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Martin Chuzzlewit

Charles Dickens: Martin Chuzzlewit - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMartin Chuzzlewit
publisherWeltbild GmbH
year2004
isbn393349788X
translatorGustav Meyrink
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060629
corrected20110726
projectid43f7a6ff
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8. Kapitel

Was alles Mr. Pecksniff und seinen beiden lieblichen Töchtern auf der Reise nach London passierte

Als Mr. Pecksniff und die beiden jungen Damen am Ende der Gasse in die schwerfällige Postkutsche stiegen, fanden sie zu ihrer großen Freude die Innenplätze unbesetzt, was ihnen um so angenehmer schien, als die Außensitze überfüllt waren und die Reisenden sehr erfroren aussahen. Denn, wie Mr. Pecksniff sehr richtig bemerkte – nachdem er und seine Töchter ihre Füße tief im Stroh eingegraben, sich selbst bis ans Kinn eingemummt und beide Fenster geschlossen hatten –, fühlt sich der Mensch bei rauhem Wetter um so behaglicher, je deutlicher ihm zum Bewußtsein kommt, daß andere frieren. Und das, sagte er, sei ganz natürlich und eine sehr schöne Einrichtung, die sich nicht bloß auf Kutschen beschränke, sondern auf viele Gebiete geselligen Lebens erstrecke. »Denn«, meinte er, »wenn jedermann im Warmen säße und Speise und Trank die Hülle und Fülle hätte, müßte man des Genusses entbehren, den Heldenmut zu bewundern, mit dem eine gewisse Menschenklasse Kälte und Hunger erträgt. Und wenn wir nicht besser daran wären als andere, wie wäre es mit unserer Dankbarkeit bestellt, die« – sprach Mr. Pecksniff mit Tränen in den Augen und drohte einem Bettler, der gerade hinten aufsitzen wollte, mit der Faust – »bekanntlich eines unserer edelsten Gefühle ist.«

Mit gebührender Ehrfurcht lauschten die beiden Schwestern diesen moralischen Belehrungen von den Lippen ihres Vaters und gaben durch ein Lächeln ihre Zustimmung zu erkennen. Um die heilige Flamme der Dankbarkeit desto besser in seiner Brust nähren zu können, bemerkte Pecksniff zu seiner ältesten Tochter, er müsse sie leider schon in der ersten Stunde ihrer Reise um die Rumflasche bemühen. Sodann sog er aus dem engen Halse dieses steinernen Gefäßes eine reichliche Erfrischung.

»Was sind wir?« fragte er schmatzend und stöpselte sie wieder zu. »Sind wir etwas anderes als Kutschen? Einige von uns gehören zu den langsamen –«

»O Gott, Pa!« rief Charitas.

»Einige von uns, sage ich«, wiederholte der Treffliche mit Nachdruck, »gehören zu den langsamen Kutschen, einige von uns sind Eilwagen. – Unsere Leidenschaften sind die Pferde – jedenfalls sich bäumende Tiere.«

»Wahrhaftig, Pa!« riefen die beiden Schwestern einstimmig. »Wie peinlich!«

»Jedenfalls sich bäumende Tiere!« beharrte Mr. Pecksniff so entschlossen auf seiner Ansicht, daß man hätte sagen können, er habe sich in diesem Augenblick selbst gewissermaßen moralisch gebäumt – »und die Tugend ist der Hemmschuh. Auf der Mutter Armen treten wir in die Welt und eilen der Grabschaufel zu.« Begreiflicherweise von dieser Kraftanstrengung sehr erschöpft, nahm Mr. Pecksniff eine weitere Erquickung und legte sich zurück, um drei Stationen weit zu schlafen.

Es gehört zu den Eigenheiten der Menschen, wenn sie in Kutschen schlafen, daß sie verdrießlich aufwachen und einander mit den Beinen inkommodieren, was um so peinlicher wirkt, je mehr Hühneraugen die Zehen zieren. Mr. Pecksniff, der von diesem gemeinsamen Lose der Menschheit keine Ausnahme machte, war, als er von seinem Schläfchen erwachte, so ausgesprochen das Opfer dieser Gebresten, daß er eine unwiderstehliche Neigung empfand, seine üble Laune an seinen beiden Töchtern auszulassen. Auch hatte er bereits begonnen, sie in Form aufs Geratewohl geführter Fußtritte und anderer schwer zu parierender pedestrischer Attacken an den Tag zu legen, als die Kutsche plötzlich anhielt und nach einer kurzen erwartungsvollen Pause der Schlag aufgerissen wurde.

