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Masaryk erzählt sein Leben

Karel Capek: Masaryk erzählt sein Leben - Kapitel 13
Quellenangabe
typebiography
authorKarel apek
titleMasaryk erzählt sein Leben
publisherBruno Cassirer Verlag
printrunViertes bis siebentes Tausend
yearo.J.
translatorCamill Hoffmann
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150521
projectid799a656e
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Religion

Über Religion

»Sie haben Argumente für den Theismus angeführt. Aber selbst die besten Argumente genügen nicht, um auf ihnen die Religion aufzubauen.«

Selbstverständlich. Theismus und Religion sind nicht dasselbe. Für die Philosophie und Wissenschaft ist der Theismus eine Hypothese zur Auslegung des Ursprungs und der Entwicklung der Welt; und es gibt auch andere Hypothesen. Religiös wird der Theismus auch dem wissenschaftlich denkenden Menschen, wenn er zum bewußten und empfundenen persönlichen Verhältnis des Menschen zur Gottheit und durch die Gottheit zum Nächsten und zur Welt wird. Einem religiösen Menschen ist Gott die zentrale Idee des Denkens und Handelns.

In der Religionsphilosophie bin ich als Konkretist ein Realist. Ich beobachte die verschiedenen Religionen in aller Welt, studiere sie und vergleiche sie nach Möglichkeit mit der Religion der christlichen Kirchen, die ich am besten kenne. Ich habe mich durch alle möglichen Religionstheorien, Bücher von Theologen und Gelehrten gearbeitet. Seit meiner Kindheit zerbrach ich mir darüber den Kopf, wieso es verschiedene christliche Konfessionen gibt. Ich erinnere mich, wie mich in der Schulzeit ein Kalender beunruhigte, in dem ich von der russischen Kirche las, daß sie viele Heilige und Wunder aufweise; von klein auf hatte ich gehört, daß alle Glaubensbekenntnisse, ausgenommen das katholische, falsch wären. Das verwirrte und erregte mich maßlos.

»Hätten Sie dieses Interesse für die Religion, wenn Sie nicht selbst gläubig wären?«

Gewiß hätte ich es, aber kein so starkes. Es ist doch etwas Großes, daß es bei allen Nationen der Erde und zu allen Zeiten Religionen und ihre Einrichtungen gab. Wenn ich in jedem Dorf eine Kirche sehe, die über die Wohnstätten der Menschen durch Schönheit und Größe hervorragt, wie soll ich das übersehen und nicht darüber nachdenken? Wie die Dorftürme, und mögen es nur Türmchen sein, empor zum Himmel weisen! Ist unser Prag nicht hunderttürmig? Das hunderttürmige Prag bedeutet doch ein religiöses Prag!

Mit dem Wort Religion bezeichnen wir alle Äußerungen der Frömmigkeit. Ohne Frömmigkeit gibt es keine Religion, es wäre denn die sogenannte Matrikelreligion. Frömmigkeit ist das bewußte und empfundene Verhältnis zu Gott, zur Gottheit; dieses Verhältnis äußert sich auch in den vielfältigen Ansichten über Religion, im Gottesdienst und so weiter.

»Aber die Frömmigkeit ist ein subjektiver, rein persönlicher Faktor, während die Religion fast immer den Bereich der persönlichen Beziehung zu Gott überschreitet.«

Ich weiß. Die Religion, wie wir sie konkret sehen, ist in der Regel kollektiv, volkstümlich, national; sie ist in unpersönlichen Dogmen niedergelegt und organisiert sich in der Kirche; sie wandelt sich, bewahrt aus der Vergangenheit Überlebtes in sich, oft selbst aus primitiven Zeiten, entwickelt und vervollkommt sich mit der Entfaltung des Denkens und der Kultur. Die Religion ist ein unendlich kompliziertes, nach vielen Richtungen verzweigtes Gebilde; deswegen erfordert sie eine aufmerksame Analyse ihrer Elemente, Bestandteile, Äußerungen oder wie ich es sagen soll. – Warten Sie, ich bringe es Ihnen morgen aufgeschrieben auf einem Stück Papier, um nichts Wesentliches zu vergessen.

