Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Dickens >

Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Erster Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.net
created20150221
Schließen

Navigation:

Der Raritätenladen. Viertes Kapitel

Herr und Frau Quilp wohnten auf dem Towerhill, und in ihrem Bauer auf dem Towerhill verblieb Frau Quilp, um die Abwesenheit ihres Herrn zu beklagen, als er sie um des Geschäftes willen, von dem der Leser Zeuge war, verlassen hatte.

Man konnte kaum sagen, welches Gewerbe Herr Quilp eigentlich trieb und welchem Berufe er angehörte, denn sein Treiben war gar zu mannigfach und seine Geschäfte zahllos. Er sammelte Interessen von ganzen Colonien schmutziger Straßen und Gäßchen auf der Wasserseite, schoß den Matrosen und Unterofficieren der Handelsschiffe Geld vor, betheiligte sich bei den Spekulationen verschiedener Steuermänner auf Ostindienfahrern, rauchte seine geschmuggelten Cigarren recht eigentlich unter der Nase des Zollhauses, und machte fast jeden Tag Bestellungen auf der Börse mit Glanzhüten und runden Wämsern Kleidung der Gerichtsdiener.. Auf der Surrey-Seite des Flusses lag ein kleiner, von Ratten bevölkerter, trauriger Hof, welcher »Quilp's-Kai« hieß, mit einem kleinen hölzernen Comptoir, das ganz schief in dem Staube stak, als wäre es aus den Wolken gefallen und in dem Boden gepflügt worden; ferner sah man dort etliche Bruchstücke von rostigen Ankern, mehrere große Eisenringe, einige Haufen vermoderten Holzes, und zwei oder drei Stöße alten, zerdrückten und zerbrochenen Kupferblechs. Auf dem Quilp's-Kai war Daniel Quilp ein Schiffszerstörer, was er jedoch, dem äußeren Anschein zu Folge, nur in einem äußerst kleinen Maßstab sein konnte, es müßte denn sein, daß er seine Schiffe sehr klein zerbrach; auch bot der Ort keinen außerordentlichen Anblick von Leben oder Thätigkeit dar, denn das einzige menschliche Wesen daselbst bestand aus einem amphibischen Knaben in Segeltuch, dessen Beschäftigung nur darin wechselte, daß er, wenn die Fluth aus war, von einem der Haufen aus Steine in den Fluß warf, bei hohem Wasserstand aber mit den Händen in der Tasche herumlungerte und gedankenlos der Bewegung und dem Rauschen des Stromes zusah.

Die Wohnung des Zwergs auf dem Tower Hill umfaßte, außer den nöthigen Gelassen für ihn selbst und für Frau Quilp, ein kleines Schlafgemach für die Mutter dieser Dame, welche bei dem Paare wohnte, und mit Daniel in beharrlichem Kriege lebte, obgleich sie sich vor demselben nicht wenig fürchtete. In der That brachte es das häßliche Geschöpf durch ein oder das andere Mittel – gleichviel, ob durch seine Häßlichkeit, seine Wildheit oder seine natürliche Schlauheit – so weit, die meisten von Denjenigen, mit welchen er in tägliche Berührung kam, mit einer nicht geringen Scheu vor seinem Zorne zu erfüllen. Ueber Niemand hatte er aber ein so vollständiges Uebergewicht, als über Frau Quilp selbst – ein hübsches, kleines, sanftes, blauäugiges Weibchen, welches sich in Folge einer jener sonderbaren Bethörungen, wovon die Beispiele keineswegs selten sind, mit dem Zwerge ehelich verbunden hatte, und nun jeden Tag seines Lebens für seine Thorheit eine schwere praktische Buße übte.

Wir haben bereits gesagt, daß Frau Quilp in ihrem Bauer schmachtete. In diesem Bauer saß sie, aber nicht allein, denn außer der alten Dame, ihrer Mutter, deren bereits Erwähnung geschah, waren auch ein halb Dutzend Damen aus der Nachbarschaft zugegen, die in Folge eines seltsamen Zufalls (und wohl auch in Folge eines kleinen Einverständnisses unter sich selbst) gerade zur Theezeit nach einander in's Haus geschlüpft waren. Eine günstigere Gelegenheit zur Unterhaltung konnte sich nicht leicht finden, und da das Zimmer ein kühler, schattiger, behaglicher Ort war, mit einigen Blumentöpfen am offenen Fenster, welche den Staub ausschlossen und gar lieblich zwischen dem Theetisch innen und dem alten Tower außen standen, so durfte es Einen nicht Wunder nehmen, daß die Damen eine Neigung verspürten, zu bleiben und zu schwatzen, besonders wenn man dabei die gelegentlichen Lockungsmittel, frische Butter, neugebackenes Brod, Garneelen und Brunnenkresse mit in Rechnung nahm.

