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Marquise von Pompadour

Dora Duncker: Marquise von Pompadour - Kapitel 6
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typefiction
authorDora Duncker
titleMarquise von Pompadour
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V.

Die Hauptfreude, die Jeanne im Hôtel des Chèvres erwartete, war ihr Kind.

In jeder Morgenfrühe, ehe sie nach Versailles fuhr, schaukelte sie die Kleine auf den Knien, überzeugte sie sich von ihrem Wohlsein und gab der Amme und der Mutter tausenderlei Anordnungen für das Gedeihen des kleinen Wesens.

Madeleine Poisson sprang gewöhnlich schnell von dem Thema der Kinderpflege ab. Einstweilen war Alexandra noch kein Faktor, mit dem man rechnete. Später, wenn ihre Enkelin ein schönes Mädchen zu werden verhieß und man sich mit Heiratsplänen für sie beschäftigen mußte, würden die Dinge anders aussehen.

Jetzt sprach Madeleine Poisson nur vom König und wieder vom König.

Als kluge und in allen Liebesdingen wohlerfahrene und gewitzte Frau kargte sie nicht mit ihren Ratschlägen:

»Zeige ihm ein immer neues Gesicht; nichts langweilt die Männer so sehr als Monotonie. Laß ihn in Liebesstunden lange werben, dann aber zwinge deiner Natur die heißeste Glut ab! Der Mann will fühlen, daß er geliebt ist. Du mußt seiner Art jedes Geheimnis ablocken, damit du ihn in der Hand behältst und die Glut, wenn sie am Erlöschen ist, neu zu schüren verstehst. Du begreifst, Jeanne!

In deinem besonderen Falle bezähme deinen Ehrgeiz, deine Machtgelüste. Du weißt, was Binet uns gesagt hat: Schon der Gedanke, daß eine Frau trachten könnte, ihn zu beherrschen, macht den König erkalten. Zeige dich ihm nur als liebendes Weib, und du wirst sehen, du erreichst spielend, wonach du dich sehnst!«

Madeleine Poisson reckte die mageren, einst so herrlichen Arme.

»Ach, wenn ich's erlebte, dich in Ruhm und Glanz und Pracht als des Königs von aller Welt anerkannte Geliebte zu sehen! Jeanne, meine Jeanne.«

Madeleine stürzte sich auf ihr Kind.

Jeanne wehrte kaltblütig ab und warf den Kopf stolz in den Nacken.

»Ich denke, Sie werden nicht allzu lange zu warten brauchen.«

Madame Poisson sah bewundernden Blickes auf ihre Tochter.

»Ich glaube es gern, mein Kind. Wer könnte dir widerstehen! Und der arme Binet, der deinen Erfolg büßen muß!«

Jeanne wehrte ab.

»Der Bischof hat ihn zur Rede gestellt, ist scharf mit ihm ins Gericht gegangen, das stimmt. Aber Binet hat alles geleugnet, das beste, was er tun konnte. Im übrigen ist er schlau genug, sich beim Dauphin zu halten.«

Jeanne lächelte siegesbewußt.

»Wenn es nötig sein sollte, werde ich mich beim König für ihn verwenden.«

Sie hob die Stimme. Ein drohendes Licht funkelte in ihren Augen.

»Der Jesuit mag sich hüten. Die Stunde wird kommen, wo ich ihn, wo ich ihnen allen jeden Stein heimzahle, den sie mir in den Weg zu werfen wagen. Ich hab's ihnen nicht vergessen, wie die schwarzen Gesellen mir schon bei den Ursulinerinnen die Kindertage zu vergiften trachteten. Wie sie mich zur Beichte zwangen, mir Worte in den Mund legten, die ich nie gedacht, geschweige denn gesprochen hatte. Wie sie die unschuldigsten Dinge zu ungeheuerlichen Selbstanklagen ausspannen.

Und das hämische Siegerlächeln, mit dem sie mich heimlich streiften – besonders dieser Pater Cölestin – wenn er bei der Messe mit seinen Katzenschritten an mir vorüberschlich. Seine kleinen boshaften Augen zwinkerten, als wollten sie sagen: Warte nur du – wir kriegen dich auch noch in unsere Fänge, wenn deine Zeit gekommen ist.«

Jeanne war aufgesprungen, zornig und erregt. Einen Augenblick stand sie hoch aufgerichtet, in königlicher Haltung da.

»Sie sollen sich verrechnet haben!«

Ihre Zähne gruben sich tief in die Unterlippe.

Madeleine Poisson schüttelte mißbilligend den Kopf.

