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Martin Chuzzlewit

Charles Dickens: Martin Chuzzlewit - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMartin Chuzzlewit
publisherWeltbild GmbH
year2004
isbn393349788X
translatorGustav Meyrink
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060629
corrected20110726
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29. Kapitel

In dem sich manche Leute altklug benehmen, andere geschäftsmäßig, wieder andere geheimnisvoll, kurz, alle nach ihrer Weise

Vielleicht war es die unangenehme Erinnerung an alles, was er diese Nacht gehört und gesehen, vielleicht auch weiter nichts als die Entdeckung, daß er nichts zu tun hatte – genug, Mr. Bailey fühlte am folgenden Nachmittag ein sehnsüchtiges Verlangen nach angenehmer Gesellschaft und beschloß deshalb, seinem Freund Poll Sweedlepipe einen Besuch abzustatten.

Als die kleine Türglocke geräuschvoll die Ankunft eines Besuches meldete – denn Mr. Bailey kam mit einem ungestümen Ruck zur Türe herein, um ihr den lautesten Ton zu entlocken –, stand Mr. Poll Sweedlepipe sofort von der Betrachtung einer seiner Lieblingseulen ab und hieß seinen Freund herzlich willkommen.

»Nein, wie Sie bei Tag fein aussehen«, rief Poll, »viel feiner als beim Kerzenschein! Noch nie hab ich einen so gigerlhaften jungen Herrn gesehen.« »Na, macht sich, Polly. Wie geht's übrigens unserer schönen Freundin?« – brummte Mr. Bailey.

»Oh, so ziemlich gut«, sagte Poll, »sie ist übrigens zu Hause.«

»Man sieht, daß sie mal ganz hübsch gwesen sein muß, die Sarah, Poll«, bemerkte Mr. Bailey mit vornehmer Gleichgültigkeit.

»Oh«, dachte Poll, »er ist alt. Er muß sehr alt sein.«

»Bissel ausm Leim gegangen, wissen S'«, fuhr Mr. Bailey fort, »bissel zu fett, Poll. Aber es gibt so manche, wo in ihrem Alter noch schlimmer ausschauen.«

»Sogar die Eule macht große Augen«, jubelte Poll. »Wundert mich übrigens nicht bei einem Vogel von solchem Verstand.«

Er hatte vorher gerade seine Rasiermesser abgezogen, und sie lagen jetzt offen in einer Reihe nebeneinander, während ein ungeheurer Streichriemen noch an der Wand hin und her baumelte. Als Bailey diese sachgemäßen Zurüstungen erblickte, strich er sich über das Kinn. Es schien ihm ein großer Gedanke gekommen zu sein. »Poll«, sagte er, »ich bin nicht so glatt ums Kinn rum, als ich gern wäre. Da ich grad hier bin, könnten S' mich eigentlich rasieren.«

Der Barbier machte große Augen, aber Mr. Bailey entledigte sich ohne weitere Umstände seiner Krawatte und setzte sich mit aller nur erdenklichen Würde und Zuversicht auf den Rasierstuhl. Sein Benehmen ließ keinen Widerspruch zu. Der Augenschein und das Zeugnis des Tastsinnes versagten, aber obgleich Mr. Baileys Kinn so glatt war wie ein frisch gelegtes Ei oder ein Edamerkäse, so würde Poll Sweedlepipe doch nicht gewagt haben, sogar vor Gericht in Abrede zu ziehen, daß Mr. Bailey einen Bart habe wie ein polnischer Rabbiner.

»Aber gefälligst nicht gegen den Strich, Poll«, ermahnte Mr. Bailey und legte sein Gesicht in würdevolle Falten. »Das bissel Backenbart können S' auch wegputzen, ich leg keinen großen Wert drauf.«

Der demütige kleine Haarkünstler starrte ihn an, blieb, Pinsel und Seifenbecken in der Hand, vor ihm stehen und rührte und rührte den Schaum um, in komischer Ungewißheit, als habe ihn ein satanisches Blendwerk behext. Endlich machte er mit dem Seifenpinsel einen Strich auf Mr. Baileys Wange, dann hielt er wieder inne, als ob die Fata Morgana des Bartes von seiner Berührung plötzlich wieder in nichts zerronnen sei. Da er jedoch von Mr. Bailey eine milde Ermutigung in Form eines beschwörenden: »Na, also was is denn?« zu hören bekam, seifte er endlich tüchtig darauf los. Selbstgefällig lächelte Mr. Bailey durch den Schaum.

