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Martin Chuzzlewit

Charles Dickens: Martin Chuzzlewit - Kapitel 54
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMartin Chuzzlewit
publisherWeltbild GmbH
year2004
isbn393349788X
translatorGustav Meyrink
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060629
corrected20110726
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53. Kapitel

Was John Westlock zu Tom Pinchs Schwester sagte; was Tom Pinchs Schwester zu John Westlock sagte; was Tom Pinch zu ihnen beiden sagte, und wie sie zusammen den Rest des Tages verlebten

Herrlich funkelte die Tempelfontäne im Sonnenschein, und lachend spielte ihre flüssige Musik, und lustig tanzten die Wassertropfen und guckten neckisch unter den Bäumen hervor und duckten sich augenblicklich wieder, um sich zu verbergen, als die kleine Ruth und ihr Begleiter vorbeikamen.

Warum das Pärchen sich der Fontäne näherte, ist ein Geheimnis; zu schaffen hatten sie dort nichts. Der Ort lag gar nicht auf ihrem Wege; im Gegenteil. Sie hatten mit der Fontäne ebensowenig zu tun wie mit der Liebe oder irgend etwas derart. Wenn Tom Pinch und seine Schwester sich an der Fontäne ein Rendezvous gaben, so war das etwas ganz anderes; wenn Ruth ein bißchen warten mußte, so wäre es sehr ärgerlich gewesen, dies an einem andern als einem hübschen ruhigen Orte zu tun; und in Anbetracht aller Umstände war dies hier ein so ruhiger Ort, wie sich nur einer finden ließ. Aber wenn Mr. Westlock sie nach Hause führen sollte und Arm in Arm mit ihr eine andere Richtung einschlug, so war doch der Umstand, daß sie zu derselben Fontäne gelangten, ganz außerordentlich.

Wie dem übrigens auch sein mag, sie waren da – und wie sonderbar, sie schienen wie in stummem Einverständnis hierher gewandert zu sein, und das Wunderbarste dabei war, daß sie nicht wenig staunten, sich plötzlich dort zu sehen, denn an und für sich liegt doch im Anblick einer Fontäne nichts so Verwirrendes.

»Was für ein hübsches Plätzchen das ist!« rief John; er sagte es voller Ernst und von tiefer Liebe zu dem Ort durchdrungen.

»Ja, ein reizendes Plätzchen«, bekräftigte die kleine Ruth; »so schattig!«

Sie blieben eine Weile stehn; der Tag war wunderschön, und da sie nun einmal stehenblieben, so war es ganz natürlich, daß sie auch einen Blick nach Garden Court hinunterwarfen, denn Garden Court führt in den Garten, der Garten an den Strom, und die Aussicht dahin ist so schön und schimmert wie Silber an einem Sommertag. Warum guckte also die kleine Ruth nicht mit hin? Warum bemühte sie sich so, ihren allerliebsten, winzigen, schmalen, kleinen Fuß mit aller Gewalt in den zersprungenen Winkel eines fühllosen alten Quadersteins im Pflaster zu pressen und der Lücke so genau anzupassen? Wenn die Matrone mit dem feuerroten Gesicht, die John den Haushalt führte, sie hätte sehen können, als sie zusammen weitergingen, hätte sie für ihre Stellung in Mr. Westlocks Haus in Furnivals Inn wohl nicht mehr viel gegeben.

Das Pärchen ging weiter. Aber nicht durch die Straßen von London, nein, durch eine verzauberte Stadt, wo das Straßenpflaster aus Luft gewebt war, sich das Toben und Lärmen der Geschäftigkeit zu sanfter Musik milderte, wo alles glücklich dahinlebte und Raum und Zeit verschwunden waren. Zwei gutmütige, stämmige Bierkutscher ließen gerade ein paar große Fässer in einen Keller hinunter, und als John Ruth über den Strick hinüberhalf oder sie vielmehr hinüberhob, meinten sie, er müsse ihnen außerordentlich dankbar sein für die prachtvolle Gelegenheit, die sie ihm boten; himmlische Bierkutscher!

