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Masaniello

Christian Weise: Masaniello - Kapitel 3
Quellenangabe
typetragedy
booktitleMasaniello
authorChristian Weise
year1992
publisherPhilipp Reclam jun. Verlag
addressStuttgart
isbn3-15-009327-9
titleMasaniello
pages9-15
created20001101
sendergerd.bouillon
firstpub1683
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Erster Handlung

Erster Aufftrit.

Roderigo, Leonisse.

Rod. Es ist eine Furcht / die von Weiblicher Schwachheit entstehet. Wer seinen Halß einmahl der Regiments-Last unterworffen hat / der muß ein solches Ungewitter verachten können.

Leon. Ich wolte wünschen / daß meine Furcht aus Weiblicher Schwachheit entstanden wäre; allein / ich höre solche Zeitung / darüber ich vor Angst zerspringen möchte: ach wer wil dem rasenden Volcke wiederstehen! Ist uns und unserer Familie der unglückselige Tod zu Neapolis bestimt / und sollen wir das jenige / was andere verschuldet haben / mit unserm Blute büssen?

Rod. Jhr Liebden beschämen mich mit der unzeitigen Furcht.

Leon. Jhr Liebden halten mir es zu Gnaden / daß ich spreche / die Furcht sey etwas langsam: Ach! ich sehe mein Verderben schon vor Augen! und weil doch so viel hundert tausend Menschen nach unserm Blute durstig sind / so gebe doch der barmhertzige Himmel / daß ich zu erst einen tödlichen Stoß bekommen möge / ehe ich den Tod meiner hertzliebsten Kinder / und so denn auch das euserste Unglück meines Hertzgeliebtesten Ehe-Gemahls anschauen müsse.

Rod. Wie hat doch die eitele Einbildung so eine mächtige Operation, daß man dem Tode entgegen lauffen wil / wenn man noch gute Gelegenheit zum Leben hat.

Leon. Ich sehe bey dem gegenwärtigen Zustande nichts / als einen geschwinden Tod / oder ein dienstbares Leben. Nun weiß ich wohl / wie mein Stand / meine Ehre und meine inbrünstige Liebe gegen den Hertzgeliebtesten Ehegemahl aus zweyen Ubeln das geringste erwehren sol.

Rod. Der Auf-stand wird nicht so gefährlich seyn / und wenn es zum eusersten komt / so wird dem Volcke viel versprochen / das man hernach desto weniger halten darff.

Leon. Eben dieses besorge ich / das Volck werde sich ins künfftige mit solchen Versprechungen nicht abweisen lassen. Es ist wahr / wir haben unsern Leuthen zu viel nachgesehen; wir haben dem Volcke manche unnöthige Last auf dem Rücken gelassen / nun wird die Rache zugleich auf uns hereinstürmen / und so werden wir so wohl die eigene / als die fremde Schuld ertragen müssen.

Rod. Mein allergnädigster König hat mir eine Autorität beigelegt / welche kein Sclavisches Lumpen Gesinde zweifelhafftig machen sol. Ich bin des Adels versichert / welcher mich nimmermehr verlassen wird: So hab ich vier Theile von der Stadt: wer fragt nach dem fünfften Theile / der aus geringschätziger Canaille bestehet?

Leon. Desto schlimmer ist es vor uns / wenn uns die Canaille so weit bringt / daß wir von derselben Gnade bitten müssen.

Rod. Ich sehe wohl / die Furcht ist eine Kranckheit / die sich so bald nicht vertreiben läst. Wir haben das neue Castell in der Nähe / jhre Liebden machen sich bereit / daß sie mit den furchtsamen Personen daselbst verwahret werden.

Leon. Auch dieser Platz wird uns zu keiner steten Sicherheit dienlich seyn: Doch wo das Wasser schon biß an die Seele gehet / da müssen die nähesten und die möglichsten Mittel die besten seyn.

Rod. Die Mittel sind zulänglicht.

(Leonisse gehet ab.)

Doch was bringet unser Marckt-Hauptmann?

Erster Handlung

Anderer Aufftrit.

Roderigo, Anaclerio.

Anacl. Jhr Excellentz halten mir es zu Gnaden / daß ich so unverschämt herein gehe: Ich begehre meines Amptes erlassen zu seyn.

Rod. Und warum dieses? sind unsere Dienste nunmehr zu geringe / daß sie euch nicht weiter vergnügen können?