Da nun die Damen unter solchen Umständen beisammen waren, so war es sehr natürlich, daß das Gespräch auf den Hang der Männer führte, das schwächere Geschlecht zu tyrannisiren, woraus für das schwächere Geschlecht die Verpflichtung erwachse, einer solchen Tyrannei Widerstand zu leisten und seine Rechte und Würde zu behaupten. Es war nämlich aus vier Gründen natürlich: erstlich weil Frau Quilp ein junges Weib war und notorisch unter der Herrschaft ihres Gatten stand, weßhalb sie zur Rebellion aufgehetzt werden mußte; zweitens, weil Frau Quilp's Mutter wegen ihres zänkischen Charakters und wegen ihres Hanges, dem männlichen Ansehen Widerstand zu leisten, rühmlichst bekannt war; drittens, weil jede von den Nachbarinnen an ihrer Person zeigen wollte, wie sehr sie in dieser Hinsicht über den gewöhnlichen Schlag ihres Geschlechtes erhaben sei; und viertens, weil die Gesellschaft gewöhnt war, bei der tagtäglichen Unterhaltung gegenseitig paarweise sich zu verlästern, und da sie nun Alle in enger Freundschaft versammelt waren, so wußten sie nichts Besseres zu thun, als den gemeinsamen Feind anzugreifen.

Durch solche Rücksichten veranlaßt, eröffnete eine wohlbeleibte Dame die Verhandlungen, indem sie mit der Miene großer Besorgtheit und Theilnahme die Frage stellte, wie sich Herr Quilp befinde, worauf Herrn Quilp's Schwiegermutter in einem scharfen Tone erwiederte:

»O, er ist wohl genug – er befand sich nie besser – Unkraut verdirbt nicht.«

Alle Damen seufzten sodann im Einklang, schüttelten erst die Köpfe und sahen auf Frau Quilp wie auf eine Märtyrerin.

»Ach!« meinte die Sprecherin, »wenn Sie ihr nur ein Bischen mit Ihrem Rathe an die Hand gingen, Frau Jiniwin« – wir hätten bemerken sollen, daß Frau Quilp früher eine Miß Jiniwin war – »Niemand weiß besser als Sie, Madame, was wir Weiber uns selbst schuldig sind.«

»Sie haben in der That Recht, Madame,« versetzte Frau Jiniwin; »als mein armer Mann, ihr lieber Vater, noch am Leben war – wenn der je ein böses Wort gegen mich gewagt hätte, ich hätte ihm – –«

Die gute alte Dame beendigte ihren Satz nicht, sondern drehte einer Garneele mit einer Rachsucht den Kopf ab, welche pantomimisch darstellen sollte, was sie mit dem unterdrückten Worte meinte. In diesem Sinne wurde es augenscheinlich von der Andern verstanden, welche alsbald beifällig erwiederte:

»Sie gehen ganz in meine Gefühle ein, Madame, denn ich würde ganz das Gleiche thun.«

»Sie haben jedoch keinen Anlaß, so zu handeln,« sprach Frau Jiniwin. »Es ist ein Glück für Sie, daß Sie ebensowenig Grund dazu haben, als es bei mir der Fall war.«

»Es wird's auch kein Weib nöthig haben, wenn sie nur sich selbst treu bleibt,« entgegnete die wohlbeleibte Dame.

