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Martin Chuzzlewit

Charles Dickens: Martin Chuzzlewit - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleMartin Chuzzlewit
publisherWeltbild GmbH
year2004
isbn393349788X
translatorGustav Meyrink
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060629
corrected20110726
projectid43f7a6ff
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14. Kapitel

Martin sagt seiner Geliebten Lebewohl und erweist dem unbedeutenden Individuum, dessen Glück er zu machen gedenkt, die Ehre, sie seinem Schutz zu empfehlen

Als der Brief, wie es sich gehört, unterzeichnet und versiegelt war, wurde er Mark Tapley zu möglichst schleuniger Beförderung ausgehändigt. Auch die Zustellung ging glücklich vonstatten, und Mark konnte noch am selben Abend unmittelbar vor Torschluß mit der angenehmen Nachricht zurückkehren, er habe das Schreiben der jungen Dame hinauf geschickt und einen kleinen eigenhändig geschriebenen Zettel beigelegt, damit es den Anschein habe, als handle es sich nur um einen Versuch von ihm, in Mr. Chuzzlewits Dienste einzutreten. Sie sei dann selber heruntergekommen und habe in großer Hast und Aufregung gesagt, sie wolle seinen Herrn im St.-James-Park treffen.

Martin und sein neuer Diener kamen daraufhin sofort überein, Mark solle zur festgesetzten Stunde in der Nähe des Hotels auf die junge Dame warten und sie nach dem Orte des Rendezvous begleiten. Nach dieser Vereinbarung trennten sie sich für die Nacht, aber Martin nahm, bevor er zu Bett ging, wieder die Feder zur Hand und schrieb einen zweiten Brief, dessen Inhalt wir bald kennenlernen werden.

Noch vor Tagesgrauen stand er auf und begab sich gegen Morgen in den Park, der das alleruneinladendste Kleid seiner gesamten dreihundertfünfundsechzig Jahrestage angelegt zu haben schien, denn es war ein selten rauhes, feuchtes und dunkles Wetter, die Wolken sahen so schmutzig aus wie der Boden, und die dunstige Perspektive jeder Allee oder Straße verschwand im Nebel wie hinter einem grauen Vorhang.

»Wahrhaftig ein prächtiges Wetter«, schimpfte Martin ärgerlich vor sich hin, »um wie ein Dieb hier auf und ab zu laufen. Schönes Wetter für eine Zusammenkunft zweier Liebender im Freien und auf einem öffentlichen Spazierweg. Es ist höchste Zeit, daß ich mich in ein anderes Land begebe, ehe es noch weiter mit mir bergab geht.«

Wäre er ein wenig konsequenter in seinen Betrachtungen gewesen, so hätte er einsehen müssen, daß ein solcher Tag für eine Dame doch nur noch ungeeigneter zu einem Rendezvous sei als für einen Herrn, aber seine Gedanken nahmen bald eine andere Richtung, da er seiner Geliebten in kurzer Entfernung ansichtig wurde und sich daher beeilte, ihr entgegenzugehen.

Ihr Begleiter, Mr. Tapley, hielt sich taktvoll im Hintergrunde und betrachtete den Nebel anscheinend mit gespanntestem Interesse.

»Mein geliebter Martin«, rief Mary.

»Meine liebe Mary«, sagte Martin. Liebende sind ein so sonderbarer Schlag Menschenkinder, daß diese paar Worte alles waren, was die beiden einander vorläufig zu sagen hatten, obgleich Martin Marys Arm und auch ihre Hand nahm und sie dann auf dem verborgensten Wege ungefähr ein halbes Dutzendmal auf und ab gingen.

