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Martin Chuzzlewit

Charles Dickens: Martin Chuzzlewit - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMartin Chuzzlewit
publisherWeltbild GmbH
year2004
isbn393349788X
translatorGustav Meyrink
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060629
corrected20110726
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48. Kapitel

Nachrichten von Martin, von Mark und einer dritten gewissen Person. – Die Kindesliebe zeigt sich in sehr häßlichem Lichte und wirft einen bedenklichen Schein in eine bisher dunkel gebliebene Ecke

Tom Pinch und Ruth saßen neben dem offnen Fenster bei ihrem Frühstück, und eine Reihe frischer kleiner Blumenstöcke, die Ruth eigenhändig auf dem innern kleinen Simse aufgestellt hatte, verbreiteten ihren lieblichen Geruch. Ruth hatte einen Geraniumzweig in Toms Knopfloch gesteckt, damit er, wie sie sagte, sommerlich aussehe – sie mußte den Zweig natürlich festbinden, denn der kindische Tom hätte ihn sonst sicher verloren. Auf der Gasse schritten die Blumenverkäuferinnen auf und nieder und riefen ihre Ware aus. Eine ungeschickte Biene, die sich zwischen zwei Fensterscheiben verirrt hatte, hämmerte beständig mit dem Kopf an das Glas und suchte sich in den schönen Morgen hinauszuretten, offenbar tief davon durchdrungen, ein böser Zauber müsse sie gefangen halten, da es ihr so gar nicht gelingen wollte. Der Morgen war schöner als je, und die würzige Sommerluft küßte Ruth und fächelte Tom, als wollte sie sagen: »Nun, wie geht's euch, meine Kinder? Ich habe eine weite Reise gemacht, nur um euch zu grüßen.« Kurz, es war eine jener frohen Stunden, wo man wünscht oder doch wünschen sollte, daß jeder Mensch auf Erden glücklich sein möge, um den Hauch des Sommers und die Schönheit der Jahreszeit in seinem Herzen zu empfinden.

Das Frühstück verlief womöglich noch gemütlicher als sonst. Die kleine Ruth hatte jetzt zwei Zöglinge zu unterrichten und hatte jedem derselben dreimal in der Woche je zwei Stunden zu widmen. Außerdem hatte sie auch einige Kleinigkeiten gemalt und war hinter Toms Rücken in ein Geschäft gegangen, das mit solchen Artikeln handelte, nachdem sie oft lange davorgestanden und durchs Fenster geguckt hatte, ohne den Mut zu finden, einzutreten und die Frau im Laden zu fragen, ob sie ihr die Sachen abkaufen wolle. Und die Frau hatte sie ihr nicht nur abgekauft, sondern noch mehr davon bestellt. Und noch am selben Morgen hatte Ruth dies alles Tom gestanden und ihm den Erlös in einer kleinen Börse übergeben, die sie eigens zu diesem Zweck gestrickt hatte. Sie waren jetzt beide noch ganz entzückt darüber und hatten vielleicht auch ein paar glückliche Tränen darüber geweint. Aber jetzt war alles vorüber, und seit die Sonne zum letztenmal untergegangen war, hatte sie keine so seligen Gesichter beleuchtet als die der beiden Geschwister.

»Meine liebe, liebe Ruth«, sagte Tom so plötzlich, daß er darüber vergaß, das Brot abzuschneiden, das er seiner Schwester geben wollte, und das Messer im Brotlaib stecken ließ, »was doch unser Hauswirt für ein seltsamer Kauz ist. Ich glaube, er ist auch nicht ein einziges Mal wieder nach Hause gekommen, seit er mich damals in die leidige Patsche brachte. Mir scheint, er wird überhaupt nicht mehr wiederkommen. Was der nur für ein geheimnisvolles Leben führen mag?«

»Sehr seltsam, allerdings, Tom.«

»Das will ich meinen«, rief Tom. »Wenn es nur nicht mehr ist als bloß kurios. Ich will hoffen, daß keine Schurkerei dahintersteckt. Zuweilen kommt es mir ganz so vor. Aber, wenn ich ihn erwische«, sagte er und schüttelte den Kopf mit fürchterlich drohender Miene, »so muß er mir eine Aufklärung geben.«

In diesem Augenblick ertönte ein kurzes zweimaliges Klopfen an der Tür und ließ Tom alle seine Rachegedanken vergessen und setzte ihn dafür in das größte Erstaunen.

»Hallo«, rief er, »ist das aber ein früher Besuch! Es kann offenbar nur John sein!«

»Ich – nein – ich glaube nicht, daß er es ist – er – er klopft anders, Tom«, stotterte Ruth.

»So?« sagte Tom. »Nun, mein Prinzipal wird doch nicht am Ende plötzlich angekommen und von Mr. Fips hierher gewiesen worden sein, um sich den Schlüssel zu seinen Zimmern zu holen? Aber jemand fragt nach mir, das ist einmal sicher. Herein! Bitte, treten Sie gefälligst ein.« – Als aber der Besuch eintrat, empfing ihn Tom Pinch nicht mit einem: »Wünschen Sie mich zu sprechen, Sir? Mein Name ist Pinch, Sir, darf ich fragen, was Sie von mir wünschen«, oder mit einer ähnlichen reservierten Höflichkeit, sondern er rief laut auf: »O Gott, O Gott«, und packte den Ankömmling mit beiden Händen, außer sich vor Freude und vor namenloser Überraschung, an den Schultern.

Aber auch der Fremde war nicht weniger ergriffen als Tom, und so schüttelten sie einander lange die Hände, ohne daß einer von beiden ein Wort weiter hervorbrachte. Tom war der erste, der das Schweigen brach:

»Mark Tapley, Sie?« rief er und sprang zur Türe, um noch jemandem draußen die Hand zu schütteln. »Lieber, lieber Mark, nehmen Sie Platz. Wie geht's, Mark? Wirklich, Sie sehen nicht um einen Tag älter aus als in den frühern Zeiten im ›Drachen‹. Na, und wie geht es Ihnen denn, Mark?«

»Bin außerordentlich fidel, Sir, ich danke Ihnen«, entgegnete Mr. Tapley mit strahlendem Gesicht und nicht endenwollenden Verbeugungen. »Ich hoffe, auch Sie befinden sich wohl, Sir?«

»Du mein Himmel!« rief Tom, ihn herzlich auf den Rücken klopfend, »was ist das für eine Freude, wieder Ihre alte bekannte Stimme zu hören. – Mein lieber Martin, bitte setzen Sie sich doch. Hier meine Schwester, lieber Martin, – Mr. Chuzzlewit, meine Liebe – und hier Mr. Mark Tapley aus dem ›Drachen‹. Gott, ist das eine Überraschung! Aber so nehmen Sie doch Platz! Gott, ist das eine Überraschung!«

Er war so aufgeregt, daß er auch nicht einen Augenblick stillhalten konnte, sondern beständig zwischen Mark und Martin hin und her lief und bald dem einen, bald dem andern die Hände schüttelte und sie wohl zum neunhundertundneunzigstenmal seiner Schwester vorstellte.

