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Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Erster Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.net
created20150221
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Der Raritätenladen. Sechstes Kapitel

Die kleine Nell stand schüchtern bei Seite und erhob die Augen zu dem Gesichte des Herrn Quilp, als er den Brief durchlas; ihre Blicke zeigten übrigens deutlich, daß sie eine große Neigung verspürte, über das ungeschlachte Aeußere und die groteske Haltung des kleinen Mannes zu lachen, obgleich sie ihm nicht traute und sich vor ihm fürchtete. Demungeachtet ließ sich aber auch an dem Kinde ein peinliches Bangen wegen einer Antwort bemerken, von welcher sie zu wissen schien, daß sie ungünstig oder betrübend ausfallen könne. Natürlich standen diese Gefühle in einem strengen Widerstreit mit dem ursprünglichen Eindrucke, den der Gnom auf sie gemacht hatte, und zügelten denselben weit wirksamer, als es ihr wohl aus eigenen Kräften möglich gewesen wäre.

Herrn Quilp's Verwirrung – und zwar eine Verwirrung in nicht geringem Grade – als Folge des Briefinhaltes, war augenfällig. Noch ehe er über die zwei oder drei ersten Zeilen weggekommen war, begann er die Augen weit aufzureißen und die Stirne in schreckliche Falten zu legen, die zunächst folgenden paar Linien veranlaßten ihn, sich auf eine ungemein häßliche Weise den Kopf zu kratzen, und als er bei dem Schlusse anlangte, bekundete er sein Erstaunen und seinen Unwillen durch ein langes, unheimliches Pfeifen. Nachdem er das Papier gefaltet und neben sich niedergelegt hatte, nagte er mit ungemeiner Gefräßigkeit an den Nägeln seiner zehn Finger; dann nahm er es hastig wieder auf und las es noch einmal. Die Wiederholung war allem Anscheine nach eben so unbefriedigend, als die erste Einsichtnahme, und versetzte ihn in ein tiefes Träumen, aus dem er nur zu einem neuen Angriff auf seine Nägel und zu einem langen Glotzen auf das Kind erwachte, welches mit zur Erde gesenkten Blicken seines Gegenauftrages harrte.

»Holla da,« rief er endlich mit einer Stimme und so plötzlich, daß das Kind zusammenfuhr, als ob ein Gewehr neben seinem Ohre abgefeuert worden wäre. »Nelly!«

»Ja, Sir.«

»Weißt du, was in diesem Briefe steht, Nell?«

»Nein, Sir!«

»Ist's auch gewiß, ganz gewiß, ganz sicher, bei deiner Seele?«

»Ganz gewiß, Sir.«

»Kannst du sagen, ich will auf der Stelle sterben, wenn ich es weiß – wie?« sagte der Zwerg.

»In der That, ich weiß es nicht,« versetzte das Kind.

»Gut!« murmelte Quilp, als er ihren ernsten Blick bemerkte. »Ich glaube dir's. Hum! bereits fort? In vierundzwanzig Stunden fort? Was zum Teufel hat er denn damit angefangen? Dahinter steckt ein Geheimniß!«

Diese Betrachtung veranlaßte ein neues Kratzen im Kopf und ein abermaliges Beißen an den Nägeln. Während er übrigens so beschäftigt war, milderten sich seine Züge allmählig zu dem, was bei ihm ein heiteres Lächeln war, bei jedem Andern aber ein gräßliches Schmerzensgrinsen hätte genannt werden können; und als die Kleine wieder aufblickte, bemerkte sie, daß er sie mit außerordentlicher Gunst und großem Wohlgefallen betrachtete.

»Du siehst heute recht hübsch aus, Nelly – bezaubernd hübsch. Bist du müde, Nelly?«

»Nein, Sir. Ich möchte nur bald wieder nach Hause, denn er wird bekümmert sein, so lange ich fort bin.«

»Es hat keine Eile, kleine Nelly, im Geringsten keine Eile,« sagte Quilp. »Wie würde es dir gefallen, wenn du meine Nummer Zwei wärest, Nelly?«

»Wenn ich was wäre, Sir?«

»Meine Nummer Zwei, meine Zweite; meine Frau Quilp,« versetzte der Zwerg.

