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Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Erster Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150121
modified20180917
projectid46ce39a3
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Der Raritätenladen.

Zehntes Kapitel

Daniel Quilp hatte das Haus des alten Mannes weder unbemerkt betreten, noch verlassen. In dem Schatten eines gegenüberliegenden Bogenweges, welcher zu einem der vielen, von der Hauptstraße abbeugenden Durchgänge führte, lungerte Jemand, der mit dem anbrechenden Zwielicht dort Posto gefaßt hatte und noch immer mit unermüdlicher Geduld ausharrte; er lehnte in der Weise eines Menschen, der Zeit zu warten hat und zu sehr daran gewöhnt ist, um sich nicht ganz resignirt darein zu ergeben, an der Mauer, und änderte wohl eine Stunde kaum das Mindeste in seiner Haltung.

Der geduldige Müssiggänger zog eben so wenig die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden auf sich, als er selbst auf sie Acht gab. Seine Augen waren ohne Unterlaß auf einen Gegenstand gerichtet – nämlich auf das Fenster, an welchem das Kind zu sitzen pflegte. Wenn er sie einen Augenblick abwandte, so geschah es nur, um nach der Uhr eines benachbarten Ladens zu sehen, worauf er sie jedoch wieder mit größerem Ernste und erhöhter Aufmerksamkeit in die alte Richtung gleiten ließ.

Wir haben bereits bemerkt, daß die genannte Person in ihrem Schlupfwinkel durchaus keine Müdigkeit zu erkennen gab, und dieß dauerte auch die ganze Zeit seines Wartens über. Als jedoch die Nacht vorrückte, zeigte er einige Besorgniß und Ueberraschung, indem er häufiger auf die Uhr, und weniger hoffnungsvoll, als zuvor, nach dem Fenster schaute. Endlich wurde die Uhr durch ein paar neidische Läden seinen Blicken entzogen; dann verkündeten die Kirchthurmglocken Elf, dann ein Viertel auf Zwölf, und nun schien sich ihm die Ueberzeugung aufzudringen, daß es zu Nichts führen würde länger zu harren.

Daß diese Ueberzeugung eine unwillkommene, und daß er noch immer nicht sehr geneigt war, ihr nachzugeben, dieß erhellte aus seinem Widerstreben, den Ort zu verlassen, aus den trägen Schritten, mit denen er oft von dannen ging, stets aber über die Achsel nach demselben Fenster schaute, und aus der Eile, mit der er eben so oft wieder zurückkehrte, wenn ein eingebildetes Geräusch, oder das wechselnde und unvollkommene Licht ihn auf den Glauben brachte, es sei leise geöffnet worden. Endlich gab er die Hoffnung für diese Nacht auf, fing plötzlich zu rennen an, als ob er sich mit Gewalt losmachen wollte, und jagte in größter Eile davon, ohne auch nur ein einzigesmal einen Rückblick zu wagen, damit er nicht abermals umsonst versucht werden möchte.

Ohne in seiner Eile abzulassen, oder auch nur inne zu halten, um Athem zu schöpfen, schlüpfte dieses geheimnißvolle Individuum durch viele Straßen und Gäßchen, bis es endlich auf einem gepflasterten, in's Geviert gebauten Hofe anlangte, wo es seine Schritte zu einem gewöhnlichen Gange ermäßigte. Vor einem kleinen Hause, aus dessen Fenster noch Licht schien, machte es Halt, drückte auf die Thürklinke und trat ein.

»Gott steh' uns bei!« rief eine Frau, rasch sich umwendend; »wer ist das? Ha! bist du's, Kit?«

»Ja, Mutter, ich bin's.«

»Aber wie müde du aussiehest, mein Lieber.«

»Der alte Herr ist heute Abend nicht ausgegangen,« sagte Kit; »und sie hat sich die ganze Zeit über nicht am Fenster blicken lassen.«

