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Martin Chuzzlewit

Charles Dickens: Martin Chuzzlewit - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMartin Chuzzlewit
publisherWeltbild GmbH
year2004
isbn393349788X
translatorGustav Meyrink
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060629
corrected20110726
projectid43f7a6ff
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6. Kapitel

Enthält nebst wichtigen Pecksniffschen und architektonischen Dingen einen ausführlichen Bericht über die Fortschritte, die Mr. Pinch in dem Vertrauen und der Freundschaft des neuen Zöglings machte

Es war Morgen, und die schöne Aurora, von der schon so viel geschrieben, gesagt und gesungen worden, zupfte mit ihren Rosenfingern Miss Pecksniff an der Nase. Die rosenfarbene Göttin hatte nun einmal schon die Gewohnheit, die schöne Cherry jeden Morgen so zu begrüßen, oder, prosaischer ausgedrückt, die Nasenspitze des süßen Mädchens war jedesmal um die Frühstücksstunde lebhaft gerötet, sozusagen: frostig; während sich ein ähnliches Phänomen in der Laune der jungen Dame zeigte, die dann etwas scharfer und sauertöpfischer Qualität war und etwas Essigartiges hatte.

Diese überschüssige Säure führte gewöhnlich zu allerhand kleinen Folgen, als da waren: bedeutende Verwässerung von Mr. Pinchs Tee, ungewöhnliche Verkürzung seiner Person hinsichtlich der Butter und dergleichen. Am Morgen nach dem Empfangsbankett jedoch ließ sie ihn so frei und ungehindert mit Speise und Trank schalten und walten, daß er förmlich in Verwirrung geriet und sich wie ein unglücklicher Gefangener vorkam, der erst im hohen Alter seine Freiheit wiedererlangt und von ihr keinen rechten Gebrauch mehr zu machen weiß. Es fehlte ihm die gütige Hand, die ihm sonst immer sein Scheibchen Brot abschnitt, ihn hinsichtlich des Zuckers mit einem Stückchen abspeiste oder ihm die übrigen so liebgewordenen kleinen Aufmerksamkeiten erwies. Auch lag etwas fast Schauerliches in der Ungeniertheit des neuen Zöglings, der mit der größten Kaltblütigkeit Mr. Pecksniff um das Brot »bemühte« und sich sogar zu einer Schnitte von dem ausschließlich dem Herrn vom Hause reservierten Privatschinken verhalf. Und dabei schien er überdies zu glauben, das alles sei ganz in der Ordnung und sein Kollege werde seinem Beispiele folgen. Wenigstens ging das deutlich aus seiner Bemerkung hervor, »warum er denn nicht esse?« – Ein Wort, so inhaltsschwer und fürchterlich, daß Tom unwillkürlich die Augen niederschlug und sich wie ein Frevler an Mr. Pecksniffs Güte vorkam. Wirklich, das Entsetzen, eine so rücksichtslose Bemerkung vor der versammelten Familie an sich gerichtet zu wissen, mußte an sich schon wie ein Frühstück wirken. Der Bissen quoll ihm im Munde, obgleich er vielleicht noch nie so hungrig gewesen war wie gerade heute.

Die jungen Damen jedoch und auch Mr. Pecksniff blieben trotz dieser schweren Prüfung unverändert guter Laune, und es schien eine Art geheimen Einverständnisses unter ihnen zu herrschen. Als das Frühstück beinahe vorüber war, erklärte Mr. Pecksniff lächelnd die Ursache dieser allgemeinen Fröhlichkeit.

»Es geschieht nicht oft, Martin«, sagte er, »daß wir – meine Töchter und ich – unser ruhiges Haus verlassen, um uns in den Wirbel von Lustbarkeiten, die es draußen in der Welt gibt, zu stürzen. Aber heute gedenken wir es dennoch zu tun.«

»Wirklich, Sir?« rief der neue Schüler.

»Ja«, versetzte Mr. Pecksniff und klopfte auf einen Brief, den er seiner Brusttasche entnommen hatte. »Ich bin nach London bestellt. – In Berufsangelegenheiten, mein lieber Martin; – in Berufsangelegenheiten. Ich habe nun meinen Mädchen schon lange versprochen, sie mitzunehmen, wenn wieder einmal ein solcher Auftrag an mich erginge. Wir fliegen heute abend mit der Landkutsche aus – wie weiland Noahs Taube, mein lieber Martin –, und es wird wohl eine Woche vergehen, ehe wir unsre Ölzweige wieder in der Flur abladen. Wenn ich sage: ›Ölzweige‹«, erklärte Mr. Pecksniff, »so verstehe ich darunter unser bescheidenes Reisegepäck.«

»Ich hoffe, die jungen Damen werden viel Vergnügen auf ihrem Ausfluge haben«, sagte Martin.

»Oh, das können Sie sich denken!« rief Gratia und klatschte in die Hände. »Denk nur, Cherry, Herzensschwester: London! – Schon der Gedanke!«

»Feuriges Kind!« säuselte Mr. Pecksniff träumerisch. »Und doch liegt eine wehmütige Süßigkeit in diesen jugendlichen Hoffnungen! Es liegt etwas Angenehmes darin, zu wissen, daß sie nie in Erfüllung gehen können. Ich erinnere mich noch wie heute, daß ich in den Tagen meiner Kindheit wähnte, die Mixed Pickles wüchsen auf den Bäumen und jeder Elefant würde mit einer unbezwingbaren Burg auf dem Rücken geboren. Dann fand ich, daß sich die Sache anders verhielt; – und doch waren mir diese Phantasiegebilde ein Trost und eine Stärkung in den Stunden der Anfechtung. Selbst als ich die schmerzliche Entdeckung machen mußte, ich habe eine Viper am Busen genährt und nicht einen menschlichen Zögling, selbst in diesen schmerzvollen Stunden haben sie mich aufrechterhalten.«

Bei dieser schrecklichen Anspielung auf John Westlock quoll Mr. Pinch abermals der Bissen im Munde, denn er hatte erst heute morgen einen Brief von ihm erhalten, was Mr. Pecksniff natürlich recht gut wußte.

