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Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Erster Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.net
created20150221
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Herrn Weller's Taschenuhr

Es scheint, daß die Haushälterin, bei Gelegenheit ihres ersten Zusammentreffens mit den beiden Herrn Weller, kaum bei ihnen allein gelassen war, als sie Herrn Slithers, den Barbier, zum Beistand aufforderte, welcher, ihres Winkes gewärtig, in der Küche gelauert hatte; sie führte ihn unter manchem Lächeln und mit vieler Süßigkeit als einen Mann ein, welcher sie bei der großen Verantwortlichkeit, ihre ausgezeichneten Gäste zu unterhalten, unterstützen werde.

»In der That,« sagte sie, »ich würde mich ohne Herrn Slithers in einer sehr kritischen Lage befinden.«

»Es ist kein Grund zu was immer für einer Kritik vorhanden, Mamsell,« versetzte Herr Weller mit ungemeiner Höflichkeit; »ich wüßte nicht, in wie ferne. Eine Dame,« fügte der alte Herr bei, indem er mit der Miene eines Mannes um sich sah, der einen unangreifbaren Satz aufstellt, »eine Dame kann nicht kritisch sein. Die Natur hat da schon andere Vorkehrungen getroffen.«

Die Haushälterin neigte den Kopf und lächelte noch süßer. Der Barbier, welcher in einem Zustande großer Aengstlichkeit um Herrn Weller und Sam herumgetänzelt hatte, um den bestmöglichen Eindruck zu machen, rieb sich die Hände und rief: »hört, hört! sehr wahr, meine Herren,« worauf Sam sich umdrehte und ihn einige Sekunden lang, ohne etwas zu reden, festen Blickes betrachtete.

»Ich habe,« – begann Sam, indem er fortfuhr, den erröthenden Barbier mit einer nachsinnenden Miene zu fixiren – »ich habe nur einen Einzigen von Ihrem Gewerbe gekannt – aber dieser war ein ganzes Dutzend werth und seinem Berufe mit ganzer Seele ergeben.«

»Gehörte er in die Zunft der Rasirer, oder in die der Haarschneider und Haarkräusler, Sir?« fragte Herr Slithers.

»Er übte beides,« versetzte Sam; »ein leichtes Messer gehörte zu seiner Natur und das Haarschneiden und Kräuseln war sein Stolz und sein Ruhm. Sein Gewerbe war seine einzige Freude. Er gab all sein Geld für Bären aus, steckte sich noch außerdem wegen derselben in Schulden, und da brummten sie den ganzen, langen Tag in dem Vorderkeller drunten und fletschten umsonst die Zähne, während das Fett ihrer Verwandten und Freunde in dem Laden oben tröpfchenweise verkauft wurde und die Fenster des Erdgeschosses mit deren Köpfen geziert waren – der Vermehrung ihres schrecklichen Leidwesens gar nicht zu gedenken, wenn sie auf den Trottoirs außen immer einen Mann mit dem Portrait eines in den letzten Zügen liegenden Bären auf und ab gehen sehen mußten, unter den mit großen Buchstaben geschrieben stand, daß gestern bei Jinkinson abermals eines schönes Thier geschlachtet worden sei. Wie dem aber auch sein mochte – sie waren einmal da, und auch Jinkinson war da, bis er einmal an einem innerlichen Gebreste übel erkrankte, den Gebrauch seiner Beine verlor und das Bette hüten mußte, wo er eine lange, lange Zeit lag. Aber selbst jetzt verließ ihn der Stolz auf sein Gewerbe sowenig, daß der Doctor bei jeder Verschlimmerung, wenn er die Treppe herunterkam, zu sagen pflegte: ›Jinkinson ist diesen Morgen sehr übel; wir müssen die Bären ein wenig rumoren lassen;‹ und man durfte sich darauf verlassen, daß Jinkinson, wenn man allemal die Bären aufjagte, daß sie zu heulen anfingen, die Augen öffnete und mit dem Rufe: ›das sind die Bären!‹ wieder neu auflebte, mochte es ihm vorher auch noch so schlecht sein.«

»Erstaunlich!« rief der Barbier.