»Ich erinnere mich noch so gut an den Tag, wo wir uns trennten, Martin, als wäre es gestern gewesen«, rief er. »War das ein Tag! Und wie leidenschaftlich erregt Sie waren! Und erinnern Sie sich noch, Mark, wie ich Sie an jenem Morgen traf, als ich mit dem Gig nach Salisbury fuhr, um ihn abzuholen? Sie wollten sich damals nach einer andern Stelle umsehen. Und denken Sie noch an das Dinner, Martin, das wir in Salisbury mit John Westlock eingenommen haben? O du lieber Himmel! Ruth, meine Liebe, hier, das ist Mr. Chuzzlewit, und hier Mr. Mark Tapley aus dem ›Drachen‹. Bitte, bringe doch noch ein paar Tassen mit Untertassen. Nein, was ich für eine Freude habe, euch beide hier zu sehen!«

Er machte es jetzt gerade so, wie es John Westlock seinerzeit gemacht, als er ihn empfing: er lief um einen Laib Brot und um Butter, aber bevor er noch ein einziges Stück abgeschnitten, fiel ihm plötzlich wieder etwas anderes ein, und er lief abermals zurück, um erst zu erzählen, dann schüttelte er seinen Gästen nochmals die Hand und stellte sie abermals seiner Schwester vor und tat wieder, was er schon getan hatte, zum tausendstenmal noch einmal, aber alles, was er tat oder sagte, drückte nicht halb die Freude aus, die er innerlich über ihre glückliche Heimkehr empfand. Mr. Tapley war der erste, der seine Besonnenheit wiedergewann. Es dauerte nicht lange, da hatte er sich, noch ehe man sich's recht versah, als Kammerdiener der kleinen Gesellschaft in aller Form etabliert; – sie merkten es erst, als sie ihn vermißten und ihn dann aus der Küche mit einem Kessel Wasser kommen sahen, das er in den Teetopf schüttete, und zwar mit einer Umsicht, wie man sie nur bei ihm finden konnte.

»Aber setzen Sie sich doch und frühstücken Sie, Mark!« rief Tom. »So sagen Sie ihm doch, er solle sich setzen und mit uns frühstücken, Martin!«

»Ach Gott, dergleichen hab ich längst als unmöglich aufgegeben«, versetzte Martin. »Er ist unverbesserlich und hat einen unvergleichlichen Dickschädel. Sie würden es ihm nicht übelnehmen, Miss Pinch, wenn Sie wüßten, was für ein wertvoller Mensch er ist.«

»O Gott, sie kennt ihn genau«, versicherte Tom. »Ich habe ihr so oft von Mark Tapley erzählt. Ist's nicht so, Ruth?«

»Ja, Tom.«

»Alles gewiß nicht«, sagte Martin. »Die beste Seite von Mark Tapley ist nur einem einzigen Menschen bekannt, und der würde nicht mehr am Leben sein, um es zu erzählen, wenn Mark nicht gewesen wäre.«

»Mark!« rief Tom Pinch jetzt sehr energisch, »wenn Sie sich nicht augenblicklich niedersetzen, so fange ich an, Ihnen zu fluchen.«

»Nun, Sir«, versetzte Mr. Tapley freundlich, »ehe Sie mir das antun, will ich mich doch lieber fügen. Dachte nur, es sei so aller ehrenhaften Fidelität schnurstracks zuwider, wenn man so besonders gut aufgenommen wird.«

»Also noch immer die alte Sorge?« fragte Tom lächelnd.

»Nun, so halb und halb habe ich schon Ursache gehabt, fidel zu sein. Drüben auf der andern Seite des großen Wassers«, entgegnete Mr. Tapley. »Und ein bißchen Ehre war auch dabei einzulegen. Aber die ganze Menschheit scheint sich wieder gegen mich verschworen zu haben. Ich kann und kann die Sache nun einmal nicht bis zu Ende durchführen. Ich werde übrigens in meinem Testament die Verfügung treffen, daß man mir aufs Grab schreibt: er war ein Mann, der sich gerne groß gezeigt hätte, aber das Schicksal hat ihm die Möglichkeit dazu versagt.«

Dabei lachte Mr. Tapley übers ganze Gesicht, blickte fröhlich umher und machte dann eine Attacke auf das Frühstück mit einem Appetit, der nichts weniger als Vernichtung seiner Hoffnungen oder Kleinmut ausdrückte.

Unterdessen hatte Martin seinen Stuhl ein wenig näher zu Tom und seiner Schwester gerückt, um ihnen zu berichten, was in Mr. Pecksniffs Hause vorgegangen war, und zugleich einen kurzen Überblick über seine Leiden und Enttäuschungen in Amerika zu geben.

»Für Ihre so treue Erfüllung des Auftrages, den ich Ihnen hinterlassen, Tom«, fuhr er fort, »und für alle Ihre Güte und Uneigennützigkeit werde ich Ihnen nie genug danken können. Wenn ich meinem Dank auch noch den von Mary beifüge –«

Das Blut wich aus Toms Wangen und strömte dann wieder so heftig zurück, daß es jeden, der um seine Gefühle gewußt hätte, aufs tiefste erschüttert haben würde. Aber es war eine Erleichterung für ihn und ein Balsam für sein wundes Herz.

»Wenn ich noch meinem Dank den von Mary hinzufüge«, sagte Martin, »so haben Sie damit die einzige armselige Anerkennung, die ich Ihnen geben kann. Aber wenn Sie wüßten, wie tief und innig wir für Sie empfinden, Tom, so würden Sie gewiß Wert darauf legen.«

– Und wenn sie gewußt hätten, wie tief und innig Tom fühlte – doch das wußte keine menschliche Seele –, so würden sie ihn sicherlich bewundert haben.

Rasch wechselte Tom das Thema. Es tat ihm leid, den Gegenstand nicht weiter verfolgen zu können, da es Martin Freude zu machen schien, aber für den Augenblick konnte er es nicht über sich bringen. Wohl war nicht eine Spur von Bitterkeit oder Neid in seiner Seele, aber er konnte sich nicht so weit beherrschen, um Marys Namen ohne Beben auszusprechen. So fragte er, was Martin jetzt für Pläne habe.

