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Martin Salander

Gottfried Keller: Martin Salander - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleMartin Salander
authorGottfried Keller
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin-Leipzig
titleMartin Salander
pages1-304
created20020922
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1886
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6

Die Zeit floß ruhig über die Schicksale hin oder sie trug sie vielmehr unvermerkt, und so saß auch nach drei Jahren Frau Marie wirklich in ihrem Schreibstübchen und verzeichnete im Buch eine Anzahl Kaffeesäcke, welche der Fuhrmann abgeladen und ein rüstiger Arbeitsmann in das Magazin trug, worauf er wieder an das Verpacken von Zigarren ging; es war eine beliebte neue Sorte, die Martin Salander von den Kolonien sandte und zum Teil selber pflanzen ließ, da er eigens dazu Land gekauft hatte. Auch eine Dienstmagd erschien, die Frau wegen des Abendessens zu befragen; sie erhielt die Weisung, man wolle einmal von dem Paraguay-Tee kosten, welchen Herr Salander versuchsweise geschickt habe, ob er wohl Abnehmer finde. Hierauf brachte ein Landkrämer das Geld für einen Sack Kaffee und bestellte einen neuen, während ein Herr kam, der sich ein Probekistchen von den Zigarren ausbat, von denen er gehört.

Der Postfaktor kam, eine Mandatsumme auszuzahlen, und endlich kehrten die Mädchen aus der Sekundarschule, die sie besuchten, nach Hause, und das ältere, Setti, wurde sofort mit den eingegangenen Geldern auf die Bank geschickt, wo das kleine Handelshaus im Kontokorrentverkehr stand. Dieses gleiche Mädchen, das seinem sechzehnten Jahre entgegenging, erhob bereits den Anspruch, auf nächste Ostern bei der Mutter als »Buchhalterin« einzutreten. Der Rechnungslehrer hatte gesagt, sie addiere wie ein Maikäfer.

Da es Herbstzeit war, so wurde es früh Abend; Frau Salander zahlte ihrem Arbeitsmann den Tagelohn aus und entließ ihn für heute. Zuletzt kam Arnold vom Turnplatz heim, ordentlich gestreckt, und so sah die Mutter bald ihre Kinder beim Scheine der alten Lampe um sich versammelt. Sie erfreuten sich des einfachen Abendbrotes, welches die Magd mit ihnen teilte, und alles war zufrieden, bis Setti, die künftige Buchhalterin, eine Streitfrage aufwarf, indem sie die Vermutung aussprach, sie werde im Geschäft eine Brille tragen müssen.

»Warum nicht gar!« rief die Magd entrüstet, »es wäre ewig schad' um dein Gesicht, du würdest aussehen wie unser alter Gemeindeschreiber, wo ich her bin!«

»Viele höhere Berufsdamen, und von den besten, tragen Brillen!« versetzte das Mädchen mit überlegener Ruhe, und Netti stimmte ihr bei, mit dem Zusatze, daß es eine blaue sein müsse, das stehe schöner.

»Nimm eine rote Brille, dann siehst du das Feuer im Elsaß!« sagte plötzlich der still-gelassene Arnold. Diesen sah die Mutter groß an, fast erschreckt.

»Seit wann machst du Witze, Arnold?«

Verblüfft schaute er die Mutter an, denn er wußte nicht, was sie meinte und was er Übles getan habe.

Die Magd lachte. Recht habe der Arnold, behauptete sie. Frau Marie aber faßte sich zusammen von der kleinen Verwirrung, in die sie geraten, als sie entdeckte, daß der Knabe zu Worten kam. Dem Elternsinne erscheint es schon merkwürdig, wenn die Kinder ein Sprichwort zum ersten Male gebrauchen.

Es zog jemand die Klingel, eines der Mädchen lief und brachte ein Telegramm herein, das von Basel kam und von Martin Salander aufgegeben war: »Bin im Lande. Komme mit letztem Zuge nach Münsterburg. Holt mich nicht ab, weil mit Gepäck zu tun habe und Wagen nehme.«

Nach der ebenso frohen als ernstlichen Überraschung, welche die Botschaft mit sich brachte, wurde beraten, ob dem Befehl des Vaters zu gehorchen sei, oder ob man nicht dennoch auf den Bahnhof gehen wolle; die Mutter entschied für Dableiben und Warten, weil es elf Uhr nachts werden konnte und der Vater rascher zurechtkam, wenn er nicht die ganze Familie im Gedränge begrüßen mußte.