»Hörst du das, Betsy?« sagte Frau Jiniwin im Tone der Warnung. »Wie oft schon habe ich dir das Gleiche gesagt und fast kniefällig dir darüber Vorstellungen gemacht!«

Die arme Frau Quilp, welche in einem Zustande von Hülflosigkeit von einem bedauernden Gesichte nach dem andern gesehen hatte, erröthete, lächelte und schüttelte zweifelnd den Kopf. Dieß war das Signal zu einem allgemeinen Ausbruch, welcher mit einem dumpfen Murmeln begann und allmälig in einen großen Lärm überging, wobei Alle zumal sprachen und Alle ihre Meinung dahin abgaben, sie wäre eine junge Frau, die kein Recht hätte, ihre Ansichten gegen die Erfahrungen Derjenigen zu vertheidigen, welche die Sache weit besser verständen; es sei nicht schön von ihr, daß sie sich nicht von Leuten rathen lassen wolle, die nur ihr eigenes Bestes beabsichtigten; ein solches Benehmen habe neben dem schreiendsten Undank feil; wenn sie nicht sich selbst achten wolle, so solle sie doch der Achtung anderer Frauen nichts vergeben, welche alle durch ihre Nachgiebigkeit compromittirt würden, und wenn sie keine Achtung vor andern Frauen habe, so werde wohl die Zeit nicht fern sein, wo man auch sie nicht mehr achten werde, was man dann natürlich – so viel könne man ihr sagen – nur mit Bedauern ansehen werde. Nachdem diese Ermahnungen ertheilt waren, übten die Damen einen noch mächtigeren Angriff, als dieß bisher der Fall gewesen, auf den gemischten Thee, das neugebackene Brod, die frische Butter, die Garneelen und die Brunnenkresse, und erklärten, ihre Betrübniß über die Zukunft der Frau Quilp wäre so groß, daß sie es kaum über sich gewinnen könnten, einen Bissen hinunter zu bringen.

»Das läßt sich Alles leicht reden,« sagte Frau Quilp mit großer Einfalt; »aber wenn ich morgen stürbe, so könnte Quilp Jede heirathen, die er wollte; ja, ich weiß, das könnte er.«

Ein allgemeiner Schrei der Entrüstung folgte dieser Erklärung. »Heirathen, wen er wollte! Sie möchte sehen, ob er nur daran denken wollte, Eine von ihnen zu heirathen; sie möchten sehen, ob er nur die leichteste Annäherung zu einer solchen Keckheit sich erlaubte.« Eine der Damen (eine Wittwe) war fest überzeugt, sie würde ihn erdolchen, wenn er sich etwas der Art merken ließe.

»Schon gut,« fuhr Frau Quilp mit einem Kopfnicken fort; »wie ich eben sagte, so hat man leicht reden; aber ich wiederhole es, daß ich weiß – daß ich überzeugt bin – Quilp hat, wenn er will, eine solche Weise an sich, daß die schönste Frau hier ihm nicht widerstehen könnte, wenn er ihr seine Liebe erklären wollte, vorausgesetzt, daß ich todt und sie frei wäre.«

Die Gäste warfen sich bei dieser Bemerkung in die Brust, als wollten sie sagen: »Ich weiß, du meinst mich. Aber er soll's nur einmal versuchen, weiter sage ich nichts.« Und doch waren Alle aus irgend einem geheimen Grunde auf die Wittwe böse, und jede Dame flüsterte ihrer Nachbarin in's Ohr, es sei augenscheinlich, daß die genannte Wittwe sich für die gemeinte Person halte, und daß sie ein verächtliches Weibsbild sei.

»Meine Mutter weiß,« fügte Frau Quilp bei, »daß ich mit meinen Worten vollkommen Recht habe, denn sie hat's mir oft selbst gesagt, ehe ich ihn heirathete. Ist's nicht so, Mutter?«

Diese Frage brachte die achtbare Dame in eine ziemlich kitzliche Lage, denn sie hatte allerdings bei der Verehelichung ihrer Tochter eine sehr thätige Rolle gespielt, und außerdem vertrug es sich nicht mit der Ehre der Familie, dem Gedanken Vorschub zu leisten, als ob Jungfer Jiniwin einen Mann geheirathet habe, den sonst Niemand nehmen wollte. Auf der andern Seite mußte eine Uebertreibung der gewinnenden Eigenschaften ihres Schwiegersohnes den Grund zur Empörung schwächen, für deren Unterstützung doch zur Zeit alle ihre Kräfte thätig waren. Von diesen sich widersprechenden Rücksichten geleitet, gab Frau Jiniwin Herrn Quilp's Liebenswürdigkeit zu, bestritt jedoch sein Recht, zu herrschen, und brachte vermittelst eines zur gehörigen Zeit angebrachten Compliments an die wohlbeleibte Dame die Unterhaltung zu dem Punkte zurück, von wo sie ausgegangen war.