»Wenn du dich seit unserer Trennung überhaupt geändert hast«, fing Martin endlich an und betrachtete Mary mit stolzem Entzücken, »so kann ich dir nur sagen, daß du noch viel schöner geworden bist.« Wäre Mary aus dem gewöhnlichen Holze liebeskranker junger Damen geschnitzt gewesen, so hätte sie diese Behauptung unbedingt in Abrede gestellt und erwidert, sie sei eine wahre Vogelscheuche geworden und Kummer und Tränen hätten sie ganz entstellt; langsam welke sie dem frühen Grabe entgegen, die Leiden ihrer Seele seien unaussprechlich – kurz, sie würde mit Worten oder Tränen, vielleicht auch mit einer Mischung von beidem etwas derartiges gesagt und ihn so elend wie möglich gemacht haben. So aber war sie in einer ernsteren Lebensschule aufgewachsen, als die ist, der die meisten jungen Mädchen ihre Sinnesart verdanken, und ihr ganzes Wesen war gekräftigt durch rauhen Zwang und Not. In allen Stunden der Prüfung hatte sie sich selbstlos und aufopfernd gezeigt und trotz ihrer Jugend etwas von jenen höhern Eigenschaften edler Herzen gewonnen, die sich so oft in den Leiden und Kämpfen der spätem Jahre entwickeln. Unverdorben und unverwöhnt in ihren Freuden und mit offener und inniger Zuneigung dem Gegenstande ihrer ersten Liebe zugetan, sah sie in Martin nur den Mann, der um ihretwillen aus einer glücklichen Heimat vertrieben worden, und es fiel ihr ebensowenig ein, diese ihre Liebe zu ihm in andern als freudig und erhebenden Worten voll froher Hoffnung und dankbaren Vertrauens kundzugeben, als daß sie daran gedacht hätte, sich in Phrasen irgendwelcher Art zu ergehen.

»Aber was ist denn mit dir vorgegangen, Martin?« fragte sie. »Das geht mich am allernächsten an. Du siehst ernster und kummervoller aus, als du sonst zu sein pflegtest?«

»Was das betrifft, meine Liebe«, sagte Martin und legte den Arm um Marys Taille, nachdem er sich zuvor umgesehen, ob kein Beobachter in der Nähe sei, und nur Mr. Tapley erblickt hatte, den der Nebel womöglich noch mehr als vorher zu interessieren schien. »Es würde mich auch wundern, wenn es sich anders verhielte, denn mein Leben ist – namentlich in der letzten Zeit – sehr hart gewesen.«

»Das glaube ich gern«, seufzte Mary. »Aber wann habe ich je vergessen, an dich und deine Leiden zu denken?«

»Hoffentlich nicht oft«, sagte Martin. »Und ich bin auch überzeugt, daß es nicht oft geschah, und habe auch ein gewisses Recht, es zu erwarten. Denn wahrhaftig, viel Verdruß und Entbehrung haben mich heimgesucht.«

»Und wie wenig kann ich dir dein Opfer vergelten«, rief Mary traurigem Lächeln. »Du hast einen hohen Preis für ein armseliges Herz bezahlt; aber es ist wenigstens dein und hängt mit Treue an dir.«

»Ich bin überzeugt davon«, sagte Martin, »sonst würde ich mich nicht in meine gegenwärtige Lage begeben haben. Aber sprich nicht von einem armseligen Herzen: Es ist ein reiches Herz. – – Aber jetzt will ich dir einen Plan mitteilen, Geliebte, über den du anfänglich erschrecken wirst, aber ich will ihn um deinetwillen zur Ausführung bringen. – – Ich gehe« – fügte er langsam hinzu und blickte tief in ihre erstaunten, leuchtenden dunkeln Augen – – »ich gehe ins Ausland.«

»Ins Ausland, Martin?«

»Nur nach Amerika. Erschüttert dich das so, daß du so zusammenzuckst?«

»Wenn es mich einen Augenblick erschüttert hat«, erwiderte Mary nach einer Pause, erhob ihr Haupt und sah ihm voll ins Gesicht, »war's der kummervolle Gedanke, was du um meinetwillen alles zu ertragen dich entschließest. Ich getraue mich nicht, dir abzuraten, Martin – – aber Amerika ist so weit weg. Und die lange gefährliche Reise! Not und Krankheit ist überall schrecklich, aber in einem fremden Lande nur um so schrecklicher. Hast du dies alles überlegt?«