Dadurch gewann die Mutter Zeit, sich selbst mit dem unerwarteten Bericht nachdenklich auseinanderzusetzen. Erst vor drei Wochen hatte sie den letzten Brief Martins erhalten, worin er sich zufrieden über seine ökonomische Lage ausgesprochen mit der Ankündigung, er dürfe bereits an die Heimkehr denken, sei es für immer, sei es, um für kurze Zeit und einzelne Geschäftsausführungen, wie er vorausgesagt, noch das eine oder andere Mal den Weg zu machen; er glaube aber beinahe, es werde dies nicht nötig werden. Hierauf folgte in dem Briefe eine Schlußbetrachtung über die politische Gegenwart und Zukunft im Vaterlande, die Marie Salander nur oberflächlich beschaut und zum aufmerksameren Lesen für eine stillere Stunde zurückgelegt hatte. Sie achtete und liebte sogar den bürgerlichen Freisinn ihres Mannes und seine Neigung, für das Ganze und Kommende zu leben, worin er durch den Louis Wohlwend jetzt schon bis ins zehnte Jahr in so merkwürdiger Art aufgehalten worden. Allein sie beanspruchte keinen Weitblick über Zusammenhang und Zukunft, sondern begnügte sich, für den Tag und Augenblick bereit zu sein.

Jetzt holte sie jenen Brief hervor, um nachzusehen, ob sie nicht doch eine Stelle übersehen, die eine nahe bevorstehende Ankunft verhieß, und auch um auf seine Worte so gut als möglich eingehen zu können, wenn er darauf zurückkam.

»Wenn Du«, schrieb er, »erfreut bist, daß wir so leidlich bald wieder auf einen guten Weg gekommen sind, so mußt Du das nicht meiner besonderen Geschicklichkeit und Tatkraft zuschreiben, sondern dem freundlichen Glücke, welches mir zur Seite ging. Allerdings habe ich auch einigen Fleiß aufgewendet, wie es der Mensch etwa tut, wenn er sich ein Ziel sichtbar winken sieht. Die Dinge, welche bei Euch zu Hause sich vollzogen haben, diese neue Verfassung, welche unsere Republiken sich gegeben haben, diese unbedingten Rechte, die das Volk ruhig, ohne irgendeine Störung sich genommen hat, alles das möchte ich in seinen glorreichen Anfängen noch sehen und mit genießen, alles ruft mir zu: komm! wo bleibst du? Und nun kann ich als unabhängiger Mann kommen, der seinen Boden hat und nichts zu suchen braucht als die Gelegenheit, zu helfen und zu nützen! Und welch ein großer Augenblick ist es, in welchem unsere alte Freiheit den großen Schritt tut! Ringsum uns hat sich in den großen geeinten Nationen die Welt wie mit vier eisernen Wänden geschlossen; zugleich aber hat sich mit dem moralischen Schritt, den wir getan, eine tiefste Quelle neuen Freiheitsmutes und Lebensernstes geöffnet, welche das Äußerste ertragen und das Härteste überdauern läßt und am Ende die Welt überwindet, wäre es auch im Untergang! Ein solches Gefühl der Selbstbestimmung, der Furchtlosigkeit und der Pflichtliebe schützt stärker als Repetiergewehre und Felswände« und so weiter.

Da stand freilich nichts von einer schon beschlossenen Reise. Der Drang danach mußte also seither plötzlich so gewachsen sein, vielleicht auf neue verlockende Berichte oder sich verbreitende Sagen, daß Martin nicht länger hatte widerstehen können.

Er erschien denn auch, noch vor elf Uhr, so frisch, freudig und fast stürmisch bei den Seinen, wie wenn er sieben Jahre jünger statt dreie älter geworden und ein brausender Windstoß neuen Lebens mit hereingekommen wäre. Als die Frau Marie ihn umarmte, empfand sie eine Art ehrerbietiger Scheu vor der Macht der Ideen, die in den Worten des Briefes lagen und jetzt über den Ozean her ihr den Mann in die Arme geweht hatten.

»Holla! Welch niedliche Backfische, die darf man ja kaum berühren!« rief er, als er die zwei Mädchen erblickte und sie trotzdem herzhaft küßte.

»Man sagt ihnen auch Hasenbraten!« rief Arnold, der sich auch bemerklich machen wollte.