Das Kind sah ängstlich umher, schien ihn aber nicht zu verstehen, worauf Herr Quilp, als er dieß wahrnahm, sich beeilte, seine Meinung deutlicher auszudrücken.

»Ob du nämlich Frau Quilp, die Zweite, sein möchtest, wenn Frau Quilp, die Erste, todt ist, süße Nell,« sagte Quilp, mit den Augen blinzelnd und das Mädchen mit gekrümmten Zeigefingern an sich lockend, »meine Frau, mein kleines, kirschwangiges, rothlippiges Weibchen. Angenommen, daß Frau Quilp noch fünf Jahre lebt, oder noch vier, so wirst du im Alter gerade recht für mich sein. Ha! ha! Sei nur ein gutes Mädchen, Nelly – ein recht gutes Mädchen, und du wirst sehen, ob du es nicht eines Tages so weit bringst, Frau Quilp von Towerhill zu werden.

Statt indeß durch diese angenehme Aussicht gehoben und gereizt zu werden, bebte Nell im Gegentheil erschrocken vor ihm zurück und fing heftig an zu zittern. Herr Quilp aber – sei es, weil es für ihn ein Hochgenuß war, Jemandem Angst einzujagen, oder weil er sich darin gefiel, an den Tod von Frau Quilp, Nummer Eins, und an die Erhebung von Frau Quilp, Nummer Zwei, zu ihrem Titel und Posten zu denken, oder weil er beschlossen hatte, aus besonderen Gründen gerade jetzt angenehm und guter Laune zu sein – lachte nur und that, als ob er ihrer Unruhe gar nicht gewahr werde.

»Du mußt mit mir nach Towerhill gehen und die jetzige Frau Quilp besuchen, und zwar gleich,« sagte der Zwerg. »Sie hat dich sehr gerne, Nell, obgleich lange nicht so gerne, als ich dich habe. Du wirst nach meiner Wohnung gehen, Nell.«

»Ich muß aber in der That wieder heim,« entgegnete das Kind. »Er sagte mir, ich solle sogleich wieder nach Hause gehen, wenn ich die Antwort habe.«

»Die hast du aber nicht, »Nelly,« erwiederte der Zwerg, »und wirst sie nicht haben und kannst sie nicht haben, bis ich zu Hause gewesen bin. Du siehst also, daß du mit mir gehen mußt, wenn du deinen Auftrag gehörig ausrichten willst. Gib mir meinen Hut, meine Liebe, und wir können auf der Stelle aufbrechen.«

Nach diesen Worten wälzte sich Herr Quilp allmählig den Schreibtisch herunter, bis seine kurzen Beine den Boden berührten; dann trat er aus dem Comptoir auf den Kai hinaus, wo ihm zuerst der Knabe, welcher auf dem Kopfe gestanden hatte, und ein anderer junger Gentleman, ungefähr von der gleichen Größe in die Augen fielen, die in dichter Umarmung miteinander in dem Schmutze herumkugelten und sich in gegenseitiger Herzlichkeit tüchtige Püffe versetzten.

»Es ist Kit!« rief Nelly, indem sie ihre Hände zusammenschlug; »der arme Kit, welcher mich herbegleitete! Ach, ich bitte, Herr Quilp, wehren Sie ihnen doch.«

»Ich will ihnen wehren,« rief Quilp, schlüpfte in das kleine Comptoir zurück und kam mit einem tüchtigen Knittel wieder heraus; ich will ihnen wehren. Nun, meine Jungen, jetzt geht erst der Tanz an. Ich will's mit Euch Beiden aufnehmen; ja, mit Euch Beiden zumal!«