Grüne, schöne Weide in der Sommerzeit, tiefes, weiches Stroh im Winter und ewigen Überfluß an Hafer und Klee wünschte John dem edlen Roß, das da vor dem Gig auf dem Pflaster tanzte und Ruth so erschreckte, daß sie seinen Arm mit beiden Händen umfaßte und ihn anflehte, zum Pastetenbäcker hineinzuflüchten, von wo sie dann erschrocken zur Türe hinausguckte und ihn mit ihren lieben Augen fragend ansah, ob er glaube, daß sie jetzt ungefährdet weitergehn könnten. Wäre doch ein ganzes Gespann mit Rossen, ein Löwe, ein Bär, ein toller Stier oder etwas derart gekommen, um sie abermals zu veranlassen, mit ihren Händchen seinen Arm zu umschlingen.

Sie plauderten – und unterhielten sich von Tom, von den Begebnissen des Tages, von der Zuneigung, die Mr. Chuzzlewit zu Tom gefaßt, von den glänzenden Aussichten, die diesem dadurch erwüchsen, und was dergleichen mehr war. Je angelegentlicher sie übrigens plauderten, desto ängstlicher vermied die kleine Ruth jede Pause, denn lieber wollte sie alles Gesprochene noch einmal sagen als schweigen. Und wenn sie doch die Geistesgegenwart verließ, was häufig genug stattfand, so sah sie noch zehntausendmal bezaubernder und unwiderstehlicher aus als zuvor.

»Martin wird vermutlich bald heiraten«, sagte John.

Ruth glaubte es gleichfalls, aber niemals hat wohl ein berückendes, kleines Frauenzimmerchen etwas mit so schwacher Stimme gelispelt wie Ruth.

Schon wieder voller Furcht, daß eine jener beunruhigenden Pausen im Anzüge sei, bemerkte sie rasch, Martin bekomme eine schöne Frau, und ob Mr. Westlock das nicht auch glaube.

»Ja«, sagte John, »– o – ja.«

Sie fürchtete, er sei schwer zu befriedigen, da er das so zögernd sage.

»Sagen Sie lieber, ich sei schon befriedigt«, versetzte John. »Ich habe sie kaum gesehen – kümmerte mich auch gar nicht um sie – ich hatte diesen Morgen keine Augen für sie.«

»O Gott!«

Es war gut, daß sie ihren Bestimmungsort erreicht hatten, denn Ruth wäre nicht imstande gewesen, weiterzugehen. Wie wäre es auch möglich gewesen bei solchem Zittern. – Tom war noch nicht nach Hause gekommen. Sie traten also in das dreieckige Wohnstübchen und waren allein. Matrone mit dem feuerroten Gesicht und dem zerknitterten Hut, wie wird es dir wohl jetzt ergehen!

Ruth setzte sich auf das kleine Sofa und knüpfte ihr Hutband los. John nahm neben ihr Platz – sehr, sehr, sehr nahe. – Wie wild ihr das Herzchen schlug!

»Liebste, angebetete Ruth, wenn ich Sie weniger liebte, hätte ich Ihnen längst sagen können, daß ich Sie anbete. Gleich von Anfang an war ich in Sie verliebt, und noch nie ist ein Wesen auf Erden wahrhaftiger geliebt worden als Sie, liebe Ruth, von mir.«

Sie verbarg das Gesicht in ihren Händen. Sie sagte nichts, aber ihre Tränen – Tränen der Freude, des Stolzes, der Hoffnung und der zitternden Liebe – aus ihrem übervollen jungen Herzen heraus waren Antwort genug.

»Angebetetste, wenn dieses Geständnis – und ich wage es fast zu hoffen – nicht schmerzlich oder betrübend für Sie ist, so machen Sie mich glücklicher, als ich auszusprechen vermag oder Sie sich denken können. Angebetete Ruth, meine gute, sanfte, bezaubernde Ruth, ich hoffe, daß ich den Wert Ihres Herzens und den Wert Ihrer engelreinen Seele zu schätzen weiß. Lassen Sie mich Ihnen beweisen, daß ich ihn kenne, und Sie werden mich glücklicher machen, Ruth –«

»Nein, nicht glücklicher«, schluchzte sie, »als Sie mich bereits machen. Niemand kann glücklicher sein, John, als ich es durch Ihre Liebe schon bin.«

Matrone mit dem feuerroten Gesicht und dem zerknitterten Hut, sehen Sie sich nach einer andern Stelle um. Mit Ihrem Regiment ist es jetzt vorüber – bemühen Sie sich nicht weiter.

