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Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band

Charles Dickens: Master Humphrey's Wanduhr. Erster Band - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMaster Humphrey's Wanduhr. Erster Band
publisherVerlag von Carl Zieger
printrunDritte Auflage
yearo.J.
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
senderbruce.welch@gmx.net
created20150221
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Der Raritätenladen. Zweites Kapitel

Nachdem ich fast eine Woche lang das Gefühl bekämpft hatte, welches mich antrieb, den Ort wieder zu besuchen, welchen ich unter den bereits mitgetheilten Umständen verlassen hatte, gab ich endlich demselben nach. Ich beschloß jedoch, dießmal mich im Lichte des Tages zu zeigen, und lenkte daher meine Schritte in den ersten Stunden des Nachmittags in jene Gegend.

Ich ging an dem Hause vorbei und mehreremale in der Straße auf und ab, mit jener Art von Zögern, welche bei Leuten gewöhnlich ist, die einen jedenfalls unerwarteten, wo nicht gar unangenehmen Besuch Vorhaben. Da jedoch die Ladenthüre geschlossen war und ich von den Leuten im Innern nicht erkannt zu werden glaubte, wenn ich fortführe, vor dem Hause auf- und abzugehen, so überwand ich meine Unschlüssigkeit und befand mich bald in dem Magazine des Raritätenkrämers.

Der alte Mann stand mit noch einer Person im Hintergründe, und Beide schienen in einem lebhaften Wortwechsel begriffen gewesen zu sein, denn ihre zuvor sehr lauten Stimmen schwiegen plötzlich bei meinem Eintritt, während der alte Mann hastig auf mich zukam und in einem bebenden Tone sagte, es freue ihn sehr, daß ich gekommen sei.

»Sie haben uns in einem kritischen Augenblicke unterbrochen,« fuhr er fort, indem er auf den Mann deutete, welcher sich in dem Laden befand. »Jener Mensch wird mich dieser Tage noch umbringen. Er würde es schon längst gethan haben, wenn er den Muth dazu gehabt hätte.«

»Bah! Sie würden mir mit einem Eide das Leben nehmen, wenn Sie könnten,« entgegnete der andere mit einem stechenden Zornblicke auf mich, »wir Alle kennen das!«

»Ich glaube fast, daß ich es könnte,« rief der alte Mann, indem er sich kraftlos nach ihm umwandte. »Wenn Eide, Gebete oder Worte mich von dir erlösen könnten, so sollte es gewiß geschehen. Ich wäre deiner ledig und getröstet, wenn du todt wärest.«

»Ich weiß es,« versetzte der Andere. »Und habe ich es nicht voraus gesagt?« Aber weder Eide noch Gebete, noch Worte werden mich tödten; ich bleibe daher am Leben und habe im Sinne, fortzuleben!«

»Und seine Mutter starb!« rief der alte Mann, leidenschaftlich die Hände zusammenschlagend und nach oben blickend. »Ist das die Gerechtigkeit des Himmels?«

Der andere stand nachlässig mit dem Fuße auf einem Stuhl und betrachtete den Alten mit einem verächtlichen Hohnlächeln. Er war ein junger Mann von einundzwanzig Jahren oder darüber, wohlgebildet und sogar schön, obgleich der Ausdruck seines Gesichts nicht weniger als ansprach, sondern im Gegentheil um der liederlichen und unverschämten Miene willen – Züge, die sich auch außerdem in seinem ganzen Benehmen und sogar in seiner Kleidung ausdrückten – abstoßend wirkte.

»Gerechtigkeit oder nicht,« erwiederte der junge Bursche; »ich bin hier und werde hier bleiben, bis es mir gut dünkt, zu gehen, es müßte denn sein, daß Sie Leute herbeiriefen, um mich hinauswerfen zu lassen – und das thun Sie nicht, wie ich wohl weiß. Ich sage Ihnen noch einmal, daß ich meine Schwester sehen will.«

» Deine Schwester?« versetzte der alte Mann mit Bitterkeit.