»Ich habe es mir endgültig aus dem Kopf geschlagen, Sie zu protegieren, Tom«, sagte Martin. »Ich muß mich jetzt damit begnügen, mir erst selber einmal mein Brot zu verdienen. Ich habe es bereits einmal in London versucht, Tom, aber es ist mir nicht gelungen. Wenn Sie nun so gut sein wollen, mir mit Ihrem freundschaftlichen Rat zur Seite zu stehen, so hoffe ich, wird es vielleicht besser gehen. Ich will wirklich alles tun, Tom, und scheue mich vor nichts, auch nicht vor der niedrigsten Arbeit, nur mein Brot will ich mir verdienen. Höher versteigen sich meine Hoffnungen nicht mehr.«

»Was? Ihre Hoffnungen sollten sich nicht höher versteigen? Wie können Sie nur so etwas sagen!« rief Tom. »Hoffen Sie denn nicht mehr auf die Zeit, wo Sie dereinst mit ihr glücklich sein werden, Martin? Doch, doch! Sie müssen darauf hoffen, Martin! Meinen freundschaftlichen Rat?! Gewiß werde ich es an nichts fehlen lassen, soweit es an mir liegt, aber ich hoffe, es wird Ihnen ein besserer Rat zuteil werden, als ich Ihnen wohl zu geben vermag, wenn er auch kaum einer größeren Teilnahme für Sie entspringen kann als meiner. Sie müssen sich mit John Westlock besprechen; wir wollen uns auf der Stelle zu ihm begeben. Es ist noch so früh an der Zeit, daß ich Sie bequem nach seiner Wohnung begleiten kann, ehe ich an meine Geschäfte gehe. Ich muß sowieso dort vorbei und will Sie dort lassen, damit Sie mit ihm über Ihre Angelegenheiten reden können. Also kommen Sie, kommen Sie! Ich habe jetzt viel zu tun, müssen Sie wissen«, setzte er mit seinem liebenswürdigsten Lächeln hinzu, »und darf daher keine Zeit verlieren. Also höher versteigen sich Ihre Hoffnungen nicht? Hoffentlich glauben Sie das selber nicht! Aber ich kenne Sie. Sie werden sich bald so hoch emporschwingen, Martin, daß wir Sie ganz aus dem Gesichte verlieren und sie uns meilenweit hinter sich zurücklassen werden, ehe wir es uns versehen.«

»Ach, ich habe mich recht sehr verändert, Tom, seit damals, als Sie mich zuerst kennenlernten, Tom.«

»Unsinn, Unsinn«, rief Mr. Pinch, »warum hätten Sie sich denn verändern sollen? Sie reden ja rein, als wären Sie ein alter Mann. In meinem ganzen Leben habe ich noch niemanden so reden hören. Kommen Sie nur erst einmal zu John Westlock. Und Sie müssen natürlich mit, Mark Tapley. Ja, das hat alles dieser Mark angerichtet, und es geschieht Ihnen schon recht, Martin; warum haben Sie sich einen solchen Querkopf zum Gefährten gewählt.«

»Wahrhaftig, man legt keine Ehre ein, wenn man bei Ihnen fidel ist, Mr. Pinch«, protestierte Mark und lachte wieder übers ganze Gesicht. »In Ihrer Gesellschaft könnte sogar ein Armendoktor fidel sein. Ich müßte rein noch einmal nach Amerika, um mit einigermaßen Verdienst fidel zu sein, nachdem ich Sie gesehen habe.«

Tom lachte, sagte seiner Schwester Lebewohl und eilte mit Mark und Martin fort, um sich auf dem nächsten Wege zu John Westlock zu begeben. Seine Geschäftszeit fing bald an, und er setzte seine Stolz darein, immer pünktlich zu sein.

John Westlock war zu Hause, aber seltsamerweise ein wenig verlegen über den Besuch, und als Tom direkt in das Zimmer gehen wollte, wo sein Freund zu frühstücken pflegte, sagte er, er habe einen Fremden zu Besuch. Es schien ein sehr geheimnisvoller Mensch zu sein, dieser Fremde, denn John schloß bei diesen Worten sorgsam die Türe und führte seine Gäste in das Zimmer nebenan. Gleichwohl war er sehr erfreut, Mark Tapley wiederzusehen, wie er denn auch Martin Chuzzlewit mit größter Höflichkeit bewillkommnete. Martin hatte das Gefühl, daß er John nicht viel Sympathie einflöße, und glaubte auch zu bemerken, daß dieser Tom Pinch einige Male bedenklich, wenn nicht gar mitleidig anblickte. Er glaubte die Ursache zu erraten und errötete bei dem Gedanken daran.

»Ich fürchte, Sie sind beschäftigt«, sagte er daher, als Tom den Zweck ihres Besuches erzählt hatte, »wenn Sie gestatten, möchte ich Sie vielleicht lieber zu einer Zeit besuchen, wo Sie nicht verhindert sind.«

»Allerdings bin ich augenblicklich beschäftigt«, versetzte John mit einigem Widerstreben, »aber es betrifft, offen gestanden, die Sache, die mich augenblicklich in Anspruch nimmt, mehr Sie als mich.«

»Mich?« rief Martin.

»Die Angelegenheit ist ziemlich ernster Natur und betrifft ein Mitglied Ihrer Familie. Wenn Sie die Güte haben wollen, mich hier zu erwarten, so würde mich das sehr freuen, denn ich könnte Ihnen nachher alles unter vier Augen mitteilen, damit Sie selbst urteilen, wie weit die Angelegenheit Sie angeht.«

»Ich kann sowieso jetzt nicht bleiben«, fiel Tom ein.

»Sind Ihre Geschäfte denn so dringend«, unterbrach ihn Martin, »daß Sie nicht ein halbes Stündchen mehr hierbleiben können? Es wäre mir wirklich sehr lieb, wenn es irgendwie ginge. Was haben Sie denn für Geschäfte, Tom?«

Tom wurde verlegen, sagte aber, nachdem er eine Minute nachgedacht, offen heraus:

»Leider kann ich Ihnen darüber keine nähere Auskunft geben, Martin, aber ich hoffe, ich werde es bald dürfen. Der Grund dafür liegt eigentlich nur darin, daß mein Prinzipal mir verboten hat, darüber zu sprechen. Meine Situation ist überhaupt sehr merkwürdig«, setzte er unruhig hinzu, denn er wünschte auch den Schein zu vermeiden, als ob er irgendwie Zweifel in Martins Vertrauen setze – »aber ich kann wirklich nicht anders. Nicht wahr, du wirst mir das bestätigen, John?«

John Westlock bejahte, und Martin bat Mr. Pinch, doch kein Wort mehr weiter darüber zu verlieren. Nichtsdestoweniger natürlich wunderte er sich innerlich, warum Tom in betreff seiner Geschäfte so geheimnisvoll, so verlegen und so ganz anders war, als er sonst zu sein pflegte. Auch als Mr. Pinch sich bereits entfernt hatte, wollte ihm der Gedanke nicht aus dem Kopf.

