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Martin Chuzzlewit

Charles Dickens: Martin Chuzzlewit - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMartin Chuzzlewit
publisherWeltbild GmbH
year2004
isbn393349788X
translatorGustav Meyrink
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060629
corrected20110726
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44. Kapitel

Mr. Jonas und sein Freund setzen ihr Vorhaben ins Werk

Zu den vielen wunderbaren Eigenschaften Mr. Pecksniffs gehörte auch die, daß er in seiner Heuchelei um so raffinierter wurde, je mehr man auf seine Schliche kam. Wurde er in einer Richtung geschlagen, so erholte sich gleich darauf durch einen neuen Schachzug auf einer andern Seite; wurden sein Treiben und seine Schleichwege von »A« durchschaut, sah er darin um so mehr Grund, sie ohne Zeitverlust an »B« zu versuchen. Noch nie hatte er vielleicht als so musterhaftes Beispiel gewirkt und ein so erhabenes Schauspiel für seine ganze Umgebung geboten wie damals, als Tom Finch ihn durchschaut hatte, und noch nie so viel Humanität und zugleich Tugendstrenge an den Tag gelegt, wie damals, wo noch die Verachtung des jungen Martin ihm frisch auf der Seele brannte. Bei seinem unerschöpflichen Lager an Sentimentalität und Moral hatte er kaum von der Ankunft seines Schwiegersohnes gehört, als er sofort begriff, es ließe sich hier wiederum ein großer Posten von diesem Vorrat an Tugend abstoßen. Rasch eilte er ins Empfangszimmer hinab, umarmte den jungen Mann und rief, mit Blicken und Gebärden seine Besorgnis bekundend:

»Jonas – doch nicht meine Tochter? – Sie ist doch wohl, es ist doch nichts vorgefallen?«

»Ach was, dummes Zeug!« brummte der zärtliche Schwiegersohn, »lassen Sie wenigstens mir gegenüber diesen Blödsinn bleiben.«

»Sagen Sie mir nur das eine, befindet sie sich wohl?« rief Mr. Pecksniff. »Sagen Sie mir, daß ihr nichts fehlt, lieber Schwiegersohn!«

»Ach was, gar nichts fehlt ihr«, rief Jonas, sich aus der Umarmung losmachend. »Nicht das geringste fehlt ihr.«

»Dir fehlt nichts!« jubelte Mr. Pecksniff und sank in den nächsten Stuhl, sich erleichtert über die Stirne fahrend. »O Gott, diese Schwäche. Aber ich kann nicht anders, Jonas. Ich danke Ihnen. – So, jetzt ist mir wieder leichter. Und was macht meine zweite – meine Erstgeborene, mein Cherrychen?«

»Was sie gewöhnlich macht«, brummte Mr. Jonas, »ein Essiggesicht. Sie wissen doch, Sie hat sich einen Verehrer beigebogen!«

»Ja, ich weiß es aus erster Hand, nämlich von ihr selber«, sagte Mr. Pecksniff. »Ich kann nicht in Abrede stellen, daß ich mit einer gewissen Angst dem Verluste auch meiner zweiten Tochter entgegensehe, Jonas; – wir Väter sind eben egoistisch, fürchte ich. Ja, ja. – Hm. Aber ich habe stets gestrebt, sie für den häuslichen Herd zu erziehen. Es ist das eine Sphäre, der Cherry stets zur Zierde dienen wird.« »Ach, Blech, ziert sich was«, bemerkte der zärtliche Schwiegersohn mit berückender Freimütigkeit. »Die hat's nötig, sich – zu zieren.«

»Wenigstens sind meine Mädchen versorgt«, frohlockte Mr. Pecksniff, »glücklich versorgt, und ich habe nicht umsonst gearbeitet.«

Dasselbe würde er wahrscheinlich auch gesagt haben, wenn eine seiner Töchter den Haupttreffer gemacht und die andere eine wertvolle Börse auf der Straße gefunden haben würde. In beiden Fällen hätte er wahrscheinlich mit großer Feierlichkeit seinen patriarchalischen Segen auf ihr glückliches Haupt herniedergefleht und sich selbst unendlich viel darauf zugute getan haben, sie für ein so günstiges Los – erzogen zu haben.