Wie sollte die Religion nicht kompliziert sein! Sie bemächtigt sich des ganzen Menschen, seines Denkens, Fühlens und seiner Handlungen, seines ganzen Lebens; sie bemächtigt sich der Völker und der ganzen Gesellschaft; die gesamte Kultur kann religiös sein, wie wir es bei den Griechen und Römern sehen, und am vollkommensten im Mittelalter. Nichts ist so schöpferisch, nichts so umfassend wie die Religion.

Analyse der Religion

Da habe ich mir also einige Punkte über die Religion aufgeschrieben, was sie ist, wie sie sich äußert:

  1. Dem Wesen nach ist die Religion Theismus, die Anerkennung der Existenz Gottes, die Sicherheit, daß es Gott gibt, einen allmächtigen Gott, Schöpfer und Lenker des Alls.

  2. Die Religion ist Glaube, Nichtzweifeln; psychologisch ist der Glaube Urteilen, Überzeugung; der religiöse Glaube ist Annahme der Gottheit, demnach eines den Sinnen Unerreichbaren, an das wir aber fest »glauben«.

  3. Religionen haben ihr Credo, ihre Lehre, ihre Dogmen, ihre Gebote.

  4. Mit dem Theismus ist in der Regel der Glaube an die persönliche Unsterblichkeit, an die unsterbliche und geistige Seele verbunden.

  5. Mit dem Theismus und dem Glauben an die Unsterblichkeit pflegt der Glaube an das Transzendente in weiterem Umfang gegeben zu sein – der Glaube an Engel, Heilige, Geister, Teufel usw., an »jene« Welt überhaupt. Der Theismus, d. h. der Monotheismus, entwickelte sich allmählich aus dem Polytheismus und niedrigeren religiösen Formen.

  6. Die sogenannte positive Religion beruft sich auf die Offenbarung als Quelle aller religiösen Erkenntnisse und Einrichtungen: die Gottheit habe sich selbst dem Menschen geoffenbart und ihm ihren Willen durch unmittelbare Mitteilung, Eingebung oder Gebot geäußert. Es gibt verschiedene Formen der Offenbarung: die Gottheit redet, gibt Zeichen, erscheint in Träumen und dgl. Offenbarung par excellence ist der christliche Glaube, daß Gott im Menschen Leib geworden sei, um der Menschheit zu erscheinen; Jesus hat nicht so sehr gelehrt, als vorbildlich gelebt und viele Jahre auf dieser Erde unter Menschen und für die Menschen gewirkt.

Der Mensch empfängt die Offenbarung durch die Sinne und den Verstand, sie ist aber über und gegen den Verstand. Daher: Credo quia absurdum est.

  1. Die Offenbarung erfährt in der christlichen Religion eine weitere Auffassung; es erscheinen nämlich allerlei transzendente Wesen, wie Engel, Heilige und die Geister Verstorbener, auch der Teufel. Dem Polytheisten erscheinen allerlei Götter und Götzen.

  2. Die Mystik ist eine besondere Art von Offenbarung: der Mystiker glaubt sich mit der Gottheit unmittelbar verbunden; Gott erscheint ihm nicht nur objektiv, sondern subjektiv, er empfängt ihn gleichsam in sich, in Ekstasen verschiedenen Grades. Die Mystik ist als geistige, seelische Schau aufzufassen, nicht als Schauen durch Augen.

  3. Die religiöse Erkenntnis wird häufig – neben dem Glauben an das, was geoffenbart ist – als Intuition bezeichnet, als Erkenntnis durch Gefühl, nicht durch Sinne und Verstand.

  4. Der religiöse Transzendentismus führt zum Mystizismus, zum Geheimnisvollen, zum Geheimnis.

  5.  Die Besonderheit der religiösen Erkenntnis und Empfindung und ihres Mystizismus führt zur Verwendung von Symbolen in der Theologie und im Gottesdienst.

  6. Der religiöse Glaube ist autoritär: die höchste Autorität – die Gottheit – bestimmt die religiöse Wahrheit; man erkennt daher die Autorität der Tradition und des allgemeinen consensus an: quod semper, quod ubique, quod ab omnibus creditum est. Gott und seine Offenbarung scheinen für alle Zeiten gleich zu sein, wenn auch zugegeben wird, daß die Offenbarung in Teilen und zu verschiedenen Zeiten geschehen ist. Jeder Mensch muß die geoffenbarte Wahrheit so annehmen, wie sie geoffenbart und überliefert wurde.

