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Masaryk erzählt sein Leben

Karel Capek: Masaryk erzählt sein Leben - Kapitel 9
Quellenangabe
typebiography
authorKarel apek
titleMasaryk erzählt sein Leben
publisherBruno Cassirer Verlag
printrunViertes bis siebentes Tausend
yearo.J.
translatorCamill Hoffmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150521
projectid799a656e
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Der Weltkrieg

Die erste Zeit des Krieges

Der Ausbruch des Krieges überraschte mich während der Ferien im sächsischen Schandau. Als in Sarajewo der Thronfolger erschossen worden war, erwartete ich, daß daraus etwas entstehen würde, und erwartete es doch wieder nicht. Ich erwartete es insofern, als ich schon seit Jahren spürte, daß, wie man zu sagen pflegt, etwas in der Luft lag; ich erwartete es zugleich nicht, weil ich wußte, daß die serbische Regierung bei dem Attentat ihre Hand nicht im Spiele hatte. Ich kannte im Süden viele Menschen und ihre Pläne. Es stimmt, daß gegen Österreich-Ungarn in Bosnien und der Herzegowina und daß auch in Kroatien agitiert wurde; aber das offizielle Serbien kompromittierte sich nicht. Es wollte sich ja mit Österreich verständigen, und Pašič hatte durch mich dem Minister Berchtold ein ehrenhaftes Angebot machen lassen. Auf serbischer Seite war guter Wille vorhanden. Und ich weiß auch, wie maßvoll das offizielle Serbien während des Krieges war.

Als die Mobilisierung verkündet wurde, konnte ich aus Deutschland nicht mehr zurückkehren, es gab keine Verbindung. Ich beobachtete daher die deutsche Mobilisierung, fuhr nach Dresden und in andere Städte. Die ernste Ordnung und die Bereitschaft bis zum letzten Knopf imponierten mir. Während der ganzen Mobilisierung sah ich keinen betrunkenen Deutschen, dagegen pflegten die Transporte der österreichischen Rekruten, die nach Hause einrückten, völlig trunken zu sein. Ich weiß, sie tranken auch aus Verzweiflung, aber das offenbart doch den Staat selbst. Ich hoffte, Deutschland würde geschlagen werden, wußte aber, daß es viel Mühe kosten und schwerer sein würde, als mancher dachte; Österreich dagegen würde mit seinen Kräften, vor allem seinen moralischen Kräften bald fertig sein. Für Frankreich hegte ich die Befürchtung, daß es durch den Ansturm der Deutschen überrascht und vielleicht auch gefährdet sein würde. Am meisten zweifelte ich an Rußland. Als ich zuletzt hingereist war, im Jahre 1910, wollte ich mehr die russische Armee sehen als Tolstoj; ich sah ihre Unvorbereitetheit und Unordnung. Während des russisch-japanischen Krieges hatte sich das ein wenig gebessert, aber nicht viel. Ich kannte in Wien den Berichterstatter der amtlichen Petersburger Agentur Svatkovský; er besuchte mich, ich weiß nicht mehr, ob es nach Kriegsbeginn oder kurz nach dem Attentat von Sarajewo war, und sprach mit großer Sorge über Rußland; er stimmte den damaligen Plänen, Böhmen einem russischen Großfürsten zu überlassen, nicht zu. Er sagte, man würde sich in Prag das Regime selbst des besten russischen Großfürsten keine vierzehn Tage gefallen lassen. Militärisch und moralisch erwartete ich vom zaristischen Rußland nicht viel. Meinen Glauben an Deutschlands Niederlage gründete ich eher darauf, daß ich die wirtschaftlichen und zahlenmäßigen Mittel der beiden Kriegsparteien zusammenrechnete und gegeneinander abwog. Daß Amerika helfen würde, daran dachte ich nicht.

Nach meiner Rückkehr nach Prag sah ich zu, wie unsere Leute einrückten: mit Widerwillen, wie zur Schlachtbank; es gab Fälle von Widerstand, die Verfolgungen begannen. Einen Aufstand in Böhmen konnte nur jemand erwarten, der von den Verhältnissen keine Ahnung hatte. Als ich mich entschloß, gegen Österreich etwas zu unternehmen, sagte ich mir nicht, daß ich Patriot sei und die Nation mich dazu beauftrage; ich hatte einfach ein schlechtes Gewissen, weil unsere Leute zur Front und ins Gefängnis gingen und wir Abgeordneten zu Hause saßen. Wenn ich schon Abgeordneter bin, sagte ich mir, so muß ich nun etwas tun! Allerdings mußte ich damit rechnen, daß mir und meiner Familie etwas geschehen könnte, aber das gehört eben dazu.

Zunächst reiste ich zweimal nach Holland. Ich besaß einen Reisepaß für alle europäischen Länder, das Visum bekam ich, um meine Schwägerin, die nach Amerika zurückfuhr, zum Schiff zu begleiten. Jetzt fällt mir ein, daß es »Esperanza« hieß. Auch das zweitemal bekam ich ein Visum. In Holland sammelte ich Informationen und trat vor allem in Verbindung mit meinen englischen Freunden Steed und Seton-Watson. Seton-Watson kam zu mir nach Holland; ich sprach volle zwei Tage mit ihm und legte ihm unser ganzes Problem dar, die Notwendigkeit, Österreich-Ungarn zu zerschlagen und Mitteleuropa umzubilden. Danach verfaßte der Professor eine Denkschrift für Lord Grey. Auch die Russen und andere Mächte bekamen sie.

Im Dezember darauf fuhr ich nach Italien. Es ließ mir zu Hause keine Ruhe, ich wollte mit meinen serbischen und kroatischen Freunden Verhandlungen anknüpfen. Als Vorwand diente mir, daß ich unsere Tochter Olga nach dem Süden bringen wollte. Aber ein Visum, glaube ich, bekam ich nicht mehr. An der italienischen Grenze wollte uns der Stationsvorsteher aufhalten und nach Prag telegraphieren, ob er uns weiterfahren lassen dürfe. Da kehrte ich zum erstenmal im Leben meine Abgeordnetenstellung hervor und drohte, meine Macht zu zeigen, wenn man mich zurückhielte; man zuckte die Achseln. Was nun? Wir standen auf dem Bahnsteig, der Zug, mit dem wir angekommen waren, begann sich in Bewegung zu setzen. Wir sprangen schnell hinein und fuhren los. Gepäck hatten wir absichtlich wenig mitgenommen. Wäre das nicht gewesen, so wäre ich vielleicht nicht mehr über die Grenze gelangt.

Damals dachte ich noch, in ein paar Wochen nach Prag zurückkehren zu können. Ich kehrte erst nach vier Jahren zurück, auf den Tag genau, an dem ich die österreichische Grenze überschritten hatte. Ich trug einige Tausender bei mir, die mir Beneš gegeben hatte, de facto sind die Anfänge unserer Revolution durch Beneš finanziert worden. Mit Scheiner Der damalige Vorsitzende der Sokol-Organisation Josef Scheiner. (Anm. d. Übers.) hatte ich verabredet, daß die Sokoln etwas Geld aus ihren Fonds beschaffen sollten; er machte mir auch Hoffnung, unsere Landsleute in Amerika würden mich unterstützen, aber daraus wurde nicht viel, solange die Vereinigten Staaten neutral blieben. Darauf verstanden wir uns noch nicht; außer Scheiner fiel niemandem ein, daß man Geld brauchen würde. Noch bevor ich von Prag abgereist war, ersuchte ich Voska, der sich damals in Prag aufhielt, in Amerika etwas Geld für die Verfolgten und die Familien der Hingerichteten zu beschaffen.

Es ist wahr, Geld hatten wir während des ganzen Krieges wenig. Ich glaube, daß bisher keine Revolution in der Welt mit so geringen Mitteln bewerkstelligt wurde wie die unsrige.

In Venedig traf ich mit dem Redakteur Hlaváč zusammen, der mir die neuesten Nachrichten aus Wien mitteilte. Von dort fuhr ich nach Florenz und Rom. Ich wohnte in der Nähe des Monte Pincio. Gern besichtigte ich wieder das alte Rom, aber hauptsächlich begann ich die alten Beziehungen wieder anzuknüpfen und neue zu suchen. Natürlich konnte ich noch keinen fertigen Plan haben; ich war von Prag mit leeren Händen losgegangen. Ich suchte Serben, Kroaten und Slovenen auf, deren es in Rom genug gab, die aber nicht geeinigt waren; es gab verschiedene Richtungen, eine großserbische, eine großkroatische, eine jugoslavische. Oft war ich mit Supilo und Vošnjak zusammen.

Unter den Italienern begann schon die Agitation für »Dalmazia nostra«. Unter anderm besuchte ich auch den Historiker Professor Lombroso. Er schlug die Hände zusammen, als er mich erblickte – in den Zeitungen stand, ich sei in Prag mit vielen anderen erschossen worden. Er zeigte mir in seinem Archiv ein Bündel von Ausschnitten und Schriftstücken, die mich betrafen – morto!

Ich wurde mit dem englischen Botschafter bekannt und informierte ihn über die Verhältnisse in Österreich. Er übernahm meine Briefe an Steed. Ich ging zu diesen Beratungen des Nachts und wurde dennoch von österreichischen und deutschen Spionen beobachtet. Der Botschafter empfahl mir Vorsicht. Svatkovský kam mir nach und sandte einen Bericht von mir nach Rußland. Ich besuchte die russische Botschaft. Vor allem mußte ich nachweisen, daß es notwendig sei, Österreich-Ungarn zu zerschlagen. Damals wurde allgemein geglaubt, die Donaumonarchie müßte erhalten werden als Damm zwischen Deutschland und dem Balkan.

Ich beeilte mich, um bald heimkehren zu können; ich wollte zu Hause Bücher mit Randbemerkungen von mir verbergen und vor allem ein Faszikel, das alle möglichen Informationen über die habsburgische Dynastie enthielt, die ich in meiner Abgeordnetenzeit gesammelt hatte. Ich fürchtete, man könnte es finden und meine Frau deswegen verhaften. Daß man sich an meiner Tochter Alice rächen würde, kam mir nicht in den Sinn. Ich sah immer das Faszikel vor mir – man hat es dann selbstverständlich mit den andern Büchern auch beschlagnahmt. Es ist verlorengegangen.

