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Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Erster Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150121
modified20180917
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Der Raritätenladen.

Neuntes Kapitel

Das Kind hatte in seiner Offenheit gegen Frau Quilp nur mit schwachen Farben das Trübe und Sorgenvolle seiner Gedanken, oder die schwere Wolke geschildert, welche über seiner Heimath hing und ihre düsteren Schatten auf deren Heerd warf. Außerdem war es sehr schwierig, einer Person, die nicht ganz genau mit seiner Lebensweise bekannt war, einen entsprechenden Begriff von seiner trübseligen Einsamkeit beizubringen, um so mehr, da eine beständige Furcht den Mann, welchen sie so zärtlich liebte, bloßzustellen oder zu kränken, der Kleinen selbst mitten in dem Ergusse ihres überströmenden Herzens einen gewissen Zwang auferlegte und sie jede Anspielung auf die Hauptursache ihrer Beängstigung und Betrübniß vermeiden ließ.

In der That waren es auch nicht die gleichförmigen Tage ohne Wechsel und ohne alle erheiternde Gesellschaft, nicht die trüben, traurigen Abende, oder die einsamen, langen Nächte, nicht der Mangel an allen jenen kleinen und unschuldigen Freuden, bei denen kindliche Herzen schneller schlagen, nicht der Umstand, daß sie nichts von ihrer Kindheit kannte, als die Schwäche und die Empfindlichkeit desselben – was Nell solche Thränen entrang. Den alten Mann zu sehen, der unter dem Drucke eines geheimen Kummers fast erlag, Zeuge zu sein von seinem schwankenden und unstäten Zustande, bisweilen von der schrecklichsten Furcht beängstigt zu werden, daß es mit seinem Verstande nicht richtig sei, und in seinen Worten und Blicken den Dämmerschein eines trostlosen Wahnsinns erkennen zu müssen; Tag für Tag zu wachen, zu harren und zu lauschen auf eine Bestätigung dieser Dinge, und zu wissen und zu fühlen, daß sie, was auch kommen mochte, allein, ohne Hülfe, ohne Rath, ohne Theilnahme in der Welt wäre – dieß waren Gründe genug zu Kummer und Gedrücktheit, um auch auf einer älteren Brust, der vielleicht noch obendrein viele Quellen der Erheiterung zu Gebot standen, schwer zu lasten; welchen Druck mußten sie aber auf die Seele eines jungen Kindes üben, dem sie immer gegenwärtig waren, und das nur eine solche Umgebung kannte, welche die Gedanken daran in rastloser Thätigkeit erhielt!

Und doch kam Nell dem alten Manne immer als dieselbe vor. Wenn er seinen Geist nur einen Augenblick von dem Gespenste loswinden konnte, das fortwährend in ihm hauste und brütete, so stand seine junge Gefährtin mit demselben Lächeln, denselben ernsten Worten, derselben Heiterkeit, derselben Liebe und Sorgfalt vor ihm, welche, tief in seiner Seele Wurzel fassend, sein ganzes Leben über ihm gegenwärtig zu sein schienen. Und so lebte er dahin, zufrieden, in dem Buche ihres Herzens von der Seite an zu lesen, die ihm zuerst aufgeschlagen worden, ohne eine Ahnung zu haben, was die andern Blätter enthalten mochten, und stets sich selbst beredend, daß wenigstens das Kind glücklich sei.

Sie war es einst gewesen. Sie war singend durch die düstern Zimmer gegangen, mit heiterem und leichtem Schritte hatte sie sich unter den staubigen Schätzen derselben bewegt, sie älter gemacht durch ihr junges Leben, und ernstlicher und grämlicher durch ihre leichtherzige und frohsinnige Gegenwart. Aber jetzt waren die Gemächer kalt und schwermüthig, und wenn sie ihr eigenes kleines Stübchen verließ, um die schleppenden Stunden zu – ertöten, wenn sie sich dann in einem derselben niedersetzte, so blieb sie da, still und regungslos, wie ihre seelenlosen Bewohner, und hatte nicht den Muth, das von langem Schweigen heisere Echo mit ihrer Stimme zu wecken.