»Nur nöt zu wild, Poll! Und über die Pickel müssen S' auf die Zehen weggehen.«

Poll Sweedlepipe nickte und schabte den Schaum mit auserlesener Sorgfalt wieder weg. Nach jedem Seifenklecks, der auf einer Serviette auf seiner linken Schulter deponiert wurde, schielte Mr. Bailey mit Späherblick, und wirklich schien er mit mikroskopisch vergrößerndem Auge darin einige Härchen zu entdecken; denn er murmelte mehr als einmal: »Verflucht fuchsig, Poll.«

Als die Operation glücklich vorüber war, trat Poll Sweedlepipe zurück und starrte Bailey wieder an, während dieser sich das Gesicht mit dem Handtuch abwischte und schwor, »daß es nach einer durchwachten Nacht für einen Mann keine größere Erfrischung gäbe, als sich rasieren zu lassen.«

Er war eben im Begriff, sich vor dem Spiegel in Hemdsärmeln seine Krawatte wieder umzubinden, und Poll hatte bereits sein Rasiermesser abgewischt, um es für den nächsten Kunden bereitzuhalten, als Mrs. Gamp die Treppe herunterkam und in den Raseurladen guckte, um Poll einen nachbarlichen schönen guten Morgen zu wünschen. Mr. Bailey hatte Mitleid mit ihr, annehmend, sie habe eine zärtliche Neigung zu ihm gefaßt, die er natürlich nicht erwidern konnte, und beeilte sich daher, ihr durch ein gütiges Wort ihr Schicksal zu erleichtern.

»Hallo«, sagte er, »Sarah! I brauch ja net fragen, wie's Ihna die ganze Zeit über gangen is, denn i siech scho, Sie sin sakrisch aufm Damm. Ja ja, sie blüht und gedeiht, net wahr, Polly?«

»Da schau a mal aner die Keckheit von dem Buabn«, rief Mrs. Gamp, aber durchaus nicht mißvergnügt, »was dös für a klaner Spatz is. Net um fufzg Kronen möcht i die Mutter von ihm sein.«

Mr. Bailey erblickte darin ein zartes Zugeständnis ihrer Zuneigung und eine Andeutung, daß kein Geldgewinn sie für die Hoffnungslosigkeit ihrer Leidenschaft zu entschädigen vermöge. Er fühlte sich geschmeichelt; – eine – wenn auch unerwiderte – Zuneigung ist immer schmeichelhaft.

»O mein«, stöhnte Mrs. Gamp und ließ sich in den Rasierstuhl sinken, »der Patient im ›Ochsen‹, lieber Sweedlepipe, hat wirklich sein Bestes getan, mich aufzureiben. Von allen Quälgeistern in dem irdischen Jammertal kriegt der den ersten Preis.«

Es lag in der Taktik Mrs. Gamps und ihrer Kolleginnen, dergleichen von allen ihren Kunden zu behaupten, erstens einmal, weil es dazu diente, die Konkurrenz abzuschrecken, und zweitens, weil es bewies, daß die Krankenwärterinnen darauf angewiesen sind, sich gut verköstigen zu lassen.

»Und a Konstitution muß mer haben«, jammerte Mrs. Gamp, »wie a Ziegelstein, wenn mer's aushalten soll. Die Harris hat erst neulich zu mir gsagt: ›Sarah Gamp‹, hat s' gsagt, ›wie is dös nur möglich?‹ Liebe Harris, hab i gsagt, mir verlassen uns halt net auf uns selbst, sondern auf die, was die Höchern sin. Un dös is jetzt unser religiöses G'fühl, und mir findn a jeds mal, daß mir net auf Sand baut ham. – ›Sarah‹, hat die Harris drauf gsagt, ›ja, ja, das ganze Lebn is a Heimsuchung und gleicherweis auch das End von alle Ding.‹«

Der Friseur murmelte leise etwas vor sich hin, was soviel bedeuten sollte, daß die Bemerkung der Mrs. Harris, wenn auch nicht ganz so verständlich, wie sich von einer derartigen Autorität erwarten lasse, so doch ihrem Kopf und ihrem Herzen gleiche Ehre mache.