»Je nun. Sie können die Verwandtschaft nicht ändern,« entgegnete der Andere: »denn, wenn Sie's könnten, so würden Sie es längst gethan haben. Ich will meine Schwester sehen, die Sie hier eingesperrt halten, und deren Gemüth Sie mit ihren schlauen Geheimnissen und ihrer angeblichen Liebe für sie vergiften, während sie sich auf Ihr Geheiß zu Tod arbeiten muß, damit Sie jede Woche etliche schäbige Shillinge dem Gelde beifügen können, welches Sie ohnehin kaum zu zählen im Stande sind. Ich bestehe darauf, sie zu sehen, und werde meinen Willen durchzusetzen wissen.«

»Ein feiner Moralist, um von vergifteten Gemüthern zu sprechen! Ein hoher Geist, der über schäbige Shillinge spottet!« rief der alte Mann, sich von ihm ab an mich wendend. »Ein Elender, Sir, der jeden Anspruch nicht nur an diejenigen, welche das Unglück haben, durch die Bande des Bluts mit ihm verbunden zu sein, sondern an die ganze menschliche Gesellschaft, welche nichts von ihm als seine Unthaten kennt, verwirkt hat. Noch obendrein ein Lügner,« fügte er mit leiserer Stimme bei, indem er mir näher rückte, »der recht wohl weiß, wie theuer sie mir ist, demungeachtet aber mich sogar in diesem Punkte zu verwunden sucht, und nur um der Anwesenheit eines Fremden willen.«

»Ich mache mir nichts aus Fremden, Großvater,« sagte der junge Bursche, welcher die letzten Worte aufgefangen hatte, »wie sie auch hoffentlich sich nicht um mich kümmern werden; denn sie können nichts besseres thun, als für ihre eigenen Angelegenheiten sorgen, und mich den meinigen überlassen. Draußen harrt einer meiner Freunde, und da es den Anschein hat, als ob ich noch einige Zeit warten müsse, so will ich ihn, mit Ihrer Erlaubniß, hereinrufen.«

Mit diesen Worten trat er an die Thüre, sah die Straße hinab und winkte mehreremale einer uns sichtbaren Person, welche – den ungeduldigen Geberden zufolge, womit die Winke begleitet wurden – einer ziemlichen Ueberredung zu bedürfen schien, um näher zu kommen. Endlich schlenderte von der andern Seite des Weges herüber – unter dem abgenützten Vorwände, als gehe sie nur zufällig vorüber – eine Gestalt, die man einen wahren Ausbund von schmutziger Eleganz nennen konnte; unter vielem Stirnenrunzeln und Kopfschütteln, wodurch sie ihre Abneigung gegen die Benützung einer solchen Einladung zu erkennen gab, kam sie endlich heran und trat in den Laden.

»So. Dieß ist Dick Swiveller,« sagte der junge Bursche, indem er seinen Freund hereinzog. »Setz' dich, Swiveller.«

»Ist's aber auch dem alten Manne recht?« entgegnete Herr Swiveller leise.

»Setz' dich,« wiederholte sein Kamerad.

Herr Swiveller willfahrte und bemerkte, indem er mit einem versöhnenden Lächeln um sich blickte, daß die letzte Woche eine schöne Woche für die Enten gewesen wäre, und die gegenwärtige eine schöne für den Staub sei; ferner berichtete er, daß er, während er an der Sraßenecke gewartet, ein Schwein mit einem Strohwische im Maul habe aus einem Tabaksladen herauskommen sehen, aus welchem Umstande er prophezeite, daß bald wieder eine schöne Woche für die Enten kommen werde, denn nothwendig müsse es demnächst regnen. Sodann ersah er die Gelegenheit, sich wegen der Nachlässigkeit, die allenfalls in seinem Anzug bemerklich sein dürfte, zu entschuldigen, weil er, »die letzte Nacht zu sehr die Sonne in den Augen gehabt habe« – ein Ausdruck, womit er seinen Zuhörern auf die zarteste Weise von der Welt andeuten wollte, daß er schwer betrunken gewesen sei.

»Doch,« fuhr Herr Swiveller mit einem Seufzer fort – »was will das heißen, so lange das Feuer der Seele seinen Zündstoff von dem Kerzenlichte der Gesellschaft erhält, und der Fittig der Freundschaft nie eine Feder verliert? Was will das heißen, so lange der Geist sich erweitert unter dem Einflüsse des rosigen Weins und der gegenwärtige Augenblick der am mindesten glückliche unseres Daseins ist!«

»Du brauchst hier keine Präsidentenrolle zu spielen,« sagte sein Freund halb bei Seite.