»Überlegt!« rief Martin ungestüm, fast heftig, trotzdem er Mary aufs zärtlichste liebte. »Warum fragst du mich nicht lieber, ob ich daran gedacht habe, in der Heimat Hungers zu sterben, oder ob mir nicht der Gedanke gekommen sei, mein Lebtag als Lastträger zu arbeiten oder auf den Straßen die Pferde zu halten, um Tag für Tag mein Stückchen Brot zu verdienen. – Aber beruhige dich«, setzte er in milderem Tone hinzu. »Du darfst das Köpfchen nicht hängen lassen, denn ich brauche Ermutigung, und die allein kann mir dein süßes Antlitz geben. Ja, so ist's recht, jetzt bist du wieder lieb.«

»Ich will mir Mühe geben«, antwortete Mary durch Tränen lächelnd. »Wollen und Handeln ist bei dir immer dasselbe, ich weiß das doch von alters her«, rief Martin heiter. »So ist's recht; jetzt kann ich dir alle meine Pläne mit so frohem Herzen mitteilen, als ob du bereits mein kleines Frauchen wärst, Mary.«

Sie schmiegte sich inniger an ihn, blickte ihm ins Gesicht und bat ihn fortzufahren.

»Du siehst«, sagte Martin und spielte mit der kleinen Hand, die auf seinem Arme ruhte, »daß alle meine Versuche, hier in meinem Vaterland in die Höhe zu kommen, vereitelt wurden und, sozusagen, in der Wiege starben. Ich will nicht sagen, wer daran schuld ist, denn das würde uns beiden Schmerz bereiten – genug, daß es so ist. – – Hast du übrigens nicht in der letzten Zeit von einem Verwandten von mir namens Pecksniff reden hören? Beantworte mir nur, was ich frage, bitte, und weiter nichts.«

»Ich habe zu meinem Erstaunen deinen Großvater sagen hören, Pecksniff sei ein besserer Mensch, als er geglaubt habe.«

»Dachte ich's doch«, fiel ihr Martin ins Wort.

»Auch würden wir ihn, hieß es, wahrscheinlich näher kennenlernen, wenn wir ihn nicht sogar besuchen und bei ihm und, ich glaube, seinen Töchtern wohnen sollen. – – Er hat doch Töchter, nicht wahr?«

»Ja, ja, zwei«, antwortete Martin. »Ein famoses Pärchen; Edelsteine vom reinsten Wasser.«

»Du scherzt wohl?«

»Ja, ja, in gewissem Sinne, aber es ist mir sehr ernst. Es ist auch gleichzeitig sehr ärgerlich«, sagte Martin. »Ich kenne diesen Pecksniff, denn ich habe eine Zeitlang als Schüler bei ihm gewohnt und Kränkung und Unbill genug von ihm erfahren müssen. Was ich übrigens auch im Scherz gesagt haben mag, wenn du mit der Zeit in Verkehr mit seiner Familie treten solltest, so vergiß nie – auch nicht einen Augenblick, wenn der Schein auch noch so gegen mich sprechen sollte –, daß dieser Pecksniff ein Schurke durch und durch ist.«

»Wirklich?«

»In Gedanken, Worten und Taten – kurz, in allem ein Schurke vom Scheitel bis zur Sohle. Von seinen Töchtern kann ich nur soviel sagen, daß sie gehorsame junge Mädchen und ihres Vaters würdig sind. Es ist zwar eine Abschweifung vom Hauptthema, es führt mich aber doch auf das, was ich sagen wollte.« Dann hielt er inne, um Mary wieder in die Augen zu blicken, warf hastig einen Blick zurück, und da er bemerkte, daß niemand in der Nähe war und auch Mark sich noch immer gewaltig für den Nebel interessierte, so sah er jetzt nicht nur auf ihre Lippen, sondern küßte sie auch.

