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Martin Chuzzlewit

Charles Dickens: Martin Chuzzlewit - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMartin Chuzzlewit
publisherWeltbild GmbH
year2004
isbn393349788X
translatorGustav Meyrink
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060629
corrected20110726
projectid43f7a6ff
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2.Kapitel

Worin dem Leser gewisse Personen vorgeführt werden, mit denen er, wenn er will, genauer bekannt werden kann

Es war schon recht spät im Herbst, als die sinkende Sonne, sich durch den Nebel kämpfend, der sie den ganzen Tag über verschleierte, ihre hellen Strahlen auf das kleine, nur eine schwache Tagreise von der schönen, alten Stadt Salisbury entlegene Dorf Wiltshire herniedersandte.

Wie eine plötzlich aufblitzende Erinnerung die Seele eines Greises erhellt, goß sie ihre Herrlichkeit über die Landschaft, so daß entschwundene Jugend und Frische wieder neu aufzuleben schienen. Das feuchte Gras funkelte im Licht, die spärlichen grünen Flecken in den Hecken – wo noch ein paar belaubte Zweige ritterlich standhielten und bis auf den letzten Augenblick den schneidenden Winden und Frühreifen Widerstand leisteten – faßten sich ein Herz und wurden wieder lebensvoll und frisch; der Strom, der den ganzen Tag über trüb und verdrießlich dahingeflossen, zeigte ein heiteres Lächeln; die Vögel auf den nackten Zweigen begannen zu zwitschern, als glaubten sie voller Hoffnung, der Winter sei vorüber und der Frühling wieder im Anzuge. Der Wetterhahn auf dem spitzen Turmdach der alten Kirche glitzerte von seinem hohen Posten fröhlich herab, und die efeubeschatteten Fenster warfen einen solchen Lichterglanz auf den glühenden Himmel zurück, daß es schien, als seien in dem ehrwürdigen Gebäude zwanzig Sommer mit all ihrer Glut und Wärme aufgespeichert.

Selbst jene Merkmale der Jahreszeit, die so bedeutungsvoll vom kommenden Winter flüstern, zierten die Landschaft und hatten für den Augenblick nicht den Anflug von Traurigkeit wie sonst. Das gefallene Laub strömte einen lieblichen Duft aus und dämpfte die rauhen Töne ferner Pferdehufe und Räder. Da und dort streute der Bauer die Saat oder zog geräuschlos mit dem Pflug anmutige Streifen durch die weiche braune Erde. An den reglosen Zweigen der Sträucher hingen Herbstbeeren wie Korallenschnüre in den Fabelgärten, wo die Früchte Juwelen sind. Bäume standen, ihres Schmuckes beraubt, inmitten eines Häufleins gelber Blätter und sahen ihrem eigenen langsamen Verfalle traurig zu. Andere trugen zwar noch ihr Laub, aber es war dürr und runzelig, wie verbrannt, und hie und da lagen um die Stämme in roten Hügeln die Äpfel aufgehäuft, die sie dieses Jahr getragen. Nur die tapfern Immergrüns blickten ernst und düster drein, als seien sie von der Natur berufen, die Lehre zu verkündigen, daß es nicht immer die gefühlvollsten und frohherzigsten ihrer Lieblinge sind, denen sie die längste Lebensfrist gewährt. Quer durch ihre dunkeln Zweige hindurch brachen die Sonnenstrahlen Bahnen von tieferem Gold, und das rote Licht, das sich um ihre schwärzlichen Äste legte, diente ihnen als Folie, um den Glanz und die Pracht des sterbenden Tages noch zu erhöhen.

Ein Augenblick, und die Herrlichkeit war versunken. Die Sonne stieg hinab hinter die langen, dunkeln Berg- und Wolkenreihen, die im Westen eine luftige Stadt bildeten, Mauer auf Mauer und Zinnen auf Zinnen getürmt. Verschwunden war das Licht, das blinkende Turmdach wurde kalt und dunkel, der Strom vergaß sein Lächeln, die Vögel verstummten, und allüberall lagerte sich der Trübsinn des Winters. Da erhob sich ein Abendwind, und die Zweige krachten und raschelten zu seiner stöhnenden Musik, als führten Totengerippe einen Tanz auf. Die welken Blätter fuhren auf – aus ihrer Ruhe gestört –, wie um Schutz zu suchen vor seinem kalten Hauch; der Landmann spannte die Pferde aus und führte sie, das Haupt gesenkt, mit eiligem Schritt nach Hause. Aus den Fenstern der Hütten begannen die Lichter zu schimmern und in die dunkel werdenden Felder hinauszublinken.

Jetzt erwachte die Dorfschmiede zu ihrer ganzen glanzvollen Macht. Die eifrigen Blasbälge brausten ihr »Ha ha« dem hellen Feuer zu, das sausend Antwort gab und zu dem fröhlichen Klingen des Hammers vergnügt leuchtende Funken tanzen ließ. Das rote Eisen wetteiferte mit diesem Sprühen und warf freigebig glühende Edelsteine umher. Der starke Schmied und seine Gesellen führten so mächtige Schläge, daß selbst die melancholische Nacht froh wurde und Glut ihr dunkles Antlitz übergoß, wie sie durch Türen und Fenster herein neugierig einem Dutzend müßiger Zuschauer über die Schulter spähte. Wie gebannt standen die Gaffer da, warfen nur hin und wieder einen Blick in die Finsternis hinter sich, pflanzten ihre Ellenbogen noch träger und bequemer auf das Sims und lehnten sich noch ein wenig weiter hinein in die Schmiede – augenscheinlich ebenso wenig geneigt, sich zu entfernen, als hätten sie, wie Heimchen, ausdrücklich den Beruf, sich um die prasselnde Feuerstätte zu scharen.

Hui, wie der zornige Wind, erst seufzend, dann heulend, um die lustige Schmiede brauste, das Pförtchen auf und zu schlug und im Schornstein toste, als wolle er den braven Blasebalg verhöhnen, daß er so gehorsam arbeite. Ein ohnmächtiger Prahlhans war er trotz all seines Lärmens! Wenn er überhaupt einen Einfluß auf seinen rauhen Kameraden übte, so war es höchstens der, daß dieser sein fröhliches Lied noch lauter sang und das Feuer noch heller brennen und die Funken noch lustiger tanzen machte. Endlich sprühte es so toll ringsum, daß es dem sauertöpfischen Wind zu arg wurde und er mit einem Geheul entwich und dabei dem alten Schild vor dem Wirtshause einen Tritt gab, daß der blaue Drache sich noch höher als vorher aufrichtete und später – vor Weihnachten – ganz aus seinem morschen Rahmen herausfiel.

