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Martin Chuzzlewit

Charles Dickens: Martin Chuzzlewit - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMartin Chuzzlewit
publisherWeltbild GmbH
year2004
isbn393349788X
translatorGustav Meyrink
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060629
corrected20110726
projectid43f7a6ff
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37. Kapitel

Tom Pinch verirrt sich und findet, daß es jemand anderem ebenso gegangen ist. Er häuft glühende Kohlen auf das Haupt eines gedemütigten Feindes

Das Fatum führte ihn nicht in eine von jenen kannibalischen Pastetenküchen, die nach der Darstellung so vieler Sagen vom Lande in der Hauptstadt einen lebhaften Kleinhandel mit Menschenfleisch betreiben, und ebensowenig wurde er die Beute von Uhren- und Beutelschneidern, von Taschendieben und anderen unblutigen Spitzbuben, von der die Polizei alles ganz genau weiß, und ebensowenig verstrickte er sich in eine der zahlreichen Menschenfallen, die, ohne daß man es ahnt, an den öffentlichen Plätzen der Hauptstadt stets aufgestellt sind. Aber seinen Weg verlor er, und zwar gleich anfangs, und bei dem Versuch, ihn wieder aufzufinden, verirrte er sich immer mehr und mehr.

Nun hielt er es bei seinem kindlichen Mißtrauen gegenüber London für die erste Regel, ja niemanden um den Weg nach Furnivals Inn zu befragen, wenn er es irgend vermeiden könne, außer wenn er zufällig in die Nähe des Münzamtes oder der englischen Bank käme. In diesem Falle wollte er natürlich hineingehen und im Vertrauen auf die vollkommene Solidität des Institutes ein paar höfliche Fragen riskieren. So schritt er also weiter seines Weges, las die Namen aller Straßen und durchschnitt sie zur Hälfte, und so kam er aus der Goswell Street nach Alderman Bury, verirrte sich in Barbican und geriet, da er beharrlich auf der unrechten Seite des Londoner Walls blieb, in die Themse Street. Mit einem Instinkt, der hätte wunderbar genannt werden können, wenn dieser Ort das beabsichtigte Ziel seiner Reise gewesen wäre, langte er schließlich beim Monumente an.

Der Mann im Mond konnte für Tom kein geheimnisvolleres Wesen sein als der Mann, der im Monument wohnte. Sofort kam ihm der Gedanke, der Mann, der hier als Einsiedler so abgeschieden von der ganzen Menschheit wohne, müsse der richtige sein, den er nach dem Wege fragen könne.

Tom schritt auf das Denkmal zu und atmete erleichtert auf, als er sah, daß der Mann im Monument noch gewisse Überreste irdischer Eigenschaften hatte. Trotz des kunstreichen Gesteins seiner Wohnung schien er doch noch an gewissen ländlichen Erinnerungen zu hängen: er liebte Pflanzen, hielt Vögel in Käfigen und junge Bäume in Zubern. Er selbst saß vor der Monumenttüre – vor seiner eigenen Türe – wahrhaftig ein großartiger Gedanke! – und gähnte so ungeniert, als ob gar kein Denkmal da sei, in dessen Anwesenheit sich so etwas nicht schicke.

Tom näherte sich dem merkwürdigen Wesen, um wegen des Weges nach Furnivals Inn Erkundigungen einzuziehen, da kamen zwei Fremde dem Denkmal zugeschritten, um es zu besichtigen. Es waren ein Herr und eine Dame; und der Herr fragte:

»Kostet?«

Der Mann im Monument brummte: »Einen Stutz pro Kopf.«

Das schien ein höchst ordinärer Ausdruck angesichts des erhabenen Denkmals.

Der Herr zückte einen Schilling, und der Mann im Monument öffnete eine kleine dunkle Tür. Als der Herr und die Dame im Finstern verschwunden waren, warf er sie wieder ins Schloß und kehrte langsam zu seinem Stuhl zurück.

Dann setzte er sich nieder und grinste.