Die Religion ist infolge ihres autoritären Wesens objektivistisch. Der Theismus lehnt übermäßigen religiösen Subjektivismus ab.

  1. Die Religion ist nicht nur Glauben und Erkennen, sondern auch Gottesdienst. Der Gottesdienst besteht aus verschiedenen Zeremonien, namentlich aus Gebet und Opfer. Er wird als besonders feierliche und wichtigste Übung an besonders auserwählten Orten der Natur und in besonderen Gebäuden, Kirchen, Weihestätten vollzogen.

Das Gebet ist auch Gottesdienst, aber privater. Das wahre Gebet ist die Erhebung des Sinnes zu Gott. Jesus wies darauf hin, daß Gott die Bedürfnisse der Menschen kenne und ihrer Mitteilung nicht bedürfe. Die Menschen beten größtenteils, Gott möge für sie etwas Unmögliches tun, sie bitten um Wunder.

  1. Der Wunderglaube ist in allen Religionen ein hochwichtiges Element. Die Gottheit ist über den Menschen ungeheuer erhoben, ist der schöpferische Lenker des Alls, vermag was immer zu vollführen; Hoffnung und Dankbarkeit sind ein wesentliches subjektives Element jeder Religion.

Dieser natürliche Wunderglaube sieht im Wunder die praktische materielle Offenbarung. Auf niedrigerem Kulturniveau pflegen außer Geistern und Götzen heilige Dinge, geweihte Gegenstände dazusein, deren Benützung dem Menschen in seinen Nöten hilft; Heiligtümer, Amulette und Zaubermittel. Wunderbare Hilfe wird auch bei Heiligen und Geistern gesucht; vom Glauben an Heilige und ihre wunderbare Hilfe ist nur ein Schritt zur Beschwörung böser Geister, des Teufels.

Der Aberglaube schließt sich leicht dem Glauben an; wie das Wort zeigt, ist er auch ein Glaube, so wie ein Nachschlüssel auch ein Schlüssel ist. Der Aberglaube ist die Umkehrung des Glaubens: der abergläubische Dieb und Mörder opfert und betet, um sein Verbrechen erfolgreich auszuführen.

  1. Die Religion ist nicht nur eine theoretische, sondern vor allem eine praktische Angelegenheit des Menschen; da sie über göttliche Autorität verfügt, bestimmt sie die Sittlichkeit. Auf höherem Niveau wird die Sittlichkeit zum wesentlichen Teil der Frömmigkeit; für Jesus war das Wesen der Frömmigkeit in der Liebe zu Gott und zum Nächsten erschöpft. Im Laufe der Kulturentwicklung wird der Kult durch die Sittlichkeit überschattet, aber vielen steht der Kult bisher noch über der Sittlichkeit.

  2. In intimer Beziehung zur Religion steht alle Kunst: die Architektur, Bildhauerei, Malerei, Musik, Poesie, Rhetorik, Rhythmik. Schon bei den Griechen und lange vor ihnen drückte die Kunst außer der Mythologie und Philosophie die religiösen Vorstellungen und Empfindungen aus und formulierte sie; in den religiösen Zeremonien ist ein starkes künstlerisches Element enthalten. Die katholische Messe z. B. ist ein Werk, in dem sich nahezu alle Künste vereinen.

Die innere Beziehung der Kunst zur Religion ist dadurch gegeben, daß die Kunst Schaffen ist – die Griechen nannten den Dichter einen Schöpfer; in der Kunst wird gleichfalls eine Offenbarung erblickt, und die ästhetische Erregung des Künstlers ähnelt der religiösen.

  1. Die Religion ist praktisch, ist lebensvoll im tiefsten Sinne des Wortes. Sie wird nicht so sehr durch ihre Dogmen, noch durch ihre Zeremonien, noch durch ihre Geschichte umschrieben, als vielmehr durch die Erfassung ihres Wesens, und dieses besteht im Bewußtsein der Abhängigkeit des Menschen von der Gottheit; das bedeutet das Bewußtwerden der physischen, geistigen und sittlichen Schwäche des Menschen, ihr Bewußtwerden und zugleich ihre Überwindung. Denn die Religion ist Vertrauen und Hoffnung, das Hoffen gehört zum Wesen der Religion. Der fromme Mensch wünscht sich in seiner Schwäche Wunder und Erlöser. Es dauert lang, bis er religiös furchtlos wird. In älteren Religionen, noch im Alten Testament, ist Religion Furcht, Angst vor der Gottheit; Gott, Jehova, ist furchtbar; in der Lehre Jesu gibt es keine Furcht mehr.