Kein scheuendes Pferd, keine Löwen, keine Bären oder tollen Stiere waren mehr nötig: Ruths kleine Händchen falteten sich jetzt um Johns Arm auch ohne sie, und es war alles viel besser und hübscher so. Keine Bierkutscher, keine großen Fässer waren mehr nötig als Gelegenheitsmacher. Die weiche, kleine Hand legt sich scheu und ganz natürlich auf die Schulter des Geliebten, und wenn sämtliche Pferde Arabiens mit einem Male scheu geworden wären, so hätte es nicht besser ausfallen können.

Dann fing das Pärchen wieder an, von Tom zu sprechen.

»Ich hoffe, er wird sich freuen, wenn er's hört«, sagte John mit leuchtenden Augen.

Ruth schloß ihre kleinen Händchen noch etwas fester zusammen bei diesen Worten und blickte liebevoll zu ihm empor.

»Ich muß ihn doch nie verlassen, nicht wahr, Geliebter? Ich glaube, ich könnte Tom nie verlassen.«

»Glaubst du denn, ich würde das von dir verlangen?« rief John und küßte sie auf die Lippen.

»Ich wußte es, daß du es nie verlangen würdest«, antwortete sie, und die hellen Tränen standen ihr in den Augen.

»Und ich will es dir schwören, Ruth, wenn du es willst. Tom verlassen! Das würde ein merkwürdiger Anfang sein. Tom verlassen, Geliebte! Wenn Tom und wir nicht unzertrennlich sind und er nicht alle Liebe in unserm Heim finden sollte, dann möge dieses Heim lieber nie existieren. Und das ist ein schwerer Eid, Ruth!«

»Tom wird so glücklich, so stolz und froh sein«, jubelte Ruth, zitternd vor Glück. »Aber wie er staunen wird! Ich weiß, er denkt nicht im entferntesten an eine solche Möglichkeit.«

Allmählich rückte sie dann mit dem heraus, was sie von Toms Geheimnis wußte, und wie sie es entdeckt hatte, und John war voll Leid und Teilnahme darüber. Aber sie wollten, sagte er, deswegen nur um so mehr versuchen, ihn glücklich zu machen und ihm seine Herzenswünsche an den Augen abzulesen. Und dann schilderte er ihr mit dem ganzen Eifer und der Innigkeit junger Liebe, wie er jetzt vortreffliche Gelegenheit habe, sich auf dem Lande als Baumeister niederzulassen. Wie er schon daran gedacht habe, er könne auf diesem Wege Tom eine Beschäftigung verschaffen und es einleiten, daß sie behaglich miteinander leben könnten, ohne daß Tom sich abhängig fühlen müßte. Und sie waren so glücklich, wie der Tag lang war. Freude im Herzen und in den Mienen, hörte Ruth dies alles mit an, und sie bauten sich Luftschlösser und kauften Tom im Geiste eine auserlesene Bibliothek und ließen eine Orgel für ihn bauen, auf der er dann nach Herzenslust spielen könne. Da mit einem Male hörten sie ihn an die Türe klopfen.

Wie sehr sich auch die kleine Ruth danach sehnte, ihrem Bruder alles Vorgefallene mitzuteilen, war sie doch bei seiner Ankunft sehr aufgeregt – um so mehr, als sie wußte, daß Mr. Chuzzlewit ihn begleitete. Sie fragte daher mit Zittern:

»Was soll ich nur tun, lieber John? Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß er es von jemand anderem als von mir hört, und doch bin ich nicht imstande, ihm alles mitzuteilen, wenn wir nicht allein sind.«

»Handle ganz, Geliebte, nach deinem natürlichen Instinkt, und wie es der Augenblick dir eingibt«, riet John. »Ich bin überzeugt, dann wird es am besten sein.«

Er hatte kaum ausgesprochen und Ruth kaum Zeit gehabt, auf dem Sofa ein bißchen weiter von ihm wegzurücken, als Tom und Mr. Chuzzlewit hereinkamen. Der alte Herr trat zuerst über die Schwelle, und Tom folgte ihm gleich darauf.

