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Martin Chuzzlewit

Charles Dickens: Martin Chuzzlewit - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMartin Chuzzlewit
publisherWeltbild GmbH
year2004
isbn393349788X
translatorGustav Meyrink
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060629
corrected20110726
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40. Kapitel

Die Geschwister Pinch machen eine neue Bekanntschaft und kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus

Die unbewohnten Zimmer im Tempel hatten etwas Geisterhaftes, was auf Tom einen seltsamen Reiz ausübte. Jeden Morgen, wenn er die Haustüre in Islington zuklinkte und sich der Rauchatmosphäre Londons zuwandte, fing auch schon die rätselhafte Verzauberung an und zog ihn von Minute zu Minute tiefer in ihre geheimnisvollen Netze, bis er endlich wieder nach Hause ging und den Spuk wie eine regungslose Wolke am Himmel seines Gemütes hinter sich zurückließ.

Jeden Morgen war ihm zumute, als träte er in einen gespenstigen Nebel hinein, der ihn nach und nach ganz einhüllte. Der Übergang von dem Getümmel und Lärm der Straßen in die ruhigen Höfe des Tempels war der erste Schritt dazu. Jeder Widerhall seiner Fußtritte tönte ihm in die Ohren wie ein Schall von den alten Mauern und dem Pflaster, der nur der Sprache bedurfte, um die Geschichte der düstern, unheimlichen Zimmer zu erzählen – ihm zuzuraunen, wie viele für verloren gehaltene Dokumente in den vergessenen Winkeln jener verschlossenen Halle moderten, aus deren Gitteröffnungen so seltsame Seufzer heraufzutönen schienen, wenn er vorbeiging, oder ihm in dumpfem Tone düstere Sagen zuzumurmeln von den Rittern mit den auf der Brust gefalteten Händen, deren Marmorbilder in der Kirche Wache hielten. Der erste Schritt auf der Treppe, die zu seinem staubigen Arbeitsraum führte, steigerte noch diese geheimnisvolle Stimmung, bis er schließlich unmerklich von dem Einfluß ganz umstrickt war.

Jeder Tag brachte ihm immer neue Träumereien. Der geheimnisvolle Fremde, für den er arbeitete, konnte vielleicht heute schon kommen. Was mochte er wohl für ein Mensch sein? Mit Mr. Fips konnte das Geheimnis nicht gut zu Ende sein, hatte dieser doch selbst gesagt, er handle im Auftrag eines andern. Wer war aber nun dieser andere? Diese Frage war die Wunderblume in dem Garten von Toms Phantasie. Immer neue Blätter und Knospen setzte sie an.

Einmal fiel ihm ein, Mr. Pecksniff habe vielleicht aus Reue über seine Falschheit irgendeine dritte Person benutzt, um ihm auf diese Weise Beschäftigung zu geben, aber dieser Gedanke war so unvereinbar mit alldem, was zwischen dem vortrefflichen Ehrenmann und ihm selbst vorgefallen, daß er ihn sich bald aus dem Kopfe schlug, um so mehr, als John Westlock sich vor Lachen gar nicht halten konnte, als er ihm diese Vermutung mitteilte.

Inzwischen kam er täglich seiner Pflicht mit großem Eifer nach und machte bedeutende Fortschritte im Ordnen der Bücher. Auch der Katalog, mit schöner klarer Schrift geschrieben, wuchs von Tag zu Tag.

Während seiner Arbeitsstunden beschäftigte sich Tom auch oft mit dem Lesen, was zuweilen für seine Aufgabe unbedingt notwendig war, und manchmal beging er sogar die Kühnheit, sich abends einen jener verhexten Bände mit nach Hause zu nehmen und zu überfliegen. Selbstverständlich brachte er ihn dann stets am andern Morgen wieder zurück, für den Fall, daß sein seltsamer Prinzipal plötzlich auf der Bildfläche erscheinen und danach fragen sollte. So führte er ein stilles, glückliches, fleißiges Leben, das ganz nach dem Wunsche seines Herzens war.

Aber so interessant die Bücher auch manchmal für ihn sein mochten, niemals war er darein so vertieft, daß er nicht augenblicklich auch den leisesten Ton draußen gehört hätte. Der Klang jedes Fußtrittes auf den Pflastersteinen unten machte ihn aufhorchen, und wenn sie gar zum Hause zu kamen und – trapp, trapp, trapp – die Treppe heraufschallten, dachte er jedesmal mit klopfendem Herzen: »Jetzt endlich werde ich ihn von Angesicht zu Angesicht sehen.« Aber niemals überschritt ein anderer Fuß die Schwelle seiner Zimmer als sein eigener.

Diese Einsamkeit und geheimnisvolle Abgeschiedenheit erweckten in ihm allerlei phantastische Träume, deren Torheit er bei klarem Verstand allerdings einsah, die er aber nicht immer gänzlich zu unterdrücken vermochte. Es ging ihm dabei wie vor alters der französischen Polizei, die sehr hurtig im Aufspüren war, aber um so laxer, wenn es galt, etwas zu verhüten. Wohl hundertmal des Tages überkamen ihn dunkle, unerklärliche, törichte Ahnungen; bald glaubte er, es sei jemand in der Stube nebenan versteckt oder schleiche darin herum, gucke durch die Türritzen herein – kurz, treibe allerhand seltsame Dinge, so daß er oft den Fensterschieber aufzog, um sich wenigstens ein bißchen mit den Sperlingen zu unterhalten, die am Dach oder in der Regenrinne hockten und den ganzen Tag lang um die Fenster herum zwitscherten.

