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Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Erster Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150121
modified20180917
projectid46ce39a3
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Der Raritätenladen.

Drittes Kapitel

Dicht hinter dem Kinde erschien ein ältlicher Mann mit merkwürdig harten Zügen, einem abstoßenden Aeußern und von so kleiner Gestalt, daß man ihn wohl für einen Zwerg betrachten konnte, obgleich Kopf und Gesicht selbst für den Körper eines Riesen noch groß genug gewesen wäre. Seine schlauen schwarzen Augen rollten verschmitzt umher; Mund und Kinn starrten von den Stoppeln eines rauhen, harten und stacheligen Bartes, und seine Gesichtsfarbe konnte man weder rein noch gesund nennen. Was aber den grotesken Ausdruck seines Gesichtes noch erhöhte, war ein unheimliches Lächeln, welches – augenscheinlich das bloße Ergebniß der Gewohnheit – durchaus mit keinem heitern und behaglichen Gefühle in Verbindung stand und ihm ganz das Aussehen eines keuchenden Hundes gab, indem es die mißfarbigen Paar Fanger, welche noch in seinem Munde staken, zur Schau stellte. Sein Anzug bestand aus einem großen Hute mit hoher Krone, abgetragenen schwarzen Kleidern, einem Paar sehr umfangreicher Schuhe und einem schmutzigen weißen Halstuche, das bereits hinreichend zerknüllt war, um den größten Theil des scharf hervortretenden Gurgelknopfes sichtbar werden zu lassen. Die vorhandenen Haare waren schwärzlich-grau, kurz abgeschnitten und gegen die Schläfe hereingestrichen, während sie gegen die Ohren als zottige Franse überhingen. Seine schmutzigen Hände hatten eine rauhe, grobe Haut, und die langen, krummen Fingernägel eine gelbe Farbe.

Ich hatte hinreichend Zeit, aller dieser Einzelheiten gewahr zu werden, denn sie waren, selbst für einen flüchtigen Beobachter, augenfällig genug, und es verging eine geraume Weile, ehe das Schweigen von irgend einer Seite unterbrochen wurde. Die Kleine trat schüchtern auf ihren Bruder zu und legte ihre Hand in die seinige, während der Zwerg (wenn wir ihn so nennen dürfen) mit scharfem Blicke alle Anwesenden musterte, und der Raritätenkrämer, welcher augenscheinlich diesen ungeschlachten Besuch nicht erwartet hatte, verwirrt und verlegen zu sein schien.

»Ah!« sagte der Zwerg, nachdem er mit über die Augen gehaltener Hand den jungen Mann aufmerksam betrachtet hatte, »das sollte also Ihr Enkel sein, Nachbar?«

»Sagen Sie lieber, er sollte es nicht sein,« versetzte der alte Mann. »Aber leider ist er es.«

»Und dieser?« fuhr der Zwerg fort, indem er auf Dick Swiveller zeigte.

»Ein Freund von ihm, und hier ein eben so willkommener Gast, als er selbst,« antwortete der alte Mann.

»Und der?« fragte der Zwerg weiter, indem er sich umdrehte und auf mich deutete.

»Ein Herr, der so gütig war, Nell nach Hause zu führen, als sie sich letzthin auf dem Rückweg von Ihrem Hause verirrte.«

Der kleine Mann wandte sich nach dem Kinde um, als wolle er mit ihr schmälen oder seine Verwunderung über ihre Ungeschicklichkeit ausdrücken; da sie jedoch mit dem jungen Manne sprach, so schwieg er und beugte den Kopf vor, um zuzuhorchen.

»Nun, Nelly,« sagte der junge Mensch laut, »man lehrt dich wohl, mich zu hassen, nicht wahr?«

»Nein, nein – pfui, schäme dich. O nein!« rief das Kind.

»Oder mich zu lieben vielleicht?« fuhr der Bruder mit einem Hohnlachen fort.

»Keines von beiden,« entgegnete sie. »Man spricht nie von dir. Gewiß, es geschieht nie.«

»Darauf wollte ich schwören,« sagte er, indem er einen bittern Blick nach seinem Großvater schießen ließ. »Ja, darauf wollte ich schwören, Nell. Ich will dir hier auf's Wort glauben.«

»Aber ich liebe dich innig, Fritz,« erwiederte das Kind.