»Ich reise also in Bälde nach Amerika und habe die feste Aussicht, dort mein Glück zu machen und dann sofort wieder zurückzukehren. Ich hole dich vielleicht erst in ein paar Jahren ab, aber dann mache ich rücksichtslos meine Ansprüche auf dich geltend. Nach solchen langen Prüfungen darf ich es tun, ohne fürchten zu müssen, du hieltest es immer noch für deine Pflicht, dich an den anzuklammern, der mich – denn er ist es und niemand sonst – im Vaterland nicht in die Höhe kommen lassen will und es mit allen Mitteln zu verhindern sucht. Wie lange ich abwesend sein werde, ist natürlich noch ungewiß, aber jedenfalls kannst du dich darauf verlassen, daß es nicht allzulange dauern wird.«

»Und inzwischen – –?«

»Das ist es ja eben, auf das ich jetzt kommen will. Inzwischen sollst du immer ausführlich erfahren, wie es mir geht.«

Er hielt inne, nahm den Brief, den er abends zuvor geschrieben, aus der Tasche und fuhr fort:

»Im Dienste und im Hause dieses Kerls – – unter ›Kerl‹ verstehe ich natürlich Mr. Pecksniff – lebt ein gewisser Pinch; merke wohl auf: Er ist ein armer wunderlicher einfacher Mensch, aber durchaus ehrlich, aufrichtig, voll Diensteifer und mir herzlich zugetan – was ich ihm auch in Zukunft dadurch vergelten will, daß ich ihm irgendwie im Leben forthelfe.«

»Daraus erkenne ich wieder deine alte Hochherzigkeit, Martin.«

»Ach Gott«, versetzte Martin, »es ist nicht der Rede wert. Er ist sehr dankbar und wünscht mir zu dienen, und damit ist die Sache abgetan. – – Ich habe also diesem Pinch eines Abends meine ganze Geschichte kurz, alles von mir und dir – erzählt. Ich kann dir versichern, daß er sich nicht wenig dafür interessierte. Er kennt dich nämlich. Ja, ja, du brauchst nicht überrascht zu sein – du hast ihn nämlich einmal in der Kirche jenes Dorfes dort unten die Orgel spielen gehört, und er hat gesehen, wie du zugehört hast. Daher auch seine Begeisterung für dich.«

»Was! Er war der Orgelspieler!« rief Mary. »Da muß ich ihm ja von Herzen dankbar sein.«

»Ja, er war es. Und er treibt das Geschäft noch immer, obschon es ihm nichts einträgt. Es hat, ich versichere dir, noch nie einen so einfachen, schlichten Burschen gegeben; er ist fast ein Kind an Gutmütigkeit, sei versichert.«

»Ich bin überzeugt davon«, erwiderte Mary mit Wärme. »Er muß es sein.«

»Ja, daran ist kein Zweifel«, versetzte Martin in seiner gewöhnlichen leichtfertigen Weise, »er ist es. – Also, da ist mir eingefallen – aber halt! Wenn ich dir den Brief vorlese, den ich ihm heute abend per Post zusenden will, so wirst du alles daraus am besten ersehen. Also: ›Mein lieber Tom Pinch!‹ – das klingt vielleicht etwas kollegial«, setzte er schnell hinzu, da er sich plötzlich erinnerte, sich bei der letzten Begegnung Tom gegenüber ziemlich stolz benommen zu haben, »aber ich nenne ihn meinen lieben Tom Pinch, weil er es gern hat.«

»Das ist lieb von dir«, sagte Mary.

»Na ja, es schadet ja weiter nichts, freundlich zu sein, wo man kann. Wie ich bereits sagte, ist er wirklich ein vortrefflicher Mensch. Also. ›Mein lieber Tom Pinch – Sie erhalten gegenwärtiges Schreiben als Beilage zu einem Brief an Mrs. Lupin im Blauen Drachen, die ich in ein paar Zeilen gebeten habe, Ihnen mein Schreiben einzuhändigen, ohne gegen irgend jemanden davon Erwähnung zu tun. So wird sie es auch mit allen zukünftigen Briefen, die sie von mir empfangen dürfte, halten. Der Grund, weshalb ich so handle, wird Ihnen leicht begreiflich sein‹ – zwar weiß ich nicht, ob er's wirklich begreifen wird –« setzte Martin, von dem Schreiben aufblickend, hinzu – »denn der arme Bursche ist von etwas langsamer Fassungskraft, aber mit der Zeit wird er's schon herausfinden. – ›Mein Grund besteht einzig und allein darin, daß ich nicht wünsche, meine Briefe von andern Leuten gelesen zu wissen; namentlich nicht von jenem Schurken, den Sie für einen Engel halten.‹«