Die Religion ist die Stellung des Menschen zum All, zu Gott, zur Welt und zu sich selbst: sie ist nicht nur Erkennen, sondern auch Wertung der Welt und des Lebens. Sie ist nicht nur Erfassen des Sinns des ganzen Lebens, sondern zugleich auch die Stimmung, die aus diesem Verstehen des Lebens und der Welt entspringt.

Das Leben wird gelebt; in der Frömmigkeit erfaßt der Mensch den Sinn seines Lebens am tiefsten.

Die Religion, die Frömmigkeit ist etwas ausschließlich Menschliches: Gott ist nicht fromm. Mensch und Gott sind zwei Pole des menschlichen Lebens und der dem Menschen gegebenen Welt.

  1. Die Religion vereinigt die Menschen; jeder Glaube, jede Überzeugung eint gesellschaftlich die Gläubigen; die Kirchen sind religiöse gesellschaftliche Organisationen.

Die Kirchen sind in der Regel von einem besonderen geistlichen Stand organisiert, von Priestern, Predigern, die neben den Laien und über ihnen stehen; die Priester sind Hüter des Geheimnisses, Vollstrecker der Zeremonien, Organe und Vertreter der Gottheit.

Die Kirchen haben außer gewöhnlichen Theologen ihre besonders hervorragenden Lehrer, gleichsam Autoritäten im religiösen Fach.

Eine Erscheinung für sich sind die Propheten – religiöse Genien, eher Eiferer als Seher. Ganz besondere Autorität genießen die Gründer von Religionen wie Moses, Jesus, Mohammed, die Reformatoren.

Die Autorität der Religion geht natürlich auf die Kirchen und ihre Organe über.

  1. Da die Religion und die Kirche das Verhältnis des Menschen zum Nächsten und zur Gesellschaft bestimmen, so bestimmen sie auch sein Verhältnis zu allen gesellschaftlichen Organisationen, namentlich zum Staat.

Die Kirchen stehen notwendigerweise in engem Verhältnis zum Staat; und zwar einerseits religiös, andererseits moralisch, soweit auch der Staat seine Verwaltung – die Gesetze und so weiter – und seine Politik auf Sittlichkeit aufbaut. Es gibt verschiedene Formen der Theokratie; mit der Zeit setzt sich, vor allem in Demokratien und Republiken, die Trennung von Staat und Kirche in verschiedenem Maße durch. Die Gesellschaft ist nicht nur staatlich, sondern auch national organisiert; daher ist das Verhältnis der Religion und der Kirche zur Nationalität ein weiteres ernstes Problem. Namentlich in neuerer Zeit, in der die Nationalität – außer dem Staat – eine Bedeutung erlangte, wie sie sie im Mittelalter und im Altertum nicht besaß, entstehen Nationalkirchen.

  1. Von der Religion gibt es ebenso wie von allen anderen Erscheinungen des menschlichen Geistes und seines lebendigen Strebens eine besondere Wissenschaft – die Theologie.

Sie entwickelte sich wie die Religion und die ganze Kultur. Es ist kein Zufall, daß eine systematische Theologie zum erstenmal von Aristoteles als Hauptteil seiner Metaphysik bearbeitet wurde; vor Aristoteles wurden die Denker, die sich mit den Gottheiten und dem Transzendenten überhaupt beschäftigten, Theologen genannt.

Im Mittelalter war die Theologie eine allumfassende Hauptwissenschaft, allerdings die kirchliche, christliche, katholische Theologie. Neben ihr wurde die Philosophie gepflegt, aber als ancilla theologiae.

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Porträt 1931

Die Neuzeit ist im Vergleich zum Mittelalter einerseits durch Reformationen und neue protestantische Kirchen in religiöser Hinsicht gekennzeichnet, andererseits durch das Erstarken und die Erneuerung der antiken Philosophie und Kunst, zugleich durch die Konstituierung der Wissenschaften und die dadurch eingetretene Verwissenschaftlichung der Philosophie. So eignete sich neben der mittelalterlichen Kirchentheologie und gegen sie die neue Philosophie und Wissenschaft ex thesi das entscheidende Votum über alle Wahrheit an. Es entsteht ein Konflikt zwischen Philosophie und Wissenschaft auf der einen und der Theologie und Kirchenreligion auf der anderen Seite. Dieser Konflikt ist alt und entstammt dem natürlichen Kritizismus des denkenden Menschen; er zeigte sich bereits bei den Griechen und Römern, in der Neuzeit wird er allgemein und vor allem tiefer.

