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Gutenberg > Gottfried Keller >

Martin Salander

Gottfried Keller: Martin Salander - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleMartin Salander
authorGottfried Keller
yearca. 1925
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
addressBerlin-Leipzig
titleMartin Salander
pages1-304
created20020922
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1886
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5

Die Kinder gingen und kamen, die Frau bereitete das Frühstück und nahm es inmitten der Ihrigen mit an sich haltendem Frohmut ein, während die Kinder so lustig waren, daß sie auch den Vater aufheiterten und seine Sorge noch ein Morgenschläfchen tat, obgleich es aus allen Türmen sieben schlug. Da fielen ihm auch die Geschenke ein, die er in England in freigebiger Laune beschafft hatte. Stracks öffnete er die Koffer und kramte aus, Ledersachen mit Stahlgeräten, merkwürdig hübsche Bilderbücher, deren englischen Text er gleich zum ersten spielenden Unterricht benutzen wollte, feine Tücher und Spitzen für die Frau und die Mädchen, und einen ganzen Haufen vermischtes Backwerk, das überall zum Ausfüllen in die Kisten gestopft war.

Das alles gab eine herrliche Kurzweil und Bestätigung des Anbruches eines goldenen Zeitalters, spornte aber zugleich die Hausmutter an, die solchem Wandel gemäßen Pflichten zu erfüllen. Sie ging hinweg, sich für die nötigen Geschäftsgänge anzukleiden, was den guten Martin plötzlich an die Gewißheit erinnerte, daß sein Unglückshandel jetzt bereits stadtbekannt sein müsse; denn nicht nur hatte Freund Wighart jedenfalls gestern seinen Abendgang durch ein paar Kaffeehäuser gemacht und die Neuigkeit mit allem Anteil verkündet, sondern auch die Beamten hatten keinen Grund, in einer offenen Konkurssache mit so ungewöhnlichen Vorfällen geheim zu tun. Er durfte es nicht darauf ankommen lassen, daß die Frau sozusagen auf offener Gasse von dem Gerücht überfallen wurde. Hastig gab er den Kindern eines der Bücher und eine Handvoll englischen Biskuits und riet ihnen, sich im Freien unter dem Platanenbaum anzusiedeln, was ihnen gleich einleuchtete.

»Du, Netti! unser Vater gefällt mir, dir nicht auch?« sagte im Hinausgehen das altkluge Setti zu seiner Schwester, die nachahmend und überbietend erwiderte: »O, ganz gefällt er mir! Und ich finde, daß er sich gut für unsere Mutter schickt! Du nicht auch?«

Arnold, der still hintendrein ging, hörte diese weisen Aussprüche und verstand mehr davon, als die klugen Schwestern dachten; denn er empfand es als ein geheimnisvolles Glück, daß die Eltern gut füreinander paßten und glaubte gern daran, sagte aber kein Wörtchen dazu.

Der Vater war indessen schon in die Schlafstube getreten, wo Frau Maria eben ihr Oberkleid angelegt hatte und die Brustteile zuzuknöpfen begann.

»Marie,« sagte er, »du hast mir nie geschrieben, daß der Louis Wohlwend wieder eine Handlung angefangen habe, sogar eine Art von Bankgeschäft?«

Die Frau hielt inne und sah ihn groß an: »Davon wußte und weiß ich ja gar nichts! Woher sollt' ich es wissen, da ich nicht unter die Leute komme auf meiner Einsiedelei?«

»Auch von dem Haus Schadenmüller & Komp. hast du nichts gehört?« fragte er weiter, immer noch zögernd.

»Nein doch! Wer ist das wieder?«

»Das ist die Handlung, auf welche ich mit meiner, mit unserer ganzen Ersparnis angewiesen bin, die ich in Rio bar einbezahlt habe. Warte!«

Er lief nach einer der geöffneten Kisten und holte das in Brasilien abgeschlossene Hauptbuch herbei, aus einem dunkeln Instinkte, daß die größere Anschaulichkeit den Vorgang erleichtern könnte.

Auf dem letztbeschriebenen Blatte stand mit schöngemalten Zahlen der Saldo seines Vermögens eingetragen, über einem mittels des Lineals vergnüglich und tadellos hergestellten Federstriche, und unter diesem war zu lesen: »Von obigem Saldo ist abzurechnen die Summe von fünfundzwanzigtausend Franken eidgenössischer Währung als Guthaben meiner Ehefrau Maria N. N. aus ihrem mir zugebrachten Vermögen.«

Das aufgeschlagene Buch legte er auf den kleinen Tisch, der dastand, und legte den Finger auf den Rechnungsabschluß.