In einem dieser Gemächer befand sich ein Fenster nach der Straße hinaus, wo man das Kind manchen langen Abend und oft bis tief in die Nacht hinein allein und gedankenvoll sitzen sehen konnte. Man ist nie so ängstlich, als wenn man wacht und harrt, und zu solchen Stunden bedrängten oft Schaaren trauriger Bilder ihren Geist.

Sie pflegte, sobald es dunkel wurde, dort ihre Stellung zu nehmen und die Leute zu beobachten, wie sie die Straße auf- und niedergingen, oder an den Fenstern der gegenüber liegenden Häuser erschienen; dann hätte sie wohl wissen mögen, ob jene Zimmer auch so einsam wären, als das ihrige, und ob die Leute daselbst auch ein Geschäft darin fänden, sie hier sitzen zu sehen, wie es bei ihr der Fall war, wenn sie nur Jemanden den Kopf heraus- und wieder hineinstecken sah. Auf einem der Dächer befand sich eine ungleichförmige Reihe von Schornsteinen, die ihr bei dem oftmaligen Hinsehen wie garstige Gesichter vorkamen, welche finster nach ihr herblickten und das Gemach zu durchspähen suchten; es war ihr dann lieb, wenn es zu dunkel wurde, um sie unterscheiden zu können, obgleich ihr zugleich auf die Ankunft des Mannes bange war, der die Straßenlampen anzündete, weil es nun außen so spät und in ihrem Zimmer so gar langweilig aussah. Sie konnte dann ihren Kopf zurückziehen, um im Zimmer umherzublicken und sich zu überzeugen, daß Alles an seinem Orte stand und nichts sich bewegt hatte; und wenn sie wieder nach der Straße hinunterschaute, sah sie vielleicht einen Mann mit einem Sarg auf dem Rücken vorbeigehen und etliche Andere ihm schweigend nach einem Hause folgen, wo irgend ein Todter lag. Dieß machte sie schaudern und erregte in ihr Gedanken an ähnliche Dinge, bis ihr auf's Neue das veränderte Gesicht und Wesen des alten Mannes, nebst einer anderen Reihe von Sorgen und Befürchtungen vor die Seele traten. Wenn er stürbe – wenn er von einer plötzlichen Krankheit befallen würde und lebend nie wieder nach Hause kehrte – wenn er einmal des Nachts heim käme und sie wie gewöhnlich küßte und segnete, und sie in's Bett ginge, einschliefe und vielleicht von etwas Angenehmem träumte und in ihrem Schlummer lächelte – wenn er sich dann selbst tödtete, und sein Blut ränne und ränne auf dem Boden fort bis zu der Thüre ihres Kämmerchens! – Diese Gedanken waren zu schrecklich, um dabei zu verweilen, und wieder nahm sie dann ihre Zuflucht zu der Straße, die jetzt weit leerer, dunkler und stiller war, als zuvor. Die Läden wurden bald geschlossen, und die Lichter begannen aus den oberen Fenstern zu blinken, da die Nachbarn jetzt zu Bette gingen. Allmälig wurden auch diese matter und verschwanden, oder machten hie und da einem trüben Nachtlichte Platz, welches die ganze Nacht durch brennen sollte. Nur ein Laden, in nicht großer Entfernung, gehörte noch zu den Spätlingen und goß seinen röthlichen Schein über das Pflaster; es sah dort hell und gesellig aus. Aber nach einer kurzen Weile wurde auch dieser geschlossen; das Licht erlosch, und Alles war düster und ruhig, mit Ausnahme einzelner Fußtritte, die auf dem Pflaster schallten, oder eines Nachbars, der später als gewöhnlich zurückkam und kräftig an seine Hausthüre pochte, um die schlafenden Insassen zu wecken.