In Rom hielt ich mich ungefähr einen Monat auf. Von dort fuhr ich mit einem italienischen Diplomatenauto nach Genua und von dort weiter nach Genf. In Genf wollte ich vor allem mit Denis Ernest Denis, der französische Historiker (1849-1921), Verfasser der Werke »Hus et la guerre des Hussites«, »Fin de l'indépendance bohême«, »La Bohême depuis la Montagne Blanche« u. a. (Anm. d. Übers.) in Verbindung kommen und dann nach Hause zurückreisen. Aber dazu riet mir nicht einmal der österreichische Konsul, zu dem ich wegen meines Visums ging; er sprach mit mir über den Krieg und meinte, Österreich werde ihn verlieren. Bald bekam ich zwei Nachrichten. Eine aus Prag von Beneš, ich solle nicht kommen, da ich gleich an der Grenze verhaftet werden würde, und die andere aus Wien von Machar, daß ein Befehl erlassen worden sei, mich ohne weitere Untersuchung an der Grenze sofort aufzuhängen. So blieb ich.

Merkwürdig, ich war wie ein geheizter Kessel; ich hatte den Kopf voll von unserer Aktion gegen Österreich, sah und fühlte nichts anderes, als wäre ich hypnotisiert. Ich hatte für nichts anderes Sinn, als für den Krieg, für die Situation, wie sie sich auf den Schlachtfeldern entwickelte. Ich dachte nur daran, mit wem ich sprechen und wodurch ich Interesse erwecken könnte, dann wieder, wie wir die Grenzbehörden überlisten und Botschaften aus und nach Prag bekommen könnten. Damals gewöhnte ich mir den Schlaf ab; ich könnte an den Fingern nachrechnen, wie viele Nächte ich in den vier Jahren wirklich geschlafen habe.

In Genf fanden sich einige unserer Leute zusammen: Dr. Sychrava war dort, dann kam Božinov, Ing. Baráček, der eine Chiffriermaschine konstruierte, ferner ein paar Studenten und der tschechische Arbeiterverein; später traf Abgeordneter Dürich ein. In Genf hatte man Verbindung mit Paris, Redakteur Kepl reiste hin und her. In Paris hatte Štefánik seine Propaganda in den Salons und in der Gesellschaft begonnen; er hatte eine besondere Begabung des gesellschaftlichen Apostolats und wußte die Menschen zu begeistern; er warb Interesse und Liebe für uns. Zweimal kam Beneš mit Nachrichten aus Prag zu mir. Auch Svatkovský kam. Ich verhandelte mit Denis und Professor Eisenmann, der damals im französischen Kriegsministerium tätig war.

Der serbische Generalkonsul stellte mir einen serbischen Paß aus: Namen, Geburtsort und Beruf füllte ich wahrheitsgemäß aus, denn ich wollte nicht unnütz lügen, um mich nicht zu verraten; nur die Staatsangehörigkeit war falsch angegeben.

Ich fuhr auch nach Lyon, um französische Musterungen zu sehen. Da ich gehört hatte, daß französische Rekruten Widerstand leisteten, wollte ich mich davon überzeugen. Ich kam sogar in französische Kasernen hinein und sah gute, fröhliche Soldaten, auf die Verlaß war.

Mit Denis reiste ich nach Paris. Wir besprachen die Herausgabe der Zeitschrift: »La nation tchèque«. Damals lag Štefánik nach einer Operation im Spital, ich besuchte ihn täglich. Štefánik war sehr sentimental, titulierte mich »Peterchen« und wollte mich fortwährend streicheln und küssen; ich kam ihm nicht so nahe, der Altersunterschied hielt mich zurück. Ich hatte ihn schon als Studenten in Prag gekannt. Ich erinnere mich, wie er einmal im Winter ganz durchgefroren ohne Überzieher zu mir kam. So gab ich ihm den meinen; ich mußte ihn noch ändern lassen, weil er ihm zu groß war.

Das ist für uns typisch. Bedenken Sie, daß fast alle unsere führenden Männer aus engen Verhältnissen hervorgegangen sind und geradezu Hunger leiden mußten. Die Hungrigen verzehren die Satten.

In Genf wohnte ich im Hotel Richmond. Bei meiner Ankunft hatte ich kaum ein Blatt Papier bei mir; in Genf legte ich mir wieder eine Bibliothek an und meinen »Taubenschlag«, ein Regal mit Fächern für Zeitschriften, Ausschnitte, Anmerkungen. Als ich im Jahre 1915 nach London übersiedelte, nahm ich schon mehrere Kisten mit Büchern und Papieren mit, lauter politische und Kriegsliteratur. Meine Erholung bildeten Spaziergänge um den See herum und französische Romane. Damals holte ich nach, was ich in den früheren Jahren an französischer Literatur versäumt hatte. Als wir mit unserer Zeitschrift Schwierigkeiten bekamen, fuhr ich nach dem französischen Annemasse. Ich rechnete mit der Möglichkeit, nach Serbien zu reisen; deshalb lernte ich reiten, um gegebenenfalls der Armee nachreiten zu können.

Viel Arbeit und Sorge bereitete die Absendung der Boten nach Prag. Ich wollte nicht die gewohnten und den österreichischen Behörden gewiß bekannten Mittel anwenden, wie das Verbergen von Nachrichten in Hemdkragen oder Schuhabsätzen usw. Das ergab manchmal ziemlich schwierige technische Probleme: zum Beispiel ein Stückchen Papier unter den Schnelligkeitsregulator einer Taschenuhr legen, einen Regenschirm in passender Weise anbohren, ein zusammengerolltes Schreiben in einen Bleistift schieben, dem ein Stückchen Blei entnommen worden war. Diese Künste übte hauptsächlich Ingenieur Baráček aus. Ein tschechischer Tischler fertigte uns Koffer nicht mit doppeltem Boden, sondern mit doppelten Wänden an; der Hauptwitz bestand darin, daß die Kofferwand beim Anklopfen nicht hohl klang, sondern geradezu hell, der Tischler verstand sich darauf. Ein andermal verstauten wir unsere Nachrichten in Ölfässern, und da mußten die Fässer unauffällig bezeichnet werden. Manchmal mißlang etwas. Von Prag brachte uns ein Bote Nachrichten im Einband der Opern von Smetana, aber vor der Grenze schrak er vor der Durchsuchung zurück – ein Glück, daß er Gelegenheit fand, den Band aus dem Fenster des Zuges hinauszuwerfen.

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Masaryk im Gespräch mit slovakischen Bäuerinnen

Eine noch größere Arbeit bestand darin, Boten zu finden und sie psychologisch vorzubereiten. Es waren allerlei Leute, gebildete und ganz einfache, Männer und Frauen. Jeden forschte ich besonders aus, bedachte, was ihm unterwegs zustoßen und seine Mission in Prag erschweren könnte, und gab ihm dann entsprechende Instruktionen für sein Verhalten. Das waren psychologische und technische Übungen, mitunter auch Purzelbäume. Selbstverständlich mußten die Boten sich ihre Fahrkarten nach Prag in einer andern Stadt kaufen als in Genf, weil Genf schon verdächtig war.

Auch mußten wir uns vor den österreichischen Spionen in acht nehmen. Einer von ihnen biederte sich uns an, war uns aber schon von Prag aus angekündigt worden, ein Photograph, der für unsere illustrierten Blätter arbeitete. Kaum war er angekommen, so erkannte ich ihn und schickte ihn zu unseren Leuten, die ihn sich vornahmen; es ist ihnen, glaube ich, gelungen, allerhand über Prag zu erfahren.

Sonderbar war der Fall eines gewissen D. Er war österreichischer Offizier, der Herkunft nach Mähre, und kam zu mir ins Hotel Richmond mit einer merkwürdigen Geschichte über den Wiener Hof und die Erzherzöge – wenn ich mich recht erinnere, war auch ein Mord dabei. Vielleicht hatte er sich alles ausgedacht, um mich zu gewinnen; aber was er erzählte, war ziemlich charakteristisch für Wien, und darum veröffentlichte ich es als Feuilleton, ich glaube in der »Neuen Zürcher Zeitung«. Ich wollte ihn dadurch auch auf die Probe stellen und sah, wie unangenehm es ihm war. Ich reiste nach Zürich, um nachzuprüfen, was er mir über seine Beziehungen zu gewissen Engländern erzählt hatte, fand sie aber nicht. Er wollte um jeden Preis nach Paris gelangen und behauptete, einen Zielapparat zum Abwerfen von Flugzeugbomben erfunden zu haben und ihn der Entente anbieten zu wollen. Ich verschaffte ihm die Möglichkeit, auf französischem Boden in Annemasse zu wohnen, wo damals schon Dr. Sychrava lebte und arbeitete, und wir sandten seine Vorschläge nach Paris. Aus Paris schrieb man, man habe Hunderte von solchen Vorschlägen und kein Interesse dafür. Darauf verschwand Herr D. Ich glaube, daß auch er ein Spion war. Da er von uns nichts erfahren hatte; wollte er uns dazu benützen, um nach Frankreich zu kommen. So oft er in der Umgebung von Annemasse mit mir spazierenging, steckte ich einen geladenen Revolver zu mir, beobachtete ihn und ließ ihn nicht hinter mir gehen.

Revolution und Krieg gibt es nicht ohne List, ohne Lüge. Es ist naiv, bei Krieg und Revolution nur das Heldentum hervorzuheben; Achilles war nicht möglich ohne Odysseus. Darum wird der Zustand der Gesellschaft ohne Kriege und Revolutionen moralisch höher sein. Ich machte es mir zur Regel, so wenig wie möglich zu lügen. Bei aller Vorsicht läßt der Mensch sich erwischen, weil er die Einzelheiten, die er zusammenphantasiert hat, vergißt und sich verrät. Es ist merkwürdig, daß die Menschen sich gegenseitig so gern belügen; sie wissen es und glauben einander doch. Die Lüge ist eine Gefährtin der Gewalt; darum darf man Notlügen nur möglichst wenig gebrauchen. Ich habe mich in der Praxis davon überzeugt, daß auch in der Rebellion der gerade Weg der kürzeste ist.

Und ich sage Ihnen, daß es für Politik und Rebellion (auch der Krieg ist eine Art von Politik) der Psychologie bedarf. Ich hatte das Glück, unsere Leute daheim gut zu kennen und im Voraus zu wissen, was für eine Rolle ein jeder in unserem Spiele darstellen würde. Ich kannte Wien und die dortigen Schichten vom Hofe bis zur Bürokratie und Journalistik; daher konnte ich vieles voraussehen und aus Indizien auf den Gesamtzustand daheim und in Wien schließen. Ich mußte unsere Mitarbeiter und unsere heimlichen Gegner studieren. Bevor ich einen bedeutenden Mann aufsuchte, verschaffte ich mir seine Biographie, um zu wissen, wie ich ihm beikommen könnte. Dazu half mir allerdings nicht die akademische Psychologie, sondern das Leben und – die Romane! Siebzig Jahre lang lese ich Tag für Tag Romane; erst jetzt lasse ich manchmal einen Tag aus, um die Augen ausruhen zu lassen. Ich lebe in der Poesie und hielte es ohne sie nicht aus. Sie enthält unermeßlich viel Erfahrung und Kenntnis der Menschenseele.