»Sie werden achtzugeben haben, mein lieber Martin«, sagte Mr. Pecksniff, seinen frühern heitern Ton wieder aufnehmend, »daß das Haus in unsrer Abwesenheit nicht davonläuft. Wir übergeben alles Ihrer Obhut. Wir haben kein Geheimnis vor Ihnen. Alles liegt frei und offen da. Nicht wie bei dem jungen Mann im morgenländischen Märchen. Nicht wie diesem, mein lieber Martin, ist es Ihnen verboten, gewisse Winkel dieses Hauses zu betreten. Sie werden im Gegenteile ersucht, sich's überall so bequem zu machen, wie Sie nur wollen. Seien Sie fröhlich und lassen Sie sich's gutgehen, lieber Martin, und schlachten Sie meinetwegen auch das Mastkalb!«

Ohne Zweifel hatte also der Treffliche durchaus nichts dagegen, wenn der junge Mann was immer für ein Kalb im Hause, fett oder mager, schlachtete und briet; da indes zufälligerweise kein solches Tier auf Mr. Pecksniffs Weideland graste, so mußte man diese Erlaubnis offenbar eher für eine höfliche Phrase als für eine buchstäblich zu nehmende Einladung halten. Sie bildete das Schlußornament der Unterhaltung, denn kaum hatte sie Mr. Pecksniff von sich gegeben, stand er auf und ging nach dem Treibhause architektonischen Genies, nämlich nach dem Vorderstübchen im zweiten Stock, voran.

»Lassen Sie mal sehen«, begann er und stöberte unter den Plänen herum, »wie Sie sich während meiner Abwesenheit am besten beschäftigen können. Gesetzt, Sie arbeiteten eine Idee zu einem Monument für den Lord-Mayor von London aus, oder einen Grabstein für einen Sheriff, allenfalls auch einen Kuhstall für den Meierhof eines Landedelmannes. – – Nun, wissen Sie was«, fügte er hinzu, faltete die Hände und sah seinen jungen Vetter mit nachdenklichem Interesse an, »ich möchte mich gern überzeugen, wie Sie sich einen Kuhstall denken.«

Martin schien diese Aufgabe keineswegs zu behagen.

»Oder einen Brunnen«, fuhr Mr. Pecksniff fort, »es ist eine nette, sozusagen keusche Arbeit. Auch habe ich gefunden, daß ein Laternenpfahl sehr geeignet ist, den Geist zu veredeln und ihm eine klassische Richtung zu geben. Ein ornamentaler Schlagbaum zum Beispiel übt einen merkwürdigen Einfluß auf die Einbildungskraft aus. – Was meinen Sie dazu, wenn Sie mit einem Schlagbaume anfingen?«

»Ganz, wie es Ihnen beliebt«, brummte Martin unschlüssig.

»Halt«, rief Mr. Pecksniff. »Ich hab's. Da Sie ehrgeizig und ein geschickter Zeichner sind, so sollen Sie sich – ha, ha! – so sollen Sie sich an diesen Entwürfen zu einem Elementarschulgebäude versuchen, wobei Sie natürlich Ihren Plan den gedruckten Bedingungen anzupassen hätten. Auf mein Wort«, rief er aufgeräumt, »ich bin sehr neugierig, was Sie aus der Elementarschule machen werden. Wer weiß, ein junger Mann von Ihrem Geschmack verfällt vielleicht auf etwas zwar an und für sich Unausführbares und Unmögliches, das sich aber schließlich doch in eine Form bringen läßt. Allerdings, mein lieber Martin, in den letzten vervollkommnenden Strichen allein gibt sich lange Erfahrung und vieljähriges Studium zu erkennen. – – – Ha, ha, ha! Es wird mir wahrhaftig«, fuhr Mr. Pecksniff fort und klopfte seinem Freund launig auf den Rücken, »es wird mir wahrhaftig einen Riesenspaß machen, zu sehen, wie Sie mit der Elementarschule zurechtkommen.«

Martin übernahm bereitwillig die Arbeit, und Mr. Pecksniff ging sofort daran, ihm die zur Ausführung nötigen Materialien anzuvertrauen; dabei erging er sich immerwährend im Ausmalen des magischen Effektes, den oft ein paar Endstriche von der Hand eines Meisters hervorbrächten. Dieser Effekt war in der Tat – wie gewisse Leute, nämlich die alten Feinde des trefflichen Mannes, behaupteten – manchmal fast wunderbar gewesen. Oft hatte Mr. Pecksniff lediglich durch geniales Hinzufügen eines zweiten Hinterfensters, einer Küchentüre, eines halben Dutzends Treppen oder sogar nur einer Dachrinne den Entwurf eines Zöglings zu seiner eignen Arbeit gemacht und namhafte Beträge dafür eingesteckt. Doch das ist eben die Zauberkraft des Genies, daß alles, was seine Hand berührt, sich in Gold verwandelt!