»Aber wohlgemerkt«, rief eine dünne scharfe Stimme aus der Dunkelheit, »ich und mein Sohn nehmen Innenplätze nur, weil das Dach voll ist, bezahlen aber bloß für Außenplätze. Abgemacht, was?«

»Sehr wohl, Sir«, erwiderte der Schaffner.

»Ist schon jemand drin?« forschte die Stimme.

»Drei Passagiere.«

»Dann bitte ich die drei Passagiere, mir diese Abmachung zu bezeugen, wenn sie so gut sein wollen«, sagte die Stimme. »Mein Junge, ich glaube, wir können jetzt unbesorgt einsteigen.«

Gleich darauf nahmen zwei Personen in dem Fuhrwerke Platz, das laut feierlichem Parlamentsakt autorisiert war, sechs Personen – vorausgesetzt, daß ihr Leibesumfang es zuließ, den Wagenschlag zu passieren – von Station zu Station zu befördern.

»Das war ein Glück« flüsterte der alte Mann, als die Kutsche wieder weiterfuhr. »Sehr politisch von dir, mein Junge, daß du es gleich bemerktest. – Hi, hi, hi! Wir hätten doch gar keinen Außensitz nehmen können. Ich wäre an Rheumatismus gestorben.«

Ob es dem pflichtgetreuen Sohn vielleicht einfiel, er habe durch unbeabsichtigte Verlängerung der Lebenstage seines Vaters gewissermaßen übers Ziel hinausgeschossen, oder ob dies so verstimmend auf ihn wirkte, ließ sich schwer feststellen. – Jedenfalls gab er seinem Vater einen derartigen Rippenstoß als Antwort, daß dieser einen Hustenanfall erlitt, der volle fünf Minuten ohne Unterlaß währte und schließlich Mr. Pecksniff zu der heftigen Äußerung reizte:

»Da hört sich denn doch alles auf! Leute, die sich den Kopf erkältet haben, gehören hier nicht herein!«

»Bei mir«, entgegnete der alte Mann nach einer kurzen Pause, »sitzt die Erkältung nicht im Kopf, sondern auf der Brust, – Pecksniff.«

Die Stimme, der Tonfall, die Anwesenheit des halbwüchsigen schweigsamen Burschen und die Nennung seines Namens – alles verriet Mr. Pecksniff sofort, wer da eingestiegen war.

»Hm! Ich meinte, es sei ein Fremder«, brummte er und kehrte sofort zu seiner gewohnten Milde zurück, »und jetzt sehe ich einen Verwandten vor mir. – Mr. Anthony Chuzzlewit und sein Sohn, Master Jonas«, erklärte er seinen Töchtern. »Sie werden mir eine scheinbar rauhe Bemerkung verzeihen. Ich wünsche nicht, die Gefühle wessen immer, zumal, wenn ich mit dem Betreffenden durch Familienbande verkettet bin, zu verletzen. – Ich mag zwar ein Heuchler sein«, sagte er spitzig, »bin aber kein Unmensch.«

»Puh, puh!« krächzte der alte Mann. »Was besagt denn das Wort, Pecksniff? Heuchler! Wir sind doch alle Heuchler. Unlängst waren wir alle Heuchler. Ich dachte, wir wüßten das alle ganz genau, sonst hätte ich Sie nicht so tituliert. Wir würden doch gar nicht zusammengekommen sein, wenn wir nicht Heuchler gewesen wären. Der einzige Unterschied zwischen Ihnen und den übrigen war – soll ich Ihnen den Unterschied sagen, Pecksniff?«

»Wenn Sie so gut sein wollen, mein guter, werter Herr, bitte, sagen Sie es nur.«

»Also, die widerwärtigste Eigenschaft an Ihnen ist, daß Sie bei Ihren Tiraden sozusagen nie einen Partner haben. Sie möchten am liebsten alle täuschen, sogar diejenigen, die selbst die Kunst praktizieren. Und dann haben Sie so eine Art, als ob Sie – hi, hi, hi – als ob Sie womöglich selbst glaubten, was Sie sagen. Wenn das Wetten meine Sache wäre, was jedoch nicht der Fall ist und nie der Fall war«, versicherte der Alte, »so möchte ich eine schöne Summe einsetzen, daß Sie, so gewissermaßen in stillem Einverständnis, sogar vor Ihren Töchtern hier den Schein wahren. Sehen Sie, wenn ich dagegen ein derartiges Geschäftchen vorhabe, so sage ich Jonas ruhig, was es ist, und wir sprechen ganz offen darüber. – Sie sind doch nicht am Ende beleidigt?«

»Beleidigt, mein werter Herr!« rief Mr. Pecksniff strahlend, als ob man ihm das größte Kompliment gemacht hätte.