Für einen respektabeln Wind war es recht kleinlich, seinen Grimm an so armen Dingern wie den gefallenen Herbstblättern auszulassen. Kaum hatte er nämlich sein Mütchen an dem armen Drachen gekühlt, da stieß er auf einen großen Haufen Blätter und wirbelte sie so durcheinander, daß sie wild hierhin und dorthin flogen, sich überstürzten, auf ihren dünnen Kanten einherrollten, wahnsinnige Luftfahrten machten und im Übermaße ihrer Verzweiflung die außerordentlichsten Possen trieben. Und noch nicht zufrieden damit, sie umherzujagen, sonderte er eine kleine Partie ab, hetzte sie nach der Sägegrube eines Wagners und unter die Planken und das Werkholz im Hofe, spürte ihnen unter dem Sägemehl, das er in die Luft streute, wieder nach; und wenn er sie erwischte – o je, wie er ihnen da auf den Fersen folgte.

Es war eine schwindelnde Jagd, sie gerieten an unbesuchte Orte, wo kein Ausgang war und ihr Verfolger sie nach Belieben umherwirbeln konnte; sie krochen unter die Dachrinnen der Häuser und klammerten sich wie Fledermäuse dicht an die Seiten der Heuschober an; sie flogen zu offenen Stubenfenstern hinein und kauerten sich ins Gehege – kurz, allenthalben suchten sie Schutz. Das Possierlichste, was sie jedoch ausführten, war, daß sie sich das plötzliche Aufgehen von Mr. Pecksniffs Haustüre zunutze machten und wild in den Flur hineinstürmten. Der Wind kam gleich hinter ihnen drein, und da er die Hintertüre offen fand, blies er augenblicklich die Kerze, die Miss Pecksniff in der Hand hielt, aus und schlug die Haustüre mit solcher Gewalt Mr. Pecksniff an die Brust, daß dieser im Nu an der untersten Treppe auf dem Rücken lag. Dann solcher kleinlichen Heldentaten müde, eilte er lärmend von hinnen und fuhr über Moor und Wiesen, Tal und Hügel, bis er auf die See hinausgeriet, wo er mit andern zu gleichen Possen aufgelegten Freunden zusammentraf und eine lustige Nacht durchmachte.

Inzwischen lag Mr. Pecksniff, der von einer scharfen Treppenkante jene Art von Kopfstück erhalten hatte, die im Schädelinnern den bekannten Lichtertanz zu erzeugen pflegt, mit friedlichem Starrblick auf der Schwelle und sah seine Haustüre an. Es schien, als gebe ihm dieser Anblick mehr zu denken als die gewöhnlichen Haustüren, denn er blieb eine unsinnig lange Zeit liegen, ohne sich zu vergewissern, ob er Schaden genommen oder nicht. Ja, er gab nicht einmal eine Antwort, als Miss Pecksniff mit so schriller Stimme, daß sie ganz gut einer erzürnten jugendlichen Windsbraut hätte angehören können, durch das Schlüsselloch ein »Wer ist da!« rief. Und als die junge Dame die Türe abermals öffnete, die Kerze mit der Hand beschattend hinausschaute und herausfordernd nach jeder Richtung blickte, nur nicht dorthin, wo er lag, gab er weder einen Laut von sich, noch deutete er im geringsten den Wunsch an, aufgehoben zu werden.

»Oh, ich habe dich ganz gut gesehen«, rief Miss Pecksniff dem vermeintlichen Schelm nach, der, wie sie glaubte, geklopft und dann Reißaus genommen hatte. »Aber wir werden dich schon kriegen, Bürschchen!«

Mr. Pecksniff sagte noch immer nichts, vielleicht weil er sein Teil schon »gekriegt« hatte.

»Du bist jetzt um die Ecke, ich weiß schon!« rief Miss Pecksniff zwar aufs Geratewohl, aber es lag doch etwas Wahres darin, denn von Mr. Pecksniff, der eben im Begriffe stand, dem erwähnten Lichtertanz ein Ende zu machen und die Anzahl der Messingknäufe an seiner Haustüre von vier- oder fünfhundert, wie es ihm zuvor geschienen, auf etwa ein Dutzend zu reduzieren, ließ sich in gewissem Sinne wohl sagen, daß er »um die Ecke« wieder zu sich kam.

Nach einer lautgekreischten Drohung mit Gefängnis, Konstabler, Rad und Galgen war Miss Pecksniff gerade dabei, die Türe wieder zu schließen, als Mr. Pecksniff, der noch immer unten am Treppenabsatz lag, sich auf einem Ellenbogen aufrichtete und nieste.

»Himmel, welche Stimme!« rief Miss Pecksniff. »Mein Vater!«

Bei diesem Ausruf stürzte eine zweite Miss Pecksniff aus dem Wohnzimmer, und dann zerrten die beiden jungen Damen unter allerlei unzusammenhängenden Redensarten Mr. Pecksniff in eine sitzende Stellung.

»Papa!« riefen sie einstimmig. »Pa! So sprich doch, Pa! Mach kein so verstörtes Gesicht, liebster Pa!«

Da aber ein Gentleman in einem solchen Falle erfahrungsgemäß nicht Herr seines Mienenspiels zu sein pflegt, so fuhr Mr. Pecksniff fort, Mund und Augen sehr weit aufzusperren und seine Kinnlade nach Art eines Nußknackers sinken zu lassen. Da ihm außerdem der Hut herabgefallen, sein Gesicht bleich, sein Haar gesträubt und sein Rock sehr schmutzig war, so bot er einen derartig kläglichen Anblick, daß keine von den beiden Misses Pecksniff ein unwillkürliches Aufkreischen unterdrücken konnte.

»Macht weiter nichts«, sagte Mr. Pecksniff. »Ich fühle mich schon besser.«

»Er kommt wieder zu sich!« rief die jüngere Miss Pecksniff.

»Er spricht wieder!« stellte die Ältere fest.

Und mit diesen frohen Worten küßten sie Mr. Pecksniff auf beide Wangen und trugen ihn ins Zimmer. Sodann eilte die jüngere Miss Pecksniff wieder hinaus, um seinen Hut, ein Paket, seinen Schirm, seine Handschuhe und andere verstreute Kleinigkeiten aufzulesen, worauf sie die Haustüre schloß und sich mit ihrer Schwester anschickte, im Hinterzimmer Mr. Pecksniffs Wunden zu verbinden.