Die äußere Tür ließ er stets offen stehen, um jeden Schritt hören zu können, der sich dem Hause näherte, sich dann aber jedesmal in den Zimmern der untern Stockwerke verlor. Auch über die Passanten auf der Straße machte er sich allerlei wunderliche Gedanken, und wenn er irgendeines Menschen ansichtig wurde, der etwas Ungewöhnliches in seiner Kleidung oder in seinem Äußern hatte, so sagte er sich jedesmal: »Es sollte mich gar nicht wundern, wenn das mein Chef wäre.« Aber er war es nie. Und wenn auch Tom mehr als einmal auf der Straße umkehrte, um einem dieser verdächtigen Individuen nachzugehen – in der Einbildung, es könne vielleicht in den Tempel einbiegen, so stellte sich doch jedesmal heraus, daß er sich getäuscht hatte.

Mr. Fips von Austin Friars trug nur noch dazu bei, ihn hinsichtlich der Lage der Dinge noch mehr zu verwirren, als aufzuklären. Denn als Tom ihm zum erstenmal seine Aufwartung machte, um sein Wochengehalt in Empfang zu nehmen, sagte er:

»Übrigens, Mr. Pinch, um was ich Sie ersuchen wollte: bitte, erwähnen Sie von der Sache niemandem gegenüber etwas.«

Tom dachte, Mr. Fips sei gerade im Begriff, ihm ein Geheimnis anzuvertrauen, und versicherte daher aufs feierlichste, er werde unbedingt reinen Mund halten und verschwiegen wie ein Grab sein – aber Mr. Fips sagte bloß, »sehr schön, sehr gut«, und weiter nichts. Und als Tom abermals beteuerte: »Sie können auf meine Verschwiegenheit rechnen«, sagte Mr. Fips nur wiederum: »Sehr schön, sehr schön.«

Wohl fing Tom dann noch einmal an: »Sie wollten eben sagen –«; Aber Mr. Fips rief nur: »Ach, gar nichts; nicht das mindeste.« Als er dann Mr. Pinchs Verwirrung bemerkte, setzte er hinzu: »Ich meinte nur, Sie sollten niemandem sagen, daß Sie behufs Ordnung der Bibliothek angestellt sind. Es ist besser, Sie schweigen darüber.«

»Ich habe noch immer nicht das Vergnügen gehabt, mich meinem Prinzipal vorzustellen«, gab Tom zu bedenken, seinen Wochenlohn in die Tasche steckend.

»So, haben Sie noch keine Gelegenheit gehabt?« warf Mr. Fips gleichgültig hin. »Ja, das mag wohl sein.«

»Und ich möchte ihm so gerne danken und von ihm hören, ob meine bisherige Tätigkeit seinen Wünschen entsprochen hat.«

»Ganz recht, ich verstehe«, sagte Mr. Fips gähnend. »Es macht Ihnen große Ehre, sehr ehrenwert von Ihnen.«

Pause.

»Ich werde bald mit der Ordnung der Bücher zu Ende sein«, fing Tom wieder an. »Ich hoffe, daß damit nicht auch meine Dienste zu Ende sind. – Wird man mich dann noch brauchen, Sir?« »Ach Gott, selbstverständlich!« rief Mr. Fips. »Massenhaft Arbeit noch, massenhaft Arbeit. – Hm. Ja. – Es ist etwas dunkel draußen.«

Mehr konnte Tom aus Mr. Fips nicht herausbekommen. Daß es dunkel war, stimmte; aber nicht nur draußen, sondern auch drinnen, und Mr. Fips hatte eigentlich recht, sich so doppelsinnig auszudrücken.

Bald jedoch ereignete sich etwas, das dazu beitrug, Toms Grübeleien von diesem Rätsel abzulenken und sie in einen neuen Kanal zu leiten, der nicht weniger geheimnisvoll war als etwa die Quellen des Nils.

Das ging folgendermaßen zu.

Tom pflegte von jeher sehr früh aufzustehen, und da er jetzt keine Orgel zur Verfügung hatte, um sich die Morgenstunden mit Musik zu vertreiben, machte er in der Regel, ehe er nach dem Tempel ging, einen längern Spaziergang. Er besichtigte dann in der Regel jene Teile der Stadt, wo es besonders lebhaft herging, und namentlich die Marktplätze, Brücken, Kais und Dampfbootwerften, denn die Leute, die sich da umhertummelten, boten einen gar zu erfrischenden und lebhaften Anblick, und immer erquickte ihn dieser Gegensatz zu dem eintönigen Stadtleben. Auf den meisten seiner Morgenausflüge begleitete ihn Ruth ein Stück weit.

Manchen schönen reizvollen Spaziergang machten sie so zusammen. Zum Beispiel nach dem Covent Garden Market, und voller Genuß atmeten sie dann den Duft der Blumen und den Geruch des frischen Obstes ein. Vergnügt wie die Kinder wunderten sie sich über die herrlichen Ananasse und Melonen. Da saßen ganze Reihen alter Weiber auf umgekehrten Körben und schoteten Erbsen aus. Und wie unaussprechlich verlockend die fetten Spargelbündel aussahen, die die Schaufenster der Delikatessenläden zierten. Sogar vor den Geschäften der Kräuterhändler blieben sie stehen und erfreuten sich an dem Duftgemisch von spanischem Pfeffer, Packpapier und Samenkörnern aller Art. Nicht einmal der Anblick der Schnecken und hübschen jungen Blutegel hatte für sie etwas Schreckliches. Und dann der Geflügelmarkt, wo Enten und Hühner mit unnatürlich langen Hälsen paarweise nebeneinander lagen und gesprenkelte Eier in Körben von Moos den Tag anlachten und des Schauens und Staunens kein Ende war! Weiße Würste vom Lande, die hier vor den Anklagen von Katzen und Hunden, Pferden und Eseln sicher waren, frische Käse von ungeheuern Dimensionen, lebende Vögel in Käfigen und Körben, zahllose Kaninchen, tot und lebendig.