Ich glaube, daß ich die Menschen ziemlich gut zu durchschauen vermag – allerdings, manchmal auch nicht. Der Mensch ist eine verdammt komplizierte und sonderbare Maschine. Und jeder eine andere.

*

Als Beneš mir nachkam – es war schon höchste Zeit, man hätte ihn sonst in Prag verhaftet und gefangengesetzt –, war ich froh. Als er mir den Reisepaß zeigte, mit dem er über die deutsche Grenze gelangt war – über die österreichische war er heimlich gewandert –, wäre ich fast böse geworden, weil er sich mit einem so schlecht fabrizierten Paß über die Grenze getraut hatte. Es ist lächerlich, aber ich war wütend und erfreut zugleich über die deutschen Beamten, die ihn mit einem so zweifelhaften Dokument durchgelassen hatten. Nun, mit Beneš zusammen fühlte ich mich wohler; in Frankreich hatte ich verhältnismäßig wenig Beziehungen, während Beneš in Paris studiert hatte und sich dort heimischer fühlte. Das Schicksal hatte es gut eingerichtet, daß wir die Arbeit teilen konnten, er in Paris und ich anderswo.

Ich kannte Beneš als Universitätskollegen von Prag her. Zu Beginn des Krieges war er als Volontär in die Redaktion des »Čas« gekommen, um sich journalistisch zu betätigen. Einmal wollte er mich in meiner Wohnung aufsuchen, wir trafen uns auf meinem Wege zur Redaktion. Er sagte, sein Gewissen bedrücke ihn, wir müßten etwas unternehmen. Darauf antwortete ich ihm: »Ich unternehme schon etwas.« Damals war ich von meiner ersten Reise nach Holland zurückgekehrt. Wir gingen zusammen in die Redaktion, und unterwegs berichtete ich ihm, was ich bis dahin alles getan hatte und was mir am Herzen lag. Ich erinnere mich noch, als wäre es heute, daß mir beim Abstieg von der Letná, dort, wo fast ganz Prag zu sehen ist, die Prophezeiung Libušas in den Sinn kam ... »Ich sehe eine große Stadt, deren Ruhm die Sterne berühren wird ...« So beginnt eine der Weissagungen, die die Sage der Fürstin Libuša zuschreibt; sie bezieht sich auf die Gründung von Prag. Eine andere beschwört die bewegte Geschichte des tschechischen Volkes herauf, furchtbare Bruderkämpfe, Elend, Erniedrigung. »Nicht ohne Ende wird die Nacht über dem Vaterlande sein«, heißt es weiter. »Wieder steigt auf der helle Tag, wieder kehrt zurück das Glück meinem Volke. Geläutert durch Leid, gestärkt durch Liebe und Arbeit, reckt es kräftig sich empor, erfüllt seine Sehnsucht und kommt wieder zu Ruhm ...« Auch in Smetanas Nationaloper »Libuša« sind diese Weissagungen in der Schlußapotheose verwendet. (Anm. d. Übersetzers.) Die erste Sorge galt allerdings dem Geld; Beneš versprach sofort, einen Betrag zu verschaffen. Und er brachte ihn.

In der Schweiz lernte ich ihn näher kennen. Und ich muß sagen, daß wir ohne Beneš keine Republik hätten. Zwischen uns gab es in den Hauptlinien vollkommene Übereinstimmung; auch wenn ich nicht anwesend war, entschied Beneš alles so, daß es dem vereinbarten Vorgehen entsprach.

Einmal, es war schon später, kam er von Paris aus nach England und berichtete mir über seine Arbeit, über die Entwicklung unserer Angelegenheiten, über die allmähliche Verwirklichung unserer Pläne – damals sagte ich zu ihm: »Beneš, wir werden Freunde werden.«

*

Am fünfhundertsten Jahrestag der Verbrennung des Hus, im Jahre 1915, trat ich im Reformationssaale in Genf zusammen mit Denis, unter dem Vorsitz Lucien Gautiers öffentlich gegen Österreich auf. Ich wählte diesen Tag, um auch vor den Augen der Welt an die historische Kontinuität, an die Geschichte unseres Staates anzuknüpfen. Ich wußte schon: entweder werden wir siegen, oder ich werde nie mehr nach Österreich zurückkehren.

Während meines Aufenthaltes in Genf starb unser Sohn Herbert. Er hatte sich bei galizischen Flüchtlingen mit Flecktyphus angesteckt. Später wurde unsere Tochter Alice verhaftet, anläßlich der Knopf-Affäre. Ein Genfer Tscheche, Sozialdemokrat, empfand es als peinlich, daß seine Partei in Böhmen nicht genügend gegen Österreich arbeitete. So stattete er auf eigene Faust einen Boten aus, eine Frau, und gab ihr eine in einem roten Knopf verborgene geheime Botschaft mit. Den Knopf sollte sie Dr. Soukup Führender tschechischer Sozialdemokrat. (Anm. d. Übers.) übergeben. Die Frau kam glücklich in Prag an und sandte den Knopf durch ihren Schwiegervater, einen Arbeiter, ab. Es versteht sich, daß ihm unsere Leute mißtrauten und glaubten, es handle sich um einen Spitzel – kurzum, der Knopf geriet in die Hände der Polizei, Persekutionen waren die Folge. Gegen die Verhaftung Alices reichten amerikanische Frauen ein Gesuch bei der österreichischen Regierung ein. Ich hörte, meine Frau sei krank geworden. Ich fürchtete, Alice würde das Gefängnis nicht überstehen. In amerikanischen Blättern las ich, unser Jan, der Soldat war, sei meinetwegen gehängt worden oder solle gehängt werden. Das und noch vieles andere griff meine Nerven an, zerbrach mich aber nicht. Ich war eben wie im Traum, ich sah nichts anderes als unser Ziel. Wenn Freunde mich trösteten, spielte ich den Helden, als wäre nichts dabei ... Das gehört schon zum Beruf, sagte ich.

Der Mensch hält viel aus, alles, wenn er ein Ziel hat und wenn er sich einmal entschlossen hat, ihm um jeden Preis und allen Ernstes nachzugehen. Wahrhaftigkeit – das ist das Geheimnis der Welt und des Lebens, das ist religiöse und moralische Heiligkeit.

London

Nach London fuhr ich zum erstenmal von Genf aus im April 1915, um mit Steed, Watson, Sarolea und anderen zusammenzukommen und für die englische Regierung und die Verbündeten ein Memorandum zu verfassen. Damals wurde ich darauf aufmerksam gemacht, daß im Schlafwagenabteil von Genf nach Paris ein Spion reisen werde, ich solle mich in acht nehmen. Nun, sagte ich mir, wenn ich nur weiß, mit wem ich reise. Ich änderte deshalb weder den Tag der Abfahrt noch das Abteil, sondern legte mir nur mein Portefeuille unter das Kissen und fuhr los.

Ende September desselben Jahres übersiedelte ich nach London. In Paris arbeiteten schon Beneš und Štefánik, das war versorgt. Die Politik der Entente wurde mehr in Paris gemacht, England hatte dagegen das wirtschaftliche Übergewicht.

Es ist natürlich, daß ich die Angelsachsen besser kenne als die anderen Nationen. Das kam durch meine Ehe mit einer Amerikanerin. In London hielt ich mich gern auf. In einer so großen Stadt kann man allein sein, selbst unter Millionen von Menschen. Während des Krieges wohnte ich zunächst in einem Boardinghouse, bei Miß Brown, Hampstead 4, Holford Road. Ich pflegte auf dem Dach des Bus in die Stadt zu fahren und auf das Gewimmel von Menschen und Wagen hinunterzublicken – im Auto fuhr ich ungern, denn ich sagte mir: Wozu mehr ausgeben, wenn man dasselbe für wenig Geld haben kann? Unsere Leute meinten, ich müßte mein eigenes Auto haben, der Repräsentation wegen. In der Stadt aß ich in den Volksrestaurants von Lyons. Das war billig, 10-15 Pence für ein anständiges Mittagessen. Hatte ich Gäste und mußte repräsentieren, so ging ich mit ihnen ins Café Royal. Zu Hause litt ich viel durch die Kälte. Sie wissen, daß die englischen Kamine nicht sehr wärmen.

Im Herbst 1916 fand Olga ein eingerichtetes Häuschen, gleichfalls in Hampstead, Platt's Lane 21. Es war ein Häuschen mit allem, auch einer Köchin, und so aß ich fortan zu Hause. Ich pflegte nach Hampstead Heath zu gehen, manchmal auch nachts, wenn mich Sorgen bedrängten, zum Beispiel als von einem Sonderfrieden mit Österreich gesprochen wurde. Einmal rannte ich mir fast den Kopf ein, als ich im Londoner Nebel gegen einen Kandelaber lief. Von Zeit zu Zeit begannen die Sirenen zu heulen: Alarm bei deutschen Luftangriffen. Auf das Signal hin mußten sich alle Menschen in Kellern und Tunnels verbergen ... Wissen Sie, ich blieb lieber im Garten und sah es mir an. Einmal erblickten wir zwei brennende Zeppeline über Hendon, ein andermal flogen 36 Flugzeuge durch einen wahren Granatenregen – es war ein herrlicher Anblick. Wiederholt fanden wir im Garten Granatsplitter. Während ich in Brighton war, wurde die Stadt von einem deutschen Unterseeboot beschossen.

Einmal wollten Diebe bei uns einbrechen. Die Polizei glaubte, sie hätten es auf meine Papiere abgesehen, und riet mir, an Türen, Fenstern und Schornstein Alarmglocken anzubringen. Schon in der Schweiz hatte ich sonderbare kleine Abszesse an den Schultern bemerkt, und der Arzt meinte, sie rührten von einer Vergiftung her. In England kamen sie am Hals wieder, man mußte sie aufschneiden und schickte mich zur Erholung an die See in Bournemouth. Auch die englischen Ärzte sagten, es sei eine Vergiftung, übertragen durch die Wäsche, also vermutlich ein Anschlag politischer Gegner. Ich dachte, die Vergiftung könnte durch Mangel an frischer Luft hervorgerufen worden sein; deshalb begann ich später, in Amerika, wieder zu reiten. Beim Reiten soll man doppelt soviel Luft einatmen wie beim Gehen. Mehrmals litt ich an Grippe, aber der Mensch hält viel aus. Ich war darauf vorbereitet, daß irgendein Spion oder Fanatiker ein Attentat gegen mich ausführen könnte; als Beneš zu mir kam, bereitete ich auch ihn darauf vor. Ich fürchtete mich nicht und redete ihm zu, meinen Tod unter Umständen tüchtig für unsere Propaganda auszunützen. In jener Zeit schrieb ich auch ein Testament nieder. Es war ein trauriges Vermächtnis, weil ich nichts zu vermachen hatte, außer den paar Schriften von mir – und Schulden.