»Siehst du, das sind sechsunddreißig Contos de Reis, etwas über zweimalhunderttausend Franken nach unserm Geld! Um Lebens und Sterbens willen habe ich dein Zugebrachtes daruntergesetzt, wie du es da lesen kannst! Vom Ganzen aber übergab ich drei Vierteile einem angesehenen Bankhause in Rio und erhielt dafür eine Anweisung auf Schadenmüller & Komp. dahier, wo ich das liebe Geld bar in Empfang nehmen sollte. Woraus besteht aber diese Kompanie Schadenmüller? Aus einem einzigen Mann, und der heißt Louis Wohlwend und bezahlt nichts; denn er ist wieder einmal im Konkurs und kommt heute im Amtsanzeiger. Und hier ist schon der Bericht eingelaufen, daß auch das Haus oder die Gesellschaft in Rio de Janeiro verschwunden sei! Bis jetzt kann keine Seele wissen, wo das Geld geblieben ist, ob es in Rio schon beseitigt wurde oder ob es der Wohlwend erwischt hat.«

Dies alles brachte er mit trockener, zuweilen stockender Stimme vor. Frau Marie, zuerst nur halb neugierig, sah bald auf das Buch, bald in sein Gesicht, was ihr die Hauptsache war und ihre Aufmerksamkeit am meisten erregte, bis sie zuletzt totenblaß wurde; ohne etwas zu sagen, heftelte sie mit zitternder Hand das Kleid vollends zu und begann dann erst einzelne Fragen zu stammeln und sich nach und nach in dem Unstern zurechtzufinden. Geduldig und fast demütig fügte sich Martin in die geringe Ordnung ihrer Rede und wiederholte die gleichen Aufschlüsse und Bestätigungen, bis ihr alles klar und deutlich war.

Erst jetzt brach sie händeringend in heiße Tränen aus, indem sie ausrief: »O du armer Mann! Wo sind unsere sieben Jahre der Trennung und der Sorge?«

Plötzlich ging das erstickende Weinen in einen leidenschaftlichen Zornausbruch über.

»Unsere letzte Jugendzeit hat er vernichtet, der Hund! Wo ist er hin damit, der Blutegel? Kann man ihm kein Salz auf den Rücken streuen? Kann man ihn nicht zusammenpressen, den Schwamm, der alles aufsaugt? Dieser verfluchte Landschaden! Wart, Mann! Wenn du ihn nicht bändigen kannst, so will ich den Sohn für ihn erziehen, daß er ihm einst den Lohn gibt! Jetzt weiß ich auch, warum mich immer eine Art Ahnung beschlich, wenn ich den Marder sah mit seinem glatten Balg. Ist es möglich, daß ich soeben noch glücklich und gesund war, wie eine Lerche, und jetzt so elend, ja so krank!« Sie schritt wie verzweifelt im Zimmer umher, öffnete ein Fenster und blickte hinaus.

»Was für ein schöner Tag!« rief sie; »welch liebliche Sommerluft ist uns vergällt! Also so geht's, so geht's, so geht es! So, so!« fügte sie mit halb singendem Tone hinzu, vom bittersten Schmerze hervorgehaucht, schloß das Fenster und setzte sich in einer Ecke auf den Boden, den Kopf auf die Arme legend.

Martin Salander erstaunte in allem Elend über die Rauheit einer Leidenschaft, die er an der Frau noch nicht gesehen; an der leisen Hand des Mitleidens gelang es ihm, sich über die Stimmung der Gattin und zugleich über sein Schuldgefühl zu erheben. Er trat vor sie hin.

»Liebe Marie!« sagte er mit weichem Ernste, »sei nicht so untröstlich! Es ist ja nur Geld! Soll dies das Einzige und Höchste sein, was wir haben und verlieren können? Besitzen wir nicht uns selbst und unsere Kinder? Und soll dieser Trost auf einmal ein leerer Gemeinplatz sein, sobald es uns und nicht andere Leute angeht? Komm, kauere nicht wie ein Kind auf dem Boden, so tiefe Trauer ist das ganze Geld samt dem Wohlwend nicht wert! Zwar sehe ich an deinem leidenschaftlichen Gebaren, daß du noch jung genug bist trotz der Klage über die verlorenen Jahre, und das dünkt mich so lieblich, wie die schöne Sommerluft draußen; aber steh dennoch auf, trockne deine Tränen und laß die Kinder nichts merken, so wirst du dich von selbst fassen! Du hast wohl überhört, daß ich einen Teil des Vermögens gerettet habe, ich trage es in guten Papieren bei mir, die Wohlwend nichts angehen, und so stehe ich doch ungleich besser da als vor sieben Jahren, dazu um nützliche Erfahrungen und Kenntnisse reicher. Komm, mache dich vollends schön, wir wollen jetzt unsere Gänge machen, ich in die Kanzleien und du für die Küche, und nachmittags unternehmen wir einen tüchtigen Ausmarsch mit den Kindern. Wenn wir uns nur ganz gelassen benehmen, so wirst du sehen, daß wir den Ausweg schon wiederfinden!«

