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Martin Chuzzlewit

Charles Dickens: Martin Chuzzlewit - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMartin Chuzzlewit
publisherWeltbild GmbH
year2004
isbn393349788X
translatorGustav Meyrink
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060629
corrected20110726
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32. Kapitel

Handelt wieder von Todgers' und einer Pflanze, die dort im Verborgenen hinwelkte

Früh am Morgen nach jenem Tag, an dem Miss Pecksniff dem Schauplatz ihrer Mädchenzeit Lebewohl gesagt, wurde sie in London, gleich nach ihrer Ankunft, von Mrs. Todgers in Empfang genommen und in das friedliche Heim im Schatten des Monumentes geleitet.

Mrs. Todgers sah infolge ihrer Sorgen um die tägliche Fleischbrühe und andere häusliche Kümmernisse, die ihr Geschäft mit sich brachte, ziemlich angegriffen aus, legte aber dennoch ihre gewohnte, angelegentliche und warme Teilnahme an den Tag.

»Und was macht Ihr lieber Papa, meine süße Miss Pecksniff?« fragte sie.

Miss Pecksniff teilte ihr – im Vertrauen natürlich – mit, daß der Treffliche daran denke, eine junge Frau Mama heimzuführen, und wiederholte ihren Ausspruch, daß sie weder blind noch blödsinnig sei und das nicht ruhig mit anzusehen gedenke.

Mrs. Todgers war über diese Neuigkeit empörter, als man hätte annehmen sollen. Sie war geradezu erbittert; sie sagte, es herrsche keine Wahrheit in den Herzen der Männer, und je inniger einer spreche, desto falscher und verräterischer sei er in der Regel. Mit erstaunlicher Klarheit durchschaute sie, daß der Gegenstand von Mr. Pecksniffs Zuneigung eine ränkevolle, wertlose und gottvergessene Person sei – eine Ansicht, die selbstverständlich von Miss Charitas vollständig bestätigt wurde, und dann versicherte sie mit Tränen in den Augen, sie liebe Miss Pecksniff wie eine Schwester und fühle die Kränkung, als ob sie ihr selbst angetan worden wäre.

»Und was die liebe, liebe Gratia anbetrifft«, sagte sie, »so habe ich sie erst ein einziges Mal seit ihrer Verheiratung gesehen und muß sagen, sie kam mir leider sehr bekümmert vor. – Übrigens, meine liebe Miss Pecksniff, ich habe immer gedacht, Sie sollten die Frau von Mr. Jonas werden?«

»Ach, du mein Himmel, nein«, rief Cherry, den Kopf schüttelnd; »o nein, Mrs. Todgers; – Gott sei vor! Nicht um alles in der Welt hätte ich mein Jawort gegeben.«

»Ich muß zugeben, daß Sie eigentlich recht haben«, versetzte Mrs. Todgers mit einem Seufzer. »Mir hat die Sache gleich nicht recht gefallen. – Und nun gar erst das Elend, das wir hier im Hause erlebt haben durch die Heirat, meine liebe Miss Pecksniff – es ist geradezu unglaublich.«

»Was sagen Sie da, Mrs. Todgers?« rief Charitas erstaunt.

»Schrecklich, ganz schrecklich«, wiederholte Mrs. Todgers mit Nachdruck. »Sie erinnern sich doch noch an den jüngsten Gentleman aus der Gesellschaft, meine Liebe?«

»Freilich!«

»Und Sie haben gewiß bemerkt, mit was für Augen er immer Ihre Schwester anzusehen pflegte und daß immer eine Art Versteinerung über ihn kam, sooft sie in seiner Gesellschaft war.«

»So? – Ich habe nichts davon bemerkt«, sagte Cherry verdrießlich. »Das ist doch alles dummes Zeug, Mrs. Todgers.«

»Nein, nein, meine Liebe«, beharrte Mrs. Todgers auf ihrer Ansicht, »ich habe ihn oft und oft gesehen, wie er beim Dinner über der Pastete gesessen ist und ihm der Löffel im Mund steckenblieb, wenn er Ihre Schwester ansah. Ich selbst kann's bezeugen, wie er immer in der Ecke unsres Salons gestanden ist und sie mit einem so feuchten und melancholischen Blick angeschaut hat – fast wie ein Brunnen, aus dem man Tränen herauspumpen kann, und gar nicht wie ein Mann.«

»Möglich! – Ich kann weiter nichts sagen, als daß ich gar nichts dergleichen bemerkt habe«, versetzte Cherry hartnäckig.