»Und wenn Sie Ihren Geist durch eine Abwechslung erquicken wollen«, schloß Mr. Pecksniff, »so wird Sie Thomas Pinch in der Kunst unterweisen, den Garten zu vermessen, das Niveau des Weges zwischen dem Hause und dem Wegweiser auszurechnen oder eine andre praktische und angenehme Aufgabe zu lösen. Im Hinterhof befindet sich ein Karren voll Ziegelsteinen und etlichen Dutzenden alter Blumentöpfe. Wenn Sie, mein lieber Martin, sie in einer Weise aufschichten würden, die mich bei meiner Rückkehr etwa an die St.-Peters-Kirche in Rom oder an die Sophienmoschee in Konstantinopel erinnert, so wäre dies nicht nur sehr lehrreich für Sie, sondern auch eine hübsche Überraschung für mich. – – Und nun ganz vorderhand von Berufssachen. Es wird mir ein Vergnügen sein, während ich meinen Mantelsack packe, unten in meinem Zimmer ein paar Privatangelegenheiten mit Ihnen zu besprechen.« Martin begleitete ihn, und sie blieben wohl eine Stunde oder so in geheimer Konferenz beisammen, während Tom oben wartete. Als der junge Mann zurückkehrte, war er sehr schweigsam und finster und blieb auch den ganzen Tag über so, so daß Tom, nachdem er ein paarmal versucht hatte, eine gleichgültige Unterhaltung anzuknüpfen, nicht so unzart sein wollte, sich ihm weiter aufzudrängen, und daher lieber schwieg.

Übrigens würde Tom, selbst wenn sein neuer Freund noch so redselig gewesen wäre, nicht Muße gehabt haben, viel Worte zu machen, denn erst rief ihn Mr. Pecksniff hinunter und trug ihm auf, sich auf den Koffer zu stellen und antike Statuen zu mimen, damit der Deckel zuginge, und dann befahl ihm Miss Charitas, ihren Reisekorb mit Stricken zuzubinden. Dann wieder ließ sich Miss Gratia von ihm eine Hutschachtel ausbessern; dann galt es ein möglichst ausführliches Verzeichnis des ganzen Gepäcks zu schreiben, dann alles die Treppe hinuntertragen zu helfen, die Transportschubkarren bis zu dem alten Wegweiser am Ende der Gasse zu beaufsichtigen, und schließlich mußte er auf die Ankunft der Kutsche warten. Kurz, sein Tagewerk würde selbst einem Lastträger von Beruf hübsch sauer geworden sein, doch bei seinem guten Willen empfand er es nicht so, und während er auf dem Gepäck saß und wartete, bis endlich die Pecksniffs, von dem neuen Schüler begleitet, die Gasse herunterkommen würden, hüpfte ihm das Herz vor Freude und Hoffnung, sein Wohltäter werde mit ihm zufrieden sein.

»Ich fürchtete schon«, sagte er, zog einen Brief aus der Tasche und wischte sich mit seinem Sacktuch die Stirne ab – denn trotz des kalten Tages war es ihm doch bei der Arbeit recht heiß geworden –, »ich würde keine Zeit finden, die paar Zeilen zu schreiben. Und das wäre jammerschade gewesen. Wenn man nicht reich ist, kommt das Postporto ernstlich in Betracht. Das arme Mädchen wird sich freuen, von mir zu hören, daß Pecksniff immer noch so gütig zu mir ist. Ich hätte wohl John Westlock bitten können, sie aufzusuchen und ihr alles Schöne von mir auszurichten, aber ich fürchtete, er könne Pecksniff bei ihr schlechtmachen, und das hätte sie beunruhigt. Und dann sind ihre Leute so eigen, und ein Besuch eines jungen Mannes wie John würde vielleicht ein schiefes Licht auf sie geworfen haben. – – Arme Ruth!«

Tom Pinch schien ein wenig geneigt, sich für eine kleine Weile in melancholischen Gedanken zu ergehen, aber bald tröstete er sich und gab sich wieder seinen Selbstbetrachtungen hin:

»Ich bin wirklich ein sauberer Patron, wie John immer sagte – ein lieber Kerl! Nur schade, daß er Pecksniff nicht mehr schätzte. – Statt das Getrenntsein von ihr so schmerzlich zu empfinden, sollte ich für das außerordentliche Glück dankbar sein, das mich hierhergeführt hat. Meiner Treu, ich muß wirklich mit einem silbernen Löffel im Mund auf die Welt gekommen sein, daß ich Pecksniff in den Weg lief. Und jetzt wieder das Glück, das ich bei dem neuen Schüler habe! Noch nie ist mir ein so freundlicher, nobler und freimütiger Mensch vorgekommen. Im Handumdrehen waren wir die besten Kameraden. Und außerdem ist er ein Verwandter von Pecksniff und ein gescheiter, prächtiger junger Mensch, der sich so leicht seinen Weg durch die Welt bahnen wird wie ein Wurm den seinen durch ein Stück Käse. – – Doch da kommt er ja und schreitet die Gasse herunter, als wäre die Erde schon sein eigen.«

Wirklich kam auch Martin gerade des Weges, und zwar anscheinend nicht im mindesten außer sich, weder durch die Ehre, Miss Gratia Pecksniff am Arme führen zu dürfen, noch durch den zärtlichen Abschied, den die junge Dame von ihm nahm. Miss Charitas und Mr. Pecksniff gingen hinterdrein. Da in diesem Augenblick auch die Postkutsche ankam, verlor Tom keine Zeit und ersuchte seinen Lehrer eiligst um gütige Besorgung seines Briefes.

»Oh!« sagte Mr. Pecksniff und warf einen Blick auf die Adresse. »An Ihre Schwester, Thomas? Ja, gewiß. Soll geschehen, Mr. Pinch. Seien Sie unbesorgt. Sie soll ihn zuverlässig erhalten, Mr. Pinch.«

Er gab dieses Versprechen mit so herablassender Gönnermiene, daß Tom tief fühlte – es war ihm dies vorher gar nicht in den Sinn gekommen –, er habe um etwas außerordentlich Großes gebeten, weshalb er sich überschwenglich bedankte. Die beiden Misses Pecksniff waren natürlich bei der bloßen Erwähnung von Mr. Pinchs Schwester höchlichst ergötzt. Unglaublich! Schon der Gedanke, es könne auch eine Miss Pinch geben! Ha ha.