Wenn die Nacht so weit vorgerückt war – in der letzten Zeit geschah es selten früher – schloß das Kind das Fenster, stahl sich leise die Treppe hinab und machte sich unterwegs Gedanken, wie sie erschrecken würde, wenn eines jener häßlichen Gesichte, welche sich so oft in ihre Träume mischten, ihr begegnen und sich ihr durch irgend ein seltsames, von ihnen ausstrahlendes Licht sichtbar machen würden. Aber diese Furcht verschwand vor einem hellen Lampenlichte und dem wohlbekannten Anblick ihres eigenen Kämmerleins. Nachdem sie glühend und unter vielen Thränengüssen für den alten Mann, für die Wiederherstellung seiner Seelenruhe und für die Wiederkehr des Glückes, dessen sie sich früher erfreut, gebetet hatte, legte sie ihr Haupt auf das Kissen und schluchzte sich in den Schlaf, fuhr aber oft noch vor Tagesanbruch auf, um auf die Klingel zu hören und das geträumte Pochen zu beantworten, welches ihren Schlummer gestört hatte.

In einer Nacht, der dritten nach Nelly's Besuch bei Frau Quilp, sagte der alte Mann, der sich den ganzen Tag schwach und unwohl gefühlt hatte, er werde heute nicht ausgehen. Die Augen des Kindes funkelten bei dieser Nachricht, aber ihre Freude wich schnell wieder, als sie sein krankes und kummergebeugtes Gesicht betrachtete.

»Zwei Tage,« sagte er, »zwei ganze volle Tage sind vergangen, und noch ist keine Antwort da. Was hat er dir gesagt, Nell?«

»Genau das, was ich Ihnen schon mitgetheilt habe, lieber Großvater; gewiß nichts weiter.«

»Richtig,« versetzte der alte Mann mit matter Stimme. »Ja. Aber sage es mir noch einmal. Mein Verstand verwirrt sich. Was sagte er dir? Weiter nichts, als daß er mich morgen oder übermorgen besuchen wolle? Das stand in seinem Billet?«

»Weiter nichts,« sagte das Kind. »Soll ich morgen wieder hingehen, lieber Großvater? Sehr früh? Ich werde vor dem Frühstück dort und wieder zurück sein.«

Der alte Mann schüttelte den Kopf, seufzte kläglich und zog sie an sich.

»Es wird von keinem Nutzen sein, meine Liebe; von keinem zeitlichen Nutzen. Wenn er mich aber in diesem Augenblick verläßt, Nell – wenn er mich jetzt verläßt, wo ich, mit seinem Beistande, belohnt werden soll für all' die Zeit und das Geld, das ich verloren, und für all' die Seelenqual, deren Centnergewicht mich zu einem Schatten gemacht hat – dann bin ich zu Grunde gerichtet, und was noch schlimmer, weit schlimmer als dieß ist – ich habe auch dich zu Grunde gerichtet, für die ich Alles auf's Spiel setzte. Wenn wir Bettler sind –!«

»Was ist es dann, wenn wir es sind?« sagte das Kind kühn. »Mögen wir auch Bettler sein, wenn wir nur glücklich sind.«

»Bettler – und glücklich!« entgegnete der alte Mann. »Armes Kind!«

»Lieber Großvater!« rief das Mädchen mit einem Feuer, das in ihrem glühenden Gesichte, ihrer zitternden Stimme und in ihrer Geberde wiederstrahlte, »ich bin, glaube ich, hierin kein Kind; aber selbst wenn ich es bin – ach, lassen Sie sich erflehen, wir wollen lieber betteln, lieber auf offener Straße oder auf freiem Felde arbeiten, um einen spärlichen Lebensunterhalt zu verdienen, als so wie bisher fortleben.«

»Nelly!« sagte der alte Mann.