Unmittelbar darauf verabschiedete sich Tom und nahm Mr. Tapley mit sich, der lachend um die Erlaubnis bat, ihn, wenn es ihm nichts ausmache, bis nach Fleet Street begleiten zu dürfen.

»Nun, und was gedenken Sie jetzt anzufangen, Mark?« fragte Tom, als sie zusammen nebeneinander her gingen.

»Je nun, Sir«, sagte Mark Tapley, »offen gestanden, gedenke ich mich zu verheiraten.«

»Warum nicht gar, Mark!« rief Tom.

»Jawohl, Sir, so ist's. Ich habe mir die Sache lange überlegt.«

»Und wer ist die Glückliche, Mark?«

»Wer die Glückliche ist, Sir?« wiederholte Mr. Tapley.

»Ja, ja, die Glückliche. So tun Sie doch nicht, als ob Sie nicht wüßten, was ich meine«, versetzte Tom lachend.

Mr. Tapley unterdrückte seine eigene Lachlust und sagte mit komisch ernstem Gesicht:

»Sie können's natürlich nie erraten, Mr. Pinch.«

»Wie wäre das auch möglich«, rief Tom. »Ich kenne doch keine von Ihren Flammen, außer vielleicht Mrs. Lupin.«

»Na, Sir, und wenn die's wäre?«

Tom blieb stehen und blickte Mark Tapley an. Aber dieser machte einen Augenblick ein vollkommen ausdrucksloses Gesicht – so ausdruckslos wie eine Häusermauer mit geschlossenen Fenstern. Aber allmählich machte er ein Fenster nach dem andern auf, und schließlich lachte er über das ganze Gesicht.

»Gesetzt nun den Fall, sie wäre es, Sir?«

»Aber Sie haben mir doch einmal selbst gesagt«, rief Tom, »eine solche Verbindung wäre nichts für Sie!«

»Ja, ja, das habe ich früher auch geglaubt«, scherzte Mark, »aber inzwischen bin ich doch wankend geworden. Sie ist ein liebes, herziges Geschöpf.«

»Gewiß ist sie ein liebes, herziges Geschöpf«, versicherte Tom, »aber das ist sie doch von jeher gewesen.«

»Das will ich meinen«, pflichtete Mr. Tapley bei.

»Warum, um Gottes willen, haben Sie denn dann die wackere Frau nicht gleich von vornherein geheiratet, Mark, und sich erst lange in der Fremde herumgetrieben? Warum sie die ganze Zeit über allein lassen und der Hofmacherei von Fremden preisgeben?«

»Nun, Sir«, erklärte Mr. Tapley im Tone des größten Vertrauens, »ich will Ihnen sagen, wie das zuging. Sie kennen mich, Mr. Pinch, niemand kennt mich besser als Sie. Sie kennen meinen Charakter und wissen auch, worin meine Schwäche besteht. In meiner Natur liegt es, fidel zu sein, und meine schwache Seite ist, daß ich gerne fidel wäre, wo es eine Kunst ist, fidel zu sein. Also gut, Sir. Und so kam es, daß ich es mir in den Kopf setzte, sie müsse – wie soll ich nur sagen – sie müsse stolz auf mich sein«, setzte er bescheiden hinzu.

»Gewiß, gewiß«, rief Tom, »ich ahnte das, als wir damals darüber sprachen, wie Sie noch im ›Drachen‹ waren.«

Mr. Tapley nickte zustimmend.

»Sehr gut, Sir. Aber damals trug ich mich mit allerlei Hoffnungen und kam zu dem Schlusse, daß es keine Kunst sei, fidel zu sein, wenn man ein Leben führt, das von lauter Annehmlichkeiten umgeben ist. Wie ich mir so die schöne Seite des Lebens betrachtete, da dachte ich mir, ich müsse vor allem noch einmal recht viel Elend durchmachen; denn da sei wenigstens Ehre dabei zu holen, wenn man fidel bliebe. So zog ich voller Erwartungen in die Welt hinaus, um es zu probieren. Zuerst ging ich an Bord eines Schiffes, bemerkte aber bald – da es auch dort ganz leicht war, fidel zu sein –, daß da nicht viel Ruhm für mich zu ernten sei. Ich hätte mir's wohl können zur Warnung dienen lassen und die Sache aufgeben sollen, aber ich tat es nicht. Dann ging ich in die Vereinigten Staaten, und da fing ich – ich kann's nicht leugnen – zum erstenmal an, zu fühlen, daß man dort Ehre einlegen könne, wenn man bei guter Laune bleibt. Aber was geschah? Kaum fange ich an, in die Höhe zu kommen, da hintergeht mich mein Herr.«

»Er hintergeht Sie?« rief Tom.

»Er hintergeht mich im wahrsten Sinne des Wortes«, sagte Mr. Tapley mit strahlendem Gesicht. »Legt alle die Gewohnheiten ab, die den Dienst bei ihm noch als ein bißchen anerkennenswert hingestellt hätten, und macht mir Freude. Selbstverständlich kehre ich da sofort wieder heim. Gut. Und wie alle meine hoffnungsvollen Aussichten gescheitert sind und ich einsehe, daß ich mich nirgends mehr herausreißen kann, da packt mich die Verzweiflung, und ich sage mir: So will ich also tun, was gar keine Kunst ist; ich will ein liebes braves Geschöpf heiraten, das mich liebt und das ich ebenfalls liebe, ich will ein glückliches Leben führen und nicht mehr weiter kämpfen gegen das Schicksal, das alle meine Aussichten vernichtet hat.«

»Ihre Philosophie ist wohl so ziemlich das Närrischste, was ich mir denken kann, aber unweise ist sie darum eigentlich nicht«, sagte Tom herzlich lachend. »Mrs. Lupin hat natürlich ›ja‹ gesagt?«

»Wo denken Sie hin!« versetzte Mr. Tapley. »So weit ist sie noch nicht. Ich schreibe das vorzüglich dem Umstande zu, daß ich sie noch nicht danach gefragt habe. Aber gefreut haben wir uns beide mächtig, als wir uns an dem Abend, wo ich nach Hause kam, wiedersahen. Es ist schon soweit alles in Ordnung, Sir.«

»Nun, dann wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen Glück«, sagte Tom. »Hoffentlich sehe ich Sie doch heute noch? – Inzwischen leben Sie wohl.«