»Nicht im Geringsten,« sagte Sam; »es war pure, reine Menschennatur. Eines Tages sagt der Doctor zufällig: ›ich werde, wie gewöhnlich, morgen früh ansprechen;‹ da faßt ihn Jinkinson bei der Hand und sagt, ›Doctor, wollen Sie mir einen einzigen Gefallen erweisen?‹ – ›Recht gerne, Jinkinson,‹ sagt der Doctor. – ›Dann, Herr Doctor,‹ sagt Jinkinson, ›kommen Sie einmal unrasirt, damit ich Ihnen den Bart abnehmen kann.‹ – ›'s ist ein Wort,‹ sagt der Doktor. – ›Gott segne Sie dafür,‹ sagt Jinkinson. Des andern Tage kommt der Doctor, und nachdem er ganz geschickt und regelmäßig rasirt ist, sagt er: ›Jinkinson,‹ sagt er, ›es ist augenscheinlich, daß Ihnen dieses gut thut.‹ ›Nun,‹ sagt er, ›da ist auch ein Kutscher bei mir, der hat einen Bart, daß Ihnen das Herz aufgehen wird, Ihr Geschäft daran zu verrichten; und obgleich der Bediente,‹ sagt er, ›nicht so sehr bebartet ist, so hat er doch den Backenbart so weit hereingezogen, daß ein Rasirmesser daran eine christliche Wohlthat wäre. Wenn die nun abwechselnd auf den Wagen Acht haben, so lang er unten steht,‹ sagt er, ›was sollte Sie hindern. Beide an demselben Tage, so gut wie mich, zu scheeren. Sie haben sechs Kindern,‹ sagt er, ›was hindert Sie daran, alle ihre Köpfe zu scheeren und sie zu rasiren? Sie haben zwei Gehülfen in dem Laden drunten; was kann Sie hindern, ihnen die Haare zu schneiden und zu kräuseln, so oft es Ihnen beliebt? Thun Sie dieß,‹ sagt er, ›und Sie werden wieder ein ganzer Mann werden?‹ Jinkinson drückte dem Doctor die Hand und begann noch an demselben Tage. Er legte seine Scheeren und Messer auf das Bett, und so oft er fühlte, daß es ihm übler wurde, wandte er sich an eines der Kinder, welche mit Köpfen, so rein wie holländischer Käse, im Hause herumliefen, und rasirte sie abermals. Eines Tages kömmt ein Advokat, um sein Testament aufzusetzen. Während er damit beschäftigt ist, es niederzuschreiben, zwickt ihm Jinkinson heimlich mit einer großen Scheere die Haare. ›Was ist denn das für ein klappendes Geräusch,‹ sagt der Advocat alle Augenblicke; ›es klingt ja, als ob man Jemand das Haar schnitte – ›Sehr möglich, daß man irgend Jemanden das Haar schneidet,‹ sagt der arme Jinkinson, indem er die Scheere verbirgt und ganz unschuldig drein sieht. Endlich findet der Advokat, daß er ganz kahl geschoren ist. Jinkinson wurde auf diese Weise noch lange am Leben erhalten; aber eines Tages, nachdem er allen seinen Kindern, Einem nach dem Andern, den Schädel glatt abgeschoren hat, giebt er Jedem einen Kuß auf die Glatze; dann läßt er die zwei Gehülfen kommen, und nachdem sie auf das Eleganteste frisirt sind, sagt er: er möchte einmal die Stimme des fettesten Bären hören – ein Wunsch, dem natürlich sogleich willfahrt wurde; dann sagt er, er fühle sich sehr glücklich im Gemüth und wünsche, allein zu sein; und dann stirbt er, nachdem er sich vorher selbst das Haar geschnitten und mitten auf der Stirne eine flache Locke gedreht hat.«

Diese Anekdote übte eine außerordentliche Wirkung, nicht nur auf Herrn Slithers, sondern auch auf die Haushälterin, welche so ängstlich bemüht war, zu gefallen und gefällig zu sein, daß Herr Weller in einer Weise, die einige Unruhe verrieth, seinem Sohne die Frage in das Ohr flüsterte, ob er nicht »zu weit« gegangen sei.

