, daß es auf Ihre Veranlassung geschehe.«

»Da hast du Recht gehabt!« sagte das Kind eifrig.

»Miß Nell,« rief der Junge, indem er unter das Fenster trat, in leiserem Tone »es sind neue Herren unten. Das ist eine Veränderung für Sie.«

»O, freilich,« versetzte das Kind.

»Und wird es auch für ihn sein, wenn es besser mit ihm geht,« sagte der Knabe, auf das Krankenzimmer deutend.

»– Wenn es je besser mit ihm geht,« fügte das Kind bei, unfähig ihre Thränen zurückzuhalten.

»O, es wird, es wird,« sagte Kit; »ich bin überzeugt, es wird. Sie müssen nicht so niedergeschlagen sein, Miß Nell. Thun Sie's nicht, ich bitte.«

Diese wenigen und rauhen Worte der Ermuthigung und des Trostes verfehlten nicht, das Kind zu rühren und ihm für den Augenblick noch mehr Thränen abzupressen.

»Er wird gewiß besser werden,« sagte der Knabe ängstlich, »wenn Sie sich nicht zu sehr der Trostlosigkeit hingeben und am Ende selbst krank werden, was seinen Zustand natürlich verschlimmern und selbst in der Wiedergenesung zurückwerfen muß. Aber wenn er sich erholt, so reden Sie ein gutes Wort, reden Sie ein freundliches Wort für mich, Miß Nell.«

»Man sagt mir, ich dürfe vor langer, langer Zeit nicht einmal deinen Namen vor ihm nennen.« entgegnete das Kind; »ich darf es daher nicht wagen, selbst wenn ich wünschte –und was könnte dir mein Fürwort nützen, Kit? Wir werden sehr arm sein. Wir werden kaum Brot zu essen haben.«

»Nicht um wieder angenommen zu werden, bitte ich Sie um diese Gunst,« erwiederte der Knabe; »ich dachte gar nicht an Kost und Lohn, als ich so lange harrte, in der Hoffnung, Sie zu sehen. Glauben Sie ja nicht, daß ich in einer solchen Zeit der Bedrängniß herkam, um von solchen Dingen zu sprechen.«

Das Kind sah dankbar und freundlich nach ihm herunter, erwartete aber, daß er weiter sprechen werde.

»Nein, es geschah nicht deßhalb,« fuhr Kit stockend fort, »sondern wegen etwas ganz Anderem. Ich weiß wohl, daß ich nicht viel Verstand habe, aber wenn er dahin gebracht werden könnte, zu glauben, daß ich ihm getreu gedient habe, daß ich that, was ich konnte, ohne je eine böse Absicht zu haben, vielleicht würde er es nicht –«

Hier stotterte Kit so lange, daß das Kind ihn bat, sich frei auszusprechen, und zwar rasch, denn es sei schon spät und daher Zeit das Fenster zu schließen.

»Vielleicht würde er es nicht für eine allzugroße Keckheit halten, wenn ich sage – wohlan denn, wenn ich sage –« rief Kit, plötzlich ermuthigt. »Diese Heimath ist für Sie und für ihn verloren. Meine Mutter und ich haben freilich nur eine sehr armselige, aber sie ist doch besser als diese mit all dem Volk hier – und warum nicht dahin gehen, bis er Zeit gefunden hat sich umzusehen und eine bessere auszusuchen?«

Das Kind antwortete nicht. Kit aber, sobald er sich seines Vorschlags entledigt hatte, fand jetzt seine Zunge gelöst und sprach mit seiner größten Beredsamkeit zu Gunsten desselben.

»Sie denken wohl,« fuhr er fort, »daß sie sehr klein und unbequem ist? Das mag wohl sein, aber sie ist sehr reinlich. Vielleicht meinen Sie, es sei dort zu geräuschvoll, aber es gibt keinen ruhigeren Hof, als den unsrigen, in der ganzen Stadt. Wegen der Kinder dürfen Sie keine Sorge tragen; der Kleine weint fast nie, und der andere ist sehr gut – außerdem will ich sie schon im Zaume halten, gewiß, sie sollen Ihnen wenig lästig werden. Versuchen Sie's, Miß Nell, versuchen Sie's. Das kleine Vorderzimmer eine Stiege hoch ist sehr angenehm. Sie können ein Stück von der Kirchthurmuhr durch die Schornsteine sehen und fast die Stunde ablesen. Die Mutter sagt, es würde ganz für Sie passen; ja, und das würde es auch, und sie kann Ihnen Beiden abwarten, während ich den Ausläufer machte. Um Geld ist's uns nicht zu thun, behüte Gott – Sie werden doch so etwas nicht denken. Wollen Sie's bei ihm probiren. Miß Nell? Sagen Sie nur. Sie wollen es bei ihm probiren. Versuchen Sie es, den alten Herrn zu bewegen, daß er kömmt, und fragen Sie ihn zuerst, was ich gethan habe – wollen Sie mir auch das nicht versprechen, Miß Nell?«

Ehe das Kind auf diese dringende Ansprache antworten konnte, öffnete sich die Hausthüre, worauf der Kopf des Herrn Braß in einer Schlafmütze zum Vorschein kam und eine sauertöpfische Stimme fragte, wer da sei. Kit machte sich augenblicklich von hinnen, und Nell entfernte sich von dem Fenster, nachdem sie es leise geschlossen hatte.

Ehe Herr Braß Zeit hatte, seine Frage zu wiederholen, tauchte auch Herr Quilp, gleichfalls mit einer Nachtmütze verschönert, aus derselben Thüre auf, sah sorgfältig in der Straße hin und her, und betrachtete sich alle Fenster des gegenüber liegenden Hauses. Da seinen Blicken nichts aufstieß, so kehrte er alsbald mit seinem Rechtsfreunde in das Haus zurück, und betheuerte (wie das Kind von dem Treppengeländer aus hörte), daß eine Verschwörung und ein Complott gegen ihn los sei, daß er Gefahr laufe, von einer Gaunerbande, die zu allen Tageszeiten um das Haus schleiche, beraubt und geplündert zu werden, und daß er keinen Augenblick länger zögern wolle, sein hierortiges Eigenthum zu veräußern und unter sein eigenes friedliches Dach zurückzukehren. Nachdem er diese und noch viele andere Drohungen ähnlichen Inhalts hervor gebrummt hatte, kugelte er sich wieder in des Kindes kleinem Bette zusammen und Nell schlich leise die Treppe hinauf.

Es lag in der Natur der Sache, daß die kurze und unbeendigte Zwiesprache mit Kit einen tiefen Eindruck auf ihren Geist machte, und sogar auf die Träume dieser Nacht, und für eine lange, lange Zeit auch auf ihre Gedanken einen wesentlichen Einfluß übte. Umgeben von gefühllosen Gläubigern und gedungenen Krankenwärtern, ohne in ihrer äußersten Angst und Betrübniß selbst bei den Weibern, mit welchen sie in Berührung kam, auf eine Spur von Rücksicht oder Theilnahme zu treffen, darf es nicht überraschen, wenn das gefühlvolle Herz des Kindes bis in's Innerste gerührt wurde durch die Ergüsse einer einzigen, freundlichen und edlen Seele, wie unförmlich auch der Tempel war, in welchem dieselbe weilte. Dem Himmel sei Dank, daß die Tempel solcher Seelen nicht von Menschenhänden gebaut werden, und daß ihnen vielleicht armselige Lumpen eine weit würdigere Zierde sind, als Purpur und feine Leinwand.

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