»Ei, du Tausendskerl, Arnoldi, was sagst du da?«

»Du kommst gerade recht, Männchen!« rief die Frau, die laut lachend und voll Behagen sich niedersetzte, »dein Bub macht heut schon zum zweitenmal eine Art Witz! Er scheint unnütze Worte aufzulesen!«

»Mag er sie auflesen, wenn er sie nur gut anbringt! Komm, Arnold, und gib mir recht patriotischen Gruß und Handschlag! Laß sehen, wie bist du gewachsen? Nicht übermäßig, doch so so für deine elf Jahre! Und wie steht's mit der Schule?«

Er begann den Knaben abwechselnd mit den Mädchen zu befragen, während er das ihm bereitete Nachtmahl mit vielen Unterbrechungen einnahm; er merkte aber endlich, daß er in Hinsicht auf Methoden und Gegenstände nicht mehr auf dem laufenden war und daher die Kinder nicht ganz richtig fragen konnte.

Als Frau Salander es wahrnahm, säumte sie nicht länger, dem Manne den bereitgehaltenen Heimatgruß zu bieten, nämlich die erste Kanne gärenden Weinmostes, der eben im benachbarten Wirtshause zu haben war. Sie wußte, daß er den Trank liebte, aber seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Zugleich trug die Magd eine Schüssel voll gebratener Kastanien auf den Tisch, womit den Kindern ihr Recht wurde zum Gedenken dieser Glücksnacht. Um ein Uhr hob Frau Marie die Tafel auf und würde es wohl früher getan haben, wenn nicht soeben ein Sonntag angebrochen wäre.

Der erhellte sich denn auch zum schönsten Herbsttage, dessen Morgenstunden Salander im traulichen Verkehr mit den Seinigen verbrachte. Einmal nur wollte er die Frau nach Wohlwend fragen, brach aber ab und sagte: »Nein, heut will ich davon nicht sprechen!«

Er aß noch mit der Familie zu Mittag; dann erklärte er unversehens, wie er nun einen tüchtigen Gang in das Volk hinaustun wolle, an die freie Luft, und sehen, wie es sich atme. Allein wolle er den Gang tun, nur von seinen Gedanken begleitet. Im letzten Augenblicke jedoch besann er sich anders und erlaubte dem Knaben, mitzugehen. Arnold ließ sich das nicht zweimal sagen und schritt ansehnlich an des Vaters Seite aus dem Hause.

Die Jahreszeit mit den Erstlingen der Kelter belebte die Straßen. Salander machte mit dem Knaben einen weiten Weg in der Runde um die Stadt; überall hörte man Tanzmusik, welcher junges Volk beiderlei Geschlechts zustrebte. Man sah auch etwa einen Zug Schützen, die mit ihren Gewehren einer letzten Sonntagsübung nachgingen, oder eine Schar Turner mit Stäben auf der Schulter, den Tambour voran. Dazwischen mannigfaches Volk durcheinanderwimmelnd, fröhlich oder gleichgültig, einzelne mürrisch und über irgend etwas fluchend; den Hauch und Glanz aber der neuen Zeit, das Wehen des Geistes, den etwas feierlicheren Ernst, den er suchte, konnte er nicht wahrnehmen. Man hörte Singen auf den Gassen und in den Schenkhäusern; es waren die alten Lieder, von denen die Leute, ganz wie ehemals, nur die erste Strophe kannten und etwa die letzte; wenn einer noch eine mittlere aufbrachte, so lallten die anderen das Lied ohne Worte mit. Auf einer staubigen Straße balgte sich ein Haufe angetrunkener Jünglinge, als ob es keine edlere Verständigung für junge Bürger gäbe, welche über die Gesetze nachzudenken gewohnt sind, über die sie mitzustimmen haben. Alle hundert Schritte bettelte ein Mann mit einer Ziehharmonika oder einem leeren Rockärmel, während der Arm auf dem Rücken lag. Kurz, es war alles, wie es vor altem an einem Herbstsonntag gewesen, und zu gewärtigen, daß später am Tage einige der freiesten Männer nicht mehr auf ihren Füßen würden stehen können.