»Was meint Ihr mit Eurem ›zu weit‹,« fragte Sam.

»In dem kleinen Compliment, was das Kritische bei den Frauenzimmern anbelangt,« versetzte sein Vater.

»Ihr werdet doch nicht meinen, daß sie sich deßhalb in Euch verliebt hat?« entgegnete Sam.

»Es haben sich schon unwahrscheinlichere Dinge zugetragen, mein Junge,« erwiederte Herr Weller in einem heiseren Flüstern; »ich trage immer Sorge wegen einer unabsichtlichen Eroberung. Wenn ich nur wüßte, wie ich mich selbst häßlich und unangenehm machen könnte, so würde ich es viel lieber thun, als in einem so perpendirlichen Schrecken leben zu müssen.«

Herr Weller hatte vor der Hand keine weitere Gelegenheit, bei den Besorgnissen zu verweilen, welche seinen Geist bedrängten, denn die unmittelbare Veranlassung seiner Furcht führte jetzt die drei Herren die Treppe hinunter und entschuldigte sich, daß sie denselben jetzt die Küche anweise; sie ziehe jedoch dieselbe Bequemlichkeits halber ihrem eigenen kleinen Zimmer vor, da man dort besser rauchen könne und in der unmittelbaren Nähe des Bierkellers sei. Die bereits getroffenen Vorkehrungen bewiesen hinreichend, daß diese Entschuldigung keine bloße Redensart war, denn auf dem tannenen Tische befand sich ein tüchtiger Bierkrug nebst Gläsern, zu beiden Seiten mit reinen Pfeifen und einem gehörigen Vorrath für den alten Herrn und seinen Sohn garnirt, während auf einer daneben befindlichen Anrichttafel eine gute Quantität kaltes Fleisch und andere Eßwaren lagen.

Bei dem Anblick dieser Zurüstungen schwankte Herr Weller anfangs zwischen seiner Lust zur Heiterkeit und seinen Bedenklichkeiten, ob man dieß nicht als eben so viele Beweise einer bereits gemachten Eroberung zu betrachten habe; er gab jedoch bald seinem natürlichen Antriebe nach und setzte sich mit ungemein vergnügtem Gesichte an den Tisch.

»Was das Einsaugen dieses würzigen Krautes betrifft, Mamsell,« sagte Herr Weller, indem er eine Pfeife aufnahm und sie wieder hinlegte, »so kann in Gegenwart einer Dame nicht davon die Rede sein. Samuel, totale Abstinenz, wenn ich dir gut zu Rathe bin.«

»Aber ich liebe den Tabakrauch ungemein,« versetzte die Haushälterin.

»Nein,« sagte Herr Weller; »nein.«

»Sie dürfen mir auf's Wort glauben,« versetzte die Haushälterin. »Herr Slithers weiß, daß ich die Wahrheit rede.«

Herr Weller hustete, und ungeachtet der Barbier die Angabe bestätigte, so sagte er doch abermals nein, aber weit schwächer als zuvor. Die Haushälterin zündete ein Stück Papier an und bestand darauf, mit eignen schönen Händen die Pfeife anzubrennen; Herr Weller gab nach. Die Pfeife war angezündet; Herr Weller that einen langen Zug, und da er sich auf der That ertappte, wie er eben der Haushälterin zulächelte, so that er plötzlich seinen Zügen Zwang an und sah ganz ernsthaft auf die Kerze, fest entschlossen, weder selbst eine Eroberung zu machen, noch Eroberungsgedanken bei andern zu ermuthigen. Aus dieser eisenfesten Richtung seines. Gemüths wurde er durch die Stimme seines Sohnes gerüttelt.