Tom freute sich herzlich über ihre Heiterkeit. War es doch wiederum ein Beweis ihres Wohlwollens und ihrer Teilnahme für ihn. Er lachte daher ebenfalls, rieb sich die Hände, wünschte ihnen eine angenehme Reise und glückliche Heimkehr; mit einem Wort, er war die Fröhlichkeit selbst. – Als die Kutsche dahinrollte, die »Ölzweige« auf dem Bock und die Taubenfamilie im Innern, blieb er noch winkend und sich verbeugend stehen – über das ungewöhnlich liebenswürdige Benehmen der jungen Damen so erfreut, daß er für den Moment gar nicht auf Martin Chuzzlewit achtete, der gedankenvoll am Wegweiser lehnte und, seit er seiner schönen Last losgeworden, kaum vom Boden aufgeblickt hatte.

Die tiefe Stille, die auf die geräuschvolle Abfahrt der Kutsche folgte, sowie die belebende scharfe Luft des Winternachmittags weckten beide fast zu gleicher Zeit aus ihrem Grübeln. Wie verabredet kehrten sie um und gingen Arm in Arm zum Hause zurück.

»Wie verstimmt Sie sind!« sagte Tom. »Was fehlt Ihnen denn?«

»Nichts, was der Rede wert wäre. Sehr wenig mehr als gestern, und doch hoffentlich viel mehr, als es morgen der Fall sein wird. Ich bin mißgelaunt, Pinch.«

»Oh«, rief Tom, »schade. Und ich bin gerade heute so vortrefflich aufgelegt. Ich hätte vielleicht einen bessern Gesellschafter abgeben können als sonst. – Es war doch sehr hübsch von Ihrem Vorgänger John, daß er an mich geschrieben hat – meinen Sie nicht?«

»Nun ja«, brummte Martin gleichgültig. »Ich hätte geglaubt, jetzt, wo er mitten im Vergnügen steckt, würde er gar keine Zeit übrig haben, an Sie zu denken, Pinch.«

»Genau dasselbe habe ich auch geglaubt«, rief Tom. »Aber nein, er hält Wort und schreibt: ›Mein lieber Pinch, ich denke oft an dich‹ und was dergleichen freundliche Worte mehr sind.«

»Er muß ein verteufelt gutmütiger Kerl sein«, sagte Martin etwas verdrießlich; »er kann das doch nicht wirklich im Ernst meinen.« »Wie? Sie glauben – –?« fragte Tom und sah seinem Kollegen forschend ins Gesicht. »Sie meinen, er schreibt das – – bloß so?«

»Nun, ist es denn wahrscheinlich«, versetzte Martin ernst, »daß ein junger Mann, der kaum diesem Zwinger entwischt und jetzt in London frei und Herr seiner Zeit und Vergnügungen ist, Muße oder Lust haben kann, gern an jemanden oder etwas zurückzudenken, das er hier zurückgelassen hat? Fragen Sie sich selbst, Pinch, ob das besonders wahrscheinlich ist.«

Nach kurzem Besinnen gab Mr. Pinch in betrübtem Tone zu, daß so etwas anzunehmen allerdings unvernünftig sei. Übrigens müsse das Martin ohne Zweifel besser wissen.

»Natürlich weiß ich's besser«, bemerkte Martin.

»Ja, ich fühle das«, gestand Mr. Pinch sanft. »Ich fühle das.«

Dann verfielen beide wieder in tiefes Schweigen, bis sie zu Hause anlangten. Es war inzwischen dunkel geworden.

Nun hatte Miss Charitas in Erkenntnis der Unmöglichkeit, die Überreste des gestrigen Abendschmauses in der Kutsche mitzunehmen oder sie auf künstlichem Wege bis zur Rückkehr der Familie genießbar zu erhalten, alles auf ein paar Tellern offen stehen lassen. So winkte denn den beiden jungen Leuten das hohe Glück, sich im Wohnzimmer über zwei chaotische Haufen von Speiseüberbleibseln, bestehend aus ausgetrockneten Orangenschnittchen, einigen vertrockneten Sandwiches, unterschiedlichen zerbröckelten Trümmern des genealogischen Kuchens und mehreren ganzen Kapitänszwiebacken, hermachen zu dürfen. Und damit es zur Würze dieser Leckereien nicht an einem auserlesenen Labetrunke fehle, waren die Neigen der zwei Flaschen Johannisbeerwein zusammengegossen und mit einem Papierstöpsel zugepfropft worden, so daß zu einem lukullischen Mahle nichts fehlte.

Martin Chuzzlewit betrachtete diese prunkhaften Vorbereitungen mit tiefster Verachtung, schürte (zum größten Schaden für Mr. Pecksniffs Kohlenvorrat) das Feuer zu einer hellen Flamme an und setzte sich verdrießlich in den bequemsten Sessel, den er finden konnte, davor. Um sich besser in die kleine Kaminecke, die ihm frei blieb, drücken zu können, ließ sich Mr. Pinch auf Miss Gratias Schemel nieder, setzte sein Glas auf den Ofenteppich, nahm seinen Teller aufs Knie und fing an, sich gütlich zu tun.