Anacl. Wo der Respect und der Gehorsam gefallen ist / da wird ein Hauptmann auf dem Marckte nicht weiter von nöthen seyn. Ich habe vor wenig Tagen Spott und Verdruß genung empfinden müssen / als mich die kleinen Knaben mit faulen Aepffeln / Feigen und Pflaumen von dem Marckte weg steinigten / also daß ich die Früchte nothwendig ohne Zoll muste passiren, lassen: Ach! nun muß ich etwas erfahren / dagegen ich viel zuschwach bin. Denn die Zollhütten stehen allenthalben in lichter Flammen / die Rechnungen werden zurissen / und wo ein Hauffen Bürger beysammen stehen / so ist dieses die Losung: GOtt gebe dem Könige in Spanien langes Leben / und das böse Regiment hole der Teuffel.

Rod. Es ist eine Wolcke / die bald verschwinden wird. Wo die Rebellion kein Haupt erwehlen kan / da ist an dem glücklichen Wiederstande nicht zu zweiffeln.

Anacl. Ach das Unglück hat schon ein Haupt gefunden / der verfluchte Nahme Masaniello, welcher allbereit vor hundert Jahren ein leichtfertiges Gedächtnis in dieser Stadt erworben hat / wil nunmehr wieder lebendig werden.

Rod. Ich kenne keinen Fürsten / der Masaniello heist.

Anacl. Jhr Exellentz / es ist kein Fürst / aber er ist ein Fischer / der sich rühmt / er wolle den Fürsten die Hälse brechen. Er hat unlängst ein Possen-Spiel mit Kindern angefangen / welche die wohlfeyle Zeit in der Stadt ausruffen solten. Nun stehet er auff dem Marckte gleich als ein Qvacksalber auff einen erhabenen Tische / und wil das gesamte Volck bereden; gleich wie Petrus der Fischer die Stadt Rom aus der Geistlichen Dienstbarkeit gerissen hat: also wolte er als ein Fischer die berühmte Stadt Neapolis von der unerträglichen Dienstbarkeit befreyen.

Rod. Eine eitele Vergleichung / davor sein boßhafftiger Hals an dem Galgen sol belohnet werden.

Anacl. Ich muthmasse wohl / daß er einen unglückseligen Ausgang zuerwarten hat / indessen kan ich nicht beschreiben / was er vor Macht in seinen Reden gebraucht / und wie das Volck über seiner unverhofften Kühnheit gleichsam entzücket wird.

Rod. Unsre Mußqvetirer sollen dieser Entzückung gar bald abhelffliche Masse geben.

Anacl. Die Gegenverfassung wird sehr geschwinde von nöthen seyn / weil die Raserey noch den blossen Marckt eingenommen hat; wo sie Zeit gewinnet / biß das Gifft auch in andern Gassen seine Operation ausbreitet / so werden die treuesten Diener das wenigste verrichten können.

Rod. So geht demnach / bringet unsre Ordre an die sämbtlichen Hauptleute / daß sie auff jhren Posten parat stehen / wenn man auf den Nothfall zu einer schleunigen Gegenwehr greiffen müste.

Anacl. Ich bin gehorsam.

(Geht ab.)

Erster Handlung

Dritter Aufftrit.

Rod.

Rod. So muß eine Regiments-Person sein Hertz in der Gewalt haben / und was er innerlich gedencket / dasselbe muß er von aussen verbergen. Ich sehe wohl / was vor ein Ungewitter über diese Stadt aufziehen wil / und was der Marggraff von Velez in Sicilien hat erfahren müssen / solches möchte mir auch durch eine verwirrte Tragœdie begegnen. Allein je besorglicher die Sache scheinet / desto hertzhafftiger müssen meine Anschläge seyn / weil ich sonst meine getreuesten Freunde verliehren / und vielleicht bey der allgemeinen Furcht jhre Partie meinen Widersachern zuführen möchte. Wiewohl ich habe nichts verspielet: die guten Worte und die liebreichen Versprechungen sind bey mir zu gewisser Zeit gar wohlfeil.

Ferr. (Komt gelaufen.) Jhr Exellentz werden um dero eigenen Wohlfarth willen gebeten / des Unglücks in diesem Pallaste nicht zuerwarten. Ein verdamter Fischer-Knecht unternimt sich einer That / darüber gantz Neapolis zu einem Steinhauffen werden möchte.

Rod. Es ist mir schon gesagt worden / daß ein närrischer Fischer-Bube durch ungeschickte Reden den Strang verdienen wil: vielleicht eh dieser Tag vergehet / so kan jhm nach seinen Willen geschehen.

Ferr. Immittels wolle sich jhr Excellentz dero hohen Person versichern. Es ist dem unbändigen Gesinde gar ein leichtes / so geht der gantze Sturm auff den Pallast dergestalt loß / dabey wir alle das euserste Unglück erwarten müsten.