»Ich glaube nicht,« sagte Sam, der mit großer Ruhe und Behaglichkeit rauchte, »daß es – falls die Dame nichts dagegen hat – weit gefehlt wäre, wenn wir dem Beispiele unserer Herren droben folgten und gleichfalls einen Club errichteten. Er –« Sam deutete dabei mit der Pfeifenspitze auf seinen Erzeuger – »kann der Präsident sein.«

Die Haushälterin erklärte freundlich, daß sie eben auch den gleichen Gedanken gehabt hatte, und der Barbier wollte das Nämliche gedacht haben. Herr Weller sagte nichts, sondern legte, wie in einem Anfluge von Begeisterung – seine Pfeife nieder und begann folgendes Manöver:

Er machte die drei untern Knöpfe seiner Weste auf, hielt einen Augenblick inne, um sich des leichteren Respirationsganges, welcher diesem Prozesse folgte, zu erfreuen, legte gewaltsame Hand an seine Uhrkette und zog langsam und nicht ohne außerordentliche Anstrengung, eine große, doppelhäusige, silberne Uhr heraus, welcher das Taschenfutter in einer Weise folgte, daß sie nicht ohne große Mühe und erstaunliche Gesichtsröthe von demselben losgemacht werden konnte. Nachdem er endlich damit zu Stande gekommen, nahm er das äußere Gehäuse ab und zog die Uhr mit einem Schlüssel von entsprechender Größe auf, worauf er sie wieder in's Gehäuse that, an das Ohr hielt, um sich zu überzeugen, daß sie noch gehe und dann damit ein halb Dutzend mal auf den Tisch klopfte, um ihre Verrichtung zu regeln. –

»Dieß,« sagte Herr Weller, indem er sie, das Zifferblatt aufwärts, auf den Tisch legte, »soll der Titel und das Sinnbild unserer Gesellschaft sein. Sammy, rücke jene paar Stühle herbei, daß sie die leeren vorstellen. Meine Damen und Herren! Herrn Weller's Taschenuhr ist aufgezogen und im Gange. Zur Tagesordnung!«

Um diese Proklamation zu bekräftigen, bediente sich Herr Weller der Uhr in der Weise eines Präsidentenhammers, wobei er mit großem Stolze bemerkte, daß es ihr nichts schade, sintemal im Gegentheil das Zubodenfallen und Erschütterungen aller Art die Vortrefflichkeit des Werks wesentlich erhöhten und den Regulator unterstützten. Zum Beweise hämmerte er eine geraume Zeit auf dem Tische fort und gab sodann die Erklärung ab, daß der Clubb förmlich constituirt sei.

»Daß du mir ja nicht den Präsidenten verhöhnst, Samuel,« sagte Herr Weller zu seinem Sohne; »sonst lasse ich dich in den Keller sperren, und dann gerathen wir vielleicht in etwas, was die Amerikaner eine fixe und die Engländer eine Privilegienfrage nennen.«

Nach dieser freundlichen Ermahnung ließ sich der Präsident mit großer Würde auf seinen Stuhl nieder und forderte Herrn Samuel auf, eine Anekdote zu erzählen.

»Ich habe es bereits gethan,« sagte Sam.

»Ganz recht; so erzähle eine andere,« erwiderte der Präsident.

»Wir haben eben erst von den Barbieren gesprochen, Sir,« sagte Sam zu Herrn Slithers. Um bei diesem fruchtbaren Thema zu verweilen, will ich Ihnen in sehr wenigen Worten eine kleine romantische Geschichte von einem andern Barbier erzählen, die Sie vielleicht noch nie gehört haben.«

»Samuel!« fiel ihm Herr Weller in's Wort, indem er abermals seine Uhr in eine kräftige Berührung mit dem Tische brachte, »richte deine Bemerkungen an den Präsidenten und nicht an Privatindividuen!«

»Und wenn ich um's Wort bitten darf,« sagte der Barbier mit sanfter Stimme, indem er mit einem versöhnenden Lächeln um sich blickte, während er sich über den Tisch beugte, auf dem er die Knöchel seiner linken Hand ruhen ließ, »wenn ich um's Wort bitten darf, so möchte ich bemerken, daß ›Barbier‹ nicht gerade der Ausdruck ist, welcher angenehm und wohlthuend auf unsere Gefühle wirkt. Sie mögen mich verbessern, Sir, wenn ich Unrecht habe. Aber ich glaube, es gibt in dem Wörterbuch so ein Wort wie ›Haarkräusler‹.«

»Wohl; aber gesetzt, es war kein Haarkräusler?« bemerkte Sam.