»Damit ist Mr. Pecksniff gemeint?« fragte Mary. »Jawohl«, antwortete Martin. – »›Sie werden das einsehen, lieber Mr. Pinch. Ich habe mittlerweile Anstalten getroffen, nach Amerika zu reisen, und Sie werden sich wahrscheinlich wundern, wenn Sie hören, daß Mark Tapley mich begleiten will. Seltsamerweise bin ich in London mit ihm zusammengetroffen, und er besteht drauf, sich unter meinen Schutz zu stellen‹ – Mark Tapley ist natürlich«, schaltete er ein, »unser Freund dort im Hintergrund.«

Mary freute sich sehr über diese Mitteilung und warf Mark einen freundlichen Blick zu, den dieser, für einen Moment sein Nebelstudium unterbrechend, voll Entzücken quittierte. Sie sagte auch so laut, daß er es hören mußte, er sei eine brave Seele und ein lustiger Bursche und werde, davon sei sie überzeugt, treu zu seinem Herrn halten – Lobsprüche, die Mr. Tapley auch wirklich verdienen zu wollen sich innerlich fest gelobte, und wenn er dafür in den Tod gehen müßte.

»›Und jetzt, mein lieber Pinch‹«, las Martin in seinem Brief weiter, »›will ich mein ganzes Vertrauen auf Sie setzen, da ich weiß, daß ich mich auf Ihre Ehre und Verschwiegenheit verlassen kann und überdies momentan auch niemanden habe, auf den ich bauen könnte.‹«

»Möchtest du nicht lieber diese Stelle weglassen, Martin?« fragte Mary schüchtern.

»Meinst du? Gut, dann will ich sie wegstreichen. – Aber es ist doch die buchstäbliche Wahrheit!«

»Es klingt aber doch vielleicht ein wenig unfreundlich.«

»Ach Gott, mir liegt schließlich nicht viel an Pinch«, sagte Martin. »Ich wüßte auch nicht, warum ich mit ihm gar so zeremoniell verfahren sollte. Da du es übrigens wünschest, so kann ich's ja auslassen und die Stelle wegstreichen. – – Also weiter – ›ich werde nicht nur meine Briefe an die junge Dame, von der ich Ihnen erzählt habe, an Sie senden, damit Sie sie ihr zustellen können, sondern ich empfehle auch die Dame selbst Ihrem Schutze, im Falle Sie in meiner Abwesenheit mit ihr zusammentreffen sollten. Ich habe Grund anzunehmen, daß ihr einander bald und oft sehen werdet, und wenn Sie in Ihrer Lage auch nur wenig tun können, um die ihrige zu erleichtern, so baue ich doch nichtsdestoweniger auf Sie und setze voraus, daß Sie alles aufbieten werden, um das Vertrauen zu rechtfertigen, das ich in Sie gesetzt habe.‹« – – –

»Du siehst, meine liebe Mary«, schloß Martin, »du wirst da jemanden haben – gleichgültig, wie schlicht und einfach er auch sein mag –, mit dem du von mir sprechen kannst; und schon beim ersten Gespräch mit ihm wirst du fühlen, daß du ebensowenig verlegen ihm gegenüber zu sein brauchst, als wenn er ein altes Weib wäre.«

»Nun, wie man das auch auffassen mag«, meinte Mary lächelnd, »jedenfalls ist er dein Freund, und das genügt.«

»Ja, ja, er ist mein Freund«, sagte Martin, »gewiß. Ich habe ihm übrigens bereits mit nicht mißzuverstehenden Worten angedeutet, daß wir ihn immer im Auge behalten und unter unseren Schutz nehmen werden. Es ist ein guter Charakterzug von ihm, daß er dankbar, ja, sogar sehr dankbar ist, und ich weiß, mein Schatz, du wirst einen besonderen Gefallen an ihm finden. Allerdings hat er viel Komisches und Altfränkisches an sich, aber du kannst das ja gnädig übersehen. Und wenn du über ihn lachen mußt, macht es schließlich auch nichts; er freut sich sogar darüber.«

