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Masaryk erzählt sein Leben

Karel Capek: Masaryk erzählt sein Leben - Kapitel 4
Quellenangabe
typebiography
authorKarel apek
titleMasaryk erzählt sein Leben
publisherBruno Cassirer Verlag
printrunViertes bis siebentes Tausend
yearo.J.
translatorCamill Hoffmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150521
projectid799a656e
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I. Jugend

Kindheit

Meine frühesten Erinnerungen ... das sind nur unzusammenhängende Bilder. Einmal – ich war damals etwa drei Jahre alt – sah ich in Hodonín ein scheuendes Pferd. Es jagte über die Straße; alles lief auseinander, nur ein Kind fiel ihm vor die Hufe; aber das Pferd setzte darüber hinweg, und das Kind blieb unversehrt. Das blieb mir im Gedächtnis haften. Dann erinnere ich mich aus dieser Zeit, wie mein Vater in Mutenice Krähen im Eisen fing. Ich weiß auch, daß ich in Mutenice, noch bevor ich schreiben konnte, zum Herrn Richter ging und ihn um ein Stückchen »Bleiweiß« und Papier bat, das ich dann verschmierte.

Meine Heimat war die Gegend um Hodonín; dort gab es überall kaiserliche Güter, und wohin Vater, der zu Beginn seiner Dienstlaufbahn auf diesen Gütern Kutscher war, geschickt wurde, dorthin zogen wir mit ihm. Gleich in meinem zweiten Lebensjahr kamen wir von Hodonín nach Mutenice; dort blieben wir bis zum Frühjahr 1853. Dann kehrten wir nach Hodonín zurück und wohnten in der Bauernhütte »Am See«. Noch heute sehe ich die weite Ebene vor mir und glaube, daß dieser Kindheitseindruck mir geblieben ist. Darum liebe ich die Ebene. Die Berge liebe ich aus der Ferne, aber ich lebe nicht gern zwischen ihnen; die Täler engen mich ein, schon weil nicht Sonne genug da ist.

Im Jahre 1856 kamen wir auf den Hof in Čejkovice; nach zwei Jahren mußten wir nach Čejče übersiedeln, ein Jahr darauf wieder nach Čejkovice, und dort wohnten wir bis 1862. Im Jahre 1861 kam ich an die Realschule in Hustopeč, und die Familie kehrte inzwischen nach Hodonín zurück, wurde aber schon im Jahre 1864 abermals nach Čejče geschickt; von dort zog sie nach drei Jahren – das war im Jahre 1867 – von den kaiserlichen Gütern fort in Privatdienst nach Miroslav und auf das Gut Suchokrdly, »Socherle« sagte man deutsch. Am längsten blieb sie in Klobouky, vom Jahre 1870 bis 1882, und dorthin pflegte ich auf Ferien zu kommen. Aber meine eigentliche Heimat – das war Čejkovice.

Mutter hatte größeren Einfluß auf mich als Vater; er war begabt, aber einfach, der »Capo« im Haus war die Mutter. Sie war Hanakin von Geburt, aber unter Deutschen in Hustopeč aufgewachsen, und so bereitete ihr das Tschechische anfangs Schwierigkeiten; ihre drei Kinder, wahre Reißteufel, hatte sie riesig gern; vielleicht war ich ihr Liebling, aber mehr verdient hätte es Bruder Martin, von uns dreien der bravste, reinste, eine anima candida, wie man sagt.

Mutter war klug und erfahren, kannte ein Stück Welt, hatte längere Zeit in »bester Gesellschaft« gelebt, wenn auch nur im Dienst; sie war bei »Herrschaften« in Hodonín Köchin gewesen, die hatten sie gern gehabt und kamen später in schwierigen Augenblicken zu ihr um Rat und Hilfe. Aus der herrschaftlichen Zeit war ihr die Sehnsucht geblieben, uns Kinder auf der gesellschaftlichen Stufenleiter etwas höher zu bringen; überdies kannte sie das Elend noch gut, in dem das dienende und arbeitende Volk damals lebte. So wollte sie aus uns Kindern »Herren« machen; es war ihr Verdienst, daß ich in bessere Schulen kam.

Mutter war fromm. Sie ging gern in die Kirche, hatte aber wenig Zeit dazu; sie mußte sich für die Familie abplagen. Von ihr hörte ich: Herrendienst geht vor Gottesdienst. Dessen erinnerte ich mich später, als ich die politische Rolle der Kirche und Feuerbachs Theorie von der Religion, die der Politik diene, begriff. Statt in der Kirche pflegte Mutter zu Hause ihre Gebete aus dem Gebetbuch herzusagen; das Büchlein war voll kleiner Bilder – ich erinnere mich eines Bildchens des gemarterten schweißtriefenden Christus. Das hatte sie am liebsten, und auch ich betrachtete es gern.

Vater war Slovak aus Kopčany, als Leibeigener geboren und Leibeigener geblieben. Neben Mutter hatte er wenig positiven Einfluß auf mich. Er war von Natur aus begabt, aber nicht in die Schule gegangen; in Kopčany hatte er nur ein wenig lesen gelernt, bei einer alten Frau, einer Soldatenwitwe, der die Gemeinde diese Funktion übertragen hatte, eine Schule gab es dort nicht; für das bißchen Lesen mußten die Kinder Kartoffeln ausgraben. So war er ein ländlicher, unstädtischer Naturmensch; er lebte stets in der Natur, besonders seitdem er zur Landwirtschaft gekommen war; die Natur kannte er, beobachtete sie, beobachtete sie gut, er hatte einen besonderen Sinn für die Einzelheiten von Natur und Leben. Ich erinnere mich noch, wie er einmal im Frühjahr einen kleinen Märzhasen, den er in einer Pferdespur zusammengekauert gefunden hatte, an der Brust nach Hause brachte; damals erzählte er uns bis ins kleinste, lebhaft und interessant, den ganzen Lebenslauf eines Hasen.