»Leben Sie wohl, Sir! – – Adieu, Mr. Pinch«, setzte Mark innerlich hinzu, als er allein auf der Straße stand und Tom nachsah. »Du bist so recht ein Dämpfer für einen tüchtigen Ehrgeiz. Du weißt freilich nichts davon, daß du der erste warst, der meinen Hoffnungen den ersten Stoß versetzte. Ja, der Mr. Pecksniff hätte mich für mein ganzes Leben aufgerichtet! Aber mit einer Sanftmut wie der deinigen kann es der Mensch unmöglich aushalten. – Adieu, Mr. Pinch!«

Inzwischen waren Martin und John Westlock auf ganz andere Weise beschäftigt. Sie waren kaum allein, da begann Martin mit einer Anstrengung, die er nicht ganz verbergen konnte:

»Mr. Westlock, wir haben uns zwar nur ein einziges Mal gesehen, aber Sie kennen Tom so lange, daß ich vermuten muß, dieser Umstand allein veranlaßt Sie, so freundlich gegen mich zu sein. Ich kann nun aber nicht offen heraus mit Ihnen sprechen, bevor ich mich nicht von einer Last, die mich jetzt schwer bedrückt, befreie. Zu meinem Leidwesen muß ich sehen, daß Sie mir nicht so weit trauen, als daß Sie nicht glauben könnten, ich wäre imstande, Toms Uneigennützigkeit, sein gutes Herz oder sonst eine seiner guten Eigenschaften zu mißbrauchen.«

»Ich hatte nie die Absicht, einen solchen Eindruck bei Ihnen hervorzubringen«, versetzte John, »und bedaure wirklich sehr, daß es trotzdem geschehen ist.«

»Aber offenbar sind Sie dieser Ansicht, nicht wahr?« fragte Martin.

»Sie fragen mich so direkt und bestimmt«, entgegnete John, »daß ich nicht ganz in Abrede zu stellen vermag, Sie als einen Mann betrachtet zu haben, der – nicht etwa aus Übermut oder Schlechtigkeit, sondern aus bloßer Gedankenlosigkeit – Toms Wesen einst nicht gehörig würdigte und ihn nicht ganz so behandelte, wie er gewiß behandelt zu werden verdient. Glauben Sie mir, es ist viel leichter, Tom Pinch geringzuschätzen, als ihn nach Gebühr zu würdigen.«

John sprach durchaus nicht erregt, aber immerhin energisch, denn, ein einziges Wesen vielleicht ausgenommen, gab es auf der ganzen Welt niemanden, den er höher geschätzt hätte als Tom.

»Als ich an Jahren reifer wurde, lernte ich meinen Freund ebenfalls besser erkennen«, fuhr er fort, »und ich habe in ihm einen Menschen lieben gelernt, der unendlich besser ist als ich. Ich glaube nicht, daß Sie ihn recht verstanden haben, als wir uns damals in früheren Zeiten trafen, und vermute auch, daß Ihnen nicht besonders viel daran lag, ihn näher kennenzulernen. Die Umstände, aus denen ich dies schloß, waren sehr geringfügig – sogar harmlos, kann ich sagen, aber sie haben damals keinen sehr angenehmen Eindruck auf mich gemacht und drängten sich mir, sozusagen, mit Gewalt auf –, denn Sie dürfen nicht glauben, daß ich Sie vielleicht absichtlich beobachtet hätte. Sie werden denken«, setzte John liebenswürdig lächelnd – er konnte nie lange ungehalten sein – hinzu, »daß ich Ihnen damit nichts besonders Angenehmes sage und daß Ihnen an mir gewiß auch so mancherlei mißfällt. Aber ich kann Ihnen darauf nur erwidern, daß das Thema nicht von mir ausging, denn ich würde es um keinen Preis zur Sprache gebracht haben.«

»Ich weiß, daß ich selbst Anlaß dazu gegeben habe«, erwiderte Martin, »und bin weit entfernt, darüber irgendwie gekränkt zu sein. Im Gegenteil erfüllen mich die Freundschaft, die Sie für Tom empfinden, und die vielen Beweise, die Sie ihm davon gegeben haben, mit der größten Hochachtung. Warum sollte ich auch versuchen, Ihnen zu verhehlen« – dennoch errötete er dabei – »daß ich damals Tom weder verstand noch daß mir daran gelegen war, ihn näher kennenzulernen, als wir beisammen waren. Jetzt aber tut mir dies alles aufrichtig leid.«

Diese Antwort war so schlicht, so bescheiden und männlich, daß ihm John sofort die Hand entgegenstreckte. Und damit wich auch augenblicklich jeder Zwang zwischen den beiden jungen Leuten.

»Aber jetzt muß ich Sie vor allem bitten«, ging John auf ein anderes Thema über, »es mir nicht übelzunehmen, wenn ich Ihre Geduld auf längere Zeit in Anspruch nehme. Es handelt sich nämlich um etwas außerordentlich Wichtiges.«

Nach dieser Einleitung erzählte er Martin ausführlich alle Einzelheiten von der Krankheit und der langsamen Rekonvaleszenz des Patienten im »Ochsen« und knüpfte daran den Bericht, den ihm Tom seinerzeit über den Vorfall auf dem Kai erstattet hatte. Martin war nicht wenig verblüfft, als John schloß, denn die beiden Geschichten schienen in gar keinem Zusammenhang miteinander zu stehen und ließen ihn vollständig im unklaren.

»Und jetzt bitte ich Sie, mich einen Augenblick zu entschuldigen«, sagte John und stand auf. »Ich werde Sie sogleich ersuchen, mit mir in das anstoßende Zimmer zu kommen.«

Erstaunt blieb Martin allein, bis gleich darauf John wiederkam. Dann traten sie mitsammen in das anstoßende Zimmer, wo Martin den Fremden erblickte, von dem Westlock vorhin gesprochen.

Es war ein junger Mann mit tiefliegenden Augen und schwarzen Haaren, blaß und abgezehrt, wie es schien infolge einer soeben erst überstandenen schweren Krankheit. Als Martin eintrat, stand er auf, nahm aber auf Johns Aufforderung wieder Platz. Er hatte die Augen schüchtern niedergeschlagen und erhob sie nur ein einziges Mal, halb demütig, halb flehend, zu den beiden, senkte sie dann wieder und blieb stumm sitzen.