»Und wie S' mich jetzt da sehn«, fuhr Mrs. Gamp fort, »so geh i jetzt zwanzg Meilen weit, so auf mir nix dir nix aufs ung'wisse naus, wie nur je eine a Reis gmacht hat. ›Sie mit Ihrem guten Herzen‹, hat noch die Harris zu mir gsagt, ›Sie wern natürli gehen, was? Sarah?‹ – Gott im Himmel, warum soll i denn net gehn, liebe Harris, hab i gsagt. Die Gill hat ihrer sechs Stück ghabt, und jedsmal hat s' den richtigen Zeitpunkt abpaßt. Is des jetzt wahrscheinli – i frag Ihna als a Mutter –, daß s' jetzt beim siebenten anfangt, schlampen zu werden? Mehr als einmal hab i ihm sagn hörn – hab i gsagt zu der Harris –, i mein nämlich ihren Gatten, mehr als einmal hab i ihm sagen hören, er will zwei Kronen wetten gegen an alten Kalender, daß er den Zeitpunkt bis auf den Tag und die Stund genau angeben kann. Is 's da jetzt wahrscheinlich, liebe Harris, hab i gsagt, daß es grad dös ane Mal zu früh kommt? ›Na, dös is net anz'nehmen‹, hat s' gsagt ›aber‹, hat s' gsagt und die Tränen san ihr in die Augn g'stiegen, ›Sie wissen viel besser als i – bei Ihnerer Erfahrung, wie wenig nötig is, uns ausm Gleis und aus dem Lauf der Natur zu bringen. A Hanswurst‹, hat s' gsagt, ›a Schornsteinfeger, a großer Hund oder a B'soffener kommt zum Beispiel auf amal um die Ecken, und aus is. G'schehn is!‹ Und dös is wahr, Polly«, bekräftigte Mrs. Gamp, »da nutzt ka Leugnen net, und wenn mer a ganze Schachtel Weißzeug auch für die ganze Woch hält, so nehm i's doch mit aner g'wissen Besorgnis mit, dös kann i Ihna versichern.«

»Weil Sie halt so eifrig in Ihrem Beruf sind«, sagte Poll, »Sie placken sich wirklich viel zu sehr ab.«

»Ja, jetzt dös is wahr«, rief Mrs. Gamp, erhob die Hände und schlug die Augen gen Himmel auf, »da sagn S' jetzt die Wahrheit – und wann S' es noch nie in Ihrem Lebn gsagt hätten. I fühl immer die Leiden von andre Leut mehr als meine eignen, wenn's mir a kaner net glaubt. Die Familien, wo i scho ghabt hab, müßten a ganze Woch brauchen, wenn ma alles dös wüßt – und ehren tät, wem Ehre gebührt, um am St.-Pauls-Brunnen getauft zu werden.«

»Wohin wird Ihr Patient aus dem ›Ochsen‹ gehen?« fragte Mr. Sweedlepipe.

»Nach Har'forshire, wo er her is. Aber er mag hingehen, wohin er mag«, bemerkte Mrs. Gamp, »der kommt nimmer zu Kräften.«

»Steht es so schlimm?« fragte der Barbier neugierig. »Wirklich?«

Mrs. Gamp schüttelte geheimnisvoll den Kopf und warf die Lippen auf. »Wissen S', es gibt a geistigs und a körperliche Fieber«, erklärte sie. »Da kann eins Brausepulver nehmen, bis 's in d' Luft geht, aber helfen tut dös nix mehr.«

»Oh!« rief der Barbier, riß die Augen auf und nahm eine Art Rabenphysiognomie an. »Lieber Himmel!«

»Ja, ja! So leicht kann mer sich machen wie a Luftballon«, beteuerte Mrs. Gamp, »aber, wenn's oam net mehr recht im Kopf is und mer im Schlaf von gewisse Sachn spricht, so wird's net mehr so leicht wieder besser.«

»Wovon spricht er denn?« fragte Poll und biß mit großem Interesse an seinen Nägeln. »Von Geistern?«

Mrs. Gamp, die sich durch des Raseurs anspornende Neugierde bereits weiter hatte verlocken lassen, als sie eigentlich anfangs wollte, schnüffelte bedeutsam und meinte, das gehöre nicht hierher.