Diese waren nicht sehr bedenklicher Natur und beschränkten sich auf Hautschürfungen an denjenigen Teilen, die die ältere Miss Pecksniff an ihres Vaters Organismus »die Graupleten« nannte – nämlich an den Knien und Ellenbogen –, und außerdem auf das plötzliche Vorhandensein einer ganz neuen, dem Phrenologen unbekannten beulenartigen Erhöhung am Hinterkopf. Nachdem man diese Beschädigungen äußerlich mit Streifen von essiggetränktem Löschpapier und innerlich mit heißem Grog behandelt hatte, setzte sich die ältere Miss Pecksniff nieder, um den Tee zu bereiten, wozu bereits alles hergerichtet war, und die jüngere Miss Pecksniff holte inzwischen aus der Küche eine dampfende Schüssel mit Schinken und Eiern, setzte sie ihrem Vater vor und nahm dann auf einem Schemel zu seinen Füßen Platz, wodurch sie ihre Augen in gleiche Höhe mit dem Teebrett brachte.

Aus dieser kindlichen Stellung darf jedoch nicht geschlossen werden, daß sie so jung gewesen wäre, um der Kürze ihrer Beine wegen auf einem Schemel habe sitzen zu müssen. Sie wählte diesen Platz lediglich aus Einfalt und Unschuld und weil alles an ihr mädchenhaft, neckisch und wildfangartig war. Sie war das schelmischste und zugleich harmloseste junge Mädchen, das man sich nur denken konnte, die jüngere Miss Pecksniff, und darin lag ihr größter Reiz. Sie war zu naiv, zu unschuldig, zu kindisch-lebhaft, die jüngere Miss Pecksniff, als daß sie hätte einen Kamm tragen, ihr Haar frisieren oder in Zöpfe flechten mögen. Sie trug es kurz und natürlich gelockt. Ihre Gestalt war ziemlich üppig und eigentlich frauenhaft, aber trotzdem trug sie bisweilen ein Lätzchen. Und wie bezaubernd ihr das dann stand! Oh, die jüngere Miss Pecksniff war wirklich das »Zuckergoscherl«, wie sie von einem jungen Herrn in der lyrischen Ecke einer Provinzzeitung genannt wurde.

Mr. Pecksniff hingegen war der moralische Mann, – ein ernster Mann, ein Mann von nobler Denk- und Redeweise, der seine Tochter hatte Gratia taufen lassen. Gratia! Welch ein bezaubernder Name für ein Wesen von so reinem Herzen wie die jüngere Miss Pecksniff! Ihre Schwester hieß Charitas. Wie trefflich: Gratia und Charitas!

Charitas mit ihrem gebildeten und hellen Verstande und ihrem milden, seelenvollen Ernst verdiente so recht diesen Namen und bildete ein schönes Seitenstück zu ihrer Schwester! Welch liebliches Bild, wenn man sah, wie sie sich liebten, miteinander sympathisierten, sich gegenseitig als Stütze dienten, füreinander lebten und doch, gewissermaßen als Gegensatz, einander gelegentlich tadelten und sich Hindernisse in den Weg legten! Und die Krone in diesem ganzen entzückenden Register von Eigenschaften war, daß die beiden hübschen Wesen sich alles dessen so gar nicht bewußt waren! Sie hatten nicht die mindeste Ahnung davon, ebensowenig wie Mr. Pecksniff. Die Natur spielte sie gegeneinander aus: die beiden Misses Pecksniff hatten durchaus keine Hand dabei im Spiele.

Mr. Pecksniff, wie bereits erwähnt, war ein höchst moralischer Mann. Selbstverständlich! Vielleicht gab es überhaupt noch nie einen moralischern Mann als Mr. Pecksniff; namentlich aus seinen Gesprächen und Briefen ging das hervor. Einer seiner Bewunderer hatte einst von ihm gesagt, er trage einen wahren Fortunatussäckel von guten Grundsätzen in seinem Innern. In dieser Hinsicht war er fast wie das Mädchen in dem Feenmärchen, und wenn auch nicht wirkliche Diamanten von seinen Lippen fielen, so waren es doch glänzend nachgemachte von geradezu wundervollem Feuer. Er war ein höchst exemplarischer Mann und mit mehr Sittensprüchen ausgestattet als ein Schullesebuch. Einige wollten ihn mit einem Wegweiser verglichen wissen, der beständig nach einem Ort hinzeigt, aber nie selber hingeht. Doch das waren natürlich gehässige Feinde – weiter nichts als die Schatten, die sein Strahlenglanz erzeugte. Sogar seine Gurgel hatte etwas Moralisches. Man konnte einen guten Teil davon sehen, denn sie schaute über die niedere Umzäunung einer weißen Halsbinde hinweg, deren Schleife noch kein Sterblicher erblickt, da Mr. Pecksniff sie hinten zu binden pflegte, und da lag sie, ein Tal zwischen zwei Vorgebirgen von Vatermördern, friedvoll und bartlos vor dem erstaunten Auge des Beschauers. Sie schien für Mr. Pecksniff zu sagen: »Hier ist nicht Lug, nicht Trug, meine Damen und Herren; alles eitel Friede – eine heilige Ruhe durchdringt mich.« Ähnlich war es mit dem leicht ergrauten Haar, das, aus der Stirne gebürstet, bolzgerade in die Höhe stand oder sich in inniger Harmonie mit den Augenlidern leicht senkte. Dieselbe Biederkeit strahlten auch seine wohlgenährte, wenn auch nicht korpulente Figur und sein geschmeidiges, ölglattes Benehmen aus. Auch sein schlichter, schwarzer Anzug, sein Witwerstand, die baumelnde Lorgnette – kurz alles stand damit im Einklang und verkündete laut: »Seht, seht den moralischen Pecksniff!« Das Messingschild auf der Türe, das, da es Mr. Pecksniff angehörte, natürlich nicht lügen konnte, trug die Aufschrift:

PECKSNIFF, ARCHITEKT,

welchen Worten Mr. Pecksniff auf seinen Geschäftsadressen noch:

UND GÜTERBESCHAUER

hinzuzufügen pflegte. Letzteres konnte er in einem gewissen Sinne allerdings genannt werden, da er eine sehr umfassende Aussicht von den Fenstern seines Hauses aus genoß.

Von seinen Taten als Baumeister wußte man nichts Bestimmtes. Sicher war, daß er nie einen Plan entworfen oder etwas gebaut hatte; aber trotzdem hieß es allgemein, seine Kenntnisse gingen in dieser Hinsicht in geradezu schauerliche Tiefen.