»Ich dächte, wir sprächen jetzt mal von was anderem«, bemerkte Jonas trocken. »Wissen Sie, nur der Abwechslung wegen. Oder wollen Sie noch weiter Süßholz raspeln?«

»Nein, nein«, säuselte Mr. Pecksniff. »O Sie Schalk, Sie nichtsnutziger. Sie machen sich natürlich über einen armen alten zärtlichen Vater lustig. Nun wohl, er verdient es auch; aber er macht sich nichts daraus, daß Sie so reden. Seine Gefühle sind sein eigener Lohn. – Gedenken Sie bei mir zu bleiben, Jonas?«

»Nein. – Ich habe einen Freund bei mir.«

»So bringen Sie ihn doch mit«, rief Mr. Pecksniff in einem Anfall von Gastfreundschaft. »Bringen Sie so viele Freunde mit, wie Sie wollen.«

»Das ist kein Mann, der sich so leicht mitbringen läßt«, sagte Jonas sehr von oben herab. »Besten Dank, aber der sitzt ein bißchen zu hoch auf dem Baume, Pecksniff.«

Der Ehrenmann spitzte die Ohren. Sein Interesse erwachte. Hoch oben auf dem Baume sitzen war bei Mr. Pecksniff soviel wie Tugend, Größe, Herz, Verstand und Genie besitzen, oder besser gesagt, noch viel mehr, nämlich Geld. Zu einem Manne, der imstande war, auf ihn herabzusehen, konnte er niemals mit zu viel Ehrfurcht und Demut emporschauen. Das ist die Eigenschaft jedes großen Geistes und war daher auch seine.

»Ich will Ihnen aber sagen, was Sie tun könnten, wenn Sie wollen«, fing Jonas wieder an. »Kommen Sie und speisen Sie mit uns im ›Drachen‹. Wir mußten gestern abend in Geschäftsangelegenheiten über Salisbury fahren, und ich habe ihn überredet, mich diesen Morgen in seinem Wagen herüberzufahren – es war zwar nicht sein eigener, sondern eine Mietkutsche, denn der seinige ist in der letzten Nacht zerbrochen, aber das ist ja schließlich gleichgültig; – also, merken Sie jetzt gut auf, wie Sie sich ihm gegenüber zu benehmen haben. Er verkehrt nicht mit dem ersten Besten und ist an den feinsten Umgang gewöhnt.«

»Wohl irgendein junger Kavalier, dem Sie Geld geliehen haben – auf hohe Interessen, was?« scherzte Mr. Pecksniff und wackelte frohgelaunt mit dem Zeigefinger. »Es wird mich unendlich freuen, den lockeren Zeisig kennenzulernen.«

»Geliehen?« höhnte Jonas. »Ich ihm Geld geliehen? Wenn Sie den zwanzigsten Teil von dem besäßen, was er wegwerfen kann, dann würden Sie sich sofort zur Ruhe setzen. Wir könnten froh sein, wenn wir zusammen soviel hätten, wie seine Möbel, sein Silberservice und seine Gemälde wert sind. Das wäre mir der Rechte, um sich Geld von uns auszuborgen! Mr. Montague! Seit ich so glücklich – na, ich darf wohl sagen, so schlau war, mich bei der Versicherungsanstalt zu beteiligen, deren Vorsitzender er ist, habe ich mir schon – na, ist ja gleichgültig, wieviel ich verdient habe – es geht Sie nichts an«, brach Jonas seine Rede ab und tat wieder so zurückhaltend, wie er sonst in Geschäften zu sein pflegte. »Sie wissen, ich rede nicht gern von solchen Dingen, aber ein paar Schäfchen habe ich mir bereits ins trockne gebracht.«