»Und gar erst, als die Heirat stattfand«, fuhr Mrs. Todgers unbeirrt fort, »und alles in der Zeitung stand und die Nachricht hier beim Frühstück verlesen wurde, da hab ich wahrhaftig schon gemeint, er wolle vollständig verrückt werden. Seine Heftigkeit, meine liebe Miss Pecksniff, die schrecklichen Reden, die er über Selbstmord laut werden ließ und so, die Wildheit, die er an den Tag legte, wenn er seinen Tee trank, und die Wut, mit der er immer in sein Butterbrot gebissen hat – und dann gar erst, wie ihn Mr. Jinkins verhöhnt hat –, alles das sind Eindrücke, die ich nie vergessen kann.«

»Nur schade, daß er sich nicht wirklich umgebracht hat«, spöttelte Miss Pecksniff.

»Sich umgebracht?« rief Mrs. Todgers. »Nein, schon am Abend hatte er diese Absicht aufgegeben. Er wollte nur mehr andere Leute umbringen. Es gab da einen kleinen Radau – ich hoffe, Sie halten das nicht für einen ordinären Ausdruck, Miss Pecksniff, aber unsere Herren führen ihn immer im Mund –, also wie gesagt, meine Liebe, es gab da plötzlich, wenn auch ganz im Guten, einen Mordsradau unter ihnen, und dann sprang er plötzlich schäumend vor Wut auf, und wenn ihn nicht drei Herren festgehalten hätten, würde er sicher Mr. Jinkins mit einem Stiefelzieher totgeschlagen haben.«

– Miss Pecksniffs Miene drückte außerordentliche Gleichgültigkeit aus. –

»Aber jetzt«, schloß Mrs. Todgers, »ist er der zahmste Mensch von der Welt. Die Tränen treten ihm in die Augen, wenn man ihn nur ansieht. An Sonntagen sitzt er gewöhnlich den ganzen lieben langen Tag bei mir und jammert mir in so kläglicher Weise vor, daß es mir fast unmöglich ist, mich um das Hauswesen so zu kümmern, wie es die Herren Kostgänger wünschen. Seinen einzigen Trost noch findet er in weiblicher Gesellschaft. Er nimmt mich mit ins Theater, und zwar so oft, daß ich manchmal fürchte, es geht über seine Mittel, und wenn ich ihn anschau, die ganze Vorstellung hindurch hat er Tränen in den Augen. Besonders, wenn's ein Lustspiel ist. Ach, und gestern erst! Wie ich da wieder erschrocken bin«, Mrs. Todgers legte die Hand aufs Herz, »die Hausmagd hat seinen Betteppich zum Fenster hinausg'hängt, und da hab ich schon glaubt, er sei's.«

Die Verachtung, mit der Miss Pecksniff diesen pathetischen Bericht über den Seelenzustand des jüngsten Gentlemans der Gesellschaft anhörte, ließ bemerken, daß sie nicht sonderlich viel Teilnahme für den Unglücklichen empfand. Sie schien im Gegenteil die Sache sehr leicht zu nehmen und erkundigte sich, was sonst noch für Veränderungen in dem Logierhause für die Herren vom Handelsstande vorgefallen seien.

Mr. Bailey war fort und hatte – so vergänglich ist alle Größe auf Erden – ein altes Weib, das unter dem unmöglichen Insulanernamen »Tamaroo« vorgestellt wurde, zur Nachfolgerin erhalten. Wie sich später herausstellte, hatten – stets zu Scherzen aufgelegt – die Kostgänger Mrs. Todgers' ihr diesen Namen gegeben. Das Wort, hieß es, solle aus einer englischen Ballade stammen und den kühnen, feurigen Charakter eines gewissen Lohnkutschers illustrieren, der darin eine große Rolle spielte. Offenbar hatten sie den Namen Mr. Baileys Nachfolgerin gegeben, da sie nichts weniger als »feurig« war, von einem Anfall von Rotlauf hie und da vielleicht abgesehen. Man hatte die alte Frau auf allgemeinen Wunsch engagiert und außerdem auf ein Gelübde Mrs. Todgers' hin, daß nun und nimmermehr Jungen die Türen ihres Kosthauses für junge Gentlemen vom Handelsstand verdunkeln sollten.