»Kein Zweifel!«

»O gewiß, und ich will es immer thun,« wiederholte das Kind mit großer Bewegung. »Aber ach, wenn du nur aufhören wolltest, ihn zu kränken und ihn unglücklich zu machen, so könnte ich dich noch mehr lieben.«

»Ich sehe!« sagte der junge Mann, beugte sich unbekümmert über das Kind nieder und schob es, nachdem er es geküßt hatte, von sich. – »So – jetzt kannst du gehen; du hast deine Lection aufgesagt. Du brauchst nicht zu wimmern. Wenn du weiter nichts weißt, so kommen wir gut genug auseinander.«

Dann schwieg er und folgte ihm mit den Augen, bis es sein kleines Zimmer erreicht und die Thüre hinter sich abgeschlossen hatte, worauf er sich an den Zwerg wandte und abgebrochen begann:

»Hören Sie, Herr –«

»Meinen Sie mich?« entgegnete der Zwerg. »Quilp ist mein Name. Sie können ihn leicht behalten, da er nicht lang ist – Daniel Quilp.«

»So hören Sie denn, Herr Quilp,« fuhr der Andere fort, »Sie haben einigen Einfluß auf meinen Großvater hier.«

»Einigen,« entgegnete Herr Quilp mit Nachdruck.

»Und wissen wohl ein wenig von seinen Geheimnissen?«

»Ein wenig,« erwiederte Quilp eben so trocken.

»So mag er durch Sie ein für alle Mal erfahren, daß ich an diesem Orte, so lange Nell hier ist, ein- und ausgehen will, so oft es mir beliebt, und daß er zuerst sie entfernen muß, wenn er meiner los werden will. Was habe ich gethan, daß man mich zu einem Popanz macht und mich scheut und fürchtet, als ob ich die Pest hätte? Er wird Ihnen sagen, daß mir das Gemüth fehle und daß ich mich um Nell, wegen ihrer selbst, eben so wenig, als um ihn kümmere. Doch sei's d'rum. Ich leide nun eben einmal an der Grille, ab- und zuzugehen, um sie wenigstens an mein Vorhandensein zu erinnern. Ich will sie sehen, so oft es mir beliebt – darauf habe ich es jetzt abgesehen. Ich kam heute her, um meine Absicht durchzusetzen, und will noch fünfzig Mal zu dem gleichen Zwecke und stets mit demselben Erfolg wieder kommen. Ich sagte, daß ich nicht von der Stelle gehe, ohne mein Vorhaben erreicht zu haben. Das ist jetzt geschehen und mein Besuch zu Ende. Komm, Dick.«

»Halt!« rief Herr Swiveller, als sich sein Kamerad der Thüre zuwandte, »Sir!«

»Gehorsamer Diener, Sir,« versetzte Herr Quilp, an den dieses einsilbige Wort gerichtet war.

»Ehe ich diesen heiteren und festlichen Schauplatz, diese Hallen voll blendenden Lichtes mit dem Rücken ansehe, Sir,« sagte Herr Swiveller, »will ich mit Dero Wohlnehmen mir eine kleine Bemerkung erlauben. Ich kam heute in der Meinung hieher, daß der alte Mann freundlich sei.«

»Weiter, Sir,« sprach Daniel Quilp; denn der Redner hatte plötzlich Halt gemacht.

»Inspirirt von diesem Gedanken und den dadurch geweckten Gefühlen, Sir, und zugleich als wechselseitiger Freund empfindend, daß Quälen, Hetzen und Renommiren nicht geeignet ist, die Seelen zu erweitern und die gesellige Harmonie der streitenden Parteien zu fördern, nahm ich es auf mich, einen Weg anzudeuten, welcher einzig und allein in dem gegenwärtigen Falle eingeschlagen werden kann. Wollen Sie mir erlauben. Ihnen eine halbe Silbe in's Ohr zu flüstern, Sir?«

Ohne die nachgesuchte Erlaubniß abzuwarten, trat Herr Swiveller auf den Zwerg zu, lehnte sich auf seine Schulter, beugte sich zu seinem Ohr herunter und sagte mit einer Stimme, welche allen Anwesenden vollkommen vernehmlich war:

»Das Losungswort für den alten Mann heißt – Blechen.«

»Wie?« fragte Quilp.

»Heißt Blechen, Sir, Blechen,« wiederholte Herr Swiveller, aus seine Tasche klopfend.

Der Zwerg nickte. Herr Swiveller zog sich zurück und nickte gleichfalls, trat abermals einen Schritt nach der Thüre und nickte nochmals, und so fort, bis er endlich die Thüre erreicht hatte, wo er durch einen kräftigen Hustenstoß die Aufmerksamkeit des Zwerges auf sich zu lenken und eine Gelegenheit zu gewinnen suchte, durch eine stumme Pantomime sein Vertrauen an den Tag zu legen und die unverbrüchlichste Zufriedenheit einzuschärfen. Nachdem er dieses ernste Geberdenspiel, welches zu geeigneter Erläuterung seiner Ideen nöthig gewesen, beendigt hatte, folgte er den Fußtapfen seines Freundes und verschwand.