So sprechend, setzte er sich mit trauriger und mißvergnügter Miene am Feuer nieder. Das Gemach, worin Kit in einer solchen Stimmung Platz nahm, war ein ungemein ärmlicher und einfacher Ort, obgleich er trotzdem jenes behagliche Aussehen hatte, welches, wenn ein solcher Ort anders nicht unter aller Beschreibung schlecht ist, Reinlichkeit und Ordnung stets in einem gewissen Grade mittheilen. Auf eine so späte Stunde auch die Schwarzwälderuhr deutete, so war die alte Frau noch immer emsig mit Bügeln beschäftigt; ein junges Kind lag in einer Wiege schlafend neben dem Herde, und ein anderes, ein stämmiger Knabe von zwei oder drei Jahren, wachte noch hellauf in seinem engen Schlafhäubchen auf dem Kopf und einem für seinen Körper viel zu kleinen Nachtkittelchen auf dem Leibe, und saß aufrecht in einem Wäschekorb, mit seinen großen, runden Augen über den Rand wegguckend und ganz so aussehend, als habe er gar nicht im Sinne, wieder einzuschlafen – ein Umstand, welcher seinen Verwandten und Freunden eine erfreuliche Aussicht eröffnete, da der Knabe bereits wegen seiner Abneigung, der natürlichen Ruhe zu genießen, aus dem Bette hatte genommen werden müssen. Es war eine etwas wunderlich aussehende Familie – Kit, seine Mutter und die Kinder, denn Alle waren sich sprechend ähnlich.

Kit war aufgelegt, übellaunig zu sein, wie es oft den Besten von uns zu gehen pflegt – aber er sah auf das jüngste Kind, welches sich eines gesunden Schlafes erfreute, und von diesem auf seinen andern Bruder in dem Wäschekorb, dann auf seine Mutter, welche sich, ohne zu klagen, seit dem frühen Morgen abgearbeitet hatte, und so dachte er, es dürfte wohl besser und freundlicher von ihm sein, wenn er gut gelaunt wäre. Er setzte daher die Wiege mit dem Fuße in Gang, schnitt dem Rebellen im Wäschekorb eine Fratze, was ihn augenblicklich in den besten Humor versetzte, und faßte den männlichen Entschluß, redselig zu sein und sich angenehm zu machen.

»Ach, Mutter,« sagte Kit, indem er sein Schnappmesser herauszog und über ein großes Stück Brod und Fleisch herfiel, das schon seit einer Stunde für ihn bereit war, »was Ihr doch für eine Mutter seid! Ich stehe dafür, daß es nicht viele solche gibt.«

»Hoffentlich gibt es ihrer noch viel bessere, Kit,« versetzte Frau Nubbles; »das ist so, oder sollte doch so sein, nach dem, was der Pfarrer in der Kapelle sagt.«

»Der wird viel davon wissen,« entgegnete Kit verächtlich. »Wir wollen warten, bis er eine Witwe ist und arbeiten muß wie Ihr, und so wenig kriegt, und so viel thut, und eben so wenig den Muth verliert, und dann will ich ihn fragen, wie viel Uhr es ist, und ihm glauben, daß er's auf eine halbe Sekunde hin trifft.«

»Laß das,« sagte Frau Nubbles, um das Thema abzubrechen. »Dein Bier steht unten bei der Kaminplatte, Kit.«

»Richtig,« versetzte der Sohn, indem er den Porterkrug hervorholte. »Auf meine Liebe zu Euch, Mutter! Und auch des Pfarrers Gesundheit, wenn Ihr so wollt! Ich habe keinen Groll auf ihn – gewiß nicht.«

»Hast du nicht eben gesagt, daß dein Herr diesen Abend nicht ausgegangen sei?« fragte Frau Nubbles.

»Ja,« antwortete Kit; »schlimm genug.«

»Mich deucht, du solltest lieber sagen, um so besser,« entgegnete seine Mutter, »weil nun Miß Nelly nicht allein sein muß.«

»Ach, darauf habe ich vergessen,« sagte Kit. »Ich sagte, ›schlimm genug‹, weil ich seit acht Uhr unablässig harrte und nichts von ihr zu sehen kriegte.«

»Ich möchte wohl wissen, was sie sagte,« rief seine Mutter, indem sie in ihrer Arbeit inne hielt und umher schaute, »sobald sie wüßte, daß du jede Nacht, wenn sie, das arme Ding – allein an jenem Fenster sitzt, auf der offenen Straße Schildwache stehst, aus Furcht, es möchte ihr ein Leids geschehen, und daß du, wie müde du auch sein magst, nicht von der Stelle weichst oder heim nach deinem Bette gehst, bis du glaubst, daß sie wohlbehalten in dem ihrigen liegt.«