Selbst ungelehrt, billigte er doch, daß ich lernte, und schämte sich nicht, mit mir zu lernen; es versteht sich, daß er dieses Lernen wie alles utilitaristisch beurteilte: danach, was es einbringe. Fromm war er nicht, fürchtete sich aber vor der Hölle und ging zeitweise am Sonntag in die Kirche. In allen Dingen entschied Mutter; er unterwarf sich, selbst wenn er widersprach.

Als er uns viel später in Prag besuchte, interessierte ihn nur, wie die Pferde in der Stadt beschlagen waren, was für Deichseln, Achsen und Räder die Wagen und Kutschen in Prag hatten; in den Palästen der Kleinseite interessierten ihn die Portiers, nach ein paar Tagen hatte er mit allen Bekanntschaft geschlossen und ging zu ihnen plaudern. Nach zwei, drei Tagen hatte er jedesmal von Prag genug, und wir konnten ihn nicht mehr zurückhalten – er wollte dann nur nach Hause zurück, aufs Dorf und in die Natur!

Ich merkte am Vater die Wirkungen der Robot, der Knechtschaft; er diente und arbeitete mit Unlust, aus Zwang, zog zwar den Hut vor seinen Herren, liebte sie aber nicht. Auf den kaiserlichen Gütern erhielt sich die Leibeigenschaft de facto auch nach dem Jahre 1849; man bedenke, daß mein Vater von der Herrschaft die Erlaubnis erbitten mußte, mich die Realschule besuchen zu lassen.

Meine ersten sozialen Eindrücke empfing ich, als ich sah, wie grob manche Herrschaftsbeamte gegen meinen Vater waren. Oft sann ich darüber nach, wie ich es anstellen könnte, ihnen das zu vergelten und sie dafür zu verprügeln. Wenn die Herren zur Jagd ankamen, pflegten sie ihre Pelze bei uns aufzubewahren; ich hatte solche Lust, meinen Kindeszorn an diesen Pelzen auszutoben! Nach der Jagd aßen die Herren im Jagdhaus im Walde, und die Bedienten warfen den Dorfleuten die Reste zu; man raufte um sie. Einmal warfen sie etwas heraus, wahrscheinlich waren es Makkaroni; die Leute kannten sie nicht und nannten sie »Würmer«, aber das machte ihnen nichts aus, sie rauften um sie wie Tiere. Solche Dinge blieben mir im Gedächtnis haften.

Kinder untereinander

Wir drei Brüder liebten einander sehr; aber mein Verhältnis war zu jedem ein anderes. Martin, der dem Alter nach der mittlere von uns war – wir waren je zwei Jahre auseinander –, liebte ich nicht nur, sondern verehrte ihn geradezu; er war lieb, vertrauensvoll, ohne Falsch, anspruchslos. Den Jüngsten, Ludwig, kommandierte ich ziemlich viel, benützte ihn als kleinen Boten. An Martin denke ich bis heute als an einen idealen Jungen zurück.

Die Brüder waren mir keine Kameraden, wir gingen jeder seines Weges. Kameraden hatte ich unter den älteren Jungen; ich hielt mich gern in Gesellschaft der Älteren auf und gehorchte ihnen. Zu einem, zwei Hofknechten hatte ich ein kameradschaftliches Verhältnis.

Die Schule besuchte ich zuerst in Hodonín – es war eine deutsche Schule – und dann in Čejkovice. Noch heute sehe ich die Hände meines ersten Lehrers in Čejkovice vor mir, behaarte und knochige Hände, mit denen er uns schlug. Zu Hause lernte Vater von mir schreiben. Als er Schaffner und danach Verwalter geworden war, brauchte er das Schreiben, um einzutragen, was und wie lange zu tun war. Die Ausweise für die Leute pflegte ich ihm zu schreiben; ich linierte sein Notizbuch und machte die nötigen Rubriken hinein. Vater arbeitete ungern, nur wenn er mußte, so wie jeder Leibeigene. Darin besteht die Leibeigenschaft: nicht wollen und müssen.

Der Dorfschullehrer war in meinen jungen Jahren ein armer Teufel, viel Gehalt bezog er nicht, und so verschaffte er sich einen Nebenverdienst durch allerlei Schreibarbeit und Kirchendienst; er sang bei Begräbnissen und in der Weihnachtszeit von Haus zu Haus. Bei der Weinlese gingen wir Knaben von einer Weinpresse zur andern und sammelten für den Lehrer Wein in ein Fäßchen, soviel uns jeder Bauer abgoß. Das Fäßchen hatte der Lehrer dann den ganzen Winter in der Schule hinterm Ofen stehen, weil er einen Keller nicht besaß, und dort gährte ihm der Heurige. Solch eine Bettelei war das. Ein Bauer, besonders wenn er Ratsherr oder Bürgermeister war, ging mit einem Lehrer um wie mit einem Hungerleider. Es versteht sich, daß der versklavte Lehrer bei den Kindern keine große Autorität genoß; so prügelte er sie, und Prügel waren sein Haupterziehungsmittel. Der Sklave hat immer die Methoden des Sklavenhalters und rächt sich, wo er kann.