»Hum!« sagte der Zwerg mit saurer Miene und einem Achselzucken, »das ist ja eine ganz liebe Verwandtschaft. Gott sei Dank! ich will von keiner etwas wissen. Und auch Sie hätten's nicht nöthig,« fügte er gegen den alten Mann bei, »wenn Sie nicht so schwach wären, wie ein Rohr, und fast eben so unverständig.«

»Und was sollte ich denn eigentlich thun?« versetzte dieser in einer Art hilfloser Verzweiflung. »Es ist leicht, zu schwatzen und Einen zu verhöhnen. Was hätte ich thun sollen.«

»Das Nämliche, was ich in Ihrem Falle gethan haben würde,« entgegnete der Zwerg.

»Ohne Zweifel etwas Gewaltsames?«

»Errathen,« erwiederte der kleine Mann, höchlich über dieses Compliment vergnügt (denn als ein solches betrachtete er es augenfällig), indem er wie ein Teufel grinste und zugleich seine schmutzigen Hände rieb. Fragen Sie die Frau Quilp, die hübsche Frau Quilp, die gehorsame, schüchterne, liebevolle Frau Quilp. Doch das erinnert mich – ich habe sie allein zu Hause gelassen, sie wird besorgt sein und keinen Augenblick Ruhe haben, bis ich wieder daheim bin. Ich weiß, es geht ihr immer so, wenn ich meine Wohnung verlasse, obgleich sie es nicht zu gestehen wagt, wenn ich sie nicht selbst dazu veranlasse und sie auffordere, frei herauszusprechen, da ich ihr nicht zürnen wolle. Ach, die Frau Quilp ist eine wohlgezogene Frau!«

Das kleine Ungethüm sah mit seinem monströsen Kopfe auf dem verkrüppelten Rumpfe ganz entsetzlich aus, während es die Ballen seiner Hände langsam aufeinander hin- und herdrehte – es lag sogar in dieser unbedeutenden Bewegung etwas Phantastisches – und, die buschigen Brauen senkend und das spitzige Kinn in die Luft schiebend, mit einem heimlichen Blick des Entzückens, um welchen ihn ein Kobold hätte beneiden können, in die Höhe schaute.

»Da,« fuhr er fort, indem er die Hand in seine Brusttasche steckte und, während er sprach, den alten Mann bei Seite nahm; »ich habe es, aus Furcht vor einem Unfall, selbst mitgebracht; denn es ist Gold und dürfte daher für Nell's Beutel etwas zu schwer und zu groß sein. Man sollte sie übrigens doch hin und wieder an solche Lasten gewöhnen, Nachbar, denn sie wird schwer daran zu schleppen haben, wenn Sie einmal todt sind.«

»Gebe es Gott – ich hoffe so,« sagte der alte Mann mit einer Begleitung, die fast wie ein Seufzer klang.

»Hoffe so?« wiederholte der Zwerg, indem er dicht an das Ohr des Alten trat. »Nachbar, ich wollte, ich wüßte, auf welchen guten Hypotheken all' diese Vorräthe angelegt sind. Aber Sie sind ein verschwiegener Mann und wissen Ihr Geheimniß zu bewahren.«

»Mein Geheimniß?« rief der Andere mit einem hohlen Blicke. »Ja, Sie haben Recht – ich – ich – bewahre es sorgfältig – sehr sorgfältig.«

Er sagte nichts weiter, sondern nahm das Geld und entfernte sich mit langsamen, unsicheren Tritten, während er mit der Miene der Ermattung und Trostlosigkeit die Hand auf die Stirne drückte. Der Zwerg sah ihm mit scharfen Blicken nach, als er in das kleine Hinterstübchen ging und das eben Erhaltene in eine eiserne Schatulle über dem Kamingesims verschloß. Nachdem er sinnend eine Weile auf- und abgegangen war, traf er Vorkehrungen, sich zu entfernen, indem er zugleich bemerkte, wenn er nicht sehr eile, werde Frau Quilp bei seiner Nachhausekunft gewiß Krämpfe kriegen.