Mrs. Tamaroo zeichnete sich durch einen vollständigen Mangel an Fassungskraft für alles mögliche aus und war ein förmliches Mausoleum für Botschaften und kleine Pakete. Wenn man sie mit Briefen auf die Post schickte, so war ihr erstes, sie durch allerlei Spalten und Ritzen von Privathaustüren zu schieben, in der Einbildung, jede Türe mit einem Loch oder Schlitz müsse ein Briefkasten sein. Sie war klein und alt und trug stets eine grobe Schürze, vorn mit einem Lätzchen und hinten mit Fransen, dazu fortwährend Bandagen um ihre Handgelenke, die mit einer chronischen Verrenkung behaftet zu sein schienen. Bei jeder Gelegenheit, wenn es galt, die Haustüre zu öffnen, benahm sie sich außerordentlich vorsichtig, dagegen um so weniger, wenn es sich darum handelte, sie zu schließen, und wenn sie die Gäste bei der Tafel bediente, geschah es stets mit dem Hut auf dem Kopf.

Das war aber auch so ziemlich die einzige große Veränderung im Hause außer der, die mit dem jüngsten Gentleman der Gesellschaft vorgegangen war. Schon durch seine bloße Erscheinung bestätigte er Mrs. Todgers' Erzählung, nur schien er noch viel empfindlicher, als sie ihm nachgesagt. Ganz neue schreckliche Begriffe von Vorausbestimmung spukten in seinem Hirn, und er sprach viel von dem »Geschick« der Menschen, worüber er gewisse Privatoffenbarungen erhalten zu haben schien, die nicht jedermann zugänglich waren; wenigstens wußte er ganz genau, daß es das Fatum der armen Gratia gewesen sei, sein Leben in der Knospe zu zertreten. Er tat ungemein tränenreich und sentimental, und da bekanntlich jedermann seine Bestimmung haben muß, so setzte er sich in den Kopf, die seinige bestehe darin, daß er ohne Unterlaß Tränen im Auge haben müsse.

Wohl Tag für Tag versicherte er Mrs. Todgers, die Sonne sei für ihn untergegangen und die Wogen über ihn dahingerollt. Der Juggernaut habe ihn überfahren und die tödliche Upaspalme von Java ihn vergiftet. – Sein Name war Moddle.

Diesem also höchst unglücklichen Mr. Moddle gegenüber benahm sich nun Miss Pecksniff anfangs mit großer Reserve, da sie durchaus nicht in der Stimmung war, sich mit Klageliedern zu Ehren ihrer verheirateten Schwester unterhalten zu lassen. Das hatte gerade noch gefehlt, um den armen jungen Herrn vollständig zu zerschmettern, und bitter beklagte er sich darüber gegen Mrs. Todgers.

»Selbst sie wendet sich von mir ab, Mrs. Todgers«, jammerte er.

»Aber warum versuchen Sie denn auch nicht, ein bißchen heiterer zu sein«, stellte ihm Mrs. Todgers vor.

»Heiterer zu sein, Mrs. Todgers? Heiterer?!« rief der »jüngste Gentleman der Gesellschaft«. »Wo sie mich doch an die Tage erinnert, die für immer dahin sind, Mrs. Todgers!«

»Dann täten Sie besser, sie auf eine kurze Zeit zu meiden«, rief Mrs. Todgers, »und sich ihr erst allmählich zu nähern! So möchte ich's wenigstens machen.«

»Aber ich kann sie nicht meiden«, stöhnte Mr. Moddle. »Es fehlte mir die Willenskraft dazu. Ach, Mrs. Todgers, wenn Sie wüßten, welchen Trost mir der Anblick ihrer Nase gibt.«

»Ihrer Nase, Sir?« rief Mrs. Todgers.

»Ihres Profils im allgemeinen«, erklärte der »jüngste Gentleman der Gesellschaft«, »aber besonders der ihrer Nase. Sie hat so viel Ähnlichkeit –«, wieder gab er einem Schmerzensausbruche Raum, »– sie hat so viel Ähnlichkeit mit der Nase derer, die jetzt einem andern angehört, Mrs. Todgers.«

Aufmerksam wie stets, verfehlte Mrs. Todgers natürlich nicht, den Inhalt dieses Gesprächs Miss Cherry zu hinterbringen, die zwar darüber lachte, aber noch am selben Abend Moddle mit größerer Rücksicht behandelte und ihm so viel wie möglich ihr Profil zukehrte. Mr. Moddle war zum mindesten ebenso sentimental wie gewöhnlich, aber er saß ruhig da und starrte sie mit glänzenden Augen an, als danke er ihr für diese Wohltat.