Rod. Die Soldaten haben schon jhre Ordre, daß wir einen Anlauff wohl aushalten können. Es stünde mir auch übel an / aus der Stadt in ein Castel zuweichen / da mein Befehl und meine Gegenwart noch das meiste operiren müssen.

Ferr. Die Sonne operiret von dem Firmament biß in die Unter-Welt: Und ein Vice-Roy kan von dem neuen Castel seine Gegenwart biß in die Stadt bekant machen.

Rod. Unterdessen werde doch unsere Flucht den Pöbel kühne machen. Wer mitten in der Gefahr standhafftig ist / der bringet den Feind erstlich in Verwunderung / hernach in einen Zweifel / endlich in eine Furcht / daß er sich der angefangenen Frevelthat nicht unbillich schämen mus.

Ferr. Die Ursachen sind so wichtig / daß ich Bedencken trage / das geringste darwieder einzuwenden. Aber wenn die schwachen Personen dieses Pallastes / jhr Excellentz verstehen / wen ich meine / bey Zeiten auf das Castell gebracht werden / so möchte solches wol zu entschuldigen seyn.

Rod. Die Anordnung ist allbereit gemacht: wir wollen sehen / daß die Gefahr durch keinen Verzug gehäuffet werde / und jhr Fürst Ferrante werdet mich nicht verlassen.

(Geht ab.)

Ferr. Was wil ich thun? der Vice-Roy verachtet die Gefahr / er trotzet auf seine Autorität, also wil er den Pallast nicht verlassen / das heist / er wil sich und seine Freunde dem Tode gleichsam zu einem Opffer entgegen führen.

Erster Handlung

Vierdter Aufftrit.

Allegro, Roccella, Torrecuso.

(Allegro, hat einen grossen Hopff-Sack über sich genommen / kömt damit heraus / schreyet und zieret sich gar wunderlich / biß die andern heraus kommen.)

Rocc. Was hat dieser Auffzug zubedeuten / mich dünckt / die Verrätherey wil in den Pallast herein dringen / ehe sich die hohen Personen in Sicherheit begeben können.

Torr. Wenn es in der Nacht einem furchtsamen Menschen begegnete / so würde er das Creutze vor sich schlagen; denn es siehet einen Gespenste nicht unähnlich.

Rocc. Ich wil gleichwol darhinter kommen / was der unzeitige Muthwillen zubedeuten hat.

Torr. Diese Larve wird sich bald abziehen lassen.

(Sie ziehen jhm den Sack über den Kopff weg.)

Rocc. Ehrvergeßner Ertz-Bube / hastu noch Zeit solche Possen anzufangen / da es immer an Dienern gebrechen wil / welche das Einpacken beschleunigen: Weiche mir aus dem Gesichte / oder ich wil dich tractiren als einen Rebellen.

Alleg. Ach! wie sol ich das verstehen? Ein Ehrlicher Kerl wird gleichwol in seinen Amts- und Beruffs-Wegen nicht so tractiret.

Torr. Ein schöner Beruffs-Weg / der in den Sack hinein geht. Wir hätten die Wege besser finden wollen / wenn der Sack mit dem unnützen Fleische wäre in das Wasser geschicket worden.

Rocc. Wer dich beruffen hat / der sol dir auch lohnen: Aber was bedeutet dieser Sack?

Alleg. Er gehöret vor unsern Vice-Roy, denn ich höre / es wird sehr viel Geld von den neuen Zöllen einkommen; wenn nun etwan der liebe Mann nicht wüste / wo er alles solte hinthun / so wolt ich ihm mit dem Sacke aushelffen.

Rocc. Höhnischer Bube / diese Invention stincket nach einem Rebellen. Weistu auch / daß man dergleichen Worte mit dem Strange zubezahlen pfleget?

Alleg. Herr habt jhr einen Strick überley / so mögt jhr den Sack mit zubinden / wenn das Geld darinnen ist.

Rocc. Ich schone dieses heiligen Ortes / sonst wäre deine Boßheit schon gestraffet worden.

(Er stellt sich als wolt er ihn schlagen.)

Alleg. (Wickelt sich poßierlich in den Sack.) Herr / da steh ich: der Sack soll mich Stahleysenfeste machen: Denn ich habe schon so viel Millionen Ducaten darinnen / als jhr Herren allzusammen in Gedancken erwuchert habt: ehe jhr mich trefft / so müst jhr 100000. Ducaten durchstossen.

Rocc. Nun merck ich erst daß du rasende bist.

Alleg. Und ich mercke daß jhr nunmehr klug seyd: Ach wer das Werck mit den hohen Zöllen etwas niedriger gespannet hätte / der dürffte sich nicht in das Castell / als wie eine arme Bestie in jhr Fuchsloch verkriechen.