»Ja, ja, es ist viel besser, als ein Leben wie jetzt das unsrige,« wiederholte das Kind noch ernster als zuvor. »Wenn Sie Kummer drückt, so lassen Sie mich den Grund wissen und ich will ihn tragen helfen. Wenn Sie dahinschwinden und jeden Tag blässer und schwächer werden, so will ich Ihre Pflegerin sein und es versuchen, Sie zu trösten. Wenn Sie arm sind, so wollen wir mit einander arm sein; aber lassen Sie mich bei Ihnen bleiben – lassen Sie mich bei Ihnen bleiben, denn wenn ich einen solchen Wechsel mit ansehen muß, ohne zu wissen, warum, so bricht mir das Herz und ich sterbe. Lieber Großvater, wir wollen diesen traurigen Ort morgen verlassen und uns von Thüre zu Thüre weiter betteln.«

Der alte Mann bedeckte das Gesicht mit seinen Händen und verbarg es in den Kissen des Ruhebettes, auf welchem er lag.

»Mögen wir immerhin Bettler sein!« sagte das Kind, indem es den Arm um seinen Nacken schlang. »Ich habe keine Furcht, daß wir nicht genug haben werden, um zu leben; denn gewiß, das wird nicht der Fall sein. Wir wollen auf's Land gehen, im freien Felde und unter Bäumen schlafen, und nie wieder an Geld oder sonst Etwas denken, was Sie traurig machen kann, sondern Nachts die Ruhe genießen, Tags die Sonne und die freie Luft im Gesichte haben und Gott gemeinschaftlich dafür danken. Wir wollen nie mehr einen Fuß in dunkle Gemächer und melancholische Häuser setzen, sondern auf- und abwandern, wo immer es uns gefällt, und wenn Sie müde sind, so wählen Sie den angenehmsten Ort, den wir finden können, zur Ruhe aus, während ich hingehe, um für uns Beide zu betteln.«

Die Stimme des Kindes verlor sich wie ein Schluchzen, während sie das Haupt auf den Nacken des alten Mannes niedersinken ließ – aber sie weinte nicht allein. Dieß waren keine Worte für andere Ohren, und eben so wenig war es ein Schauspiel für andere Augen. Und doch waren andere Augen und Ohren zugegen, welche gierig Alles, was vorging, einsogen, und was noch mehr als Alles war – diese Ohren und Augen gehörten keiner geringeren Person, als Herrn Daniel Quilp an, der in dem Augenblicke, als das Kind zum ersten Mal an die Seite des alten Mannes getreten, unbemerkt in's Zimmer gekommen war und sich – ohne Zweifel aus Beweggründen der reinsten Delikatesse – klüglich enthalten hatte, das Gespräch zu unterbrechen, indem er nur mit seinem gewohnten Grinsen den Zuschauer spielte. Da jedoch das Stehen eine beschwerliche Haltung für einen bereits vom Gehen ermüdeten Menschen ist, und außerdem der Zwerg zu jenem Leuteschlag gehörte, der sich allenthalben gleich zu Hause findet, so erfaßte sein Auge bald einen Stuhl, auf den er mit ungemeiner Behendigkeit hüpfte, dabei sich der Lehne als des Sitzes und des Polsters als eines Schemels bedienend, und setzte sich auf diese Weise in den Stand, mit desto größerer Bequemlichkeit zuhören und zusehen zu können – eine Lage, welche zu gleicher Zeit seinem Geschmacke entsprach, etwas Phantastisches und Affenartiges zu treiben, den er bei allen thunlichen Gelegenheiten in Anwendung brachte. Da saß er also, das eine Bein nachlässig über das andere geschlagen, das Kinn auf die Fläche seiner Hand gestützt, den Kopf ein wenig zur Seite gedreht und die häßlichen Züge zu einer lieblichen Fratze verzerrt. Und diese Stellung war es, in welcher ihn endlich der alte Mann zu seinem unbegrenzten Erstaunen erblickte, als im Verlaufe des Gespräches seine Blicke die Richtung nach dieser Seite einschlugen.