»Fritz!« rief Herr Swiveller, mit dem Finger seine Nase berührend, »ein Wort ist für den Weisen zureichend. Wir können ohne Reichthümer gut und glücklich sein, Fritz. Du brauchst keine Sylbe mehr zu reden. Ich kenne mein Stichwort – es heißt Schlauheit. Nur noch ein Wort in's Ohr, Fritz – ist der alte Mann freundlich?«

»Kümmere dich nicht darum,« versetzte sein Freund.

»Abermals recht, ganz recht,« sagte Herr Swiveller. »Es gilt Vorsicht, und vorsichtig wollen wir auch handeln.«

Mit diesen Worten blinzelte er, als sei er im Besitz irgend eines tiefen Geheimnisses; dann schlug er die Arme zusammen, lehnte sich in dem Stuhle zurück und sah mit großer Gravität an die Decke.

Dem Vorgange zufolge hätte man nicht ohne scheinbaren Grund muthmaßen können, Herr Swiveller habe sich noch immer nicht ganz von den Wirkungen des von ihm angedeuteten mächtigen Sonnenlichtes erholt; wäre aber auch ein solcher Verdacht nicht durch seine Sprache veranlaßt worden, so würden jedenfalls seine in die Höhe stehenden, borstigen Haare, die trüben Augen und das gelbe Gesicht kräftiges Zeugniß gegen ihn abgelegt haben. Sein Anzug war, wie er selbst angedeutet hatte, nicht in der schönsten Ordnung, sondern sah im Gegentheil ganz so aus, als wäre der Eigenthümer damit im Bette gelegen. Er bestand aus einem braunen Fracke mit vielen Messingknöpfen vorn und nur einem einzigen hinten, einem hellfarbigen gewürfelten Halstuche, eine Plaidweste, schmutzigen, weißen Beinkleidern und einem sehr vermürbten Hut, dessen Hinterseite er nach vorn gekehrt hatte, um ein Loch in der Krämpe zu verbergen. Die Brust seines Frackes war außen mit einer Tasche verziert, aus welcher der reinste Zipfel eines sehr großen und arg mitgenommenen Schnupftuchs heraussah; seine schmutzigen Manschetten waren so weit als möglich hervorgezogen und Ostentations halber über die Aermelaufschläge zurückgeschlagen: er hatte keine Handschuhe und trug ein gelbes spanisches Rohr mit einer Hand als Knopf, welche eine schwarze Kugel umspannte, und an deren kleinen Finger sich eine Art Ring befand. Mit solchen persönlichen Vorzügen ausgestattet, wozu sich noch ein starker Geruch nach Tabak und eine sehr schmierige Außenseite gesellte, lehnte sich Herr Swiveller, die Augen an die Decke geheftet, in seinem Stuhle zurück, wobei er gelegentlich seine Stimme zu der nöthigen Höhe steigerte, weil er die Gesellschaft mit einigen Tacten einer ungemein gräßlichen Arie erfreuen zu müssen glaubte, dann aber wieder in der Mitte einer Note abbrechend, in sein früheres Schweigen versank.

Der alte Mann setzte sich in einen Stuhl und sah mit gefalteten Händen bald auf seinen Enkel, bald auf dessen seltsamen Gefährten, als fühle er sich außer Stand und aller Mittel beraubt, sich ihrer zu erwehren, weßhalb er sie nach Belieben schalten und walten lassen müsse. Der junge Mann lehnte sich in der Nähe seines Freundes an einen Tisch, augenscheinlich gleichgültig gegen Alles, was vorgegangen war; und ich – da ich die Schwierigkeit einer Vermittelung fühlte, obgleich mich der alte Mann durch Worte und Blicke dazu aufgefordert hatte – that so gut wie möglich, als betrachte ich die zum Verkauf ausgestellten Waaren, ohne mich viel um die Anwesenden zu kümmern.