Rocc. Du hörest noch nicht auf hohe Personen zu beschimpffen.

Alleg. Ich wil einmahl reden als ein Philosophus. Die Tugend beschimpftet niemanden / atqvi et sic conseqventer. Die Warheit ist eine Tugend. Ergo ergius ergissimè so beschimpffet meine Warheit niemanden. Concedo totum argumentum.

Rocc. Der Kerl ist besessen: Ein Außländischer Geist redet fremde Sprachen aus ihm.

Torr. In den Sack gesteckt / und an Ketten geschlossen das wird die beste Cur seyn.

Alleg. Legt euer Geld an Ketten / das jhr ins künfftige haben solt / es möchte sonst so viel Beine kriegen / als Personen in Neapolis sind. Doch wenn ich keinen Danck davon kriege / so kan ich den Sack wohl wider aufheben.

(Er wirft den Sack hinein / und bleibt auf der Seite stehen.)

Erster Handlung

Fünffter Auftrit.

Celinde und die Vorigen.

Cel. Mein Hertzog / wo er nichts vergessen hat / so werden wir uns bald aufmachen.

Rocc. Meine Gebieterin / wofern ich die Ehre habe / die wunderschöne Celinde zubegleiten / so wird gewiß nichts vergessen seyn.

Cel. Ich weiß nicht / was die Worte vor einen Verstand haben.

Rocc. Es ist kein Wunder / daß ich bey dem allgemeinen Unglück gleichfalls unglücklich bin: Indessen sag ich nochmahls / ich werde den Rebellischen Unterthanen dancken / daß sie mir Gelegenheit geben eine schöne Person in das Castell zubegleiten.

Cel. Wären die Zeiten glückseliger / so würde mir diese Begleitung auch etwas annehmlicher seyn.

Rocc. Meine Gebieterin / wer sich vor keinen Anlauff entsetzen darff / der ist auch mitten in der Gefahr glückselig.

Cel. Aber wo bleibet der Herr Vater?

Rocc. Den Herrn Vater wird seine Tapfferkeit und seine beiwohnende Autorität beschützen; Aber unsere Vergnügung soll – – – ach! darff ich so kühne seyn die Rede fortzusetzen?

Cel. Er kan weiter reden / er kan auch inne halten: ich weiß doch wohl / was er meinet.

Rocc. Ich wil inne halten: aber / es wäre mir lieber / wenn ich reden solte.

Cel. Ich weiß seine Gedancken / er meinet unsere Vergnügung soll hinter einem starcken Walle sicher bleiben.

Rocc. Ach / ein starcker Wall kan mich wenig vergnügen / das Gesetze der – – Ach! wie sauer kömt mich die Sprache an! ich hätte bald gesagt / das Gesetze der Liebe muß die beste Wirckung haben.

Cel. Nicht zu kühne / mein Hertzog / denn daß ich einmahl so frey mit jhm reden kan / solches giebt mir die Confusion in dem Pallaste an die Hand / da wir nicht anders als blinde Leute wieder einander lauffen; Aber in dem Castell sind wenig Logiamenter und viel Auffseher.

Rocc. Genung / daß ich die Kammer meines Hertzens an keine andern vermieten darff / und also wil ich dennoch unverrathen seyn.

Erster Handlung

Sechster Aufftrit.

Arcos und die Vorigen.

Arc. Ach! ist es nun gewiß / daß uns die bösen Leute in dem Pallaste wollen todt schlagen?

Rocc. Es ist noch nicht so gefährlich / es geschieht nur zu einer gewissen Recreation.

Arc. Ich müste nicht sehen / wie meine Frau Mutter die Hände windet / wie sie weinet / und wie sie mich etliche mahl so gar sehnlich geküsset hat.

Rocc. Mein Hertzog / es ist wohl eher geschehen / daß die Frau Mutter mit jhren Liebkosungen ist frey gewesen.

Arc. Ach nein! Ich weiß auch was: die Frau Hofmeisterin hat mich oft mit dem bösen Manne und mit dem Pophanse geschreckt / und da ich nun den H. Christ lerne kennen / so hab ich gemeinet / als wenn die Fabel mit dem bösen Manne leicht könte ausgelachet werden: allein ich dencke / der Pophanß wird itzund auffwachen / dabey auch die alten Leute wenig Hertze behalten möchten.

Torr. Vor kurtzer Zeit haben wir die Warheit von einem Narren gehöret / itzt muß ein kleines Kind den Discurs continuiren: Ach! unglückselige Zeit / da solche Personen über uns urtheilen müssen.

Erster Handlung

Siebender Aufftrit.