»Wirklich, mein lieber Jonas?!« rief Mr. Pecksniff voller Wärme. »Aber einem solchen Herrn muß man doch Aufmerksamkeiten erweisen! Vielleicht hat er Lust, die Kathedrale zu besichtigen – woran ich nach der Schilderung, die Sie mir von ihm gaben, nicht zweifle; – oder wenn er Geschmack an den schönen Künsten findet, könnte ich ihm ein paar Bilder schenken; – eine Abbildung der Salisburykathedrale, lieber Jonas«, fuhr Mr. Pecksniff fort, in seinem Verlangen, sich in seinem besten Lichte zu zeigen, auf sein Steckenpferd geratend, »es ist ein Gebäude voll ehrwürdigster Erinnerungen und erweckt die erhabensten Gefühle. Wir sehen die Werke vergangener Jahrhunderte vor uns erstehen, wir lauschen den Tönen der Orgel, während wir durch das hallende Kirchenschiff wandeln, wir haben hier die Zeichnungen dieses berühmten Gebäudes von Norden, von Süden, von Osten, von Westen, von Südosten, von Nordwesten –«

Während dieses Redestromes hatte sich Jonas, die Hände in den Taschen und den Kopf schlau auf die Seite gelegt, auf seinem Stuhle hin und her geschaukelt; jetzt blinzelte er seinen Schwiegervater so listig an, daß dieser plötzlich innehielt und fragte, was das zu bedeuten habe.

»Ach Gott«, versetzte Jonas, »ach Pecksniff, wenn ich wüßte, wem Sie mal ihr Geld hinterlassen, so würde ich Ihnen vielleicht einen Rat geben, wie Sie es im Handumdrehen verdoppeln können. Es wäre ganz hübsch, wenn so ein Geschäftchen in der Familie bliebe, aber Sie sind mir ein viel zu durchtriebener –«

»Jonas, Jonas!« rief Mr. Pecksniff bewegt. »Sie wissen, ich bin kein Diplomat. Das Gefühl geht immer mit mir durch. Bei weitem der größere Teil von den unbedeutenden Ersparnissen, die ich – wie ich hoffen will – in einem nicht unehrenhaften oder nutzlosen Leben gesammelt habe, ist testamentarisch bereits jemandem vermacht, den ich Ihnen wohl nicht zu nennen brauche.« Und er drückte seinem Schwiegersohn die Hand so warm, als wolle er hinzusetzen: Gott beschütze dich, mein liebes Kind, und halte nur das Geld zusammen, das du einmal kriegen wirst.

Mr. Jonas jedoch schüttelte nur den Kopf, lachte höhnisch und sagte mit einer Miene, die zu bedeuten schien, er habe etwas Besseres im Sinn: nein, er wolle die Sache doch lieber für sich selber reservieren. Nach einer Weile meinte er, sie könnten vielleicht einen Spaziergang machen, und da Mr. Pecksniff daraufhin direkt darauf bestand, ihn zu begleiten, machten sie sich sofort auf die Beine. Unterwegs beobachtete Jonas dieselbe Zurückhaltung, mit der er das Zwiegespräch vor einer Weile abgeschlossen hatte, und da er durchaus keinen Versuch machte, einzulenken, sondern sich im Gegenteil nur noch roher und ungeschliffener als gewöhnlich benahm, so ahnte Mr. Pecksniff nicht im entferntesten seine wahre Absicht und gab sich immer mehr und mehr Blößen. Der Schurke urteilt stets nach sich selbst und glaubt, jeder verfahre auf dieselbe Weise wie er, und so schloß Mr. Pecksniff: wenn der junge Mann mich zu seinen Zwecken brauchte, würde er höflicher und schmeichlerischer sein.

Je weniger Jonas auf seine Fragen einging, desto angelegentlicher bewarb sich Mr. Pecksniff um das Glück, in das goldene Geheimnis eingeweiht zu werden, in das er bisher nur einen ganz unbestimmten Blick hatte tun können. »Wozu diese kalte, eigennützige Geheimniskrämerei unter Verwandten?« rief er. »Was wäre das Leben ohne Vertrauen, wenn der erkiesene Gatte seiner Tochter, der Mann, dem er sie mit soviel Stolz und Hoffnung und so überwältigt vor Freude gegeben, – wenn dieser Mann nicht einmal einen grünen Fleck in der öden Wüste des Lebens bedeuten sollte! Wo würde sich eine solche Oase sonst finden lassen?!«

Er ahnte nicht im entferntesten, auf was für einen grünen Fleck er in diesem Augenblick seinen Fuß gesetzt hatte, und wie wenig sah er voraus, als er sagte: »Alles ist vergänglich«, daß sich dieses Wort in kurzer Zeit an ihm selbst bewahrheiten sollte.