»Oh, Frau George hat in der That etwas sehr Verständiges und Passendes gesagt,« rief die alte Dame. »Wenn die Weiber nur sich selbst getreu sind; – aber leider kann man das auf Betsy nicht anwenden – es ist Sünd' und Schande.«

»Ehe ich mir von einem Mann so befehlen ließe, wie Quilp ihr befiehlt,« sagte Frau George, »ehe ich mich vor ihm fürchtete, wie sie es thut, würde ich – ja, ich würde mich selbst umbringen, und ihm zuerst einen Brief schreiben, um ihn zu sagen, daß er Schuld daran sei.«

Diese Bemerkung erhielt allgemeines Lob und lauten Beifall, worauf eine andere Dame (aus den Minories) das Wort ergriff:

»Herr Quilp mag ein sehr hübscher Mann sein,« sagte diese Dame, »und ich glaube, man darf es um so weniger in Zweifel ziehen, weil Frau Quilp und Frau Jiniwin es sagen; denn wer sollte das besser wissen können, als sie. Aber doch ist er nicht ganz das, was – man einen schönen Mann nennt, und eben so wenig kann man ihn einen ganz jungen nennen, was allenfalls, wenn irgend etwas, eine kleine Entschuldigung für ihn sein dürfte, während seine Frau jung, hübsch und – was hier im Grunde doch vorzugsweise in Betracht kömmt – eine Frau ist.«

Die letztere Clausel, welche mit besonderem Pathos vorgetragen wurde, veranlaßte ein allgemeines Gemurmel von Seiten der Zuhörerschaft, wodurch die Dame zu der Bemerkung ermuthigt wurde: wenn ein solcher Mann unartig und unvernünftig gegen ein solches Weib ist, dann –

»Wenn er es ist?« fiel die Mutter ein, indem sie ihre Theetasse niedersetzte und als Vorbereitung zu einer feierlichen Erklärung die Brodkrumen von ihrem Schooße bürstete, »wenn er es ist? Er ist der größte Tyrann, denn sie darf nicht einmal ihre Seele ihr Eigenthum nennen: er macht sie mit einem Wort, sogar mit einem Winke zittern, er ängstigt sie zu Tod, und sie hat nicht einmal den Muth, ihm ein einziges Wort zurückzugeben, nein, nicht einmal ein Wort.«

Obgleich diese Thatsachen allen Theegästen bekannt und in den letzten zwölf Monaten bei jeder Kaffeevisite abgehandelt und erschöpft worden waren, so fingen sie doch unmittelbar nach dieser officiellen Mittheilung Alle auf einmal an zu sprechen und unter sich an Heftigkeit und Zungengeläufigkeit zu wetteifern. Frau George bemerkte, die Leute sprächen davon, die Leute hätten ihr dieß schon früher gesagt, Frau Simmons, welche hin und wieder in's Haus komme, habe ihr's schon zwanzig Mal gesagt, sie aber habe immer erwiedert: »Nein, Henriette Simmons, wenn ich es nicht mit eigenen Augen sehe und mit eigenen Ohren höre, so werde ich es nie glauben.« Frau Simmons bekräftigte dieses Zeugniß und fügte für sich selber noch nachdrückliche Beweise bei. Die Dame aus den Minories erzählte ein erfolgreiches Verfahren, das sie gegen ihren eigenen Gatten eingeschlagen habe; er habe einen Monat nach der Hochzeit unzweideutige Symptome eines Tigers von sich gegeben, sei aber unter Anwendung dieser Mittel in ein vollkommenes Lamm umgewandelt worden. Eine andere Dame berichtete ihren eigenen persönlichen Kampf und endlichen Triumph, in dessen Verlauf sie es für nöthig gefunden hatte, ihre Mutter und ihre zwei Tanten herbeizurufen, um sechs Wochen unablässig Tag und Nacht bei ihnen zu weinen. Eine Dritte, welche in ihrer allgemeinen Verwirrung keine anderen Zuhörer bekommen konnte, heftete sich an ein junges, noch unverheirathetes Frauenzimmer, welches zufällig zugegen war, und beschwor sie, wenn ihr der Friede ihrer Seele und ihr Glück lieb sei, diese feierliche Gelegenheit zu benützen, an Frau Quilp's Schwäche ein Beispiel zu nehmen, und von Stund an alle ihre Gedanken darauf zu richten, den rebellischen Geist der Männer zu zähmen und zu unterjochen. Der Lärm war auf der höchsten Höhe und die Hälfte der Gesellschaft hatte ihre Stimmen zu einem förmlichen Geschrei erhoben, um die Stimmen der andern Hälfte zu ersticken, als man plötzlich bemerkte, wie Frau Jiniwin erblaßte und heimlich ihren Zeigefinger schüttelte, um die Anwesenden zum Stillschweigen zu ermahnen. Erst jetzt gewahrte man, daß Daniel Quilp, die Ursache und der Gegenstand dieses ganzen Geschrei's, im Zimmer stand, umherschaute und mit tiefer Aufmerksamkeit zuhörte.