»Reisen Sie nach London, Mr. Pecksniff?« mischte sich Master Jonas ein.

»Ja, so ist es, wir reisen nach London. Hoffentlich werden wir doch den ganzen Weg über das Vergnügen Ihrer Gesellschaft haben?«

»Na, ich dächte, Sie sollten da lieber meinen Vater fragen«, erwiderte Jonas. »Wissen Sie, ich möchte mich nicht gern verschnappen.« Begreiflicherweise fand Mr. Pecksniff diese Antwort äußerst humoristisch. Nachdem sich seine Heiterkeit ein wenig gelegt hatte, gab ihm Jonas zu verstehen, daß er und sein Vater allerdings nach Hause in die Hauptstadt reisten und daß sie seit jenem denkwürdigen Familientag sich in der Umgebung aufgehalten hätten, um einige Geldgeschäfte abzumachen, die sie gleich bei ihrem Herwege im Auge gehabt. Denn, sagte Mr. Jonas, es sei ihre Gewohnheit, womöglich immer zwei Fliegen mit einem Klapps zu erschlagen und nie einen Kreßling wegzuwerfen, außer um einen Walfisch zu ködern. Nachdem er Mr. Pecksniff so gründlich belehrt, schlug er ihm vor, mit ihm den Platz zu wechseln, wenn er nichts dagegen habe, um mit den »Mädeln« ein bißchen plaudern zu können. Da Mr. Pecksniff bereitwillig darauf einging, kam Jonas gleich darauf in der anderen Ecke neben der schönen Miss Gratia zu sitzen.

Die Erziehung des Mr. Jonas war von seiner Wiege an äußerst zielbewußt gewesen. Das erste Wort, das er buchstabieren lernte, war »Geld«, und das zweite (beim Übergang zu den zweisilbigen) »Gewinn«. Dieses Erziehungssystem hätte vollendet genannt werden können, wenn es nicht zu zwei Nebenprodukten geführt hätte, die sein wachsamer Vater wahrscheinlich nicht ganz klar vorausgesehen hatte. Diese unheilvollen Resultate waren erstens, daß Jonas, so lange von seinem Erzeuger darauf dressiert, jedermann zu übervorteilen, unmerklich den Hang angenommen hatte, auch seinen ehrwürdigen Lehrer zu begaunern, und zweitens, daß er – gemäß früh erworbener Gewohnheit, alles als Eigentumsfrage anzusehen – zuletzt auch seinen Vater als ein gewisses Kapital betrachtete, das kein Recht hatte, zu zirkulieren, und unbedingt so bald wie möglich festzulegen sei – in diesem Falle in der Kassa, die man gemeinhin »Sarg« zu nennen pflegt.

»Nun, Cousine«, sagte Mr. Jonas, »Sie wissen doch, daß wir entfernt miteinander verwandt sind – Sie gehen also nach London, so so?«

Miss Gratia bejahte und zwickte dabei, ausgelassen kichernd, ihre Schwester in den Arm.

»Massenhaft junge schöne Herren in London, Cousine!« fuhr Mr. Jonas fort und rückte ein wenig mit dem Ellenbogen näher. »Wirklich, Sir?« rief die junge Dame. »Nun, hoffentlich werden sie uns nicht inkommodieren.«

Und nachdem sie mit großer Sittsamkeit diese Antwort gegeben, wurde sie so sehr von ihrer Heiterkeit überwältigt, daß sie das Lachen im Schal ihrer Schwester verbeißen mußte.

»Aber Grazy«, rief die verständigere junge Dame. »Wirklich, ich muß mich deiner schämen! Wie kannst du dich nur so aufführen, du wildes Ding!«

Miss Gratia lachte daraufhin natürlich nur noch um so mehr.