»Ich denke nicht, daß ich ihn auf diese Probe stellen werde, Martin.«

»Ich glaube es auch nicht. Ich meinte nur, wenn du das Lachen wirklich nicht mehr verbeißen könntest. Es wird dir immerhin ein bißchen schwer werden, deinen Ernst zu bewahren. – Kehren wir übrigens zu dem Briefe zurück. Er schließt also folgendermaßen: ›Ich weiß, daß ich nicht nötig habe, mich weiter über die Art und die Wichtigkeit dieses auf Sie gesetzten Vertrauens zu verbreiten, und ich will Ihnen daher jetzt Lebewohl sagen in der Hoffnung, bei unserem nächsten Wiedersehen, wenn es mir gut ergangen sein wird, für Ihr Glück und Fortkommen sorgen zu können, als ob es mein eigenes wäre. Darauf können Sie sich verlassen. Inzwischen verbleibe ich, lieber Tom Pinch, Ihr aufrichtiger Martin Chuzzlewit.

Nachschrift. – Ich schließe hier den Betrag bei, den Sie so freundlich waren, mir – – –‹« »Hm«, unterbrach sich Martin und faltete den Brief hastig zusammen, »das gehört nicht hierher.«

In diesem Augenblick trat Mark Tapley mit der Meldung heran, daß die Glocke auf der Horse-Guards-Kaserne soeben geschlagen habe.

»Ich würde mich nicht getrauen, die Sache zu erwähnen«, entschuldigte er sich, »wenn mich nicht das gnädige Fräulein ausdrücklich dazu aufgefordert hätte.«

»Ja«, sagte Mary, »so ist es, und ich danke Ihnen. Sie haben ganz recht. – Nur noch eine Minute; ich werde gleich bereit sein. – – Wir haben jetzt nur mehr für ein paar eilige Worte des Lebewohls Zeit, mein geliebter Martin, und obwohl mir noch gar viel auf dem Herzen läge, so muß ich es doch bis zu der glücklichen Zeit unserer nächsten Zusammenkunft ungesagt sein lassen. Gebe der Himmel, daß es bald sein wird und alles gut ausfällt. Doch davor ist mir nicht bange.«

»Bange!« rief Martin. »Warum auch? Was bedeuten ein paar Monate und was schließlich ein ganzes Jahr? Wenn ich glücklich wieder zurück bin und meinen Weg im Leben gemacht habe, dann mag der Rückblick auf diese Trennung vielleicht schmerzlich sein; aber jetzt?! Ich schwöre dir's, ich möchte mir keine günstigeren Auspizien wünschen, selbst wenn ich könnte. Jetzt bin ich gezwungen, zu handeln; was ich sonst vielleicht nicht getan hätte.«

»Ja, ja, ich fühle auch, daß es gut so ist. – Also, wann gedenkst du abzureisen?«

»Wir brechen heute abend nach Liverpool auf. – Wie ich höre, geht alle drei Tage ein Schiff ab, und nach vier Wochen – oder vielleicht nicht einmal das – kommen wir drüben an. Was bedeutet übrigens auch ein Monat! Wie viele sind ihrer nicht schon verstrichen, seit wir uns zum letztenmal gesehen haben!«

»Ja, ja, es ist eine lange Zeit her«, entgegnete Mary, in seinen heiteren Ton einstimmend, »wenn es uns auch jetzt kaum wie Tage erscheint.«

»Kaum wie Tage«, bestätigte Martin. »Und dann werde ich andere Gegenden und andere Leute mit anderen Sitten und Gebräuchen sehen, andere Sorgen und andere Hoffnungen haben. Wie im Fluge wird mir die Zeit vergehen. Ich kann alles ertragen, nur Eintönigkeit nicht, Mary.«

»Ein Viertel!« mahnte Mr. Tapley.