Nicht minder hübsch waren die Spaziergänge zwischen den kühlen, frischen Fischerständen hindurch, über deren Ware es wie silberner Mondschein hinblitzte, mit Hummern als roten Farbflecken dazwischen. Dann spazierten sie zwischen den großen Wagen voll duftenden Heues umher, unter denen Hunde und müde Fuhrleute in festem Schlummer lagen. Aber am hübschesten war es wohl, wenn sie einen hübschen Morgen benutzten und zu den Dampfbooten hinuntergingen.

Da lagen sie – Seite an Seite –, die Boote, scheinbar friedlich fest aneinandergedrückt, aber doch arglistig jedes nach einem Durchlaß spähend und niemals müde, ganze Scharen von Passagieren und Haufen von Gepäck, die hastig an Bord gebracht wurden, aufzunehmen. Unaufhörlich schossen kleine Dampfbarkassen auf und ab. Ganze Reihen von Schiffen, Hunderte von Masten, Labyrinthe von Takelwerk, schläfrige Segel, plätschernd hin und her gleitende Barken, versunkene Pfähle mit garstigen Heimstätten für die Wasserratten in ihren schlammigen Nischen, Kirchtürme in der Ferne, Magazine, Häuserdächer, Brückenbogen, Männer, Weiber, Kinder, Fässer, Kräne, Kisten, Pferde, Kutscher, Tagediebe und fleißige Arbeiter – alles das bildete einen bunten Knäuel vor Toms Augen an jedem Sommermorgen.

Und inmitten all dieses Getümmels tobte es unablässig aus dem Rauchfang eines jeden ankommenden Paketbootes und verlieh der ganzen Szene etwas Erregtes. Die Schiffe schienen zu atmen und wie die Menschen miteinander zu plaudern. In ihrer kuriosen heisern Weise schnaubten sie ohne Unterlaß ärgerlich einander an: »Aber so eilt euch doch, damit man durchkommt.« Und selbst, wenn eines sich Platz gemacht hatte und wohlbehalten mit der Strömung trieb, konnte es der kleinste Anlaß wieder erregen. Das Geringste, was ihm im Strom in die Nähe kam, veranlaßte es, aufs neue zu dampfen und zu keuchen: »Schon wieder ein Hindernis! Was gibt's denn schon wieder? Ich habe doch Eile.«

In einem derartigen, an nervöse Verzweiflung grenzenden Zustand sah man dann Schiff für Schiff langsam durch den Nebel in das jenseits liegende rotgefärbte Sommerlicht hinausgleiten.

Toms Schiff nun, das Paketboot, für das er und seine Schwester sich eines Tages besonders interessierten, hatte sich noch nicht so weit zurechtgefunden, sondern befand sich sichtlich in äußerster Verwirrung. Die Passagiere an Bord drängten durcheinander, und an Backbord wie an Steuerbord hatten Dampfbarkassen angelegt. Die Stege waren überfüllt, verrückte Frauenzimmer, die offenbar nach Gravesend wollten, ließen sich durchaus nicht überzeugen, daß das Schiff nach Antwerpen ginge, und bestanden darauf, ihre Körbe mit Erfrischungen hinter Wasserfässern oder Verschlägen zu verstecken, kurz, es herrschte die größte Verwirrung. Und das alles war so unterhaltend und amüsant, daß Tom, seine Schwester am Arm, unverwandt von der Werft herunterblickte und so wenig, wie es nur für Fleisch und Blut möglich ist, auf eine ältliche Dame hinter sich achtete, die einen großen Regenschirm bei sich trug, der ihr ununterbrochen arg im Wege war. Das furchtbare Werkzeug hatte einen gekrümmten Handgriff, und Tom wurde sich dessen Nähe erst infolge eines schmerzlichen Drucks auf seine Luftröhre bewußt, als sich der Haken um seine Kehle gelegt hatte. Kaum war es ihm gelungen, sich friedfertig davon loszumachen, fühlte er schon wieder die eisenbeschlagene Spitze des Marterwerkzeugs in seinem Rücken und gleich darauf den Haken an seinen Knöcheln, dann wieder flatterte ihm der Schirmstoff um den Hut und schlug daran wie ein großer Vogel mit seinen Fittichen, und schließlich erhielt er einen so derben Stoß zwischen die Rippen, daß er endlich die Geduld verlor und sich umdrehte, um sich in seiner milden Weise eine solche Behandlung zu verbitten.

Die Eigentümerin des Instrumentes stand jetzt auf den Zehen dicht hinter ihm und quälte sich sichtlich ab, einen Blick auf die Dampfboote unten zu erhaschen. Da er in der Reihe vor ihr stand und sie daran hinderte, hatte sie ihn als ihren natürlichen Feind attackiert.

»Sind sie aber eine boshafte Person!« sagte er vorwurfsvoll.

Sofort rief die Frau wütend nach der Polizei und schimpfte: »Den ganzen Tag stehen diese Kerls hier herum. Wahrhaftig, man sollte sie alle arretieren lassen.«

Die Ärmste war ohne Zweifel fürchterlich herumgestoßen worden, denn ihre Kopfbedeckung hatte die Form eines dreieckigen Admiralshutes angenommen, und korpulent wie sie war, konnte sie vor Erschöpfung und Hitze kaum mehr atmen. Ohne auf den gereizten Ton einzugehen, fragte Tom sie höflich, an welchem Schiff sie wohl an Bord zu gehen wünsche.