In der Geschwindigkeit hatte sich Ruth entschlossen, Tom für eine kleine Weile in das obere Stübchen hinauf zu winken und ihm dort alles zu gestehen. Als sie jedoch sein liebes, altes Gesicht in der Türe erscheinen sah, war sie so ergriffen, daß sie sich ihm in die Arme warf, ihr Köpfchen an seine Brust legte und schluchzend rief:

»Wünsche mir Glück, Tom! Mein lieber, lieber Bruder!«

Tom blickte sie überrascht an und sah dicht neben sich John Westlock stehen, der ihm die Hand entgegenstreckte.

»John!« rief Tom, »John!«

»Lieber Tom«, sagte Mr. Westlock bewegt, »gib mir die Hand; wir sind Schwäger, Tom.«

Tom faßte seine Hand mit beiden Händen, drückte sie mit aller Macht, umarmte dann seine Schwester mit Innigkeit und legte sie John Westlock an die Brust.

»Sage mir nichts weiter John! Das Geschick ist so gütig gegen uns – ich –«; er fand keine Worte mehr, sondern verließ das Zimmer, und Ruth folgte ihm.

Und als sie endlich wieder zurückkamen, sah Ruth noch schöner und Tom womöglich noch treuer und gütiger aus als je. Und wenn er auch, überwältigt von Freude, noch nicht imstande war, über die Sache zu sprechen, so legte er doch seine Hände mit einem Nachdruck in die seines Freundes, der mehr bekundete als die vollendetste Rede.

»Es freut mich, daß Sie den heutigen Tag dazu gewählt haben«, sagte Mr. Chuzzlewit zu Mr. Westlock mit demselben pfiffigen Lächeln wie damals, als sie sich getrennt hatten – »wenn ich mir's auch gleich gedacht habe. Ich hoffe, Tom und ich sind doch entsprechend lang ausgeblieben? Es ist so lange her, seit ich selbst solche Dinge praktisch erlebte, daß ich schon ganz unsicher wurde.«

»Sie scheinen aber immer noch ziemlich genaue Kenntnisse davon zu besitzen, Sir«, erwiderte John lachend, »wenn Sie vorauszusehen imstande waren, was sich heute begeben würde.«

»Nun, ich wüßte eben nicht, Mr. Westlock«, sagte der alte Herr, »daß dazu besonders viel prophetische Gabe gehörte, nachdem ich Sie und Ruth zusammen gesehen habe. Aber kommen Sie jetzt zu mir, mein hübsches Kind, und sehen Sie mal, was ich und Tom diesen Morgen mitsammen gekauft haben, während Sie mit diesem jungen Handelsmann hier Ihre Geschäfte abmachten.«

Die Art, wie sich der alte Herr an ihre Seite setzte und sie fast wie ein Kind behandelte, war eigentlich recht komisch, aber doch so voller Innigkeit, daß einem das Herz dabei aufgehen mußte. Und wie vortrefflich die hübsche kleine Ruth zu dem hübschen Bild paßte.

»Also, sehen Sie mal her«, sagte er und nahm ein Etui aus der Tasche. »Was für ein hübsches Halsband, nicht wahr? Wie das blitzt! Und dazu ein Paar Ohrringe, Armbänder und ein Gürtel. Das gehört Ihnen. Für Mary habe ich denselben Schmuck gekauft. Tom konnte absolut nicht begreifen, wozu ich zwei brauchte. Kurzsichtig ist er, das muß man ihm lassen. Ohrringe, Armbänder und ein Gürtel, schön, nicht wahr? Lassen Sie jetzt mal sehen, wie es Ihnen steht! Mr. Westlock soll Ihnen selbst den Schmuck anlegen.«

Es war ein reizendes Bild, wie Ruth ihren runden, weißen Arm hinhielt und John tat, als wäre das Bracelett unendlich schwer zu befestigen, wie sie dann den schönen kleinen Gürtel anzog und dazu ebenfalls Johns Hilfe brauchte, weil ihre Finger so gar nicht gehorchen wollten. Und wie verwirrt und verschämt sie aussah, während die Glut ihre Wangen färbte und ihr Antlitz strahlte wie die funkelnden Juwelen. Es war das lieblichste Bild, das man unter den gewöhnlichen Erlebnissen eines ganzen Jahres nur sehen konnte.