Er reichte ihr die Hand, und sie richtete sich an derselben auf. Es war in der Tat beinahe die Beschämung eines Kindes, mit der sie die Augen zu ihm aufschlug, aber ebenso kurz andauernd, da ein Strahl besseren Mutes und Vertrauens das Gesicht überflog. Denn sie sah den Mann seiner Lage gewachsen und imstande, sie, die Gattin, zu ermahnen und aufzurichten; auch war seine Demut, die sie am meisten beängstigt, in schicklicher Weise, ohne Aufsehen in den Hintergrund getreten. In einer halben Stunde waren sie bereit, miteinander in die Stadt hinabzuwandern. Setti mußte sich der Mutter anschließen, die beiden anderen Kinder wurden zu ihren Schulbüchern in das Haus verwiesen. Als Salander sich auf dem öden Kiesplatze umsah und mit Ärger bemerkte, wie auch weiterhin eine Menge von Fruchtbäumen verschwunden, die ehemals die Wege beschatteten, fiel ihm auch die Holztafel ins Auge, die über der Haustür hing und die Inschrift »Pension und Gartenwirtschaft zur Kreuzhalde« aufwies.

»Halt,« sagte er, »die Tafel muß weg, und zwar gleich.«

Mit Hilfe eines Stuhles hob er das Brett aus den Haken und stellte es hinter die Tür.

»Nun bist du erlöst von der betrübten Herberge!« sagte er; »wir wollen auch sofort einrücken lassen, daß sie geschlossen sei!«

Die Befreiung aus ihrer wunderlichen Zwangslage, auf Gäste warten zu müssen, die nicht kamen und denen sie nichts mehr vorzusetzen gewußt hatte, wenn sie kamen, erleichterte der Frau das Herz, so wie auch das Einkaufsgeld, das sie endlich wieder in ausreichendem Maße in der Tasche führte, ihren Schritten die frühere Sicherheit zurückgab; nur das Gesicht wollte bei aller Gelassenheit seinen Ernst nicht verlieren, weil die seit kaum vierundzwanzig Stunden erlebten Übergänge ihr Gemüt erst jetzt im Innern zum Schwanken brachten, da sie das Ende nicht absehen konnte. Aber dies stille Schwanken verstärkte nur ihren Willen, aufrechtzubleiben und treu zu den Ihrigen zu halten.

Mann und Frau trennten sich bald mit der Abrede, zur Mittagsstunde wieder beisammen zu sein. Martin Salander begab sich in die Notariatskanzlei. Die gerichtliche Bekanntmachung war soeben in den Blättern erschienen. Dem Notar hatte Wohlwend rundweg abgeschlagen, auf Salanders Anweisung irgendeine Erklärung zu unterzeichnen, und in diesem Sinne auch bei der Versendung eines nichtssagenden Rundschreibens an seine »Geschäftsfreunde« den beraubten Freund übergangen.

Auf den Rat des Notars hatte Martin am Vormittag einen angesehenen Rechtsanwalt aufgesucht und ihm die Wahrung seiner Sache mit gehöriger Vollmacht übergeben, derselbe ihm dagegen aufgetragen, beglaubigte Buchauszüge und Korrespondenzen über seinen Verkehr mit der Bank in Rio de Janeiro beizubringen. Jedenfalls stand eine langwierige Abwicklung des ganzen Prozesses in Aussicht. Die Sache stehe so, meinte der Advokat, daß es noch der glücklichere Fall wäre, wenn es auf förmlichen Betrug hinausliefe, wo man mit Verhaftung und Strafuntersuchung einschreiten und den zur Seite geschafften Raub auffinden könnte, während in einem gewöhnlichen Falliment das anvertraute Gut unter allen Umständen verlorenginge.