Bei meiner Ankunft in London hatte ich Schwierigkeiten mit meinem Paß. Von Genf her besaß ich einen serbischen Reisepaß, hatte aber, um mich bei einem eventuellen Verhör nicht zu versprechen, alle Rubriken mit Ausnahme der für die Staatsbürgerschaft wahrheitsgemäß ausgefüllt: geboren in Hodonín in Mähren, Professor usw. Niemand hatte das anfangs beachtet. Erst als ich in die Filiale der Schweizer Bank, bei der ich ein Konto hatte, kam, um Geld zu holen, schüttelte der Kassierer den Kopf über meinen Paß – es war ein Deutschschweizer, der sich in der Geographie auskannte: Mähren läge nicht in Serbien. Aber ich verblüffte ihn, indem ich sagte: »Wenn Sie schon so gut Geographie können, so müßten Sie wissen, daß Morava ein Fluß in Serbien ist, und im übrigen geht Sie mein Paß nichts an.« Trotzdem trug ich mein Geld in eine andere Bank.

In Hampstead kam längere Zeit hindurch ein Detektiv zu mir, mein Reisepaß ließ ihm keine Ruhe. Damals war ich schon Professor an der Londoner Universität, am King's College (ich hatte keine Lust dazu gehabt, doch erwies es sich als gut) – und Asquith, der Ministerpräsident, sollte meine Vorlesungen eröffnen; weil er erkrankt war, sandte er Sir Robert Cecil als Vertreter. Das stand gerade in den Zeitungen, und ich zeigte es dem Detektiv: »Wenn mir Ihr Premier vertraut, können auch Sie mir vertrauen.« Aber das übte nur eine geringe Wirkung auf ihn aus – er war ja im Recht. Ich ersuchte Herrn Seton-Watson, die Sache in Scotland Yard für mich zu regeln. Dann wurde ich in Ruhe gelassen.

Der Chef von Scotland Yard, Sir Basil Thompson, interessierte sich für mich; ich besuchte ihn und legte ihm unsere Tätigkeit dar. Ich wurde auch zu ihm gerufen, als die Affäre der Gräfin Zanardi-Landi spielte, die sich als uneheliche Tochter der Kaiserin Elisabeth und des Königs von Bayern ausgegeben hatte. Sie war Verfasserin eines Buches über ihr Leben, in dem sie ihre Herkunft andeutete. Ich hatte das Buch gelesen und bemerkt, daß ihre Schilderungen von Wien und vom Hofe unbestimmt waren. Sir Basil ersuchte mich, ihm darüber meine Meinung zu sagen; der Bruder der Gräfin, offenkundig ein Jude, war dabei und sagte rund heraus, daß seine Schwester eine Betrügerin sei. Mich beirrte die Photographie der Autorin und ihrer Töchter; sie sahen aristokratisch aus und ähnelten der österreichisch-bayrischen Dynastie. Ich trachtete, mit ihr bekannt zu werden, und schrieb ihr, ich wolle ihr Buch ins Tschechische übersetzen; als sie nicht antwortete, versuchte ich, ihr auf der Straße zu begegnen – sie wohnte einige Häuser weit von uns. Als ich sie zum erstenmal sah, erkannte ich sofort an ihren Ohren, dem besonderen Flaum der Wangen und der ganzen Physiognomie, daß sie ihrem jüdischen Bruder ähnlich war.

Während des ganzen Krieges träumte ich davon, daß österreichische Polizisten mir nachjagten. Sogar daheim, als ich schon Präsident war, hatte ich noch manchmal solche Träume. Erst in letzter Zeit habe ich Ruhe vor ihnen.

*

Heute wundere ich mich selbst, daß ich damals soviel Arbeit ausgehalten habe. Zum Beispiel schrieb oder vielmehr diktierte ich jede Woche Artikel für die »Sunday Times«. Ich schrieb auch in anderen Zeitschriften, in der »Nation«, im »Spectator«, in »New Europe«, versandte Notizen durch unser Pressebüro und verfaßte viele Memoranden. Wie viele Briefe ich allein schreiben mußte! Dann die Vorlesungen an der Universität, Vorträge in Klubs, in Cambridge, Oxford, wo ich bei dem Kretologen Sir Arthur Evans wohnte und mit Miljukow und Vinogradov zusammenkam. Nach Edinburgh fuhr ich zu Besprechungen mit dem belgischen Konsul Professor Sarolea und seiner Redakteurin Frau West; sie gaben ein gutes Blatt heraus, »Everyman«, das sich unserer Sache annahm. Ich besuchte Sir George Clerk, den späteren Prager Gesandten, im Foreign Office, den früheren Wiener Botschafter Sir Maurice Bunsen, die Entente-Botschafter. Häufiger sah ich allerdings Journalisten und Professoren. Es gab Samstage bei Steed, wo Journalisten, Offiziere und Diplomaten zusammenkamen; wer nach London kam, stellte sich bei Steed und Madame Rose ein; sie schrieb gute Artikel in der konservativen »Morning Post«. Ich könnte mich heute nicht mehr erinnern, wieviel Menschen ich kennengelernt und zu informieren versucht habe. Ich drängte mich nicht zu offiziellen Persönlichkeiten, so lange es uns nicht gelungen war, die öffentliche Meinung zu gewinnen. Anfangs hatte ich nichts in Händen und konnte nichts versprechen; ich hatte nur meine Argumente dafür, daß es im Interesse Europas läge, Österreich-Ungarn aufzuteilen. Ich trachtete, täglich etwas gegen Österreich und für uns in die Zeitungen zu bringen. Wir mußten unsere Sache bekanntmachen, es genügte nicht, Politik nur in irgendeinem hohen Amte zu treiben. Das alles war Arbeit, ja Schinderei. Es gab Gänge, Besuche, Versammlungen und Vorträge, Artikel und Briefe, dazu die Absendung unserer Kuriere und die Sorge um sie, wenn mitunter die englische Polizei ihnen Schwierigkeiten bereitete. Das geschah manchmal, als nach der Knopf-Affäre Kuriere aus Amerika eintrafen; solange Amerika neutral war, konnten amerikanische Bürger nach Wien und nach Prag gelangen.

Ich hatte meine Grundsätze über Propaganda und glaube, daß sie richtig waren: Die Deutschen nicht beschimpfen, den Feind nicht unterschätzen, nichts entstellen und vergrößern; nichts ins Leere versprechen und nicht als Bittsteller auftreten; die Tatsachen sprechen lassen und an ihnen beweisen: das ist euer Interesse und daher auch eure Pflicht; durch Ideen und Argumente wirken und persönlich im Hintergrund bleiben; keine Konjunkturpolitik treiben, sich nicht an Dinge klammern, die der Tag mitbringt und davonträgt, in allem einen Gesamtplan und ein Gesamturteil haben; und noch etwas – nicht zur Last fallen.

Ebenso wichtig war: Von niemandem, außer von unseren Landsleuten Geld annehmen, auch wenn man es uns anbot. Mitunter war nicht mehr viel in der Kasse und Beneš telegraphierte: Wir brauchen soundso viel. Oft kam am selben Tag ein Scheck von unseren Landsleuten in Amerika. Anfangs bereitete es mir Kummer, daß wir im Ausland unser so wenige waren; aber das war gut – so kam es nicht zu größeren Meinungsverschiedenheiten.

Lügen und übertreiben ist die schlechteste Propaganda. Ich werde Ihnen ein Beispiel nennen: Als unser Freund Seton-Watson jung war und eine historische Studie über die Kalvinisten in Ungarn vorbereitete, hatte er – wie die meisten Westeuropäer – keine Ahnung von der Nationalitätenpolitik der Magyaren. Er sammelte in Budapest sein Material, fand auch Dokumente über die Slovaken und fragte nach ihnen, um sie aufzusuchen. Es gibt keine Slovaken, sagten die Magyaren, das sind nur ein paar Hirten in den Bergen. Aber Seton-Watson lernte einige Slovaken kennen. Von ihnen erfuhr er mehr und reiste in die Slovakei. Nach Wien zurückgekehrt, sagte er zu Steed mit erstaunten Augen: »Stellen Sie sich vor, die Magyaren haben mich belogen. Belogen!« Das veranlaßte ihn, die nationalen Probleme der Slovaken und der Südslaven zu studieren, und er wurde eine Autorität in den Fragen der Magyarisierung und der magyarischen Politik.

Das Lügen macht sich nicht bezahlt, weder in der Politik noch im täglichen Leben.

*

Mehrere Male wäre ich beinah ums Leben gekommen. Zum erstenmal im Jahre 1916, als Štefánik eine Audienz bei Briand für mich vereinbart hatte. Ich besaß schon die Fahrkarte für die »Sussex«, um nach Paris zu reisen, da telegraphierte mir Beneš ab; die Unterredung werde später stattfinden. So gab ich die Fahrkarte für die »Sussex« zurück, und gerade auf dieser Fahrt wurde das Schiff von den Deutschen torpediert und versenkt.

Zum zweitenmal erging es mir so, als ich auf der Reise nach Rußland vom schottischen Hafen Amble nach Bergen in Norwegen fahren wollte. Auch diese Reise verlief merkwürdig glücklich. Ich wartete in Amble auf das Schiff, es kam aber nicht, es war versenkt worden. Wäre ich damit gefahren, so hätte ich Štefánik verfehlt, der eben aus Rußland zurückkam und mir Nachrichten brachte. Ich kehrte daher nach London zurück, wo mich Štefánik erwartete; auch Beneš traf aus Paris ein. Ich fuhr einige Tage später zu Schiff nach Aberdeen. Wir wurden von zwei Torpedozerstörern begleitet; in der Nacht neigte sich plötzlich der Dampfer und drehte sich so rasch herum, daß er in allen Fugen krachte. Am Morgen sagte mir der Kapitän, daß wir nur knapp einer schwimmenden Mine ausgewichen wären – man hatte das Schiff im letzten Augenblick beigedreht.

Nach Rußland mußte ich mir einen neuen Reisepaß besorgen, selbstverständlich auf einen falschen Namen. Ich erfand für mich den dänischen Namen Madwig; einen dänischen Namen wählte ich deshalb, weil die Familie meiner Frau, die Garrigues, aus Dänemark nach Amerika gekommen waren, und mir einfiel, daß ein dänischer Philologe Madwig hieß. Dazu dachte ich mir eine ganze Geschichte aus und lernte sie auswendig, um mich nicht bei Widersprüchen fassen zu lassen, wenn ich den Deutschen in die Hände fallen sollte: ich sei Däne von Geburt, von Kind auf in den Vereinigten Staaten usw. Sir Basil Thompson riet mir aber ab, diesen Namen zu wählen, ich weiß nicht mehr warum; er schlug mir den Namen Thomas George Marsden vor. Unter diesem Namen reise ich noch heute in der Welt. Das »T. G. M.« wollte ich haben, um mich bei der Unterschrift nicht zu irren.