Die heutige Schule bedeutet schon einen Fortschritt; aber sie läßt sich noch in vielem reformieren, um selbständige und selbstbewußte Menschen zu erziehen, Menschen mit Lebensmut. Die Schulreform ist eben auch eine Reformierung der Lehrer; es gilt, ihr soziales Niveau und ihre Bildung zu heben. Heute streben sie selbst Hochschulbildung an.

Die Hauptsache ist: die Kinder lieben, sich in ihr Seelenleben, das eher konkret und bildhaft ist als abstrakt-wissenschaftlich, hineindenken und hineinfühlen können; anschaulich unterrichten, an Dinge anknüpfen, welche die Kinder greifbar in ihrer Umgebung sehen; und den Unterricht tunlichst individualisieren. Überhaupt sollte man an Schule, Erziehung und Unterricht viel mehr denken ... und viel mehr Mittel dafür ausgeben als bisher. Die Entwicklung der Schule, das ist die Entwicklung der Demokratie.

*

So ein Junge auf dem Lande hat viel zu tun! Er muß mit den Lippen pfeifen können, zwischen den Zähnen, mit einem Finger, mit zweien und mit der ganzen Faust; dann auf zweierlei Art mit den Fingern schnalzen; er muß ringen können, auf dem Kopf stehen, auf den Händen gehen und radschlagen und – gut laufen, hauptsächlich das! Ein beliebtes Spiel war »Sturmbock«. Man muß dabei auf einem Bein hüpfen, die Arme kreuzweise verschränken und so mit der Schulter gegen die Schulter des andern stoßen, daß der Gegner auf das emporgezogene Bein fällt; gewöhnlich gehen zwei gegeneinander los, aber auch drei, vier und ein ganzer Haufen von Jungen. Dann muß man mit Schleuder und Bogen schießen können, mit einem Stein treffen, reiten, mit der Peitsche knallen, auf jeden Baum klettern, Krebse und Käfer fangen, schwimmen, Feuerchen anmachen, schlittern, rodeln, Schneeball werfen, auf Stelzen gehen und so weiter.

Einmal fingen wir an, einen Tunnel zu graben, ein Eisenbahnzug sollte darin hin- und herfahren; aber wo einen Zug hernehmen? Darüber zerbrachen wir uns vorläufig nicht den Kopf. Was gibt es nicht alles an Handfertigkeiten der Jugend: Knallrohre verfertigen aus Hollunderzweigen und Gänsekielen; Pfeifen schnitzen aus Weidenholz oder Gänseknochen und Klarinetten aus Kirschenholz; Trompeten fabrizieren aus Getreidehalmen und Kürbisstengeln; einen einfachen Bogen oder eine Armbrust mit Schindelschaft und die Pfeile dazu herstellen; dann Flinten, Säbel und Tschakos; Bälle verfertigen.

Wasser- und Windmühlen schnitzen oder gar eine Osterklapper, einen gordischen Knoten knüpfen und aus Roßhaar Ringe und ganze Ketten flechten, das lehrte uns ein deutscher Austauschjunge. Und zu alledem hat man nur ein Groschenmesser. Ein Taschenmesser, wir pflegten »Fedrmessl« zu sagen, war das Ideal aller Ideale; wer konnte, lieh sich zu Hause eine Feile, ein Stemmeisen oder ein Beil aus, und schon schnitzte und zimmerte er etwas. Jeder Junge ist ein Stück Ingenieur.

Einmal hätte ich ums Leben gern eine »Grumla« gehabt; das ist ein Zigeunermusikinstrument, in der Form etwa wie eine kleine Lyra, mit metallener Zunge, auf dem man bläst und mit dem Finger klimpert. Nun, so eine Grumla wollte ich haben und bat einen Zigeuner, sie mir anzufertigen. »Gut«, sagte der Zigeuner, »aber dazu mußt du mir ein Eisen bringen.« – Ich brachte ihm ein Eisen, das ich im Hof fand. – »Und jetzt mußt du mir Brot bringen.« – Ich gab ihm also Brot, dann noch Butter und Eier, ich weiß nicht mehr, was ich dem Zigeuner alles bringen mußte, aber die Grumla habe ich am Ende nicht zu sehen bekommen!

Kinderspiele gab es viele, alle draußen in freier Luft; ganz unpazifistisch pflegten wir Soldaten zu spielen, eigentlich Krieg. Oder Räuber; ich war dann gewöhnlich der Räuberhauptmann und ein Sohn des Gutsdirektors der Gendarmeriekommandant; es versteht sich, daß ich ihn verhaute, so oft es ging.

Ein Junge hat sein Schatzkästlein und darin farbige Bohnen, Knöpfe, schöne Steinchen, eine Pfauen- und eine Häherfeder, Würfel aus geschliffenen Ziegelstückchen, bunte Gläser, ein Prisma oder eine Linse, von einem Lüster, etwas von einem Kirchenleuchter, und andere Kostbarkeiten. Auch ihre Geschäfte betreiben die Jungen; sie verleihen Bohnen gegen hohe Zinsen, tauschen sie und verkaufen sie mitunter für einen Kreuzer.

Selbstverständlich muß ein Bauernjunge neben dieser Jungensorganisation vor allem der Mutter in der Hauswirtschaft und dann dem Vater auf dem Felde helfen. Wie die Mädchen leben, das weiß ich aus eigener Erfahrung nicht; wir Jungen hatten mit den Mädchen nichts Gemeinsames und lebten völlig getrennt. Einmal, ich zählte etwa acht Jahre, nahm mich Mutter nach Šaštin auf Wallfahrt mit. Wir schliefen dort bei uns bekannten Forstleuten, die ein Töchterchen ungefähr in meinem Alter hatten; wir blieben dort zwei Tage, und wir Kinder spielten vom Morgen bis zum Abend zusammen. Als wir nach Hause zurückgekehrt waren, war mir furchtbar bange nach ihr.