»Lewsome ist der Name diese Herrn«; stellte ihn John Westlock Martin vor, »er ist derselbe, der, wie ich Ihnen schon sagte, in dem Wirtshaus Zum Ochsen krank wurde und so außerordentlich viel durchgemacht hat. Es war eine schwere Leidenszeit für ihn, aber Sie sehen, daß es ihm jetzt bereits wieder gut geht.«

Der Fremde rührte sich nicht, und da John Westlock eine Pause machte, stotterte Martin in seiner Verlegenheit:

»Freut mich sehr, zu hören.«

»Den kurzen Bericht, den ich Sie bitte, aus dem Munde dieses Herrn selbst anzuhören, Mr. Chuzzlewit«, fuhr John fort, »hat mir Mr. Lewsome selbst gestern zum erstenmal erstattet und heute früh aufs genaueste und ohne die geringste Abweichung wiederholt. Ich habe Ihnen vorhin bereits gesagt, daß er mir, ehe er das Wirtshaus verließ, mitteilte, er habe mir ein Geheimnis zu enthüllen, das ihn schwer bedrücke. Zwischen Gesundheit und abermaligen Krankheitsrückfällen schwebend und teils von dem Wunsch beseelt, sein Gewissen von der ihn drückenden Last zu erleichtern, halb aus Furcht, sich durch die Entdeckung desselben in allerlei Unannehmlichkeiten zu verstricken, hat er bis gestern gezögert, sich mir anzuvertrauen. Ich habe ihn niemals gedrängt, da ich nicht die geringste Ahnung von der Wichtigkeit seines Geheimnisses hatte und mich im übrigen auch nicht berechtigt glaubte, ihn ernstlicher um Erfüllung seines Versprechens anzugehen. Erst vor einigen Tagen, als er mir in einem Brief mitteilte, was ihn bedrücke, beziehe sich auf eine Person namens Jonas Chuzzlewit, kam ich auf den Gedanken, die Sache könne vielleicht einiges Licht auf das kleine Geheimnis werfen, auf das Tom immer wieder und wieder zurückkommt. So bestand ich daher auf der Enthüllung und hörte, was Sie selbst jetzt aus seinem Munde vernehmen werden. Ich muß zu Mr. Lewsomes Lobe sagen, daß er auf dem Krankenlager das Geheimnis niedergeschrieben, versiegelt und mit meiner Adresse versehen hat, wenn er sich auch lange Zeit nicht entschließen konnte, es mir zu übergeben. Er trägt, glaube ich, noch jetzt den Brief auf der Brust.«

Der Fremde griff hastig in die Brusttasche, um zu zeigen, daß es wahr sei.

»Vielleicht wird es gut sein, wenn wir den Brief jetzt in Verwahrung nehmen«, sagte John. »Aber dazu haben wir schließlich noch immer Zeit.« Dabei winkte er heimlich Martin, um ihn auf das aufmerksam zu machen, was der Fremde erzählen werde. Nach einer kurzen Pause begann Mr. Lewsome mit leiser, schwacher und hohler Stimme.

»In welcher Weise war Mr. Anthony Chuzzlewit, der kürzlich – gestorben ist, mit Ihnen verwandt?«

»Mit mir verwandt?« wiederholte Martin. »Er war der Bruder meines Großvaters.«

»Ich fürchte, er ist keines natürlichen Todes gestorben, sondern ermordet worden«, sagte Mr. Lewsome stockend.

»Gott im Himmel«, rief Martin, »von wem?«

Mr. Lewsome blickte hastig auf, schlug die Augen wieder nieder und sagte:

»Ich fürchte, durch mich.«

»Durch Sie?« rief Martin.

»Nicht vielleicht direkt durch mich, aber ich fürchte, ich bin vielleicht mit schuld daran.«

»Um Gottes willen, sprechen Sie sich doch genauer aus», rief Martin. »Bitte, sagen Sie uns die volle Wahrheit.«

»Ich fürchte, dies ist die Wahrheit.«

Martin war im Begriff, abermals eine hastige Frage zu stellen, aber John Westlock flüsterte ihm zu, er möge den jungen Mann die Geschichte in seiner eigenen Weise ruhig vortragen lassen.

»Ich habe als Lazarettgehilfe praktiziert und stand in den letzten paar Jahren bei einem Chirurgen in der City in Diensten«, begann Mr. Lewsome; »und dabei wurde ich mit Mr. Jonas Chuzzlewit bekannt, der der Hauptschuldige in dieser Sache ist.«

»Wissen Sie, was Sie damit sagen?!« rief Martin streng und ernst. »Wissen Sie, daß Jonas der Sohn des alten Mannes ist, von dem Sie sprachen?«

»Ich weiß es«, antwortete Lewsome.

Dann schwieg er einige Minuten und fuhr wieder in seiner Erzählung fort:

»Natürlich weiß ich es. Oft genug habe ich gehört, wie er wünschte, sein alter Vater möge endlich sterben. Er pflegte sich in diesem Sinne oft an einem Ort zu äußern, wo wir zu dritt oder viert jeden Abend zusammenkamen. Sie können sich wohl denken, daß es keine besonders sympathische Gesellschaft war, wenn Sie erfahren, daß er das Haupt davon bildete. Ach, wäre ich doch lieber gestorben, ehe ich ihn zu Gesicht bekam.«

Lewsome hielt wieder inne und fuhr dann aufs neue fort:

»Wir kamen dort zusammen, um zu trinken oder zu spielen – nicht hoch, aber immerhin um Summen, die für unsere Verhältnisse zu hoch waren. Gewöhnlich gewann er, und jedesmal lieh er den Verlierenden Geld gegen hohe Zinsen und bekam uns auf diese Weise schließlich alle in die Gewalt, trotzdem wir ihn im stillen haßten. Um ihn günstig für uns zu stimmen, machten wir mit, wenn er seine rohen Witze über seinen Vater riß, und pflegten sogar Toaste darauf auszubringen, der Alte möge rasch in die Grube fahren und Jonas seine Erbschaft antreten.«

Wieder eine Pause. »Eines Abends war Mr. Jonas in besonders übler Laune. Der alte Mann, sagte er, habe ihn den ganzen Tag über gequält. Er und ich waren allein, und da erzählte er mir in seiner Wut und seinem Ärger, Mr. Anthony Chuzzlewit, sein Vater, sei so kindisch, schwachsinnig oder blödsinnig, daß er nicht nur seinen Nebenmenschen, sondern auch sich selbst eine Last sei, und es wäre eine wahre Wohltat für ihn, wenn man ihn aus der Welt schaffte. Er beteuerte mit einem Schwur, er habe schon oft daran gedacht, ihm etwas in seinen Hustensaft zu mischen und ihm auf diese Weise zu einem leichten Tod zu verhelfen. Menschen, die von tollen Hunden gebissen werden, sagte er, brächte man doch zuweilen um die Ecke; warum solle man das nicht auch bei alten Leuten tun, bei denen es mit dem Sterben nicht so recht vorangehen wolle. Jonas sah mir bei diesen Worten voll ins Gesicht, und ich erwiderte seinen Blick. Aber weiter kamen wir an diesem Abend nicht.«

Lewsome machte abermals eine Pause und schwieg so lange, daß John Westlock ihn auffordern mußte, fortzufahren. Martin hatte kein Auge von seinem Gesicht verwandt und war so entsetzt, daß er seinerseits kein Wort hervorbringen konnte.