Seine Berufstätigkeit beschränkte sich fast ausschließlich, wo nicht ganz, auf die Aufnahme von Zöglingen, denn das Zinseinsammeln für Haus- und Grundbesitzer, womit er sich hin und wieder zur Abwechslung beschäftigte, kann kaum ein architektonischer Akt genannt werden. Sein Genie betätigte sich darin, Eltern und Vormünder zu umgarnen und Pensionsgelder einzustecken. Kam ein junger Herr, nachdem auf ein Jahr vorausbezahlt worden, in Mr. Pecksniffs Haus, so borgte sich dieser von ihm sein Reißzeug aus, vorausgesetzt, daß es mit Silber ausgelegt oder in anderer Weise wertvoll war, ersuchte ihn, sich von diesem Augenblicke an als Mitglied der Familie zu betrachten, lobte ihn nach Umständen höchlichst bei seinen Eltern oder Vormündern und logierte ihn schließlich in einem geräumigen Zimmer im obern Stock ein, wo er in Gesellschaft einiger Zeichenbretter, Winkelmaße, steifbeiniger Zirkel und zweier oder dreier andrer junger Herren sich je nach dem Kontrakt drei oder fünf Jahre an Rissen der Salisbury-Kathedrale von jedem erdenklichen Gesichtspunkte aus vervollkommnen und im Bauen unzähliger Luftschlösser, Parlamentshäuser und anderer öffentlicher Gebäude nach Herzenslust üben konnte. An keinem Ort auf Erden wurden vielleicht je so viele prachtvolle Bauten dieser Art aufgeführt wie unter Mr. Pecksniffs Auspizien, und wenn nur der zwanzigste Teil der Kirchen, die in dieser »Schule« gebaut wurden – mit einer oder der andern Miss Pecksniff am Altare, um sich dem Architekten antrauen zu lassen – vom Parlamente für verwendbar erklärt werden könnte, so würde es mindestens für die nächsten fünf Jahrhunderte nicht mehr an Gotteshäusern fehlen.

»Selbst die irdischen Dinge, die wir soeben zu uns genommen«, sagte Mr. Pecksniff, nach Beendigung seiner Mahlzeit um sich blickend, »selbst der Rahm, der Zucker, der Tee, die Röstschnitten, der Schinken –«

»Und die Eier«, ergänzte Charitas mit leiser Stimme.

»Und die Eier. – Selbst sie haben ihre Moral. Seht, wie sie kommen und verschwinden! Jede Freude ist vergänglich. Sogar essen können wir nicht – ewig. Wenn wir in unschädlichen Flüssigkeiten zuviel des Guten tun, bekommen wir die Wassersucht, und von aufregenden Getränken werden wir betrunken. Welche Beruhigung liegt nicht in diesem Gedanken!«

»Sage nicht, Pa, wir werden betrunken«, bat die ältere Miss Pecksniff.

»Wenn ich sage wir, meine Liebe«, erwiderte der Vater, »so meine ich die Menschheit im allgemeinen – das menschliche Geschlecht als Gesamtheit und nicht in seiner Individualität. Die Moral hat nichts Persönliches, meine Liebe. Selbst so etwas«, erklärte Mr. Pecksniff und legte den Zeigefinger seiner linken Hand auf den Löschpapierstreifen an seinem Kopf, »so gering der Unfall auch gewesen sein mag, erinnert er uns doch, daß wir nichts weiter sind als« – er wollte sagen: »Würmer«, erinnerte sich aber noch rechtzeitig, daß diese Tiere sich nicht durch besondern Haarschmuck auszeichnen, und schloß deshalb mit den Worten: »Fleisch und Blut.«

»Was gleichfalls«, rief er nach einer Pause, während der er sich mit nicht sonderlichem Glücke nach neuen Moralbeispielen umgesehen zu haben schien – »was gleichfalls sehr beruhigend ist. Gratia, mein Kind, schüre das Feuer nach und schiebe die Asche zurück.«

Die junge Dame gehorchte, nahm dann ihren Schemel wieder ein und legte den einen Arm auf das Knie Mr. Pecksniffs, um ihn ihrer blühenden Wange als Unterlage dienen zu lassen. Miss Charitas rückte ihren Stuhl näher ans Feuer, wie jemand, der sich auf ein Gespräch gefaßt macht, und blickte erwartungsvoll ihren Vater an.

»Ja«, begann Mr. Pecksniff nach einer kurzen Pause, während der er stumm vor sich hingelächelt und zum Kamin hingenickt hatte – »ich bin in Erreichung meines Zieles abermals glücklich gewesen. In Bälde wird ein neuer Hausgenosse unter uns weilen.«

»Ein junger Mann, Papa?« fragte Charitas.

»J-ja, ein junger Mann«, antwortete Mr. Pecksniff. »Er will sich die schätzbare Gelegenheit zunutze machen, die sich ihm jetzt bietet, die Vorteile der besten praktischen Architekturbildungsschule mit den Annehmlichkeiten einer Heimat und dem beständigen Aufenthalt unter Leuten zu vereinigen, die (wie unbedeutend ihr Wirkungskreis und wie beschränkt ihre Fähigkeiten auch sein mögen) doch stets ihrer moralischen Verantwortlichkeit eingedenk sein werden.«

»Oh, Pa!« rief Gratia, schalkhaft ihren Finger erhebend, »siehe Annonce!«

»Du neckische – neckische Spottdrossel!« rief Mr. Pecksniff.

Wir müssen hier bemerken, daß Miss Pecksniff durchaus nicht musikalisch war und den Namen Drossel eigentlich nicht verdiente. Mr. Pecksniff pflegte nur häufig ein Wort zu gebrauchen, wenn er glaubte, daß es einen guten Klang habe und einen Satz passend abrunde, ohne sich dabei viel an dessen Bedeutung zu kehren. Und das tat er oft auf eine so kühne und originelle Weise, wenn seine Beredsamkeit einmal im Gange war, daß sogar die klügsten Leute darob in Verwirrung gerieten und den Atem anhielten.

»Ist er schön, Pa?« fragte die jüngere Tochter.

»Törichte Gracy!« tadelte die ältere Miss Pecksniff. (Gracy war nämlich ein Kosename für Gratia.) »Was zahlt er Kostgeld, Pa? Sag!«

»Ach, du lieber Himmel, Cherry!« rief Miss Gratia und hob mit dem gewinnendsten Kichern von der Welt ihre Händchen empor, »was du für ein geldsüchtiges Mädchen bist! O du garstiges, berechnendes, kluges Ding!«

Es war wahrhaft entzückend und eines idyllischen Schäferzeitalters würdig, wie die zwei Misses Pecksniff neckisch nach einander schlugen und dann mit einer Umarmung endeten.

»Er sieht gut aus«, erklärte Mr. Pecksniff langsam und deutlich; »recht gut. Übrigens erwarte ich nicht gerade direkt ein Kostgeld von ihm.« Trotz ihres so verschiedenartigen Naturells sperrten bei dieser Kunde sowohl Charitas wie Gratia ihre Augen so ungemein weit auf, und ihre Gesichter nahmen für den Moment einen so leeren Ausdruck an, daß es schien, als ob ihre Gedanken eigentlich doch in der Hauptsache einig gewesen wären.