»Ich habe schon neulich eine gewisse Ausgelassenheit in ihrem Blick bemerkt«, wendete sich Mr. Jonas zu Charitas. »Ja, Sie haben es hinter den Ohren. Wahrhaftig ja – Cousine.«

»Ach, die altmodische Vogelscheuche!« murmelte Gratia. – – »Liebste Cherry, auf mein Wort, du mußt dich neben ihn setzen. Ich sterbe, wenn er so weiterspricht – ja, wahrhaftig!«

Und um dieses schreckliche Ereignis von sich abzulenken, sprang die quecksilberne junge Dame von ihrem Sitze auf und drückte ihre Schwester auf den eben verlassenen Platz.

»Brauchen sich nichts daraus zu machen, wenn Sie mich auch ein bißchen drücken«, rief Mr. Jonas. »Ich hab das bei Mädeln ganz gern. Kommen Sie nur noch näher, Cousine!«

»Nein, nein, ich danke, Sir«, versetzte Charitas.

»Da lacht die natürlich schon wieder«, sagte Mr. Jonas, »und mir scheint gar, über meinen Vater. Na, wie wird das erst werden, wenn er seine alte Flanellnachtmütze aufsetzt! – – Sagen Sie, ist's mein Vater, der da drüben so schnarcht, Pecksniff?«

»Ja, Mr. Jonas.«

»Möchten Sie nicht so gut sein und ihm auf den Fuß treten?« fragte der junge Gentleman. »Grad in dem Haxen neben dem Ihrigen hat er die Gicht.«

Da Mr. Pecksniff zögerte, dieser menschenfreundlichen Aufforderung nachzukommen, tat es Mr. Jonas selbst und schrie dabei:

»Heda, Vater, wach auf, sonst kriegst du wieder das Alpdrücken und schreist los. – Haben Sie je schon mal Alpdrücken gehabt, Cousine?« fragte er seine Nachbarin mit der ihm charakteristischen Galanterie und dämpfte seine Stimme wieder. »Bisweilen«, antwortete Charitas, »nicht oft.«

»Und die drüben? Was? Hat sie schon mal Alpdrücken gehabt?«

»Ich weiß es nicht«, versetzte Charitas. »Fragen Sie sie doch selbst.«

»Man kann doch mit ihr nicht reden«, knurrte Jonas. »Sie lacht doch in einem fort. Hören Sie nur, da bricht sie schon wieder los! Was denn, Sie! Sie sind halt die verständigere Cousine!«

»Ach, gehen Sie, Sie Schlimmer«, rief Charitas.

»Ja, ja, was wahr ist, ist wahr! Sie wissen's doch selber auch.«

»Gratia ist ein bißchen lebhaft«, gab Miss Charitas zu. »Aber sie wird mit der Zeit schon gesetzter werden.«

»Na, das wird wohl hübsch lang brauchen, wenn's überhaupt glückt«, meinte Jonas. »Machen Sie sich doch ein bißchen breiter.«

»Ich fürchte nur, ich drücke Sie«, zierte sich Charitas, kam aber trotzdem seiner Aufforderung nach.

Nach ein paar Bemerkungen über den »entsetzlichen Rumpelkasten« mit seinem ewigen Haltmachen trat ein Stillschweigen ein, das bis zur Abendessenszeit von niemandem in der Gesellschaft unterbrochen wurde.

Obgleich Mr. Jonas seine Cousine Charitas in der Station zu Tisch führte und sich neben sie setzte, so schielte er doch ziemlich deutlich auch auf »die andere«. Er blickte recht oft nach Gratia hinüber und schien Vergleiche zwischen den beiden Schwestern anzustellen, die – wahrscheinlich infolge der üppigeren Körperformen – zugunsten der jüngeren ausfielen. Besonders viel Zeit nahm er sich indes nicht zu diesen Betrachtungen, da ihn das Souper zu sehr interessierte, das, wie er seiner schönen Gefährtin ins Ohr flüsterte, á la table d'hôte berechnet werde; – je mehr man daher esse, desto besser käme man dabei auf die Spesen. Sein Vater und Mr. Pecksniff gingen vermutlich nach demselben Prinzip vor – wenigstens richteten sie unter allen Speisen, die in ihren Bereich kamen, so gewaltige Verheerungen an, daß ihre Gesichter bald in Fettglanz erstrahlten.