»I fahr heunt nachmittag mit meim Patienten aufs Land«, fuhr sie fort, »zwoa oder drei Tag bleib i bei eam, bis er a Wärterin vom Land kriegt – hol der Teufel die Landwärterinnen; jede Gans versteht mehr vom G'schäft als wie a solchene –, und nacher komm i wieder. So, dös san jetzt meine Sorgen, Mr. Sweedlepipe. Aber i hoff, es wird alles recht und gut wern, solang i weg bin, und ang'nommen, wie die Harris sagt, die Gill trifft's zur rechten Stund, so is mir jeder Tag oder jede Minutn in der Nacht ganz wurscht.«

Während aller dieser Bemerkungen, die Mrs. Gamp ausschließlich an den Barbier richtete, hatte Mr. Bailey seine Krawatte umgebunden, seinen Rock angezogen und schnitt nunmehr jetzt seinem Spiegelbild Fratzen. Da ihn Mrs. Gamp jetzt anredete, wandte er sich um und mischte sich in die Unterhaltung.

»Sie sin wohl net wieder in der innern Stadt gewesen«, fragte Mrs. Gamp, »seit mir uns zuletzt bei Mr. Chuzzlewit troffen habn?«

»O ja, Sarah, i bin erst heut nacht dort gewesen.«

»Heut nacht?« rief der Barbier.

»Jawohl, Poll. Sie könnten eigentlich grad so gut ›heut früh‹ sagen. Er hat nämlich bei uns dünürt.«

»Wen meint denn der Spatz mit seinem ›bei uns‹?« fragte Mrs. Gamp höchst ungeduldig.

»Mich und meinen Herrn, Sarah. Er hat in unserm Haus dünürt und war sehr lustig, Sarah – und zwar so, daß i ihn heut morgen in an Fiaker hab nach Haus bringen müssen.«

Mr. Bailey war eben im Begriff, noch mehr auszuplaudern, da erinnerte er sich plötzlich, wie leicht sein Herr Kunde von derartigen Indiskretionen erhalten könne und wie streng ihm Mr. Crimple eingeschärft, unter keinen Umständen über häusliche Angelegenheiten zu sprechen. Er hielt daher mit einem Ruck inne und fügte bloß hinzu: »Sie war noch auf und hat auf ihn gewartet.«

»Wenn mer die Sach bei Licht betracht'«, entgegnete Mrs. Gamp mit Schärfe, »so hätt s' scho was G'scheiters tun können. Sin die beiden freundlich mitanander g'west?«

»O ja«, antwortete Bailey, »so ziemlich.«

»Dös freut mi«, knurrte Mrs. Gamp mit einem zweiten bedeutsamen Schnüffeln.

»Sie sind noch nicht so lang miteinander verheiratet«, erklärte Poll, sich die Hände reibend, »um nicht noch eine Weile gut miteinander auszukommen.«

»Na ja«, brummte Mrs. Gamp mit einem dritten bedeutungsvollen Signal.

»Besonders«, fuhr der Barbier fort, »wenn der Herr einen so guten Charakter hat, wie Sie sagen.«

»I sag wie's is, Mr. Sweedlepipe«, fiel Mrs. Gamp rasch ein. »Gott behüt, daß 's anders wär, aber wissen können mir net, was in andere Leute ihnere Herzen vorgeht, und wenn wir Menschen Glasscheiben davor hätten, so müßt – dös kann i Ihna versichern – so manches von uns die Fensterladen vorlegen.«

»Aber Sie wollen damit doch nicht sagen – –?« begann Poll Sweedlepipe.