»Wozu auch das?« fuhr Mr. Pecksniff fort, noch immer nach dem Feuer hinlächelnd. »Hoffentlich gibt es doch noch Uneigennützigkeit auf der Welt? Wir stehen nicht alle in feindlichen Reihen einander gegenüber – in der Offensive und der Defensive. Es gibt noch Menschen, die mitten hindurch wandeln und den Bedürftigen helfen, wo sie können und sich zu keiner der beiden Parteien schlagen. – Nich?«

Es lag etwas in diesem philanthropischen Erguß, was die Schwestern einigermaßen beruhigte. Sie wechselten einen Blick und wurden wieder heiter.

»Lasset uns nicht immer rechnen, Pläne machen und für die Zukunft sorgen«, sagte Mr. Pecksniff und lächelte immer holdseliger ins Feuer, »ich bin dessen müde. Wenn nur unsere Absicht gut und aufrichtig ist, so wollen wir ihr kühnlich willfahren, sollte sie uns auch Verlust bringen statt Gewinn. Was meinst du, Charitas?«

Und jetzt warf er zum erstenmal, seit er sich diesen Betrachtungen hingegeben, seinen Töchtern einen Blick zu, und als er bemerkte, daß beide lächelten, blinzelte er ihnen einen Moment so launig, aber doch mit einer Art frommen Schalkhaftigkeit zu, daß sich die jüngere sofort fröhlich auf sein Knie setzte, ihren schönen Arm um seinen Nacken schlang und ihn wohl zwanzigmal küßte. Während dieses Zärtlichkeitsergusses lachte sie auf die ausgelassenste Art, und auch die kluge Cherry nahm an ihrer Heiterkeit teil.

»Pst, pst!« ermahnte Mr. Pecksniff, schob seine Letztgeborene sanft zurück, fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und nahm wieder eine ruhige Miene an. »Was das doch für Torheiten sind! Lasset uns auf der Hut sein, wenn wir ohne Grund lachen, daß wir nicht einen Grund zum Weinen finden. – Was hat sich seit gestern Neues im Hause zugetragen? John Westlock ist hoffentlich fort?«

»Nein, immer noch nicht«, versetzte Charitas.

»Und warum nicht? Seine Lehrzeit lief gestern ab. Auch weiß ich, daß sein Koffer gepackt war, denn ich sah ihn am Morgen im Flur stehen.«

»Er hat gestern im ›Drachen‹ übernachtet und mit Mr. Pinch diniert«, erklärte die junge Dame. »Sie haben den Abend zusammen verbracht, und Mr. Pinch ist erst sehr spät nach Hause gekommen.«

»Und als ich ihm diesen Morgen auf der Treppe begegnete, Pa«, fiel Gratia mit ihrer gewohnten Lebhaftigkeit ein, »o Gott, wie abscheulich er da aussah! Sein Gesicht spielte alle Farben, und seine Augen waren so trübe, als wären sie gesotten. Ich bemerkte sofort, daß er schrecklich Kopfweh haben müsse, und seine Kleider rochen – i Gitt nach« – hier schauderte die junge Dame zusammen – »nach Tabak und Punsch.«

»Nun, ich denke«, sagte Mr. Pecksniff mit seiner gewohnten Milde, obgleich mit der Miene eines Dulders, der schweres Unrecht mutig trägt, »ich denke, Mr. Pinch hätte etwas Besseres tun können, als die Gesellschaft eines Menschen zu suchen, der, wie er wohl weiß, in der letzten Zeit unseres langen Zusammenseins nichts unterlassen hat, meine Gefühle zu verletzen. Ich weiß nicht, ob es zart von Mr. Pinch gehandelt war. Ja, ich kann noch weiter gehen und sagen: ich bin nicht ganz überzeugt, ob es sich von Seite Mr. Pinchs überhaupt nur mit ganz gewöhnlicher Dankbarkeit verträgt.«

»Was läßt sich anderes von einem Mr. – Pinch erwarten?« rief Charitas verächtlich.

»Nun ja«, gab Mr. Pecksniff, die Hand gütig erhebend, zu, »man kann allerdings recht wohl sagen: was läßt sich von Mr. – Pinch erwarten; aber Mr. Pinch ist unser Nebenmensch, meine Liebe. Mr. Pinch ist ein Teil von der unendlichen Totalsumme der Menschheit, meine Teure, und wir haben ein Recht – ja, es ist sogar unsere Schuldigkeit, auch bei Mr. Pinch eine Entwicklung jener besseren Eigenschaften zu erwarten, deren Besitz uns eine bescheidene Selbstachtung einflößt. – Nein«, fuhr Mr. Pecksniff fort, »behüte der Himmel, daß ich sage, von Mr. Pinch ließe sich nichts Besseres erwarten, oder daß ich sage, es lasse sich von irgendeinem Menschenkinde, wie verrucht es auch sein möge (was doch in der Tat bei Mr. Pinch nicht der Fall ist), nichts Gutes erwarten. Aber Mr. Pinch hat mich enttäuscht. Er hat mich verletzt. Aber wenn ich um dessentwillen auch ein wenig schlimmer von ihm denke, so lasse ich es doch nicht die ganze Menschheit entgelten. O nein, nein!«

»Horch!« rief Miss Charitas und hielt den Finger in die Höhe, da sich ein leises Pochen an der Haustür hören ließ. »Da kommt der Mensch! Denkt an mich, er kommt mit John Westlock zurück, um den Koffer zu holen, und will ihm ihn auf die Postkutsche schaffen helfen. Denkt an mich, ob das nicht seine Absicht ist!«

Noch während sie sprach, schien der Koffer, nach dem Geräusch zu schließen, aus dem Hause getragen zu werden; dann, nach einem kurzen Gemurmel von Frage und Antwort, hörte man ihn niedersetzen, und jemand klopfte an die Zimmertür.

»Herein!«; rief Mr. Pecksniff – nicht etwa strenge, nein, nur tugendhaft. »Herein!«

Ein linkischer, unbehilflich aussehender, sehr kurzsichtiger und trotz seiner Jugend kahlköpfiger Mensch machte von dieser Erlaubnis Gebrauch, blieb aber, als er bemerkte, daß Mr. Pecksniff ihm den Rücken zukehrte und in das Feuer blickte, mit der Türklinke in der Hand zögernd stehen. Er war nichts weniger als hübsch und trug einen schnupftabakfarbenen Rock von sehr plumpem Schnitt, der vom langen Tragen zerknittert und auf jede mögliche Weise zerdehnt und verzogen war; aber trotz seines Anzuges, seiner linkischen Art und seines krummen Buckels, der durch die lächerliche Gewohnheit, den Kopf vorwärts zu schieben, noch mehr auffiel, wäre doch niemand auf den Gedanken gekommen, den Menschen für einen Bösewicht zu halten, wenn nicht Mr. Pecksniff so etwas angedeutet hätte. Er mochte ungefähr um die Dreißig herum sein, hätte aber ebensogut sechzehn oder sechzig sein können, da er eines jener wunderlichen Geschöpfe war, die immer desto älter aussehen, je jünger sie sind.