»Ei, so mußt du parlamentarisch sein und ihn um so mehr einen Haarkräusler nennen,« versetzte sein Vater. »Gerade wie an einem andern Orte jeder Schindelmän ein Ehrenwerther ist, kann man hier jeden Barbier einen Haarkräusler nennen. Wenn du die Reden in der Zeitung lies't und siehst, daß ein Schindelmän zu einem andern sagt, ›das ehrenwerthe Mitglied, wenn er mir erlauben will, ihn so zu nennen‹, so wirst du doch verstehen, daß damit gemeint ist, ›wenn er mir erlauben will, der angenehmen und allgemeinen Einbildung beizupflichten‹.«

Es ist eine gewöhnliche, durch Geschichte und Erfahrung bestätigte Ansicht, daß große Männer sich mit den Verhältnissen, in welchen sie sich befinden, erheben. Herr Weller zeigte seine Fähigkeit als Präsident in so kräftigem Lichte, daß Sam in Folge eines Grinsens der Ueberraschung, welche seine geistige Thätigkeit gefesselt hielt und sich endlich in einem langen, eintönigen Pfeifen Luft machte, geraume Zeit nicht zu sprechen vermochte. Ja, der alte Herr schien sich sogar selbst in Erstaunen versetzt zu haben, und zwar in nicht geringem Grade, wie sich aus dem lange fortgesetzten Kichern entnehmen ließ, welchem er sich hingab, nachdem er jene lichtvollen Bemerkungen zu Tage gefördert hatte.

»Nun zu meiner Geschichte,« sagte Sam. »Es war einmal ein junger Haarkräusler, welcher einen sehr hübschen, kleinen Laden mit vier Wachsköpfen am Fenster, nämlich zwei Schindelmän und zwei Damen, eröffnet« – die Schindelmän mit blauen Punkten statt des Bartes, sehr großen Backenbärten, verwegenen Haartouren, ungemein hellen Augen und erstaunlich schönen rothen Nasenlöchern; – die Damen mit auf die Seite gedrehten Köpfen, den rechten Zeigefinger auf den Lippen, und mit sehr schön entwickelten Formen, in welch' letzterer Hinsicht sie den Vortheil vor den Schindelmän hatten, da diesen nur sehr kleine Schultern zugestanden waren, unter denen es etwas schnell in eine Phantasiedrapirung überging. Er hatte auch viele Haar- und Zahnbürsten in den Fenstern aufgesteckt, nette Glasschränke auf dem Zahltisch, ein mit Leinwand ausgelegtes Zimmer zum Haarschneiden eine Treppe hoch und eine Wägmaschine rechts von der Thüre im Laden. Aber der vorzüglichste Anziehungsgegenstand und Hauptzierde waren die Wachsköpfe, wegen welcher der junge Haarkräusler alle Augenblicke auf die Straße hinaus lief, um sie anzusehen, und wieder hinein ging, um etwas daran zu machen und sie zu poliren. Mit einem Worte, er war so stolz darauf, daß er sich am Sonntag immer ganz unglücklich und krank fühlte, weil er denken mußte, daß sie jetzt hinter dem Laden standen, weßhalb er auch den Montag kaum erwarten konnte. Einer von diesen Köpfen war vorzugsweise sein Liebling, und wenn ihn Jemand von seiner Bekanntschaft fragte, warum er nicht heirathe – was nämlich die jungen Damen besonders oft thaten – so pflegte er zu sagen: ›ich will mich nie in die Bande des Ehestandes begeben, bis ich ein junges Frauenzimmer treffe, welches meine Idee von dem schönsten Wachskopf mit dem lichten Haare realisirt. Dann‹, sagte er, ›will ich vor den Altar treten.‹ Alle jungen Damen von seiner Bekanntschaft, welche schwarzes Haar hatten, sagten ihm, dieß wäre eine große Sünde, und er bete ein Götzenbild an; aber diejenigen, deren Haar nur eine entfernte Aehnlichkeit mit dem des Wachskopfes hatten, errötheten bis über die Ohren, und man sah es ihnen an, daß sie ihn für einen recht hübschen jungen Mann hielten.«

»Samuel,« fiel ihm Herr Weller ernst in's Wort, »da ein Glied dieser Gesellschaft dem zarten Geschlechts, von dem eben die Rede ist, angehört, so muß ich bitten, daß du keine Reflexionen machst.«

»Und was hätte ich denn für eine gemacht?« fragte Sam.