Das Schweigen war nicht von langer Dauer, denn nachdem uns Herr Swiveller mit unterschiedlichen melodischen Versicherungen, daß sein Herz im Hochland sei, und daß er nur seines arabischen Rosses bedürfe, um Thaten der Tapferkeit und des treuen Gehorsams zu vollbringen, begünstigt hatte, ließ er die Augen von der Decke herabgleiten und geruhte wieder zur schlichten Prosa zurückzukehren.

»Fritz,« sagte Herr Swiveller, und hielt wieder inne, als ob ihm der Gedanke eben erst gekommen sei, worauf er in demselben hörbaren Flüstern, dessen er sich vorhin bedient hatte, fortfuhr: »ist der alte Mann freundlich?«

»Was geht es dich an?« erwiederte sein Freund verdrießlich.

»Nichts; aber ich möchte es doch wissen,« versetzte Dick.

»Es hat natürlich einen großen Werth für dich. Was kümmert's mich, ob er's ist oder nicht?«

Durch diese Antwort, wie es schien, ermuthigt, auf eine mehr allgemeine Unterhaltung einzugehen, hub es Herr Swiveller darauf ab, unsere Aufmerksamkeit zu fesseln.

Er begann mit der Bemerkung, obgleich Sodawasser an und für sich etwas Gutes sei, so liege es doch sehr kalt im Magen, wenn man es nicht mit Ingwer oder durch den Zusatz von Branntwein würze, welch' letzteren Artikel namentlich er in allen Fällen vorziehe, wenn dabei nicht der Kostenpunkt in Betracht komme. Da es Niemand wagte, diese Sätze zu bestreiten, so fuhr er fort, zu bemerken, daß der Geruch des Tabakrauchs am allerlängsten dem menschlichen Haare anhänge, und daß die jungen Gentlemen zu Westminster und Eton, wenn sie es versuchten, den Geruch gerauchter Cigarren durch das Speisen großer Quantitäten von Aepfeln vor ihren besorgten Freunden zu verbergen, gewöhnlich in Folge der genannten merkwürdigen Eigenschaft ihrer Köpfe entdeckt würden; er kam sofort zu dem Schlusse, die Royal-Society würde sich in der That als eine große Wohlthäterin des Menschengeschlechts erweisen, wenn sie diesem Umstande ihre Aufmerksamkeit zuwenden und im Bereich der Wissenschaft die Mittel aufzufinden suchen würde, derartigen unangenehmen Entdeckungen vorzubeugen. Da diese Ansichten so unumstößlich waren, als die früher ausgesprochenen, so schickte er sich an, uns zu belehren, daß der Jamaikarum, obgleich ohne Frage ein sehr geistvolles und wohlschmeckendes Getränk, doch den Nachtheil habe, einem den andern Morgen noch auf der Zunge zu liegen; und da auch diesen Punkt Niemand zu beantworten wagte, so stieg sein Selbstvertrauen, und er wurde mit jedem Augenblicke mittheilsamer und gesprächiger.

»Es ist ein Teufelsding, meine Herren,« sagte Herr Swiveller, »wenn Verwandte gegenseitig miteinander zerfallen. Der Fittig der Freundschaft sollte nie eine Feder verlieren, und der Fittig der Verwandtschaft sollte nie beschnitten werden, sondern immer heiter ausgespannt sein. Warum mögen auch Enkel und Großvater mit wechselseitiger Heftigkeit aneinander auffahren; wo doch Alles Segen und Eintracht sein könnte? Warum sich nicht die Hände reichen und vergessen?«

»Halt dein Maul,« sagte sein Freund.