Die Jungen in der Stadt haben nicht mehr den Genuß so vieler Spiele. Kinder soll man ein wenig toben lassen. Das auf dem Land aufgewachsene Kind ist erfinderischer, selbständiger und praktischer, das Stadtkind kann sich oft nicht einmal den Bleistift spitzen und überhaupt seine manuelle Geschicklichkeit nicht ausbilden. Dabei geschehen draußen im ganzen wenig Unglücksfälle; manchmal schlägt man sich die große Zehe wund, manchmal kriegt man einen Stein auf den Kopf, das ist wahr. Ich erinnere mich an drei ernste Unfälle: ein Junge fiel von einer Pappel herunter, ziemlich hoch, und man sagte, daß ihm das an der Brust Schaden zugefügt habe. Einer vergiftete sich an Tollkraut, als er ein Pferd nachmachte und die Jungen ihn mit »Mohn« fütterten; und einer ertrank beim Baden im Teich. Als man ihn nach Hause brachte, war ich dabei, wie seine Mutter neben ihm niederkniete und mit gedehnter, weinerlicher Stimme seine guten Eigenschaften zu preisen begann: »Du mein lieber Josífek, wie warst du brav, ich werde dich nie mehr schelten«, und so weiter. Später habe ich gelesen, daß dieses Beweinen und Lobsingen der Toten bei allen Primitiven Brauch ist.

Ein Kind fühlt ganz gut, ob die Erwachsenen frei sind und was für ein Verhältnis sie zueinander haben. Ein Kind in Amerika ist freier als in Europa, ist naiver und schlichter im Verkehr sowohl mit andern Kindern als auch mit den Erwachsenen; es fürchtet die Erwachsenen nicht, es sieht, daß auch sie untereinander unbefangen sind. Das ist der Einfluß der Republik und der Freiheit; die Menschen lügen nicht und haben nicht immer die Angst, man könnte sie übervorteilen oder ihnen etwas antun; dort hat der Mensch vor dem Menschen keine Furcht. Heute sehe ich den Kindern gern zu und rede mit ihnen; es kommt mir vor, daß sie schon couragierter und unmittelbarer sind, und ich sage mir, daß sie zu freien Menschen aufwachsen werden. Die Republik ist eine gewaltige Sache!

Und wieder fällt mir die Frage der Schule und des Lehrers ein. Der Schullehrer soll den Kindern den Republikanismus, die demokratische Freiheit und Gleichheit einimpfen; er soll der Kamerad der Kinder werden. Seine Autorität soll auf dem Altersunterschied, auf seiner Überlegenheit in allen Dingen des Wissens, der Praxis und des Charakters beruhen. Ich habe beobachtet, daß die amerikanischen Kinder zu ihren Lehrern und Lehrerinnen ein viel kameradschaftlicheres Verhältnis haben als die unsrigen, und daß die Amerikaner ihr Leben lang sich gern ihrer Lehrer und Schulen erinnern. Bei uns atmen die Kinder auf, wenn sie die Schule verlassen; und doch ist es für gesunde Kinder eine Freude, zu erkennen und zu lernen. Der amerikanische Lehrer spielt mit den Jungen Fußball und fürchtet nicht, sich dabei etwas zu vergeben. Ein Lehrer-Bürokrat ginge mit den Kindern nicht rodeln oder Schlittschuh laufen, er hätte Angst, vielleicht hinzufallen und seine Autorität einzubüßen. Zwischen Lehrer und Schüler ebenso wie zwischen den Beamten und dem Bürger besteht noch eine künstliche Entfernung und Entfremdung. Mehr Lebendigkeit, mehr Herzlichkeit in der echten Demokratie! Die Schule Komenskýs Jan Amos Komenský (1592-1670), der große Volkserzieher, bekannt unter dem humanistischen Namen Comenius, Verfasser des pädagogischen Werkes »Orbis pictus«, des utopischen Romans »Das Labyrinth der Welt«, letzter Bischof der Unität der böhmischen Brüder, mußte nach der Schlacht am Weißen Berge aus seiner Heimat flüchten, lebte und wirkte dann in Polen, England, Schweden, Ungarn, Holland. (Anm. d. Übers.) war eine Officina humanitatis; die Schule bildet den Menschen nicht nur individuell, sondern auch kollektiv aus, sie erzieht ihn für die Gesellschaft, für die Demokratie.

Es versteht sich, daß das auch von der Familie gilt. Nicht blinde Autorität der Eltern, nicht passiver Gehorsam des Kindes, durch ewiges Anschreien und Schelten erzwungen, sondern Erziehung durch das Beispiel!