Mit dieser Herausforderung schwang der Zwerg seinen Knüttel, tanzte um die Kämpfenden herum, trat auf sie, hüpfte in einer Art wahnsinniger Wuth über sie weg und schlug ganz verzweifelt bald auf den einen, bald auf den andern los, wobei er immer auf ihre Köpfe zielte und so kräftige Hiebe austheilte, wie sie nur dieser leibhaftige kleine Wilde auszutheilen vermochte. Da sich die beiden kriegführenden Parteien auf keine so heiße Arbeit gefaßt gemacht hatten, so wurde ihr Muth plötzlich abgekühlt, denn sie sprangen auf ihre Beine und riefen um Pardon.

»Ich will Euch zu Brei zusammenschlagen, ihr Galgenstricke,« sagte Quilp, der sich vergeblich bemühte, einem derselben nahe zu kommen, um ihm noch einen Abschiedshieb versetzen zu können. »Ich will Euch zusammenwettern, bis ihr ausseht wie ein Kupferkessel; ich will Eure Gesichter bearbeiten, bis sich kein Profil mehr an Euch erkennen läßt – ja, das will ich.«

»Ich sage Euch, laßt Euren Prügel fallen, oder es geht Euch übel,« entgegnete ihm der Equilibrist, der immer um ihn herumdüsselte und die Gelegenheit erspähte, auf ihn einzufallen, »wollt Ihr Euren Prügel fallen lassen?«

»Komm nur ein Bischen näher und ich will ihn auf deinen Schädel fallen lassen, du Hund,« rief Quilp mit funkelnden Augen »ein wenig näher – noch näher.«

Der Junge lehnte jedoch diese Einladung ab, bis sein Herr weniger auf der Hut zu sein schien, worauf er heranstürzte, die Waffe erfaßte und sie Quilp's Händen zu entringen suchte. Der Letztere, welcher die Kraft eines Löwen besaß, konnte den Prügel mit Leichtigkeit so lange festhalten, bis der Junge seine äußerste Kraft daran versuchte; dann aber ließ er ihn plötzlich los, und der Knabe taumelte nun rückwärts, so daß er mit Macht auf den Kopf stürzte. Der Erfolg dieses Manövers kitzelte Herrn Quilp über alle Maßen, und er lachte und stampfte auf den Boden, als ob dieß ein köstlicher Spaß wäre.

»Schon gut,« sagte der Junge, indem er mit dem Kopfe nickte und denselben zu gleicher Zeit rieb; »gebt Acht, ob ich je wieder mit einem anbinde, wenn er sagt, Ihr wäret ein häßlicherer Zwerg als man je irgendwo einen für einen Penny sehen könne.«

»Du willst damit doch nicht sagen, daß ich es nicht sei, du Schlingel!« versetzte Quilp.

»Nein!« entgegnete der Knabe.

»Weßhalb fängst du dann auf meinem Kai Händel an, du Hallunke?« sagte Quilp.

»Weil er so sagte,« erwiederte der Junge, auf Kit deutend, »nicht weil Ihr's nicht seid.«

»Warum hat er auch gesagt,« rief Kit, »daß Miß Nelly häßlich sei, und daß sie und mein Herr Alles thun müßten, was sein Meister haben wolle? Warum hat er das gesagt?«

»Er sagte es, weil er ein Narr ist, und du sagtest so, weil du ein sehr weiser und gescheiter Junge bist – fast zu gescheit, um lange zu leben, wenn du nicht sehr auf dich Acht gibst, Kit,« versetzte Quilp mit großer Zuthulichkeit in seiner Miene, aber mit noch mehr stiller Bosheit um Mund und Augen. »Da sind sechs Pence für dich, Kit. Halte dich immer mit der Wahrheit. Zu allen Zeiten, Kit, halte es mit der Wahrheit. Schließ das Comptoir ab, du Wicht, und bring mir den Schlüssel.«

Der andere Junge, an den dieser Befehl gerichtet war, vollzog den Auftrag und wurde für sein ritterliches Benehmen im Interesse seines Meisters durch einen tüchtigen Nasenstüber mit dem Schlüssel belohnt, welcher ihm das Wasser in die Augen brachte. Dann stieg Herr Quilp mit dem Kinde und mit Kit in ein Boot, und der Knabe rächte sich dadurch, daß er während der ganzen Zeit der Ueberfahrt an dem äußersten Rande des Kais auf seinem Kopf tanzte.