Die Kleine stieß einen unterdrückten Schreckensruf aus, als sie die liebenswürdige Gestalt erblickte. In ihrer ersten Ueberraschung wußten weder sie noch der alte Mann, was sie sagen sollten, und halb die Wirklichkeit dieser Erscheinung bezweifelnd, sahen sie mit beklommenen Herzen nach ihr auf. Nicht im Mindesten durch diese Aufnahme in Verlegenheit gesetzt, behielt Daniel Quilp diese Haltung bei, indem er dem Paare nur zwei- oder dreimal herablassend zunickte. Endlich sprach der alte Mann seinen Namen aus und fragte ihn, wie er hierher komme.

»Durch die Thüre,« sagte Quilp, indem er mit dem Daumen über seine Schulter deutete. Ich bin nicht ganz so klein, um durch Schlüssellöcher kriechen zu können, obgleich ich wollte, daß ich es wäre. Ich habe etwas Besonderes mit Ihnen zu sprechen – und zwar im Geheim, es darf Niemand anwesend sein, Nachbar. Gott befohlen, kleine Nelly.«

Nelly sah den alten Mann an, welcher ihr winkte, sich zu entfernen, und sie auf die Wange küßte.

»Ah!« sagte der Zwerg, mit den Lippen schmatzend, »was das für ein prächtiger Kuß war – gerade auf die rosige Stelle. Welch' ein kapitaler Kuß!«

Diese Bemerkung trug keineswegs dazu bei, Nelly's Entfernung zu verzögern. Quilp sah ihr mit einem bewundernden Schielen nach, und als sie die Thüre geschlossen hatte, begann er, dem alten Manne wegen ihre Reize Complimente zu machen.

»So eine frische, erblühende, bescheidene, kleine Knospe, Nachbar,« fuhr Quilp fort, sein kleines Bein streichelnd und bedeutend mit dem Augen blinzelnd; »so eine kuppelige, rosige, kosige, kleine Nell!«

Der alte Mann antwortete mit einem erzwungenen Lächeln und kämpfte augenscheinlich mit einem Gefühl der peinlichsten Ungeduld. Dieß kam Quilp sehr gelegen, da er eine Lust darin fand, ihn, oder überhaupt Jeden, den er konnte, zu quälen.

»Sie ist« – fuhr Quilp langsam fort, indem er that, als sei er von dem Gegenstand ganz hingenommen – »sie ist so klein, so fest gebaut, so schön modellirt, so hübsch, hat so zarte blaue Adern, eine so durchscheinende Haut, so kleine Füße und so gewinnende Manieren; – aber Gott helfe mir – Sie sind nervenschwach. Ei, Nachbar, was gibt's? Ich schwöre Ihnen,« fügte der Zwerg bei, indem er mit einer langsamen Sorgfalt, welche sehr verschieden von der Raschheit war, womit er früher ungehört hinangeklettert war, von dem Stuhle herunterstieg und sich wie andere Leute darauf niedersetzte, »ich schwöre Ihnen, daß ich nie gedacht hätte, altes Blut könne noch so schnell fließen und so heiß sein. Ich meinte, es sei träge in seinem Lauf und kühl, ganz kühl. Gewiß sollte es auch so sein. Das Ihrige kann sich nicht in der gehörigen Ordnung befinden.«

»Ich glaube das selbst auch,« stöhnte der alte Mann, die Hände an seinen Kopf legend. »Es brennt hier ein Fieber, und bisweilen auch etwas, dem ich keinen Namen zu geben wage.«

Der Zwerg sprach kein Wort, sondern beobachtete den Alten, wie er eine Weile im Zimmer auf und ab ging und dann wieder zu seinem Sitze zurückkehrte. Hier blieb er, den Kopf auf die Brust niedergebeugt, bis er ihn endlich wieder erhob und die Frage stellte:

»Noch einmal, und ein- für allemal – haben Sie mir Geld gebracht?«

»Nein,« antwortete Quilp.