Roderigo, Leonisse und die Vorigen.

Rod. So fahren dann jhr Liebden wohl / und gedenken / daß unsere geliebteste Kinder als der beste Schatz zu gleich in das Castell geflüchtet werde.

Leon. Ich bin bereit / alles gehorsam in acht zunehmen: Allein warum bin ich so unglückselig / daß mein Hertzgeliebtester Ehe-Gemahl die Begleitung nicht in eigener Person verrichten wil?

Rod. Die Ursachen sind erheblich / dessentwegen ich meine Sicherheit verachten muß.

Leon. Ein Ehe-Gemahl kan die Sicherheit nicht verachten / wenn nicht zugleich die Gemahlin und die liebsten Kinder aller Liebe unwürdig geschätzet werden.

Rod. Mein hohes Ambt schreibet mir solche Gesetze vor.

Leon. So wil ich auch dem Gesetze der Liebe folgen / daß ist / ich wil auch in dem Pallaste bleiben / und wil das Glücke oder das Unglücke erwarten / welches über die Helffte meines Hertzens verhangen ist.

Rod. Es ist mein Begehren / oder wenn dieses zu wenig ist / so sag ich / es ist mein Befehl / daß jhr euch gesamt in das Castell begebet.

Leon. So wil ich gehorsam seyn / aber es ist nochmahls meine unterthänigste Bitte – – –

Rod. Die Zeit ist köstlich / durch dieses Bitten wird mir die Gelegenheit zu nöthigern Verrichtungen abgeschnitten.

Leon. Ich kan nichts erhalten / jhr liebsten Kinder versuchet euer Bestes; vielleicht wird der Herr Vater gern bey euch bleiben wollen.

Cel. (Küsset ihm die Hand.) Ach! sollen wir ohne den Herren Vater leben / oder wil er uns allein sterben lassen?

Rod. Es soll keines geschehen / geht nur hin im Friede.

Arc. (Umfasset ihn bey den Knien.) Ach! ich habe sonst das Glücke gehabt / den Herrn Vater zu bewegen; ist es nicht möglich / was die Frau Mutter gebeten hat?

Rod. Hertzog Roccella, euch werden sie anvertrauet: machet Anstalt / daß sie durch das hinter Thor des Pallastes in das neue Castell begleitet werden.

Leon. So werde ich noch durch einen Kuß dürffen Abschied nehmen. Ach jhr Liebden schonen jhrer selbst / wo sie nicht gegen so viele Personen wollen ungnädig seyn.

Rod. Wir müssen itzund einen Stillstand mit den Complimenten machen / indem andere Personen auf mich warten / derer Anbringen nicht allerdinges nach unserm Wunsche lauffen wird.

(Sie gehen ab.)

Erster Handlung

Achter Aufftrit.

Roderigo, Ferrante, Donato. Allegro auff der Seite.

Ferr. Jhr Excellentz wir haben nichts gewissers zu hoffen / als daß nunmehr der rasende Pöbel in vollem Anzuge begriffen ist / den Pallast zu stürmen.

Rod. Wer hat die Zeitung so gewiß gemacht?

Ferr. Der Herr Secretarius wird die Sache ausführlicher berichten können.

Don. Es ist an dem daß nunmehro zehn tausend Personen beysammen sind welche die Zollhütten mit Feuer vertilgen / auch allbereit etliche Gefängnisse erbrochen haben / damit sie durch allerhand lose Buben die Trouppen verstärcken möchten. Die meisten haben das ietzige kleine Brod auf eine Picqve gestecket / und ruffen: GOtt gebe unserm Könige langes Leben / und beschere uns wohlfeile Zeit / aber das böse Regiment hole ein ander. Bey diesem bleibt es nicht / sondern etliche führen auf den Stangen schwartze Lumpen / und ruffen mit erbärmlicher Stimme; sie wären arme Seelen / die gerne wolten aus dem Fege-Feuer erlöset seyn / nach dem sie von den unbarmhertzigen Zöllnern wären darein verbannet worden.

Rod. Aber sie brauchen noch keine Gewalt gegen unsere Soldaten?

Don. Sie stehen vor dem Thore / und begehren absolute Erlassung des Frucht- und Mehl-Zolles / und ich besorge / wo jhre Excellentz durch dero hohe Autorität keinen Nachdruck giebet / so möchte hernachmahls die Sache noch schlimmer werden.

Rod. Wohl / ich wil mich an dem Fenster zeigen / und dem Volcke mit süssen Versprechungen begegnen.

Alleg. Nun hat das Volck auch einmahl die Ehre / daß sich der Vice-Roy an ein Fenster fodern läst: sonst waren die Audientzen nicht so wohlfeil.