Frau Quilp war allein zu Hause und hatte sich, die Rückkehr ihres Gebieters nicht so bald erwartend, eben einem erfrischenden Schlummer hingeben wollen, als der Schall seiner Fußtritte sie wieder aufstörte; sie hatte kaum Zeit, einiges Nähzeug zur Hand zu nehmen, als er bereits, von dem Kinde begleitet, in's Zimmer trat, während Kit in der Hausflur warten mußte.

»Hier ist Nelly Trent, liebe Frau Quilp,« begann ihr Gatte. »Ein Glas Wein, meine Liebe, und etwas Zwieback, denn sie hat weit gehen müssen. Sie wird dir Gesellschaft leisten, meine Seele, bis ich einen Brief geschrieben habe.«

Frau Quilp sah zitternd zu ihrem Gatten auf, um zu erfahren, was diese ungewöhnliche Höflichkeit zu bedeuten habe, und dem Winke, welchen er ihr ertheilte, gehorsam, folgte sie ihm in das nächste Gemach.

»Merke wohl auf, was ich dir sage,« flüsterte Quilp. »Sieh zu, ob du etwas von ihr über ihren Großvater herausbringen kannst – was sie treiben, wie sie leben, oder was er ihr sagt. Ich habe meine Gründe, es wo möglich zu ermitteln. Ihr Weiber sprecht freier untereinander, als ihr es gegen uns thut, und du hast eine so weiche und sanfte Manier an dir, durch welche sie sich wohl wird gewinnen lassen. Hörst du?«

»Ja, Quilp.«

»So geh! – Nun, was gibt's noch?«

»Lieber Quilp,« stotterte sein Weib, »ich habe das Kind gerne – wenn du es einrichten könntest, ohne daß ich sie täuschen muß – –«

Der Zwerg murmelte einen schrecklichen Fluch und blickte umher, als suche er irgend eine Waffe, um seinem ungehorsamen Weibe die verdiente Züchtigung angedeihen zu lassen. Das unterwürfige kleine Wesen bat ihn daher, nicht böse zu sein, und versprach ihm, zu thun, wie er befohlen hatte.

»Hörst du mich?« flüsterte Quilp, indem er sie in den Arm kniff. »Nage dich wie ein Wurm in ihre Geheimnisse ein; ich weiß, daß du es kannst. Vergiß nicht, daß ich zuhorche. Wenn du nicht scharf genug bist, werde ich mit der Thüre knarren, und wehe dir, wenn ich viel knarren muß. Geh!«

Frau Quilp entfernte sich befohlener Maßen, und ihr liebenswürdiger Gatte, der sich hinter der etwas geöffneten Thüre verbarg und sein Ohr an dieselbe legte, begann mit großer Aufmerksamkeit und Schlauheit zu horchen.

Die arme Frau Quilp dagegen überlegte, wie sie anfangen und welche Fragen sie stellen sollte; und erst, als die Thüre in sehr dringlicher Weise knarrte und sie ermahnte, ohne Weiteres an's Werk zu gehen, ließ sie ihre Stimme vernehmen.

»Du bist in der letzten Zeit recht oft bei Herrn Quilp ab- und zugegangen, meine Liebe.«

»Ich habe es auch schon hundertmal zu Großvater gesagt,« versetzte Nell unschuldig.