»Zur Ordnung, Sir!« erwiderte Herr Weller mit ernster Würde. Dann fiel der Präsident wieder in den Vater zurück und fügte in seinem gewöhnlichen Tone bei: »Fahr fort, Samuel.«

Sam wechselte ein Lächeln mit der Haushälterin und erzählte weiter:

»Der junge Haarkräusler hatte sich schon über sechs Monate an solche Erklärungen gewöhnt, als er einer jungen Dame begegnete, welche ein leibhaftes Conterfey von dem schönsten Wachskopfe war. ›Jetzt ist alles im Reinen‹, sagte er, ›ich bin gefangen!‹ Die junge Dame war nicht nur Conterfey von dem schönsten Wachskopf, sondern auch sehr romantisch, was der junge Haarkräusler gleichfalls war, und sagte: ›o!‹ sagt er ›hier ist eine Gemeinschaft der Gefühle, hier ist ein Einklang der Seelen!‹ sagte er, ›hier ist eine Wechselwirkung der Gesinnungen!‹ Die junge Dame sagte natürlich nicht viel, drückte sich aber sehr angenehm aus, und bald nachher besuchte sie ihn mit einem gemeinschaftlichen Freunde. Der Haarkräusler eilt ihr entgegen, aber sobald sie die Wachsköpfe sieht, wechselt sie die Farbe und fängt an, heftig zu zittern. ›Sehen Sie einmal auf, meine Liebe,‹ sagt der Haarkräusler, ›betrachten Sie Ihr Bild in meinem Fenster; aber noch viel deutlicher ist's in meinem Herzen!‹ – ‹Mein Bild?‹ sagt sie. ›Ja, das Ihrige,‹ versetzt der Haarkräusler. – ›Aber wessen Bild ist jenes?‹ sagt sie und deutet auf einen von den Schindelmän – ›Niemands, meine Liebe,‹ sagte er; ›es ist nur eine Idee.‹ – ›Eine Idee?‹ ruft sie; ›es ist ein Porträt. Ich fühle es, es ist ein Porträt, und jenes edle Gesicht muß beim Militär sein! Was höre ich?‹ sagt er und fährt sich in seine Locken. – ›William Gibbs,‹ sagt sie mit großer Festigkeit, ›nichts weiter von der Sache. Ich achte Sie als Freund,‹ sagt sie, ›aber mein Herz gehört jener männlichen Stirne.‹ – ›Meine Hoffnungen sind geknickt,‹ sagt der Haarkräusler, ›und ich bemerke darin die Hand des Schicksals. Adieu!‹ Mit diesen Worten eilte er in den Laden, zerbricht mit einem Schlage seines Kräuseleisens dem Wachskopf die Nase, schmelzt ihn am Feuer zusammen, und seitdem hat er nie wieder gelächelt.«

»Aber die junge Dame?« fragte die Haushälterin.

»Je nun,« sagte Sam, »als sie fand, daß das Schicksal einen Groll auf sie hatte, und sie deßhalb mit aller Welt Händel anfing, so lächelte auch sie nicht wieder, sondern las viel Gedichte und schwand dahin – aber nur ganz langsam, denn sie ist noch nicht todt. Aber es müssen viele Gedichte nothwendig gewesen sein, um den Haarkräusler umzubringen; und einige Leute sagten nachher, der Grog sei eigentlich daran schuld gewesen, daß er überfahren wurde. Vielleicht war's ein Bischen von Beiden, was sich bei ihm zusammen gemischt hat.«

Der Barbier erklärte, Herr Weller habe eine der interessantesten Geschichten erzählt, die ihm je zu Ohren gekommen seien: eine Ansicht, welcher die Haushälterin vollkommen beipflichtete.

»Sind Sie verheirathet, Sir?« fragte Sam.

Der Barbier erwiderte, daß er nicht die Ehre habe.

»Vermuthlich werden Sie aber doch noch in den Ehestand treten?« sagte Sam.

