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März-Almanach

Adolf Glaßbrenner: März-Almanach - Kapitel 3
Quellenangabe
typesatire
booktitleWelt im Guckkasten II
authorAdolf Glaßbrenner
year1985
publisherUllstein Verlag
addressFrankfurt/M - Berlin - Wien
isbn3-548-37037-3
titleMärz-Almanach
pages144-223
created20010424
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1849
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Der deutsche Kaiser.

Eine Vision.

Erster Gesang.
                          Den Fürstenbund seh' ich in Frankfurt am Main
Sehr weise beisammen. Was thut er?
Er wählt einen Kaiser von Deutscheland sich
Mit Majorität, absoluter.

Es ist ein Mann aus dem Fürstengeschlecht,
Man sieht's an der prachtvollen Nase;
Sie schreien und schreien Hurrah und Hurrah,
Und gerathen beinah' in Extase.

Bedingung der Wahl war: Richtiges Deutsch,
Vernunft und bill'ge Regierung,
Eine höchste Geburt, ein adliges Herz
Und bürgerliche Manierung.

Das Alles vereinigte Gottlieb in sich,
Kaiser Gottlieb von Deutschland der Erste;
Er war, als man rings die Tugenden wog,
Sehr balde erkannt als der Schwerste.

Von Figur war er klein, die Haltung war schlicht,
Die Constitution etwas mager;
Mund, Nase und Aug' waren freundlich und groß,
Die Beine indessen sehr hager.

Das Purpurornat war ihm viele zu lang,
Er thät auch darob sich beklagen;
Dagegen sah' man mit sanftem Gemüth
Ihn Zepter und Reichsapfel tragen.

Die Krone, sie wackelte hin und auch her,
Sie war ihm zu weit auf dem Haupte,
Weshalb man, zur Sicherheit, unter dem Kinn
Sie anzuschnall'n sich erlaubte.

Auf der Brust war ein roth Schild mit Schwarz und mit Gold,
Wodurch sich die Einigkeit machte;
Die Größe des Augenblicks wurde gestört,
Weil einer der Zuschauer lachte.

 
Zweiter Gesang.
Und Gottlieb erhob sich und sprach: »Meine Herr'n,
Entschuldigen Sie: Ich bin Kaiser!
Und, fall's der Himmel mein Flehen erhört,
Ein guter, gerechter und weiser.

Das deutsche, das große und einige Volk,
Mein Volk hat es selbst so gewollet;
Ich bin seine Macht, seine Kraft wenn der Feind,
Der äuß're und innere grollet.

Durch göttlichen Beistand, mit Rath und mit That
Meiner hohen, durchlauchtigen Vettern
Werd' Ich immer beschirmen die feindliche Macht,
Und die Größe Deutschlands zerschmettern!

Nein, wollt' Ich sagen: die Macht Meines Reich's
Beschirmen, die Feinde zerschmettern!
Durch göttlichen Beistand mit Rath und mit That
Meiner hohen, durchlauchtigen Vettern.

Ich hab' einen ganz neuen Bundestag auch –
Der alte, das war ein höchst trister, –
Und damit durch Mich nie 'was Dummes geschieht,
Auch verantwortliche Minister.

Meine Krone ist erblich und ewig, doch soll
Stets ein männliches Glied sie nur tragen,
Und nimmermehr wird, deutscher Kaiser zu sein,
Eine Frau und ein Jungfräulein wagen!«

Dies ernste Geheiß ward vom Volk applaudirt,
Worauf sich der Kaiser verneigte,
Und, soweit es erlaubt das schwere Ornat,
Sich huldvoll herablassend zeigte.

»Mir ward,« fuhr er fort, »'ne Civilliste auch,
Jedoch mit möglichstes Schonung:
Dreißig Thaler pro Monat und außerdem noch
Frei Holz, frei Licht, freie Wohnung.

Ich will, so schwör' Ich, ein Bürger nur sein,
Will bürgerlich leben und sterben,
Und was von der Civilliste übrig Mir bleibt,
Das sollen die Arbeiter erben!

Die Kais'rin, Mein Gemahl, aus dem Wochenbett kaum
Und noch wieder nicht recht auf den Füßen,
Sie läßt, wie der neugebor'ne Prinz Karl,
Sie herzlich und gnädiglichst grüßen.«

 
Dritter Gesang.
Drauf sah' ich den Kaiser von Deutscheland
Umarmt von dem König von Preußen,
Und vornehm und lächelnd verneigen sich auch
Den Gesandten des Herrn aller Reußen.

Auch der Kaiser von Oestreich umarmete ihn;
Es lagen ihm ferner am Halse
Die Kön'ge von Sachsen und Würtemberg,
Und der von Bai'rn ebenfallse.