Jonas gedachte, ihm an jenem zarten Punkte, wo er selbst so empfindlich war, zu Leibe zu gehen, und fand eine boshafte Freude an seinen eigenen Schlangenwindungen, die er hämisch verfolgte, indem er vorsichtig Zoll für Zoll die blendenden Aussichten des anglobengalischen Institutes preisgab, statt sie in voller Pracht und auf einmal vor dem gierigen Auge seines Zuhörers zu entfalten. Ebenso tropfenweise ließ er seinen Schwiegervater ahnen, er halte es für gefährlich, jemanden, der wie Mr. Pecksniff, im Gegensatz zu ihm selbst, so redegewandt war, einem Manne wie Mr. Montague vorzustellen. Lieber, brummte er, wolle er sich seinen geliebten Schwiegervater drei Schritte vom Leibe halten, als ihn in die Karten gucken zu lassen.

In so kunstgerechter Weise geködert, erschien Mr. Pecksniff zum Dinner mit einem Aufwand von Sanftmut, Wohlwollen, Heiterkeit, Höflichkeit und philanthropischer Gesinnung, wie er es vielleicht noch nie in seinem Leben zustande gebracht. Die Freimütigkeit des Gentlemans vom Lande, die feine Bildung des Künstlers, die vornehme Nonchalance des Weltmannes, die ölige Mischung von Menschenfreundlichkeit und Nachsicht, Frömmigkeit und Duldung, alles vereinigte sich in ihm, als ihm der große Spekulant und Kapitalist, Mr. Montague, die Hand schüttelte. »Willkommen, hochverehrter Herr«, rief er, »in unserm bescheidenen Dorfe! Wir sind wohl nur schlichte Leute – sozusagen Naturmenschen, Mr. Montague, allein wir wissen die Ehre Ihres Besuches zu würdigen, wie mein teurer Schwiegersohn hier mir gewiß gerne bezeugen wird. – Sonderbar, höchst sonderbar«, rief er, die Hand Mr. Tiggs ehrfurchtsvoll drückend, »fast kommt es mir vor, als ob ich Sie kenne. Diese hochgewölbte Stirn, diese üppigen Haarlocken – wahrhaftig, mein hochverehrter Herr, ich glaube Sie schon einmal irgendwo in der vornehmen Welt gesehen zu haben.«

»Nichts wäre natürlicher«, war die einstimmige Antwort Jonas Chuzzlewits und Mr. Montagues.

»Es wäre die größte Ehre für mich«, säuselte Mr. Pecksniff weiter, »wenn ich Sie einem älteren Gaste unseres Hauses, dem Oheim unseres gemeinsamen Freundes hier, vorstellen dürfte. – Mr. Martin Chuzzlewit würde bestimmt stolz darauf sein, Ihnen die Hand drücken zu dürfen.«

»Weilt dieser Herr momentan hier?« fragte Mr. Montague sich verfärbend.

»Jawohl.«

»Aber Sie haben mir gar nichts davon gesagt, Mr. Chuzzlewit!«

»Ich nahm an, es wäre Ihnen gleichgültig«, knurrte Jonas. »Übrigens kann ich Ihnen sagen, es verlohnt sich nicht der Mühe, ihn kennenzulernen.«

»Aber Jonas, mein lieber Jonas!« rügte Mr. Pecksniff. »Wie sprichst du nur?«

»Ja, ja, natürlich; ich verstehe; Sie reden ihm jetzt das Wort«, brummte Jonas, »weil Sie ihn sich hübsch eingefädelt haben und auf die Erbschaft spekulieren.«

»Oho, daher bläst der Wind«, lachte Mr. Montague. »Haha!«

Schwiegersohn und Schwiegervater stimmten in das Gelächter ein; besonders der letztere.