Hiermit hatte Martin Salander sich einstweilen zu beruhigen und volle Muße zum Überlegen dessen, was er inzwischen beginnen sollte. Demgemäß fand er sich gefaßt und gewissermaßen zufrieden beim Mittagessen ein, das die Frau ohne jeglichen Aufwand, aber gut und nahrhaft bereitet hatte. Wein sei keiner mehr da, sagte sie, der Mann möge selbst bestimmen, was etwa anzuschaffen wäre; für heute müßten sie sich mit frischem Wasser begnügen, sie denke, wenn man nachher ein bißchen ausfliegen wolle, so werde Martin ohnehin etwa mit ihnen Einkehr halten, wo es zu trinken gäbe, und wenn es nur im »Roten Mann« wäre.

Diese Anspielung machte sie mit einem kleinen Lächeln und ganz gemütlich; allein sie würde sie ohne die heutigen Enthüllungen doch nicht gemacht haben. Auch verstand er sie wohl und antwortete ungesäumt, sie habe vollkommen recht, ihn daran zu erinnern; er werde trachten, ein Fäßchen von jenem Weine zu erhalten, der ihr gewiß schmecken solle. Mit diesem Vermeiden einer logischen Erörterung war hinwieder die Frau zufrieden, da sie das Geständnis seines Fehltrittes darin sah, fast vor der Haustür noch mit Fremden in ein Wirtshaus zu gehen. Zur Versöhnung erklärte sie übrigens, daß sie sich danach sehne, einige Stunden ins Grüne zu wandern; sie sei niemals nur in den Wald hinaufgekommen, selbst zur Zeit nicht, wo sie noch Dienstleute gehalten habe.

Sie zogen also miteinander aus, in den Wald hinauf, der sie mit seinem durchsichtigen Schatten empfing. Die lange nicht genossene Luft solchen Kulturgehölzes machte dem Familienhaupt wohl zumute; die alte Lebhaftigkeit erwachte in ihm, so daß er Frau und Kindern von dem Unterschiede zu erzählen begann zwischen den Urwäldern des Westens, wo nur Kampf und Ausrottung herrsche, und den von erquickender Luft durchwehten Forsten der Alten Welt, wo der Wald gebaut und gepflegt würde fast wie ein Hausgarten. Und wie auch da noch Gegensätze zu treffen seien, zeigte er ihnen, indem er hier an dem reinlichen Boden und den sauber und licht gehaltenen Stämmen eine Staats- oder Genossenschaftswaldung, dort an Gestrüpp, Wucherzeug und kränklichem Holze den Besitz nachlässiger Bauern erkennen wollte. Auch prüfte er die Kinder, ob sie hier und da eine blühende Pflanze zu benennen wüßten oder den Vogel kennten, der soeben gepfiffen habe. Sie wußten aber nichts, und er sagte zur Frau: »Das ist's eben; die Kinder sind zu einsam!«

»Aber lieber Mann,« erwiderte sie, »die Kinder sind ja das Jahr hindurch unter hundert anderen, und in ihren Schulstuben sind alle Wände voll Bilder, auch viele Vögel, die sie bei Namen kennen! Was die lebendigen Vögel betrifft, so habe ich als Mädchen gerade durch meine Unkenntnis etwas erlebt, das mir immer noch nachgeht. Eines Sonntagabends, nach der Singstunde, spazierte ich ganz allein über eine Anhöhe nach Hause und saß oben ein Weilchen nieder. Gegenüber lag ein anderer bewaldeter Hügel, in dessen Bäumen verborgen ein mir unbekannter Vogel sang, so schön, so schön durch die stille Luft und Einsamkeit, daß es mir wahrhaftig das Herz bewegte und ich feuchte Augen bekam. Ich erzählte zu Hause davon und hätte gar zu gern gewußt, was das für ein Vogel mochte gewesen sein. Die Leute rieten hin und her, ein Bursch, der manche Vogelstimmen nachahmen konnte, gab diesen und jenen Ton an und nannte den betreffenden Singvogel; allein keine der Weisen glich dem, was ich gehört. Jetzt, nach so viel Jahren, höre ich in ruhigen Augenblicken noch den unsichtbaren Sänger und bin froh daß er mir unbekannt geblieben ist und auf die Art mir die Feierlichkeit jener Abendstunde stets in Erinnerung blieb!«

»Du hast mir das auch schon erzählt,« sagte Salander lachend, »und es ist artig genug, ich will es nicht bemängeln! Allein wenn es ein Argument gegen das Kennenlernen der Dinge sein soll, so muß ich dich zur Ordnung rufen, Frau Jesuitin! Verkünderin des Mysteriösen und Unbekannten!«