Das Kind und seine Welt

Der Mutter nachgeraten, war ich sehr fromm. Ich pflegte in Čejkovice bei unserm Kaplan Pater Franz – er hieß Satora – Ministrant zu sein und habe ihn geradezu geliebt. Er gefiel mir so gut in seiner weißen Halsbinde und dem anliegenden schwarzen Klerikarock mit den runden Knöpfchen vom Hals bis zu den Füßen. Wenn ich bei ihm ministrierte, war es mir, als wäre Pater Franz der Herrgott und ich sein Engel; das war mein höchstes Glück, ein viel größeres, als wenn ich auf der Empore sang. Nun, ich war auch auf meinen Ministrantenrock stolz. Pater Satora war ein merkwürdiger, zwiespältiger Mensch. Manchmal war er geradezu fanatisch, und ein anderes Mal schien er sich mit Zweifeln zu quälen; weder bei der kirchlichen noch bei der weltlichen Obrigkeit war er gut angeschrieben. Eine Zeitlang hörte ich die Frauen von Pater Franz und der Frau des Dorfrichters munkeln, als sie in die Wochen kam; ich verstand es nicht und zerbrach mir den Kopf darüber, was es bedeuten könnte. Und Pater Franz predigte eines Sonntags, daß auch ein Priester der Sünde unterworfen sei und die Menschen sich kein Beispiel an seinem Leben nehmen sollten, sondern an Christus und den Worten, die er sie gelehrt. Das war sozusagen eine öffentliche Beichte; ich begriff es damals nicht, war aber von der Predigt sehr betroffen. Warum sollten die Menschen sich kein Beispiel an seinem Leben nehmen? Erst als ich reifer wurde und auf meine Kindheit zurückblickte, begriff ich dies und noch anderes.

Mit der Zeit begann ich, aufgeklärt durch Lesen und Erfahrungen, die Geistlichen kritischer zu sehen, und mir dämmerte, daß es einen Unterschied gebe zwischen Religion und Kirche; die Katecheten in der Mittelschule geben selbst zu, daß die Kirche zwar eine Einrichtung Gottes sei, aber manche unwesentliche, veränderliche und darum je nach Volk und Land verschiedene menschliche Seiten habe. Ich lernte von diesen menschlichen Seiten allerdings immer mehr kennen. Aber niemals zweifelte ich an Gott und der Teleologie, immer war ich Optimist.

In jener Zeit konnte ich mir gar nicht vorstellen, daß es irgendeinen anderen Glauben geben könnte. In Čejkovice fand ich in einem alten Kalender einen Aufsatz über Rußland; darin war von der rechtgläubigen Kirche die Rede; ich wurde beunruhigt durch die Nachricht, daß auch ein anderer Glaube als der unsrige Wallfahrten, Einsiedler, Heilige und Wunder hatte. Mir imponierte damals das Argument, daß es mehr Katholiken gebe als Protestanten und Rechtgläubige; aber der Vergleich, daß es noch mehr Mohammedaner und Heiden gebe, regte mich auf.

Ich hörte auch, daß im nahen Klobouky Protestanten, Helvetianer, lebten; das wollte ich bei einer Wallfahrt auskundschaften und schlich mich in eine evangelische Betstube. Ich litt furchtbare Angst, in den Boden zu versinken oder zur Strafe vom Blitz erschlagen zu werden, aber nichts geschah. Die kahlen Wände, das Pult an Stelle des Altars, der Ernst und die Schlichtheit, all dies machte einen solchen Eindruck auf mich, daß ich nach Atem rang. Ich vernahm damals, daß man den Evangelischen vorwerfe, sie lehnten die Glocken ab. Die Protestanten durften noch nicht zur Kirche läuten; erst hundert Jahre nach dem Toleranzpatent bekamen sie das Recht darauf. Mich verwunderte, daß die Katholiken die Protestanten als gebildeter, ordentlicher und sparsamer anerkannten. Ich zerbrach mir den Kopf, woher das käme. Oder ich sann darüber nach, warum man sagte: »Das hält fest wie der helvetische Glaube.« Ich löste diese Rätsel damals nicht, aber der Protestantismus beunruhigte mich weiter und reizte mich.

Vor den Juden fürchtete ich mich; ich glaubte daran, daß sie Christenblut brauchten, und darum ging ich lieber um ein paar Straßen weiter, als daß ich an ihren Häusern vorübergekommen wäre. Ihre Kinder wollten mit mir spielen, weil ich ein wenig deutsch konnte; aber ich mochte nicht. Erst später söhnte ich mich mit den Juden aus; das war in der Realschule in Hustopeč. Einmal machten wir einen Schulausflug in die Berge. Als wir nach dem Mittagessen im Wirtshaus lagerten und Dummheiten trieben, verlor sich ein jüdischer Mitschüler auf den Hof hinaus. Ich ging ihm aus Neugierde nach; er stellte sich hinter den Flügel des offenen Tores, verneigte sich mit dem Gesicht zur Wand und betete. Da empfand ich irgendeine Scham, daß der Jude betete, während wir spielten. Es ging mir nicht aus dem Sinn, daß er ebenso inbrünstig betete wie wir und nicht einmal während des Spiels das Beten vergaß ... Mein ganzes Leben lang gab ich darauf acht, gegen Juden nicht ungerecht zu sein; darum hat man gesagt, daß ich zu ihnen hielte.