»Kümmert Euch nicht darum, was sie sagen würde,« erwiederte Kit, mit einem Anflug von Erröthen auf seinem ungeschlachten Gesichte; »sie wird es nie erfahren, und daher auch nie etwas sagen.«

Frau Nubbles bügelte schweigend einige Minuten fort, begab sich dann wegen eines andern Eisens nach dem Kamin und blickte verstohlen auf Kit, während sie es auf einem Brette abrieb und mit einem Lappen abstäubte, ohne jedoch etwas zu sagen, bis sie wieder zu ihrem Tische zurückgekehrt war; nun hielt sie das Eisen in einer beunruhigend kleinen Entfernung gegen ihre Wangen, um seine Temperatur zu erproben, blickte lächelnd umher und bemerkte:

»Ich weiß, was gewisse Leute sagen würden, Kit –«

»Possen,« fiel ihr Kit in's Wort, der vollkommen begriff, was nun folgen sollte.

»Nein, aber sie würden's in der That thun. Gewisse Leute würden sagen, du seist in sie verliebt; ich weiß, das würden sie.«

Kit antwortete hierauf nur durch ein verschämtes: »ach, Mutter, geht mir weg,« und bildete unterschiedliche wunderliche Figuren mit seinen Armen und Beinen, von sympathetischen Verdrehungen seines Gesichtes begleitet. Da ihm aber diese Mittel die gesuchte Erleichterung nicht boten, so biß er von dem Brod und Fleisch einen ungeheuren Mund voll ab, und that einen raschen Zug aus der Porterkanne, durch welche künstliche Beihilfe er sich beinahe erstickte und eine Abschweifung von dem Gegenstande erwirkte.

»Aber ernsthaft gesprochen, Kit,« sagte die Mutter, nach einer Weile das Thema von Neuem aufnehmend, »denn natürlich war es eben erst nur ein Scherz von mir: es ist sehr gut und verständig von dir, und es sieht dir gleich, so zu handeln, daß du es Niemand wissen lässest, obgleich ich hoffe, daß sie es eines Tags erfahren wird; denn ich bin überzeugt, sie würde dir sehr dankbar dafür sein und es wohl zu schätzen wissen. Es ist grausam, das liebe Kind so eingesperrt zu halten, und ich wundere mich nicht mehr, daß der alte Herr es vor dir geheim halten will.«

»Was fällt Euch ein?« entgegnete Kit; »er glaubt nicht, daß es grausam ist, und beabsichtigt auch nichts Solches, denn sonst würde er es gewiß nicht thun – ich schätze wohl, Mutter, er würde es nicht thun für alles Gold und Silber in der Welt. Nein, nein, er thäte es nicht. Ich kenne ihn besser, als so.«

»Aber weßhalb thut er's denn, und warum hält er sie so von dir abgeschlossen?« fragte Frau Nubbles.

»Ich weiß es nicht,« antwortete ihr Sohn. »Wenn er es nicht versucht hätte, so gar geheim damit vor mir zu thun, so würde ich es wohl nie ausfindig gemacht haben; aber eben der Umstand, daß er mich Abends los zu werden suchte und mich immer viel früher fortschickte, als er sonst zu thun pflegte, machte mich erst begierig, zu erfahren, was vorging. Horch! was ist das?«

»Es ist nur Jemand draußen.«

»Es kömmt Jemand herüber –« sagte Kit horchend – »und noch obendrein sehr schnell. Er kann doch nicht ausgegangen sein, nachdem ich fort war, und sollte vielleicht das Haus Feuer gefangen haben, Mutter?«

Der Knabe blieb einen Augenblick stehen, im eigentlichen Sinne aller Bewegungsfähigkeit beraubt bei der Befürchtung, die er herauf beschworen hatte. Die Fußtritte kamen näher, die Thüre wurde mit hastiger Hand aufgerissen, und das Kind selbst, blaß und athemlos, nur eilig in etliche ungeordnete Kleider gehüllt, stürzte in die Stube.

»Es ist Miß Nelly! Was giebt es?« riefen Mutter und Sohn zugleich.