»Sie meinen wohl gar, wenn mer a Schiff anschaut, so muß mer schon einsteigen. Sie Tepp, Sie!«

»Nun, so sagen Sie doch, welches Sie sich anschauen wollen?« sagte Tom. »Wir machen ja gern Platz für Sie, wenn wir können. Sie brauchen doch nicht gleich so gereizt zu sein.«

»Sowas hat mir noch ka lebendiger Mensch vorgworfen, mit dem i zsamm kommen bin«, lenkte die Dame ein wenig besänftigt ein. »I hab scho viele Leut kennen glernt, und noch nie hat mir eins den Vorwurf gmacht, daß i greizt bin. ›Machen S' Ihna nix draus, widersprechen S' mir nur, Madame, wann's Ihna damit a Erleichterung verschaffen‹, sag i immer, wann a Kundschaft von mir aufbegehrt. Die Sarah kann was vertragn und gibt ka Beleidigung net zruck. – Na ja, i geb ja gern zu, daß s' mir heunt damisch zugsetzt haben und daß i mich gärgert hab, und net ohne Grund.«

Inzwischen hatte sich Mrs. Gamp, denn die Dame war natürlich niemand anders als diese erfahrene Praktikerin, unter Toms Beistand durchgezwängt und in einem kleinen Winkel zwischen Ruth und dem Geländer verankert, wo es ihr endlich unter heftigem Gekeuch und Ausführung der seltsamsten und gefährlichsten Evolutionen mit ihrem Schirm gelang, es sich bequem zu machen.

»I möcht nur gern wissen, das welchene von diese rauchenden Ungeheuer das Antwortschiff ist«, rief sie.

»Was für ein Schiff meinen Sie?« fragte Ruth.

»Das Antwortschiff! I sag's, wie's is; i red nie die Unwahrheit nicht.«

»Das dort in der Mitte ist das Antwerpener Paketboot«, sagte Ruth, der ein Licht aufging, was die Dame meinte.

»I wollt, es steckte in dem Propheten Jonas sein Bauch, sag i«, rief Mrs Gamp, offenbar den Propheten mit dem Walfisch verwechselnd.

Ruth schwieg. Da aber Mrs. Gamp ihr Kinn auf das kalte Eisengeländer legte und, jeweils kurz aufstöhnend, unverwandt auf das Boot hinabblickte, fragte sie endlich mitleidig, ob vielleicht eines ihrer Kinder oder ihr Gatte darin eine Reise antrete.

»Da sieht ma's wieder«, ächzte Mrs. Gamp mit einem Blick gen Himmel, »wie wenig Sie noch in unserm irdischen Jammertal rumgekommen sin. A gute Freundin von mir – die Harris – sagt immer: ›Sarah, Sarah‹, sagt s', ›wir wissen niemals nicht, was vor uns liegt.‹ – ›Liebe Harris‹, sag i nacher a jed'smal, ›viel wissen mir net, dös is wahr, aber vielleicht doch mehr, als Sie glauben. Unsre Berechnungen, sag i, wieviel Kinder a Famülie kriegen wird, treffen meistens ganz genau ein.‹ – ›Liebe Sarah‹, sagt die Harris nacher gwehnlich sehr feierlich, ›also sagn S', wieviel krieg i?‹ – ›Na, liebe Harris‹, sag i, ›da müssen S' schon entschuldigen, jetzt, was meine eigenen Kinder san‹, sag i, ›hab i kan Trost net dran ghabt. Eins is gstorben, und wie's auf dem Totenbett glegen is, hat's noch glächelt. Liebe Harris‹, sag i, ›da segn S' wieder, mer derf net vorgreifen, man muß es nemmen, wie's kommt und muß die Kinder nemmen, wie s' kommen und wie s' gehn.‹ – Und jetzt segn S', liabs Fräuln«, sagte Mrs. Gamp, »i hab jetzt gar keine mehr, und was mein Mann angeht, so san seine hölzernen Haxen beim Deifel. Des ist davon kommen, daß er allaweil in die Weinstubn gangen is und nie anders als mit Gwalt sich hat wieder rausbringen lassen. Ja, ja, der Geist is willig, aber das Fleisch is schwach.«

Nachdem sich Mrs. Gamp dieser Rede entledigt, lehnte sie abermals ihr Kinn auf das kalte Eisengeländer, schaute wiederum unverwandt auf das Antwerpener Schiff hinunter, schüttelte den Kopf und stöhnte.

»Na, i möcht ka Mann sein«, fing sie wieder an, »und sowas aufm Gwissen haben. Aber nur a Mannsbild is halt zu sowas fähig.«

Tom und seine Schwester sahen einander an, und nach einigem Zaudern fragte Ruth Mrs. Gamp, was sie denn so sehr bedrücke.

»Liabs Fräuln«, entgegnete die Hebamme mit gedämpfter Stimme, »Sie sin ledig, net wahr?«

Ruth lachte und bejahte errötend.