  1. Die Religion, die sich auf den Willen und die Einrichtungen der höchsten Autorität, der Gottheit selbst, beruft, betrachtet sich als absolut, als absolut richtig und wahr, als unfehlbar. Das tut nicht allein der Katholizismus; nur, daß der Katholizismus die Unfehlbarkeit dem Papst zuschreibt, die Protestanten aber der Bibel oder der Kirche – ja sogar dem Staat.

Mit der religiösen, praktisch genommen, der priesterlichen oder kirchlichen Unfehlbarkeit pflegt bisher die Intoleranz und Expansität der Kirchen gegeben zu sein. Daraus entspringt der Widerstand gegen die kirchliche, die autoritäre Religion.

  1. So erhob sich schon längst – siehe Paulus! –, vielleicht seit dem Beginn des menschlichen Denkens gegen die positive, geoffenbarte, kirchliche, autoritäre Religion, die natürliche Religion, die Forderung, daß Religion und Theologie nicht im Gegensatz zu Verstand, Wissenschaft, Philosophie geraten. Die Theologie darf der wissenschaftlichen Philosophie nicht widersprechen; tatsächlich sehen wir, wie die Philosophie stets in die Theologie eingedrungen ist; das sieht man am klarsten an der Entwicklung der Theologie seit dem Mittelalter bis in unsere Zeit.

Ich habe den noetischen Unterschied zwischen Mythos und Wissenschaft und den Konflikt zwischen Mythologismus und Wissenschaftlichkeit dargelegt: der mythische Mensch faßt die Religion mythisch auf, seine Theologie ist mythisch; der denkende, kritisch und wissenschaftlich denkende Mensch, hat eine wissenschaftliche, philosophische Theologie. Bisher ist die Theologie ein Organ des Mythos, während die Philosophie ein Organ der Wissenschaft wird. Das bedeutet einen sich hinschleppenden Konflikt zwischen Theologie und Philosophie; man formuliert es auch – ungenau – als Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft.

  1. Mit der Religion ist das Problem der Religionslosigkeit und Gottlosigkeit, des Ketzertums und der Andersgläubigkeit gegeben. Daher die kirchliche Apologetik und Polemik, daher auch die Kirchenphilosophie als ancilla theologiae, die sich bestrebt, die religiösen Lehren durch Verstandesgründe zu stützen.

  2. Die Religion ist heute auch Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung: es hat sich eine besondere Religionsphilosophie gebildet, die wissenschaftlich das ganze Wesen der Religion zu erfassen versucht; die Religionspsychologie analysiert das religiöse Leben und die religiöse Erfahrung; ferner wird die Religion soziologisch und historisch studiert. Wir haben eine Geschichte der religiösen Entwicklung der einzelnen Nationen; zahlreich sind die Versuche, die Religion der Primitiven zu erfassen. Man studiert auch das religiöse Leben der einzelnen Klassen und Stände, von Stadt und Land und so weiter.

Selbstverständlich ist es etwas anderes, über die Religion, über die verschiedenen Religionen, wie wir sie überall in der Welt vorfinden, über die verschiedenen religiösen Vorstellungen, Lehren und Einrichtungen objektive Erwägungen anzustellen, sie zu analysieren, zu vergleichen, ihre Entwicklung zu verfolgen, als Religion zu haben, ein eigenes religiöses Credo, seinen persönlichen Glauben, und sich seines Unterschiedes zum Nichtglauben oder zu anderen Glauben bewußt zu werden.

Die Religion Jesu

Das ist ungefähr die Essenz meiner Religionsphilosophie. Natürlich sind die 24 kleinen Paragraphen nur der kurze Inhalt von allerhand Monographien über die Religion. Viele Gläubige wissen nicht, was Religion ist, viele Ungläubige haben keine Ahnung, was sie eigentlich verleugnen; aber am wenigsten und oberflächlichsten wird die Religion von den indifferenten, gleichgültigen Menschen begriffen. Sie dahin zu bringen, daß sie über die Religion wenigstens nachdenken, wäre eine große Mission, notwendiger als zu den Negern predigen zu gehen; diese glauben auf ihre Art, sie sind gläubig. Heute täten Missionare für die Intelligenz not, allerdings intelligente und wirklich fromme Missionare.