Sir Basil riet mir ferner, bei der Durchreise durch Schweden gut achtzugeben, denn dort gebe es deutsche Spione und die schwedischen Behörden könnten mich mit Berufung auf ihre Neutralität gegen Österreich ausliefern oder wenigstens zurückhalten. Deshalb ging ich nach meiner Ankunft in Stockholm nicht einmal ins Hotel, sondern verbrachte den ganzen Tag unterwegs in den Straßen mit Bohdan Pavlo, der mir aus Petersburg entgegengekommen war.

Auf diese Reise hatte ich mich gründlich vorbereitet. Ich beseitigte alle Merkmale meiner Identität, entfernte aus den Kleidern alle Prager und Londoner Schneiderfirmen und durchsuchte dreimal jedes Stückchen Papier und jedes Kleidungsstück, das ich mitnahm, um mich nicht zu verraten. Aber in Rußland fand ich unter meiner Wäsche einen Kragen, auf den die Londoner Wäscherei mit Tinte meinen vollen Namen geschrieben hatte: Masaryk. Und dabei hatte ich mir auf meine Vorsicht und Erfahrung etwas eingebildet!

1917

Nach Rußland hatte mich die dortige Zweigstelle unseres Nationalrates gerufen; es war dringend notwendig, unsere Auslandsaktion in den Ententestaaten zu vereinheitlichen; außerdem handelte es sich um die Rekrutierung und Organisation unserer Freiwilligen aus den russischen Gefangenenlagern, vor allem darum, aus ihnen ein selbständiges Korps zu bilden, de facto schon unsere eigene, gegen Österreich kämpfende Armee. Darin bereiteten uns die russischen Bürokraten die größten Schwierigkeiten. Bürokraten gibt es nicht nur in den Ämtern, sondern auch in den Armeen. Nach dem Sturz des Zarentums war zu erwarten, daß uns hauptsächlich der neue Außenminister Professor Miljukow, den ich gut kannte, helfen würde. So reiste ich nach Rußland. Aber kaum war ich angekommen, so reichte Miljukow seine Demission ein, und bald darauf begann der Bürgerkrieg. In diesem vollständigen Zusammenbruch mußte unsere politische und militärische Aktion organisiert werden. Es war eine Plage.

Merkwürdig! Wohin ich in Rußland kam, überall wurde geschossen. In Petrograd wohnte ich gegenüber dem Telegrafen- und Telefonamt, um das sich ein zäher Kampf entspann. Das Büro unserer Zweigstelle befand sich in der Znamenskaja, und ich pflegte von meiner Wohnung in der Nähe des Winterpalais dahin zu gehen. Unsere Leute hatten Angst um mich und teilten mir einen »Leibschützen« zu; sie brachten mir ihren Koch Hůza, der mich überallhin begleiten sollte. Ich konnte mich lange Zeit nicht an ihn gewöhnen. Bis dahin hatte ich mir alles selbst besorgt, auch die Schuhe selbst gereinigt, und jetzt war ein Mann da, der das alles unbedingt für mich machen wollte. Ich mußte mich daran gewöhnen.

Aber auch mit dem »Leibschützen« war es in Petrograd unsicher. Was hätte er mir überhaupt geholfen, wenn mich eine Kugel getroffen hätte? Unsere Leute zwangen mich, nach Moskau abzureisen, dort wäre Ruhe, die Zweigstelle sollte mir nachfolgen. Gut, ich reiste. Kaum war ich aber in Moskau angekommen, so ging es dort wieder los. Schon am Bahnhof hörte man schießen. Ich ließ Hůza im Bahnhof, er sollte mir meine Koffer mit einem Istwostschik nachbringen, und ging zu Fuß ins Hotel »National« am Hauptplatz, wo ich ein Zimmer bestellt hatte. Auf dem Platz stieß ich auf einen Kordon von Soldaten. »Wohin gehen Sie?« rief mich ein Offizier an. Ich antwortete, daß ich ins Hotel »National« wolle. »Das geht nicht«, sagte er, »man schießt dort.« Ich sah, daß von zwei Seiten geschossen wurde: auf der einen hatten die Bolschewiken das Theater besetzt, die andere wurde von Kerenskijs Militär gehalten, und von hüben und drüben schoß man aus Hand- und Maschinengewehren. Der Offizier riet mir, ins Hotel »Metropol« zu gehen. Ich ging weiter, vor mir schritt ein Mensch, der begann zu laufen und schlüpfte in ein großes Tor, das sich halb öffnete. Es war das Hotel »Metropol«. Ich wollte ihm nach, aber man schlug mir das Tor vor der Nase zu. Ich klopfe und rufe: »Was machen Sie, öffnen Sie!« – »Sind Sie unser Gast?« ruft der Portier. »Sonst können wir Sie nicht hereinlassen, wir sind besetzt.« Ich wollte nicht lügen, und rief deshalb: »Machen Sie keine Dummheiten und lassen Sie mich hinein!« Er stutzte und öffnete.

Das Hotel »Metropol« war ein großstädtisches, mondänes Hotel für Ausländer und reiche Leute, die nach Moskau kamen, um sich auszutoben. Damals befanden sich darin, die Bedienung eingerechnet, an fünfhundert Menschen. Auf dem Dachboden des Hotels hielten sich etwa fünfzig Kerenskij-Junker auf, die auf die Bolschewiken schossen, während die Bolschewiken aus dem Theater das Feuer erwiderten. Als ich schon drin war, kam der Hotelverwalter oder wer es war zu mir und sagte, ich müsse wieder fort, es sei kein Platz da, und man könne mir nichts zu essen geben. »Ich werde nirgends hingehen«, antwortete ich, »ich will nichts von Ihnen, kümmern Sie sich nicht um mich.« So ließ man mich da sitzen im Pelz, wie ich war, und kümmerte sich nicht um mich. Währenddessen wurde das Hotel weiter beschossen, die Gäste flohen in den Keller, wo ihnen das Mittag und Abendessen serviert wurde – ich erhielt nichts. Abends kam ein Hotelkoch zu mir, sah mich an und dachte sich: Was für ein Sonderling! Er ließ sich mit mir in ein Gespräch ein und sagte, daß er den Besuch seines Schwiegervaters vom Lande erwartet und ein Zimmer vorbereitet habe; da der Schwiegervater nicht mehr ins Hotel gelangt sei, könne ich das Zimmer nehmen. Und dann gab er mir auch zu essen.

Das Zimmerchen lag im zweiten oder dritten Stockwerk, um die Ecke herum, wo eine Kugel nur manchmal im Rückprall von den gegenüberliegenden Häusern einschlug. Ich schleppte die Matratze vom Bett auf den Erdboden in eine Zimmerecke und schlief dort. Am Tage ging ich im Hotel herum und dachte daran, was wohl Hůza und die Moskauer Tschechen, die mich erwartet hatten, tun mochten. Aus dem Hotel konnte niemand hinausgelangen, das Telephon im Vestibül wurde beschossen, so daß es auch keine Verbindung mit der Außenwelt gab. So lange Tage habe ich selten verlebt. In den ersten Tagen war es noch nicht so schlimm; man schoß aus Gewehren und Mitrailleusen; nach einigen Tagen aber begannen die Bolschewiken das Hotel aus Geschützen zu beschießen, die hinter der Stadt aufgestellt waren. Bald war die Hotelfront in allen ihren höheren Stockwerken zerschossen. Die Gäste übersiedelten in den Keller. Dort hielt ich es nicht aus, ein fürchterlicher Geruch und Geschrei herrschten dort, Kinder und Frauen weinten. Da war ein Pole, der das Bombardement von Przemysl erlebt hatte; er sagte, das sei nicht so schrecklich gewesen. Ich schlich mich über Nacht in mein oben gelegenes Zimmerchen; infolge der Schußgefahr und der Schutthaufen mußte ich buchstäblich kriechen.

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Masaryk reitet in Begleitung von Sokoln aus

Ich erinnere mich eines Bildes, als wäre es gestern gewesen. Ich stand in der Zimmerecke am Fenster und spähte seitwärts auf die Straße, um zu sehen, was dort vorging. Da sah ich, wie ein Junge in die Straße hineinrannte, um sie zu überqueren. Er lief und stürzte plötzlich mit dem Gesicht zur Erde, die Hände von sich gestreckt. Ich dachte mir, wenn ich Arzt wäre, würde ich an seinem Fallen erkennen können, wo er getroffen worden war. So lag er dort auf dem Bürgersteig, mit dem Gesicht zur Erde, die Mütze war einen Schritt weiter gerollt. Unter dem Gesicht strömte ein Rinnsal Blut, dann ein zweites und drittes – ich zählte sieben. Während ich so hinabsah, kam ein Rabe geflogen, setzte sich auf die Schaffellmütze und blickte auf den Jungen. Mir wurde bange, er könnte auf ihn loshacken, doch konnte ich nichts tun, um den Raben zu verscheuchen ... Hinter der Straßenecke sah ich einen Ambulanzwagen des Roten Kreuzes stehen, aber niemand konnte den Jungen holen, weil immerzu gefeuert wurde. Schließlich erbarmte man sich seiner. Man schwenkte das Abzeichen des Roten Kreuzes und trug ihn davon. Ich weiß nicht, ob er noch lebte. Solcher Bilder blieben mir viele haften ...

Da das Hoteltelephon sich beim Eingang befand, wo die Kugeln einschlugen, war es verboten, sich ihm zu nähern. Trotzdem schlich ich mich in die Zelle und telephonierte mit unseren Leuten – sie hatten alle schon gedacht, ich wäre tot. Hůza versuchte dann eines Abends, mir Wäsche zu bringen, mußte aber umkehren. Eines Nachts nach einer Kanonade zogen die Kadetten aus dem Hotel ab, die Bolschewiken feuerten jedoch weiter. Das Hotel ergab sich, und die Bolschewiken ordneten für den nächsten Tag – ich glaube einen Samstag – den Abzug der Gäste an. Für die Verhandlungen mit den Bolschewiken wählten die Russen als Parlamentär einen Polen, die Ausländer (es waren ihrer mehr als vierzig) wählten mich. Wir ließen alle Waffen, die sich im Hotel befanden, auf einen Haufen zusammentragen; aber einen Teil der geladenen Revolver und der Munition verbarg der Pole für den Fall, daß ein Massaker entstünde – in diesem Fall wäre es schon auf eins hinausgelaufen, ob wir uns gewehrt hätten oder nicht. Er fürchtete besonders, man könnte die Frauen angreifen, und daraus könnte ein allgemeines Gemetzel werden. Mehrere von uns wußten von dem Waffenversteck. Die Bolschewiken kamen, besetzten das Hotel und nahmen die Waffen. Es war eine sonderbare Besatzung, mit Gewehren, die an Stricken befestigt waren, und ähnlichen Dingen. Man stellte uns unter Bewachung. Einer der Soldaten griff nach dem Ring an meiner Krawatte. Ich glaube, es war ein Aluminiumring mit einem roten Stein. Unsere Burschen hatten ihn mir als Andenken geschenkt; da ich außer dem Ehering keine Ringe trage, hatte ich die Krawatte durchgezogen. Ich zeigte dem Soldaten, daß der Ring nur aus Blei und Glas bestehe und ein Andenken wäre; wenn er wolle, würde ich ihn ihm schenken. Er wollte nicht. Scherzhaft fragte ich ihn, ob er mich bald hinauslassen werde. »Wenn ich will, laß ich«, sagte er, »wenn ich will, bring ich um!« Aber er brachte nicht um. Einige Gäste bestachen die Wache; ich kann das nicht, es ist demütigend.