»Ungefähr eine Woche darauf – die Sache ging mir inzwischen nicht aus dem Kopf –, so lange kann es ungefähr gewesen sein – da kam er zum zweitenmal darauf zu sprechen. Wir waren wiederum allein, da wir etwas früher gekommen waren als die andern. Es bestand keine Verabredung zwischen uns, aber ich glaube doch, daß ich absichtlich etwas früher kam, um ihn zu treffen. Daß er deshalb früher kam, das weiß ich bestimmt. Also er war der erste am Platz und las gerade in einer Zeitung, als ich eintrat. Ohne aufzublicken und ohne sich im Lesen zu unterbrechen, nickte er mir zu. Ich setzte mich ihm gerade gegenüber. Ganz unvermittelt sagte er mir dann, ich müßte ihm zweierlei Mittel verschaffen: eines, das unmittelbar und sofort wirke und von dem man nur eine Kleinigkeit benötige, und eines, das langsamer wirke und nicht leicht Verdacht erwecke; davon brauche er mehr. Dabei las er immer in der Zeitung fort, wie es schien. Er sagte ›Mittel‹, ein anderes Wort gebrauchte er nicht, ich auch nicht.«

»Das stimmt ganz mit dem überein, was ich bereits früher gehört habe«, erklärte John Westlock.

»Ich fragte ihn, wozu er die Mittel brauche. Er meinte, zu nichts Bösem; um Katzen zu vergiften usw. Im übrigen könne mir das ja gleichgültig sein. Da ich ja sowieso in eine Kolonie zu gehen gedächte – ich hatte wohl eine derartige Anstellung erhalten, verlor sie aber wieder, wie Mr. Westlock weiß, infolge meiner Krankheit, und mit ihr auch meine einzige Hoffnung auf die Zukunft –, ginge mich die Sache um so weniger an. Er könne die Mittel übrigens ohne meine Beihilfe auf hunderterlei andere Art erhalten, wenn auch nicht ganz so leicht wie von mir – vielleicht werde er sie überhaupt nicht brauchen, und es falle ihm auch vorderhand nicht im entferntesten ein, sie zu benützen. Aber dennoch würde er sie gerne besitzen. Und während er dies sprach, las er ununterbrochen in der Zeitung. Wir unterhandelten dann wegen des Preises; er wollte mir eine kleine Schuld nachlassen – ich war nämlich völlig in seinen Händen – und mir außerdem fünf Pfund geben – dann unterbrachen wir das Thema, da andere Leute hereinkamen, aber am nächsten Abend unter ähnlichen Umständen händigte ich ihm die Mittel aus, nachdem er mir zuvor ausdrücklich versichert hatte, ich sei ein Narr, wenn ich glaubte, er werde sie jemals zu etwas Bösem benützen. Ich nahm das Geld und bin seitdem nicht wieder mit ihm zusammengetroffen. Ich weiß nun aber, daß der alte Mann gleich nachher starb, und zwar in einer Weise, die ganz gut die Folge dieser Gifte hätte sein können, und seit jener Zeit fühle ich mich als den elendsten aller Menschen. Nichts«, setzte Mr. Lewsome hinzu und verkrampfte die Hände, »nichts kann die Trostlosigkeit meines Innern schildern. Die Gewissensbisse sind wahrhaftig verdient, aber sie zu schildern bin ich nicht imstande.«

Damit senkte er den Kopf und schwieg. Abgezehrt und elend, wie er war, hätte ihm wohl niemand in diesem Zustand Vorwürfe zu machen gewagt.

»Ich kann es in der Nähe dieses Menschen nicht mehr länger aushalten«, sagte Martin halblaut und wendete sich ab.

»Er wird hier bleiben«, flüsterte John. »Kommen Sie.«

Leise drehte er den Schlüssel in dem Türschloß um, als sie fortgingen, und führte Martin in das Zimmer nebenan, in dem sie bereits vorhin gewesen.

Martin war so erstaunt, erschüttert und verwirrt über das Gehörte, daß er einige Zeit brauchte, ehe er sich fassen oder den Zusammenhang der einzelnen Punkte vollständig begreifen konnte. Als er endlich die ganze Geschichte klar überschaute, erklärte ihm John Westlock, wie wahrscheinlich es sei, daß das Verbrechen noch andern Leuten bekannt sei, die es zu ihrem eigenen Nutzen mißbrauchten und jenen Zwang auf Jonas ausübten, von dem der Vorfall mit Tom Pinch der beste Beweis sei. Das war so einleuchtend, daß sie es beide sofort einsahen, aber trotzdem gab es ihnen keinen Anhaltspunkt, was sie weiter zu tun hätten. Die Personen, die diese Macht offenbar besaßen und ausübten, waren ihnen unbekannt. Der einzige, von dem sie es wußten, war Toms Hauswirt. Aber selbst wenn es gelingen sollte, diesen Menschen stellig zu machen, was nach Toms Aussage nicht sehr leicht schien, so hatten sie doch kein Recht, irgendwelche Fragen an ihn zu richten. Aber auch angenommen, daß sie ihn fragten und er ihnen Rede stünde, so brauchte er doch nur mit Bezug auf das Abenteuer auf dem Quai zu sagen, er sei von da und dort geschickt worden, Jonas wegen eines dringenden Geschäftes zurückzurufen, und damit würde die Sache ein Ende gehabt haben. Überdies war es sehr schwierig und sehr verantwortlich, Schritte in dieser Sache zu tun. Lewsomes Geschichte konnte falsch sein, denn vielleicht war er nicht nur krank, sondern litt sogar an Geisteszerrüttung; und selbst wenn sie richtig war, so erbrachte das immer noch nicht den Beweis, daß der alte Chuzzlewit wirklich ermordet worden sein mußte. Pecksniff war bekanntlich zugegen gewesen, als der Alte starb (wie sich Tom sofort erinnerte, als er nachmittags zurückkam und sich ihren Beratungen anschloß), und überhaupt schien der Todesfall und alles, was damit zusammenhing, nichts besonders Auffallendes gehabt zu haben. Von Rechts wegen war nur Martins Großvater derjenige, der hinsichtlich des einzuschlagenden Verfahrens vor allem seine Meinung abzugeben hatte, aber es war offenbar unmöglich, sich mit ihm zu verständigen – sagte und dachte er doch nur, was Mr. Pecksniff ihm vorsprach und vordachte. Und wie Mr. Pecksniff sich über seinen eigenen Schwiegersohn äußern würde, ließ sich leicht vorhersehen.