Hätte Diogenes wieder aufleben, sich samt seinem Faß in Mr. Pecksniffs Wohnstube rollen und Tom Pinch sehen können, wie er, Teller und Glas vor sich, auf Gratias Schemel kauerte, so wäre es ihm auch in der sauertöpfischsten Stimmung unmöglich gewesen, ein gutmütiges Lächeln zu unterdrücken. Toms tiefe Zufriedenheit, der Hochgenuß, mit dem er sich über die dürren Sandwiches hermachte, die ihm wie Sägemehl im Munde zerbröckelten, das unaussprechliche Behagen, mit dem er den scharfen Wein tropfenweis schlürfte und dann mit den Lippen schmatzte, als wäre es eine Sünde, auch nur ein Atom seines köstlichen Wohlgeschmackes zu verlieren, der Blick, womit er hin und wieder, das Glas in der Hand, innehielt, im Stillen Toaste ausbringend, und dann der ängstliche Schatten, der sein zufriedenes Gesicht überflog, wenn seine Blicke auf ihrer entzückten Wanderung durch das trauliche Gemach plötzlich der finsteren Miene seines Gefährten begegneten – kein Zyniker der Welt, und hätte er den Menschenhaß eines Greifen in der Brust getragen, wäre imstande gewesen zu widerstehen.

So mancher würde vielleicht Tom auf den Rücken geklopft, ihm mit einem Glas des Johannisbeerweines, obgleich er saurer war als der schärfste Weinessig, Bescheid getan – ja, ihn sogar wohlschmeckend gefunden haben. Andere hätten vielleicht seine ehrliche Hand ergriffen und ihm für die Lehre gedankt, die er ihnen mit seinem einfachen Wesen gegeben. Einige würden mit ihm, andere über ihn gelacht haben – und zur letzteren Klasse gehörte auch Martin Chuzzlewit, der, unfähig, sich länger zurückzuhalten, in ein langes und lautes Gelächter ausbrach.

»Recht so«, sagte Tom und nickte beifällig. »Kopf hoch! Das ist das Richtige!«

Über diese Aufmunterung mußte der junge Martin abermals lachen.

»Ich habe wahrhaftig noch nie einen so närrischen Kauz wie Sie gesehen, Pinch!« rief er, als er wieder zu Atem gekommen war.

»Wirklich nicht? Nun, ich glaub's Ihnen gern, daß Sie mich etwas sonderbar finden. Ich habe eben noch fast gar nichts von der Welt gesehen und Sie wahrscheinlich schon sehr viel?« »Ziemlich viel für mein Alter«, gestand Martin, rückte seinen Stuhl noch näher an das Feuer und stemmte seine Füße an das Kamingitter. »Aber zum Kuckuck, ich muß jemanden haben, dem ich mein Herz ausschütte. Seien Sie es diesmal, Pinch.«

»Aber mit Freuden!« rief Tom. »Sie erweisen mir damit einen großen Freundschaftsdienst.«

»Ich geniere Sie doch nicht?« fragte Martin und blickte auf Mr. Pinch hernieder, der eben über sein Bein hinweg ins Feuer sah.

»Durchaus nicht!«

»Um es kurz zu machen, müssen Sie also wissen«, fing Martin mit einer gewissen Anstrengung an, die verriet, daß es sich um eine für ihn nicht besonders angenehme Eröffnung handelte, »daß ich von Kindheit auf zu großen Erwartungen erzogen und stets in dem Glauben gehalten wurde, es müsse mir eines Tages ein sehr großes Vermögen zufallen. Dies würde auch zuverlässig eingetreten sein, wenn nicht gewisse Umstände, die ich Ihnen in Kürze mitteilen will, meine Enterbung herbeigeführt hätten.«

»Durch Ihren Vater?« fragte Mr. Pinch mit großen Augen.

»Durch meinen Großvater. – Ich habe schon seit so vielen Jahren keine Eltern mehr, daß ich mich kaum mehr an meinen Vater erinnern kann.«

»Auch bei mir ist das der Fall«, sagte Tom, berührte leise die Hand des jungen Mannes, zog aber gleich wieder schüchtern den Arm zurück. »Leider! Leider!«

»Nun, was das betrifft, Pinch«, fuhr Martin in seiner raschen wegwerfenden Weise fort und schürte wieder das Feuer, »so ist's ja sehr gut und schön, seine Eltern zu lieben, wenn man welche besitzt, oder sie nach ihrem Tode in gutem Andenken zu halten, wenn man überhaupt etwas Näheres von ihnen weiß. Da ich jedoch meine Eltern kaum von Angesicht zu Angesicht kannte, so werden Sie wohl begreifen, daß bei mir von einer besondern Sentimentalität diesbezüglich nicht die Rede sein kann. Auch müßte ich lügen, wenn ich sagen wollte, es wäre anders.«

Mr. Pinch blickte gerade gedankenvoll auf das Kamingitter. Da sein Freund innehielt, fuhr er mit den Worten: »Natürlich, natürlich!« auf und war dann wieder ganz Ohr.

»Mit einem Wort«, erklärte Martin, »ich bin fast mein ganzes Leben lang von meinem Großvater erzogen worden. Er hat nun ohne Frage viele gute Eigenschaften, aber andererseits kann ich Ihnen die Tatsache nicht verhehlen, daß er auch zwei sehr große Fehler besitzt, die seine schlimme Seite ausmachen. Erstens ist er von einem Starrsinn, der kaum seinesgleichen hat, und dann ist er ein geradezu beispielloser Egoist.«

»Wirklich?« rief Tom.

»Hinsichtlich dieser beiden Punkte«, fuhr Martin fort, »ist er geradezu unübertroffen. Allerdings habe ich von Leuten, die es wissen müssen, oft genug gehört, das sei seit unvordenklichen Zeiten ein Erbfehler unserer Familie, und ich glaube auch gern, daß etwas Wahres daran ist, obschon ich nicht aus eigener Erfahrung darüber sprechen kann. – Alles, was ich tun kann, ist, dem Himmel danken, daß sie sich nicht auf mich vererbt haben, und achtgeben, daß ich sie nicht auch annehme.«