»Na, na«, erwiderte Mrs. Gamp schroff, »i sag gar nix. So was dürfen S' net von mir glaubn. Nöt amal am Scheiterhaufen möcht i so was tun. Alls, was i sag, is«, fügte die gute Frau hinzu, stand auf und warf sich ihren Schal um, »daß mer im ›Ochsen‹ auf mi wart und daß die Minuten lange Haxen ham.«

Bei seiner angeborenen Neugierde trug natürlich der kleine Barbier heftiges Verlangen, Mrs. Gamps Patienten zu sehen. Er machte daher Mr. Bailey den Vorschlag, die Dame mit ihm nach dem »Ochsen« zu begleiten, um die Abfahrt der Kutsche mit anzusehen. Der junge Herr war sofort einverstanden, und so gingen sie alle drei zusammen fort.

Als sie bei dem Gasthause angekommen waren, ließ Mrs. Gamp, die in vollem Reisestaat war – nämlich in ihrem letzten Traueranzug –, ihre Freunde im Hofe stehen und verfügte sich hinauf in das Krankenzimmer, wo ihre Kollegin, Mrs. Prig, den Patienten soeben ankleidete.

Der Kranke sah so abgezehrt aus, daß man seine Knochen klappern zu hören glaubte, wenn er sich bewegte. Seine Wangen waren tief eingefallen und seine Augen unnatürlich groß. Er lag im Armstuhl mehr wie ein Toter als wie ein Lebendiger und rollte seine tiefliegenden Augen, als Mrs. Gamp erschien, so qualvoll und schmerzlich nach der Türe, als sei selbst diese Anstrengung zu schwer für seine schwachen Kräfte.

»Na, und wie geht's uns heut?« fragte Mrs. Gamp. »Wir sehn ja famos aus!«

»Da sehn mir famoser aus als mir sin«, entgegnete Mrs. Prig in etwas gereiztem Tone. »I glaub, mir sin mit dem linken Fuß ausm Bett aufg'standen. Nix is uns recht. I hab mei Lebtag noch kan solchen Kranken g'segn. Wär's nach eahm gangn, so hätt er sich net amal waschen lassen.«

»Sie hat mir Seife in den Mund geschmiert«, klagte der unglückliche Patient mit schwacher Stimme.

»Warum habn S' 's Maul net zug'halten?« schimpfte Mrs. Prig. »Für a halbe Krone im Tag soll mer leicht a no Obacht geben, was? Wann S' g'streichelt sein wolln wie a seidns Tuch, so müssen S' dafür zahlen.«

»O Gott, o Gott, o Gott«, stöhnte der Patient.

»Da hast du's«, keifte Mrs. Prig. »So führt er sich auf, Sarah, seit i eahm ausm Bett außerzarrt hab. Ob dös a Mensch glauben soll?!«

»Anstatt dankbar zu sein«, stimmte Mrs. Gamp ein, »für alle unsre kleinen Mühen und Freundlichkeiten! Schämen S' Ihna!«

Sodann faßte Mrs. Prig den Patienten beim Kinn und begann seinen unglücklichen Kopf mit einer Haarbürste zu raspeln.

»I glaub, dös paßt Ihna a net, was?« fragte sie und pausierte, um ihn anzublicken.

Es war allerdings leicht möglich, daß die Sache dem Kranken nicht behagte, denn die Bürste war von der härtesten Art, die die moderne Kunst nur erzeugen kann, und seine Haut war schon ganz rot vom Reiben. Mrs. Prig, erfreut über die Richtigkeit ihrer Vermutung, sagte nur triumphierend, »sie kenne sich aus beim Wurstkessel«.

Als dem Patienten das Haar hübsch in die Augen heruntergekämmt war, banden ihm Mrs. Prig und Mrs. Gamp das Halstuch um und paßten ihm den Hemdkragen so geschickt an, daß ihm die gestärkten Enden beinahe die Augen ausstachen. Dann kamen Rock und Weste an die Reihe, deren Knöpfe regelmäßig in die falschen Knopflöcher gedrückt wurden; die Stiefel wurden gleichfalls verkehrt angezogen, kurz, der ganze Mann glich schließlich einer Vogelscheuche.