Salander schüttelte leise den Kopf, indem er sich aufmerksam umsah. Nun, sagte er bei sich selber, alle großen Veränderungen müssen einen Übergang haben und sich einleben! Aber ich hätte geglaubt, schon die Tatsache eines solchen Ereignisses würde Land und Himmel eine andere Physiognomie machen! Am Ende ist es aber und wird wohl sein die angeborene Bescheidenheit des Volkes, seine schlichte Gewöhnung, welche es nicht leicht die anspruchsvollere Toga umwerfen läßt!

Sie gelangten jetzt vor ein größeres Vergnügungslokal, welches von volkstümlichen Elementen angefüllt schien; ein kräftiges gleichmäßiges Gemurmel war darin verbreitet, wie es so tönt, wenn der Löwe Volk bei ruhiger Laune ist. Da Salanders Knabe die Frage, ob er nicht Durst habe, unverweilt bejahte, so ging der Vater mit ihm hinein, wo ein großer Saal ganz mit jungen und älteren Männern angefüllt war, worunter wenige Weiber saßen.

Mit einiger Mühe fanden Vater und Sohn noch einen unbenutzten kleinen Tisch. Kaum hatten sie sich aber gesetzt und etwas Bier erhalten, so kamen noch zwei Leute, die ohne weiteres den übrigen Platz annahmen und sich ebenfalls Bier geben ließen. Der eine war offenbar ein Süddeutscher, der andere ein Schweizer, und zwar aus dem Münsterburggebiet. Er trug Schnurr- und Kinnbart nach französischem Zuschnitt und den Hut ins Genick zurückgeschoben, um verwogener auszusehen. Sie führten ein lautes Gespräch, ohne sich um jemand zu kümmern, unverzüglich weiter.

»Wie gesagt,« meinte der Schweizer mit fast brutalem Tone, »du kennst mich! Ich bin ein Kerl, der sich nicht foppen läßt!«

»Wer will dich denn foppen? Ich gewißlich nicht!« warf der andere bescheiden ein.

»Ich sage nicht wer, ich sage es ganz allgemein! Da sieh den Brief, den mir mein früherer Meister in St. Gallen geschrieben! Jede Stunde kann ich wieder hin, wenn ich will!«

Er kramte einen Brief hervor und gab ihn dem Kameraden, der ihn las und bekannte, das sei ein schöner Brief, nicht jeder könne dergleichen Zeugnisse aufweisen, ein schmeichelhafter Brief, der Tausend, jawohl!

»Es braucht sich nichts Schmeichelhaftes zu sagen! Ich brauche keine Speichellecker, ich bin ein freier Mann, unabhängig, stolz, wenn du willst, aber ich verachte die Schmeichelei!«

»Ei, ich schmeichle ja nicht, wo werd' ich denn schmeicheln! Es ist ja die lautere Wahrheit!«

»Das ist's! Aber ich geh' nicht hin, ich will mich noch lang nicht binden, und ich weiß, daß er mir nur die Tochter anhängen will. Ich könnte freilich zugreifen, auch meine hiesige Kostfrau hat eine Tochter, die mir überall in den Weg steht! Aber ich will mich nicht binden! Ich will noch gar nicht Meister sein, obgleich ich meine Achtundzwanzig auf dem Buckel habe! Da müßt' ich ein Narr sein und mich plagen! Lieber kujoniere ich die Meister!«

»Ja, ja, du bist halt ein strammer Kerl!«

»Wahrscheinlich! glaub's nur!«

»Ich für mein Teil habe leider Frau und Kind und bin leider auch Meister, das ist nun so, ich bin angebunden und ein armer Teufel!«

»Warum hast du so früh geheiratet?«

»Das hab' ich getan, weil ich nicht mehr heim wollte; da hab ich gedacht, du heiratst hier bei erster Gelegenheit, dann bist du festgemacht!«

»Ha, ich begreif' schon, daß du lieber in der Schweiz bist! Aber alle könnt ihr doch nicht hier hocken, so schön es bei uns ist!«

»Ja, ihr seid eben ganze Leut'! Sapperment, ich hab's schon oft gedacht. Und dir löst keiner die Schuhriemen auf!«

»Hm! das brauchst du mir nicht zu sagen, ich nehme keine Schmeicheleien an! Aber die Fliegen lasse ich mir allerdings nicht auf der Nase heiraten!« Der Schweizer strich sich grimmig geschmeichelt den Schnurrbart und stieß mit dem Deutschen an: »Trink aus, ich zahle noch ein Glas!«