»Der Schmuck und die Trägerin passen so vortrefflich zusammen«, sagte der alte Herr, »daß ich wahrhaftig nicht weiß, welches von den beiden eigentlich die Zierde ist. Mr. Westlock könnte mir darüber zwar ohne Zweifel Auskunft geben, aber ich will ihn nicht fragen, da er wohl nicht unparteiisch ist. Also, tragen Sie den Schmuck in Gesundheit und Glück, meine Liebe, und möge er Ihnen eine Erinnerung an einen Freund sein, der Sie liebt.«

Er klopfte sie auf die Wange und wendete sich zu Tom:

»Auch hier muß ich die Rolle des Vaters übernehmen, Tom. Es gibt nicht viele Väter, die zwei solche Töchter an demselben Tage verheiraten. Aber wir wollen die Unwahrscheinlichkeit den Grillen eines alten Mannes zuliebe übersehn; soviel Nachsicht müssen Sie mir schon schenken«, setzte er hinzu, »denn der Himmel weiß, ich habe in meinem ganzen Leben leider nur zu wenig Grillen befriedigt, die das Glück andrer im Auge hatten.«

Über diesen Gesprächen verging die Zeit so rasch, daß, ehe sie sich's versahen, nurmehr eine Viertelstunde zur Mittagszeit fehlte. Aber ein Fiaker brachte sie bald nach dem Tempel, wo sie bereits alles für ihren Empfang vorbereitet fanden. Mr. Tapley war hinsichtlich Anordnung des Dinners mit unbeschränkter Vollmacht versehen worden und hatte sich seiner Aufgabe so ehrenvoll entledigt, daß unter seiner und seiner zukünftigen Gattin vereinter Leitung ein prachtvolles Bankett vorbereitet war. Mr. Chuzzlewit bestand darauf, daß auch sie bei Tische Platz nähmen, und der junge Martin unterstützte eifrig den Wunsch seines Großvaters, aber Mark ließ sich durch nichts dazu bewegen und bemerkte, die Ehre, solchen Gästen aufzuwarten, sei so überwältigend für ihn, daß er sich schon jetzt als Wirt im Gasthaus zum »Fidelen Tapley« fühle und sich nicht in dem Wahne stören lassen wolle, das Fest finde bereits unter dem Dache dieses trefflichen Hotels statt.

Und um sich in dieser Vorstellung noch mehr zu bestärken, gab Mr. Tapley allerhand Anweisungen über die Aufstellung der Gerichte usw. usw. an die im Geiste anwesenden Gasthauskellner, und da seine Befehle gewöhnlich den vorhergehenden zuwiderliefen und stets in der launigsten Weise ausgedrückt wurden, so veranlaßte das stets eine große Heiterkeit, in die Mr. Tapley jedesmal aufs herzlichste mit einstimmte. Der junge Martin saß oben an, Mr. Pinch unten an der Tafel, und wenn es ein Gesicht gab, das an Heiterkeit und Fröhlichkeit alle andern noch weit schlug, so war es das Toms.

Er war überhaupt für alle tonangebend. Jedermann trank ihm zu, jedermann blickte nach ihm hin, jedermann dachte an ihn, und jedermann liebte ihn. Er brauchte nur einen Augenblick Gabel und Messer aus der Hand zu legen, und schon stand jemand da, um ihm die freigewordene Rechte zu drücken. Vor dem Dinner hatten Martin und Mary an seiner Seite Platz genommen und so herzlich und innig von ihrem künftigen Glück mit ihm gesprochen, und sie betonten so nachdrücklich, daß es durch seine Gesellschaft und Liebe erst vollständig werde, daß er bis zu Tränen gerührt wurde. Es war einfach zu viel für ihn. Sein Herz zersprang fast vor Glück, wie er sagte, und das war beinahe die Wahrheit; so groß auch sein Herz war, so quoll es doch über an diesem Tage vor lauter Glück und Seligkeit.

Auch Mr. Fips, der alte Fips von Austin Friars, war beim Dinner zugegen und benahm sich wie die fidelste alte Haut, die nur jemals ihrem geselligen Temperament dadurch Zwang angetan, daß sie sich in ein dunkles Bureau eingeschlossen. »Wo ist er?« waren Mr. Fips' erste Worte, als er über die Schwelle trat. Und dann stürzte er auf Tom zu und beteuerte ihm, er wolle sich für seinen ganzen früheren Zwang jetzt schadlos halten. Zuerst drückte er ihm die eine Hand, dann die andre, dann faßte er ihn an der Weste, und dann fragte er ihn ununterbrochen: »Wie geht es Ihnen?« Und dann sang er Couplets und hielt Reden, und dem Weine setzte er so tüchtig zu wie nur einer.

