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Bjørnstjerne Bjørnson: Mary - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorBjørnstjerne Bjørnson
titleMary
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Entscheidung

Am nächsten Tage ging sie zu den Gräbern hinunter. Ihr Schmerz wurde durch einen kleinen Zwischenfall abgelenkt.

Es war Sonnabend und morgen war einer der wenigen Sonntage des Jahres, da in der Kapelle Gottesdienst stattfand. Zu solchen Tagen pflegten wohl die Gräber geschmückt zu werden. Da das rechte Nachbargehöft früher zu Krogskog gehört hatte, hatten die Leute hier ihren Begräbnisplatz. Die Frau war hingekommen, um ein frisches Grab zu schmücken, und der alte Wolfshund hatte sie begleitet. Natürlich flog Marys kleiner Pudel treuherzig auf ihn zu, und zu Marys und der Frau Erstaunen nahm der alte Hund nach einer umständlichen und vorsichtigen Beriechung den kleinen Narren in seine Freundschaft auf. Er, der sonst keine jungen Hunde leiden mochte, verliebte sich in ihn. Er litt, daß er ihn an den Ohren zerrte und ihn in die Beine biß, ja, er legte sich vor ihm nieder und spielte den Überwundenen. Mary machte das solche Freude, daß sie die Frau ein Stück begleitete, um dem Spiel zuzusehen. Und sie wurde dafür belohnt; denn sie hörte warme Lobesworte über ihren Vater und einen Widerhall all dessen, was in diesen Tagen in der Umgegend gesprochen worden war und den Grund zu seinem Nachruhm legte.

Als sie mit dem Hunde, der jetzt sehr aufgekratzt war, wieder nach Hause ging, dachte sie: werde ich wohl Mutter ähnlich? Ist irgend etwas in mir, das bisher keinen Platz gehabt hat? Etwas Idyllisches?

Es warteten ihrer an diesem Tage zwei Dinge.

Das eine war ein Brief von Onkel Klaus, er nannte sie »Hochverehrtes, liebes Patenkind, Fräulein Mary Krog.«

Daß er ihr Pate war, hatte sie nicht geahnt. Das hatte ihr Vater ihr nie gesagt; wahrscheinlich wußte er es gar nicht.

Onkel Klaus schrieb:

»Es gibt Gefühle, die zu stark für Worte sind, zumal für geschriebene. Ich bin kein Held der Feder; ich nehme mir nur die Freiheit, Dir schriftlich mitzuteilen, – weil ich es mündlich nicht konnte, – daß ich an demselben Tage, da mein unvergeßlicher Freund, Dein Vater, starb, und Frau Dawes, Deine edle Pflegemutter, gleichfalls starb, und Du allein zurückbliebst, Dich, mein liebes Patenkind, zu meiner Erbin eingesetzt habe.

Mein Vermögen ist bei weitem nicht so groß, wie allgemein angenommen wird; ich habe auch in der letzten Zeit viel Pech gehabt. Aber es ist schließlich doch genug für uns beide, wenn Du Deinen Teil verwaltest und nicht Jörgen. Ich gehe nämlich davon aus, daß Ihr jetzt heiratet.

Seit vielen Jahren habe ich Frau Dawes' Testament bei mir liegen, wie ich auch ihr Geld in Verwaltung gehabt habe. Gestern habe ich das Testament geöffnet. Sie hat Dir alles vermacht, was sie besitzt. Es sind wohl an sechzigtausend Kronen. Aber es ist mit diesem Gelde ebenso bestellt wie mit dem Gelde Deines Vaters: es trägt zurzeit so gut wie keine Zinsen.

Dein Pate Klaus Krog.«

Mary antwortete sofort:

»Mein lieber Pate!

Dein Brief hat mich tief gerührt. Ich danke Dir von ganzem Herzen.

Aber Dein großes Geschenk darf ich nicht annehmen.

Jörgen ist doch Dein Pflegesohn, und ich möchte ihm in keiner Weise im Wege stehen.

Du darfst mir das nicht übelnehmen. Ich kann unmöglich anders handeln.

Über Frau Dawes' Testament werde ich später meine Bestimmungen treffen und sie Dir dann mitteilen.

Deine dankbare

Mary Krog.«

Als sie den Brief fertig hatte, hörte sie einen Wagen vorfahren. Gleich darauf wurde ihr eine Visitenkarte überbracht; darauf stand: Margrete Röy, cand. med.

Es dauerte eine Weile, bis sie hereinkam; sie hatte ihren Reisemantel abgenommen; es war ein kalter Tag. Das erhöhte Marys Spannung beträchtlich, so daß sie, als die hohe, kräftige Frauengestalt mit den guten Augen in der Tür stand, blaß wurde und zitterte. Sie merkte, was das auf die guten Augen für einen Eindruck machte, die jetzt ihr ganzes Mitgefühl über sie hinströmten. Als kennten sie beide sich seit vielen Jahren, ging Mary ihr entgegen, legte den Kopf an ihre Schulter und weinte. Margrete Röy zog das unglückliche Mädchen warm an ihre Brust.