Martin Salander hörte diese Reden, die von einer gemeinen Gesinnung und zügellosen Eitelkeit zeugten, mit Verwunderung, indem er zu sich sagte: »Dieser verfluchte Kerl! dieser Schreiner- oder Schustergesell hat sich ja ganz ausgezeichnet eingerichtet: Wie die Ameisen sich Blattläuse halten, die sie melken, hält sich der einen eigenen Lobhudler, einen Schwaben, wie man's hier nennt!«

Er mußte nur weiter hören. Der schweizerische Arbeiter hob ein solches Selbstrühmen an, wie es nur ganz schlecht gezogene Menschen tun können, die zudem niedrig denken und fühlen. Aber je mehr er prahlte und sich selbst herausstrich, desto kleinlauter wurde der deutsche Gesell oder tat wenigstens so. Denn Gott mochte wissen, was der Schläuling für einen Grund hatte, dem Flegel den Hof zu machen.

Allein je demütiger er sich bezeigte, desto übermütiger wurde der andere.

»Du bist einer von den Gescheitern,« rief er, »du weißt es doch zu schätzen, daß du in der Schweiz und bei einer Nation bist, wie die meinige! Schau mich an! Alles machen und ordnen wir selbst, wie wir es haben wollen, und ich bin einer davon und frage weder Gott noch Teufel etwas nach! Heut noch geh' ich in eine Beratung über ein Gerichtsgesetz, das über tausend Paragraphi hat, und morgen mach' ich Blauen, denn es wird lang dauern. Der Meister kann dafür aufstehen und schaffen! Anerkennst du das?«

»Ich sag' es ja immer, ich schäme mich, ein Deutscher zu sein!«

»Das ist nicht ganz aus dem Weg, obgleich ihr auch energische Bursche habt! Sieh uns jetzt nur aufmerksam zu und lerne was Rechtes!«

Salander konnte nicht mehr an sich halten. Rot vor Zorn schlug er auf den Tisch und rief dem Deutschen zu: »Schämen sollte man sich, so zu reden, wenn man ein so gewaltiges Vaterland hat! Und Ihr, Herr Landsmann,« wandte er sich an den Münsterburger, »solltet Euch schämen, einen arglosen Fremden so zu bedrücken und Euch von ihm anpreisen und beloben zu lassen! Zehn Jahre bin ich in Amerika gewesen und habe nirgends einen so eitlen Tropf und Prahlhans reden gehört, wie Ihr einer seid! Da sind wir schön bestellt, wenn das junge Volk schwatzt wie die Elstern und alten Hebammen! Pfui Teufel!«

Er hatte in seiner törichten Aufregung so laut gerufen, daß die Leute an umstehenden Tischen sich drehten und zuhörten. Der Schweizer Landsmann hatte zuerst verdutzt ausgesehen; jetzt stand er schon auf den Beinen, streckte die Hand aus und rief: »Wer seid Ihr da, wer heißt Euch, zu horchen, was die Leute reden?«

»Ich habe nicht gehorcht! Ihr seid mit Euern Reden dahergekommen, wo ich schon gewesen bin!«

»Ihr seid dennoch ein Schleicher! Wenn Euch nicht gefällt, was wir sagen, so geht weiter! Aber Ihr seid jedenfalls ein Spion und Volksverächter!«

Er rüttelte an dem kleinen Tisch, der zwischen ihnen stand, daß die Gläser klirrten, die Umstehenden drängten sich näher heran, und einige riefen, was der wolle.

»Schimpfen tut er, wir seien eitle Tröpfe und alte Hebammen, wir junges Volk, wenn wir Freiheit und Vaterland rühmen!«

Auch der Deutsche verlor seine Gutmütigkeit und fing an, Lärm zu machen.

Salander blickte auf seinen Knaben, nahm ihn an die Hand und drückte sich unversehens durch die Leute und aus dem Saale, nicht ohne dem Tisch einen kräftigen Stoß gegeben zu haben, den jener ihm auf den Leib rücken wollte. Er hätte nicht übel Lust gehabt, die aufgewachten Dämonen oder den Löwen mit beharrlicher Rede zu zähmen; allein die Rücksicht auf sein Kind gebot ihm, allen weiteren Händeln aufzuweichen, damit er nicht gar erlebe, vor den Augen desselben mißhandelt und gedemütigt zu werden.