Als Kind glaubte ich selbstverständlich nicht nur an das, was uns in der Schule und in der Kirche gelehrt wurde; mein Katholizismus war abergläubisch, von slovakischer Mythologie durchsetzt. Ich glaubte an alle möglichen und unmöglichen Geister, vielleicht am meisten an die Mittagsfrau und die Abendfrau, und zwar weil ich beim Spielen die Zeit vergaß und zum Mittag- und Abendessen zu spät nach Hause zurückkam. Der »Hastermann« Wassermann. (Anm. d. Übers.) war unter den Jungens besonders populär; manch einer wollte ihn gesehen haben, aber es gab viel Widerspruch über sein Aussehen und die Farbe seiner Haare, seines Bartes und seines Gewandes. Auch Hexen spielten eine große Rolle, dann der Tod und der Teufel; den hörten wir einmal alle in der Kirche, als während der Messe ein Mann von epileptischen Krämpfen befallen wurde. Auch der »Schwarzpriester« beunruhigte mich, als ich von ihm las. So lebte ich in einer doppelten, zweifachen Geisterwelt, sagen wir in einer orthodoxen und in einer nichtorthodoxen. In der nichtorthodoxen, in dem Aberglauben und den vielfältigen Anthropomorphismen (eigentlich Pädomorphismen!) gab es kein System; die Abendfrau, der »Hastermann« und die anderen Wesen und Gespenster waren jedes gleichsam für sich, ohne Zusammenhang untereinander – ich empfand das als seltsam. Ich wußte sogar, daß es Aberglaube war, aber ich sah die Grenze zwischen Aberglauben und Glauben nicht klar und vermochte den Aberglauben nicht ganz abzuwehren; so eingewurzelt und allgemein übernommen war er. Der Herr Kaplan unterrichtete uns zwar in der Schule im Katechismus, widerstand aber selbst dem Aberglauben nicht. Ich hätte vielleicht sagen können, daß die Mittagsfrau eigentlich das unheimliche Schweigen des Mittags sei, die Abendfrau die Dämmerung mit dem Abendläuten, aber der kindliche Verstand hängt an diesen Pädomorphismen; dem Kinde gefällt die Poesie der Mythen. Allerdings wird es von dieser Poesie bald getrennt: gestern, als ich nach dem Abendläuten nach Hause kam, drohte Mutter, die Abendfrau würde mich einmal davontragen; heute mußte ich bis in die Dunkelheit auf dem Felde Kartoffeln hüten und fürchtete mich vor der Abendfrau. »Aber du weißt doch, Junge, daß es keine Abendfrau gibt ...«

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Die Mutter des Präsidenten

Weder in der Schule noch daheim hörte ich je ein tieferes Wort über das geistige Wesen der Religion; ich hörte nicht, daß man über Religion nachdenken kann und soll. Die Volksreligion war wie ihre Symbole und ihr ganzer Kult sehr materiell, ganz objektiv, objektivistisch. Daß die Religion subjektive, subjektivistische Elemente enthalten sollte, kam niemandem von uns in den Sinn; die Religion war uns die geoffenbarte Wahrheit Gottes, das Gebet Gottes und der Kirche, und war das, was Vinzenz von Lerinum klassisch formuliert hat: quod semper, quod ubique, quod ab omnibus creditum est. Ich sann damals so offenkundigen Dingen nach, wie z. B. wer der größere Herr sei, der Kaiser oder der Papst? Wenn ich auf die heilige Dreieinigkeit kam, die Verwandlung Gottes in den menschlichen Leib und andere Lehren, die ich nicht begriff, pflegte ich den Pater Franz zu fragen, aber ich mußte mich mit der stereotypen Antwort begnügen: Das ist ein Geheimnis. Dieses Wort verhinderte die Diskussion, befriedigte mich jedoch nicht. Die Religion wurde einfach gelebt und praktiziert, die Kirchenlehre einfach übernommen. Aus der Bibel erfuhren wir nur, was in den Schulbüchern stand und was wir in der Kirche hörten; zu Hause wurde die Bibel nicht gelesen, nur manchmal Gebetbücher.

Im Pferdestall des Schlosses hatte sich einmal ein Knecht erhängt. Man zeigte mir dann die Tür, wo er gehangen, und ich hatte geradezu Angst; ich betrachtete sie mit solchem Grauen, daß ich nie mehr die Schwelle zum Stall überschritt. Es kam mir entsetzlich und unbegreiflich vor, wie sich jemand das Leben nehmen konnte. Man stelle sich das wahrhaftig vor, sich das Leben nehmen! Das ist etwas so Unnatürliches, so Verkehrtes! Das ging mir nicht aus dem Kopf, besonders als ich später ein kleines Buch über Menschen fand, die das Leben in den fürchterlichsten Lagen ertrugen. Da wurde zum Beispiel ein Klosterbruder in einer Krypta begraben, war aber nur scheintot; er wachte auf und konnte nur entweder so lange warten, bis ein anderes Begräbnis ihn befreien würde, oder sich töten. So lebte er zwanzig Jahre unter der Erde, nährte sich von Insekten, die durch die Luke in die Krypta fielen und leckte die Feuchtigkeit von den Mauern und Särgen ... Ich machte mir selbst den Einwand, was im Winter gewesen sein mochte, wenn es keine Insekten gab: aber die Kasuistik dieses und ähnlicher Fälle fesselte mich doch und zwang mir das Problem des freiwilligen Todes auf. Meine Schrift über den Selbstmord ist die Antwort auf meine Kindheitserlebnisse und späteren Erfahrungen.

*

Von Prag und von Böhmen wußte ich damals nichts. Für die Slovaken meiner Gegend gab es damals nur eine einzige Stadt: Wien. Nach Wien ging man von uns in die Lehre und zur Arbeit, mitunter bekamen wir herausgeputzten Besuch aus Wien. Einmal kam ein Fleischergeselle aus Budapest in magyarischer Tracht, mit Sporen an den Stiefeln, den Tschagan Stock. (Anm. d. Übers.) in der Hand – schade nur, daß er einäugig war; irgendwie paßte das nicht zu seiner Montur. Er kam in die Kirche; man sah ihn von allen Seiten an, als seine Sporen auf dem Pflaster klirrten. Über Wien schwadronierte uns ein slovakischer Wiener vor, da sei eine Brücke aus Gummielastikum; sie biege sich durch, wenn man über sie gehe und fahre. Die Tschechen nannte man »die goldenen Herren«; angeblich sagten sie immerzu »mein Goldener«. Von Prag erfuhr ich zum erstenmal etwas aus einem Buch aus der Reihe »Das Erbe der Kleinen«, in dem geschildert wurde, wie irgendeine Wanderfamilie in ihrem Wagen nach Prag fuhr und wie schön dieses Prag wäre. Ich fühlte mich als Slovak. Die Großmutter aus Kopčany hatte mir stets weiße slovakische Hosen zum Geschenk gemacht; ich ging aber städtisch angezogen. Als ich in die Realschule geschickt wurde, ließ man mir einen Anzug aus Vaters Kutscheruniform nähen; er war blau mit Metallknöpfen – in Hustopeč lachten mich die Jungen sehr aus damit.