»Die haben auch keine Ahnung, wieviel Stufen da nauf führen«, sagte er, »nicht ums Doppelte möcht ich da naufkrallen.«

Der Mann im Monument war also offenbar ein Zyniker – ein ganz weltlich gesinnter Mensch! Ihn konnte Tom unmöglich um den Weg fragen, und er war daher fest entschlossen, sich anderswo Rats zu erholen.

»Gott im Himmel«, rief in diesem Augenblick eine wohlbekannte Stimme, »wahrhaftig, er ist es!«

Mr. Pinch fühlte sich gleichzeitig im Rücken mit einem Sonnenschirm spitzig berührt. Als er sich umwandte, um zu sehen, wer ihn in dieser Weise begrüße, erkannte er sogleich die älteste Tochter seines ehemaligen Chefs.

»Miss Pecksniff!« rief er erstaunt aus.

»Gott im Himmel, Mr. Pinch«, rief Cherry, »ja. Was treiben denn Sie hier?«

»Ich habe mich ein wenig verirrt«, stotterte Tom, »ich –«

»Ich habe gehört, Sie hätten Ihre sieben Zwetschgen zusammengepackt und seien auf und davon gegangen?« fragte Charitas. »Das wäre nur sehr in Ordnung, wo sich Papa so weit vergißt.«

»Ja, ich habe ihn verlassen«, bestätigte Tom. »Aber es geschah im besten beiderseitigen Einvernehmen –«

»Ist er schon verheiratet?« fragte Cherry mit einem nervösen Zucken um ihre Mundwinkel.

»Nein, noch nicht«, antwortete Tom errötend. »Offen gestanden glaube ich auch nicht, daß es je der Fall sein wird, wenn Miss Graham der Gegenstand seiner Neigung sein sollte.«

»Lächerlich, Mr. Pinch!« rief Charitas erregt; »Sie sind viel zu leichtgläubig und haben überhaupt keine Ahnung, welcher Tricks solche Naturen fähig sind. – Wir leben in einer gottlosen Welt, glauben Sie mir.«

»Nun, und Sie?« deutete Tom an, um dem Thema rasch eine andere Wendung zu geben. »Gedenken Sie nicht zu heiraten, Miss Pecksniff?«

»O Gott, nein«, zierte sich Cherry und zeichnete mit der Spitze ihres Sonnenschirms krumme Linien auf einen Pflasterstein des Monumenthofes. »Ich – aber wahrhaftig – ich – kann Ihnen das hier nicht erklären. Wollen Sie nicht mit hineinkommen?«

»Sie wohnen hier?« fragte Tom.

»Ja«, antwortete Miss Pecksniff und deutete mit ihrem Schirm auf Todgers' Etablissement. »Ich wohne dort bei dieser Dame – vorderhand –.« Der große Nachdruck, den sie auf dieses Wort legte, ließ Tom erraten, daß sie von ihm erwarte, er werde etwas darüber sagen.

»Nur vorderhand? Sie gedenken also wahrscheinlich, bald wieder nach Hause zu reisen?«

»Nein, Mr. Pinch«, lachte Miss Charitas, »nein, dafür bedanke ich mich bestens. Eine Stiefmutter, die jünger ist – ich wollte sagen: die fast gleichalterig ist mit der ältesten Tochter, würde mir wahrhaftig nicht passen. – Nö«, setzte sie hämisch und schaudernd hinzu.

»Ich dachte nur, weil Sie von ›vorderhand‹ sprachen –« bemerkte Tom.

»Ach, ich hätte mir nicht im entferntesten gedacht, daß Sie wegen dieses Ausdrucks so scharf mit mir ins Gericht gehen würden, Mr. Pinch«, flötete Charitas errötend, »sonst hätt ich ihn nicht gebraucht. Aber wollen Sie jetzt nicht mit hineinkommen?«

Tom suchte nach einer Entschuldigung und wies darauf hin, daß er ein Rendezvous in Furnivals Inn habe, sich von Islington aus verirrt habe und statt dessen zum Monument geraten sei. Miss Pecksniff zierte sich zuerst außerordentlich auf seine Frage, ob sie nicht vielleicht den Weg nach Furnivals Inn wisse, rückte aber schließlich mit einem Vorschlag heraus:

»Ein Gentleman – ein guter Bekannter von mir – ich will nicht gerade sagen, ein Freund, aber – doch – eine Art Bekanntschaft – wirklich, ich weiß kaum, wie ich mich ausdrücken soll, Mr. Pinch, aber Sie dürfen nicht glauben, daß irgendwelche Beziehungen zwischen uns bestehen und, wenn dies auch der Fall wäre, so ist die Sache doch bis heute noch nicht so weit gediehen – aber wie dem auch sei, – – also dieser Gentleman geht, glaube ich, da er dort Geschäfte hat, ebenfalls nach Furnivals Inn, und ich bin fest überzeugt, er wird sich sehr freuen, Sie zu begleiten, damit Sie sich nicht wieder verirren können. Aber kommen Sie jetzt mit. Sie finden wahrscheinlich meine Schwester Gratia bei Todgers'«, setzte sie mit einem verhaltenen spöttischen Lächeln hinzu.

»Dann will ich doch lieber versuchen, mich allein zurechtzufinden«, rief Tom hastig. »Ich muß annehmen, daß es ihr nichts weniger als angenehm sein wird, mich zu sehen. Der unglückliche Vorfall damals mit ihrem jetzigen Gatten und mir kann sie unmöglich freundlich von mir denken lassen, trotzdem mich wahrhaftig keine Schuld trifft.«

»Verlassen Sie sich darauf, sie hat kein Wort davon gehört«, beruhigte ihn Cherry und verbiß ein spöttisches Lachen, »und im übrigen glaube ich auch nicht, daß sie Ihnen deshalb besonders böse wäre.«

»Wie? Was sagen Sie da?« rief Tom höchst erstaunt.

»Ach Gott, ich sage gar nichts«, wich Charitas aus. »Wenn ich nicht schon von Kindheit an gewußt hätte, wie sich Hinterlist und Betrug an dem Täter rächen, Mr. Pinch, so müßte ich es jetzt sehen, wo die Sachen eine so eigentümliche Wendung genommen haben.« Dabei lächelte sie wieder geheimnisvoll wie zuvor. »Aber ich will nichts gesagt haben – ich verwahre mich dagegen. – – Aber jetzt kommen Sie doch endlich mit!«

Tom fühlte, hier lag ein Geheimnis vor, und eine leise Angst um Gratia bemächtigte sich seiner. Wie er jetzt in seiner Unschlüssigkeit Charitas genauer anblickte, bemerkte er deutlich, daß in ihrem Gesicht etwas wie Triumph aufleuchtete, trotzdem sie hastig ihre Augen abwandte.

Eine dunkle Vorahnung beschlich ihn, aber dennoch konnte er sich Miss Pecksniffs Benehmen nicht deuten. Natürlich konnte er nicht wissen, daß sie entzückt nach jeder Gelegenheit griff, ihrer Schwester ein Leid zu bereiten. Er stellte sich Gratia noch immer als das leichtsinnige junge Mädchen vor, das sie einst gewesen, immer voller Geringschätzung gegen ihn und nichts weniger als bemüht, ihre Gefühle ihm gegenüber zu verbergen –, mit einem Wort, er hatte nur eine unklare Vorstellung, daß Miss Pecksniff nicht so ganz schwesterlich oder wohlgesinnt handle, wenn sie ihn jetzt einlud, und er entsprach daher ihrem Wunsche, sie zu begleiten.

Die Haustüre wurde geöffnet, und Charitas stieg ihm voran zum Besuchszimmer hinauf.

»Ach, Gratia«, rief sie und steckte den Kopf zur Türe hinein; »ich fürchtete schon, du seiest nach Hause gegangen. Rate einmal, wen ich hier auf der Straße getroffen und hergebracht habe! Mr. Pinch! Das überrascht dich, nicht wahr?«

Aber Gratia war durchaus nicht so überrascht wie Tom, als er sie jetzt zu Gesicht bekam; – nicht halb so sehr.

»Mr. Pinch hat Papa verlassen, liebe Gratia«, fuhr Charitas fort, »und seiner Zukunft steht jetzt nichts mehr im Wege. Ich habe ihm versprochen, Augustus, der dieselbe Richtung geht, werde ihm nach Furnivals Inn den Weg zeigen. – Augustus, lieber Freund, wo stecken Sie denn?«

Diese Worte waren eine Beschwörungsformel, die Mr. Augustus Moddle galten. Gleich darauf verließ Miss Pecksniff das Zimmer, und Tom Pinch und Gratia waren allein.