»Und was sagte er darauf?«

»Er seufzte nur, ließ den Kopf sinken, und schien so traurig und betrübt, daß Sie gewiß hätten weinen müssen, wenn Sie's mit angesehen haben würden; gewiß, Sie hätten sich dessen eben so wenig entbrechen können, als ich. Wie aber diese Thüre knarrt!«

»Sie knarrt oft so,« entgegnete Frau Quilp mit einem unruhigen Blicke nach derselben. »Aber dein Großvater – er war doch sonst nicht so gedrückt?«

»O, nein!« sagte das Kind hastig. »Es war sonst ganz anders. Wir waren früher so glücklich und er so heiter und zufrieden. Sie können sich keinen Begriff machen, welch' eine traurige Veränderung seitdem mit uns vorgegangen ist.«

»Es thut mir leid, sehr leid, dich so sprechen zu hören, meine Liebe,« sagte Frau Quilp. Und sie sprach die Wahrheit.

»Ich danke Ihnen,« erwiederte das Kind, indem es ihre Wange küßte; »Sie sind immer so freundlich gegen mich, und es ist eine Freude mit Ihnen zu reden. Ich kann mit Niemand von ihm sprechen, als mit dem armen Kit. Zwar bin ich immer noch sehr glücklich, und ich sollte mich vielleicht noch glücklicher fühlen, als ich es thue; aber Sie können sich nicht denken, wie es mich manchmal schmerzt, ihn so verändert zu sehen.«

»Es wird wieder anders kommen, Nelly,« sagte Frau Quilp. »Er wird wieder werden, wie er früher war.«

»Ach, wenn es nur einmal Gottes Wille wäre!« erwiederte das Kind, und Thränen entströmten seinen Augen; »aber es ist schon lange her, seit er anfing – ich glaube ich sah die Thüre sich bewegen!«

»Das kömmt von Winde,« versetzte Frau Quilp mit tonloser Stimme. »Seit er anfing –?«

»So gedankenvoll und niedergeschlagen zu sein, und zu vergessen, wie wir sonst die langen Abende zugebracht hatten,« fuhr das Kind fort. »Ich las ihm an dem Kamine vor, und er hörte zu, und wenn ich inne hielt und wir zu sprechen begannen, so erzählte er mir von meiner Mutter, und wie sie, als sie noch ein kleines Kind war, gerade so ausgesehen und gesprochen habe, wie ich. Dann pflegte er mich auf sein Knie zu nehmen, und versuchte, mir begreiflich zu machen, daß sie nicht in ihrem Grabe liege, sondern in ein schönes Land, jenseits des Firmaments, geflohen sei, wo man nimmer stirbt und nimmer alt wird; – wir waren damals sehr glücklich.«

»Nelly! Nelly!« sagte die arme Frau; »ich kann es nicht mit ansehen, daß ein so junges Geschöpf so betrübt sein sollte. Ich bitte dich, weine nicht.«

»Es geschieht sehr selten,« versetzte Nell; »aber ich habe es so lange an mich gehalten – und ich bin nicht ganz wohl, glaube ich, denn die Thränen kommen mir in die Augen, ohne daß ich es zu unterdrücken vermöchte. Ich mache mir nichts daraus, Ihnen von meinem Schmerz zu erzählen, denn ich weiß, daß Sie nichts davon weiter sagen werden.«

Frau Quilp wandte den Kopf ab und gab keine Antwort.

»Dann,« sprach das Kind weiter, »gingen wir auch oft in den Feldern und unter den grünen Bäumen spazieren; wenn wir dann nach Hause kamen, gefiel's uns nur um so besser, weil wir müde waren, und wir sagten, es sei ein glücklicher Ort. Er ist zwar dunkel und etwas langweilig; aber wir pflegten zu sagen: ›was kümmert es uns? denn wir denken dann nur um so lieber an unsern letzten Spaziergang und sehen mit um so größerer Freude unserem nächsten entgegen.‹ Aber jetzt hat es mit dem Spazierengehen ein Ende, und obgleich es noch das nämliche Haus ist, so ist es doch viel dunkler und düsterer geworden, als es früher war.