»Geh, du weißt wohl, daß es nicht so gemeint ist, du Schulmeister!«

Der neckische Ton verwandelte sich in ein ernsteres Gespräch über Ziele und Grenzen des erzieherischen Verkehrs mit den Kindern, welches die wackere Frau mit aufmerksamer Teilnahme in allen Ehren bestand. Beide Gatten, indem sie die Kinder vor sich herspringen sahen, vergaßen darüber die Gegenwart und blickten von Hoffnungen belebt in die Zukunft, welche ihnen fast so lieblich dünkte als der unbekannte Vogel der Frau Marie.

So hatten sie einen beträchtlichen Weg zurückgelegt und stiegen in ein Waldtälchen hinunter, durch das ein schöner klarer Bach floß, der sein reichliches Wasser über das bunte Geschiebe und Gerölle wälzte, wie es der Berg abließ. In einer rundlichen Ausbuchtung ergoß sich über einige bemooste Steinblöcke ein kleiner Wasserfall, unmittelbar aus jungem Buchenschlag hervor, und Martin Salander erkannte sogleich den anmutigen Winkel von früher her.

»Dort wollen wir uns ein Stündchen niederlassen«, sagte er und rief den Kindern zu, ihnen den Weg anweisend. Auch Frau Marie pries das Tälchen und eilte rüstig den abschüssigen, von Gestein unterbrochenen Pfad hinunter. Seit langer Zeit war es ihr nicht vergönnt gewesen, sich in freier Natur zu bewegen ohne einen andern Zweck als die Bewegung selbst. Am Bachufer angekommen, hatten sie noch um ein vorragendes größeres Felstrumm zu biegen, welches den besten schattigen Ruheplatz verbarg. Die vorausgelaufenen Kinder standen plötzlich still, und als auch die Eltern am Platze waren, sahen sie einen Mann, der mit bloßen Füßen, ausgestülpten Beinkleidern und Hemdärmeln im Wasser stand und unter den Steinen umhergriff, nach Krebsen suchend. Auf einer trockenen Steinplatte des Ufers lagen ein paar kleine tote Forellen neben einem Gesäße, wie es die Angelfischer mit sich führen, und einer offenen Botanisiertrommel, welche in Papier gewickelte Eßwaren enthielt. An geschützter Stelle befand sich im kühlen Wasser eine angebrochene Weinflasche.

»Der Platz ist schon besetzt,« sagte halblaut Salander, »wir wollen weitergehen!« Er ging vorwärts, um auf dem engen Wege zwischen dem Krebsfänger und seinen Veranstaltungen vorbeizukommen, und seine Familie folgte ihm auf dem Fuße, zunächst die Frau. Da richtete sich der Mann im Bache auf und schaute sich um. Es war Herr Louis Wohlwend, der sich hier still zu vergnügen schien.

Die Überraschung bannte beide Parteien fest, so daß um Wohlwends Beine die Bachwellen einen kleinen Schaum erregten und hinter Salander seine Familie gedrängt stehenblieb. Wie es meistens geschieht, war der unrechtleidende Teil wieder verlegener als der andere, und da Wohlwend die Salanderschen verblüfft vor sich sah, richtete er sich hoch auf, brachte die Hand an den Hutrand und rief: »Ah, salut

»Gibst du hier Audienzen?« sagte Salander endlich, ohne sich zu rühren.

»Wie du willst!« versetzte Wohlwend; »wo sollte ich am heutigen Tage mich hinflüchten als an den Busen der Mutter Natur? Es ist gewissermaßen mein Ehrentag, an dem ich das Martyrium unseres Jahrhunderts antrete als Opfer des Verkehrs, des Kampfes ums Dasein! Heut stehe ich im Amtsblatt, da ist die erste Folge, daß ich mein bescheidenes Plätzchen im Kaffeehaus, mein harmloses Spielchen um den Kaffee entbehren muß; das erfordert die Etikette, wie sie einmal ist, bis sich die Sintflut des Geschwätzes verlaufen hat! Du weißt, Freund Martin, daß ich von jeher einem edeln Idealismus gehuldigt; der kommt mir nun zu gut und läßt mich an so idyllischen Gegenständen Trost suchen, wie sie sich hier darbieten! – Ha, die Frau Liebste! Schöne Frau, seien Sie mit aller Verehrung begrüßt nach so langer Zeit –«