»Um so schlimmer für beide Teile. Aber andre sin verheirat, und zwar im ehelichen Stande; und segn S', da is a liabs jungs Frauerl, wo heut früh auf demselbigen Paketschiff abdampft und nöt im geringsten für das Leben aufm Wasser paßt.«

Einen Augenblick hielt Mrs. Gamp inne, um das Deck des Schiffes nochmals genau mit ihren Blicken zu durchforschen, und als sie sich genügend überzeugt zu haben schien, daß der Gegenstand ihres Bedauerns noch nicht angekommen war, erhob sie ihre Augen allmählich bis zur Höhe des Sicherheitsventils und redete das Schiff folgendermaßen unwillig an:

»Himmelherrgottsakrament« – dabei schüttelte sie den Regenschirm wütend – »Mistviech, dreckigs! Was hat dös jetzt wieder für an Sinn, daß sich so a zarts jungs Gschöpf als Passaschür mit dir aufs Wasser nauswagen soll? Zu was jetzt dös blöde Hämmern und Pfeifen und Zischen! – – Mistviech, blöds«, setzte sie wütend hinzu und schüttelte wieder ihren Schirm. »Die dummen Maschinen und bsonders die Eisenbahnen, was jetzt die schon für a Unglück über d' Welt bracht haben! Wann mer die Frühgeburten, wo sie verursacht haben, zsamm zählen möcht, da kämet a schöne Zahl raus. Da hab i a mal von an jungen Mann ghört, wo bei uns zhaus Kondukteur is auf einer Eisenbahn, die erst seit drei Jahren besteht – die Harris kennt ihm, er is mit ihr verwandt, da ihre Schwester mit an Brettschneidermeister verheirat is –, der Gvatter gstanden is bei sechsundzwanzg klane Würmer, Gott verzeih mir die Sünd, die alle viel z' früa auf d' Welt kommen san, und a jeds heißt jetzt nach der Dampfmaschin, wo die Schuld dran ghabt hat. – Pfui Deifel«, rief Mrs. Gamp und fing wieder an, das Dampfschiff zu apostrophieren. »Da sieht man wieder, daß d' von an Mannsbild erfunden worden bist, weils d' gar a so rücksichtslos gegen die weibliche Nadur bist, du Mistviech.«

Aus Mrs. Gamps Ärger über die Dampfmaschinen hätte man vermuten können, sie sei irgendwie mit dem Post- oder Landkutschengeschäft assoziiert. Sie fand übrigens keine Gelegenheit, die Wirkung ihrer Schlußbemerkung auf Miss Ruth zu beurteilen, denn gerade in diesem Augenblick ging die von ihr Gesuchte über den Dampfersteg.

»Schaugn S', dort is sie«, rief Mrs. Gamp, »da geht dös liabe junge Gschöpf wie a Opferlamm zur Schlachtbank. Wann s' jetztn krank wird aufm Wasser«, setzte sie prophetisch hinzu, »so ist dös a Mord, und i werd Zeugenschaft vor Gricht ablegen.« Es war ihr offenbar so ernst mit ihrem Mitleid, daß Ruth, die ebenso menschenfreundlich wie ihr Bruder war, sich nicht enthalten konnte, ein paar Worte zu sagen.

»Bitte, wer ist die Dame«, fragte sie, »an der Sie solchen Anteil nehmen?«

»Segn S'«, stöhnte Mrs. Gamp, »da geht s' wieder. Grad kommt s' jetzt über die kleine hölzerne Bruckn, und jetzt rutscht s' auf an Stückerl von aner Pommeranzenschalen aus« – Mrs. Gamp umfaßte krampfhaft ihren Regenschirm – »no, dös kann a gute Gschicht werdn.«

»Meinen Sie die Dame neben dem Herrn, der von Kopf bis zu Fuß so in einen großen Mantel eingehüllt ist, daß man beinahe sein Gesicht nicht mehr sehen kann?«

»Er soll nur sein Gsicht verstecken!« schimpfte Mrs. Gamp. »Bis in d' Erd nei soll er sich schämen. Habn S' net gsegn, wie er s' an der Hand rumgrissen hat?«

»Er scheint es wohl sehr eilig zu haben«, meinte Ruth.

»Und jetzt – in die dunkle Kajüten eini«, fuhr Mrs. Gamp ungeduldig fort. »Was der Mensch nur vorhat? Mir scheint, der Deifel is ihm in Kopf neigfahren. Warum laßt er s' denn net in der frischen Luft heroben?«

Welchen Beweggrund nun auch der Betreffende haben mochte, jedenfalls führte er seine Gattin rasch die Kajütentreppe hinunter und verschwand dort, ohne seinen Mantel aufzuknöpfen oder seinen Hut zu lüften.

Tom hatte von dem Zwiegespräch nichts vernommen, denn seine Aufmerksamkeit war auf ganz unerwartete Weise in Anspruch genommen worden. Mrs. Gamp war nämlich kaum mit ihrer Ansprache an die Dampfmaschinen zu Ende, da hatte sich eine Hand auf seinen Arm gelegt, und wie er sich umsah, entdeckte er rechts neben sich – Ruth stand zu seiner Linken – zu seiner größten Überraschung seinen Hauswirt.

Es war nicht so sehr die Anwesenheit dieses Mannes, die ihn überraschte, als vielmehr der Umstand, daß noch eine halbe Minute vorher jemand anders – wie er genau wußte – dort gestanden und er in der Zwischenzeit auch nicht das geringste Gedränge hinter sich verspürt hatte, wo die Leute doch wie die Heringe zusammengepfercht waren. Sowohl er wie Ruth hatten oft Gelegenheit gehabt zu bemerken, mit welcher Geräuschlosigkeit ihr Mietherr in seinem eigenen Hause ein und aus ging, kam und verschwand, aber dennoch war Tom jetzt nicht wenig erstaunt, den Mann so plötzlich neben sich auftauchen zu sehen.

»Ich bitte um Entschuldigung, Mr. Pinch«, flüsterte ihm der Mann ins Ohr, »aber ich bin ganz außer Atem und erschöpft; auch sehe ich nicht mehr sehr gut. Man wird alt, Sir; man wird eben alt. Bitte, sagen Sie, können Sie nicht dort unten einen Herrn in einem großen Mantel mit einer Dame am Arm unterscheiden? Sie trägt einen Schleier und einen schwarzen Schal.«

Wenn der Mann, wie er sagte, das Paar nicht sehen konnte, so war es nur um so merkwürdiger, daß er seine Blicke unverwandt gerade auf den Punkt, wo sie standen, gerichtet hielt. Schnell richtete er jetzt seine Blicke auf Toms Gesicht.