»Nun, Sir«, lobte ihn am nächsten Tag die Besitzerin des Logierhauses, »Sie haben sich ja gestern abend sehr zusammengenommen. Ich denke, Sie kommen doch wieder drüber weg.«

»Bloß, weil sie der so ähnlich sieht, die einem andern gehört, Mrs. Todgers«, seufzte der Jüngling. »Wenn sie spricht und wenn sie lächelt, glaube ich immer wieder ihr Antlitz vor mir zu sehen, Mrs. Todgers.«

Auch dies wurde Miss Cherry hinterbracht, die daraufhin am Abend aufs liebenswürdigste plauderte und lächelte, ja sogar Mr. Moddle wegen seiner Niedergeschlagenheit neckte und ihn zuletzt aufforderte, einen Rubber Whist mit ihr zu spielen. Mr. Moddle nahm den hingeworfenen Fehdehandschuh auf, und so spielten sie mehrere Partien zu sechs Pence, die Miss Cherry samt und sonders gewann. Zum Teil mochte dies vielleicht der Galanterie des jungen Gentlemans zuzuschreiben sein, aber gewiß trug auch sein Gemütszustand Schuld an der Niederlage, denn sein Blick war so häufig von Tränen getrübt, daß er die Achter für Zehner und die Buben für Damen hielt, was ihm auf die Dauer der Zeit immerhin Nachteil brachte.

Am siebenten Whistabend, als Mrs. Todgers, die wie immer kiebitzte, den Vorschlag machte, sie sollten eigentlich um Pfänder oder Küsse spielen, sah man Mr. Moddle sogar die Farbe wechseln. Und am vierzehnten Abend küßte er im Flur, als Miss Pecksniff schlafen ging, ihr in Hast die Lichtschere; er hatte zwar auf die Hand, die sie trug, gezielt, sie aber leider verfehlt.

Schließlich fing Mr. Moddle an, auf die Idee zu kommen, Miss Pecksniff habe die Mission, ihn zu trösten; und Miss Pecksniff ihrerseits fing an zu glauben, es sei vielleicht ihre »Mission«, Mrs. Moddle zu werden. Moddle war noch recht jung – im Gegensatz zu Cherry –, hatte gute Aussichten in seinem Beruf und überdies ein beinahe sicheres Einkommen. Wirklich, die Sache war nicht so übel.

Überdies hatte er als Gratias Verehrer gegolten! Gratia hatte mit ihm renommiert und einst zu ihrer Schwester gesagt, er sei eine Eroberung von ihr. Hinsichtlich Aussehen, Temperament und Benehmen schlug er Jonas bei weitem, außerdem war er leicht lenkbar und überhaupt ganz der Mann, sich den Launen einer Frau zu fügen. Kurz, er verhielt sich zu Jonas wie ein Lamm zu einem Bären. Ha, welcher Triumph!

Inzwischen dauerte das Kartenspiel Abend für Abend fort, und Mrs. Todgers wurde kaltgestellt. Der »jüngste Gentleman der Gesellschaft« zeigte nicht mehr die frühere Vorliebe für ihre Gesellschaft und fing an – Miss Pecksniff mit ins Theater zu nehmen. Auch begann er, wie Mrs. Todgers sich ausdrückte, das Essen zu schwänzen und sich zu ganz ungesetzlichen Zeiten zu entfernen. Ja, zweimal empfing er sogar, wie Mrs. Todgers verriet, anonyme Briefe mit Empfehlungskarten von Geschäften für Brautausstattungen und Möbel. – Offenbar eine Bosheit von seiten des höchst ungentlemanliken Schuftes Jinkins, doch fehlte es leider an Beweisen, um ihn zur Rede stellen zu können. Alles das – so belehrte Mrs. Todgers ihre jungfräuliche Freundin – sprach eine so einfache und klare Sprache, daß kein Mißverständnis mehr möglich war.

»Meine liebe Miss Pecksniff, Sie können sich drauf verlassen«, sagte sie, »er brennt nur drauf, Ihnen seine Hand anzutragen.«

»Gott bewahre – was denken Sie! – Wenn's so wäre, warum tut er's dann nicht?« rief Cherry.

»Die Männer sind viel schüchterner, als man glaubt, meine Liebe«, orakelte Mrs. Todgers. »Sie gehen immer um den heißen Brei herum wie die Katzen, Monate und Monate lang hab ich g'sehn, wie meinem Todgers die Worte auf der Zunge g'legen sind, bevor er sich ausgesprochen hat.«

Miss Pecksniff meinte, Mr. Todgers könne hier denn doch nicht als passendes Beispiel angesehen werden.