»Nur fortgemacht, meine Damen, nur fortgemacht,« sagte Daniel. »Liebe Frau, sei so gut, die Damen zu bitten, daß sie beim Nachtessen bleiben und ein paar Austern nebst etwas Leichtem und den Gaumen Reizenden mit uns verzehren.«

»Ich – ich – habe sie nicht zum Thee gebeten, Quilp,« stammelte seine Frau. »Es ist ein reiner Zufall.«

»Um so besser, liebe Frau; solche zufällige Parthien sind immer die angenehmsten,« sagte der Zwerg und rieb dabei seine Hände so kräftig, daß es schien, als wolle er aus dem Schmutz, von dem sie überzogen waren, kleine Patronen für Schlüsselbüchsen fabriciren. »Was? Sie werden doch nicht gehen wollen, meine Damen; nein. Sie werden doch nicht schon gehen wollen?«

Seine schönen Feindinnen schüttelten leicht ihr Köpfe, während sie ihre Hüte und Halstücher suchten, und überließen den ganzen Wortkampf Frau Jiniwin, die, in ihrer feindseligen Stellung ertappt, einen schwachen Versuch machen wollte, in der Rolle zu bleiben.

»Und warum sollten sie nicht beim Nachtessen bleiben, Quilp, wenn meine Tochter Lust hat, sie einzuladen?« sagte die alte Dame.

»Begreiflich,« versetzte Daniel, »warum sollten sie's nicht?«

»Es liegt doch hoffentlich nichts Unrechtes oder Unschickliches in einem Nachtessen?« sagte Frau Jiniwin.

»Gewiß nicht,« erwiderte der Zwerg. »Warum sollte es auch? Auch nichts Ungesundes, wenn nicht etwas Hummernsalat oder Seegarneelen dabei sind, was, wie ich höre, etwas schwer im Magen liegen soll.«

»Und es wäre Ihnen nicht lieb, daß Ihre Frau durch dieses oder sonst etwas unwohl würde – nicht wahr?« sagte Frau Jiniwin.

»Nicht um zwanzig Welten,« versetzte der Zwerg mit einem Grinsen. »Ja nicht einmal um zwanzig Schwiegermütter zumal – und welch ein Segen würden nicht diese sein?«

»Meine Tochter ist jedenfalls Ihre Gattin, Herr Quilp,« sagte die alte Dame mit einem Kichern, das ironisch gemeint war und andeuten sollte, daß es wohl nöthig sei, ihn an die Thatsache zu erinnern; »Ihre angetraute Gattin.«

»Daran ist kein Zweifel. Das ist sie,« bemerkte der Zwerg.

»Und hat daher hoffentlich ein Recht, zu handeln, wie es ihr beliebt, Quilp,« sagte die alte Dame zitternd – zum Theil vor Zorn, zum Theil aus geheimer Furcht vor ihrem koboldartigen Schwiegersohn.