»Ein Herr in einem großen Mantel«, wiederholte Mr. Pinch, »und eine Frau mit einem schwarzen Schal? Ich will mal sehen.«

»Ja, ja, bitte«, drängte der andere ungeduldig. »Der Herr ist von Kopf bis zu Fuß eingehüllt – höchst sonderbar übrigens bei einem Sommermorgen wie dem heutigen –, ganz wie ein Kranker und hält jetzt die Hand vor das Gesicht. – Nein, nein, nicht dort«, setzte er hinzu, Toms Blick folgend, »weiter rechts, dort unten.«

Und wieder deutete er nach der Stelle, wo die beiden gingen, aber diesmal in seiner Eile mit ausgestrecktem Finger.

Die auf den Dampfer zudrängenden Personen wurden jetzt durch das dichte Menschengewühl ein wenig aufgehalten.

»Es sind da soviel Leute, soviel Kisten und Koffer, und alles wimmelt so durcheinander«, entschuldigte sich Tom, »daß man kaum etwas genau unterscheiden kann. – Wahrhaftig, ich kann keinen Herrn in einem großen Mantel und keine Dame in einem schwarzen Schal unterscheiden. – Aber dort drüben ist eine Dame in einem roten Schal.«

»Nein, die ist's nicht«, rief der Hauswirt ungeduldig; »mehr in dieser Richtung. Dort! Fassen Sie die Kajütentreppe ins Auge. Etwas mehr links. Die beiden müssen jetzt in der Nähe der Kajütentreppe sein. – Sehen Sie die Kajütentreppe? – Jetzt läutet schon die Glocke! – Sehen Sie denn die Treppen nicht?«

»Halt«, rief Tom, »Sie haben recht. Ja, dort gehen die beiden. Und das ist der Gentleman, den Sie meinen, wie ich glaube. Er steigt in diesem Augenblick gerade in die Kajüte hinunter. Die Falten seines großen Mantels schleppen hinter ihm nach.«

»Ganz richtig«, rief der Hauswirt, nicht mehr auf das Schiff hinunter, sondern starr in Toms Gesicht blickend. »Würden Sie mir einen Gefallen – einen großen Gefallen erweisen? Möchten Sie dem Herrn vielleicht diesen Brief eigenhändig übergeben? Nur übergeben, weiter nichts. Er wartet darauf. Ich bin beauftragt, ihn ihm einzuhändigen, aber ich fürchte, ich käme zu spät; ich bin nicht mehr sehr jung und könnte mich nicht so geschwind bis an Bord und über das Verdeck vordrängen. Nicht wahr, Sie verzeihen mir meine Aufdringlichkeit und erweisen mir diesen großen Gefallen.«

Seine Hände bebten, und sein Gesicht verriet die größte Aufregung, als er Tom den Brief in die Hand drückte und noch einmal mit dem Finger auf das Schiff deutete wie Satanas auf irgendeinem alten Schnitzwerk.

Wenn es galt, jemandem einen Dienst zu leisten, pflegte Tom niemals zu zögern. Er nahm den Brief, flüsterte Ruth zu, sie möge warten – er werde gleich wieder da sein – und lief so schnell er konnte den Kai hinab. Es war aber ein so großes Gewühl von Menschen, und so viel ungeheuere Warenballen wurden hin und her getragen – und dazu das fortwährende Läuten, das Zischen der Dampfventile und das Geschrei der Menge –, daß er die größte Mühe hatte, sich seinen Weg durch das Gewühl zu bahnen und dabei das Schiff, dem er zustrebte, im Auge zu behalten. Aber trotzdem langte er noch rechtzeitig an. Sofort eilte er die Kajütentreppe hinunter und entdeckte auch richtig den Gesuchten in einer Ecke des Salons, wo dieser, ihm den Rücken zuwendend, ein Plakat las, das an der Wand hing. Als Tom näher trat, um den Brief zu übergeben, fuhr der Fremde bei dem Geräusch der Fußtritte zusammen und drehte sich hastig um.

Und wie erstaunte Tom, als er in ihm den Mann erkannte, mit dem er einst beim Schlagbaum bei Mr. Pecksniff zusammengeraten war, den Gatten der armen Gratia, Mr. Jonas Chuzzlewit.

Jonas murmelte etwas, was so klang wie: was zum Teufel man denn von ihm wolle, aber mehr verstand Tom nicht, da die Worte zu undeutlich waren.

»Ich wünsche nichts weiter von Ihnen«, sagte Tom, »als Ihnen diesen Brief hier zu übergeben. Man hat mich soeben darum gebeten und Sie mir von weitem gezeigt, und ich habe Sie in Ihrem seltsamen Aufzug nicht erkannt. Hier, nehmen Sie den Brief.«

Jonas tat es, erbrach das Kuvert und überflog den Inhalt. Offenbar war dieser sehr kurz und betrug vielleicht nicht mehr als eine einzige Zeile. Aber er traf ihn wie ein Stein aus einer Schleuder. Er wankte zurück. Noch nie hatte Tom einen Menschen so entsetzt gesehen, und er selbst war so betroffen darüber, daß er unwillkürlich stehenblieb. In diesem Augenblick der Unentschlossenheit von beiden Seiten hörte die Glocke auf zu läuten, und eine heisere Stimme rief in die Kajüte herunter, ob noch jemand an Land zurückzugehen gedenke.