Hodonín war für mich schon eine große Stadt, besonders weil es einen Turm hatte, während in Čejkovice nur ein Glockenstuhl da war, eine Kirche ohne Turm. Hustopeč lernte ich auch bald kennen; Mutters Familie lebte dort. Einmal war ich dort auf dem Jahrmarkt, bekam vom Onkel einen ganzen Sechser und kaufte mir Farben dafür. Es waren farbige Plättchen mit einem kleinen Pinsel in einer Holzschachtel; ich trug das nach Haus – damals nach Čejče – wie einen Schatz. Unterwegs zog ein Gewitter mit einem Wolkenbruch herauf; ich verbarg die Farben unterm Arm, unter Rock und Hemd, damit sie nicht naß würden. Als ich nach Hause kam, hatte ich alle Farben auf dem Hemd und am Leibe. Und so wurde kein Maler aus mir. In der Realschule kam ich mit dem Malen nicht recht voran, eher mit dem Zeichnen; später auf dem Gymnasium liebte ich beschreibende Geometrie, die uns der Mathematikprofessor außerhalb des Lehrplanes beibrachte. Ich war ein tüchtiger Mathematiker, und er nahm mich in den Konferenzen bei meinen Plänkeleien mit seinen Kollegen in Schutz.

Das Jahr auf dem Dorfe

Wenn ich an alles zurückdenke: wie viele Eindrücke bekommt ein Kind auf dem Dorfe! Im Winter, da geht der Nikolo mit dem Teufel um. Der Teufel ist eine sehr einflußreiche Persönlichkeit; noch als Professor machte ich meinen Kindern den Nikolo. Dann ist Weihnachten da und die Bettelgesänge; zu uns kam, Gott weiß woher, ein Mann mit einer Krippe gefahren, die war eine Sehenswürdigkeit für das ganze Dorf. Dann die Heiligen Drei Könige und im Fasching die Maskeraden ... Immerfort stehen dem Kinde neue Freuden bevor. Vor allem das Federrupfen; dazu kamen bis zu zwanzig Menschen und saßen zusammen – wieviel wurde da geschwatzt! Wir Kinder zwickten und stießen einander, um nicht einzuschlafen und keine der fürchterlichen Histörchen zu überhören, und dann wurden Kolatschen oder Fladen verteilt.

Kaum kam das Frühjahr, so wurden die Schuhe heruntergetan; noch war es eisig, und doch liefen wir schon barfuß herum. Sobald die Erde austrocknete, begann die Hochsaison mit Bohnenspiel oder der »Palästra« Holzschläger beim Ballspiel. (Anm. d. Übers.); ein Ball, wir nannten ihn »Haban«, war eine große Kostbarkeit, wenn er aus etwas Gummielastikum bestand, so daß er von der Erde oder den Wänden absprang; Gummi war für uns eine teure Masse, und wo wir es erwischten, schnitten wir es ab und machten einen »Haban« daraus. Und schon war wieder Ostern. Da liefen wir mit Klappern herum; am Ostermontag gingen wir mit geflochtenen Ruten die Mädchen peitschen und um Eier singen. Die Auferstehung war ein großer Feiertag, in Hodonín allerdings der größte, weil dort beim Gottesgrab zwei Dragoner mit gezücktem Säbel standen. Wir konnten die Augen von ihnen nicht lassen.

Im Mai sind dann Prozessionen und Litaneien in die Felder hinaus, um für die Ernte zu beten, und Visitationen, bei denen die Pfarrer aus der Umgebung mit dem Dekan zusammenkommen und schmausen; die Köchinnen buken und brieten eine ganze Woche vorher, und wir Jungens, als Ministranten, bedienten bei Tisch. Oder ein Brand auf dem Dorfe, das war für die Jungens auch ein Fest. Kaum vernahmen wir, während wir in der Schule saßen, das Glockenläuten und Blasen, so sprangen wir zum Fenster hinaus. Die Mädchen liefen durch die Tür. In der Schulstube gab es einen Kachelofen, aus dem entfernten wir ein paar Kacheln, und durch das Loch liefen wir davon. Manchmal bereitete sich ein Junge selbst einen Feiertag: er schwänzte die Schule. Besonders mein Bruder Martin schwänzte gern – dann suchten wir ihn in ganz Čejkovice. Wenn so ein Junge die Schule schwänzt, erlebt er ein besonderes, fast beklemmendes Gefühl der Stille im Dorf, weil das übrige Kindervolk auf den Schulbänken sitzt.