Sie setzten sich. Sie wollte sich erkundigen, wann Mary ins Ausland gehe. Mary war sehr erstaunt: »Habe ich darüber mit jemandem gesprochen?« – Margrete Röy erklärte ihr, sie habe es von der Pflegerin erfahren. »Ach,« antwortete Mary, »was ich in dem Zustand gesagt habe, weiß ich nicht mehr. Ich habe jedenfalls nachher nicht wieder daran gedacht.«

»Also Sie wollen nicht fort?« Mary bedachte sich eine Weile. »Ich kann es wirklich noch nicht sagen. Soweit bin ich noch nicht wieder zu mir selbst gekommen.« Margrete Röy wurde verlegen. Das sah Mary, oder richtiger, sie fühlte es. »Wollen Sie etwa auch ins Ausland?« fragte sie. »Ja. Ich wollte hören, ob ich Ihnen irgendwie dienlich sein kann, dann wollte ich meine Reise nach Ihrer einrichten.« – »Wohin reisen Sie denn?« – »Ich reise im Interesse meines Studiums und fange mit Paris an. Die Pflegerin sagte mir, dahin wollten Sie auch«, fügte sie hinzu. Sie war ganz schüchtern geworden. Sie hatte Mary helfen wollen und kam sich nun aufdringlich vor. »Ich weiß, Sie meinen es gut«, antwortete Mary. »Es kann ja sein, daß ich von Paris gesprochen habe. Ich erinnere mich nicht. In Wirklichkeit habe ich noch nichts beschlossen.« – »Ja, dann müssen Sie schon verzeihen. Dann beruht alles auf einem Mißverständnis.« Fräulein Röy stand auf.

Mary hatte das Gefühl, sie müsse sie zurückhalten; aber sie hatte nicht die Kraft. Erst an der Tür vertrat sie Fräulein Röy den Weg. »Ich möchte in den nächsten Tagen einmal mit Ihnen sprechen, Fräulein Röy.« Sie sagte es sehr leise und blickte nicht auf. »Heute fühle ich mich nicht kräftig genug«, fügte sie hinzu. – »Das sehe ich. Das habe ich auch angenommen. Deshalb habe ich Ihnen etwas mitgebracht, wovon Sie vielleicht Gebrauch machen können. Es ist das beste Kräftigungsmittel, das ich kenne.«

Nein, wie sympathisch ihr ganzes Wesen Mary berührte. Sie dankte ihr herzlich.

»Wenn ich etwas gesunder bin, komme ich also.« – »Sie sollen mir willkommen sein.« – »Ja,« sagte Mary errötend, »es ist Ihnen doch nicht unangenehm, zu mir zu kommen?« – »In Ihr Haus am Markt?« fragte Margrete Röy; sie wurde auch rot. – »In unser Haus am Markt, ja. Aber ich kann wohl gar nicht mehr 'unser' sagen?« Ihr kamen wieder die Tränen. »Wenn Sie mich nur verständigen, komme ich hin.«

Acht Tage später kam sie.

In einem wütenden Novembersturm, wie man ihn schlimmer in jener Gegend nie erlebt hatte. Das Wasser war noch nicht zugefroren, so daß Dampfer verkehren konnten. Aber nur mit Not und Mühe. Und bei der Stadt mußten sie Halt machen.

Margrete Röy war höchlichst erstaunt, als sie an diesem Tage die Nachricht erhielt, sie möge in das Krogsche Haus am Markt kommen.

Sie kam in ein warmes behagliches Haus hinein und war doch gewohnt, es ausgestorben mit heruntergelassenen Vorhängen zu sehen. Sie wurde eine breite, altmodische Treppe hinaufgeführt; es war die ganze Stilart der alten Stadthäuser zu Beginn des vorigen Jahrhunderts.

Mary saß in einem roten Boudoir, das seit den Lebzeiten ihrer Mutter unverändert geblieben war. Sie saß auf dem Sofa unter einem großen Porträt der Mutter. Als sie aufstand in ihrem schwarzen Kleide, bleich und mit müden Augen unter dem roten Haar, da erschien sie Margrete Röy wie die Verkörperung des Schmerzes, die schönste, die man sich vorstellen konnte. Es lag eine Feiertagsruhe auf ihrem Wesen. Sie sprach so leise, wie der Sturm draußen es irgend gestattete.

»Ich fühle, Sie ehren das Leid eines anderen Menschen. Ich bin auch überzeugt, daß Sie verschwiegen sind.« – »Das bin ich.« – Es dauerte eine Weile, bis Mary sagte: »Was für ein Mensch ist Jörgen Thiis?« – »Was für ein Mensch er ist?«

»Aus verschiedenen Gründen nehme ich an, daß Sie mir das sagen können.« – »Da muß ich aber erst fragen: sind Sie nicht mit Jörgen Thiis verlobt?« – »Nein.« – »Man hat es gesagt.« – Mary schwieg. – »Ja, sind Sie denn auch nicht mit ihm verlobt gewesen?« – »Doch.« – Da sagte Margrete rasch und freudig: »Aber Sie haben die Verlobung aufgehoben?« – Mary nickte. – »Das wird manchem eine Freude bereiten; Jörgen Thiis ist Ihrer nicht würdig.« Das schien Mary nicht in Erstaunen zu setzen. »Sie wissen etwas?« fragte sie. – »Ein Frauenarzt, liebes Fräulein, weiß mehr, als er erzählen kann.« – »Aber ich glaube doch, er hat mich geliebt«, sagte Mary, um sich zu entschuldigen. – »Das haben wir alle gemerkt«, antwortete Margrete. »Er liebte Sie sicher mehr als je eine zuvor.« Und sie fügte hinzu: »Das war nicht zu verwundern ... Aber in Kristiania habe ich ein junges, süßes Mädel gekannt, die damals seine Einzige war! Sie war ganz aus dem Häuschen, und da sie sich nicht heiraten konnten, gab sie sich ihm hin.« – »Was tat sie?« Mary schrak auf; hatte sie recht gehört? Es stürmte draußen so sehr, daß man einander schwer verstehen konnte. Margrete wiederholte deutlich und mit Betonung: »Sie war ein warmherziges Ding und glaubte, sie sei wirklich seine Einzige.« – »Sie konnten sich nicht heiraten?« – »Sie konnten sich nicht heiraten. Da gab sie sich ihm hin.«

Mary fuhr in die Höhe, blieb aber stehen. Sie hatte etwas sagen wollen, hielt aber inne.