»Ich glaube nicht, daß es so recht ist«, stöhnte er verzweifelt, »mir ist, als stäke ich in den Kleidern eines andern. Alles hängt auf die eine Seite über, und Ihr habt mir das linke Hosenbein kürzer gemacht als das andere. Und da hab ich gar eine Flasche in der Tasche. Warum soll ich denn auf einer Flasche sitzen?«

»Da hol doch scho der Henker den Menschen!« rief Mrs. Gamp und zog ihm die Flasche aus dem Rock. »Ob er net mei Nachtflaschn da drin stecken hat! I hab sein Rock als Vorratsschrank benutzt, wie er hinter der Tür g'hängt hat. Wie aufn Tod hab i's vergessen. Betsey, Sie werden a paar Zwiefeln, a Bröckerl Tee und Zucker in seiner andern Taschen finden, wann S' so gut sein wolln, meine Liebe, und neingreifen.«

Betsey Prig zog die genannten Gegenstände und noch andere Kramladenartikel aus der Tasche, und Mrs. Gamp schob sie in ihre eigene, die eine Art Nankinkorb darstellte. Dann wurden Erfrischungen in Gestalt von Koteletts und Doppelale für die Damen und ein Teller schwache Bouillon für den Patienten hereingebracht, und kaum waren alle drei mit ihrem Mahle zu Ende, als John Westlock auf der Bildfläche erschien.

»Bereits auf und angezogen?!« rief er und nahm neben dem Kranken Platz. »Das ist wacker! Nun, wie fühlen Sie sich?«

»Viel besser, aber nur noch sehr schwach.«

»Kein Wunder! Es hat sie auch ordentlich gepackt gehabt. Aber die Landluft und die Ortsveränderung werden einen neuen Menschen aus Ihnen machen«, sagte John. »Aber Mrs. Gamp«, setzte er lachend hinzu und suchte freundlich den Anzug des Kranken zu ordnen. »Sie haben kuriose Begriffe, wie ein Gentleman gekleidet geht.«

»Mr. Lewsome ist nicht so leicht in seine Kleider zu bringen«, entschuldigte sich Mrs. Gamp würdevoll, »dös können i und die Prig im Notfall vor dem Bürgermeister und dem ganzen Rat bezeugen.«

John stand ganz dicht vor dem Patienten und war eben im Begriff, ihn von der Qual der erwähnten Hemdkragenspitzen zu befreien, als dieser flüsternd sagte:

»Mr. Westlock, ich möchte nicht, daß man meine Worte hier hört, aber ich hätte Ihnen etwas höchst Seltsames mitzuteilen; etwas, das während dieser langen Krankheit mir schwer auf dem Herzen gelegen hat.«

Rasch wie immer, drehte sich John sogleich um und wollte den Weibern befehlen, das Zimmer zu verlassen, aber der Kranke hielt ihn am Ärmel zurück.

»Nicht jetzt! Ich habe nicht die Kraft dazu und auch nicht den Mut. Darf ich's Ihnen sagen, wenn ich wieder dazu imstande bin? Darf ich's niederschreiben, wenn ich wieder soweit kräftig bin?«

»Ob Sie dürfen, Lewsome!?« rief John. »Ja, was soll denn das heißen?«

»Fragen Sie mich jetzt nicht weiter. Es ist unnatürlich und schrecklich; es ist fürchterlich, daran zu denken, und furchtbar, es zu sagen, furchtbar, es zu wissen – furchtbar, dabei mitgeholfen zu haben. Lassen Sie mich Ihnen die Hand küssen für all das Gute, das Sie mir erwiesen haben. Seien Sie noch gütiger und fragen Sie mich jetzt nicht weiter.«

Anfangs starrte John den Kranken in großer Verwunderung an, dann jedoch dachte er daran, wie erschöpft der Mann sein müsse und daß sein Gehirn erst unlängst in Fieberflammen gestanden habe und daß er vielleicht an einem eingebildeten Schrecken oder einer verzweiflungserfüllten Phantasie leiden könne. Um sich näher über diesen Punkt zu unterrichten, nahm er Mrs. Gamp beiseite, während Betsey Prig den Patienten mit Mänteln und Schals einmummte, und fragte sie, ob Mr. Lewsome auch ganz bei Besinnung sei.