Soldaten kommen in die Gemeinde – wieder ein Ereignis! Ein großer Feiertag ist die Errichtung des Maibaums zu Pfingsten; wir Jungen versuchten ihn zu erklettern. Pfingsten wählten die erwachsenen Burschen ihren Obmann, ihren Ältesten und ihre Älteste, und dann gingen sie im Dorf einsammeln, was sie nur irgend bekamen, Geflügel, Kolatschen oder Wein ... Manchmal kamen Komödianten und spannten auf dem Dorfplatz ihr Seil; wir Jungen machten ihnen dann ihre Künste nach, equilibrierten auf einer Gartenmauer oder einem Dachgiebel, ja selbst auf dem Kirchendach. Herunterfallen wäre das Ende gewesen; aber wir fielen nicht herunter.

Eine besondere Feier auf dem Dorfe ist ein Begräbnis, besonders eins mit Musik; in der großen Beteiligung der Mitbürger und vor allem der Mitbürgerinnen liegt ein schönes Gefühl, aber freilich auch eine willkommene Gelegenheit, die Arbeit zu verlassen und ein wenig zu plaudern. Bei uns war die Gemeinde Podvorov eingepfarrt; wenn von dort ein Begräbnis kam, legte man den Toten vor das Kreuz an der Kirche und ging in das gegenüberliegende Wirtshaus, um »sich zu erwärmen«, solange der Herr Dekan oder der Kaplan sich umkleidete – einer mußte draußen aufpassen, bis der geistliche Herr erschien; dann trank man rasch sein Glas aus und hob den Sarg auf. Wir Ministranten froren inzwischen draußen und rechneten nach, was wir auf dem Friedhof bekommen würden. Im besten Fall war's ein Vierkreuzerstück; wenn es nur ein Kreuzer war, waren wir natürlich unzufrieden und machten uns durch spitze Reden Luft.

Im Herbst gibt es Feldfeuerchen und die Weinlese. Man kocht Pflaumenmus, Tag und Nacht rührt man Schlehdornbeeren über der Herdflamme. Dabei wird nicht viel erzählt; um so öfter schlecken die Jungen den Kochlöffel ab. Beim Kartoffelausgraben mußte ich mitunter bis in die Dunkelheit Wache stehen – und ich fürchtete mich so sehr vor der Abendfrau! Obst wurde nicht gehütet, es gab keinen Grund dafür. Wir rissen es ab, solange es noch grün war. Damals war ein Obstbaum für den Bauer eine Last. Man betrachtete das Obst gar nicht als Nahrung; darauf mußten erst die Gelehrten mit ihren Vitaminen kommen. Dagegen wurden die Weinberge streng bewacht; der Wächter hatte ein Gewehr. Vielleicht war es gerade das, was uns reizte, Trauben holen zu gehen. Wir rotteten uns bis zu zwanzig Jungen zusammen und versuchten, den Wächter zu überlisten. Die Expedition wurde von Jungen geführt, deren Eltern selbst Weinberge hatten – man sagt, daß gestohlenes Obst am besten schmeckt. Es versteht sich, daß gleich bei meiner Rückkehr die Meinen schon wußten, wo ich gewesen war; Vater tauchte ein Seil ins Wasser, damit es sich bei der Tracht Prügel besser »anlege«, aber Mutter verhinderte die Strafe. Allerdings kam am Tag darauf der Wächter in die Schule, um sich zu beschweren, und zeigte an, wer dabei gewesen wäre. Da half keine Ausrede; wir mußten uns auf die Bank legen, und der Lehrer oder der Kaplan maßen uns fünfundzwanzig an – ja freilich, auch der Herr Kaplan!

Wie schön und reich ist das Jahr auf dem Dorfe gegliedert, durch die Natur und die Religion! Das ganze Leben auf dem Dorf ist zeremonieller als in der Stadt, ist gleichsam eingefügt in den religiösen Rahmen; es schadet nichts, daß es vielfach noch Überreste aus dem Heidentum sind. All diese Gebräuche haben den Charakter von Institutionen; das Leben wird durch sie geregelt, empfängt durch sie seine Ordnung. Wer die herrschende Ordnung stört, den meiden die Menschen. So gab es zum Beispiel eine ungeschriebene Vorschrift, daß jede Familie selbst ihr Brot buk; man stand schon um drei Uhr morgens auf, das am Abend vorher vorbereitete Mehl wurde mit dem Rührscheit im Backtrog geknetet – wieviel Arbeit machte das! Der Backofen mußte gesäubert und geheizt werden, dann wurden zugleich mit dem Brot oder nachher Fladen aus Brotteig gebacken – was gab es da für Leckerbissen! Eine Hausfrau, die ihr Brot nicht selbst buk, sondern fertig kaufte, wurde von den andern geradezu verachtet. Ich glaube, daß man bei uns auf dem Lande jetzt schon fast allgemein Brot kauft; selbst auf dem Dorf ändert sich die alte Ordnung. – Auch der Sonntag gibt dem Leben diesen zeremoniellen Rhythmus.

Als ich reifer wurde, studierte ich bewußt das Leben auf dem Dorf; ich verbrachte die Ferien in Klobouky bei Brünn, und damals – ich war Universitätshörer in Wien – wollte ich einen Roman über das Dorfleben schreiben. Der dortige Doktor, ein interessanter Mensch, sollte der Held und Mittelpunkt des Romans sein, und rings um ihn sollte sich die Chronik des Dorfes entfalten. Noch unlängst fand ich einige Blätter dieses Versuchs. Später, als ich in Bystřička die Ferien verlebte, beobachtete ich Jahr um Jahr, wie und wodurch solch ein Dorf lebt. Wenn unsere Doktoren, Priester und Lehrer dieses Leben auf dem Dorf beobachten wollten und könnten, wieviel interessantes Material gäbe das!

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