Und das Glück, abends nach Hause zu gehen und in Erinnerungen an die schöne Nacht von Furnivals Inn zu schwelgen! Die Freude des jungen Paares, alle seine kleinen Pläne Tom mitzuteilen und mit anzusehn, wie sein Gesicht immer mehr und mehr strahlte.

Als sie zu Hause anlangten, ließ Tom seinen Freund und Ruth im Wohnzimmer und ging unter dem Vorwande, sich ein Buch zu suchen, in sein eignes Zimmer hinauf. Dabei dachte er wunder was er Schlaues ausgeführt habe.

»Selbstverständlich wollen sie allein sein«, sagte er sich, »und ich habe das jetzt so natürlich arrangiert, daß ich nicht zweifle, sie erwarten mich jeden Augenblick zurück. Es ist ein famoser Spaß.«

Er hatte aber noch nicht lange dagesessen und gelesen, als es an seine Türe klopfte.

»Darf ich hereinkommen?« fragte John.

»Freilich, freilich.«

»Geh, komm zu uns, Tom! Du darfst hier nicht so alleine sitzen; wir wollen dich fröhlich sehen und nicht melancholisch.«

»Mein lieber Freund« – begann Tom mit strahlendem Lächeln.

»Oho, Schwager! Tom, Schwager!«

»Also lieber Schwager«, fuhr Tom fort, »du brauchst keine Angst zu haben, daß ich traurig bin. Wie könnte ich es auch sein, wo ich weiß, daß du und Ruth beide so glücklich miteinander seid. – – Es kommt mir vor, ich bin heute ein großer Redner, John«, setzte er nach einer kleinen Pause hinzu; »aber trotzdem finde ich nicht die Worte, dir zu sagen, welch unaussprechliche Wonne mir an diesem Tag zuteil geworden ist. Es würde unpassend von mir sein und nicht angebracht, wenn ich darüber mit dir reden wollte, daß du ein mitgiftloses Mädchen heiraten willst, wo ich weiß, daß du ihren Wert erkennst – ja, ich bin fest überzeugt davon, und das ist mehr wert als alles Geld.«

»Da hast du recht, Tom!« entgegnete John. »Wer könnte sie sehen und nicht lieben! Wer sie kennt, Tom, der muß sie hochhalten. Wer müßte nicht im Besitz eines solchen Herzens gleichgültig gegen alle Schätze der Welt werden! Wer könnte das Glück und das Entzücken meiner Liebe fühlen, Tom, ohne nicht auch ihren Wert zu würdigen! Du sagtest, deine Freude sei unaussprechlich – nein, nein, Tom – die meinige ist es.«

»Nein, nein, John«, widersprach Tom – »die meinige, die meinige!«

Ihr freundschaftlicher Zwist wurde durch Ruth selbst geschlichtet, die jetzt zur Türe hereinguckte mit einem Blick, der deutlich verriet, wie sehr und von Herzen sie John liebte.

Was Tom betrifft, so war er im siebenten Himmel. Wie sie so an seiner Seite saßen, stundenlang hätte er da sitzen und sie ansehen können.

War es wohl töricht von ihm, sich zu freuen, daß sie in einer solchen Zeit an ihn gedacht hatten und wollten, er möge immer bei ihnen bleiben? Waren ihre Liebkosungen töricht? War es töricht von ihnen, daß sie erst so spät sich trennten? War es Torheit, daß John von der Straße aus noch lange zu Ruths Fenster emporblickte und den matten Schimmer von Licht dahinter höher als alle Diamanten der Erde schätzte? War es töricht, daß Ruth seinen Namen auf den Lippen trug und niederkniete und ihr reines Herz vor jenem ausschüttete, von dem solche Liebe herab auf Erden strahlt?

Wenn das lauter Torheiten sind, dann freue dich, Matrone mit dem feuerroten Gesicht und dem zerknitterten Hut! Wenn aber nicht – dann ist's wohl aus mit deinen Diensten bei John Westlock. Dann setze deinen zerknüllten Hut für einen andern Junggesellen auf, denn mit dem Dienst ist es für immer vorbei.

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