Ferr. Was rath man Herr Secretari?

Don. Hätte man bißhero guten Rath angenommen / so dürffte man nun keine vergebene Sorge.

Ferr. Was hätte man aber thun sollen?

Don. Man hätte das Armuth nicht so beschweren sollen.

Ferr. Wer wil dem Könige die Intraden beschneiden?

Don. Jhr Gnaden halten mir es zu gute / daß sind gewiß keine Königliche Intraden, davon geringe Personen so grosse Palläste bauen können.

Ferr. Der Adel muß unterhalten werden.

Don. Aber nicht mit Ruin des andern Volcks.

Ferr. Das Volck ist dessentwegen gebohren / damit es dienen sol. Wenn ein solcher Bube sechs Pfennige mehr im Sacke hat / als er verzehren kan / so wird er hoffärtig.

Don. Und wenn ein armer Mann sechs Pfennige des Tages weniger hat / als er verzehren soll / so wird er ungeduldig / biß die Ungedult zu einer Raserey hinaus schläget.

Ferr. Gegen rasende Leute gebraucht man sich der Schärffe: Ob Neapolis hundert tausend Köpffe weniger hat / so wird dem Königreiche gar wenig abgehen.

Don. So wollen wir diese hundert tausend Personen ohne Zoll passiren lassen / und damit würde dem Königreiche gleichfals nichts abgehen.

Ferr. Der Herr Secretarius schertzet mit einer Sache / darin er die Raison besser verstehet.

Don. Aber wo sind die Soldaten / welche uns hundert tausend Köpffe liefern können?

Ferr. Das weiß auch der Herr Secretari besser als ich.

Don. Ich kenne den Staat von Neapolis wohl / man muß hazardiren. Aber es heist / wie bey dem Charten-Spiel / wagen gewint / wagen verspielt.

Ferr. Wir wollen diese Discurse fort setzen / wenn uns die Zeit bessre Ruhe vergönnen wird: Aber was fangen wir nun an / nach dem der Karn in den Morast geschoben ist?

Alleg. Ich hätte nimmermehr gedacht / daß der Herr Secretarius so ein ehrlicher Mann wäre; aber nun seh ich wohl / wenn er seine Finantz mit eingezogen hat / so hat er gedacht / wie unser Hund / der brachte uns allemahl das Fleisch auff die Stube: Doch wie einmahl die andern Hunde sich wolten zu Gaste bitten / und er mit seinen Widerstande zu schwach war / so denckt der Hund / eh ein ander Reckel das beste Stücke weg schnappen soll / so wil er das seinige auch dabey thun / und frist aus gantzen Leibes-Kräfften drauff loß. Und wie sprechen die Soldaten: es ist keine Sünde / das ich stehle / der Herr behält doch nichts davon: nehm ichs nicht, so nimts ein ander. Doch last hören wie sich unser Herr aus dem Hauffe finden wird; denn was die mit dem Degen verderben / das sollen die mit der Feder wieder gut machen.

Don. Wir müssens erwarten / was jhre Excellentz werden ausgewircket haben / denn das ist gewiß / der Zoll muß abgeschaffet werden.

Ferr. Dabey verderben die meisten Familien.

Don. So behaltet den Zoll / und last eure Häuser zustören.

Ferr. Es ist um die Königliche Majestät zuthun / welche darunter angegriffen wird.

Don. Ich betaure den Zustand der Könige / daß sie mehrentheils von dem Nutzen nicht viel zugeniessen haben / da sie doch bey der Gefahr allezeit das meiste tragen sollen.

Erster Handlung

Neundter Aufftrit.

Roderigo, Prospero, Ferrante, Donato.
Allegro auff der Seite.

Rod. So muß man den Pöbel mit falschen Worten betriegen.

Ferr. Hat gleichwohl jhre Excellentz mit dero Autorität durchgedrungen?

Rod. Unser Hauptmann wird am besten davon zu reden wissen.

Prosp. Es ist wahr / das Volck war ziemlich erhitzet / und wofern sich niemand zu etwas resolviret hatte / so möchte das Werck ziemlich schlim abgelauffen seyn. Immittels weil ich einen Schrifftlichen Revers überbrachte / Krafft dessen die Zölle solten gemindert oder gar abgeschaffet werden / so nahmen sie gleichwohl das Werck in Deliberation.

Ferr. Wie aber / wenn die Vota wieder uns lieffen?

Alleg. Es ist war / ich traue keinen Zettel der nicht mit Gelde gesiegelt ist. Der Herr Hauptmann schreibst flugs einen Brieff / und lebet hernach zehn Jahr / eh er gedencket / was der Brieff zubedeuten hat.