»Erschrecken Sie nicht so, Fräulein Krog, das ist nichts Seltenes.« Bei dieser Auslegung war es Mary, als sinke sie in eine tiefere Klasse herab. Sie setzte sich langsam wieder hin. »Sie haben gewiß in solchen Dingen gar keine Lebenserfahrung, Fräulein Krog.« – Mary schüttelte den Kopf. – »Dann wundert es mich, daß Sie beizeiten von Jörgen Thiis losgekommen sind; der hat Routine.« – Mary antwortete nicht. »Wir nahmen an, Sie würden noch vor dem Herbst heiraten. Besonders als Ihr Vater und Frau Dawes krank wurden.« – »Das wollten wir auch, aber es stellte sich als unmöglich heraus.«

Margrete konnte nicht ergründen, was hinter dieser rätselhaften Antwort steckte. Aber sie sagte mit forschenden Augen: »Da wuchs wohl seine Begierde ganz bedeutend?« – Es bebte in Mary, aber sie zwang es nieder. »Sie scheinen ihn zu kennen?« – Margrete bedachte sich eine Weile: »Ja,« sagte sie, »ich bin ja älter als Sie, – auch älter als er. Aber – zu meiner Schande sei's gesagt, – in Kristiania vergaffte ich mich auch in ihn. Das merkte er – und versuchte sein Heil.« Sie lachte.

Mary wurde bleich, sie erhob sich und trat ans Fenster. Draußen peitschten Sturm und Regen mit wachsender Gewalt gegen die Scheiben; sie mußten jetzt ganz laut sprechen. Mary stand eine Weile und blickte in das Unwetter hinaus, kam dann zurück und stellte sich aufgeregt und unruhig vor Margrete hin.

»Wollen Sie mir versprechen: niemals einem Menschen zu sagen, worüber wir heute geredet haben? – Unter keinen Umständen?« – Margrete sah sie verwundert an: »Ich soll niemandem erzählen, daß Sie mich nach Jörgen Thiis gefragt haben?« – »Ich wünsche absolut, daß keiner es erfährt.« – »Auf wen geht das?« – Mary sah sie an: »Auf wen das geht?« Sie verstand die Frage nicht. Margrete aber stand auf: »Ein Mensch kam eigens in diese Stadt, um Ihnen zu sagen, daß Jörgen Thiis Ihrer nicht würdig sei. Er kam zu spät. Aber mir scheint, er verdient zu erfahren, daß Sie jetzt selbst dahintergekommen sind, was für ein Mensch Jörgen Thiis ist.« – Mary antwortete eifrig: »Dem sagen Sie's! Dem können Sie es sagen. – So ist er deshalb gekommen?« fügte sie langsam hinzu. »Es ist mir lieb, daß Sie mir das gesagt haben! Mein zweites Anliegen war nämlich ... (sie hielt einen Augenblick inne); das zweite, was ich Ihnen zu sagen hatte, war ... Sie sollen Ihren Bruder grüßen. Von mir.« – »Das will ich tun. Und ich danke Ihnen dafür! Sie wissen, was Sie meinem Bruder sind.« Marys Augen wichen ihr aus. Sie kämpfte eine Weile mit sich. »Ich bin eine von den Unglücklichen,« sagte sie, »die ihr eigenes Leben nicht ins Lot bringen können, – nicht das, was geschehen ist. Ich kann den Faden nicht finden. Aber mir ist, als wenn Ihr Bruder Anteil daran habe.« – Sie wollte wohl noch mehr sagen, vermochte es aber nicht. Sie trat statt dessen wieder ans Fenster und blieb da stehen. Das Unwetter draußen drang mit tausendstimmiger Wut ins Zimmer. Es schrie förmlich nach ihr. »Herrgott, was für ein Wetter«, sagte Margrete mit lauter Stimme. »Ich freue mich, in das Wetter hinauszukommen«, sagte Mary, indem sie sich mit leuchtenden Augen umwandte. »Sie wollen in diesem Wetter hinaus?« rief Margrete. »Ich will nach Hause gehen!« antwortete Mary. »Noch obendrein gehen?!« Mary kam heran und stellte sich vor sie hin, als wolle sie etwas Gewaltiges, Ungestümes sagen. Sie hielt freilich inne; aber das Unausgesprochene stürmte empor in ihre Augen, in ihr Gesicht, in ihre Brust, daß sie die Arme in die Luft reckte und mit einem lauten Aufstöhnen auf das Sofa ihrer Mutter niedersank. Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.

Da kniete Margrete vor ihr hin. Mary ließ sich umarmen und wie ein müdes krankes Kind an ihre Brust ziehen. Auch das Weinen brach rührend und hilflos wie das Weinen eines Kindes aus ihr hervor; ihr Kopf sank auf die Schulter der Freundin.

Nur einen Augenblick. Dann richtete sie sich mit einem Ruck empor. Denn Margrete hatte ihr zugeflüstert: »Ihnen fehlt etwas. Sagen Sie es mir!«

Kein Wort als Antwort. Da wagte Margrete nichts mehr zu sagen. Sie stand auf; sie fühlte, hier war nichts mehr für sie zu tun.

Mary tat auch nichts, um sie zurückzuhalten. Sie war auch aufgestanden, und so sagten die beiden sich Lebewohl.

Aber als Margrete an der Tür stand, konnte sie doch nicht umhin, noch einmal zu fragen: »Wollen Sie wirklich hinaus –?« Mary nickte, als wolle sie sagen: »Genug davon! Das ist meine Sache.«

Da ging Margrete.