»Ich darf mich keinen Augenblick aufhalten,« entgegnete sie. »Der Großvater ist sehr übel geworden; ich fand ihn in einem Anfall auf der Hausflur –«

»Ich will zu einem Doktor laufen –« sagte Kit, nach seinem krempenlosen Hut greifend. »Ich bin im Augenblick dort, ich will –«

»Nein, nein,« rief Nell; »es ist schon einer da, man braucht dich nicht; aber du – du – mußt nie wieder in unsere Nähe kommen!«

»Was?« rief Kit.

»Nie wieder,« versetzte das Kind. »Frage mich nicht, warum, denn ich weiß es selbst nicht. Ich bitte, frage mich nicht, warum! Bitte, laß dir's nicht zu Herzen gehen – und sei nicht böse über mich, denn ich bin in der That nicht Schuld daran!«

Kit sah sie mit weit aufgesperrten Augen an und öffnete und schloß zu oft wiederholten Malen seinen Mund, ohne jedoch ein Wort hervorbringen zu können.

»Er klagt und tobt über dich,« sagte das Kind. »Ich weiß nicht, was du gethan hast, aber ich hoffe, es ist nichts sehr Böses.«

»Ich gethan?« brüllte Kit.

»Er ruft, du seist die Ursache seines ganzen Unglücks,« erwiederte das Kind mit thränenvollen Augen; »er schrie und zeterte über dich, und man sagt, du dürftest ihm nicht in die Nähe kommen, sonst würde es sein Tod sein. Du mußt daher nie wieder zu uns zurückkehren. Ich kam, um es dir zu sagen, denn ich meinte, es wäre besser, wenn ich käme, als wenn es ein ganz Fremder thäte. O Kit, was hast du gethan? Du, auf den ich so viel hielt, der fast mein einziger Freund war!«

Der unglückliche Kit blickte immer starrer und starrer auf seine junge Gebieterin, und seine Augen wurden immer weiter und weiter; aber er blieb vollkommen stumm und regungslos.

»Ich habe ihm sein Wochengeld gebracht,« fuhr das Kind, gegen die Frau gewandt, fort, »und – und – ein Bischen darüber, denn er war immer gut und freundlich gegen mich. Ich hoffe, er wird es bereuen und anderswo sich gut aufführen, und wird sich dieß nicht allzuviel zu Herzen nehmen. Es thut mir sehr leid, daß ich mich so von ihm verabschieden muß, aber da läßt sich nichts ändern, es muß geschehen – gute Nacht!«

Mit entströmenden Thränen und am ganzen Leibe vor Aufregung zitternd – eine Folge der kürzlich erlebten Scene, des ausgestandenen Schreckens, des eben vollzogenen Auftrags und tausend anderer schmerzlicher und ergreifender Gefühle, eilte das zarte Kind nach der Thüre und entschwand so schnell wieder, als es gekommen war.

Die arme Frau, welche keine Ursache hatte, ihrem Sohne zu mißtrauen, sondern im Gegentheil jeden Grund, auf seine Ehrlichkeit und Wahrheitsliebe zu bauen, wurde doch etwas bedenklich, weil er kein einziges Wort zu seiner Vertheidigung vorgebracht hatte. Unbestimmte Gedanken an Liebelei, Schelmerei, Dieberei, und der Argwohn, daß seine nächtliche Abwesenheit vom Hause, für welche er einen so seltsamen Vorwand angegeben hatte, möchte in irgend einem unrechtmäßigen Beginnen seinen Grund haben, bedrängten ihr Gehirn, so daß sie sich scheute, ihn zu fragen. Sie rückte händeringend auf dem Stuhle hin und her und weinte bitterlich; Kit jedoch machte keinen Versuch, sie zu trösten, und blieb ganz verwirrt. Der Kleine in der Wiege wachte auf und weinte, der Knabe in dem Wäschekorb purzelte rückwärts heraus, und der Korb fiel über ihn, so daß nichts mehr von ihm gesehen wurde, die Mutter weinte laut und rutschte noch schneller hin und her, aber der Lärm und Tumult machte auf Kit durchaus keinen Eindruck; er verharrte in einem Zustande vollkommener Betäubung.


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