Als sie auch mit dem besten Willen keinen Bissen mehr essen konnten, bestellten sowohl Mr. Pecksniff als Mr. Jonas zweimal für je sechs Pence Grog, da der umsichtige junge Gentleman erklärte, sie kämen dabei wegen des Eichmaßes besser weg, als wenn sie zusammen für zwölf Pence Brandy in einer Flasche kommen ließen. Nachdem sich Mr. Pecksniff seinen Anteil an der belebenden Flüssigkeit einverleibt hatte, begab er sich unter dem Vorwande, nach der Kutsche sehen zu wollen, heimlich zum Ausschank und ließ sich seine kleine Flasche füllen, um sich auf der Weiterfahrt in der Finsternis unbemerkt nach Muße erquicken zu können.

Als die Kutsche wieder reisefertig war, nahmen alle ihre alten Plätze wieder ein und rumpelten weiter. Ehe sich jedoch Mr. Pecksniff zu einem Schläfchen anschickte, hielt er es noch für angezeigt, sich einer Art Dankgebet mit folgenden Worten zu entledigen:

»Der Verdauungsprozeß ist, wie ich mir von anatomischen Freunden sagen ließ, eine der wundervollsten Einrichtungen der Natur. Ich weiß nicht, wie es bei anderen sein mag – aber ich empfinde es stets als eine große Genugtuung, zu wissen, daß ich durch einfaches Zumirnehmen eines frugalen Mahles die schönste Maschinerie in Gang setze, von der wir Kunde haben. Es ist mir zu solchen Zeiten in der Tat, als ob ich einen allgemeinen öffentlichen Dienst verrichte. Wenn ich – gestatten Sie diesen Ausdruck – mich selber aufgezogen habe«, sagte Mr. Pecksniff voll Innigkeit, »und weiß, daß ich gehe: so fühle ich gleichsam an der Lehre, die das Uhrwerk mir gibt, wie sehr ich mich als Wohltäter meiner Gattung betätige.«

Dagegen ließ sich nichts einwenden, und da auch niemand einen Versuch dazu machte, schickte sich Mr. Pecksniff, erfüllt von dem Bewußtsein seines moralischen Nutzens, wieder zum Schlaf an.

Der Rest der Nacht wurde wie bisher verbracht; Mr. Pecksniff und der alte Anthony stießen fleißig mit den Köpfen zusammen und wachten dann jedesmal erschreckt auf, oder sie drückten ihre Gesichter in die Wagenecken und tätowierten sie sich im Schlaf mit dem Muster der Polsterung. Passagiere stiegen ein und aus, frische Pferde wurden vorgespannt, ausgespannt und abermals vorgespannt, kurz, die Reise schien kein Ende nehmen zu wollen. Endlich fing die Kutsche an, über ein gräßlich unebenes Pflaster zu holpern und zu poltern. – Mr. Pecksniff erwachte, sah aus dem Fenster und stellte fest, daß es Morgen sei und sie sich an Ort und Stelle befänden.

Sehr bald darauf hielt die Diligence vor dem Postbureau in der City, und die Straße war bereits so belebt, daß Mr. Pecksniffs Worte hinsichtlich des »Morgens« reichlich bestätigt schienen, trotzdem es, nach dem Aussehen des Himmels zu schließen, ebensogut noch Mitternacht hätte sein können. So dichter Nebel lag, daß es ihnen schien, als befänden sie sich in einer Wolkenstadt, zu der sie die lange Nacht hindurch an einer traumhaften magischen Bohnenstange emporgeklettert seien; – und auf dem Pflaster lag eine dicke Paste, die wie Ölschmiere aussah und von einem der Außenpassagiere – fraglos einem Wahnsinnigen – für – – Schnee erklärt wurde.

Mr. Pecksniff verabschiedete sich hastig von Anthony und seinem Sohn und ließ sein und seiner Töchter Gepäck in dem Postbureau, von wo es später abgeholt werden sollte. Dann rannte er wie besessen, eine Tochter an jedem Arm, über alle möglichen Straßen hinüber, die sonderbarsten Sackgassen und Höfe hinauf und hinunter, unter den finstersten Bogengängen weg – bald hüpfte er über eine Gosse, dann riß er wieder aus, um nicht überfahren zu werden, – bald war er der Meinung, den Weg verloren zu haben, dann wieder richtig zu gehen, das eine Mal voll hoher Zuversicht, das andere Mal aufs äußerste verzagt. Aber stets schwitzte er wie ein Braten und lief wie ein Windhund, bis sie endlich in einer Art gepflastertem Hof in der Nähe des Monumentes haltmachten. Das heißt, Mr. Pecksniff behauptete es, denn von dem Monument selbst konnten sie so wenig sehen, als hätten sie in Salisbury mit verbundenen Augen Blindekuh gespielt.