Die Laternen brannten schon, als Mary vor ihrem Hause stand. Sie konnte sich bei den Windstößen nur mühsam aufrechthalten, die sich von Südwesten her zwischen den Häusern durchpreßten. Sie hatte einen wetterfesten Mantel um mit einer Kapuze und hohe, gut schließende, wasserdichte Stiefel. Sie ging so rasch sie konnte. Eine einzige Vorstellung war von dem Gespräch mit Margrete Röy in ihr zurückgeblieben. Aber die jagte sie vorwärts, die peitschte ihr mit dem Regen zusammen in den Rücken: – Margretes entsetzte Augen und ihr bleiches Gesicht, als sie gesagt hatte: »Ihnen fehlt etwas? Sagen Sie's mir!« Himmlischer Vater, sie wußte es! So würden alle sie ansehen, wenn sie es erfuhren! So tief hatte sie die Leute enttäuscht und gekränkt in ihrem Glauben an sie. Ihr war's, als seien sie alle hinter ihr her, als fliehe sie vor ihnen. Vor dem Krähenschwarm! Sie stürmte dahin und war außerhalb der Stadt, ehe sie selbst es merkte. Hier draußen, wo keine Laternen mehr standen, war es stockfinster; sie mußte eine Weile stillstehen, bis sie den Weg sehen konnte. Aber dann ging's erst recht vorwärts! Sie hatte den Orkan halb von hinten, halb von der Seite.

Das war der Richterspruch, der sie aus Land und Reich verjagte! Der sie noch weitertrieb! Ihr war's von der ersten Stunde an, da ihr Klarheit wurde über ihre Lage, gewesen, als habe sie ein Paket geschenkt bekommen, das sie bis jetzt nicht aufgemacht hatte. Sie hatte die ganze Zeit über geahnt, was darin war; aber eigentlich hatte sie es erst gestern aufgemacht. In dem Paket war ein großer schwarzer Schleier, in den sie sich und ihre Schande einhüllen konnte, der Schleier des Todes. Aber auch der Schleier wurde ihr nur bedingungsweise geschenkt. Unter einer Bedingung, die sie von Kind auf kannte. Damals war ihr die Geschichte einer Großtante erzählt worden, die es hatte verheimlichen wollen, daß sie während der Abwesenheit des Mannes schwanger geworden und deshalb heimlich Abend für Abend mit bloßen Füßen auf dem eiskalten Fußboden umhergelaufen war. Sie hatte den natürlichen Tod sterben wollen, der die Folge davon sein mußte. Dann wüßte keiner, daß sie sich das Leben genommen habe, und das Warum kam nicht heraus.

Aber irgendeiner hatte sie Nacht für Nacht so auf und ab gehen hören; daher kam es doch heraus.

Das wollte sie jetzt besser machen!

Die Schwäche, die vor Margrete so unerwartet über sie gekommen, war völlig geschwunden. Jetzt hatte sie Kraft zu ihrem Vorhaben.

Als solle ihr Mut sofort auf die Probe gestellt werden, tauchte neben ihr etwas Schattenhaftes auf. Es trat ungeahnt aus dem Dunkel hervor und so beängstigend nahe, daß sie zu laufen anfing. Das Entsetzen, als sie durch das Toben der Elemente zu hören meinte, es komme hinter ihr hergelaufen! Da fand sie ihre Fassung wieder und blieb stehen. Da blieb das hinter ihr auch stehen. Sie ging weiter; da ging das Schattenhafte auch weiter. Nein, dachte sie: wenn ich nicht den Mut habe, dieser Sache auf den Grund zu gehen, so habe ich auch den Mut nicht zu dem andern. Damit drehte sie sich um und ging direkt auf das Ungeheuer zu, das sie verfolgte: es wieherte gutmütig, – es war ein junges Pferd. Es war gesattelt und suchte in seiner Verlassenheit den Menschen. Sie streichelte es und sprach mit ihm. Es war doch ein Gruß des Lebens, ein Verlassener, der eine Verzweifelte tröstete. Aber als es weiter mitging, lieferte sie es auf dem nächsten Bauernhof ab. Sie mußte allein sein. Die Leute waren höchlichst erstaunt. Daß jemand in dem Wetter draußen war, und noch dazu eine Frau! Sie floh hastig aus der Helle wieder ins Dunkel hinaus.

Das kleine Ereignis hatte sie gestärkt; sie wußte jetzt, daß sie Mut hatte. Und rasch schritt sie vorwärts.

Sie mußte jetzt über den ersten Hügel, den der Weg durchquerte. Ob es wirklich so war, oder ob es ihr nur so schien: der Sturm nahm beständig zu. Er mußte doch bald seinen Höhepunkt erreicht haben. Aber für sie lag all ihr eigener Jammer und ihre Schande darin. Gerade das gab ihr Kraft. Nicht vor dem Tode hatte sie Furcht, – nur vor dem Leben.

Im Weiterschreiten durchdachte sie alles noch einmal. Sie wollte ihr Kind nicht verraten, nicht sich selbst retten, indem sie das Kind töten ließ. Es nicht zu fremden Leuten geben und dann verleugnen. Nicht leben ohne Selbstachtung.

Wenn ein Bewerber käme – und sicher kämen jetzt genau so viele wie früher! – sollte sie es ihm dann gestehen? Oder schamlos verschweigen? Es gab nur eins, was sie mit Ehren tun konnte: mit ihrem Kinde zusammen untergehen. Zu nichts anderem fühlte sie sich fähig. Aber das mußte so geschehen, daß keiner etwas merke. Sie mußte an einer Krankheit sterben; also hieß es, sich diese Todeskrankheit zuzuziehen.

Das war sie sich selber schuldig. Denn sie war sich heute genau so sicher wie an jenem Abend, als sie zu Jörgen hineinging, daß sie nicht deswegen unglücklich zu werden verdiene.