Am schlimmsten war's, als die Wache im Keller den Wein fand und sich total betrank. Ich suchte den Kommandanten auf und bat ihn, die Wache abzulösen. Er ließ mit sich reden und brachte eine andere Wache. Nach einer langen Nacht kam eine Kommission, um unsere Pässe zu prüfen; die wurde, nach dem Gewand zu schließen, von einem Studenten angeführt. Unter den Gästen befand sich ein lettischer Sozialist; er kannte mein Buch über den Marxismus und half mir sehr.

So kam ich nach einer Woche hinaus. Dann wohnte ich bei unseren Landsleuten und begann wieder, zusammen mit der Zweigstelle an der Organisation unserer Armee zu arbeiten. Unsere Jungens zeigten dann einander das zerschossene Hotel, in dem ich gewohnt hatte; den Hotelschlüssel brachte einer in das Museum von Turčianský Sv. Martin.

Von Moskau fuhr ich nach Kiew, da unsere Truppen rund um Kiew lagen. Dort stieg ich im Hotel »Paris« am Kreščatik ab. Kaum war ich angekommen, so schlossen die Bolschewiken Kiew ein, und als die Frist für die Übergabe abgelaufen war, begannen sie die Stadt zu beschießen. Dr. Girsa Der spätere tschechoslovakische Gesandte. (Anm. d. Übers.), der Arzt war, brachte mich in das Georgijevskij-Hotel, das sicherer lag; aber unsere Beratungen fanden im Hotel »Paris« statt, und ich mußte täglich dort hingehen. Eine Granate flog ins Zimmer neben uns, prallte von der Wand ab, fiel zu Boden und blieb aufrecht stehen, ohne zu explodieren. Sie war fast eine Elle hoch. Niemand kam zu Schaden, nur ein Mitglied der Familie, die gerade zu Mittag speiste, wurde durch ein Stück Mörtel am Kopf verletzt. Die Bolschewiken drangen in die Stadt ein, in den Straßen wurde gekämpft. Der Weg zu unserer Zweigstelle führte über den Hauptboulevard und eine Querstraße, die, glaube ich, Prorjeznaja hieß. Ich kam mit Hůza durch diese Querstraße, während geschossen wurde; wir deckten uns durch die Häuser auf der Seite, von der die Kugeln flogen. Natürlich konnten dort Schornsteine und Dächer auf uns herabstürzen; aber wir hatten keine Wahl. In einen Hof fiel gerade eine Granate und platzte; wir besichtigten die Stelle.

Auf dem Hauptboulevard lief uns ein Offizier entgegen und winkte mit der Hand. »Achtung!« schrie er, »Gefahr, zurück!« Es rasselte nur so auf dem Boulevard, so dicht regneten die Kugeln auf das Pflaster. Ich blickte auf Hůza: gehen wir zurück, können wir genau so gut getroffen werden, also lieber vorwärts! Und wir liefen über den Boulevard.

Eines Tages ging ich mit Klecanda zum Bahnhof, um mit dem Kommandanten der Bolschewiken zu verhandeln. Vor dem Bahnhof klirrte es plötzlich, einen Zoll über unsern Köpfen schlug eine Kugel in eine Telegraphenstange ein. Im nahen Hof spielten zwei Burschen mit einem geladenen Gewehr; das Gewehr ging los, einer von ihnen wurde getötet, und die Kugel flog zu uns herüber.

Wirkliche Angst empfand ich nur, als sich die Soldaten in Moskau betrunken hatten; das hätte häßlich enden können. Sonst fürchtete ich mich nicht, und wenn ich mich schon fürchtete, so ließ ich mir nichts anmerken, schon unserer Jungen wegen nicht. Wie hätte ich sie denn kommandieren sollen, wenn sie gesehen hätten, daß ich Angst hatte? Über alles das und einzelne Erfahrungen ließe sich recht viel erzählen, aber ich vergesse schon viele Einzelheiten, und, um aufrichtig zu sein, diese Erinnerungen unterhalten mich nicht mehr. Ich habe den Kopf jetzt voll von anderen Dingen ...

Mit den Soldaten in Rußland

In Rußland gab es mehr zu tun als in England, da hörte das Schreiben auf, und es gab mehr zu handeln. Selbstverständlich redete man auch mehr, ohne das lange Gerede geht es in Rußland gar nicht. Solche russischen Beratungen dauern vom Morgen bis in die Nacht hinein; an die Luft kam ich erst weiß Gott wann in der Nacht. Und was man reisen mußte: zum russischen Hauptquartier, zu unsern Regimentern und so fort – nun, viele Mühe. Einmal, auf einer Fahrt von Kiew, brach der Wagen auseinander, in dem ich saß, die Achse oder sonst was war zerschmettert; zufällig fuhr der Zug gerade langsam in einen Bahnhof ein, so daß nichts geschah; wir mußten nur den Rest der Reise zusammengedrängt in anderen Wagen verbringen.

Es gab viele Schwierigkeiten in Rußland: die größten mit den russischen Behörden, die unsere Sache nicht begreifen konnten. Sie hielten uns für Österreicher und für Verräter an unserem Kaiser. »Verrieten sie den Kaiser, so werden sie den Zaren verraten.« Wir verlangten die Genehmigung zur Aufstellung einer freiwilligen Armee aus unseren Gefangenen gegen die Deutschen, und als man uns schon mehrere Regimenter bewilligt hatte, die Genehmigung, aus ihnen ein ganzes Korps aufzustellen. Ich wundere mich nicht, daß man keine Lust dazu hatte. Man fürchtete, die gleiche Bewilligung dann auch den Polen geben zu müssen, und denen traute man nicht. Außerdem besaß man nicht Kleidung und Waffen genug für die eigenen Soldaten, und da sollte man die unsrigen ausrüsten! Viele Russen waren dagegen, weil sie unsere Gefangenen als gewandte Arbeiter in den Fabriken, Schächten, auf den Bahnen und Feldern brauchten. So mußte ich mit Klecanda und anderen ins Hauptquartier und zu allen möglichen Ministern reisen – es war ein bitteres Brot. Miljukow, der am ehesten unsere Wünsche erfüllt hätte, war, wie erwähnt, gerade am Tage meiner Ankunft in Petrograd zurückgetreten. Ich verhandelte mit den Generalen, mit Brussilow, Alexejew und hauptsächlich mit Duchonin, dem Kommandanten des russischen Generalstabes, einem guten Soldaten, und mit ihm wurden wir endlich einig. Vielleicht am stärksten half uns die öffentliche Meinung, nachdem sich die Unsrigen bei Zborov gut gehalten hatten. Damals verhandelte ich wegen unserer Truppen im russischen Hauptquartier in Mohilow; ich sprach mit vielen Militärs, namentlich mit Brussilow – er verbeugte sich und sagte: »Ich verneige mich tief vor Ihren Soldaten.« Ich habe mich gefreut, daß wir nach dem Krieg etwas für ihn tun konnten, als er, ein Vertriebener, in Karlsbad zur Kur weilte. Seine Frau sandte mir nach seinem Tode einen Ikon, der in ein zerschossenes Tuch gehüllt war; er hatte ihn als Schutz immer bei sich getragen und ihn mir vermacht.

Nachdem wir schließlich die Aufstellung unseres Korps durchgesetzt hatten, fragte mich Duchonin, wen wir als Kommandanten wünschten, und ich nannte ihm General Šokorow, einen zuverlässigen Militärbeamten. Bald darauf schlugen die Bolschewiken Duchonin tot und schändeten seinen Leichnam. Ich nahm an seinem Begräbnis teil, und da sagte mir seine Witwe, Duchonin wäre gern Kommandant unserer Armee geworden. Wie hätte mir einfallen sollen, daß der Chef des Hauptquartiers Wert darauf legte, der Befehlshaber eines Korps zu sein! Wir können wenigstens seiner Witwe den Dank abstatten für den guten Willen und die Achtung, die er unseren Soldaten bewiesen hat.

Kaum war unser Korps aufgestellt, als die Schwierigkeiten mit den Bolschewiken begannen. Wir vereinbarten für uns eine bewaffnete Neutralität, und ich erreichte, daß man uns den Abzug über Sibirien nach Frankreich zugestand. Als ich aber nach Sibirien abreiste, wollte man die Truppen entweder entwaffnen oder für sich gewinnen – das bedeutete immer neue Verhandlungen mit den Kommissaren, den Militärs und allen möglichen Leuten.

Weitere Schwierigkeiten gab es natürlich mit unsern eigenen Leuten. Vor allem hatten wir in Rußland unsere alten, halb russifizierten Emigranten. Jede Emigration nimmt den Charakter des Landes an, in dem sie lebt. Unsere Kolonie in Paris war ganz anders als die Kolonie in Amerika, noch ganz anders die in Rußland; damit mußte gerechnet werden. Einige einflußreiche Landsleute in Rußland hatten das ganze Programm des alten Zarismus übernommen. Bei meiner Ankunft hatten manche von ihnen in den Ministerien gegen mich gearbeitet und da und dort auch unsere Leute beeinflußt. Das mußte ich in Ordnung bringen.

Dann gab es Sorgen um unsere Soldaten. Sie bestanden aus Freiwilligen der Emigranten und Freiwilligen aus den Gefangenenlagern. Es kamen Konflikte zwischen den Mitgliedern der alten Družina, den Freiwilligen aus Serbien und der Dobrudža und den neuen, aus den Musterungen in den russischen Gefangenenlagern hervorgegangenen Regimentern auf – sie mußten bereinigt werden. Andere stritten darüber, wohin man ziehen solle: in den Kaukasus, an die rumänische Front oder über Archangelsk nach Frankreich. Wieder andere waren sich nicht einig, ob das Kommando russisch oder tschechisch sein sollte, und noch andere, ob die Offiziere eine gemeinsame Menage mit der Mannschaft haben sollten oder nicht. Ich mußte also diese Dinge regeln.