»Ich habe eines bemerkt: so oft Sie Ihren eigenen Glauben andeuten, zitieren Sie Christus und die Apostel.«

Ja. Jesus – ich pflege nicht Christus zu sagen – ist mir Vorbild und Lehrmeister der Frömmigkeit; er lehrt, daß die Liebe zum liebevollen Gott, die Liebe zum Nächsten und sogar zum Feind, also die reine, die reinste Menschlichkeit, die Humanität das Wesen der Religion ist. Frömmigkeit und Sittlichkeit sind für Jesus die Hauptelemente der Religion. Beachten Sie, daß in den Evangelien – im Vergleich zum Alten Testament oder zur griechischen Theologie – wenig Theologie, wenig Kosmologie und Eschatologie, fast keine Geschichte enthalten ist; man findet dort keine einzelnen kultischen und rituellen, nicht einmal kirchlich organisatorische Vorschriften. Jesus bietet geradezu ausschließlich sittliche Lehren, er wendet sich stets praktischen Fragen zu, wie das Leben rings um ihn sie erzwingt: er äußert seine Liebe zum Nächsten durch tatkräftige Hilfe in geistiger und körperlicher Not. Sehen Sie nur wieder in den Evangelien nach: wie diskret sind Jesu theologische Vorschriften und seine Hinweise auf das Transzendente! Gott ist ihm Vater, er hat eine intime persönliche Beziehung zu ihm, lebt sie, spricht aber nicht viel davon und gibt kein Theologiesystem. Jesus war das lebende Beispiel; die Liebe predigte er nicht nur in Worten, sondern übte sie stets aus, er verkehrte mit den Armen und Erniedrigten, suchte die Sünder und die sittlich Deklassierten auf, heilte die Kranken, sättigte die Hungrigen, warnte die Reichen. Eine so lebendige Religion verbreitet sich mehr durch das Beispiel als durch Worte, wie Feuer, wie Ansteckung. Jesus erbrachte für seine Lehre keine Beweise, indem er stets sprach, als besäße er die Macht; er polemisierte nicht theologisch, bekämpfte aber die Pharisäer und die Gesetzbücher dadurch, daß er auf ihre unechte Frömmigkeit und Moral hindeutete. Er zeigte, daß echte Religion, echte Frömmigkeit das ganze und damit auch das tägliche, gewöhnliche Leben stets, in jedem Augenblick durchdringt; die meisten Menschen begnügen sich mit einer feiertäglichen, ostentativen und wenig aufrichtigen Religion, sie erinnern sich des Herrgotts nur in Ausnahmefällen, besonders wenn es ihnen schlecht geht; dann rufen sie um Hilfe und erwarten Zeichen und Wunder. Aber das ewige Leben wird nicht erst nach dem Tode und in jener Welt beginnen. Wir leben schon jetzt und immer in der Ewigkeit. Selbstverständlich werden sich die Menschen dessen ungern bewußt und schieben die Ewigkeit weit hinaus; sie behalten sie sich für die Zeit nach dem Tode vor. Man kann die Religion nicht nur in der Kirche, sondern auch in der Fabrik und auf dem Felde, im Stall und im Salon, in Trauer und in Freude erleben. Das ist das Beispiel Jesu.

»Und glauben Sie an die historische Person Jesu?«

In den Evangelien, in der altchristlichen Literatur überhaupt und in der Tradition zeichnet sich die reiche und einheitliche Persönlichkeit Jesu ab; das läßt sich schwer ausdenken und nur aus einer Reihe von Legenden zusammensetzen. Mir genügen die Evangelien und die altchristliche Literatur; ihr Inhalt gibt ein plastisch lebendiges, gutes Bild der Anfänge und der Entwicklung des Christentums, seiner Lehre, Personen und Kirche. Es handelt sich vor allem um den Wert dieser Lehre und den Charakter der Persönlichkeit, der die Lehre zugeschrieben wird. Lehre und Persönlichkeit sind hier einzig, ungeheuer.