»Je nun,« entgegnete der Barbier, indem er sich schmunzelnd die Hände rieb, »ich weiß nicht, ich halte es nicht für sehr wahrscheinlich.«

»Das ist ein schlimmes Zeichen,« erwiderte Sam. »Wenn Sie gesagt hätten, daß Sie es dieser Tage zu thun gedächten, so würde ich Sie für einen geretteten Mann betrachten. Sie sind in einer sehr bedenklichen Lage.«

»Jedenfalls bin ich mir keiner Gefahr bewußt,« versetzte der Barbier.

»So ging mir's gerade auch, Sir,« sagte der ältere Herr Weller, das Wort ergreifend; »dieß waren ganz meine Symptome. Und zweimal bin ich auf diese Weise gefangen worden. Halten Sie Ihre Augen offen oder Sie sind verloren.«

Es lag etwas so gar Feierliches in dieser Ermahnung, sowohl vermöge des Gegenstandes und der Form, als auch vermöge der Weise, womit Herr Weller das Auge noch immer auf das argwohnlose Opfer geheftet hielt, daß eine Weile Niemand zu sprechen wagte; und so hätte es wohl noch länger fortdauern können, wenn der Haushälterin nicht zufälligerweise ein Seufzer entschlüpft wäre, welcher die Aufmerksamkeit des alten Herrn erregte und zu der galanten Frage Anlaß gab, »ob denn irgend ein besonderer Schmerz in diesem kleinen Herzen wohne?«

»Ach du mein Himmel, Herr Weller!« rief die Haushälterin lachend.

»Nicht? aber doch etwas, was es in Thätigkeit setzt?« fuhr der alte Herr fort. »Ist es immer verhärtet – immer gegen das Glück menschlicher Geschöpfe eingenommen gewesen? Wie – was sagen Sie?«

Bei dieser für das Erröthen und die Verlegenheit der Haushälterin so bedenklichen Wendung machte sie auf einmal die Bemerkung, daß es an Bier fehle, weßhalb sie sich nach dem Keller zurückzog, um welches zu holen; und der Barbier folgte ihr, da er sich's nicht nehmen lassen wollte, ihr das Licht zu halten.

Herr Weller sah ihr mit einem sehr wohlgefälligen und ihm mit einem sehr geringschätzigen Blicke nach, worauf er seine Augen langsam durch die Küche gleiten ließ, bis sie endlich auf seinem Sohne haften blieben.

»Sammy, ich traue diesem Barbier nicht,« sagte Herr Weller.

»Weßwegen?« fragte Sam, »was hat er mit Euch zu schaffen? Ihr seid mir ein feiner Mann; erst thut Ihr, als ob Ihr Wunder was fürchtetet, und dann geht Ihr hin, macht Komplimente und redet von Herzen und Schmerzen.«

Die Hindeutung auf seine Galanterie schien Herrn Weller höchlich zu entzücken, denn seine Antwort erstickte in einem unterdrückten Lachen, welches ihm Thränen in's Auge brachte.

»Habe ich denn von Herzen und Schmerzen gesprochen, Sammy? habe ich das wirklich gethan, wie?«

»Ob Ihr es gethan habt? Natürlich habt Ihr es gethan.«

»Sie ist daraus nicht klüger geworden, Sammy. 's ist nichts Unrechtes darin – keine Gefahr, Sammy. Es gilt ja nur einen Spaß; sie schien aber doch eine Freude daran zu haben – nicht wahr? Natürlich hatte sie eine Freude daran – es liegt ganz in der Natur – ganz in der Natur.«

»Jetzt bildet er sich gar etwas darauf ein,« rief Sam, indem er in die Heiterkeit seines Vaters einstimmte; »er ist in der That eitel darauf.«

»Bst,« erwiderte Herr Weller, sein Gesicht in ernstere Falten legend, »sie kommen zurück; das kleine Herz kommt zurück. Aber merke dir noch einmal meine Worte und vergiß nicht, daß dein Vater es vorausgesagt hat, wenn er dein Gedächtniß darauf zurückbringen will. Samuel, ich traue diesem spitzbübischen Barbier nicht.«

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