Wenn Gratia von jeher Toms beste Freundin gewesen wäre, statt ihn so behandelt zu haben, wie sie es getan, so hätte sein ehrliches Herz nicht von tieferem Mitleid für sie ergriffen sein können, als es jetzt der Fall war.

»O Gott«, begann Gratia, »wirklich, Sie sind der allerletzte, den ich zu sehen gehofft hätte.«

Es schmerzte Tom, sie so in ihrer alten Weise sprechen zu hören, denn er hatte das nicht von ihr erwartet. Trotzdem empfand er das tiefste Mitleid für sie, denn sie sah traurig verändert aus gegen früher, wenn ihre Redeweise auch immer noch hochmütig klang.

»Es nimmt mich wunder, daß Sie Gefallen daran finden können, mich zu besuchen, Mr. Pinch. Ich kann mir gar nicht erklären, wie Ihnen ein solcher Einfall kommen konnte. Ich habe mir, wie Sie wissen, nie viel aus Ihnen gemacht und dächte, Liebe hätten wir gerade nicht aneinander verschwendet, Mr. Pinch«, sagte sie und machte sich nervös mit den Bändern ihres Hutes zu schaffen, der neben ihr auf dem Sofa lag – sichtlich im Geiste ganz woanders.

»Wir haben doch niemals einen Streit miteinander gehabt!« wendete Tom milde ein. – Er hatte darin vollkommen recht, denn zu einem Zwist gehören bekanntlich zwei. – »Ich hatte gehofft, Sie würden sich freuen, einem alten Bekannten die Hand zu drücken. Schauen Sie, lassen Sie uns doch nicht vergangene Dinge wieder aufrühren«, setzte er hinzu, »und wenn ich Sie jemals gekränkt habe, so vergeben Sie mir.«

Gratia sah ihn einen Augenblick an, ließ dann den Hut aus den Händen fallen, bedeckte ihr Gesicht und brach in Tränen aus.

»Ach, Mr. Pinch«, jammerte sie, »ich habe Sie ja wahrhaftig niemals gut behandelt, aber doch hätte ich nicht gedacht, daß Sie so unversöhnlich wären. Ich habe nicht geglaubt, daß Sie so grausam sein könnten.«

Sie sprach jetzt so ganz anders als sonst, daß es Tom tief ergriff; sie machte ihm offenbar einen Vorwurf, und er verstand sie nicht.

»Ich weiß ja, ich habe mir's niemals anmerken lassen, aber doch glaubte ich an Sie so fest, daß ich zuverlässig Ihren Namen genannt haben würde, wenn man mich nach einem Menschen gefragt hätte, dem ich am wenigsten zutraue, daß er sich zu rächen imstande sei.«

»Sie würden meinen Namen genannt haben –«, wiederholte Tom mechanisch.

»Ja«, versetzte Gratia mit Nachdruck. »Ich habe oft daran gedacht.«

Eine Weile sann Tom nach, dann setzte er sich neben sie auf einen Stuhl.

»Glauben Sie wirklich«, sagte er, »oder können Sie nur einen Augenblick dem Gedanken Raum geben, daß ich je meine Worte anders meinen könnte, als wie ich sie buchstäblich sage? Wenn ich Sie jemals beleidigt habe, so bitte ich Sie um Entschuldigung – denn es ist ja möglich, daß ich es oft und vielmals getan habe. Aber Sie haben mich nie gekränkt. Weshalb sollte ich mich also an Ihnen rächen wollen, selbst wenn ich schlecht genug wäre, an etwas Derartiges zu denken!?«

Eine Weile schwieg Gratia, dann dankte sie ihm unter Tränen und schluchzte, seit sie die Heimat verlassen, habe sie sich nie so schmerzlich berührt und doch wieder innerlich so getröstet gefühlt. Dennoch weinte sie bitterlich fort, und es schnitt Tom tief ins Herz, ihre Tränen mit anzusehen, um so mehr, als er deutlich begriff, wie sehr sie seiner Teilnahme bedurfte.