»Aber ja, meine Liebe! Sicher!« remonstrierte Mrs. Todgers, sich in die Brust werfend. »Oh, er war seinerzeit ein sehr feiner Mann, das kann ich Ihnen versichern. Nein, nein, Sie müssen Mr. Moddle ein bissel einheizen, Miss Pecksniff, wenn Sie ihn zum Reden bringen wollen. Aber verlassen Sie sich drauf, dann wird's plötzlich in einem ganz andern Tempo gehen.«

»Wirklich, ich wüßte nicht, in welcher Art ich das tun könnte, Mrs. Todgers«, erwiderte Charitas. »Er geht mit mir spazieren, spielt mit mir Whist und leistet mir oft stundenlang allein Gesellschaft.«

»Schon recht«, meinte Mrs. Todgers, »das ist ja alles unerläßlich, meine Liebe, und kann auch nicht anders sein.«

»Und dann setzt er sich stets ganz dicht neben mich.«

»Auch damit hat's seine Richtigkeit«, entgegnete Mrs. Todgers.

»Und sieht mich beständig an.«

»Das kann ich mir denken«, rief Mrs. Todgers.

»Und dann legt er seinen Arm auf die Stuhllehne oder das Sofa oder was es sonst grad ist, wenn ich sitze – natürlich hinter mich.«

»Natürlich, freilich.«

»Und dann stehen ihm so oft die Tränen in den Augen.«

Mrs. Todgers meinte zwar, Mr. Moddle könne etwas Besseres tun als weinen; er solle lieber an des großen Lord Nelsons Signal zur Schlacht bei Trafalgar denken, indessen, sagte sie, er werde schon kühner werden oder besser gesagt, anbeißen, wenn Miss Pecksniff eine entschiedenere Stellung einnehme und ihm offen bedeute, daß es schließlich doch endlich einmal zu einem klaren Resultat kommen müsse.

So nahm sich denn die junge Dame vor, ihr Benehmen entsprechend einzurichten, und empfing bei nächster Gelegenheit Mr. Moddle mit kalter gezwungener Miene. Wirklich brachte sie ihn nach und nach dadurch so weit, daß er niedergeschlagen fragte, warum sie denn so verändert sei. Und da gestand sie ihm, sie halte es für notwendig, für ihren beiderseitigen Frieden einen entscheidenden Schritt zu tun. Sie seien in der letzten Zeit viel beisammen gewesen und hätten das süße Gefühl echter Seelenharmonie gekostet – sie ihrerseits könne ihn nicht mehr so leicht vergessen, noch werde sie je aufhören, seiner mit wärmster Freundschaft zu gedenken, aber die Leute hätten immerhin darüber zu reden angefangen, man habe die Sache bemerkt, und es sei notwendig, daß sie einander hinfort nicht mehr wären, als sich jede andere Dame und jeder andere Herr in Gesellschaft sind. Sie sei froh, daß sie rechtzeitig den Mut gefunden, offen mit ihm zu reden, solange sie noch Gewalt über ihr Herz habe. Es hätte sie große Kämpfe gekostet, das gebe sie zu, aber so schwach sie auch sei und so weiblich sie auch denke, so hoffe sie doch, den Sieg über sich selbst davontragen zu können.

Mr. Moddle, der darüber ganz außer sich geriet und reichlich Tränen vergoß, erkannte sofort, daß es sein Schicksal sei, andern Menschen Unglück zu bringen – dasselbe Unheil, das auch ihn betroffen –, er sei eine Art unbewußter Vampir und Miss Pecksniff ihm von den Schicksalsgöttinnen als Opfer Numero eins zugesandt worden. Charitas erklärte diese Ansicht für sündhaft und spornte ihn daraufhin zu der weiteren Frage an, ob sie mit einem gebrochenen Herzen vorliebnehmen könne, und als sich herausstellte, daß sie dazu vollständig imstande sei, legte Mr. Moddle einen schauerlichen Eid der Treue ab, der sofort angenommen und erwidert wurde.

Der junge Mann ertrug sein Glück mit größter Mäßigung. Statt zu jubeln, vergoß er mehr und reichlichere Tränen, als man bisher an ihm bemerkt hatte, und sagte schließlich schluchzend:

»Was für ein Tag ist dies gewesen! Ich gehe heut nicht mehr ins Kontor. Gott, was für ein Tag der Prüfung ist das heute für mich gewesen!«

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