Mr. Pecksniff spähte einen Augenblick umher, dann klopfte er an die Tür eines Hauses, das sogar unter den auserlesen schmutzigen Gebäuden in der Nähe sich dieses Prädikats in superlativo erfreute. Davor hing eine kleine ovale Tafel, wie ein Teebrett, mit der Aufschrift »Logier- und Speisehaus für Handelsbeflissene von M. Todgers«.

M. Todgers schien noch nicht auf zu sein, wenigstens klopfte Pecksniff zweimal und klingelte dreimal, ohne daß dies auf irgendein lebendes Wesen, einen Hund über der Straße drüben ausgenommen, den geringsten Eindruck gemacht hätte. Endlich wurden eine Kette und etliche Riegel mit rostigem Kreischen zurückgeschoben – als ob das Wetter sogar das Metall heiser gemacht hätte –, es erschien ein kleiner Junge mit einem großen roten Kopf, einer Nase, die nicht der Rede wert war, und einem sehr kotigen Krempstiefel über dem linken Arm und rieb sich in seiner Überraschung die erwähnte Nase mit dem Rücken einer Schuhbürste.

»Noch im Bett, mein Junge?« fragte Mr. Pecksniff.

»Noch im Bett!« antwortete der Kleine. »I wollt, sie wären noch alle im Bett. – Alles schreit auf amal nach die Stiefeln. I hab gemoant, Sie san dö Zeidung und hab mi gwundert, warum Sös net wie sunst durchs Gitter schieben. Was wollen S' denn?«

In Anbetracht seines noch sehr zarten Alters hätte man die Art, wie der Knabe diese Frage vorbrachte, finster, ja fast trotzig nennen können, aber Mr. Pecksniff nahm keinen Anstoß daran und steckte ihm eine Karte in die Hand mit der Weisung, sie hinaufzutragen und ihm und seinen Töchtern ein geheiztes Zimmer anzuweisen. »Oder wenn das Speisezimmer geheizt ist«, setzte Mr. Pecksniff hinzu, »tut's das inzwischen auch.«

Sodann führte er – da letzteres der Fall war – seine Töchter ohne weitere Umstände in ein Parterrezimmer, wo bereits der Tisch mit einem etwas knapp bemessenen Tuch darüber für das Frühstück gedeckt, das heißt mit einem großen Teller voll gesottenen, nelkenroten Ochsenfleisches, einem jener Brote von ausgezeichneter Beschaffenheit, die im Volksmunde sich des Namens »Pfennigmuggel« erfreuen, sowie einem reichlichen Vorrat von Unter- und Obertassen geschmückt war.

In dem Kamingitter staken ein halbes Dutzend Paar Schuhe und Stiefel von verschiedener Größe, soeben gereinigt – und mit den Sohlen nach oben gekehrt, um den Trockenprozeß zu beschleunigen; – desgleichen ein Paar kurze schwarze Gamaschen, auf deren einer mit Kreide die Worte »Eigentum Mr. Jinkins'« standen, während die andere eine Profilskizze – wahrscheinlich ein Porträt Mr. Jinkins' – aufwies – beides vermutlich ein Scherz eines Gentlemans, der zu diesem Zweck seine Toilette unterbrochen haben, heruntergeschlichen und nach vollbrachter Tat wieder auf sein Zimmer zurückgeeilt sein mochte.