Prosp. Das Volck ist gleichwohl furchtsam / und wenn der erste Zorn vorüber ist / so wünschen alle davon zuseyn / weil sie doch die härteste Straffe befürchten müssen. Es fehlet nicht viel / so wil ich mein Leben zu Pfande setzen / daß ich der Friedens-Bothe gewesen bin / und daß mein Brieff die gantze Difficultät wird gemittelt haben.

Alleg. Rühme dich Kätzgen / die Nachbarn sind dir übel gerathen. Du hast die Sache gemittelt / das heist / du hast sie mitten in den Qvarck hinein geführet: nun wollen wir sehen / wer sie wird wieder heraus führen.

Don. Nur dieses werden wir in acht nehmen müssen / daß wir dem Land-Frieden nicht gar zu sehr trauen.

Erster Handlung

Zehender Aufftrit.

Anaclerio und die Vorigen.

Anacl. O Unglück über Unglück / nun liegt des Königes Autorität, und des Adels Respect auf einmahl über den Hauffen.

Rod. Ein Diener soll seinen Herrn nicht so erschrecken.

Anacl. Alles hat seine Zeit. Wer itzo die höflichen Gesetze in acht nimt / der mag ein Rebelle heissen.

Rod. So sagt doch / ob wir etwas neues zu befürchten haben.

Anacl. Nicht zu befürchten / sondern zu erwarten / der gantze Schwarm dringet in den Pallast herein / und wo jhre Excellentz die Gemächer nicht verriegeln / oder wo sie nicht bey Zeiten die Flucht nehmen / so weiß ich nicht / was so ein rasender Hauffe wagen dürffte.

Prosp. Ach! hat der Revers nichts gewircket / welchen sie gleichwohl so höflich angenommen haben?

Alleg. Der gute Kerl denckt / es ist nur um einen Brieff zu thun / der den Leuten in die Hände gegeben wird / so ist aller Qvarck aus gemacht. Ja / ja / es wird noch manchen Bogen Papier kosten / ehe die tummen Schelmen jhre Taback-Pfeiffen werden ausgetruncken haben.

Anacl. Mich dünckt / ich höre schon das Geräusche.

Prosp. Sind unsre Soldaten bezaubert / daß sie der Gewalt nicht wiederstehen?

Anacl. Ob sie bezaubert seyn / weiß ich nicht / das weiß ich / daß sie insgesamt jhr Gewehr niedergelegt haben.

(Hier wird hinter der Scene ein sachtes Geräusche gemacht.)

Prosp. Ach sie dringen auf unser Gemach loß.

Rod. Setzt euch in Positur, es soll noch mancher Hund das Blut vor meiner Thür-Schwelle vergiessen / ehe er den Eingang gewinnen soll.

Ferr. Jhr Excellentz schonen jhrer selber / und weichen davon / weil uns diese Thür noch unverbothen ist.

Rod. Wie soll sich ein Sclave rühmen / daß er den Vice-Roy vertrieben hat?

Ferr. Zu gewisser Zeit muß ein vernünfftiger Mensch einem wilden Thiere weichen.

Rod. Das Gleichnis schickt sich an eine andere Sache.

(Hier wird hefftig gestürmet / es stöst auch einer mit der Partisan heraus.)

Ferr. Hier sehen jhr Excellentz wie leicht ein geringer Mensch über dero kostbares Leben hätte triumphiren können. Auff / auff! das freye Thor möchte uns bald verschlossen werden.

(Sie eilen fort.)

Alleg. Und ehe ich fort marchire / so muß ich meinen Sack wieder haben.

(Er holet ihn.)

Erster Handlung

Eilffter Aufftrit.

Peronne, Formaggio, Bravo, Piccone neben andern Bürgern und Kindern so jhre Stecken mit Brodte oder alten Lumpen bezeichnet haben.

Per. Ha! soll dieß der oberste Regente im Lande seyn / der vor seinen Unterthanen die Thüren verschliessen wil?

Form. Und soll dieß der Vater des Vaterlandes seyn / der sich vor seinen Kindern versteckt / wenn sie das nöthigste zu bitten haben?

Brav. Wo wir keinen Vice-Roy haben / da ist uns auch kein Pallast von nöthen: man reisse den Plunder über den Hauffen: aus diesem verdamten Hause sind doch die meisten Bubenstücke / als aus einem schädlichen Wespen-Neste heraus geflogen.

Picc. Ich helffe mit zugreiffen. Der Stadt Neapolis wird doch niemahls besser geholffen / als wenn die Wohnungen dieser Mord-Geister zustöret werden.