»Mein Herr, ich muß bitten, daß der Präsident nicht unterbrochen wird,« versetzte Herr Swiveller. »Meine Herren, wie steht nun die Sache bei dem gegenwärtigen Anlasse? Hier ist ein jovialer alter Großvater – ich sage dieß mit der größten Achtung – und hier ein wilder junger Enkel. Der joviale alte Großvater sagt zu dem wilden jungen Enkel: ›Ich habe dich genährt und erzogen, Fritz; ich habe dich in die Lage gesetzt, daß du dich im Leben fortbringen kannst; du hast ein wenig hinausgeschlagen, wie es junge Leute oft thun, und dir bleibt keine weitere Aussicht, ja, nicht einmal der Schatten einer halben Aussicht.‹ – Der wilde junge Enkel gibt auf dieß eine Antwort und sagt: ›Sie sind so reich, als man sein kann; Sie haben meinetwegen keine ungewöhnlichen Kosten gehabt; Sie sparen Haufen Geldes für meine kleine Schwester, die mit Ihnen heimlich und verstohlen, so zu sagen, schlupfwinkelartig lebt, ohne daß sie irgend eine Freude hätte – warum können Sie nicht auch Ihrem erwachsenen Verwandten mit einer Kleinigkeit beispringen?‹ Der joviale alte Großvater erwiedert hierauf nicht nur, daß er es ablehnt, mit jener angenehmen Bereitwilligkeit, die bei einem Herrn in seiner Lebensstufe stets so erfreulich und wohlthuend ist, auszublechen, sondern meint sogar, der Teufel müßte ihn plagen, wenn er's thäte, theilt Unnamen aus und hält bei jeder Zusammenkunft moralische Vorlesungen. Die Frage liegt daher auf platter Hand, ist es nicht Jammerschade, daß ein solcher Zustand fortdauern soll, und wäre es nicht viel besser für den alten Herrn, mit einer ansehnlichen Partie Spieße auszurücken, um Alles recht und eben zu machen?«

Nach dieser Rede, welche mit vielem Gestikuliren und Händefuchteln vorgetragen worden war, steckte Herr Swiveller plötzlich den Knopf seines Rohres in den Mund, als ob er sich selbst hindern wolle, den Effekt seines Vortrags auch nur durch ein einziges weiteres Wort zu schwächen.

»Ach, daß sich Gott erbarmen möge – warum hetzest und verfolgest du mich?« sagte der alte Mann zu seinem Enkel. »Warum bringst du mir auch noch deine liederliche Kameradschaft hieher? Wie oft muß ich dir noch sagen, daß mein Leben eine Kette von Sorgen und Entbehrungen ist, und daß ich arm bin?«

»Wie oft muß ich Ihnen sagen, daß ich das besser weiß?« erwiederte der Andere.

»Du hast deine eigene Bahn gewählt,« sagte der alte Mann. »Folge ihr meinetwegen; aber mich und Nell laß arbeiten und thätig sein.«

»Nell muß bald groß sein,« entgegnete der Andere; und die Lehren, welche Sie ihr geben, werden sie veranlassen, ihres Bruders zu vergessen, wenn er sich nicht zuweilen zeigt.«

»Hüte dich,« versetzte der alte Mann mit funkelnden Augen, »daß sie deiner nicht vergißt, wo du ihr schärfstes Gedächtniß brauchen könntest. Sieh' dich vor, daß du nicht eines Tages barfuß durch die Straßen ziehst, wenn sie in ihrer eigenen Equipage einherfährt.«

»Sie meinen, wenn sie Ihr Geld hat?« erwiederte der Andere. »Wie schön doch seine Worte zu dem armen Manne passen!«

»Und doch,« sprach der alte Mann, indem er den Ton seiner Stimme in der Weise eines laut Denkenden dämpfte – »wie arm sind wir nicht, und was für ein Leben ist das unsrige! Es gilt einem zarten Kinde, das nie irgend Jemand ein Leides that, und demungeachtet will es nicht gehen. Doch nur Geduld, Geduld! Die Hoffnung wird nicht zu Schanden werden lassen.«

Diese Worte wurden zu leise gesprochen, als daß sie die Ohren der jungen Männer hätten erreichen können. Herr Swiveller glaubte augenscheinlich, sie bezögen sich auf einen innern Kampf – eine Folge des mächtigen Eindrucks seiner Rede, denn er stieß seinen Freund mit dem Rohr an und flüsterte ihm seine Ueberzeugung zu, »die Riegel gelöst« zu haben, wofür er übrigens auch seinen Antheil an dem Ertrage erwarte. Als er aber nach einer Weile seinen Irrthum entdeckte, schien er etwas schläfrig und unmuthig zu werden, und er hatte bereits zu wiederholten Malen darauf hingedeutet, wie er es für passend halte, sich zu entfernen, als die Thüre aufging und das Kind selbst hereintrat.

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