»Ich will daher,« fügte er bei, »mein Gesicht heimwärts drehen, Nachbar. Einen schönen Gruß an Nelly, und ich hoffe, sie werde ihren Weg nicht wieder verlieren, obgleich ich diesem Umstande eine unerwartete Ehre verdanke.«

Unter diesen Worten verbeugte er sich mit einem Schielblicke gegen mich und ging seines Weges, wobei er mit seinem Falkenauge jeden, auch den unbedeutendsten Gegenstand, welchen es erreichen konnte, zu erfassen schien.

Ich hatte schon zu wiederholten Malen im Sinne gehabt, mich gleichfalls zu entfernen; aber der alte Mann hatte immer etwas einzuwenden, und bat mich, zu bleiben. Da er, als wir allein waren, seine Bitten erneuerte und unter vielem Dank auf den früheren Anlaß unseres Zusammentreffens zurückkam, so gab ich bereitwillig seinem Zureden nach und nahm Platz, indem ich that, als interessirten mich einige wunderliche Miniaturbilder und ein Paar alte Medaillen, welche er mir vorlegte. Es bedurfte keines sonderlichen Drängens, um mich zum Bleiben zu veranlassen, denn wenn meine Neugierde schon bei Gelegenheit meines ersten Besuches erregt worden war, so diente gewiß der zweite nicht dazu, sie zu vermindern.

Nell war wieder in's Zimmer getreten und hatte sich an der Seite des alten Mannes zu einer weiblichen Arbeit niedergesetzt. Es war lieblich, die frischen Blumen im Gemache und den Lieblingsvogel, dessen kleiner Käfig mit einem Zweig beschattet war, zu sehen, und die jugendliche Frische zu athmen, welche das öde, alte Haus zu durchdringen und das Kind zu umschweben schien. Weniger angenehm, aber doch auch interessant, war es, den Blick von der Schönheit und Anmuth des Mädchens auf die gebeugte Gestalt, das abgehärmte Gesicht und das abgemattete Aeußere des alten Mannes zu richten. Was mußte aus diesem einsamen, kleinen Wesen werden, wenn er schwächer und immer schwächer wurde? Er war zwar nur ein armseliger Beschützer; aber wenn er starb – was mußte denn ihr Loos sein?

Der alte Mann schien fast auf meine Gedanken zu antworten, als er seine Hand auf die ihrige legte und sprach:

»Ich will den Muth nicht länger sinken lassen, Nell,« sagte er. »Es muß dir noch ein schönes Glück vorbehalten sein – ich wünsche es nicht für mich, sondern um deinetwillen. Es muß ja ohnehin so viel Elend auf dein unschuldiges Haupt fallen, daß ich nicht anders glauben kann, es wird sicherlich am Ende noch kommen, wenn man es nur versucht.«

Sie sah heiter zu seinem Gesichte auf, ohne eine Antwort zu geben.

»Wenn ich,« – fuhr er fort – »wenn ich an die vielen Jahre denke, – viel für dein kurzes Leben, – die du allein bei mir zugebracht hast, an dein einförmiges Dasein, ohne Gefährten deines Alters für deine kindischen Spiele zu besitzen, an die Abgeschiedenheit, in welcher du wurdest, was du bist, und in der du fast von dem ganzen Menschengeschlecht getrennt lebtest, einen einzigen alten Mann ausgenommen – ach, dann fürchte ich bisweilen, nicht an dir gehandelt zu haben, wie ich hätte thun sollen, Nell.«

»Großvater!« rief das Kind mit ungeheucheltem Erstaunen.

»Nicht absichtlich, – nein, nein,« sagte er. »Ich habe immer der Zeit entgegen gesehen, welche dich in den Stand setzen würde, mit den Frohesten und Schönsten umzugehen und unter den Besten deinen Platz einzunehmen. Aber ich harre noch immer, Nell – ich harre noch immer; und wenn ich genöthigt wäre, dich zu verlassen – wie habe ich dich inzwischen für die Welt vorbereitet? Der arme Vogel dort wäre eben so gut im Stande, sich in ihr Gewühl zu stürzen und sich ihrer Gnade anheim zu geben. – Horch! Ich höre Kit draußen. Geh' zu ihm, Nell, geh' zu ihm.«

Sie stand auf und wollte forteilen; dann aber machte sie Halt, kehrte wieder um und schlang den Arm um den Hals des alten Mannes, worauf sie ihn losließ und abermals wegeilte – dießmal aber schneller, um ihre fallenden Thränen zu verbergen.