»Dann,« rief der alte Mann, indem er verzweifelnd die Hände rang und gen Himmel blickte, »dann sind wir Beide, das Kind und ich, verloren!«

»Nachbar,« sagte Quilp, indem er ihm einen strengen Blick zuwarf und zwei oder drei Mal mit der Hand auf den Tisch schlug, um dessen unstäte Gedanken auf sich zu ziehen, »wir wollen offen mit einander reden und ein ehrlicheres Spiel mit einander spielen, als zur Zeit, wo Sie alle Karten hatten und ich nichts als die Rückseite davon sehen konnte. Sie haben jetzt kein Geheimniß mehr vor mir.«

Der alte Mann sah zitternd auf.

»Das nimmt Sie Wunder?« fuhr Quilp fort. »Nun, ich sollte das begreiflich finden. Ich sage Ihnen noch einmal. Sie haben jetzt kein Geheimniß mehr vor mir – nein, nicht eins. Ich weiß nun, daß alle jene Geldsummen, alle jene Anlehen, Vorschüsse und Unterstützungen, welche Sie von mir erhalten haben, ihren Weg zum – soll ich das Wort nennen?«

»Sei's drum!« rief der alte Mann; »sagen Sie es, wenn Sie wollen.«

»Zum Spieltische eingeschlagen haben,« ergänzte Quilp. »Das war Ihr nächtliches Treiben; das was Ihr kostbarer Plan, sich zu bereichern; das war die geheime zuverlässige Quelle, aus denen Schätze fließen sollten, und die mein Gold verschlungen haben würden, wenn ich der Narr gewesen wäre, für den Sie mich hielten. So sah es also mit Ihrer unerschöpflichen Goldmine – mit Ihrem Eldorado aus, hä?«

»Ja,« rief der alte Mann, sich mit funkelnden Augen gegen ihn wendend; »das war es, das ist es und wird es bleiben, bis ich sterbe!«

»Daß ich mich auch so verblenden lassen konnte« – sagte Quilp, ihm einen Blick der Verachtung zuwerfend – »von einem bloßen, schwachköpfigen Spieler!«

»Ich bin kein Spieler,« entgegnete der alte Mann ungestüm. »Ich rufe den Himmel zum Zeugen an, daß ich nie um eigenen Gewinnes oder um der Liebe zum Spiele willen spielte, und daß ich mir bei jedem Einsatz den Namen jener Waise zuflüsterte und den Himmel anrief, das Wagniß zu segnen, was er aber niemals that. Was für Leute hat er begünstigt? Wer waren die, mit welchen ich spielte? Menschen, welche von Raub, Verworfenheit und Schwelgerei lebten, die ihr Gold in schlimmen Thaten und in Verbreitung des Lasters und der Sünde vergeudeten! Ihnen hätte ich abgewonnen, und der Gewinn wäre bis auf den letzten Heller einem jungen, engelreinen Kind zugeflossen, dessen Leben er versüßt und glücklich gemacht haben würde. Was konnte er ihnen bringen? Weiter nichts, als die Mittel zur Verworfenheit, Niederträchtigkeit und Elend. Wer hätte in einer solchen Sache nicht hoffen sollen? Sagen Sie mir, wer würde da nicht wie ich gehofft haben?«

»Wann haben Sie zuerst diese tolle Laufbahn begonnen?« fragte Quilp, dessen Hang zum Hohn für einen Augenblick durch den Kummer und das Ungestüm des alten Mannes zum Schweigen gebracht wurde.

»Wann ich zuerst begann?« versetzte er, mit der Hand über die Stirne fahrend. »Wann war es doch? Hätte es wohl zu einer andern Zeit geschehen können, als wo ich zu denken begann, wie wenig ich erspart hatte, wie lange es anstehen müßte, bis ich überhaupt nur etwas ersparte, wie kurz mir meine Tage noch zugemessen wären, und wie ich sie der unfreundlichen Gnade der Welt überlassen müßte, ohne in einem hinreichenden Besitz zu sein, um die Sorgen, welche der Armuth harren, von ihr fern zu halten. Damals begann ich, daran zu denken.«

»Nachdem Sie also zum ersten Male zu mir kamen, um Ihren köstlichen Enkel auf die See packen zu lassen?« sagte Quilp.