»Ja«, rief Jonas, »ich – ich komme schon. Nur einen Augenblick. Meine Frau, wo ist meine Frau? Komm schnell zurück.«

Dabei riß er eine Tür auf und führte oder schleppte vielmehr Gratia heraus. Sie war blaß, erschrocken und nicht wenig erstaunt, Tom hier zu sehen. Es blieb ihr jedoch keine Zeit zum Sprechen, denn oben war ein großer Tumult, und Jonas zog sie ohne Umstände rasch die Kajütentreppe hinauf.

»Wohin gehen wir denn, was gibt es – –?« jammerte sie.

»Wir müssen zurück«, rief Jonas wild. »Ich habe mir's anders überlegt. Frag jetzt nicht, oder es könnte dich oder sonst jemanden das Leben kosten. Halt, halt, wir steigen aus! – Hören Sie denn nicht, Maat? Wir wollen an Land!«

In wahnsinniger Hast wandte er sich dann noch einmal um, warf Tom einen finstern Blick zu und drohte ihm mit der geballten Faust. – – Es gibt wohl nicht viele menschliche Gesichter, die eines Ausdrucks fähig gewesen wären, gleich dem, mit welchem er diese Gebärde begleitete.

Dann schleppte er Gratia hinauf, und Tom folgte ihnen. Über das Verdeck, über das schwankende Brett und den Kai hinauf zerrte er sie, ohne sie eines Blickes zu würdigen und fortwährend unter den Gesichtern oben nach jemandem, den er offenbar suchte, umherspähend. Dann wandte er sich plötzlich nach Tom um und rief ihm mit einem fürchterlichen Fluch zu:

»– – – Wo ist er denn?«

Ehe Tom in seiner Entrüstung und seinem Erstaunen noch eine Silbe als Antwort auf die Frage, die er so wenig verstand, hervorbringen konnte, drängte sich ein Herr heran und begrüßte Jonas Chuzzlewit. Es war ein Gentleman von etwas ausländischem Aussehen, mit schwarzem Schnurr- und Backenbart, und er sprach mit so höflicher Ruhe und Gelassenheit, daß der Unterschied gegen Mr. Chuzzlewits verstörtes und verzweifeltes Benehmen seltsam abstach.

»Mein lieber Mr. Chuzzlewit«, sagte der Herr und lüftete vor Gratia den Hut, »ich bitte zwanzigtausendmal um Verzeihung. Ich bedauere wirklich unendlich, Sie von einem so hübschen Ausflug abgehalten zu haben – ich kann mir ja vorstellen, wie charmant es für Sie gewesen wäre, mit Ihrer Frau eine Spazierfahrt zu machen – äh – wenn ich auch selbst nicht das Glück der Häuslichkeit aus eigener Erfahrung kenne – äh – aber der Bienenstock, mein lieber Freund, der Bienenstock – bitte, wollen Sie mich nicht vorstellen.«

»Mr. Montague«, stellte Jonas vor, und es schienen ihm die Worte im Munde zu quellen, – »meine Frau.«

»Der unglücklichste und reuevollste unter allen Menschen, Mrs. Chuzzlewit«, fuhr der fremde Gentleman fort, »da ich die Ursache sein mußte, Ihren Ausflug so schnöde zu vereiteln. Aber wie gesagt, mein lieber Freund, der Bienenstock – der Bienenstock. Sie haben gewiß vorgehabt, einen kleinen Abstecher nach dem Festland zu machen?«

Jonas schwieg verdrossen.

»Wahrhaftig, so wahr ich hier stehe«, rief Mr. Montague, »es tut mir unendlich – wahrhaft unendlich leid. Sie ahnen nicht, wie tief es mir geht. Aber dieser verwünschte Bienenstock in der City geht leider allen andern Rücksichten vor. Und wenn es Honig zu bereiten gilt, so muß jede Rücksicht schweigen. Das ist meine einzige Entschuldigung. – Was ist das übrigens nur für ein sonderbares Weibsbild hier rechts, das beständig Verbeugungen macht«, setzte er hinzu und blickte Mrs. Gamp an. »Ich kenne sie nicht. Kennen Sie sie vielleicht?«

»Aber natürlich kenna mi die Herrschaften«, rief Mrs. Gamp. »Und alles Gute und Schöne, und i wünschet nur, daß a jeds noch so lustig sein wird, wie's a gwisses kleins Frauerl noch sein wird; ja ja, dös hat mir mein kleiner Finger gsagt – – – na, aber Gnädigste« – Mrs. Gamp wurde plötzlich sehr ernst – »was is Ihna denn auf a mal? Sin Sie aber blaß!«