Was sagte ich? Ich sagte, daß, zum Teufel, gar nichts daran läge, was für ein Kommando sie hätten, wenn sie nur gehorchen wollten. Es sei gleichgültig, ob die Offiziere mit der Mannschaft zusammen äßen. Möge jeder essen, wo es ihm gefalle, man sorge nur für eine gute Küche. Es fanden sich demagogische Offiziere, die bei den gemeinsamen Mahlzeiten um die Soldaten warben, und es gab manche Soldaten, die keine Lust mehr hatten zu kämpfen. Es traten Schwierigkeiten mit der Verpflegung ein, ringsherum löste sich die russische Armee auf und lief auseinander. Unter solchen Zuständen organisierten wir unser Korps.

Nun bedenke man, daß auch unsere Gefangenen bis zu einem gewissen Grad demoralisiert waren. Das ist ganz natürlich: jede Gefangenschaft lähmt gewissermaßen den Menschen durch das, was Erniedrigendes und Rechtloses an ihr ist; er hat seinen Heimatboden nicht unter sich. Wenn der Soldat einmal sein Gewehr fortgeworfen hat, will er vor dem Krieg Ruhe haben. Die Freiwilligenmusterungen in den Gefangenenlagern gingen mitunter nicht ganz glatt vonstatten. Es gab Lagerkommandanten, besonders Nichtrussen, die unsern Rekrutierungen alle möglichen Hindernisse in den Weg legten. Die in den Lagern verbreiteten Manifeste, die unsere Gefangenen aufforderten, sich freiwillig ins Feld zu melden, waren von Idealen erfüllt, die eher abschreckend wirken mußten. »Ihr werdet Hunger leiden, werdet in den Schützengräben verlausen«, derlei Annehmlichkeiten wurden denen versprochen, die in die Armee eintreten sollten. Indessen wollten die Menschen sich natürlich satt essen und menschlicher leben denn als Kriegsgefangene. Und diejenigen, die schon zur Armee gehörten, hatten Konflikte mit den Offizieren, weil sie annahmen, daß Freiwillige nicht blind zu gehorchen brauchten; sie wurden darin von Demagogen unterstützt, nach bolschewistischem Muster wurden Soldatenräte und Konventikel gebildet, die Truppen sollten durch Abstimmung geleitet werden. Das alles war verständlich, aber manchmal sehr schwierig. Es gab bei uns einen Obersten, einen Russen, der den Mund stets voll nahm, indem er Hus und das Brüdertum zitierte, um emporzukommen. Den »biß ich durch«, wie die Russen sagen, ließ ihn nicht avancieren – und sein Regiment wollte sich empören. Derlei Dinge gab es mehr. Diejenigen unserer Leute, die sich bolschewisiert hatten, agitierten gegen die Truppen und gegen unsere Anleihe. Aber als die Deutschen sich Kiew näherten, traten sie schnell in unsere Armee, die Truppen waren schon unser Schutz geworden.

Unsere Menschen sind gute Soldaten, wenn sie im Kampfe stehen. Dann sind sie tapfer und klug wie selten andere. Sie verstehen es, aus jedem Schlamassel herauszukommen; aber wenn sie nicht darin sind, so sausen sie hinein. Sie können nicht durchhalten und versagen, wenn sie nichts zu tun haben; das war vor Sibirien so und noch einmal am Ende unseres sibirischen Feldzugs. Aber selbst besser ausgerüstete und organisierte Armeen als die unsrige hätten einen solchen sibirischen Feldzug nicht besser bestanden. Mir ging es nur darum, sie kampffähig zu erhalten bis zur Ankunft in Frankreich; ihr Brüdertum und die besonderen Orden der freiwilligen Armee schadeten nichts, wenn sie nur in kampffähigem Zustand blieb. Wir veranstalteten im Laufe der Zeit Kurse für Offiziere und Truppenübungen und errichteten alle möglichen Werkstätten, Schneidereien, Schustereien, Metzgereien, Druckereien, Sportstätten, Theater, Posten und Banken, um unsere Soldaten zu beschäftigen und beisammenzuhalten. Sie mußten selbst für ihre Verpflegung sorgen, und das war recht schwer; die Muschiks in der Ukraine wollten für Rubelgeld nichts mehr verkaufen, die Deutschen bezahlten mit Nägeln. Das Papiergeld hatte keinen Wert für sie, es entwickelte sich ein primitives Tauschgeschäft. In Sibirien war es in dieser Beziehung besser. Als unsere Jungens aber dann in den Kampf kamen, waren sie Soldaten, wie man sie kaum wiederfindet, es war ein Kampf ums Leben.

Mich hatten unsere Soldaten gern und erkannten mich als Oberbefehlshaber an. Ich glaube, hauptsächlich deshalb, weil ich ihnen manchmal meine Meinung sagte – beim Militär gehört es dazu, daß die Menschen zueinander aufrichtig sind – und vielleicht auch, weil ich mich nicht fürchtete. Die Jungens erzählten sich ganze Legenden über mich. Sie behaupteten, daß ich mich vor nichts fürchte. Indessen habe ich wiederholt Angst gehabt, aber mir nichts anmerken lassen; gerade ihretwegen ging ich in den Straßen herum, wenn geschossen wurde. Sie merkten dieses Lehrmeisterliche in mir nicht. Gern weilte ich mit ihnen zusammen. Ich beobachtete viel Gemeinsames zwischen Soldaten und Kindern. Die Soldaten bedürfen ebenso wie Kinder der Gerechtigkeit, der Unmittelbarkeit, der Offenheit. Weil sie selbst bis in den Tod gehorsam sein müssen, muß ihnen derjenige, dem sie gehorchen, wirklich und ohne Falsch imponieren. Auch die Militärparaden sind wichtiger für die Soldaten selbst als für ihre Kommandanten. Ich liebe die Soldaten, wenn ich auch den Krieg nicht liebe.

Unsere größte Sorge bestand in der Frage, wo unser Korps am zweckmäßigsten verwendet werden sollte. Russische Fronten gab es nicht mehr; dagegen standen im Westen 500 000 gut ausgerüstete deutsche Soldaten, weil die Deutschen den Bolschewiken nicht trauten. Die Bolschewiken wären anfangs mit uns gegen die Deutschen gezogen, aber die Verbündeten wollten das nicht, und zwar mit Recht; gegen den Willen Trotzkijs schloß Lenin mit den Deutschen Frieden. Ich bitte Sie, um Gottes willen, wie konnte oder kann nur jemand glauben, daß wir uns damals durch die deutsche Front bis in die Heimat hätten durchschlagen können! 50 000 Soldaten, fast keine Geschütze, eine unvollständige Ausrüstung, eine ganz mangelhafte Verpflegung und im Rücken ein Land in heller Revolution! Oder einen Vernichtungskampf gegen die Bolschewiken führen? Der Zarismus war gefallen, seine ganze Verwaltung zusammengebrochen, das riesige Land in Aufruhr – mit 50 000 Soldaten kann man eine große, durch die Unfähigkeit des alten Regimes hervorgerufene Bewegung nicht unterdrücken!

Frankreich wollte im Herbst des Jahres 1917 unsere Truppen an die rumänische Front werfen. So fuhr ich dahin, um die Front bei Maresti unweit Jassy zu besichtigen, und sah, daß dort nicht mehr gekämpft wurde; nur gleichsam mir zu Ehren gab man ein paar Schüsse ab, und die Deutschen antworteten ebenso matt. Ich sprach mit rumänischen und französischen Offizieren und hörte, daß Fleisch und Brot zu fehlen begannen, daß die Verproviantierung stockte. Und außerdem witterte ich, daß Rumänien schon an Frieden dachte. Ich hatte recht. Was wäre dort mit unsern Leuten geschehen? So entschloß ich mich, sie nicht hinzuschicken, obgleich ich deswegen in eine Polemik mit Clemenceau kam.

Das einzig Mögliche und Vernünftige war, unsere Soldaten an die französische Front zu bringen, wo man jeden Mann brauchte. Ich sah, daß es über Archangelsk nicht gelingen konnte. Die Verbindung dahin war schlecht, und die Deutschen hätten unsere Transporte auf See glatt torpediert. Der längste Weg nach Frankreich und in die Heimat war der kürzeste: über Sibirien und rund um die Welt. Ich ordnete alles so an und reiste über Sibirien als Quartiermeister voraus, um unseren Leuten zu zeigen, daß es ginge. Ich vereinbarte mit den Bolschewiken – mit ihrem ersten Generalissimus und dann mit dem Kommissar Frič, der Universitätsprofessor gewesen war – eine bewaffnete Neutralität. Unsere Soldaten sollten mit den Waffen abziehen, das wurde mir schwarz auf weiß gegeben. Unseren Soldaten erteilte ich den Befehl, sich nicht in die inneren russischen Angelegenheiten einzumischen, aber sich zu wehren, wenn irgendeine slavische Partei gegen sie auftreten sollte. Mit den Deutschen und den Magyaren befanden wir uns schon dadurch im Kriegszustand, daß unsere Armee von den Franzosen offiziell als ein Teil der französischen Armee erklärt worden war. Nur die Bolschewiken konnten sich unseren Soldaten in den Weg stellen, deshalb sprach ich von der »slavischen Partei«. Die Neutralität verstand sich schon darum von selbst, weil die Bolschewiken uns eigentlich ernährten; sie verhinderten wenigstens unsere Verpflegung nicht.

Ich verließ Moskau am 7. März, zufällig an meinem Geburtstag. Durch die Freundlichkeit Lady Pagets bekam ich einen Platz im Zug des englischen Roten Kreuzes, der die englische Samaritermission aus Rußland hinausbrachte. Ich saß auf einem harten Bänkchen, glücklicherweise hatte mir Hůza in Moskau noch eine Matratze besorgt. Die Reise dauerte einen Monat. Auf der Fahrt konzipierte und schrieb ich mein Buch: »Das neue Europa«, betrachtete mir die englischen Mitreisenden und debattierte mit dem bolschewikischen Schaffner. Einmal mußte unser Zug halten, weil in der Gegend vor uns gekämpft wurde. Manchmal ging uns das Heizmaterial aus, und man mußte für die Lokomotive Holz spalten – darin tat sich Hůza vor allen hervor.

Ich eilte nach Amerika, auch aus dem Grunde, weil ich Friedensverhandlungen erwartete. Nur mußte ich mich noch in Japan aufhalten, um mit den europäischen Verbündeten in Fühlung zu kommen und die japanische Regierung darauf aufmerksam zu machen, daß wenigstens ein Teil unserer Truppen sich in Japan einschiffen würde.