»Wohlwend, Ihr könnt hier nicht mit uns von Euren Sachen reden; das sind unsere Kinder, vor denen es sich nicht schickt! Sie sollen dergleichen nicht hören! Bitte, lieber Martin, laß uns unsers Weges gehen!«

Dies sagte Frau Salander, indem sie die Hand an des Mannes Arm legte. Martin wandte sich gehorsam und setzte schweigend den Weg fort; Marie trat etwas zur Seite und schob die Kinder vorwärts, und erst, als das letzte vorüber war, folgte auch sie, ohne sich weiter umzusehen. Sie mußte ihre Röcke zusammennehmen, um zwischen den herumliegenden Sachen Wohlwends, wozu auch seine Strümpfe und Stiefel gehörten, durchzukommen, ohne sie zu streifen.

Dieser stand wie versteinert in seinem Bache. In Gesicht und Stimme der Frau hatte trotz einer blassen Unbeweglichkeit eine solche mit Verachtung durchwirkte Strenge gelegen, daß ihm die Furcht aufsteigen wollte, es gäbe noch höhere Mächte als Konkursrichter und Gläubigerversammlungen. Es dünkte ihn nicht mehr geheuer im Wasser; er watete hinaus und zog hurtig seine Fußbekleidung wieder an, um auf alle Fälle besser zu stehen. Dann las er drei oder vier Krebse zusammen, die bereits gefangen, aber dem Fischkübelchen entronnen waren und dem Wasser entgegenstrebten. Zuletzt, um sich von dem lächerlichen Weiberauftritt zu erholen, zog er die Flasche aus dem Wasser und setzte sich mit derselben und der botanischen Büchse auf die Platte.

Aber wiederholt unterbrach er sein Vespermahl. Wie kann das Weib sich herausnehmen, ihn kurzweg mit Wohlwend anzureden, ohne Herr, und ihn zu ihrzen wie einen Knecht oder Lumpensammler! Am meisten beschäftigte ihn das mit den Kindern. Hatte er denn etwas Unsittliches gesagt, was sie nicht hören durften? Gar nicht! Er hatte eher schöne, erhebende Worte gesprochen, wenn sie auch nicht bare Münze waren. Hätte doch Salander geschimpft, dem würde er den Rechtsstandpunkt erläutert haben; aber er hat weislich geschwiegen.

Wohlwends Idylle war durch die Frau entschieden gestört, und er packte zusammen, doch schlug er einen andern Weg ein, als die Salanderleute gegangen.

Diese stiegen wieder in die Höhe und sprachen einige Minuten nichts, bis Martin über die kurze Rede seiner Frau lachen mußte.

»Du hast ihn scharf behandelt!« sagte er zu ihr, »wie zum Teufel gerätst du auf den Einfall, per Wohlwend und per Ihr mit ihm zu reden?«

»Ich denke, man spricht so mit den Sträflingen in den Zuchthäusern; in meinen Augen ist er aber nichts Besseres!«

Sie schien indessen durch den Vorfall ein klein wenig erheitert zu sein; auch Martin lachte abermals, als er bedachte, wie schlau der Konkursit die Kaffeehäuser vermied, um tief im Walde seinen Meister zu finden. Nach einigem Schweigen, als die Frau Raum bekam, ihm zur Seite zu gehen, ergriff er wieder das Wort.

»Ich weiß nicht, ich schwanke doch zuweilen, ob er nicht eher ein Narr sei als ein schlechter Mensch; freilich ein gefährlicher Narr!«

Frau Marie antwortete nur mit einem leichten Seufzer, womit sie die weitere Untersuchung abschnitt. Die Kinder schwärmten links und rechts im Gehölze, die Eheleute aber schritten jetzt längere Zeit schweigend nebeneinander. Martin bemerkte endlich einen mehr auf die Höhe führenden Weg. »Hier geht es, wenn ich mich nicht irre, auf einen guten Aussichtspunkt. Magst du noch so weit gehen, so können wir, statt in dem Loch unten, wo uns der Unhold störte, oben unter dem offenen Himmel ausruhen, so sehe ich zugleich ein Stück meines Landes.«

»Gern geh' ich hinauf; es kann nicht mehr weit sein, wir waren früher ja ein paarmal dort!«