Voll Verdruß und Beschämung suchte er den kürzesten Weg nach Hause, war aber froh, dem Herrn Möni Wighart zu begegnen, dem er, da es noch zeitig am Tage war, gern in eine stille Wirtschaft folgte, um sich zu fassen und für den Knaben einen freundlicheren Schluß des Spazierganges zu gewinnen.

Sie trafen aber in einer Ecke des Hauses den Rechtsanwalt, welchen Salander einst mit seiner Angelegenheit betraut hatte. Der vielbeschäftigte Mann erholte sich hier bei einem Sonntagsschöppchen von der Wochenarbeit gleich einem biederen Handwerksmeister, zeigte sich indessen nach dem unerwarteten Erscheinen des Klienten freundlich bereit, den Wohlwendhandel in die Unterhaltung aufzunehmen und beim Glase zu beraten. Martin Salander schickte daher den Knaben bald mit dem Berichte nach Hause, der Vater werde in einer oder zwei Stunden nachkommen.

Leider war nicht viel zu beraten, da der Stand der Sache immer der alte geblieben. In Rio lag sie fast ganz eingepökelt. Die verantwortlichen Personen der Atlantischen Uferbank wurden eine Zeitlang verfolgt; allein sie drückten sich immer rechtzeitig von Staat zu Staat und hielten sich nur au solchen Orten auf, wo nicht nur an niemand ausgeliefert, sondern wo auch von keinem Verfolgten das auf ihm gefundene Vermögen verwahrt, überhaupt kein Recht gehalten wurde. Ein oder zweimal ward einer verhört und über das nichtsnutzige Ergebnis ein Protokoll eingesandt, der Betreffende hingegen samt seinem Gelde, das offenbar aus der Kasse der Uferbank herrührte, freigegeben, und das war sogar auf englischem Grund und Boden geschehen und hatte so viel gekostet, daß Salander sich scheute, dem Teufel noch den Weihkessel nachzuwerfen, wie er sagte.

Doch gab es in Brasilien Geschäftsleute, welche dafür hielten, Martins berühmte Anweisung sei ihm noch in guten Treuen ausgestellt worden, weil die Uferbank in jenem Augenblicke noch nicht daran gedacht habe, aufzufliegen. Hierüber war nun eben nichts Aktenmäßiges zu erfahren.

In Münsterburg hatte Wohlwend nach langen Verhandlungen seine Gläubiger mit einigen bettelhaften Prozenten abfinden können, wobei Salanders Forderung gar nicht in Betracht kam. Das Guthaben der überseeischen Bank, welches gerichtlich in Beschlag genommen war zu seinen Gunsten, ließ sich bei dem Mangel aller gutwilligen Aufschlüsse nicht ausscheiden, und der Anwalt hielt nichts als die dunkle, nicht angenommene Anweisung in der Hand. Nachher verschwand Wohlwend aus der Gegend. Sein Haus hatte der Baumeister an sich ziehen müssen, der dabei zu Verlust kam. Der Maler des Arnold von Winkelried erhielt gar nichts.