Sie hielt inne; aber obgleich die Thüre mehr als einmal knarrte; so beharrte doch Frau Quilp in ihrem Schweigen.

»Sie dürfen aber nicht glauben,« sagte das Kind ernst, »als ob der Großvater weniger freundlich gegen mich wäre als sonst, denn er liebt mich im Gegentheil mit jedem Tage mehr und wird mit jedem Tage gütiger und zärtlicher gegen mich. Sie können sich gar nicht denken, wie gerne er mich hat.«

»Ich bin überzeugt, daß er dich zärtlich liebt,« versetzte Frau Quilp.

»O, gewiß, gewiß thut er das!« rief Nell; »so zärtlich, als ich ihn liebe. Aber die Hauptveränderung habe ich Ihnen noch nicht erzählt; Sie dürfen übrigens gegen keinen Menschen davon athmen. Er hat keinen Schlaf und keine Ruhe, als etwa den Tag über ein Weilchen in seinem Lehnstuhl, denn jede Nacht und fast die ganze Nacht ist er nicht zu Hause.«

»Nelly!«

»Bst!« sagte das Kind, den Finger auf die Lippen legend und umhersehend. »Wenn er morgens nach Hause kömmt, was gewöhnlich kaum vor Tagesanbruch geschieht, so öffne ich ihm die Thüre. Heute kam er gar spät – es war schon ganz helle. Ich sah, daß sein Gesicht todtenblaß, seine Augen mit Blut unterronnen waren, und daß seine Beine im Gehen zitterten. Als ich mich wieder zu Bette gelegt hatte, hörte ich ihn stöhnen. Ich stand auf und eilte zu ihm; da hörte ich ihn, ehe er wußte, daß ich in seiner Nähe war, sagen, er könne ein solches Leben nicht länger ertragen, und wenn es nicht um des Kindes willen wäre, so möchte er lieber sterben. Was soll ich thun? Ach, was soll ich thun?«

Die Quellen ihres Herzens waren geöffnet. Die Kleine, überwältigt von dem Gewicht ihres Kummers und ihrer Besorgnisse, ergriffen von der Offenheit, die sie hier zum Erstenmal gezeigt hatte, und im Gefühle, daß ihre kleine Erzählung mit Theilnahme aufgenommen worden war, verbarg ihr Gesicht in den Armen ihrer hilflosen Freundin und brach in einen Strom von Thränen aus.

Ein paar Augenblicke später trat Herr Quilp in das Gemach und drückte seine ungemeine Ueberraschung aus, sie in diesem Zustande zu finden; er that es auch sehr natürlich und mit einem wunderbaren Effekte, denn Verstellung war ihm durch lange Uebung zur zweiten Natur geworden, und er fühlte sich auf einem solchen Boden ganz heimisch.

»Sie ist müde, wie du siehst, liebe Frau,« sagte der Zwerg, indem er seiner Gattin mit einem gräßlichen Schielen zu verstehen gab, daß sie auf seine Weise eingehen solle. Es ist ein langer Weg von ihrem Hause nach dem Kai; dann wurde sie auch durch ein paar sich balgende Schufte erschreckt, und außerdem fürchtete sie sich auch vor dem Wasser. All' dieß ist zu viel für sie gewesen. Arme Nell!«

Herr Quilp wandte unabsichtlich das beste Mittel an, um seinen jungen Gast wieder zu sich zu bringen, indem er demselben den Kopf pätschelte. Ein solches Verfahren von irgend einer andern Hand dürfte kaum einen merklichen Erfolg hervorgebracht haben; aber das Kind bebte rasch von seiner Berührung zurück und fühlte sich unwillkürlich so sehr gedrungen, aus seiner Nähe zu kommen, daß sie plötzlich aufstand und erklärte, sie sei bereit, nach Hause zurückzukehren.

»Du würdest aber besser thun, zu bleiben, und mit Frau Quilp und mir ein Mittagessen einzunehmen,« sagte der Zwerg.