»Sie hoffen, daß sie es hat?« entgegnet er. »Wie? Sie wissen also nicht, daß sie es hat? Sie wissen also nicht, daß sie es hat, Frau Jiniwin?«

»Ich weiß, daß sie es haben sollte, Quilp, und würde es haben, wenn sie wie ich dächte.«

»Und warum denkst du nicht, wie deine Mutter, meine Liebe?« sagte der Zwerg, indem er sich um- und an seine Frau wandte. »Warum ahmst du nicht immer deine Mutter nach, meine Liebe? Sie ist eine Zierde ihres Geschlechts – ich zweifle nicht, daß dein Vater jeden Tag seines Lebens so sprach.«

»Ihr Vater war eine gesegnete Creatur, Quilp, und zwanzigtausendmal so viel werth, als gewisse Leute,« versetzte Frau Jiniwin, »ja, hundertzwanzigtausend millionenmal.«

»Ich hätte ihn doch auch kennen mögen,« bemerkte der Zwerg. »Ohne Zweifel war er damals eine gesegnete Creatur, aber ich bin überzeugt, daß er jetzt noch mehr ist. Es war eine glückliche Erlösung. Ich glaube, er hat lange leiden müssen?«

Die alte Dame öffnete den Mund, aber es wollte nichts herauskommen. Quilp fuhr mit dem gleichen boshaften Blicke und der gleichen sarkastischen Höflichkeit fort:

»Sie sehen übel aus, Frau Jiniwin; ich weiß, Sie haben sich zu sehr erhitzt, im Sprechen vielleicht, denn das ist Ihre Schwäche. Gehen Sie zu Bette, gehen Sie zu Bette.«

»Ich werde gehen, wenn es mir beliebt, Quilp, und nicht früher.«

»So belieben Sie, jetzt zu gehen. Belieben Sie, jetzt zu gehen,« sagte der Zwerg.

Die alte Frau warf ihm einen zornigen Blick zu, zog sich aber zurück, als er näher trat, flüchtete sich und ließ sich's gefallen, daß er die Thüre hinter ihr schloß und sie von den Gästen absperrte, welche sich indessen die Treppe hinunter drängten. Sobald der kleine Mann allein mit seinem Weibe war, die zitternd, mit niedergeschlagenen Augen, in einer Ecke saß, trat er vor sie hin, schlug die Arme zusammen und sah sie, ohne zu sprechen, eine Weile fest an.

»Frau Quilp,« sagte er endlich.

»Ja, Quilp,« entgegnete sie demüthig.

Statt den Gegenstand, den er im Sinne hatte, zu verfolgen, schlug Quilp seine Arme abermals zusammen und sah sie noch ernster als zuvor an, während sie ihren Blick abwandte und zur Erde senkte.

»Frau Quilp.«

»Ja, Quilp.«

»Wenn du je wieder auf diese Hexen hörst, so werde ich dich beißen.«

Nach dieser lakonischen Drohung, welche mit einem Knurren begleitet wurde, die verrieth, wie besonders ernstlich es der kleine Mann meinte, befahl ihr Herr Quilp, den Theetisch zu räumen und den Rum zu bringen. Sobald ihm das geistige Getränk in einer großen Futteralflasche, welche ursprünglich aus irgend einem Schiffsschranke kam, gereicht wurde, verlangte er kaltes Wasser und die Cigarrrenbüchse; und so vorgesehen, setzte er sich in einen Armstuhl, indem er seinen großen Kopf gegen die hintere Lehne drückte und seine kleinen Beine auf den Tisch pflanzte.

»Nun, Frau Quilp,« sagte er, »ich befinde mich jetzt in einer Rauchlaune und werde wahrscheinlich die ganze Nacht durch dampfen. Du wirst daher gefällig sitzen bleiben, wo du bist, für den Fall, daß ich etwas von dir brauchen sollte.«

Sein Weib antwortete nur mit der gewöhnlichen Erwiederung »ja, Quilp,« und der kleine Herr zündete seine erste Cigarre an und mischte sein erstes Glas Grog. Die Sonne ging unter und die Sterne blinkten am Himmel; der Tower wandelte seine eigenthümliche Farbe in eine graue und dann eine schwarze um; das Zimmer wurde vollkommen dunkel und das Ende der Cigarre tief feuerroth; aber noch immer rauchte und trank Herr Quilp in derselben Stellung fort und stierte gleichgültig durch das Fenster, stets das nämliche, hundeartige Lächeln auf dem Gesichte, indem es sich nur, wenn Frau Quilp eine unfreiwillige Bewegung der Unruhe oder der Ermüdung machte, in ein entzücktes Grinsen umwandelte.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.