»Beruhigen Sie sich, nehmen Sie's nicht so schwer!« redete er ihr zu, »Sie waren doch sonst immer so heiter und fröhlich den ganzen lieben Tag lang.«

»Ach ja, früher«, rief sie in einem Tone, der ihm tief zu Herzen ging.

»Es wird schon wieder alles gut werden«, versuchte er sie zu trösten.

»Nein, nie, nie mehr. Oh, nie mehr! – Wenn Sie jemals Gelegenheit haben sollten, mit dem alten Mr. Chuzzlewit zu sprechen«, setzte sie hastig hinzu und blickte Tom fest ins Gesicht – »es kam mir bisweilen vor, als habe er Sie gern, wolle sich's aber nicht anmerken lassen – nicht wahr, dann sagen Sie ihm, daß Sie mich hier gesehen haben und daß ich Ihnen mitgeteilt habe: was er damals auf dem Kirchhof mit mir gesprochen, sei unauslöschlich in mein Gedächtnis eingegraben.«

Tom versprach es ihr.

»Oft und oft habe ich mir seitdem seine Worte ins Gedächtnis zurückgerufen und gewünscht, dort begraben zu liegen. Es läge mir sehr, sehr viel daran, wenn er erführe, wie wahr er gesprochen hat; wenn ich es auch seitdem niemandem gesagt habe und dieses Eingeständnis auch niemals mehr über meine Lippen kommen wird.«

Tom versprach ihr, Mr. Chuzzlewit alles mitzuteilen, fügte jedoch hinzu, es komme ihm sehr unwahrscheinlich vor, daß er jemals mit dem alten Herrn wieder zusammentreffen werde. »Aber es könnte ja sein«, fügte er hinzu, denn er wollte Gratia nicht noch mehr betrüben.

»Wenn er das alles je durch Sie erfährt, lieber Mr. Pinch«, fuhr Gratia fort, »so sagen Sie ihm auch, daß ich es ihm nicht um meinetwillen mitteilen lasse, sondern bloß, damit er nachsichtiger und geduldiger und vertrauensvoller gegen andere sein möge, wenn sich ein ähnlicher Fall wieder ereignen sollte. Sagen Sie ihm, er ahne nicht, wie wenig damals dazu gefehlt hat, und ich hätte mich anders entschieden, als ich es getan.«

– »Ja, ja«, versprach Tom. »Ich will es ausrichten.« –

»Als ich ihm seiner Hilfe am unwürdigsten schien, war ich vielleicht am meisten geneigt, seinen Worten nachzugeben – ja, ja, ich weiß, es ist so: ich habe seitdem oft und oft darüber nachgedacht. Wenn er mir nur noch ein wenig mehr zugeredet hätte – nur noch eine Viertelstunde länger geblieben wäre –, ich glaube ganz gewiß, ich wäre gerettet gewesen. Sagen Sie ihm, daß ich ihm deshalb keinen Vorwurf mache, sondern ihm dankbar bin, daß er es überhaupt versucht hat. Bitten Sie ihn zugleich um Christi Liebe willen, der Jugend gegenüber barmherzig zu sein und des Kampfes mit Milde zu gedenken, den ein schlecht beratenes und leichtsinniges Geschöpf gekämpft, um die Kraft zu verbergen, die ihn Schwäche dünkte. Bitten Sie ihn, dies nie zu vergessen, wenn ihm je wieder ein ähnlicher Fall unterkommen sollte.«

Wenn auch Tom den Sinn von Gratias Worten nicht vollständig begriff, so konnte er ihn doch so ziemlich erraten. Bis ins Innerste erschüttert, ergriff er ihre Hand und sagte ihr – oder wollte es wenigstens – einige Worte des Trostes. Sie fühlte und verstand sie, so unartikuliert sie auch klangen. Er war so fassungslos, daß er kaum wußte, was vorging; erst später glaubte er sich zu erinnern, sie habe sich ihm zu Füßen werfen und ihn segnen wollen. Als sie sich entfernt hatte, bemerkte er plötzlich, daß er nicht allein im Zimmer war. Mrs. Todgers war eingetreten und schüttelte betrübt das Haupt. Er sah die Dame jetzt zum erstenmal, erriet jedoch, sie müsse die Frau des Hauses sein, und da er so große Teilnahme in ihren Blicken las, hatte sie im Handumdrehen sein Herz gewonnen.