Es war ein ungeheurer Irrtum, ja; – aber daran war sie unschuldig. Es war gewiß auch stark mit Naturtrieb verquickt gewesen, – trotzdem war es eine Handlung, deren sie sich nicht schämte. Sie war es sich selber schuldig, mit dem unverkürzten Mitgefühl aller zu sterben, die sie je gekannt hatte. Sie war das auch denen die in ihr die erste von allen gesehen hatten. Sie hatte nicht illoyal den Glauben dieser Menschen an sich aufs Spiel gesetzt.

Jetzt war sie vorn auf der Landzunge, und der fürchterliche Kampf, der hier begann, wurde unversehens zu einem Kampf um dies eine. Es war, als wollten alle Mächte der Welt ihr die Selbstachtung entreißen und sie verdammen. Hier war offnes Meer und meilenweit her rollten die Wogen in wachsender Empörung heran. Wenn sie dann am Felsen anprallten, sprühten sie meterhoch auf. Die allerhöchsten kamen mit den letzten, schneidenden Spritzern bis zu ihr hinauf. »Da hast Du's! Da hast Du's!« Und der Sturm, der gegen die zerrissene Felsenkante anraste, wollte sie durch die Macht des Luftdrucks herunterreißen. Obschon der Regenmantel die Kleider gut zusammenhielt, war's doch, als wolle der Sturm sie ihr vom Leibe herunterziehen: »Steh nackt in Deiner Schande, in Deiner Schande!«

Aber das rasende Schäumen der Wogen schüchterte sie nicht ein, sich schuldig zu fühlen, auch der Sturm konnte sie nicht bis an die Eisenstange treiben und vielleicht gar hinüber. Sie bückte sich, ja sie mußte bei den schlimmsten Stößen stillstehen; aber dann ging's wieder weiter, und sie hielt ihren Weg ein. »Ich gebe meinen Ehrenkranz nicht her, – ich will mit ihm sterben! Deshalb sollt _ihr_ mich nicht haben!«

Sie gelangte glücklich um die Spitze herum und auf die andere Seite und von dort in die Ebene zwischen diesem Hügel und dem nächsten. Hier war einmal ein Bergrutsch den Hang hinunter gegangen und unten lag das Geröll, über das jetzt der Weg führte. In diesem verwitternden Geröll stand ganz allein dicht am Wege eine einzige schwanke Birke. An die Birke dachte sie, als sie gerade an die Stelle kam; bei solchem Sturm mußte sie doch gebrochen sein? Nein, sie stand. Mary blieb daneben stehen und holte tief Atem. Die Birke beugte sich, daß Mary jeden Augenblick dachte: jetzt bricht sie; aber sie schnellte elastisch wieder in die Höhe. Sie selbst konnte sich nicht lange an dieser Stelle halten, so entsetzlich scharf pfiff der Orkan gerade hier um die Ecke; die junge Birke aber, die so hoch emporragte und eine so üppige Krone hatte und selbst so zart und schwach war, die stand stolz da, ganz aus eigener Kraft; an ihr prallte alles ab.

Sie wollte den Gedanken ausspinnen, als sie weiterging und in die Ebene einbog. Aber gerade hier bekam der Sturm die Macht, ihr den Regen ins Gesicht zu peitschen; jeder Tropfen war wie eine scharfe Nadel. Ach nein, dachte sie, solch Gefühl wäre es, wenn ich versuchte, dem Sturm zu trotzen, der meiner harrt.

Die Lichter auf den Höfen, das einzige, was sie sah, verkündeten Frieden. Aber sie wußte, was der Friede ihr bringen werde.

Sie schritt auf dem Wege an der Bucht entlang weiter; aber sie wurde allmählich müde. Sie merkte es daran, daß die Bilder überhand nahmen; die Wirklichkeit verschwand hinter Bildern. Alte Vorstellungen aus Büchern. Als sie auf die zweite Landzunge zustrebte, war das Meer, das hier wieder offen vor ihr lag, gar kein Meer, sondern lauter Seeungeheuer, die mit aufgesperrtem Rachen vor Begierde brüllten, hunderte und aber hunderte. Und die rasenden Raubtiere in der Luft mit den grausigen Schwingen hatten denen da unten versprochen, Mary ihnen zuzuwerfen. Sie hielt sich mit ihrer letzten Kraft an der Felswand fest; aber jetzt kam ein Graben, sie fiel hinein und durchnäßte ganz. Es sind also noch mehr Feinde da, dachte sie und krabbelte wieder heraus. Glücklicherweise war die Landzunge schmal; bald war sie an der Biegung nach der nächsten breiten Ebene. Dann kam nur noch ein Berg. Nicht um das Leben zu retten, wollte sie nicht hinausgeschleudert werden, nur um die Ehre zu retten. Fand man sie in der See oder war sie ganz verschwunden, so würden alle sagen, sie habe den Tod gesucht – und dann auch nach dem Grunde forschen.

Jetzt aber hörte sie durch die Dunkelheit den alten Finnenhund bellen. Ganz nahebei. Sie war schneller gegangen, als sie gedacht hatte, sie war ja schon beim Nachbargehöft, Jetzt sah sie auch die Lichter.

Schon der Gedanke, einem Wesen zu begegnen, das an ihr hing, bewegte sie. Sie liebte das Leben. Sie glaubte selbst nicht mehr, daß sie so untauglich zum Leben sei. Als diese wohlbekannte Stimme aus dem Dunkel nach ihr rief, war ihr zumut, wie einem Schiffbrüchigen, der am Ufer Menschen sieht.