Nun, es gab viel, aber gute Arbeit in Rußland. Wir kehrten nicht mehr mit leeren Händen nach Hause zurück, hatten etwas Wirkliches und Eigenes, unsere Armee, das erste wirkliche, wenn auch exterritoriale Stück unseres künftigen Staates.

Das Ende des Krieges

Nach Amerika, nach Vancouver fuhr ich von Japan mit der »Empreß of Asia«. In Amerika warteten schon überall unsere Landsleute und amerikanische Journalisten auf mich, ich mußte mich an die amerikanische Publizistik gewöhnen. Einerseits lebte ganz Amerika im Krieg in einer fieberhaften Erregung, alles war neu, es fühlte eine neue Beziehung zu Europa und zur Welt überhaupt; andererseits wirkte schon die Popularität unserer Legionen, die sich damals schon mit der Waffe durch Rußland und Sibirien durchschlugen. Ich kannte unsere Soldaten und wußte, daß sie herauskommen würden. Die Amerikaner haben eine ungewöhnliche Bewunderung für alles Heldentum, und so machte der Zug unserer Fünfzigtausend durch einen ganzen Erdteil einen großen Eindruck auf sie.

Es war das viertemal, daß ich nach Amerika kam. Das erstemal war es im Jahre 1878, als ich Miß Garrigue nachreiste, und zweimal waren es Vortragsreisen in den Jahren 1902 und 1907. So hatte ich Amerika schon seit seinen Pionierzeiten wachsen gesehen. Ja, es gefällt mir. Nicht, daß ich die Landschaft liebte; die unsere ist schöner. Die amerikanische Landschaft ist wie das amerikanische Obst. Mir kam es immer vor, als schmecke das Obst dort irgendwie roher als das unsere, das unsere süßer und reifer. Ich glaube, das macht die tausendjährige Arbeit, die bei uns in allem steckt. Und ebenso ist die amerikanische Landschaft irgendwie roher als die unsere. Für den Farmer, der mit Maschinen ausgerüstet ist, ist der Boden dort eine Fabrik und nicht ein Gegenstand der Liebe wie bei uns heute.

In Amerika gefällt mir die Offenheit der Menschen. Selbstverständlich gibt es auch dort gute und schlechte Menschen wie bei uns; aber sie sind auch im Bösen offener. So ein amerikanischer Wikinger ist völlig rücksichtslos und unbarmherzig; er ist ein offener Pirat ohne alles Getue und verbirgt sich nicht hinter einem moralischen oder patriotischen Paravent. Die Guten wiederum gehen ebenso energisch dem nach, was sie für gut halten, sei es die Humanität, die Religion oder kulturelle Dinge. Sie sind unternehmender als bei uns. Da steckt immer noch viel unternehmungslustiges Pioniertum.

Die amerikanische Industrialisierung und das Arbeitstempo überraschen mich nicht. Da die Amerikaner mehr als 100 Millionen Menschen mit Ware zu versorgen haben, mußten sie sich daran gewöhnen, im Großen zu arbeiten; das bewirken die großen Ausmaße. Auch in ihrem Kapitalismus sehe ich keinen Unterschied; so ein amerikanischer Milliardär ist wie ein Millionär bei uns, nur in größerem Maßstab. Man sagt auch: die Jagd nach dem Dollar! Als ob es bei uns besser wäre! Der Unterschied liegt allerdings darin, daß wir in Europa eher dem Kreuzer nachjagen als dem Dollar und das so erniedrigend tun, als ginge es um ein Trinkgeld. Europa ist in dieser Beziehung weniger rücksichtslos, aber um so schmutziger.

Der Amerikanismus der Maschinen! Maschinen haben ihre guten und bösen Seiten, ebenso wie der Taylorismus, die Rationalisierung. Ersetzen die Maschinen die grobe, aufreibende Arbeit des Menschen, so ist es gut; man sollte mehr daran denken als an den Geldgewinn. Mir war das amerikanische Arbeitstempo fremd; ich brauche zu jeder Arbeit sozusagen einen freien Rand, um sie mir in Ruhe zu überlegen. Unser Arbeiter ist vielleicht weniger flink, arbeitet aber gut und genau; die Qualität geht bei uns über die Quantität. In Amerika wird die physische Arbeit höher geschätzt als bei uns; der amerikanische Student verrichtet in den Ferien Erntearbeit oder läßt sich als Kellner anstellen; bei uns wird die Schulbildung und besonders die akademische Bildung fast überschätzt. Der amerikanische Arbeiter ist im Vergleich zu unserm freier und hat seinen elbow-room; ist er geschickt, so hat er seinen Fordwagen und seinen Bungalow – daher gibt es dort keinen Sozialismus in unserem Sinne.

Es schadet nichts, daß der sogenannte Amerikanismus zu uns vordringt. So viele Jahrhunderte haben wir Amerika europäisiert, jetzt hat es das gleiche Recht bei uns. Wir amerikanisieren uns, aber vergessen Sie nicht, daß Amerika sich wieder je weiter desto mehr europäisiert. Ich habe gelesen, daß jetzt zwei Millionen Amerikaner jährlich nach Europa kommen. Bedeutet Europa für ihr Leben etwas Gutes, so mögen sie es nur mit sich hinübertragen. Wenn man die neueren amerikanischen Autoren liest, so sieht man, wie streng sie die Fehler und Flachheiten des amerikanischen Lebens beurteilen. Wären doch unsere Autoren so offen gegen unsere Fehler! Die Zukunft liegt darin, daß Europa sich Amerika angleicht und Amerika Europa.

Kurz: mir bot Amerika vieles zu Beobachtung und Studium; ich lernte dort viel, viel Wertvolles.

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In Amerika bereitete ich mich schon bewußt für die Friedensverhandlungen vor. Vor allem mußten wir die Einigkeit zwischen Tschechen und Slovaken festigen. Dann kamen die Verhandlungen mit den Karpathorussen, damit sie sich selbst zu unserem Staate bekannten. Das war ein neues Projekt, das erst in Amerika auftauchte; ich sah sofort, was es für uns bedeuten würde, wenn wir eine Landbrücke zum künftigen demokratischen Rußland oder zur Ukraine besäßen. Ich überredete die Vertreter der Karpathorussen in keiner Weise, ich legte ihnen nur die Lage dar: Ihr könnt euch an die Magyaren, die Polen oder an uns anschließen, wählt selbst. Sie wählten uns.

Die weitere Arbeit bestand, wie vorher in Europa, darin, die kleineren, europäischen Nationen in ihrem Kampf um die Freiheit zu vereinigen: also mit Polen, Ruthenen, Serben, Kroaten, Rumänen und andern zu verhandeln. Das Ergebnis war die gemeinsame Unabhängigkeitserklärung in Philadelphia. Ferner ging es darum, das amerikanische Volk zu gewinnen. Was gab es da für Zusammenkünfte, Beratungen, Vorträge und mehr oder minder feierliche Meetings und Kongresse. Es half nichts, man mußte die öffentliche Meinung, die vorher von uns wenig, von den Slovaken fast nichts wußte, bearbeiten. In Amerika war der Krieg gegen die Germanen populär, aber die verwickelten nationalen Probleme Mitteleuropas waren den Leuten fremd. Zum Glück hatten unsere Landsleute in den Vereinigten Staaten schon seit Beginn des Krieges eine Propaganda gegen Österreich eingeleitet. Als dann unsere Legionen in Sibirien die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich lenkten, hatten wir die Trümpfe in der Hand. Vor allem durfte keine Zeit verloren werden, denn der Krieg neigte sich dem Ende zu; und da kam das Ende schon um ein halbes Jahr früher, als ich erwartet hatte.

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Masaryk bei slovakischen Kalkbrennern (1926)

Als die öffentliche Meinung vorbereitet war, begann ich mit den amtlichen amerikanischen Kreisen zu verhandeln, mit Lansing, Oberst House und anderen. Mr. Crane, mein alter amerikanischer Freund, tat viel für uns. Sein Sohn war Lansings Sekretär.

Mit Präsident Wilson traf ich, glaube ich, viermal zusammen. Mein erster Eindruck von ihm war der einer vollkommenen Sauberkeit (neatness); ich sagte mir: man sieht, daß er eine Frau hat, die ihn liebt. Wir verstanden uns ziemlich gut – nun, wir waren ja beide Professoren. Er war in den Prinzipien eigensinnig, nahm aber Einwände an. Er kannte mich, und wir hatten, wenn auch indirekt, in Beziehung gestanden, bevor ich nach Amerika gekommen war. Ich sah voraus, daß er sich in den europäischen Fragen nicht auskennen und infolge seiner Gradlinigkeit mit den europäischen Staatsmännern nicht verstehen würde, und warnte ihn, zu den Friedensverhandlungen nach Europa zu reisen. Er ließ sich aber nichts sagen, denn er war von seinem Plan des Völkerbundes zu sehr erfüllt, als daß er mit Hindernissen gerechnet hätte.

Zu jener Zeit, im Mai des Jahres 1918, kam mir unsere Tochter Olga aus England nach. Damals war es wegen des Unterseebootkrieges verboten, Frauen und Kinder auf die Schiffe zu nehmen; sie bekam auf Anordnung Wilsons einen Schiffsplatz als Kurier, die einzige Frau im Konvoi von acht Schiffen.

Ich lebte zumeist in Washington. Um mir ein wenig Bewegung zu schaffen und Luft zu schöpfen, ritt ich im Rock-Creek-Park. Dort hätte ich mir einmal fast das Genick gebrochen, als ich versuchte, über das höchste Hindernis zu springen. Danach ließen mich unsere Leute nicht mehr allein reiten. Auch besorgten sie mir das erste Auto. Es war ein kleiner Dodge. Ich erinnere mich, wie wir darin am Armistice Day durch die Straßen fuhren oder zu fahren versuchten. Eine solche Freude des Volkes habe ich niemals gesehen. Alle Menschen jubelten und sangen, umarmten sich, hupten, ganz New York war mit einem buntpapierenen Schnee überschüttet. Bei uns können wir nicht so toben und kindlich lustig sein wie die Amerikaner.

Bis ich das Telegramm bekam, daß man mich in der Heimat zum Präsidenten gewählt hatte, hatte ich nie an etwas derartiges gedacht. Mit dem Telegramm begannen nur Sorgen für mich: Sorgen wegen der Abreise, wegen meiner Begleitung und so fort.

Ich reiste am 20. November ab. Zufällig ist dieser Tag der Geburtstag meiner Frau. Die Fahrt auf dem Schiff war meine erste Erholung seit vier Jahren. Ich konnte mit meiner Tochter Schach spielen. Seit damals habe ich das Spiel nicht mehr in Händen gehabt. Ich ging auf dem Deck herum, blickte auf das Meer hinaus, dachte nach, wie alles gekommen war – und freute mich. Gott, es war uns ja doch nun gelungen!

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