M. Todgers' Logier- und Speisehaus für Handelsbeflissene war ohne allen Zweifel zu jeder Tagesstunde ein dunkles Quartier, an diesem Morgen aber ganz besonders finster. In der Flur herrschte ein sonderbarer Geruch vor, als ob die konzentrierte Essenz aller Mittagsmahle, die seit Erbauung des Hauses hier gekocht worden, oben auf der Küchentreppe spuke und sich, wie der schwarze Mönch im Don Juan, nicht wolle vertreiben lassen. Besonders stach ein gewisser Kohlduft hervor, wie wenn sämtliche Gemüse, die je hier bereitet worden, gewissermaßen als Immergrün unausrottbar weiterblühten. Das Speisezimmer war getäfelt und erfüllte den Fremdling mit der instinktiven Ahnung einer zahlreichen Anwesenheit von Ratten und Mäusen. Die außerordentlich finstere und breite Stiege hatte so dicke und schwere Geländer, daß man sie ruhig als Brücke hätte verwenden können. In einer dunkeln Ecke auf dem ersten Treppenabsatz stand eine riesige mürrische alte blinde Wanduhr mit einem widersinnigen Ornament von drei Messingkugeln auf dem Kopf, die nur zu dem Zweck laut zu ticken schien, um unvorsichtige Leute zu warnen, sich an ihr nicht den Kopf anzurennen. Seit Menschengedenken war kein Tüncher oder Tapezierer zu Todgers gekommen, was deutlich aus dem schwarzen, staubigen Aussehen der Wände hervorging. Oben im Treppenhause schielte ein altes und auf jede mögliche Art verklebtes und geflicktes Deckenfenster auf alles, was unten vorging, mißtrauisch herunter und verlieh Todgers' Etablissement das Aussehen eines zur Zucht menschlicher Mißgeburten bestimmten Gurkenmistbeetes.

Mr. Pecksniff und seine lieblichen Töchter hatten noch keine zehn Minuten an dem wärmenden Kamin gestanden, als sich Fußtritte auf der Treppe vernehmen ließen und gleich darauf die präsidierende Gottheit der Anstalt ins Zimmer geeilt kam. Mrs. Todgers war eine Dame von etwas knöchernem und hartzügigem Äußern, mit einer Reihe von Locken an der Vorderfassade ihres Kopfes, die wie kleine Bierfäßchen aussahen, und darüber – als Abschluß – eine schwarze Spinnenwebe als Kopfputz. Sie trug ein Körbchen am Arm, nach dem Klirren zu schließen, mit Schlüsseln gefüllt. In der anderen Hand hielt sie eine brennende Talgkerze, die sie, nachdem sie Mr. Pecksniff einen Augenblick bei Licht gemustert, auf den Tisch niedersetzte, um ihre Gäste mit desto größerer Herzlichkeit willkommen heißen zu können.

»Oh, Mr. Pecksniff!« rief Mrs. Todgers. »Willkommen in London! Wer hätte an einen solchen Besuch gedacht nach so – o Gott! – nach so vielen Jahren! Wie geht es Ihnen, Mr. Pecksniff?«

»So gut wie immer; und stets freue ich mich von neuem, wenn ich Sie sehe«, antwortete Mr. Pecksniff. »Wahrhaftig, Sie sind in der Zwischenzeit noch jünger geworden!«

»Das könnte man von Ihnen behaupten!« entgegnete Mrs. Todgers. »Sie haben sich wirklich nicht im mindesten verändert.«

»Nun, und was sagen Sie dazu?« rief Mr. Pecksniff und wies auf die beiden jungen Damen. »Macht mich das nicht älter?«

»Doch nicht Ihre Töchter?« rief Mrs. Todgers und erhob staunend die Hände. »Nein, nein, Mr. Pecksniff! Ihre zweite Frau und deren Brautjungfer!«

Mr. Pecksniff lächelte geschmeichelt, schüttelte den Kopf und erwiderte: »Meine Töchter, Mrs. Todgers, tatsächlich meine Töchter.«

»Ach!« seufzte die gute Dame. »Ich muß es Ihnen wohl glauben. Und jetzt, wo ich sie genauer betrachte, wundere ich mich, daß ich sie nicht gleich erkannt habe. – – Wirklich, meine lieben Misses Pecksniff, Sie glauben gar nicht, wie glücklich mich Ihr Papa gemacht hat, daß er Sie mitbrachte.«

Und überwältigt von ihren Gefühlen – oder von der rauhen Morgenluft – zog sie ein kleines Taschentuch aus dem Körbchen und führte es an die Augen.