»Aber, aber!« rief der Architekt, Jonas scherzhaft auf die Achseln klopfend. »Mr. Montague, Sie dürfen nicht gleich alles glauben, was mein lieber Schwiegersohn sagt. In Geschäftssachen können Sie ihm ja Glauben schenken und ihm auch vertrauen, aber seinen phantastischen Einfällen dürfen Sie kein Gewicht beilegen.«

»Meiner Seel, Mr. Pecksniff«, rief Mr. Montague, »ich lege seiner Bemerkung sogar das größte Gewicht bei und hoffe nur, daß sie auch wahr sein möge. So auf die gewöhnliche übliche Weise läßt sich nicht schnell Geld verdienen, Mr. Pecksniff; viel gescheiter ist's, wenn man die Wurst richtig nach der Speckseite zu werfen weiß.«

»O pfui, o pfui!« rief Mr. Pecksniff. – Dann aber lachten sie wieder – besonders er.

»Wir wenigstens tun es, mein Ehrenwort«, sagte Mr. Montague.

»O pfui, pfui«, wiederholte Mr. Pecksniff. »Sie belieben zu scherzen. – Ich weiß bestimmt, es ist nicht der Fall – bin fest davon überzeugt. Gar bei Ihnen ist so etwas ausgeschlossen.« – Und wieder lachten sie zusammen – und Mr. Pecksniff am lautesten.

Die größten Meisterwerke der Kochkunst, die der »Drache« je geliefert, kamen jetzt auf den Tisch. Die besten und ältesten Weine im Keller des »Drachen« erblickten wieder einmal das Licht der Welt, und tausend kleine Anekdoten, die sämtlich auf Mr. Montagues Reichtum und hohe Stellung hinausliefen, wurden so ganz nebenbei aufgetischt. Mr. Pecksniff betonte immer wieder, es sei wirklich schade, daß Montague eine so geringe Meinung von den Menschen und ihren Schwächen habe. Er nahm es sich geradezu zu Herzen und kam ohne Unterlaß wieder darauf zurück, galt es doch, wie er sagte, seinen hochgeehrten Wirt zu bekehren. Und sooft Mr. Montague seinen Satz über das Spekulieren auf die Schwächen der Menschheit wiederholte und stets freimütig hinzusetzte: »Wir wenigstens tun es«, ebensooft wiederholte Mr. Pecksniff: o pfui, o pfui, das wäre ja eine Schande; ich weiß genau, Sie denken anders.

Kurz, des Scherzens und der Ausgelassenheit waren kein Ende. Nachdem diese Scharmützel eine Weile gedauert hatten, wurde Mr. Pecksniff plötzlich beinahe bis zu Tränen ernst. Er bemerkte, wenn Mr. Montague es erlaube, wolle er die Gesundheit seines jungen Verwandten, Mr. Jonas Chuzzlewit, ausbringen und sich selbst zu diesem neugeschlungenen Verwandtschaftsbande Glück wünschen. Dabei konnte er nicht umhin, zuzugestehen, daß er ihn beneide, seinen Nebenmenschen so nützlich werden zu können, denn wenn er die Zwecke des Instituts, mit dem Jonas jetzt so vorteilhafterweise in Verbindung getreten, richtig erfasse – er kenne sie freilich nur unvollkommen –, so seien sie darauf berechnet, Gutes zu wirken, und er selbst würde glauben, mit Sicherheit dereinst selig entschlummern zu können, falls er imstande wäre, ihren Plänen in was immer für einer Weise dienlich sein zu dürfen.

Der Übergang zu dieser zufällig hingeworfenen Bemerkung – denn das war sie natürlich, entsprang sie doch aus Mr. Pecksniffs übersprudelnder Herzlichkeit – bis zur Besprechung des Themas in Form einer wirklichen Geschäftssache war äußerst leicht. Bald lagen Bücher, Papiere, Tabellen und Berechnungen aller Art auf dem Tische ausgebreitet, und da sie nur zu einer bestimmten Absicht vorbereitet waren, so kann man sich leicht denken, daß sie samt und sonders auf das eine Ziel hinausliefen. Sooft sich übrigens Mr. Montague hinsichtlich des Gewinnes des Geschäftes näher ausließ und die Versicherung abgab, es müsse herrlich gedeihen, solange es noch einfältige Leute auf der Welt gebe, rief Mr. Pecksniff jedesmal mit Milde: o pfui! und wäre aus ganzem Herzen bestimmt geneigt gewesen, dem Sprecher allerlei Vorstellungen zu machen, hätte er nicht gewußt, daß das alles natürlich zum Scherz war. Innerlich wußte der Treffliche natürlich auch, daß ihm mit seinen eigenen Einwendungen nicht im geringsten ernst war.