»Kurz nachher,« entgegnete der alte Mann. »Ich trug mich lange Zeit damit, und Monate lang war es der allnächtliche Gegenstand meiner Träume. Dann erst fing ich an. Ich fand kein Vergnügen daran und erwartete auch keines. Was hat es mir je anders gebracht, als sorgenvolle Tage, schlaflose Nächte, den Verlust der Gesundheit und des Seelenfriedens, und den Gewinn von Gebrechlichkeit und Kummer!«

»Sie verloren zuerst Ihr erspartes Geld und dann kamen Sie zu mir. Während ich glaubte, Sie machten Ihr Glück (wie Sie mir weis machten), machten Sie sich zum Bettler – hä? Ei du mein Himmel! Und so kömmt es, daß ich jede Sicherheit, die Sie zusammenbringen können, in Händen habe, nebst einer Verschreibung auf den Verkauf – des ganzen Waarenlagers und Eigenthums,« sagte Quilp, indem er aufstand und um sich schaute, als wolle er sich überzeugen, daß nichts weggekommen sei. »Aber haben Sie nie gewonnen?«

»Nie!« stöhnte der alte Mann. »Nie auch meinen Verlust zurückgewonnen!«

»Ich meinte,« höhnte der Zwerg, »wenn man lange genug spiele, so müsse man endlich sicher gewinnen, oder im schlimmsten Fall ohne Verlust davon kommen.«

»So ist es auch,« rief der alte Mann, sich plötzlich aus seinem Zustand von Verzweiflung aufraffend und in die ungestümste Aufregung übergehend, »so ist es auch«. Ich habe das von Anfang an gefühlt, ich wußte es immer, ich habe es mit angesehen, und nie fühlte ich mich auch nur halb so stark, als in dem gegenwärtigen Augenblicke. Quilp, es hat mir drei Nächte von dem Gewinn der nämlichen großen Summe geträumt. Ich konnte vorher nie so träumen, obgleich ich es oft versuchte. Verlassen Sie mich jetzt nicht, da mir dieses Glück in Aussicht steht. Ich kann zu Niemand Anders meine Zuflucht nehmen; helfen Sie mir mit etwas aus, lassen Sie mich diese einzige, letzte Hoffnung versuchen!«

Der Zwerg zuckte seine Achseln und schüttelte den Kopf.

»Quilp, guter, edelmüthiger Quilp,« fuhr der Alte fort, indem er mit zitternden Händen einige Papierstreifen aus der Tasche zog und den Arm des Zwerges faßte. »Sehen Sie einmal her, betrachten Sie diese Ziffern, das Resultat langer Berechnung und einer schweren, schmerzlichen Erfahrung. Ich muß gewinnen; ich bedarf nur einmal noch einer kleinen Unterstützung – weniger Pfunde – nur vierzig Pfund, lieber Quilp.«

»Der letzte Vorschuß betrug siebenzig,« erwiederte der Zwerg, »und diese gingen in einer Nacht darauf.«

»Ich weiß es,« versetzte der alte Mann; »aber damals hatte ich das allerschlechteste Glück und die Zeit war noch nicht gekommen. Quilp, bedenken Sie, bedenken Sie doch,« rief der alte Mann mit einem Zittern, daß die Papiere in seiner Hand rauschten, als würden sie vom Winde hin- und her gejagt – »jenes verwaiste Kind. Wenn ich allein wäre, so wollte ich mit Freuden sterben – vielleicht würde ich sogar einer Bestimmung vorgreifen, die so ungleich vertheilt ist, indem sie den Stolzen und Glücklichen in der Fülle seiner Kraft ereilt und den Bedürftigen, den Elenden und Jeden, der in seiner Verzweiflung um sie wirbt, vermeidet. Aber was ich gethan habe, ist für sie geschehen. Helfen Sie mir, ich beschwöre Sie, um ihretwillen – nicht um meiner, blos um ihretwillen!«