»Gott bewahr«, rief Mrs. Gamp, »er haßt seine Wärterinnen bis auf die jetzige Stund. So sin s' immer. Dös is a sichers Zeichen. Hätten S' nur g'hört, wie er mich und die Prig ausgescholten hat vor aner halben Stund noch! Sie möchten's gar net glaubn, daß mir net scho längst im Grab liegen!«

Diese Worte bestätigten beinahe Johns Argwohn. Er nahm daher Lewsomes Ausspruch nicht weiter ernst, setzte sein gewohntes fröhliches Gesicht auf und führte mit Mrs. Gamps und Betsey Prigs Hilfe den Kranken die Treppe hinunter zum Wagen, der schon zur Abfahrt bereitstand.

Mr. Sweedlepipe lehnte an der Tür, die Arme verschränkt und die Augen weit aufgerissen, und sah mit ungeheurer Neugierde zu, wie der Kranke langsam in die Kutsche gehoben wurde. Die abgezehrten knochigen Hände und das hagere Gesicht machten auf ihn einen tiefen Eindruck, und flüsternd sagte er zu Mr. Bailey, er hätte den Anblick nicht für eine Guinee versäumen mögen. Mr. Bailey dachte anders und bemerkte, für fünf Schillinge wäre er mit Vergnügen weggeblieben.

Es war eine mühselige und schwierige Sache, Mrs. Gamps Gepäck zu ihrer Zufriedenheit im Wagen zu verstauen, denn jedes Stück mußte in eine besondere Abteilung des Kutschkastens kommen, damit nichts verwechselt werde, bei sonstiger Klage auf Schadenersatz gegen die Eigentümer des Fuhrwerks. Der Regenschirm mit dem kreisförmigen Flickstück war besonders schwer unterzubringen und streckte mehrmals zum Schrecken der übrigen Passagiere seine zerbeulte Metallspitze aus den ungehörigsten Spalten und Löchern hervor. In ihrer Angst, einen sichern Hafen für dieses unentbehrliche Möbelstück zu finden, hatte ihn Mrs. Gamp im Laufe von fünf Minuten so oft anders gelegt, daß man schließlich meinte, es mit mindestens fünfzig Stück zu tun zu haben. Endlich war er spurlos verschwunden, und nun folgte Mrs. Gamp fünf Minuten lang dem Kutscher auf Schritt und Tritt, sich hoch und teuer in fürchterlichen Schwüren ergehend, daß man ihr den Schaden ersetzen müsse, und wenn sie die Klage bis vor das Unterhaus bringen sollte. Endlich waren ihr Bündel, ihr Korb, ihre Überschuhe und alles andere glücklich verstaut. Freundlich nahm sie von Poll und Mr. Bailey Abschied, machte einen Knicks vor John Westlock und trennte sich von Mrs. Betsey Prig wie von einer teuern Schwester.

»I wünsch Ihna a Masse Krankheiten, liebe Freundin«, bemerkte sie, »und gute Plätz. Hoffentlich wird's nimmer lang dauern, bis mir wieder amal gemeinschaftlich mitanander arbeiten, Betsey, und wann mir Glück ham, treffen mir uns in aner großen Familie, wo alls wia am Schnürl hergeht und a geschäftsmäßigs Aussehen hat.«

»I mach mir net viel draus, ob's scho bald is oder ob's noch a paar Wochen dauert«, sagte Mrs. Prig.

Mit einer ähnlich geistvollen Erwiderung näherte sich Mrs. Gamp sodann der Kutsche, stieß aber dabei mit einer Dame und einem Herrn zusammen, die gerade über den Fußsteig gingen.