Die Gelegenheit war günstig, und er begriff sofort, er würde lange warten müssen, bis eine ähnliche wiederkehre, um eine beträchtliche Summe anzulegen, denn je höher die Einlage, desto größer natürlich die Vorteile. Zwar mischte sich Jonas des öfteren ins Gespräch, zeigte sich grämlich und mürrisch oder fand da und dort Bedenken oder Fehler und riet dem Schwiegervater brummend, sich die Sache ja genau zu überlegen, aber Mr. Pecksniff – durchschaute das natürlich. Die Summe, die zu einer Teilhaberschaft an dem famosen Geschäft berechtigen konnte, betrug beinahe soviel wie die Höhe seiner sämtlichen Ersparnisse – Mr. Martin Chuzzlewits zukünftige Erbschaft nicht mit eingerechnet, wenn dieser sie auch im Geiste bereits als sein eigen betrachtete; und wie die Sachen standen – wenigstens nach den bücherlichen Aufzeichnungen –, mußte das Geld binnen Kürze mit ungeheurem Gewinne wieder zurückströmen. Kurz, die Unterhaltung schloß damit, daß Mr. Pecksniff einwilligte, der letzte Teilhaber an der anglobengalischen Kompagnie zu werden, und es wurde beschlossen, daß er übermorgen mit Mr. Montague in Salisbury dinieren und den Kontrakt unterzeichnen solle.

Immerhin dauerte es noch eine geraume Zeit, bis die Sache so weit gediehen war, und es schlug bereits Mitternacht, als sich das edle Kleeblatt trennte.

Als Mr. Pecksniff die Treppe hinunterging, sah er Mrs. Lupin an der Türe stehen und hinausblicken.

»Oh, meine liebe Freundin«, rief er, »noch immer nicht zu Bett? Stellen Sie vielleicht astronomische Beobachtungen an, Mrs. Lupin?«

»Es ist eine so schöne sternenhelle Nacht, Sir.«

»Eine schöne sternenhelle Nacht«, bekräftigte Mr. Pecksniff und blickte zum Firmamente auf. »Sehen Sie nur, wie hell diese Planeten leuchten. Betrachten Sie sie – – – Übrigens, Mrs. Lupin, die beiden jungen Leute, die heute morgen hier waren, haben doch hoffentlich Ihr Haus schon verlassen.«

»Jawohl Sir, sie sind abgereist«, war die Antwort.

»Freut mich zu hören«, rief Mr. Pecksniff. »Bitte, betrachten Sie nur einmal diese Wunder des Firmamentes. Wahrhaft ein glorreicher Anblick. Sooft ich zu diesen schimmernden Welten aufblicke, deucht es mir, als ob eine der andern zublinzele, als wollten sie sich gegenseitig auf die Eitelkeit des menschlichen Tuns aufmerksam machen. Oh, ihr lieben Mitmenschen«, Mr. Pecksniff schüttelte mitleidig den Kopf, »wie sehr seid ihr in Irrtum befangen! Ihr wandelt in der Täuschung, ihr lieben, den Würmern verfallenen Brüder. Wie zufrieden sind dagegen die Sterne in ihren Sphären! Warum lasset ihr euch dies nicht zum Beispiel dienen? O lasset ab, meine verblendeten Freunde, mit euerm Ringen und Kämpfen um Reichtum und Ruhm! Lasset ab und blicket mit mir zum Himmel auf.« Mrs. Lupin schüttelte den Kopf und seufzte; es war gar zu rührend.

»Blicket mit mir gen Himmel auf«, wiederholte Mr. Pecksniff, die Hand enthusiastisch ausstreckend – »mit mir, einem demütigen Erdenmenschen, der gleichfalls nur ein Insekt ist wie ihr selbst. Können Gold, Silber und kostbare Steine funkeln wie diese Sterne? Nein fürwahr. Also dürstet nicht nach Silber, Gold oder Juwelen, sondern blicket auf mit mir gen Himmel.«

Damit tätschelte er Mrs. Lupins Hand, als wolle er hinzusetzen: »Prägen Sie sich dies wohl ein, meine liebe Frau«, und ging dann, den Hut unter dem Arm, verzückt von dannen.