»Ich bin überzeugt,« sagte der Anwalt, »daß er schon vor zehn Jahren gerade durch den Betrag Ihrer Bürgschaft, den Sie auf dem Platz erlegen mußten, um das Falliment herumgekommen ist; und so glaube ich, daß er auch diesmal durch Ihr Geld, das er ganz oder zum Teil in die Klauen bekam, in den Stand gesetzt wurde, sich mit den Gläubigern, wenn auch noch so elend, abzufinden; denn natürlich hat er den Löwenanteil für sich behalten. Aber dennoch, ich kann mir nicht helfen, ist er ein interessantes Subjekt, juristisch genommen. Da mich die unverbrüchlich kalte, schweigsame Haltung, die er stets der Anweisung gegenüber einnahm, ohne sich je mit einem Worte in Verlegenheit zu setzen, betroffen machte, geriet ich auf den Einfall, ein etwas ungewöhnliches Experiment mit ihm auszustellen. Ich kenne einen sehr erfahrenen Irrenarzt; der hat als Vorsteher einer auswärtigen Heilanstalt die Simulanten von Verrücktheit zu behandeln, welche ihm in Untersuchungsprozessen übergeben werden, wenn sie mit solchen Künsten dem Geständnis entrinnen wollen. Er hat eine treffliche Übung darin und bringt diese Spitzbuben in der Regel binnen zwei Tagen oder auch zwei Stunden zur gesunden Vernunft zurück, soweit sie ihnen überhaupt beschieden ist. Freilich bindet er sich nicht an die Schranken, die dem Untersuchungsrichter vorgezeichnet sind. Als der Mann zu jener Zeit sich einige Tage hier aufhielt, erzählte ich ihm von Louis Wohlwend und seinem putzigen Benehmen. Wir wurden einig, daß er als Vertreter eines fremden Beteiligten an dem überseeischen Bankhandel, der auch mit mir Rücksprache gepflogen habe, zu Wohlwend gehen und ihn unter dem Vorwand einer geschäftlichen Erkundigung beobachten und ausholen solle. Es gelang ihm, den Mann länger als eine Stunde hinzuhalten, aber nicht, ihn auf einem verfänglichen Worte zu ertappen. Es gebe, sagte der Arzt, einzelne Menschen, welche die Macht haben, ein unbequemes Faktum sozusagen in ihrem Bewußtsein so gut aus dem Wege zu räumen, daß sie nicht einmal im Schlafe, geschweige im Wachen davon sprechen, wenn sie nicht sollen. Und es seien das durchaus nicht geistig starke Leute, vielmehr solche, denen jedes Bedürfnis mangle, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Dieser Mangel vermische sich dann mit einer ordinären Verschmitztheit und bilde sich zu einer nützlichen Kraft aus. Nur die Nähe des natürlichen Todes vermöge zuweilen den Bann zu brechen. Zu diesen scheine Herr Wohlwend zu gehören, wenn auch als merkwürdige Abart. Während der Unterredung habe er nicht krampfhaft vorsichtig getan, sondern ganz unbefangen geplaudert, aufmerksam, scheinbar, zugehört und sich gestellt, als ob er nach gutem Rat suche, den Kopf geschüttelt und schließlich gesagt: ›Es ist eine verzwickte dumme Geschichte! Ich würde Ihrem Klienten raten, es zu machen wie der andere, der Herr Salander, und selbst hinzureisen nach Rio; es muß dort noch eher etwas auszurichten sein als hier!‹ Dabei habe er sich mit einer alten Pappschachtel beschäftigt, in welcher ein Dutzend zerzauste Schmetterlinge und Käfer, von Staub bedeckt, auf einem Häufchen gelegen. Diese verjährten Lebewesen auseinandersuchend und auf frische Korkhölzchen befestigend, habe er schließlich mit einem untiefen Seufzer gerufen: ›Ja, ja, mein lieber Herr! ohne das bißchen Wissenschaft würde man oft nicht mehr den Mut zum Leben behalten in dem Wirrsal dieser Welt! Haben Sie sich nie mit Insektenkunde befaßt?‹«

Die Männer schwiegen einige Zeit, wohl um sich zu besinnen, was sich über das ärgerliche Vorhandensein eines so unbequemen Gesellen weiter denken lasse, der gewissermaßen, gleich einer Qualle, sich selbst aufzuheben vermöge, wenn er merke, daß er ausgeforscht werde.

Mittlerweile betupfte Möni Wighart mit dem Finger seine Nase, bis er unversehens rief: »Wie ist mir denn? Da geht mir etwas im Kopfe herum, das ja ganz hierher gehört und just von der heutigen Überraschung zurückgedrängt wurde! Richtig! Nicht lang ist's her, daß ich von einem hiesigen Holzhändler hörte, er habe tief in Ungarn den Louis Wohlwend gesehen, munter wie ein Fisch, verheiratet mit einer schönen jungen Frau, und schon gesegnet mit zwei kleinen Kindern! Den Ort kann ich nicht mehr nennen. Ich fragte den Holzhändler, ob er ihn gesprochen habe. Freilich habe er ihn gesprochen und Wohlwend ihm erzählt, wie ihm durch diese glückliche Heirat nicht nur ein hübsches Weibchen, sondern auch ein artiges Weibergut zuteil geworden sei. Er habe aber nicht viel mit ihm reden können, weil jener sich kurzerhand entfernt. In einer Gaststube der Sache nachfragend, sei sie ihm von seßhaften Leuten bestätigt worden mit der näheren Angabe, der Schwiegervater Wohlwends, ein Schweinehändler, habe einer seiner Töchter vor der Hochzeit ein schönes Vermögen nicht nur vorbestimmt, sondern gerichtlich verschrieben als künftiges Erbe, und sich zugleich verpflichtet, bis zu seinem Ableben dem Wohlwend die Zinsen davon jährlich zukommen zu lassen. Einige bezweifeln allerdings die Geschichte, weil der Schwiegervater keineswegs für so wohlhabend gelte, daß er jeder Tochter ein solches Erbe zuteilen könnte; andere dagegen weisen darauf hin, daß das betreffende Frauenzimmer eine Tochter aus erster Ehe sei und nur ihr Mütterliches beziehe, während eine dritte Partei behaupte, sie sei gar nicht das rechte Kind des Schweinehändlers. Eine vornehme Dame habe es heimlich zur Welt und bei dem Manne untergebracht.«