»Achtung da! Vorgesehen!« rief der Gentleman. »Heda! Sie da! Aber herrje, das ist ja die Mrs. Gamp!«

»Jessas, der Herr Mould!« rief die Wärterin. »Und die Mrs. Mould! Na, wer hätt jetzt dös denkt, daß mir hier z'sammtreffen!«

»Sie wollen die Stadt verlassen, Mrs. Gamp?« rief Mr. Mould. »Das ist ja etwas höchst Ungewöhnliches!«

»Freilich is was Ungewöhnliches«, versetzte Mrs. Gamp, »aber nur auf ein paar Tag. Der Herr da«, flüsterte sie, »von dem i neulich gesprochen hab.«

»Wie? Der im Wagen?« fragte Mr. Mould. »Derselbe, den Sie uns zu rekommandieren gedachten? Sehr sonderbar! Meine Liebe, das wird dich interessieren. Der Gentleman, von dem Mrs. Gamp sagte, er werde uns wahrscheinlich einen zusagenden Bescheid geben, befindet sich hier im Wagen, meine Liebe.«

Mrs. Mould interessierte sich sehr dafür.

»Komm hierher, mein Schatz, da kannst du auf die Türschwelle treten und ihn ansehen. Dort, das ist er! Wo ist mein Augenglas? Ja, ja, ganz recht, das ist er. Siehst du ihn, meine Liebe?«

»Sehr gut!« entgegnete Mrs. Mould.

»Meiner Seel, das ist ein höchst auffallender Umstand«, wiederholte Mould höchlichst entzückt. »Das ist etwas, meine Liebe, das ich um keinen Preis hätte versäumen mögen. Interessant! Es kommt mir fast vor wie ein kleines Schauspiel. Ja, da sitzt er; – wahrhaftig! Er sieht sehr elend aus, liebe Frau – meinst du nicht?«

Mrs. Mould war ganz dieser Ansicht.

»Vielleicht kommt es doch noch zu einem Geschäft«, sagte Mould, »wer weiß! Ich glaube wahrhaftig, ich sollte ihm irgendeine kleine Aufmerksamkeit erweisen. Er kommt mir gar nicht wie ein Fremder vor. Ich möchte fast den Hut vor ihm lüften, meine Liebe!«

»Er sieht soeben zu uns herüber«, berichtete Mrs. Mould.

»Dann will ich's riskieren«, rief Mould. »Wie steht das werte Befinden, mein Herr? Guten Tag, mein Herr! – Aha, er verbeugt sich – sehr feiner Herr das – Mrs. Gamp hat die Geschäftskarte in ihrer Tasche – wirklich sehr seltsames Zusammentreffen, meine Liebe – wirklich sehr angenehm. Ich bin nicht abergläubisch, aber es hat wahrhaftig den Anschein, als ob wir bestimmt seien, ihm die gewissen kleinen melancholischen Dienste zu erweisen, die zu unserm Geschäftszweige gehören. Ich sehe nicht ein, was dich übrigens hindern könnte, ihm eine Kußhand zuzuwerfen, meine Liebste!«

Mrs. Mould tat es.

»Ha, ha«, rief Mould, »er hat sich sichtlich darüber gefreut. Der arme Bursche, ich freue mich wirklich, daß du's getan hast. – Adieu, adieu, Mrs. Gamp«, rief er der Wärterin, mit der Hand winkend, zu. »Da fährt er!«

Und so war es. Die Kutsche rollte bei diesen Worten davon. Mr. und Mrs. Mould nahmen in rosigster Laune ihren Weg wieder auf. Mr. Bailey zerrte an Poll Sweedlepipes Ärmel, allein es dauerte eine geraume Weile, ehe er seinen Freund vom Fleck zu bringen vermochte, solchen Eindruck hatte Mrs. Prigs auf den Barbier gemacht. Ihren Backenbart anstaunend, erklärte er sie für ein außerordentlich reizvolles Weib.

Als das bißchen Lärm vorüber war, das sich um den Wagen gesammelt hatte, sah man Nadgett mit gespannter Miene in der dunkelsten Ecke des Kaffeezimmers des »Ochsen« sitzen; wahrscheinlich hatte sich sein Freund, der bekanntlich niemals kam, schon wieder verspätet.

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