»Diese Persönlichkeit ist so lebensvoll, daß man verführt wird, sie weiter auszudenken.«

Ich habe die bedeutendsten Lebensbeschreibungen Jesu gelesen; in keiner finde ich soviel religiöses Leben wie in den Evangelien. Diese strahlen förmlich Realität aus. Eine wirkliche Biographie Jesu läßt sich aber nicht schreiben, denn dazu sind zu wenig Berichte da: von Jesus selbst haben wir keine einzige ganz authentische Äußerung, er hat selbst nichts niedergeschrieben und hinterlassen. Die ersten Nachrichten stammen von Paulus, der, glaube ich, etwa im Jahre 64 starb; die Evangelien wurden ungefähr seit dem Jahre 70 aufgeschrieben. Auch der aufbewahrte Text des Neuen Testaments ist in vielen wichtigen Teilen strittig, es gibt Interpolationen, Fehler beim Abschreiben, beim Übersetzen und wer weiß was noch für welche; aber die Hauptlehre und der religiöse Charakter Jesu sind in der Schrift gut und anschaulich genug festgehalten.

»Und was sagen Sie zu den anderen religiösen Genien, etwa Buddha, Lao Tse ...«

Ich maße mir kein Urteil über sie an, denn ich habe mich wenig mit ihnen befaßt, aber soviel traue ich mich zu sagen: Jesus wird durch sie nicht in den Schatten gestellt. Wenn manche modernen Europäer bei ihnen eine höhere Religion suchen, als die Jesu ist, so geschieht es meiner Meinung nach aus Kulturmüdigkeit; sie brauchen etwas Exotisches, das die müde religiöse Phantasie aufreizt. Auch daran ist die moderne religiöse Krise erkennbar. Ich habe ein besonderes Verständnis für die orientalische Weisheit der Resignation, aber die Weisheit der tätigen Liebe steht viel höher.

Die Religion der Liebe

»Anscheinend beruht Ihre Religion mehr auf der Nächstenliebe als auf der Hypothese Gottes.«

Das nicht. Die Liebe zum Nächsten, das Sittengesetz der Liebe, ist mir nur die wichtigste praktische Äußerung der Religion. Die Religion, die Frömmigkeit ist, wie ich gesagt habe, der Standpunkt, die Attitüde – ich habe kein eigenes Wort dafür – gegenüber allem, was uns gegeben ist, also gegenüber Gott, Welt, Menschen und uns selbst.

Praktisch ist im Leben am wichtigsten das Verhältnis des Menschen zum Menschen. Der Mensch hat zum Menschen eine angeborene Liebe, Sympathie, ein Gefühl der Gemeinsamkeit und Menschlichkeit; dieses Gefühl ist in sich selbst begründet, es bedarf keiner Erklärung, es ist. Aber es kann verstärkt, vertieft, veredelt werden: Die Religion, vor allem die Religion Jesu ist die Kultur der Liebe. Die Religion verbindet den Menschen mit dem Menschen nicht allein durch die natürliche Sympathie, sondern auch durch die gemeinsame Attitüde zu Gott, zum Leben, zur Welt oder, wie man zu sagen pflegt, zum Schicksal.

»Ich möchte sagen, daß die angeborene, selbstverständliche Liebe zum Nächsten auch ohne Religion, ohne Glauben bestehen würde.«

Ganz recht, aber nicht in dieser Fülle. Die Frömmigkeit krönt und heiligt die Liebe. Religion ohne Menschlichkeit kann nicht richtig sein, Menschlichkeit ohne Frömmigkeit nicht vollkommen. Johannes sagt: »So jemand spricht, er liebet Gott und hasset seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebet, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht siehet.«

Jesu Gebot der Nächstenliebe genügt für alles Tun des Menschen gegenüber Menschen. Schon Paulus leitete mit Recht alle Verbote der Zehn Gebote aus dem humanitären Gebot ab. Das Gebot Jesu umfaßt und schreibt auch die Liebe zu sich selbst vor: nicht Egoismus, sondern die bewußte Sorge um sich, um die Erlösung der Seele. Mit sich ist man stets vereint, auf sich kann man stets einwirken, wenn es auch oft schwerer ist, als auf andere einzuwirken; deshalb soll man sich um sich kümmern, damit sich die andern nicht zu kümmern brauchen. Jesus sagte das gut und praktisch: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst; also sorge dich um dich, erkenne dich, achte dich, sei zu dir aufrichtig und wahrhaftig und falle den andern nicht zur Last. Sei stets auf der Hut, gib acht, sei tätig, entschlossen, habe Mut und fliehe nicht die Verantwortung.