»Ach, Sir, Sie sind gewiß ein alter Freund, wie ich sehe?« fragte sie.

»Ja, so ist's«, antwortete Tom.

»Aber gewiß –« fuhr Mrs. Todgers fort und schloß leise die Türe, »hat sie Ihnen nicht gesagt, worin ihre Leiden bestehen?«

Tom war höchlichst betroffen über diese Worte, denn sie enthielten tatsächlich die Wahrheit.

»Wirklich«, gab er zu, »sie hat mir nichts darüber gesagt.«

»Und sie wird Ihnen auch nichts Näheres darüber sagen, selbst wenn Sie täglich mit ihr zusammenkämen. Nie läßt sie eine Silbe der Erklärung oder der Klage darüber laut werden. Aber dennoch«, setzte Mrs. Todgers hinzu und seufzte, »dennoch weiß ich, wie schwer ihr ums Herz ist.«

Tom nickte bekümmert und seufzte:

»Ich auch.«

»Ich bin fest überzeugt«, schluchzte Mrs. Todgers und zog ihr Taschentuch aus der flachen Retiküle, »daß niemand auch nur annähernd weiß, was das arme junge Geschöpf durchzumachen hat. Aber, trotzdem sie fast täglich herkommt, um ihr armes gequältes Herz zu erleichtern und weinend in der Ecke sitzt, bis der Anfall vorüber ist, und dabei immer jammert: ›Ach, Mrs. Todgers, ich bin heute so traurig, wollte Gott, ich läge schon im Grabe‹, so weiß ich doch nichts weiter von ihr. Und trotz alledem«, setzte Mrs. Todgers hinzu und steckte ihr Tuch wieder ein, »weiß ich, daß sie mich für eine gute Freundin hält.«

Mrs. Todgers hätte berechtigterweise sagen können: »für ihre beste Freundin«. Die Herren vom Handelsstande und die Sorgen um die tägliche Fleischbrühe hatten zwar Mrs. Todgers' Herz ein wenig verhärtet, und sie dachte fast an nichts anderes als an Erwerb – der übrigens in ihrem Falle so unbedeutend war, daß man es ihr nachsehen mußte, wenn sie die Augen offen hielt und an allen Ecken und Enden sparte, aber in irgendeinem Winkel ihres Herzens und vor einem ganz verborgenen Schubfach war eine geheime Tür, und auf der stand das Wort »Weib« geschrieben. Und wenn Gratia die Feder berührte, so flog sie weit auf, um ihr ein Asyl zu bieten.

In diesem Augenblick trat Charitas mit ihrem Verehrer ein.

»Mr. Thomas Pinch«, stellte sie Tom, sich in die Brust werfend, vor: »– Mr. Moddle –. Wo ist übrigens meine Schwester?«

»Fortgegangen, Miss Pecksniff«, antwortete Mrs. Todgers. »Es war höchste Zeit.«

»Ach«, seufzte Charitas mit einem lauernden Blick auf Tom, »– ach, du lieber Himmel.«

»Sie hat sich sehr, sehr verändert, seit sie mit einem andern – – seit sie verheiratet ist, Mrs. Todgers«, bemerkte Mr. Moddle.

»Mein lieber Augustus!« sagte Miss Pecksniff spitz. »Ich glaube wirklich, dies wohl schon fünfzigtausendmal von Ihnen gehört zu haben. Gott, sind Sie ein langweiliger Mensch.«

Es folgte ein etwas lahmes Liebesgeplänkel, das lediglich von Miss Pecksniff ausging, denn Mr. Moddle benahm sich wesentlich zurückhaltender, als es gewöhnlich bei jungen Liebhabern der Fall sein soll, und stellte überhaupt eine geradezu stupende Geistesträgheit zur Schau.