»Ich bin bereits schon zu lange aus gewesen, Sir,« versetzte Nell, die Augen trocknend.

»Gut,« entgegnete Herr Quilp; »wenn du durchaus fort willst, so muß man dir deinen Willen lassen, Nelly. Hier ist die Antwort. Ich sage ihm darin nur, daß ich ihn morgen oder vielleicht übermorgen besuchen werde, und daß ich seinen kleinen Auftrag heute nicht besorgen kann. Gehab dich wohl, Nelly. He da, Bürschchen, gib Acht auf sie – hörst du?«

Kit, welcher nach dieser Aufforderung herzu kam, würdigte eine so unnöthige Einschärfung keiner Antwort, sondern stierte Quilp mit drohender Geberde an, als betrachtete er ihn für die Ursache von Nelly's Thränen, und fühlte sich mehr als halb geneigt, auf den bloßen Verdacht hin diese Sünde an ihm zu rächen; dann wandte er sich um und folgte seiner jungen Lehrerin, die sich inzwischen von Frau Quilp verabschiedet und das Zimmer verlassen hatte.

»Du bist ja eine ganz prächtige Verhörerin, nicht wahr, Frau Quilp,« brach der Zwerg gegen seine Gattin los, sobald sie allein waren.

»Was konnte ich weiter thun?« versetzte die arme Frau sanft.

»Was du weiter thun konntest?« höhnte Quilp. »Hättest du nicht vielleicht etwas weniger thun können? Konntest du nicht thun, was du zu thun hattest, ohne in deiner Lieblingsrolle als Krokodill aufzutreten, du Hexe?«

»Ich bin sehr bekümmert um das Kind, Quilp,« sagte die Frau; »gewiß habe ich genug gethan. Ich habe sie veranlaßt, mir ihr Geheimniß mitzutheilen, als sie glaubte, daß wir allein wären; und du warst in der Nähe. Gott verzeih mir's!«

»Du hast sie veranlaßt? Da hast du natürlich recht viel gethan!« entgegnete Quilp. »Habe ich dir nicht gesagt, du solltest mich nicht zu oft mit der Thüre knarren lasten? Ein Glück für dich, daß ihre Worte mir den nötigen Schlüssel gaben, denn wäre das nicht, so hättest du mir's entgelten sollen – das kann ich dir sagen.«

Da Frau Quilp hievon vollkommen überzeugt war, so gab sie keine Antwort. Ihr Gatte fügte mit einem Frohlocken bei:

»Du magst es übrigens deinen glücklichen Sternen danken – denselben Sternen, welche dich zur Frau Quilp gemacht haben – du magst es ihnen danken, daß ich dem alten Herrn auf der Fährte bin, und daß mir ein neues Licht aufgegangen ist. Ich will daher nichts mehr von der Sache hören, weder jetzt nach ein andermal; auch brauchst du nichts besonders Properes für's Mittagsessen zu bereiten, denn ich werde nicht mitessen.«

Mit diesen Worten setzte Herr Quilp seinen Hut auf und entfernte sich, während Frau Quilp, über die Maßen betrübt bei der Erinnerung an die Rolle, welche sie eben gespielt hatte, sich in ihre Kammer einschloß, den Kopf mit ihren Bettüchern verhüllte und bitterlicher ihren Fehler beweinte, als viele weniger weichherzige Personen über ein weit größeres Vergehen getrauert haben würden, denn in den meisten Fällen ist das Gewissen ein gar elastischer und biegsamer Artikel, der sich ziemlich strecken und den verschiedenen Verhältnissen anpassen läßt. Manche Leute bringen es durch eine kluge Behandlung, indem sie denselben Stück für Stück, wie ein Flanellleibchen bei warmem Wetter ablegen, mit der Zeit sogar so weit, daß sie sich dessen ganz und gar entledigen, während andere dieses Gewand nach Belieben an- und ablegen können; begreiflich ist auch diese Art von Accomodation, als die behaglichste, am meisten an der Tagesordnung.

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