»Natürlich«, meinte Mr. Pinch. »Sehr, sehr richtig.«

»Und nun, Sir«, nahm Martin seine Erzählung wieder auf, stocherte mit dem Schüreisen im Feuer herum und zog seinen Stuhl noch näher an den Kamin, »sehen Sie, gewöhnte er sich in seiner Selbstsucht an, alle möglichen Ansprüche an mich zu stellen und in seinem Starrsinn nicht davon abzugehen. Die Folge davon war, daß er von mir alle erdenkliche Achtung, Unterwürfigkeit – ja, wo seine Wünsche mit ins Spiel kamen, geradezu grenzenlose Selbstverleugnung und so weiter verlangte. Ich habe mir viel von ihm gefallen lassen, weil ich Verpflichtungen gegen ihn hatte (wenn überhaupt von solchen gegenüber einem Großvater die Rede sein kann), und dann, weil ich wirklich eine aufrichtige Zuneigung zu ihm empfand. Trotzdem gab es alle Naselang Streit auf Streit, denn ich konnte mich sehr oft nicht in seine Art und Weise schicken – wohlgemerkt, durchaus nicht etwa meinetwillen, sondern –, weil – –«

Hier stockte er und wurde ziemlich verlegen.

Mr. Pinch war auf der ganzen Welt der letzte, der verstanden hätte, wie man jemandem aus einer derartigen Verlegenheit hilft, und blieb daher stumm wie ein Fisch.

»Also gut, da Sie verstehen, was ich meine«, fing Martin hastig wieder an, »so brauche ich ja nicht lange nach einem passenden Ausdruck zu suchen. Ich komme jetzt zum Kern meiner Geschichte und der Veranlassung meines Hierseins. Ich bin verliebt, Pinch.«

Mr. Pinch sah mit gesteigertem Interesse zu ihm auf.

»Also, kurz und gut, ich bin verliebt – und zwar verliebt in eines der schönsten Mädchen, die je unter der Sonne wandelten. Sie ist jedoch gänzlich mittellos und vollständig von dem Willen meines Großvaters abhängig, und wenn er erführe, daß sie meine Gefühle erwidert, so wäre es um ihr Obdach und um alles, was sie auf Erden besitzt, geschehen. Es ist doch nichts sonderlich Selbstsüchtiges in dieser Liebe, glaube ich?«

»Selbstsüchtiges!« rief Tom. »Sie haben edel gehandelt. – Sie mit Inbrunst zu lieben, wie es bei Ihnen der Fall ist, und ihr doch in Anbetracht ihrer abhängigen Stellung nicht einmal zu erklären – –«

»Ja, von was sprechen Sie eigentlich, Pinch?« fuhr Martin ärgerlich auf. »Machen Sie sich nicht lächerlich, mein guter Freund! Was soll ich ihr nicht entdeckt haben?«

»Ich bitte um Verzeihung«, stotterte Tom; »ich glaubte, Sie hätten es so gemeint, sonst würde ich es nicht gesagt haben.«

»Wenn ich ihr nicht gestanden hätte, daß ich sie liebe, wozu wäre da mein Verliebtsein gut gewesen? Zu nichts als zu beständigem Kummer und Herzweh!«

»Ganz richtig«, bestätigte Tom. – »Nun kann ich auch erraten, was sie sagte, als Sie sich ihr entdeckten!« fügte er mit einem bewundernden Blick in Martins schöne Züge bei.

»Nun, das wohl nicht, Pinch«, versetzte Martin mit leichtem Stirnrunzeln, »denn sie hat ein wenig mädchenhafte Begriffe von Pflicht, Dankbarkeit und was dergleichen mehr ist – kurz, Dinge, denen nicht so leicht auf den Grund zu kommen ist. – – In der Hauptsache haben Sie übrigens recht. – Ich sah, ihr Herz gehörte mir.«

»Das dachte ich mir«, sagte Tom, »ganz natürlich!« Und sehr zufrieden mit seinem Scharfsinn tat er einen langen Zug aus seinem Weinglase.

»Trotzdem ich von Anfang an mit größter Vorsicht vorgegangen war«, fuhr Martin fort, »hatte ich doch die Geschichte nicht ganz so geschickt eingeleitet, daß mein Großvater, der voll Argwohn und Mißtrauen ist, meine Liebe zu ihr nicht gemerkt hätte. Er sagte ihr zwar kein Wort davon, nahm mich aber unter vier Augen vor und bezichtigte mich, ich wolle ihm das junge Wesen entfremden. – Sie erkennen hieraus seine Selbstsucht, daß er sich eine ergebene Gefährtin erziehen wollte, wenn er mich dereinst, sowie er es für gut fand, verheiratet haben werde. Das brachte mich natürlich in Harnisch, und ich sagte ihm klipp und klar, ich gedächte, mich so zu verheiraten, wie ich es für gut fände, und hätte nicht vor, mich durch ihn oder irgendeinen andern Auktionator an den Meistbietenden losschlagen zu lassen.«

Mr. Pinch riß die Augen noch weiter auf und blickte noch angelegentlicher als bisher ins Feuer.

»Sie können sich denken, Tom, daß ihm das gewaltig in die Nase stach und daß er gerade keine Komplimente über mich ausgoß. Die Sache spitzte sich schließlich darauf zu, daß ich meine Ansprüche entweder an sie oder an ihn aufgeben sollte. Nun müssen Sie sich aber vor Augen halten, Pinch, daß ich das Mädchen nicht nur aufs leidenschaftlichste liebe, sondern auch, daß ein Hauptzug meines Charakters eine ganz entschiedene – –«

»Hartnäckigkeit ist«, ergänzte Tom arglos.