Als sie über das Gehöft ging, verließ der Hund seinen Posten und kam kläffend, schweifwedelnd und triefend heran, um sich seine Begrüßung zu holen. Sie strich ihm dreimal zum Abschied über den Kopf und eilte weiter. Kurz darauf hörte sie ihn wieder bellen, aber anders, viel heftiger. Sie mußte unwillkürlich an Jörgen denken. Wie überhaupt auf dieser ganzen letzten Wegstrecke, die sonst nur ihrem Vater geweiht gewesen war. Wie hundertmal war sie hier von klein auf mit ihrem Vater gegangen und geradelt. Jetzt war auch das von Jörgen verschandelt. Sie konnte hier nicht mehr ohne ihn gehen. Keinen Schritt in ihrem Leben mehr ohne ihn.

Sie blickte unwillkürlich nach oben, aber Himmel war nicht zu sehen.

Ganz erschöpft rüstete sie sich, den letzten Hügelrücken zu überschreiten. Sie passierte ihn gedankenlos, ohne das Gefühl, daß es das letztemal war; aber auch ohne Bangen.

Das, worauf sie jetzt geradenwegs zuging, stand so fest in ihren Gedanken wie der Weg unter ihren Füßen. Der führte über die Feldmark von Krogskog auf die Landungsbrücke. Es war so finster, daß ihre Augen, die sich jetzt doch an die Dunkelheit gewöhnt hatten, die weißen Mauern der Kapelle erst dicht an der Landungsbrücke wahrnahmen. Ihre Gedanken schweiften hinüber zu den Gräbern auf dem Kirchhof; aber gleich kamen sie zurück, um sich zu sammeln für das Ziel ihrer Wanderung. Ohne Zögern setzte sie den Fuß auf die Brücke und ging hinunter. Hier dräute kein Orkan, hier peitschte ihr kein Regen ins Gesicht; die beiden waren zu freundlich gesinnten Mächten geworden, sowie sie den Boden von Krogskog betreten hatte. Die Höhen und die Inseln boten hier Schutz. Unter andern Umständen hätte sie eine Erleichterung gefühlt, und vielleicht den Frieden in dem heimischen Hafen empfunden, – jetzt war jeder Gedanke abgestumpft. Ganz mechanisch eilte sie weiter. Mechanisch machte sie ein paar Knöpfe ihres Regenmantels auf, um den Schlüssel herauszuholen; mechanisch steckte sie ihn ins Schloß und öffnete die Badehaustür. Erst als sie drinnen stand in der Stockfinsternis, kam sie zum Bewußtsein und erschrak. Der Südwestwind, der hier noch übrig geblieben war, schlug die Tür zu, da schauderte sie zusammen. Es war, als sei sie nicht allein.

Sie mußte sich jetzt ausziehen und die Treppe hinuntersteigen, um eiskalt zu werden. Eis-eiskalt! Dann sich wieder anziehen und nach Hause gehen zum Fieber und zu den andern Dingen, die hinterher kamen. Hätte das Fieber die erwartete Wirkung nicht, dann hatte sie etwas, was nachhalf. Sie hatte es bei Frau Dawes in einem Fach gefunden. Dann träfe das Fieber die Schuld.

Aber nun, da sie mit dem Ausziehen anfangen wollte, war's, als krampfe sich alles in ihr zusammen, und eine Gänsehaut überlief sie. Vor dem Wasser, vor dem eiskalten Wasser, in das sie hineinmußte, hatte sie Angst. Huh, hier dicht bei war gewiß schon Eis. Sie mußte mit den nackten Füßen das Eis betreten! Sie wollte doch auf jeden Fall die Strümpfe anbehalten; die konnte sie nachher trocknen, damit keiner Verdacht schöpfe. Aber das eis-eiskalte Wasser ... wenn sie einen Herzkrampf bekäme? Nein, sie wollte sich bewegen, wollte schwimmen. Aber wenn sie sich am Eise schnitt, wenn sie wieder herauswollte? Sie mußte auch die Unterkleider anbehalten. Aber würden die bis zum nächsten Morgen trocknen? O doch, wenn sie sie an den Ofen hing. Sie mußte zuriegeln, damit alles in Ordnung war, wenn das Mädchen hereinkam. Wenn sie dann nur noch bei Bewußtsein war! Sie war nie krank gewesen; sie wußte nicht Bescheid damit.

Als sie in diese langen Überlegungen verfiel, hatte sie den Regenmantel aufgeknöpft. Nun, da sie die Kapuze abnehmen mußte, geschah das Unerwartete, daß sie ganz unwillkürlich statt dessen mit dem Kleide anfing und es oben am Halse aufknöpfte, wo das Medaillon ihrer Mutter hing. Da zitterten ihr die Hände, und auch ihren Körper überlief ein Beben. Sie hatte nicht an das Medaillon gedacht; nein, viele Jahre nicht, auch jetzt dachte sie nicht daran; daher rührte das Zittern nicht. Aber das Medaillon kam sozusagen bei dem Zittern nach oben. Sie mußte es jetzt doch abnehmen. Wenn sie es nur nicht vergäße! Nein, sie wollte es gleich in die Tasche stecken.

– So! –

Da kam ein neues Grauen. Ganz deutlich hörte sie feste Schritte auf der Landungsbrücke, die näher und näher kamen. Das Zittern hörte auf; instinktiv knöpfte sie erst das Kleid am Halse wieder zu, dann ganz, ganz schnell auch den Mantel. Wer hatte hier etwas zu tun? Im Badehause keinesfalls.

Doch just hierher kam es! Ein fester Griff, die Tür flog auf, eine mächtige Gestalt im Wettermantel stand im Rahmen; der Kopf mit der Kapuze ragte über die Türöffnung weg. Eine elektrische Taschenlaterne leuchtete ihr gerade ins Gesicht, sie stieß einen heftigen Schrei aus, – es war Franz Röy.