»Gleich komme ich«, rief Mary. – »Nur noch eins, lieber Martin, laß mich dir sagen. Du hast mich vorhin gebeten, ich solle dir in betreff nur eines einzigen Punktes deine Frage beantworten, aber du mußt noch etwas wissen, sonst könnte ich nicht ruhig sein. Seit jener Trennung nämlich, an der ich unglücklicherweise die Schuld trage, hat dein Großvater auch nicht ein einziges Mal deinen Namen fallen lassen – weder in Liebe noch in Haß –, und nach wie vor ist er gleich freundlich zu mir.«

»Für letzteres bin ich ihm dankbar, für weiter aber auch nichts«, versetzte Martin. »Daß er meinen Namen je wieder erwähnt, erwarte ich weder, noch wünsche ich es. Vielleicht wird er meiner noch einmal mit Vorwürfen gedenken – in seinem Testamente vielleicht. Sei es darum, wenn es ihm Freude macht. Erhalte ich Kunde davon, wird er bereits längst in seinem Grabe liegen – eine Satire auf seinen eigenen Groll.«

»Ach, Martin«, rief Mary, »wenn du dich einmal in einer nachdenklichen Stunde, an einem einsamen Winterabend, oder wenn die Sommerlüfte wehen, oder bei einer einschmeichelnden Musik, bei Gedanken an Tod, Heimat oder Kindheit seiner oder irgendeines Menschen erinnerst, der dir je unrecht getan hat, so weiß ich, daß du ihm vergeben wirst.«

»Wenn ich das glauben sollte«, entgegnete Martin unmutig, »so müßte ich mir vornehmen, ihn zu solchen Zeiten ganz aus meinem Gedächtnis zu streichen, um mir die Schande einer derartigen Schwäche zu ersparen. Es liegt mir nicht, das Spielzeug oder die Puppe irgendeines Menschen, am wenigsten die seinige, zu sein. Habe ich nicht für das bißchen Annehmlichkeit, das ich bei ihm genossen, seiner Launenhaftigkeit beinahe meine ganze Jugend opfern müssen? Wir beiden sind jetzt quitt, oder zum mindesten überwiegen seine Verdienste die meinigen nicht so bedeutend, daß ich zum Ausgleich abgeschmackterweise auch noch vergeben und vergessen müßte. Ich weiß ganz gut, daß er dir verboten hat, meinen Namen zu erwähnen«, fügte er erregt hinzu, »sag, ist es nicht so?« »Das ist schon lange her«, entgegnete Mary, »und zwar gleich nach eurem Zwiste und bevor du noch sein Haus verlassen hattest. Seitdem hat er es nicht wieder getan.«

»Und zwar deswegen nicht, weil er keinen Anlaß dazu hatte«, sagte Martin; »doch das ist übrigens jetzt nicht weiter von Belang. Ich glaube, es wird jedenfalls das beste sein, Geliebte« – er drückte Mary hastig an sich, denn die Zeit des Abschieds war gekommen – »wir tun so, wenn wir einander schreiben, als ob er gestorben wäre. – Und jetzt behüt dich Gott! Es ist ein seltsamer Ort für ein solches Zusammentreffen und einen solchen Abschied, aber unser nächstes Wiedersehen soll an einem besseren und unser nächstes und letztes Scheiden an einem schlechteren stattfinden.«

»Noch eine Frage muß ich an dich richten, Martin«, rief Mary. »Bist du für deine Reise auch gehörig mit Geld versehen?«

»Ob ich damit versehen bin?« rief Martin, entweder aus Stolz oder wirklich in der Absicht, sie zu beruhigen, bemüht, ihr die Wahrheit zu verhehlen. »Ob ich mit Geld versehen bin? Nun, das wäre vielleicht eine Frage für die Frau eines Auswanderers. Wie könnte ich denn ohne Mittel zu Wasser oder zu Lande weiterkommen, Schatz?«

»Ich meine, ob du genug hast?«

»Genug? Mehr als genug. Die ganze Tasche voll. Mark und ich sind bei Licht betrachtet so reich, als ob wir Fortunats Säckel in unserem Gepäck hätten.«

»Es hat halb geschlagen«, mahnte Mr. Tapley.

»So leb wohl, Martin, viel tausendmal!« rief Mary mit bebender Stimme.