»Ein Wort in's Ohr, Sir,« begann der Alte mit einem raschen Flüstern. »Was Sie mir letzthin sagten, hat mich unruhig gemacht, und kann blos zur Entschuldigung vorbringen, daß ich Alles in der besten Absicht that – daß es jetzt zu spät ist, es zu ändern, selbst wenn ich könnte (obgleich dieß nicht der Fall ist), und daß ich doch noch zu triumphiren hoffe. Alles geschieht nur um ihretwillen. Ich selbst habe die Bitterkeit der Armuth getragen und ich möchte ihr die Leiden ersparen, welche der Mangel mit sich führt. Ich möchte sie von dem Elend verschont wissen, das ihrer Mutter, meiner lieben Tochter, ein frühes Grab bereitete. Ich möchte sie zurücklassen – nicht mit Hilfsquellen, die leicht erschöpft und verschleudert sind, sondern mit solchen, welche sie für immer gegen die Möglichkeit des Mangels schützen. Sie verstehen mich, Sir? Sie soll sich nicht mit einer Kleinigkeit begnügen müssen, sondern ein Vermögen – – Bst! Ich kann weder jetzt, noch zu einer andern Zeit mehr sagen, – und da kömmt sie schon wieder.«

Der Eifer, womit er mir dieß in's Ohr flüsterte, die zitternde Hand, mit der er meinen Arm umfaßte, die starren, hervorgequollenen Augen, welche er auf mich richtete, die wilde Heftigkeit und Aufgeregtheit seines Benehmens – Alles dieses erfüllte mich mit Staunen. Was ich noch gehört und gesehen, zum Theile auch von ihm selbst erfahren hatte, führte mich auf die Annahme, daß er ein reicher Mann sei. Ich konnte mir seinen Charakter nicht anders denken, als den eines jener elenden Geschöpfe, welche, nachdem sie den Gelderwerb zu ihrem einzigen Lebenszweck gemacht und es so weit gebracht haben, große Reichthümer aufzuhäufen, beständig durch die Furcht vor Verarmung gequält werden und ohne Unterlaß von Verlusten und Ruin träumen. Manches von dem, was mir in seinen Worten unverständlich geblieben, ließ sich recht gut mit dieser Annahme vereinigen, und endlich zweifelte ich nicht im Geringsten mehr, daß ich es hier mit einem derartigen Unglücklichen zu thun habe.

Diese Ansicht war nicht das Ergebniß einer hastigen Erwägung, wozu ich in der That vor der Hand keine Gelegenheit hatte, denn das Kind kam jetzt wieder zurück und schickte sich an, Kit Unterricht im Schreiben zu ertheilen, was wöchentlich zweimal, und zwar regelmäßig an diesem Abend, zu geschehen schien, – gewiß zur großen Freude und Erbauung des Schülers sowohl, als der Lehrerin. Zu berichten, wie lange es anstand, bis es ihm seine Bescheidenheit zuließ, in Gegenwart eines unbekannten Herrn sich im Wohnzimmer zu setzen – wie er, als er saß, seine Rockärmel zurückschlug, die Ellenbogen spreizte, das Gesicht fast in eine gleiche Tiefe mit dem Schreibebuch brachte und fürchterlich über die Linien wegschielte – wie er vom ersten Augenblicke an, als er die Feder in der Hand hatte, allenthalben umherkleckste und sich bis zu den Haarwurzeln hinauf mit Tinte besudelte – wie er, wenn ihm zufällig ein Buchstabe gelang, diesen gleich wieder mit dem Arme auslöschte, weil er sich für eine andere derartige Malerei vorbereitete – wie bei jedem neuen Fehlzuge das Kind in ein heiteres Lachen ausbrach, das von einem noch lauteren, nicht weniger herzlichen aus dem Munde Kit's begleitet wurde – und wie trotz dem weder in ihr der zarte Wunsch, zu lehren, noch in ihm das eifrige Verlangen, zu lernen, erschlaffte: – all' diese Einzelheiten zu berichten, würde ohne Zweifel mehr Raum und Zeit wegnehmen, als sie verdienen. Es wird hinreichend sein, zu sagen, daß der Unterricht gegeben wurde – daß der Abend verging und die Nacht einbrach – daß der alte Mann wieder unruhig und ungeduldig wurde – daß er zu derselben Stunde, wie letzthin, das Haus verließ – und daß das Kind wieder einmal allein in den düsteren Mauern blieb.

Und nun ich diese Geschichte persönlich so weit begleitet und die Haupthelden dem Leser vorgestellt habe, werde ich, im Interesse der Erzählung, für die Zukunft meine Wenigkeit aus dem Spiele lassen, da fortan diejenigen, welchen wichtige und bedeutende Rollen übertragen sind, für sich selbst sprechen und handeln sollen.


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