Per. Jhr Brüder / geht im Anfange gemach / wir haben noch mit unserm Könige nichts zu thun / wir schaffen uns Recht wieder die boßhafftigen und ungerechten Diener. Der Pallast darff nicht versehret werden / allein hat sich der Vice-Roy wieder heraus gestohlen / so mögen auch seine Mobilien an den Galgen gehen.

Form. Greifft zu / jhr Brüder / durchsuchet alle Gemächer / ein Schelm der etwas gantz last.

Brav. Ein Schelm der nicht alles auf den Platz vor den Pallast hinaus schlept.

Picc. Ein Schelm der sich vor dem Vice-Roy weiter furcht.

Per. Auf jhr Brüder / wer das beste thut / soll den besten Lohn zugewarten haben.

(Sie lauffen hinein und tumultuiren erschrecklich.)

Erster Handlung

Zwölffter Aufftrit.

Allegro mit dem Sacke / hernach Bravo.

Alleg. Was erhebt sich? ist der Hencker nun so loß / daß ich in meiner Studier-Stube nicht sicher bin. So werde ich meinen Sack zwischen die Ohren nehmen und meinem Herr Vice-Roy als ein langsamer Nachtreter nachspatzieren.

Bravo. (Kömt gelaufen.) Halt Bösewicht / gib Rechenschafft / wo sind die Personen aus dem Pallaste hinkommen?

Alleg. Da hab ich einen gantzen Sackvoll / wolt jhr hinein kriechen und darnach sehen / so stehet auch die Thür offen.

Brav. Verfluchter Bube / soltu einem Manne also antworten / der Gewalt über dich hat? Rede oder stirb.

Alleg. Wenn ich sterbe / so rede ich nicht.

Brav. Du solst aber zuvor reden / darnach soll die Reihe mit dem Sterben geschwinde an dich kommen.

Alleg. Siqvidem hic saccus, est saccus & in toto sacco nihil est qvam saccus, et hic est omnium saccorum maximus saccus, manet saccus & erit saccus omnium saccorum saccus saccior saccissimus.

Brav. Wilstu mich noch weiter erzürnen?

Alleg. Ich hab euren Willen gethan: ich habe geredt ich weiß selber nicht / was es heist.

Brav. Du solt reden was ich frage. Wo haben sie alle Personen auß dem Pallaste hingeschafft?

Alleg. Das sind Sachen / die nicht in meine Expedition lauffen / also hat der Herr eine kurtze Antwort: ich weiß nicht.

Brav. Aber ich habe einen Schlüssel zu solcher Wissenschafft.

(Er entblöst den Degen.)

Ich wil dir diesen Dietrich etliche mahl zu kosten geben / und darnach wirstu viel genung wissen.

Alleg. Herr stecht mich nur an den Ort / da mir Meister Hanß einen Pantzerfleck angesetzet hat.

Brav. Ich frage dich das letzte mahl / nun fang ich ein Blutvergiessen an.

Alleg. Herr vergiest jhr Blut / ich wil den Sack aufhalten / wenn der Plunder voll ist / so verkauffen wir es vor eine Blut-Wurst.

Brav. Sieh da du Hund.

(Er wil stossen / Allegro schreyet und läuft zurücke.)

Wilstu die Flucht nehmen?

Alleg. Ich sehe wohl / wer sich in diesem Kriege fürchtet / der hat verspielt. So kom doch her du Blutvergiesser. Gehe du mit deiner Plempe auff den Stoß / ich wil mit meinem Sacke auf den Hieb gehen.

Brav. Die Worte sollen dein Leben kosten.

(Sie treten zusammen und fechten possierlich / endlich stöst Bravo und fehlt / daß jhm der Degen / an der Wand stecken bleibt / Allegro stösst jhn zurücke / daß er den Degen muß im Stiche lassen.)

Alleg. He / wo ist nun deine Bravade, nun wollen wir sehn / wer am meisten Courage hat.

(Sie überwerffen sich poßierlich / endlich zeucht jhm Allegro den Sack über den Kopff und läst jhn liegen.)

Das heist / wer den andern vermag / der steckt jhn in Sack. Aber nun ist mein Weg der weiteste / und so viel ich aus allen umständen mercken kan / so möchten die Dienste bey dem Herrn Vice-Roy künfftiger Zeit verdrießlich seyn. Ich werde mich zu den Rebellen schlagen: hat nun jemand Lust und Liebe / daß er sich wil unter das Narren Regiment werben lassen / der mag sich im Wirths-Hause zum goldenen Hasen-Fusse / bey mir angeben. Du Bruder / wie stehts / ist dir die Weile im Sacke lang? Doch mause mir keine Ducaten / sonst mustu mir das Zehlbret lecken / wo es stachlicht ist.

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