Die Hand noch immer auf der Türklinke, ließ er wiederholt seinen Blick von Mr. Pecksniff zu Gratia, von Gratia zu Charitas und von Charitas wieder zu Mr. Pecksniff zurückschweifen; aber da die jungen Damen ebensosehr in das Feuer verliebt schienen wie ihr Vater und keins von dem Kleeblatt irgend Notiz von ihm nahm, begann er endlich:

»Oh, ich bitte um Verzeihung, Mr. Pecksniff – pardon, wenn ich lästig falle, aber –«

»Durchaus nicht, Mr. Pinch«, versetzte Mr. Pecksniff mit seinen süßesten Tönen, ohne sich jedoch umzusehen. »Bitte, Platz zu nehmen, Mr. Pinch. Haben Sie die Güte, die Tür zu schließen, Mr. Pinch.«

»Sehr wohl, Sir«, entgegnete Pinch, tat jedoch nicht, wie ihm geheißen worden, hielt die Tür vielmehr noch weiter offen und winkte ängstlich jemandem draußen zu. »Mr. Westlock, Sir, hat gehört, daß Sie wieder zu Hause sind –«

»Mr. Pinch, Mr. Pinch!« seufzte Mr. Pecksniff und rollte mit der Miene tiefster Schwermut seinen Stuhl herum, »ich hätte das nicht von Ihnen erwartet. Wirklich, ich habe das nicht um Sie verdient.«

»Nein, nein – aber möchten Sie nicht die Güte haben, Sir –« flehte Pinch angelegentlichst. »Mr. Westlock, Sir, reist ab und möchte nicht in Groll scheiden. Sie haben kürzlich mit Mr. Westlock einen Zwist gehabt. Kleine Mißhelligkeiten – – –« »Kleine Mißhelligkeiten!« rief Charitas spitz.

»Kleine Mißhelligkeiten?« echote Gratia.

»Meine Lieben!« rief Mr. Pecksniff innig pathetisch, »meine teuern Kinder!« Dann, nach einer feierlichen Pause, verbeugte er sich gelassen gegen Mr. Pinch, als wollte er sagen: »Fahren Sie fort.« Aber Mr. Pinch war so verlegen und blickte so hilflos auf die beiden Misses Pecksniff, daß die Unterhaltung wahrscheinlich ein rasches Ende genommen haben würde, wenn nicht ein hübsch aussehender junger Mann, kaum dem Jünglingsalter entwachsen, sich von der Haustüre her genähert und den Faden des Gesprächs aufgenommen hätte.

»Na, Mr. Pecksniff«, rief er mit einem Lächeln, »bitte, lassen Sie uns nicht im Bösen scheiden. Es tut mir sehr leid, daß wir Streit miteinander hatten, und namentlich tut es mir leid, Sie gekränkt zu haben. Tragen Sie mir beim Abschied keinen Groll nach, Sir.«

»Ich hege gegen keinen Menschen auf Erden Groll«, entgegnete Mr. Pecksniff milde.

»Ich sagte dir's doch«, flüsterte Pinch; »ich wußte es doch. So ist er immer.«

»Dann werden Sie mir gewiß auch die Hand geben, Sir«, rief Westlock, trat ein paar Schritte vor und warf Mr. Pinch einen bedeutsamen Blick zu.

»Wie?« fragte Mr. Pecksniff in seinem gewinnendsten Tone.

»Dann werden Sie mir auch die Hand geben, Sir.«

»Nein, John«, lehnte Mr. Pecksniff mit wahrhaft himmlischer Ruhe ab, »ich gebe Ihnen nicht die Hand, John. Ich habe Ihnen vergeben. Ich hatte Ihnen bereits verziehen, noch ehe Sie aufhörten, mich zu schmähen und zu kränken. Ich habe Sie im Geiste umarmt, John, was mehr ist als ein Händedruck!«

»Nun, Pinch«, sagte der junge Mann und wandte sich mit Widerwillen von seinem Lehrer ab. »Nun, was habe ich dir gesagt?«

Der arme Pinch blickte unruhig auf Mr. Pecksniff, dessen Augen von Anfang an auf ihn geheftet gewesen, und schaute dann stumm und verlegen zur Decke empor.

»Und was Ihre Verzeihung anbelangt, Mr. Pecksniff«, fuhr der junge Mann fort, »so verzichte ich darauf. Ich brauche keine Vergebung von Ihnen.«

»Wirklich nicht, John?« rief Mr. Pecksniff. »Sie müssen. Sie können nichts dagegen tun. Die Kraft, zu vergeben, ist eine hohe Tugend, die weit über Ihrer Macht und Ihrem Einfluß steht, John. Ich will Ihnen verzeihen. Sie können mich einfach nicht dazu zwingen, allen Unrechts eingedenk zu sein, das Sie mir zugefügt haben, John.«

»Unrecht?« rief Westlock mit der ganzen Hitze und dem Ungestüm seiner Jugend. »Da hört sich wirklich alles auf! Unrecht! Ich soll ihm Unrecht angetan haben! Der fünfhundert Pfund will er wahrscheinlich nicht ›eingedenk‹ sein, die er mir unter falschen Vorspiegelungen herausgelockt hat, oder der siebzig Pfund jährlich für eine Kost und eine Wohnung, die für siebzehn zu teuer gewesen wären! Da schau einer diesen Märtyrer!«

»Geld, John«, deklamierte Mr. Pecksniff, »ist die Wurzel allen Übels. Ich bedaure, sehen zu müssen, daß es bereits an Ihnen seine üblen Früchte trägt. Doch ich will nicht daran denken und sogar das Betragen dieses irregeleiteten Menschen vergessen – –«, (dabei lag etwas in seiner Stimme, wenn er auch wie ein Mann sprach, der im Frieden mit der ganzen Welt lebt, das deutlich verriet: »Ich habe jetzt ein Auge auf diesen Schuft«) – »dieses irregeleiteten Menschen, der Sie diesen Abend wieder hierher gebracht hat und der – zum Glück darf ich sagen – vergeblich bemüht ist, die Herzensruhe und den Seelenfrieden eines Mannes zu stören, der sein Herzblut seinetwegen vergossen haben würde.«

Mr. Pecksniffs Stimme bebte bei diesen Worten, und seine Töchter brachen in Schluchzen aus. Außerdem schwammen noch andere Töne in der Luft, wie wenn zwei Geisterstimmen ausgerufen hätten – die eine: Bestie! die andere: Unmensch!