Die Bemerkung wurde jedoch nicht so gut aufgenommen, wie er erwartet hatte, denn Martin erwiderte sogleich unwillig:

»Sie sind wirklich ein unglaublicher Mensch, Pinch!«

»Ich bitte um Verzeihung«, stotterte Tom rasch. »Ich glaubte, Sie suchten nach einem Ausdruck.«

»Gewiß, aber doch nicht nach diesem! Ich sagte Ihnen bereits, Hartnäckigkeit sei keine Charaktereigenschaft von mir – oder vielleicht nicht? Ich wollte mit Ihrer gütigen Erlaubnis sagen, daß Festigkeit meine Haupttugend ist.«

»Ja, gewiß«, rief Tom eifrig nickend. »Ja, ja, ich sehe!«

»Und um dieser Festigkeit willen«, fuhr Martin fort, »konnte ich natürlich auch nicht einen Zollbreit nachgeben.«

»Gewiß nicht, gewiß nicht«, brummte Tom.

»Im Gegenteil; je mehr er drängte, desto entschiedener mußte ich mich dagegen stemmen.«

»Freilich, freilich!«

»Nun also«, erklärte Martin, lehnte sich in seinem Stuhle zurück und winkte gleichgültig mit der Hand ab, als ob der Gegenstand damit erledigt und nichts mehr darüber zu sagen sei – »das ist das Ende vom Lied, und deswegen bin ich jetzt hier!«

Mr. Pinch starrte einige Minuten so verwirrt ins Feuer, als hätte ihm jemand ein ungemein schwieriges Rätsel aufgegeben, und sagte dann:

»Pecksniff haben Sie natürlich schon früher gekannt?«

»Nur dem Namen nach. Ich hatte ihn nie gesehen, denn mein Großvater hielt nicht nur sich selbst, sondern auch mich von allen seinen Verwandten fern. Unsre Trennung fand jedoch in einer Stadt der benachbarten Grafschaft statt, von da aus kam ich nach Salisbury und las Pecksniffs Annonce. Sie sagte mir zu, da ich von jeher eine gewisse natürliche Neigung für die Gebiete hatte, die er darin anführte. Und da es gerade Pecksniff war, ließ ich mir's doppelt angelegen sein, womöglich zu ihm zu kommen, um so mehr, als er – –«

»Ein so vortrefflicher Mann ist«, fiel Tom händereibend ein. »Ja, das ist ein wahres Wort. Sie hatten vollkommen recht.«

»Aufrichtig gesprochen«, entgegnete Martin kühl, »geschah es nicht deshalb, sondern weil mein Großvater einen alteingewurzelten Haß gegen ihn hegte. Und nach der tyrannischen Behandlung, die mir der alte Mann hat zuteil werden lassen, mußte begreiflicherweise in mir der natürliche Wunsch rege werden, allen seinen Ansichten gerade entgegenzuhandeln. – – Nun, wie gesagt, hier bin ich. Mein Verhältnis zu der jungen Dame, von der ich Ihnen erzählt habe, wird sich wahrscheinlich ziemlich in die Länge ziehen, denn unser beider Aussichten sind nicht gerade glänzend, und ich denke natürlich nicht ans Heiraten, ehe ich nicht die Mittel dazu besitze. Sie werden einsehen, daß ich mich nicht – mir nichts, dir nichts – in Armut, Entbehrung, Liebe ohne Brot und dergleichen stürzen oder vielleicht in einer Mansarde drei Treppen hoch wohnen kann.«

»Ihrer Braut gar nicht zu gedenken«, bemerkte Tom Pinch mit gedämpfter Stimme.

»Sehr richtig«, versetzte Martin und stand auf, um sich am Kamin anzulehnen und seinen Rücken zu wärmen. »Ihrer gar nicht zu gedenken. Obgleich es von ihr nicht allzuviel verlangt wäre –, erstens, weil sie mich sehr liebt, und zweitens, weil ich um ihretwillen sehr viel geopfert habe, und, wie Sie sich denken können, noch viel mehr geopfert haben würde.«

Es dauerte sehr lange, bis Tom »freilich ja« sagte – so lange, daß man in der Zwischenzeit ganz gut hätte ein Schläfchen machen können. Aber endlich sagte er es doch.

»Nun knüpft sich an diese Liebesgeschichte ein sonderbarer Zwischenfall«, sprach Martin weiter, »den ich noch erwähnen muß. Sie erinnern sich, was Sie mir in bezug auf Ihre schöne Kirchenbesucherin auf der Herfahrt mitgeteilt haben?«

»Natürlich«, rief Tom, stand von seinem Schemel auf und setzte sich in den Stuhl, von dem Martin soeben aufgestanden war, um Pinchs Gesicht besser sehen zu können. »Selbstverständlich.«

»Das war sie.«

»Ich fühlte, was Sie sagen wollten«, entgegnete Tom mit leiser Stimme und sah Martin fest dabei an. »Ist das Ihr voller Ernst?«

»Das war sie«, wiederholte der junge Mann; »nach all dem, was ich von Pecksniff gehört habe, zweifle ich nicht einen Augenblick, daß sie mit meinem Großvater kam und wieder abreiste. – Trinken Sie doch nicht soviel von diesem sauern Zeug! – Sie ziehen sich noch etwas zu.«

»Ich fürchte auch, es ist nicht sehr gesund«, sagte Tom und setzte das Glas, das er bereits eine Weile leer in der Hand gehalten hatte, nieder. »Das war sie also wirklich?«

Martin nickte bejahend und meinte dann unwirsch, wenn er nur ein paar Tage früher gekommen wäre, würde er sie haben sprechen können; jetzt dürfte sie wohl schon wieder hundert Meilen von hier weg sein. Nachdem er sodann einigemal ungeduldig im Zimmer auf und ab gegangen war, warf er sich in einen Stuhl und grollte wie ein verwöhntes Kind.

Tom Pinch hatte ein weiches, gefühlvolles Herz und konnte es nicht ertragen, einen ihm gleichgültigen Menschen leiden zu sehen – geschweige denn jemanden, an dem er Anteil nahm, und der ihm (wie er felsenfest überzeugt war) mit Freundschaft entgegenkam. Was auch einige Augenblicke zuvor seine Gedanken gewesen sein mochten – und seinem Gesicht nach zu urteilen, waren sie ziemlich ernsthafter Natur – er ließ sie sofort fallen und suchte seinen jungen Freund nach Kräften zu trösten.