Da überkam sie eine Ohnmacht, daß sie dem Umsinken nahe war; aber sie wurde umschlungen und hinausgetragen, alles in einem Nu. Sie hörte die Tür ins Schloß schnappen; sie wurde auf den Arm genommen und fortgetragen. Kein einziges Wort konnte sie sagen; auch er sagte nichts.

Aber am Ende der Landungsbrücke kam sie wieder zu sich; das merkte er. Bald hörte er denn auch: »Das ist Gewalt!« Keine Antwort. Gleich darauf ein heftiger Versuch, sich loszumachen, und wieder klang's nur lauter und lebhafter: »Das ist Gewalt!« – Keine Antwort. Er schlang nur den andern Arm zärtlich um sie. Sie fragte heftig: »Wie kommt es, daß Sie hier sind?« – Da antwortete er: »Meine Schwester!«

Die Stimme, diese Stimme legte sich zärtlich um sie. Aber sie wehrte sich dagegen: »Wenn Ihre Schwester es gut mit mir meint und Sie auch, dann lassen Sie mich los!« Er ging weiter: »Lassen Sie mich los, sag' ich! Das ist unwürdig!« Sie riß sich so heftig von ihm los, daß er sie anders fassen mußte, aber auf seinem Arm blieb sie. Mit tränenerstickter Stimme sagte sie: »Ich lass' es mir von keinem Menschen gefallen, daß er über mich bestimmt.« Da antwortete er: »Sie mögen sich losreißen, soviel Sie wollen, – ich trage Sie nach Hause. Wollen Sie mir nicht gehorchen, so lasse ich Sie überwachen!« Die Worte legten sich wie ein eiserner Reifen um sie; sie wurde ganz still: »Sie lassen mich bewachen?« – »Das tu' ich; denn Sie sind Ihrer selbst nicht mächtig.«

Etwas Törichteres hatte sie in ihrem ganzen Leben nicht gehört. Aber sie wollte mit ihm nicht darüber disputieren. Sie antwortete nur: »Und Sie meinen, das habe einen Zweck?« – »Das meine ich. Wenn Sie sehen, wir wollen alles für Sie tun, was in unserer Macht steht, dann geben Sie nach, denn sie haben ein so gutes Herz.« Sie schwieg eine Weile, dann sagte sie: »Ich kann keine Hilfe von einem Menschen annehmen, der nicht die rechte Achtung vor mir hat,« – sie fing zu weinen an.

Da blieb Franz Röy stehen und blickte, so gut er konnte, unter seiner Kapuze zu ihr auf. »Ich nicht die rechte Achtung vor Ihnen?! Meinen Sie, dann trüge ich Sie? Für mich sind Sie das Feinste, das Schönste, was ich kenne. Darum trage ich Sie. Sie mögen getan haben, was Sie wollen – ich weiß, Sie haben es aus dem vornehmsten Gefühl heraus getan; anders können Sie nicht handeln! Sind Sie betrogen, haben Sie sich furchtbar geirrt, – so liebe ich Sie nur noch mehr – jetzt ist es gesagt! – dann sind Sie doch ja auch unglücklich, meine ich! Dann kann ich Ihnen vielleicht doch irgendetwas sein. Das wäre das schönste, was mir geschehen kann. Ich will Sie verlassen, wenn Sie es absolut wünschen. Ich will mit Ihnen zum Altar gehen, wenn Sie soviel Zutrauen zu mir haben. Ich will den Schuft totschlagen, wenn Ihnen damit gedient ist. Ich will alles tun, was Sie wollen, wenn Sie nur glücklich dadurch werden. Denn das ist für mich das schönste.«

Er hielt inne, fing aber wieder an:

»Ich habe nicht geglaubt, daß ein Mensch soviel Qual ertragen kann, wie ich empfunden habe, als ich heute abend hinter Ihnen herging. Hier stürzt sie sich hinunter, dachte ich. Dann muß ich mich auch hinunterstürzen. Bei diesem Unwetter bedeutet das sicher für uns beide den Tod; aber das hilft nichts. Das war's auch nicht, was mich peinigte. Nein, nur daß Sie so unglücklich, so verzweifelt waren. Daß Sie sich für unwürdig des Lebens halten konnten. Sie, die um keinen Preis der Welt je etwas Unwürdiges tun konnte. Nie, niemals bin ich einem Menschen begegnet, dessen ich mir in dieser Beziehung sicherer war. Und doch konnte ich Ihnen das nicht sagen. Und durfte Ihnen nicht helfen. Ich kannte Sie, – ich getraute mich nicht in Ihre Nähe.

Aber nun habe ich Sie doch gerettet. Denn Sie können nicht sterben wollen, jetzt, nachdem Sie mich angehört haben. Oder doch?« Er hatte sie schluchzen hören; er hatte gefühlt, wie sie ihre Arme um seinen Hals schlang, daß sie seine Worte fast erstickte. Jetzt ließ er sie langsam zu Boden gleiten. Aber der Arm, den sie ihm um den Hals gelegt hatte, löste sich nicht. Als sie auf der Erde stand, legte sie auch den andern Arm um seinen Hals und barg leise schluchzend ihr Gesicht an seiner Brust; ihr Herz schlug an seinem den Takt dazu, den raschen Takt der Freude. –

– Oben auf dem Hof hatten sie telephonisch Nachricht bekommen, das gnädige Fräulein sei unterwegs in dem schlimmsten Wetter, das je dagewesen sei. Aus dem Stadthause wurde immer und immer wieder angefragt, ob sie noch nicht da sei.

Das kleine Mädchen war schon mehrmals mit dem Hunde draußen auf der Treppe gewesen, ohne daß der Hund gebellt hätte. Diesmal aber bellte er, – mehr noch, er setzte im Galopp davon.