»Meine gute Madame«, nahm Mr. Pecksniff das Wort, »ich kenne Ihre Hausregeln und weiß, daß Sie nur Herren in Pension nehmen. Aber, als ich meine Reise antrat, überlegte ich, ob Sie nicht doch vielleicht mit meinen Töchtern eine Ausnahme machen würden.«

»Vielleicht?!« rief Mrs. Todgers in Ekstase. »Vielleicht?!«

»So will ich denn sagen, ich sei überzeugt davon gewesen«, verbesserte Mr. Pecksniff. »Ich weiß, daß Sie ein kleines Privatzimmer haben, und da könnten meine Töchter vielleicht Unterkunft finden, ohne an der allgemeinen Tafel erscheinen zu müssen.«

»Ihr lieben Mädchen!« rief Mrs. Todgers. »Ich muß mir noch einmal die Freiheit nehmen.«

Darunter verstand sie, sie müsse die beiden jungen Damen noch einmal umarmen; – was sie denn auch mit großer Wärme tat. – Eigentlich nur, um Zeit zu gewinnen, denn augenblicklich war das ganze Haus bis auf ein einziges Bett besetzt, das jetzt überdies für Mr. Pecksniff hergerichtet werden mußte. – Das Problem, wo die beiden Mädchen untergebracht werden sollten, war so schwierig zu lösen, daß Mrs. Todgers noch eine ganze Weile nach dieser zweiten Umarmung gedankenverloren – halb Zärtlichkeit, halb Berechnung im Auge – dastehen mußte.

»Ich denke, es wird sich machen lassen«, sagte sie endlich. »Ein Schlafdiwan in dem dritten kleinen Zimmer rechts – ach, ihr lieben, lieben Mädchen!«

Und abermals umarmte sie die beiden Misses Pecksniff und bemerkte sodann, sie könne wahrhaftig nicht angeben, welche von ihnen der seligen Frau Mama – sie hatte diese nie gesehen – ähnlicher sei. Sie glaube, die jüngere. – Schließlich fragte sie, da die Herren gleich herunterkommen würden, ob es den Damen, die gewiß von der Reise sehr müde sein müßten, nicht beliebe, sich inzwischen in ihr eigenes Privatzimmer zu begeben. Es läge im gleichen Stockwerk, ginge hinten hinaus und habe, wie besonders hervorzuheben, den in London nicht zu unterschätzenden Vorteil, daß es kein Visavis besäße, wie die Damen bemerken würden, wenn sich der Nebel verziehe. Das war auch durchaus nicht aufgeschnitten; denn die Aussicht von dort betrug höchstens zwei Fuß und erstreckte sich auf eine braune Mauer mit einem schwarzen Wasserreservoir darauf. In das anstoßende Schlafzimmer der jungen Damen gelangte man durch eine äußerst bequeme kleine Türe – sie ging nur auf, wenn sich eine kräftige Person mit voller Wucht dagegen warf – und konnte von dort den Ausblick auf eine andere Ecke der Mauer und eine andere Seite des Wasserreservoirs genießen. »Nicht die feuchte Seite«, erklärte Mrs. Todgers, »die hat Mr. Jinkins.« In dem ersten dieser Sanktuarien wurde unverzüglich Feuer gemacht, und zwar von dem jugendlichen Portier, der inzwischen beim Stiefelputzen laut gepfiffen, sich abwechslungsweise mit Kohle Ornamente auf die Hosen gezeichnet und sich infolgedessen – dabei von Mrs. Todgers unglücklich-unseligerweise ertappt – eine kräftige Ohrfeige zugezogen hatte. Nachdem sodann die Gnädige den jungen Damen eigenhändig das Frühstück bereitet hatte, entfernte sie sich, um im Speisezimmer den Vorsitz zu übernehmen, wo der bereits erwähnte auf Mr. Jinkins' Kosten ausgeführte Spaß einen etwas geräuschvollen Auftritt herbeigeführt zu haben schien. »Ich darf euch wohl nicht fragen, meine Lieben«, sagte Mr. Pecksniff zur Türe hereinsehend, »wie euch London gefällt? Oder?«

»Wir haben noch recht wenig davon gesehen, Pa«, klagte Grazy. – »Eigentlich gar nichts!« schmollte Cherry.

»Das ist freilich wahr«, gab Mr. Pecksniff zu. »Aber wir haben ja auch unser Vergnügen und nicht nur unser Geschäft noch vor uns; alles zu seiner Zeit. Alles zu seiner Zeit.«

Ob Mr. Pecksniffs Geschäfte in London wirklich so eng mit seinem Berufe zusammenhingen wie er seinem neuen Schüler zu verstehen gegeben, auch das wird sich »zu seiner Zeit« zeigen.

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