Jonas war inzwischen sitzen geblieben, genau wir ihn Mr. Pecksniff verlassen hatte, und blickte jetzt finster auf seinen Freund, der, von einem Haufen Akten umgeben, eine Zahlenreihe auf einem langen Papierstreifen durchrechnete.

»Sie wollen also bis übermorgen in Salisbury warten?« fragte er.

»Sie haben doch gehört, wobei wir verblieben sind«, versetzte Mr. Montague, ohne aufzublicken. »Ich hätte übrigens auch sowieso so lange gewartet; schon des Jungen wegen.«

Die beiden schienen wieder einmal ihre Rollen gewechselt zu haben: Mr. Montague war sehr aufgeräumt und Jonas düster und trüb.

»Sie brauchen mich jetzt natürlich nicht mehr?« fragte Jonas nach einer Pause.

»Ich brauche nur noch Ihre Unterschrift hier«, erwiderte Mr. Tigg mit einem spöttischen Lächeln. »Ich muß nur noch den Stempel hier oben ausfüllen, für das Extrakapital – weiter nichts. Wenn Sie übrigens nach Hause reisen wollen, so kann ich Pecksniff ganz gut allein weiter bearbeiten. Es herrscht ja das beste Einverständnis zwischen uns.«

Jonas sah seinen Kompagnon düster an, während dieser stumm weiterschrieb. Als er zu Ende gekommen und das Blatt auf dem Löschpapier seines Reisepultes abgetrocknet hatte, blickte er auf und schob seinem Associé die Feder zu.

»Also nicht einen Tag Frist?« rief Jonas bitter. »Trotz der Mühe, die ich mir heute abend gegeben?« »Das Werk dieser Nacht gehörte mit zu unserm Vertrage«, versetzte Mr. Montague gelassen. »Dasselbe ist mit diesem Kontrakt hier der Fall.«

»Sie pressen mich aus wie eine Zitrone«, knirschte Jonas und trat an den Tisch. »Geben Sie her!«

Montague reichte ihm das Papier. Nachdem Jonas noch eine Weile gezögert, seinen Namen unter den Kontrakt zu setzen, tauchte er hastig die Feder in das nächste Tintenfaß und fing an zu unterschreiben. Kaum hatte er jedoch begonnen, als er wie in panischem Schrecken zurückfuhr.

»Zum Teufel noch mal, was ist das?« rief er. »Das ist ja Blut.«

Wie er im nächsten Augenblick erkannte, hatte er die Feder in rote Tinte getaucht. Er schien diesen Irrtum merkwürdig ernst aufzufassen, als lege er ihm irgendeine geheime Bedeutung bei. Erregt fragte er, wo die rote Tinte hergekommen sei, wer sie gebracht habe und zu welchem Zweck sie hier stünde. Dabei sah er Mr. Montague lauernd an, als vermute er, dieser habe ihm einen Possen spielen wollen; sogar, als er eine andere Feder und die schwarze Tinte benützte, machte er zuerst auf einem Papierstreifen ein paar Striche, als fürchte er immer noch halb und halb, die blutähnliche Farbe zu sehen.

»Na, diesmal ist sie schwarz«, knurrte er und reichte das Blatt Mr. Tigg hin. »Gute Nacht.«

»Schon fort? Sie wollen doch noch nicht abreisen?«

»Noch ehe Sie aus dem Bette sind, werde ich zeitig früh auf der Landstraße warten, um die Post abzupassen. Adieu.«

»Sie sind aber pressiert!«

»Ich habe allerlei zu tun«, brummte Jonas. »Adieu.«

Erstaunt sah Mr. Montague dem Forteilenden nach, aber dann drückten seine Mienen Freude und Beruhigung aus.

»Desto besser«, murmelte er. »So fügt sich's von selber, wie ich's wünsche. Ich werde allein nach Hause reisen.«

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