»So – sind Sie auch da?« brummte Jonas. »Mir scheint, Sie kann man auch nie los werden.« »Ja, da bin i, daran is ka Zweifel«, rief Mrs. Gamp mit einem unwilligen Knicks. »Und da wir, die Harris und i, noch ka Bein brochen habn, so ham mir uns erlaubt, hier auf dem öffentlichen Käh a bisserl herumzuspazieren. Da kann keins was dawider haben. Das sin die Worte, wo sie noch das letzte Mal zu mir gsagt hat: ›Sara‹, hat s'gsagt, ›is dös a öffentlicher Käh?‹ – ›Liebe Harris‹, hab i gsagt, ›daran is doch ka Zweifel not. Sie kennen mi jetzt scho achtadreißg Jahr, und habn S' leicht jemals ghört, daß i wohin ganga war, wo mer mi net gern sicht?‹ – ›Na, liebe Sarah‹, hat die Harris gsagt, ›ganz o konträhr im Gegenteil.‹ – Und die muß es wahrhaftig wissen. – I bin ja nur a arms Weib, aber doch vergeht fast ka Stund nöt, wo man net nach mir fragt. Scho zu allen Stunden der Nacht hat mer mi ausm Bett gholt, und scho so manche Wohnungen sin mir kündigt wordn, weil die Mieter den Spektakel für an Feuerlärm ghalten ham. – I geb a zu, i geh aus, um mir mei Brot zu verdiena, aber i bin a freie Person, da gibt's nix, und wer's bleibn, bis i stirb. Und i fühl als a Weib und bin a schon Mutter gwesen. Aber es soll nur eins amal mei Tipferl anrührn, was mir ghört, oder a Wort sagn über dös, was i iß und trink, und wann's noch so beliebt is bei der Herrschaft. – Marsch du, Schlampen von a Dienstmadel, sag i nacher. Entweder geht sie oder geh i. Wenn i a ka großes Verdienst hab, nehmen laß i mir nix, was mir ghört. – – – Gott behüte das Kind und rette die Mutter – sag i immer –, aber i bin a so frei, noch dazuzufügen: unterstengan S' Ihna, die Hebam zu betrügn, nacher werden S' was derlebn«, schloß sie, zog sich mit beiden Händen ihren Schal dichter über die Brust und rief wie gewöhnlich zur Bekräftigung aller Einzelheiten Mrs. Harris zum Zeugen an.

»Da Sie nun schon mal hier sind«, fiel ihr Jonas ins Wort, »täten Sie besser, sich um meine Frau ein bißchen zu kümmern und sie nach Hause zu bringen. Ich bin jetzt anderweitig beschäftigt.« Dann schwieg er plötzlich und warf Mr. Montague einen Blick zu, um ihm zu verstehen zu geben, daß er bereit sei, ihn zu begleiten.

»Tut mir unendlich leid, Sie Ihrer Gattin entführen zu müssen – – –« begann Mr. Montague. Jonas warf ihm einen finstern Blick zu, so voll des Hasses, daß Tom noch lange, lange später daran denken mußte.

»Wahrhaftig, es tut mir wirklich leid«, wiederholte Mr. Montague. »Aber weshalb haben Sie mich dazu gezwungen?«

Mit demselben finstern Blick erwiderte Jonas nach einer kurzen Pause, »Sie selbst waren schuld daran, nicht ich.«

Selbst diese wenigen Worte stieß er hervor wie jemand, der sich an Händen und Füßen gefesselt sieht und voll innerer Wut dagegen ankämpft. Selbst sein Gang, als sie gleich darauf aufbrachen, war wie der eines Gefesselten, und haßerfüllt ballte er die Fäuste und biß die Lippen zusammen. Dann bestiegen sie die vornehme Equipage, die auf sie wartete, und fuhren davon.

Die ganze seltsame Szene war so rasch vor sich gegangen und hatte auf das Gewühl ringsum so wenig Eindruck gemacht, daß es Tom, obgleich er eine Hauptrolle dabei gespielt, fast wie ein Traum vorkam. Niemand hatte, nachdem sie das Dampfboot verlassen, auf ihn geachtet. Er stand hinter Jonas, und zwar so nahe, daß er notwendigerweise jeden Satz mit anhören mußte, und in der Hoffnung, eine Gelegenheit zu finden, die Rolle, die er bei diesem so seltsamen Begebnis gespielt, aufzuklären, war er, seine Schwester am Arm, stehengeblieben, aber Jonas Chuzzlewit hatte ihn keines Blickes weiter gewürdigt, und ehe er selbst die Initiative ergreifen konnte, waren bereits alle fort.

Er spähte nach seinem Hauswirt umher, aber alles Suchen war vergebens. Aufmerksam umherblickend, bemerkte er plötzlich eine Hand, die ihm aus dem Fenster einer Droschke heraus zuwinkte. Er eilte hin und erkannte Gratia. Sie redete ihn hastig an, beugte sich aber dabei aus dem Fenster hinaus, um von ihrer Begleiterin, Mrs. Gamp, nicht gehört zu werden.

»Was hat das alles zu bedeuten?« rief sie erregt. »Gott im Himmel, was ist vorgefallen? Warum sagte er mir gestern abend, ich solle mich zu einer langen Reise vorbereiten, und man bringt uns jetzt wie Verbrecher zurück. – Ach, lieber Mr. Pinch«, rief sie und rang verzweifelt die Hände, »haben Sie doch Erbarmen! Worin auch das schreckliche Geheimnis bestehen mag – haben Sie Erbarmen, und Gott wird es Ihnen lohnen.« »Wenn es in meiner Macht stünde«, rief Tom, »glauben Sie mir, Sie würden mich nicht einen Augenblick umsonst darum bitten. Aber ich verstehe von der Sache noch weit weniger als Sie.«

Gratia zog sich wieder in die Kutsche zurück, und er sah, wie sie ihm noch einen Augenblick mit der Hand winkte; ob zum Zeichen des Vorwurfs oder der Ungläubigkeit, ob aus Schmerz oder als Lebewohl, das konnte er in der Eile und Aufregung nicht unterscheiden. Einen Augenblick später war sie fort, und Ruth und er blieben betroffen stehen und nahmen dann, tief in Gedanken verloren, ihren Spaziergang wieder auf.

Hatte Mr. Nadgett vielleicht den Mann, der nie kam, für heute morgen auf die Londoner Brücke bestellt? Eines war gewiß: nämlich, daß er in diesem Augenblick auf der Brücke stand und über die Brustwehr herab auf den Kai spähte, an dem die Dampfboote lagen. Aus Vergnügen geschah es gewiß nicht, denn für Vergnügen hatte Mr. Nadgett keinen Sinn.

Er mußte da offenbar etwas anderes zu tun haben.

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