Die Liebe, die wahre Liebe, ist Tätigkeit, Arbeit, Zusammenarbeit, Schaffen für andere und für sich. Sie ist nicht sentimental. Sentimentalität ist Eigenliebe und gefällt sich in ihren eigenen Gefühlen. Die Liebe zum Nächsten ist nicht nur Mitleid im Bösen, nicht nur Teilnahme, sie ist auch Mitfreude.

Die Liebe zum Nächsten gehört zum Plan der Welt, die menschliche Gesellschaft beruht auf Liebe; aber es genügt nicht zum Mitmenschen nur ein sogenanntes liebes Gefühl zu haben. Die Liebe, die Humanität muß sich in Arbeit, im Zusammenwirken, Schaffen und dadurch im Vervollkommnen der uns gegebenen Welt verkörpern. Wir sind Arbeiter im Weinberg Gottes.

Die tätige Liebe setzt die Kenntnis der Nächsten und unser selbst voraus, damit man bemerkt, was wem fehlt. Man muß sich selbst erkennen, streng gegen sich sein, bescheiden sein; daher spricht man von christlicher Demut. Die Liebe macht uns praktisch, die Frömmigkeit braucht nicht mit Ungeschicklichkeit verbunden zu sein. Schon im Evangelium wird das Bedauern darüber ausgedrückt, daß die Söhne des Lichtes den Söhnen der Welt oft nicht überlegen sind. Jesus sagt: »Seid ohne Falsch wie die Tauben und klug wie die Schlangen.« Weises Maß ist von Nöten, aber auch Scharfsinn, Geübtheit und Gewandtheit.

»Diese Liebe hat es allerdings auch vor Christus gegeben.«

Ja, aber Jesus hat sie erfüllt; er kam, um »das Gesetz zu erfüllen«, auch das allmenschliche und uralte Gesetz der Liebe. Die historische Tat Jesu besteht darin, daß er die Frömmigkeit als erster klar und vorbildlich nicht nur als Verhältnis zu Gott, sondern auch zum Nächsten aufgefaßt hat. Vor Jesus war die Religion und ist recht oft nach ihm unfreundlich, unmenschlich, hart. Bedenken Sie, was für Grausamkeiten sich die alttestamentarischen Juden im Namen des angeblich wahren Gottes zuschulden kommen ließen! Ebenso die Mohammedaner. Aber auch die Christen verbreiteten, obzwar sie das Evangelium der Liebe hatten, ihren Glauben durch Feuer und Schwert, erfanden die Inquisition und lehrten, diejenigen zu hassen, die anderen Glaubens waren. Unmenschlichkeit, Grausamkeit ist eine Frucht sklavischen Geistes, von Sklaven und Sklavenhaltern zugleich. Sklaventum und Sklavenhalter bedingen sich gegenseitig. Es kann keine Humanität geben ohne gegenseitiges Vertrauen, der fromme Mensch fürchtet den Menschen nicht. Das wußte schon Johannes: »Furcht ist in der Liebe nicht, sondern die vollkommene Liebe treibet die Furcht aus; denn die Furcht hat die Qual, wer aber sich fürchtet, ist nicht vollkommen in der Liebe.« Der Fromme ist stark.

Fremdenhaß, Unverträglichkeit, Fanatismus sind mit wahrer Frömmigkeit unvereinbar; es gibt nicht nur nationalen und politischen Chauvinismus, sondern auch religiösen, sozialen und den der Bildung. Auf allen Gebieten der Tätigkeit machen Unverträglichkeit und Anmaßung den Menschen das friedliche Zusammenleben und Zusammenwirken unmöglich. Der wahrhaft fromme Mensch ist tolerant, denn er liebt. Jesus verkehrte mit Gläubigen und Heiden, seine Jünger sprachen fremde Sprachen und gingen in die ganze Welt hinaus.

Mein Glaube ist: Jesutum, Liebe zum Nächsten, tätige Liebe, Reverenz vor Gott. Religion ist Hoffen, sie überwindet die Furcht, vor allem auch die Todesfurcht; sie drängt unaufhörlich zur Höhe, höher und höher, nährt die Sehnsucht nach Erkenntnis und Weisheit, ist furchtlos.

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