Im Hause war man in der denkbar größten Aufregung. Keiner fand etwas Sonderbares darin, daß Unglück und Verzweiflung sie in Wetter und Sturm hinausgetrieben hatten. Sie bedurfte dessen! Sie sehnte sich danach, ihr Leben aufs Spiel zu setzen; sie legte keinen Wert mehr darauf. Als jetzt das kleine Mädchen hereingestürmt kam: »Sie ist da! Sie ist da!« weinten sie alle vor Freude. Sie hatten schon längst warme Zimmer und warmes Essen bereit. Nun legten sie noch ein Gedeck auf, denn Nanna kam wieder hereingestürmt und berichtete, sie sei nicht allein; die Kleine hatte einen Mann reden hören. Da sei gewiß Jörgen Thiis endlich gekommen! meinten sie. »Nein, es war nicht seine Stimme. Es war doch eine richtige Männerstimme!«

Die Freude des Hundes, als er sie sah, kannte keine Grenzen. Er winselte, er kläffte, er sprang ihr direkt ins Gesicht und wollte gar nicht aufhören. Als Franz Röy mit ihm sprach, begrüßte er ihn wie einen alten Bekannten, wandte sich aber gleich wieder Mary zu. Das kleine zottige Wesen sprühte förmlich Feuer. Es verkörperte die Freude der Heimat, sie gesund wiederzusehen. Ein Grüßen der Toten und der Lebenden. Das war ihre Empfindung. Sie dachte, vielleicht sei er auch ein Vorspiel zu ihrer eigenen wiedererwachenden Freude, wenn sie einmal das ausgestandene Grauen ganz los werden konnte.

Als sie mit dem Hunde hineinkam, der wie toll vor Freude war, da standen die sämtlichen drei Mädchen da, und die Kleine hinter ihnen. Sie hielten in ihrem Freudenausbruch inne, als sie den riesigen Menschen hinter ihr heraufkommen sahen; denn in seinem Wettermantel hatte Franz Röy etwas Übernatürliches. Aber nur einen Augenblick, dann riefen sie: »Nein, daß gnädiges Fräulein bei solchem Wetter draußen sind! Wie haben wir uns geängstigt. Die Verwalterin im Stadthause verständigte uns! Im Dorf ist Feuer. Alle Mannsleute sind da. Wir hätten sonst Hilfe geschickt. Gott sei Dank, daß Sie wieder da sind!«

Mary verbarg ihre Rührung, indem sie schnell nach oben ging. Sie kam in ihr warmes Zimmer, wo die Lampe schon angezündet war.

»Ist all diese Liebe und Fürsorge neu? Oder habe ich sie früher nur nicht beachtet?«

Der Hund winselte solange vor der Tür, bis sie ihn einließ. Seine Dankbarkeit war so aufdringlich, daß sie sich nur mit Mühe umziehen konnte. Besonders schwierig wurde es, als sie die Strümpfe wechselte.

Schließlich machte sie sich das Haar zurecht, da fiel ihr das Medaillon ihrer Mutter ein; sie holte es wieder hervor und band es um den Hals. Sie schaute es an – zum erstenmal nach langen Jahren – und drückte und küßte es. Darauf steckte sie ein Licht an und ging damit über den Flur in ihres Vaters Zimmer. Sie setzte das Licht hin, beugte sich über sein Bett und drückte einen Kuß auf sein Kopfkissen. Dann wieder hinaus; aber vor der Tür des Fremdenzimmers stand sie still. »Hier soll er schlafen, damit es morgen wieder geöffnet werden kann. Dann ist alles Häßliche weg!« Zu dem Mädchen, das gerade nach oben kam, sagte sie, das Fremdenzimmer müsse geheizt werden. Das sei schon geschehen, antwortete das Mädchen. »Darf ich Fräuleins Lampe hineinstellen?« Sie bekam sie. Mary stand und sah ihr nach. Waren sie wirklich immer so gewesen?

Das Mädchen blieb im Zimmer, um alles zurecht zu machen. Sie selbst ging auf die Treppe zu. Da blieb sie wieder stehen. Der Hund, der schon unten gewesen war, kam winselnd wieder herauf. Er wollte sie nicht wieder verlieren. Sie streichelte ihn voll Dankbarkeit; das war gewissermaßen eine kleine Abzahlung auf das große Dankgefühl, das sie jetzt ganz erfüllte. »Morgen – heute bin ich zu müde – morgen sage ich Franz Röy alles. Alles, was mir geschehen ist. Alles! Dann finde ich mich vielleicht selbst auch heraus.« Mit diesem stolzen Vorsatz ging sie die Treppe hinunter, stand aber still, ehe sie unten angelangt war. »Seltsam! Ganz seltsam! Mir ist, als könnte ich es der ganzen Welt sagen.«

Der Hund stand vor der Tür zu dem holländischen Zimmer; da witterte er Franz Röy.

Sie ging und machte die Tür auf. Aber kaum stand sie selbst auf der Schwelle, da rief Franz Röy, als sei es ihm schwer gefallen, solange zu schweigen: »Gott im Himmel, ist das hier schön!« Als er den Hund neben ihr sah, fügte er hinzu: »Und wie lieb man Sie hier haben muß!« Sein Gesicht leuchtete.

»In Uniform?« fragte sie. – »Ja, ich bin nämlich direkt von einer großen Hochzeit fortgeholt worden!« Er lachte.

Das brachte sie auf einen Gedanken. Während der Hund an ihrem Kleide riß und zerrte, blickte sie fröhlich zu Franz Röy auf: »Hier auf Krogskog hat früher schon einmal ein General vom Geniekorps gelebt.« –

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