Er wurde übrigens auch nicht lebendiger, als Tom mit ihm die Straße hinaufging, und seufzte so unheimlich, daß es wahrhaft erschrecklich anzuhören war. Um ihn aufzuheitern, wünschte ihm Tom viel Glück für die Zukunft.

»Glück?!« rief Moddle, »haha.«

»Ist das aber ein seltsamer junger Mensch«, dachte Tom.

»Der Weltschmerz hat wohl noch nicht sein Siegel auf Sie gedrückt? Sie kümmern sich wahrscheinlich noch darum, was noch einmal aus ihnen werden wird?« fragte Mr. Moddle.

Tom gab zu, daß er diesbezüglich allerdings noch so manches Interesse fühle.

»Bei mir ist das nicht der Fall«, versetzte Mr. Moddle. »Die Erde kann mich zurückhaben, sobald sie will. – Ich bin bereit.«

Tom schloß aus diesen und ähnlichen Ausdrücken, der junge Mann müsse wahrscheinlich eifersüchtig sein, und überließ ihn daher sich selbst und seinen Gedanken, die übrigens so düster zu sein schienen, daß er förmlich aufatmete, als sie sich vor dem Tore von Furnivals Inn trennten.

Die Essenszeit war schon ein paar Stunden vorüber, und John Westlock ging, ängstlich besorgt um Tom, unruhig in seinem Zimmer auf und ab. Der Tisch war gedeckt, der Wein sorgsam in Karaffen gegossen, und würziger Speisenduft erfüllte die Luft.

»Na, hör mal, Tom, alter Junge, wo in aller Welt hast du denn so lange gesteckt?« rief John. »Dein Koffer ist übrigens angekommen. Aber jetzt zieh deine Stiefel aus und setz dich gefälligst nieder.«

»Es tut mir wirklich leid, sagen zu müssen, daß ich unmöglich bleiben kann«, entschuldigte sich Tom Pinch, atemlos von der Hast, mit der er die Treppe heraufgeeilt war.

»Nicht bleiben?«

»Bitte, fange jetzt nur an zu essen«, keuchte Tom, »ich will dir inzwischen meine Gründe dafür angeben. Ich kann dir dabei nicht Gesellschaft leisten, denn ich darf mir den Appetit für die Hammelrippchen nicht verderben und –«

»Es sind doch gar keine Hammelrippen da, lieber Freund«, unterbrach ihn John.

»Nein, aber in Islington.«

John Westlock riß die Augen auf und schwur hoch und teuer, er werde keinen Bissen anrühren, ehe sich Tom nicht deutlicher erklärt habe.

Mr. Pinch setzte sich daher nieder und erzählte ihm seine ganze Geschichte.

John Westlock kannte seinen Freund zu gut und achtete sein Feingefühl zu sehr, als daß er ihn gefragt hätte, wozu er alle diese Maßregeln getroffen, ohne sich vorher mit ihm besprochen zu haben. Tom müsse, sagte er, sofort zu seiner Schwester zurückkehren, da der Ort, wo er sie gelassen, ihr zu wenig bekannt sei. – Er werde sogleich einen Fiaker nehmen, und bei dieser Gelegenheit könnten sie gleich den Koffer mitnehmen.

»Und jetzt, Tom«, sagte er, als sie eingestiegen waren, »habe ich eine Frage an dich, die du mir offen und ehrlich beantworten mußt: Brauchst du Geld? – Aber natürlich, du mußt ja welches brauchen.«

»Nein, nein, gewiß nicht!« beteuerte Tom. »Ich danke dir wirklich herzlich, aber sowohl meine Schwester wie ich sind vorläufig noch versorgt. Und dann habe ich noch eine Fünfpfundnote, die mir Mrs. Lupin in einem Brief am Kreuzweg aufdrängte.«

An der Haustür von Toms Wohnung trennten sie sich. John Westlock blieb im Wagen sitzen, als er aber eines entzückenden süßen kleinen Geschöpfchens ansichtig wurde, das aus dem Haus stürzte, Tom um den Hals fiel und ihm den Koffer in den Flur tragen half, da hätte er nicht das mindeste dagegen einzuwenden gehabt, mit seinem Freund zu tauschen.

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