Sie erreichten eine Hochstelle, vor welcher das östlich und nördlich gelegene Land sich wirklich weithin ausbreitete und in den Schmelz des schönsten Ferneblaus verlor. Unter einer Gruppe hoher Tannenbäume nahm eine Ruhebank sie auf, und sogleich suchten die Augen zwischen den sanft hinziehenden Erhebungen und dazwischen sich schmiegenden Gefilden ihre Heimatgegenden, und sie glaubten an sonnigem Hange eine Kirche oder ein Schulhaus weißaufschimmernd zu sehen. Salander rief die Kinder herbei und zeigte ihnen das Land. »Ich habe gelesen, daß in den letzten Jahren in der Schule eine Art Heimatkunde eingeführt worden; wie steht es damit? Was liegt dorthin für ein Landesteil?«

Sie wußten noch nichts; nur das ältere Mädchen nannte das nächste, worin sie wohnten, den Bezirk Münsterburg, und wußte auch, das es zwölf solcher Bezirke gebe.

»Gut! diese nannte man früher Oberämter, noch früher Vogteien, ehemals Herrschaften und Grafschaften«; eine solche umriß er, mit dem Zeigefinger einen bedeutenden Teil des Horizontes entlangfahrend. Die geschichtlichen Erinnerungen wachten auf und schlossen sich aneinander, bis die Gegenwart daraus hervorging, und alles schien ihm das sichtbare Land noch mehr zu verklären.

»Die Neue Welt jenseit des Meeres«, sagte er zur Frau, nachdem die Kinder wieder weggesprungen, »ist wohl schön und lustig für Menschen ausgelebter und ausgehoffter Länder. Alles wird von vorn angefangen, die Leute sind gleichgültig, nur das Abenteuer des Werdens hält sie zusammen; denn sie haben keine gemeinsame Vergangenheit und keine Gräber der Vorfahren. Solange ich aber das Ganze unserer Volksentwicklung auf dem alten Boden haben kann, wo meine Sprache seit fünfzehnhundert Jahren erschallt, will ich dazu gehören, wenn ich es irgend machen kann! Ich ginge doch ungern wieder fort!«

»Ums Himmels willen, wie kommst du darauf?« rief Marie Salander erschreckt.

»Ich meine nur so, eben darum!« versetzte er möglichst gleichmütig, um zu verbergen, daß er just eine erste Andeutung des Entschlusses gewagt hatte, der in ihm aufdämmerte, ehe der Abend des zweiten Tages seiner Heimkehr da war.

Wochen auf Wochen vergingen, ohne daß Wohlwends Prozeß einen Schritt vorwärts rückte; er wußte große und kleine Gläubiger so zu bereden und zu verwirren, daß sie nicht schlüssig werden konnten, und schon war anzunehmen, daß das Jahr ohne Entscheidung ablaufen werde. Von alledem war Salander mit seiner Anweisung ausgeschlossen, welche anzuerkennen Wohlwend sich beharrlich weigerte. Es ging allerdings aus seinen Büchern hervor, daß er mit der Atlantischen Uferbank in Verkehr gestanden und von Zeit zu Zeit Wertsendungen in Wechseln erhalten, die er stets weiterbegeben haben wollte. Aus Rio de Janeiro war, wie die Sachen dort standen, zur Zeit kein Aufschluß erhältlich, und in Münsterburg weigerte sich nicht nur Wohlwend, sondern auch die Masse, Salanders Ansprüche zuzulassen.

Sein Anwalt glaubte, er würde am besten tun, die Reise nach Brasilien rasch nochmals zu verannehmen, um selbst an Ort und Stelle das Mögliche zu unterlassen, wobei ja die Kosten nicht im Verhältnisse zu dem großen Verluste ständen und durch gelegentliches Geschäft mehr als eingebracht werden könnten.

Diese Andeutungen reichten hin, den schon erwachten Gedanken festzumachen, das Glück aufs neue zu versuchen. Wenn er von dem Vermögensreste, der ihm geblieben, das Gut seinem Frau ausschied und sicherstellte, so konnte er mit dem übrigen und beim jetzigen Stande des Handelsverkehrs wohl wagen, die kürzlich abgebrochenen Verbindungen wieder aufzunehmen. Er getraute sich, das Verlorene in weit kürzerer Zeit einzubringen und überdies der Familie ihren regelmäßigen Unterhalt zukommen zu lassen.

Also bereitete er im stillen alles vor, erhielt auch von verschiedenen Häusern sogleich nützliche Anerbietungen, mietete für Frau und Kinder oder eigentlich für sich selbst mit eine bescheidene, aber anständige Wohnung und machte sich schließlich daran, der guten Marie die Sachlage zu eröffnen.