Ganz abgesehen von allen diesen Rücksichten, konnte Martin außerdem den Gedanken nicht ertragen, es möchte vielleicht den Anschein haben, als nehme er die Gelegenheit wahr, durch eine so unnatürliche Anklage gegen einen Verwandten sich neuerdings um die Gunst seines Großvaters zu bewerben. Wenigstens mußte in diesem Licht sein Handeln erscheinen, wenn er abermals in Mr. Pecksniffs Hause vor dem alten Herrn erschien, um ihm das, was er erfahren, mitzuteilen; – immerhin mußte er damit rechnen, daß Mr. Pecksniff nicht einen Augenblick zögern werde, sein Benehmen von diesem Gesichtspunkte aus zu deuten. Andererseits wiederum konnte die Mitwisserschaft um das Geheimnis, ohne daß weitere Maßregeln zur nähern Erforschung der Angelegenheit eingeleitet wurden, als Mitschuld angesehen werden. Mit einem Wort, es schien kein Ausweg aus diesem Labyrinthe zu führen. Mr. Tapley wurde zwar gleichfalls ins Vertrauen gezogen, und die ausschweifende Phantasie dieses Gentlemans gab die allerkühnsten Mittel an – Entwürfe, die er auf eigene Verantwortung sofort zu vollziehen sich bereit erklärte –, aber dennoch wurde durch seinen Eifer und seine Dienstbeflissenheit die Angelegenheit – keineswegs klarer.

Wie die Dinge standen, erhielt Toms Erzählung über das seltsame Benehmen des geistesschwachen Buchhalters an jenem Abend, wo er und seine Schwester dort gemeinsam Tee getrunken hatten, ein sehr bedenkliches Aussehen und führte zur allgemeinen Überzeugung, daß man einen wichtigen Schritt zur Erforschung der Wahrheit täte, wenn man den Greis in ein Verhör nehmen könnte. Nachdem sie sich daher vorher versichert hatten, daß Lewsome und Mr. Chuffey nie miteinander zu tun gehabt, faßten sie einstimmig den Beschluß, an den alten Buchhalter heranzutreten.

Aber so leicht war es nicht, sich Chuffey zu nähern, ohne ihn oder Jonas stutzig zu machen oder zu beunruhigen, und da sie sich nicht recht klar darüber werden konnten, wie das alles am besten ins Werk zu setzen sei, wollte die Sache nicht recht in Schwung kommen.

Vor allem hieß es die Frage erörtern, wer von der Umgebung des alten Buchhalters noch den meisten Einfluß auf ihn habe, und Tom erklärte, daß dies augenscheinlich bei seiner jungen Herrin der Fall zu sein scheine. Aber selbstverständlich schreckten sowohl er wie alle übrigen vor dem Gedanken zurück, Gratia mit in das Komplott zu verwickeln und sie zu dem Werkzeug zu machen, das um Jonas' Hals den Strick zuziehen sollte. – War denn also niemand sonst da?

»Allerdings; – Mrs. Gamp«, sagte Tom, »die Krankenwärterin, besitzt großen Einfluß auf den alten Mann und hat ihn eine Zeitlang beaufsichtigt.«

Die Anregung fand sofort Anklang. Hier zeigte sich ein neuer Weg zum Ziel, den man bisher übersehen hatte. John Westlock kannte Mrs. Gamp. Er hatte ihr seinerzeit Beschäftigung gegeben und wußte, wo sie wohnte – denn die treffliche Frau hatte nicht verabsäumt, als sie sich das letztemal bei ihm empfahl, ihm ein ganzes Paket ihrer Geschäftskarten zum Verteilen zurückzulassen. Es wurde demnach beschlossen, vorsichtig, aber unverzüglich Mrs. Gamp einzufädeln und sorgfältig zu sondieren, wieviel diese verschwiegene Dame von Mr. Chuffey wußte und ob sie Mittel und Wege finden zu können glaube, sie alle oder wenigstens einen von ihnen in Verbindung mit dem alten Mann zu setzen.

Martin und John Westlock nahmen sich vor, noch am selben Abend ans Werk zu gehen, indem sie zuvörderst einmal Mrs. Gamp in ihrer Wohnung aufsuchten, um zu sehen, ob sie sie dort treffen könnten, und Tom eilte nach Hause, um keine Gelegenheit zu verlieren, sich eine Unterredung mit Mr. Nadgett zu verschaffen, falls dieser in seiner Wohnung auftauchen sollte. Mr. Tapley blieb auf seinen eigenen Wunsch in Furnivals Inn, um Lewsome nicht aus den Augen zu verlieren, obgleich das eigentlich überflüssig war, denn der junge Mann dachte an nichts weniger als an Flucht.

Ehe sie sich jedoch auf ihre verschiedenen Posten begaben, mußte ihnen Lewsome im Beisein der ganzen Gesellschaft die von ihm zu Papier gebrachte Erklärung laut vorlesen und erklären, daß er das Geständnis freiwillig angesichts des Todes und aus innerer Seelenpein niedergeschrieben habe. Hierauf unterzeichneten sie es sämtlich, und es wurde an einem sichern Ort eingeschlossen.

Auf Johns Rat schrieb Martin sodann einen Brief an den Vorstand der berühmten Elementarschule, in dem er ganz unverfroren den Entwurf des Bauplanes für sich in Anspruch nahm und Pecksniff unverhohlen des Diebstahls geistigen Eigentums zieh. Auch für diese Angelegenheit interessierte sich John Westlock sehr lebhaft und bemerkte mit seiner gewohnten Unehrerbietigkeit, Mr. Pecksniff habe sein Leben lang Glück genug gehabt mit seinen Gaunereien und es müsse ein Mordsspaß sein, ihn wenigstens in diesem Punkte einmal zu entlarven. Kurz, es war ein Tag voller Rührigkeit.

Martin hatte noch kein Logis gefunden, entschuldigte sich daher, als ihn John Westlock zum Dinner einlud, und machte sich sofort auf die Suche. Nach großer Mühe gelang es ihm endlich, für sich und Mark zwei Dachstübchen in der Nähe des Strandes nicht weit vom Tempel Bar zu mieten. Ihr Gepäck, das sie auf dem Postbureau gelassen, schaffte er selbst nach dem neuen Heim, und zwar mit einer Freude, wie er sie in seiner frühern Selbstsucht nie hatte empfinden können. Er jubelte innerlich, wieviel Mühe er dadurch Mark erspare und wie sehr sich dieser beim Nachhausekommen darüber freuen werde. Dann ging er im »Tempel« auf und ab und verzehrte sein frugales Mahl, bestehend aus einigen Wurstschnitten.

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