Ein »Lebewohl« ist ein bitterer Trost. Mark Tapley wußte das vollkommen; vielleicht war's ihm vom Lesen her bekannt, vielleicht aus Erfahrung, vielleicht sagte es ihm sein eigenes Herz. Wie er zu diesem Wissen kam, kann man unmöglich erklären, aber instinktiv tat er das Klügste, was man in einem solchem Umstande tun konnte, er gab sich nämlich den Anschein, als sei er von einem heftigen Niesen befallen, und wandte das Gesicht ab, so daß die beiden Liebenden gewissermaßen unbeachtet und allein waren. Eine kurze Pause, dann eilte Mary hastig mit heruntergelassenem Schleier an Mark vorbei und winkte ihm, ihr zu folgen. Ehe sie um die Ecke bog, machte sie noch einmal halt, blickte zurück und winkte Martin mit der Hand. Er wollte zu ihr eilen und ihr noch ein paar Abschiedsworte sagen, aber sie wandte sich um und eilte schnellen Schrittes davon.

Als Mark in Martins Behausung zurückkehrte, fand er seinen Herrn verdrießlich vor dem verstaubten Kamin sitzen, beide Füße an die Gitterstange angestammt, die Ellenbogen auf den Knien und das Kinn auf die Handflächen aufgestützt.

»Nun, Mark?«

»Nun, Sir?« sagte Mark und atmete tief auf. »Das gnädige Fräulein ist jetzt wohlbehalten wieder zu Hause, und ich bin froh darüber. Sie läßt Ihnen noch alles mögliche Gute und Schöne ausrichten, Sir, und sendet Ihnen dies hier«, damit händigte er Martin einen Ring ein, »als Andenken.«

»Diamanten!« rief Martin, bedeckte den Ring mit Küssen, nicht etwa seines Wertes wegen, zu seiner Ehre sei es gesagt, sondern, weil er von Mary kam, und steckte ihn an seinen kleinen Finger. »Prachtvolle Diamanten. Mein Großvater ist wahrhaftig ein wunderlicher Kauz, Mark; er muß ihr den Ring offenbar geschenkt haben.«

Mark Tapley war sofort davon überzeugt, daß sie ihn gekauft hatte, um ihrem nichtsahnenden Geliebten für den Fall der Not einen Wertgegenstand an die Hand zu geben, so fest, wie er wußte, daß es Tag und nicht Nacht war, aber er sagte kein Wort. Allerdings hatte er weiter keine Kenntnis hinsichtlich der Herkunft des Geschmeides, das jetzt an Martins ausgestrecktem Finger glänzte, aber dennoch war er so durchdrungen davon, daß sie dafür ihre sämtlichen Ersparnisse ausgegeben hatte, als wäre er dabeigewesen, wie das Geld Guinee für Guinee auf den Tisch des Juweliers hingezählt worden! Martins befremdende Kurzsichtigkeit in dieser Beziehung ließ ihm plötzlich einen tiefen Blick in das Innerste seines Charakters tun, und der Grundzug seines Wesens war ihm mit einem Male kein Geheimnis mehr.

»Sie ist des Opfers wert, das ich für sie gebracht habe«, sagte Martin, verschränkte die Arme und blickte nachdenklich in die glimmende Asche im Kamin. »Ja, sie ist dessen wert! Keine Schätze der Welt« – dabei streichelte er sich gedankenverloren das Kinn – »hätten mich für den Verlust eines solchen Herzens schadlos halten können; – ganz abgesehen davon, daß ich, als ich um ihre Liebe warb, nur dem Drange meines eigenen Herzens folgte und allerdings zugleich die selbstsüchtigen Absichten anderer durchkreuzte, die kein Anrecht auf sie hatten. – – Ja, ja, sie verdient das ihr gebrachte Opfer vollständig, daran ist kein Zweifel.«

Diese leise gemurmelten Worte schienen Mr. Tapleys Ohr erreicht zu haben, wenigstens blieb er mit einem unbeschreiblichen Gesichtsausdruck unbeweglich stehen, bis Martin aus seinem Grübeln erwachte und sich nach ihm umsah. Da wandte er sich ab, als fiele ihm plötzlich die Notwendigkeit gewisser Reisevorbereitungen ein, lächelte gezwungen und schien sich, nach den Bewegungen seiner Lippen zu schließen, zu denken:

»Na, das kommt ja recht nett.«

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