»Ich bedaure, daß ich in der Stadt ein Geschäft habe,« sagte Quilp, mit vollkommener Ruhe auf seine Uhr sehend, »sonst würde es mich sehr gefreut haben, noch eine halbe Stunde bei Ihnen zu verweilen, bis Sie ruhiger geworden wären – gewiß sehr gefreut.«

»Nein, Quilp, guter Quilp,« keuchte der alte Mann, indem er den Zwerg an den Rockschößen faßte, »wir haben mehr als einmal mit einander die Geschichte Ihrer armen Mutter besprochen. Die Furcht vor ihrer Verarmung ist vielleicht dadurch in mir geweckt worden. Behandeln Sie mich nicht so hart und nehmen Sie noch das mit in Rechnung. Sie haben viel an mir gewonnen. Oh, leihen Sie mir das Geld für diese einzige, letzte Hoffnung!«

»Ich könnte es in der That nicht thun,« entgegnete Quilp mit ungewöhnlicher Höflichkeit; »doch will ich Ihnen was sagen – und das ist ein Umstand, den man sich wohl merken darf, da er zeigt, wie auch der Scharfsichtigste bisweilen irren kann – ich ließ mich durch die ärmliche Lebensweise täuschen, die Sie – allein mit Nelly – führten.«

»Alles dieß geschah, um Geld zu ersparen und das Glück versuchen zu können, damit ihr Triumph nachher um so größer sei,« rief der alte Mann.

»Ja, ja, ich begreife das jetzt wohl,« sagte Quilp; »ich wollte jedoch sagen, daß ich mich täuschen ließ durch Ihre filzige Lebensweise, durch den Ruf, dessen Sie unter Solchen genossen, welche Sie als reich kannten, und durch Ihre wiederholten Versicherungen, Sie könnten aus meinen Vorschüssen das mir bezahlte Interesse drei- und vierfach ziehen; ja, ich würde Ihnen sogar jetzt noch das, was Sie brauchten, auf Ihre einfache Handschrift hin, vorgeschossen haben, obgleich ich Grund hatte, die Sache für nicht ganz geheuer zu halten, wenn ich nicht ganz unerwartet mit Ihrer geheimen Lebensweise bekannt geworden wäre.«

»Wer ist es,« erwiederte der alte Mann, »der Ihnen, ungeachtet aller meiner Vorsicht, dieß sagte. Nennen Sie mir den Namen – die Person.«

Der schlaue Zwerg überlegte, daß das Verrathen des Kindes zu einer Enthüllung des Kunstgriffes, den er angewendet hatte, führen dürfte, und da nichts dabei zu gewinnen war, so hielt er es für gut, ihn geheim zu halten. Er zögerte deßhalb eine Weile und sagte:

»Nun, wer glauben Sie wohl?«

»Es war Kit – es muß der Junge gewesen sein. Er machte den Spion und Sie spielten mit ihm unter der Decke,« entgegnete der alte Mann.

»Wie konnten Sie doch gleich auf ihn verfallen?« versetzte der Zwerg im Tone des Mitleids, »ja, es war Kit, der arme Kit!«

Nach diesen Worten nickte er freundlich mit dem Kopf und verabschiedete sich; sobald er aber die Hausthür ein wenig hinter sich hatte, blieb er stehen und grinste mit außerordentlichem Vergnügen.

»Der arme Kit!« murmelte Quilp. »Ich glaube, es war Kit, welcher sagte, ich sei ein häßlicherer Zwerg, als man irgendwo für einen Penny einen sehen könne – ha, ha, ha! der arme Kit!«

Und dann ging er seines Weges, noch immer still vor sich hin kichernd.


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