»Mit der Zeit wird alles wieder gut werden«, sagte er. »Wenn Sie auch gegenwärtig mit Prüfungen und Widerwärtigkeiten zu kämpfen haben, so wird es nur dazu dienen, euch für bessere Tage inniger miteinander zu verketten. Ich habe immer gelesen, daß es so ist, und ein inneres Gefühl sagt mir, daß das recht und natürlich ist. Was bisher noch nicht glatt ging«, fügte er mit einem Lächeln hinzu, das trotz seines wenig schönen Gesichts etwas weit Lieblicheres hatte als der leuchtendste Blick so manch stolzen Antlitzes, »was bisher noch nicht glatt ging, von dem darf man nicht erwarten, daß es um unsertwillen im Handumdrehen anders wird. Wir müssen es eben nehmen, wie es ist, und ihm mit Geduld und guten Mutes die beste Seite abgewinnen. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß ich fast nichts vermag, aber ich habe den allerbesten Willen, und wenn ich mich Ihnen je in was immer für einer Weise nützlich machen kann, so soll es mit Freuden geschehen.«

»Danke Ihnen«, entgegnete Martin und drückte ihm die Hand. »Auf mein Wort, Sie sind ein guter Kerl. – – – Gewiß«, fügte er nach einer Pause hinzu, während der er seinen Stuhl wieder ans Feuer rückte, »würde ich nicht zögern, von Ihrer Dienstwilligkeit Gebrauch zu machen, wenn Sie mir irgendwie behilflich sein können; aber, zum Teufel auch!« – er fuhr sich ungeduldig durch die Haare und blickte ärgerlich Tom an – »Ihre Hilfe, die Sie mir anbieten, Pinch, ist für mich so wenig wert wie eine Brotröstgabel oder eine Bratpfanne.«

»Außer, was den guten Willen betrifft«, sagte Tom leise.

»Natürlich. Das versteht sich von selbst. – – Wenn Zuneigung allein etwas vermöchte, würde es mir nicht an Beistand fehlen. – Übrigens, wissen Sie, was Sie tun könnten, wenn Sie Lust dazu haben – und zwar jetzt gleich?«

»Das wäre?« fragte Tom begierig.

»Lesen Sie mir vor.«

»Mit tausend Freuden«, rief Mr. Pinch enthusiastisch und griff nach der Kerze. »Entschuldigen Sie, wenn ich Sie einen Augenblick im Finsteren lasse, ich will nur ein Buch holen. Was möchten Sie, Shakespeare?«

»Ja!« antwortete Martin gähnend und sich räkelnd. »Das tut's, ich bin müde von dem heutigen Trubel und der ungewohnten Umgebung. In einem solchen Falle gibt es auf der ganzen Welt keinen köstlicheren Genuß, als sich in Schlaf lesen zu lassen. Sie machen sich doch nichts daraus, daß ich einschlafe, während Sie vorlesen?«

»Durchaus nicht!« beteuerte Tom.

»So fangen Sie an, sobald es Ihnen beliebt. – Sie brauchen nicht aufzuhören, wenn Sie mich schläfrig werden sehen – Sie müßten denn selbst müde sein –, denn es ist riesig angenehm, nach und nach von den Tönen wieder geweckt zu werden. – Haben Sie das nie versucht?«

»Nein, nie.«

»Nun, so kann's ja dieser Tage einmal geschehen, wenn wir beide entsprechend aufgelegt dazu sind. Nehmen Sie nur das Licht mit; aber beeilen Sie sich!«

Mr. Pinch verlor keine Zeit und kam in zwei Minuten mit einem seiner geliebten Bände von dem Sims neben seinem Bett wieder zurück. Martin hatte sich's in der Zwischenzeit so bequem gemacht, wie es die Umstände gestatteten, nämlich sich vor dem Kamin aus drei Stühlen und Gratias Schemel als Kissen ein Sofa improvisiert, auf dem er sich selbst der Länge nach ausstreckte.

»Lesen Sie aber nicht zu laut, wenn ich bitten darf.«

»Nein, nein«, versprach Tom.

»Es friert Sie aber doch nicht?«

»Nicht im geringsten!«

»Nun, dann los!«

Mr. Pinch schlug die Seiten seines Buches so zart und behutsam um, als wären sie lebendige, innig geliebte Wesen, traf dann seine Wahl und begann vorzulesen. Noch ehe er es bis zu fünfzig Zeilen gebracht hatte, schnarchte sein Freund bereits laut.

»Der arme Mensch!« murmelte Tom und blickte ihm über die Stuhllehne ins Gesicht. »Er ist noch so jung und hat schon so viel gelitten. Wie treuherzig und großmütig von ihm, mir so viel Vertrauen zu schenken!– – – Also, das war – – sie!«

Dann erinnerte er sich plötzlich seines Versprechens, nahm sein Buch wieder auf und fuhr fort zu lesen, wo er stehengeblieben war, daß er darüber sogar das Schneuzen seiner Kerze vergaß, bis der Docht wie ein Pilz aussah. Er wurde allmählich so warm bei der Lektüre, daß er gar nicht daran dachte, das Feuer nachzuschüren – bis er durch Martin Chuzzlewit daran erinnert wurde, der nach Verfluß von etwa einer Stunde auffuhr und schaudernd vor Kälte rief:

»Wahrhaftig, das Feuer ist ausgegangen! Kein Wunder, daß mir träumte, ich sei erfroren. Holen Sie doch ein paar Kohlen. – Nein, was Sie für ein seltsamer Kauz sind, Pinch!«

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