Auch der King von Hannover ritt muthig heran
Und küßte herab ihn vom Rosse;
Auch die Fürsten und Herzöge eilten herbei
Mit all ihrem glänzenden Trosse.

Auch Gera, Waldeck und Lippe-Detmold
Sie hingen an höchstseinen Lippen;
Auch Reuß-Greiz-Schleiz-Lobenstein-Eberswald
Thät höchstseine Lippen benippen.

Auch mußt' Majestät von Frankfurt am Main,
Von Hamburg und Lübeck und Bremen
Einen feurigen, republikanischen Kuß
Entgegen als Huldigung nehmen.

Drauf trug man ein Bild der Germania her,
Die küßte der Kaiser sehr innig;
Er küßte das ganze deutsch-einige Volk
In sothaner Manier äußerst sinnig.

Und als drauf das Küssen vorüber nun war,
Lud der Kaiser die Fürsten zu Tische:
Die Kaiserin warte schon mit dem Ragout,
Auch gäbe Salat es und Fische.

Die Fürsten aber, sie lehnten es ab:
Sie könnten nicht lange mehr bleiben; –
Sie müßten zu höchstihren Völkern zurück
Und Regierungsgeschäfte betreiben.

Sie schieden mit Inbrunst, indessen von fern
Kanonendonner erkrachte;
Die Größe des Augenblicks wurde gestört,
Weil einer der Zuschauer lachte.

 
Vierter Gesang.
Der Kaiser von Deutschland ging nun zu Tisch,
Und genoß dazu einen Schoppen,
Und ließ von einem Reichskammerherrn sich
Eine Pfeife mit Varinas stoppen.
 
Fünfter Gesang.
Er rauchte und trank eine Schaale Kaffee,
Nahm Abschied darauf von der theuern
Gemahlin, der Kais'rin, denn diese ließ nun
Von ihrem Dienstmägdelein scheuem.

Der Kaiser, er brummte ein Lied vor sich hin
Und ging vor das Thor promeniren;
Dort sah er mit majestätischem Blick
Rekruten im Staub exerciren.

Er sah, wie die Kinder beiden Geschlechts
Im Grase sich sonnten und wonnten;
Die Minister, sie gingen stets hinter ihm her,
Damit sie verantworten konnten.

Im Wirthshaus zum Krebse geruhete er
Am Gerstensaft sich zu erquicken,
Und griff der Kellnerin allerdurchlauchst
In die Wangen, die rothen und dicken.

Die Kellnerin aber verstand keinen Spaß;
Sie sagte: Das lassen's halt bleiben!
Sonst werd' ich unserm Reichskammergericht
Solche Uebergriffe beschreiben!

Das hörten die Gäste und standen ihr bei,
Es entspann ein Streit sich urplötzlich;
Die Minister, sie schoben den Kaiser hinaus,
Weil seine Person unverletzlich.

Sie nahmen die sämmtlichen Folgen auf sich,
Und sah'n sich bald wieder im Freien;
Sie schüttelten ihre Köpfe darob,
Wie leicht sich die Deutschen entzweien.

Sie setzten den Kaiser in eine Kalesch,
Und fuhren nach Hause und spielten;
Sie spieleten Boston, der Kaiser sah's nicht,
Wie sie in die Karten ihm schielten.

Sie spielten Revolution und Misere,
Bis daß die Talglichter erloschen;
Der Kaiser, er hatte schreckliches Pech,
Er verlor Einen Thaler Acht Groschen.

 
Letzter Gesang.
Noch sah ich den Kaiser dem Schlummer sich weihn,
Trotz des Schreiens von seinem Herrn Sohne;
Er trug noch die Krone, auf daß unser Reich
Keine Nacht wär' ohn' seine Krone.

Er stand noch am Bett eine Kleinigkeit still
Bei der Nachtlamp' spärlicher Glimmung;
Höchst wahrscheinlich dachte er Allerhöchst nach
Ueber seine Allerhöchste Bestimmung.

Dann sah' ich ihn schlafen so sorgenlos süß;
Ich hörte melodisch ihn schnarchen;
Er schlief fast wie ein ganz gewöhnlicher Mensch,
Der größeste aller Monarchen!

Und Deutschland war einig und mächtig und stark!
Seine Völker, es war'n seine Preiser!
Und alles Dieses und Alles allein
Durch seinen nothwendigen Kaiser!
O schöner, o lieblicher, herrlicher Traum,
Auch du bist vorbei – ich erwachte!
Mein Arzt stand bei mir und lachte so arg,
Daß ich selber von Herzen mitlachte.
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