Obgleich die Dinge diesmal ungleich besser standen als bei der ersten Trennung, so wurde sie doch tieftraurig. Sie saßen am Fenster des Schlafzimmers sich gegenüber, durch welches Marie an jenem Morgen in ihrer Fassungslosigkeit den schönen Tag angerufen hatte.

»Als ich«, sagte sie nach einem Weilchen mit halber Stimme, »dort in der Ecke auf dem Boden saß, hast du mich ermahnt, ob das Geld denn das Einzige und Höchste sei, wonach der Mensch trachten könne. Du hast so rechtgehabt, Martin, daß ich dir nun das Wort zurückgeben möchte!«

»Es ist nicht der gleiche Fall!« erwiderte Martin, »es ist nicht dasselbe, ob wir wegen verlorener Güter verzagen oder ob wir verzichten wollen, mit frischer Tatkraft Verlorenes wieder zu erringen! Ich kenne nun einmal den Weg, soll ich ihn geflissentlich vermeiden? Denke an unsere Kinder, Marie!«

»Ach, ich denke eben an unsere Kinder! Müssen sie denn durchaus reich werden, um leben zu können?«

»Marie! Du hast ja erfahren, wie es kommen kann, wenn man nichts hat!«

Ohne hierauf zu antworten, fuhr sie fort: »Sieh, als wir im Walde droben auf der Bank saßen und in das heimatliche Land hinausschauten, da dachte ich bei mir selbst, es wäre vielleicht das beste für uns und die Kinder, wenn du dort herum wieder eine Schule übernehmen und der bösen Welt aus dem Wege gehen würdest! Mit dem Gelde, das du gerettet hast, wollten wir bequem auskommen und noch zurücklegen –«

Salander war durch die Rede seiner Gattin im alten Lehrergewissen getroffen, ohne daß sie es wußte; er war freilich ein Fahnenflüchtiger. Aber er ließ sie nicht ausreden, sondern faßte etwas krampfhaft ihre Hand: »Nach den Geniestreichen, die ich mit unserem Wohlerworbenen schon gemacht, begreife ich deinen Gedanken sehr gut, er ist billig und verständig! Aber ich kann nicht! Erstens würde ich kaum noch die nötige Übung und auch Erhaltung und Mehrung der Kenntnisse besitzen, um ohne weiteres ein Lehramt anzutreten, und zu einem Wiederholungskurs bin ich doch zu alt! Dagegen fühle ich mich noch jung genug, freiwirkend in der Welt zu stehen, wozu mich eben der Geist getrieben hat. Dazu brauche ich diejenige Unabhängigkeit, welche nur ein mäßiger Besitz verleiht; denn ein zu großer macht natürlich den Mann auch unfrei. Glaub nur, es wird mir gewiß noch gelingen! Ich werde nicht so lange fortbleiben, ein Teil der Geschäfte wird sich sogar hier abspielen und eine unvermutete Zwischenreise mit fröhlichem Wiedersehen nicht ausgeschlossen sein!«

»So nimm uns mit!« sagte sie mit brechender Stimme.

»Um euch Krankheit und Tod auszusetzen? Und dann geht es nicht, weil die Kinder hier im Lande geschult werden müssen.« Er nahm sie mit diesen Worten zärtlich in die Arme und hielt sie so lange, bis sie sich seinem Willensschlusse ergeben hatte.

Er besorgte nun zunächst den Umzug in die neue Wohnung, die so gelegen war, daß die Frau Salander allenfalls einem kleinen Warenhandel vorstehen konnte, den er von Brasilien aus eigens für sie zu unterhalten gedachte. Zu diesem Zwecke war im Erdgeschoß ein Magazin mit Schreibstübchen für die Frau Prokuraträgerin vorgesehen. Der Mann wollte auch sofort vorläufig eine Magd eintun mit der Mahnung, sobald notwendig, auch ein Gewerbsknechtlein zu beschaffen. Doch die Frau widersetzte sich ebenso vorläufig jeder Idee von Dienerschaft im Hause.

Als auch alles übrige verrichtet war, begleitete die kleine Familie den Martin Salander auf den Bahnhof, zu guter Zeit. Auch Herr Möni Wighart stellte sich um so pünktlicher ein, als er in der Restauration, den lustigen Verkehr des Frühherbstes betrachtend, eine Tasse kräftiger Fleischbrühe zu genießen pflegte. Er versprach dem Abreisenden, die Wohlwendsche Konkurssache unter der Hand zu beobachten und getreu zu berichten, was im Publikum vorgehe und geredet würde.

So fuhr Martin wieder den atlantischen Ufern zu.

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