»Vergebung«, begann Mr. Pecksniff wiederum, »reine und aufrichtige Vergebung ist nicht unverträglich mit einem verwundeten Herzen, und vielleicht wird sie eben deshalb nur zu einer desto größeren Tugend. Obgleich meine Brust wund und bis ins Innerste verletzt ist durch die Undankbarkeit dieses Menschen, so sage ich doch mit Stolz und Freude, daß ich vergebe. Nein, ich bitte«, rief er, seine Stimme erhebend, als Pinch augenscheinlich sprechen wollte, »ich bitte dieses Individuum, keine Gegenbemerkungen zu machen. Der Betreffende wird mich wahrhaft verbinden, wenn er jetzt kein Wort mehr spricht, da ich nicht weiß, ob ich der Versuchung gewachsen bin. In ganz kurzer Zeit werde ich wieder Seelenstärke genug besitzen, um mit ihm reden zu können, als ob diese Vorfälle sich nie zugetragen hätten. Nur jetzt nicht«, – Mr. Pecksniff wendete sich wieder zum Feuer und winkte mit der Hand zur Türe, »nur jetzt nicht!«

»Bah!« rief John Westlock mit der ganzen Summe von Verachtung, die sich durch dieses einsilbige Wort ausdrücken läßt. »Guten Abend, meine Damen. Komm, Pinch, die Sache ist nicht wert, daß man daran denkt. Ich habe eben recht behalten und du unrecht. Es ist nur eine Kleinigkeit, aber ein andermal wirst du hoffentlich klüger sein.«

Mit diesen Worten klopfte er seinem betrübten Kameraden auf die Schulter, drehte sich auf dem Absatz um und ging in den Flur hinaus, wohin ihm der arme Pinch, nachdem er noch einige Sekunden unschlüssig und mit der Miene tiefsten geistigen Elends dagestanden, nachfolgte. Dann hoben sie zusammen den Koffer auf und machten sich auf den Weg zur Postkutsche.

Dies flüchtige Gefährt passierte allabendlich die Ecke einer unweit gelegenen Gasse, und dorthin lenkten sie ihre Schritte. Einige Minuten schritten sie schweigend dahin, bis endlich der junge Westlock in lautes Gelächter ausbrach. Aber immer noch blieb sein Kamerad stumm.

»Ich will dir was sagen, Pinch«, begann John nach einer längeren Pause – »du hast nicht halb genug vom Teufel im Leib. Was sage ich, halb genug? Nein, gar nichts.«

»Nun«, seufzte Pinch, »ich weiß wahrhaftig nicht – aber das ist doch eher ein Kompliment. Wenn ich nichts vom Teufel in mir habe, desto besser. Nicht?«

»Desto besser?« wiederholte Westlock hitzig. »Um so schlimmer, willst du wohl sagen.«

»Und doch«, fuhr Pinch, wie geistesabwesend und ohne auf den Einwurf seines Freundes zu achten, fort, »muß ich ziemlich viel vom Teufel in mir haben, denn wie hätte ich sonst Mr. Pecksniff so aufbringen können? Ich hätte ihm diesen Kummer – – – um alle Schätze der Welt – ich bitte dich, lache nicht, John. – Du weißt, wie betrübt er war!«

»Er betrübt?«

»Hast du denn nicht bemerkt, daß ihm fast die Tränen in die Augen traten?!« rief Pinch. »Gott, Gott, John, ist es vielleicht eine Kleinigkeit, einen Mann so bewegt zu sehen und zu wissen, daß man schuld daran ist?! Und hast du ihn nicht sagen hören, daß er sein Herzblut für mich vergossen hätte?«

»Ach was, Herzblut!« rief Westlock gereizt. »Er sollte dir lieber geben, was du nötiger brauchst! Beschäftigung, Unterricht, Taschengeld! Er gibt dir doch nicht einmal die entsprechende Portion Schöpsenbraten zu deinen Kartoffeln und Gemüsen!«

»Ich fürchte«, seufzte Pinch, »ich bin ein starker Esser. Ich kann es mir selbst nicht verhehlen, daß ich einen gewaltigen Appetit habe. Du weißt es doch auch, John.«

»Du ein starker Esser?« fuhr John entrüstet auf. »Woher, bitt ich dich, kannst denn du das überhaupt wissen?«

Die Frage schien etwas schwer zu beantworten, weshalb Mr. Pinch nur mit leiser Stimme wiederholte, er habe hinsichtlich dieses Punktes immerhin seine Bedenken und fürchte, daß er ein starker Esser sein müsse.

»Sei dem übrigens, wie ihm wolle«, fügte er hinzu, »das kommt wenig oder gar nicht in Betracht, wenn er mich nur nicht für undankbar hält, John. Es gibt kaum eine Sünde auf der Welt, die in meinen Augen so himmelschreiend ist wie Undank, und wenn er mir das zur Last legt und mich schuldig glaubt, so macht er mich elend und unglücklich.«

»Meinst du, er weiß das nicht recht gut?« rief Westlock verächtlich. »Aber komm, Pinch, ehe ich noch ein Wort darüber verliere, wollen wir einmal die Gründe betrachten, warum du ihm überhaupt zu Dank verpflichtet sein sollst. Aber warte, zuvor die Hände gewechselt, der Koffer ist zu schwer. So wird's gehen. Also, fang an!«

»Erstlich«, begann Pinch, »nahm er mich, für viel weniger, als er anfangs forderte, als Zögling auf.«

»Gut«, versetzte John, ohne sich durch diesen Beleg von Großmut erschüttern zu lassen. »Und zweitens?«

»Zweitens?!« wiederholte Pinch in einer Art Verzweiflung; »zweitens – – das begreift überhaupt alles in sich! Meine arme, alte Großmutter starb glücklich in dem Gedanken, mich bei einem so trefflichen Manne untergebracht zu haben. Ich bin in seinem Hause aufgewachsen, genieße sein Vertrauen, bin sein Gehilfe und beziehe von ihm Gehalt. Geht's mit seinem Geschäft besser, so bessern sich auch meine Aussichten. Alles dies und noch viel mehr gehört zu Nummer zwei. Und als Vorrede und Prolog zu ›erstens‹, John, mußt du einen Umstand berücksichtigen, den niemand besser kennt als ich – daß ich nämlich zu viel einfacheren und geringeren Dingen geboren bin und weder eine gute Hand noch Talent für sein Geschäft oder überhaupt für etwas anderes habe als für allerhand Kleinigkeiten, die niemandem etwas nützen.«

Pinch sagte das mit so viel Ernst und in so innigem Tone, daß sein Kamerad wider Willen einen Augenblick wie umgestimmt war. Sie hatten inzwischen den Eckstein am Ende der Gasse erreicht und setzten sich auf den Koffer.