»Kurz und gut,« ergriff Martin Salander das Wort, »mein Louis Wohlwend hat ohne Zweifel im Osten Europas einen Schweinehändler drangekriegt.«

»Hm!« machte der Rechtsanwalt, »ich möchte fast lieber sagen, ein östlicher Schweinehändler hat den Meister Louis drangekriegt!«

»Ei wie so denn?«

»Nun, wie so denn? Wie wäre es, wenn er seine beiseitegebrachten Raubgelder, die schönen Contos de Reis des Herrn Martin Salander, ganz still an die Grenze der Türkei geschleppt und auf diese geniale Weise in Weibergut verwandelt hätte? Und wie wäre es, wenn der Ferkelkrösus den Schlaukopf um Kapital und Zinsen zu prellen wüßte und ihm obendrein das Weibchen auf dem Halse ließe? Was mich allein stutzen macht, ist die Schwatzhaftigkeit, mit welcher er sich dem Holzhändler entdeckt hat, nach dem, was ich vorhin von dem Psychiater erzählte. Er muß eben ungemein fidel gewesen sein oder wie Homer ein Schläfchen getan haben! Der Umstand, daß wahrscheinlich hier zwei Hechte am nämlichen Karpfen stehen, hindert mich auch, Herr Wighart, Sie jetzt schon zu ersuchen, Sie möchten Ihren Gewährsmann um genaue Bezeichnung von Orts- und Personennamen angehen. Ich will nur meine Phantasiearbeit noch einige Tage überlegen und werde mir dann erlauben, bei Ihnen anzuklopfen, natürlich im Einverständnis meines Herrn Klienten, sofern er sich überhaupt noch als solchen betrachtet! Eigentlich aber würde es sich sofort um eine Kriminalsache handeln und für die Behörden der Anlaß dasein, von sich aus vorzugehen.«

»Überlegen Sie, Herr Fürsprech!« erwiderte Salander; »am Ende schadet es nichts, wenn wir den Schadenmüller, den Hecht, wenigstens ein bißchen aufstören und herumjagen können!«

Die drei Männer unterhielten sich noch eine Viertelstunde und brachen dann auf, um sich, jeder an geeigneter Stelle, zu verabschieden. Martin Salander ging nach Hause.

Der Eindruck, den er von seinem Gang durch das neue Volk und von dem Auftritt mit dem Maulhelden davongetragen, erwachte wieder, als er unter dem alten Sternenhimmel dahinschritt, und das quälende Verhältnis zu dem alten Freunde Wohlwend, an den er wie mit eisernen Ketten gebunden schien, verdunkelte die trübe Stimmung noch mehr, die ihn befallen. Er nahm sich vor, den Advokaten von der weiteren Verfolgung Wohlwends abzumahnen, damit der Mensch aus seinem Gedächtnis eher verschwinde. Aber trotz dieses Vorsatzes bedurfte es des freundlich erleuchteten Wohngemaches, in das er trat, und der um den Tisch versammelten Kinder, die seiner harrten, um ein leichteres Herz zu gewinnen. Die Gattin, die seine trüben Augen noch schnell gesehen, kam mit einer sorglichen Ansprache schon zu spät.

Als Martin bald darauf zu seinem Advokaten ging, fand er diesen schon selbst von dem Gedanken abgekommen, amtliche Nachforschungen über die Natur des Wohlwendschen Frauenvermögens zu veranlassen. Es schien ihm doch nicht tunlich, auf Grund unbestimmter Gerüchte und einer bloßen witzigen Vermutung in entlegenen Ländern so vorzugehen. »Wenn wir die Angel jetzt auswerfen,« sagte er, »so wird sie uns kurz abgerissen; halten wir sie aber noch zurück, so kann sie uns unversehens einmal nützlich werden.«

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