»Ich glaube, Tom Pinch, du bist einer der besten Kerle, die es auf der Welt gibt«, begann Westlock nach einer Weile.

»Ach, ganz und gar nicht. Wenn du nur Pecksniff so gut kennen würdest wie ich, so könntest du das von ihm sagen und hättest dann wirklich recht.« »Gut, so soll er also meinetwegen alles sein, was du willst«, erklärte John. »Ich werde kein Wort mehr gegen ihn sagen.«

»Ich fürchte, du tust es um meinet- und nicht um seinetwillen«, seufzte Pinch und schüttelte ernst den Kopf.

»Sei es, wessentwegen es will, wenn es dich nur beruhigt, Tom. Oh, er ist ein famoser Mensch. Er hat natürlich nie den sauern Erwerb deiner armen Großmutter in die Tasche gesteckt – sie war Haushälterin, nicht wahr?«

»Ja«, sagte Pinch, streichelte seine großen Knie und nickte: »Haushälterin bei einem Gentleman.«

»Pecksniff hat natürlich nie ihren sauer verdienten Sparpfennig eingeheimst und ihr Aussichten von deinem Glück und deinem Fortkommen vorgespiegelt, das sich, wie niemand besser wußte als er, nie verwirklichen konnte?! Er hat nie ihren Stolz auf dich und ihren Wunsch, daß du mindestens zu einem Gentleman herangebildet werden solltest, zu Gegenständen der Spekulation und des Wuchers gemacht?! Natürlich nicht! Was, Tom?!«

»Nein, gewiß nicht«, versicherte Tom und sah seinem Freunde ins Gesicht, als verstehe er ihn nicht recht.

»Ich sage doch auch«, entgegnete Westlock, »freilich, er hat es nie getan. Er hat nicht weniger genommen, als er anfänglich forderte, weil dieses Wenige ihre ganze Habe und mehr war, als er erwartet hatte; er nicht, Tom, Gott bewahre! Er hat dich zu seinem Gehilfen gemacht, weil du ihm in jeder Beziehung von Nutzen bist, weil dein wunderbarer Glaube an seine angeblichen Verdienste ihm, wenn es darauf ankommt, unschätzbare Dienste leistet, weil ein Abglanz deiner Ehrlichkeit auch auf ihn fällt, weil dein Lerneifer in deinen freien Stunden, wo du alte Bücher liest und fremde Sprachen studierst, sogar bis Salisbury bekannt ist und deshalb ihn, den Lehrer zu einem unterrichteten und ungemein bedeutenden Mann stempelt! Dir hat er nichts von seinem Renommee zu danken, Tom, nein, gewiß nicht.«

»Natürlich nicht«, sagte Pinch und sah seinen Freund noch unruhiger an als zuvor. »Pecksniff mir sein Renommee danken! So etwas!«

»Sage ich denn nicht auch, daß es lächerlich wäre, an so etwas auch nur zu denken?« spottete John.

»Freilich, es wäre der pure Wahnsinn«

»Wahnsinn!« brummte der junge Westlock. »Allerdings, Wahnsinn. Wer anders als ein Wahnsinniger könnte annehmen, Pecksniff läge irgend etwas daran, wenn man sich erzählte, der junge Mann, der sonntags unentgeltlich die Orgel spielt und sich an späten Sommerabenden emsig darin übt, sei sein Schüler – was, Tom? Wer sonst als ein Wahnsinniger könnte glauben, ein Mann wie er schlüge Kapital daraus, seinen Namen in jedermanns Mund zu wissen – eben wegen der tausend ›nutzlosen Kleinigkeiten‹, die du verrichtest, und die er natürlich dich gelehrt hat? Wer anders als ein Tollhäusler könnte glauben, du machest ihm hier in der ganzen Umgebung besser und billiger Reklame als ein öffentlicher Anschlag! – Nicht wahr, Tom? Ebensogut könnte jemand annehmen, er schütte nicht bei jeder Gelegenheit sein ganzes Herz und seine ganze Seele vor dir aus und zahle dir nicht ein geradezu übermäßiges Jahresgehalt – oder, um mich womöglich noch phantastischer auszudrücken – ebensogut könnte jemand glauben: daß Pecksniff dich schlau ausnützt – dich, der du so schüchtern und mißtrauisch gegen dich selbst und so vertrauensvoll gegen alle andern Menschen, am meisten aber gegen ihn, bist, der es am wenigsten verdient. Das wäre natürlich hirnverbrannte Tollheit, Tom!«

Mr. Pinch hatte alles das mit einer Verlegenheit angehört, die zum Teil durch den Inhalt der Rede seines Kameraden, zum Teil durch die heftige Art und den ungestümen Ton, mit dem dieser gesprochen, veranlaßt zu sein schien. Dann atmete er tief auf, blickte Westlock gespannt an, als wünsche er aus dessen Mienen den Sinn der eben gefallenen Worte zu lesen. Er wollte gerade antworten, da ertönte das Posthorn lustig aus der Dunkelheit und machte der Unterhaltung plötzlich ein Ende. – Wie es schien, zur großen Freude Johns, der rasch aufsprang und seinem Freunde die Hand reichte.

»Beide Hände, Tom! Von London aus schreibe ich dir, verlaß dich drauf!«

»Bitte, ja«, bat Pinch. »Ja. Sei so gut. Also, leb wohl und: Gott mit dir! Ich kann es kaum glauben, daß du wirklich gehst. Es ist mir, als seiest du erst gestern angekommen. Also, leb wohl, lieber alter Freund!«

John Westlock verabschiedete sich mit nicht weniger Herzlichkeit und sprang auf das Wagenverdeck hinauf. Und fort rollte die Kutsche im Trab die dunkle Straße hinab; die Lampen flimmerten hell, und das Horn weckte weit und breit das schlummernde Echo.

»So zieh denn deines Weges«, apostrophierte Pinch die Kutsche. »Du kommst mir wirklich vor wie ein lebendes Wesen – wie irgendein großes Ungeheuer, das von Zeit zu Zeit diesen Ort heimsucht, um meine Freunde hinaus in die Welt zu entführen. Du scheinst heute abend ja ungewöhnlich aufgeräumt und guter Dinge zu sein. Hast recht, du kannst jubeln über deine Beute. Er ist ein hübscher, talentvoller Junge und hat nur den einzigen Fehler – er meint's zwar nicht so, wie er es sagt – aber er ist grausam ungerecht gegen Pecksniff.«

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