»Du solltest dir das endlich abgewöhnen, Jeanne, Du verdirbst deinen reizenden Mund.«

Jeanne hörte nicht auf sie. »Ich muß nach Versailles zurück. Der König erwartet mich nach der Ministeraudienz. Der Wagen ist schon vorgefahren.« In der Tür blieb sie noch einmal stehen und fragte kalt und nachlässig:

»Was sind für Nachrichten von Charles da? Ich habe seine letzten Briefe nicht mehr geöffnet. Es ist so zwecklos, immer wieder von seiner Liebe, seiner Sehnsucht zu lesen. Ist er noch in Mageanville bei Monsieur de Savalette? Oder hat er seinen Osterbesuch abgebrochen? Ich hoffe, Onkel Tournehem wird ihn noch eine Weile bei den Savalettes festhalten. Ich kehre erst in einigen Tagen ganz nach Versailles zurück.«

»Nach dem, was Tournehem schrieb, werden sie zusammen Anfang der Woche von Mageanville kommen.«

Die Zeit drängte. Jeanne verabschiedete sich kurz und herzlich von ihrer Mutter und stieg raschen Schrittes zu dem Mietswagen hinab, den der König ihr zur Verfügung gestellt hatte.

Kaum eine Stunde später trat Herr von Tournehem in den blauen Salon des Hôtel des Chèvres.

»Zurück? Was ist geschehen?« rief Madeleine aufgeregt.

»Charles war nicht mehr zu halten. Er behauptet, die Sehnsucht nach seiner Frau bringe ihn um. Er folgt mir auf dem Fuß. Er muß irgendeinen Verdacht geschöpft haben. Wo ist Jeanne? Er sucht unten nach ihr.«

»In Versailles, Gott sei Dank!« rief Madeleine Poisson atemlos, »Sie muß dort bleiben. Er bringt sie sonst um.« »Nur ruhig, wir müssen um vorbereiten. Rücksicht nehmen. Schließlich ist er der Ehemann.«

In diesem Augenblick riß d'Étioles die Tür des Salons auf. Er hielt die kleine Alexandra auf dem Arm, die er aus ihrem Mittagsschlaf gerissen hatte. Das Kind schrie jämmerlich.

»Wo ist Jeanne?« rief er aufgeregt mit lauter Stimme, »wo ist meine Frau?«

»Schrei nicht wie ein Tier!« drang Madeleine wütend auf ihn ein und riß ihm das Kind aus den Armen, »was sind das für Manieren?«

»Meine Frau will ich! Wo ist Jeanne, Madame?«

Tournehem machte Madeleine ein Zeichen, zu schweigen.

»Gehen Sie, Madame. Bringen Sie die Kleine wieder zu Bett.«

D'Étioles stürzte sich auf seine Schwiegermutter und hielt sie mit beiden Armen wie in einer Eisenklammer fest.

»Sie soll nicht gehen. Sie soll mir Rede stehen. Nanette sagt, Jeanne ist vor einer Stunde fortgefahren, in einem fremden Wagen, in dem sie schon öfter gefahren ist. Was ist das für ein Wagen, wohin ist sie gefahren?«

Charles Guillaume tobte.

Die zarte schwächliche Frau weinte laut auf vor Schmerz und versuchte vergebens, sich aus der Umklammerung ihres Schwiegersohnes zu befreien. Leise, schon wieder halb im Schlaf greinte das Kind.

»Laß sie los, Charles! Gehen Sie, Madeleine. Ich werde mit ihm sprechen.«

Madeleine Poisson, das Kind im Arm, schwankte mehr, als sie ging. Sie konnte sich vor Angst kaum auf den Füßen halten. »Welche Bestie, welche wilde Bestie,« murmelte sie zwischen den Zähnen. »Dieu merci, daß Tournehem da ist.« –

Charles war in einem der schweren blauen Sessel zusammengesunken. Er hielt das Gesicht in den Händen und stöhnte laut.

Tournehem trat zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter.

Er war entschlossen, dem Unglücklichen die Wahrheit zu sagen, die er ja doch einmal erfahren mußte.

»Mein lieber Junge, höre mich so ruhig an, als du es vermagst.«

»Wo ist meine Frau? Um Gottes willen, Onkel, wo habt ihr meine Frau?« schrie Charles, ohne auf Tournehem zu hören.

Er saß da wie gebrochen. Die Tränen stürzten ihm aus den Augen.

Tournehem hatte sich einen Stuhl nahe zu dem Sitz seines Neffen geschoben und hielt den jungen Mann bei beiden Händen, fest, liebevoll.

»Was nützt es, mein lieber Junge, dir die Wahrheit länger zu verschweigen.«

»Sie ist tot!« schrie Charles auf.

»Nein, sie lebt, aber du wirst gut tun, sie als eine Tote zu betrachten. Du mußt dich von ihr trennen, sie als ewig für dich verloren ansehen.«

Étioles war aufgesprungen. Weiß bis in die Lippen, mit verglasten Augen stierte er seinen Onkel an.

»Was – was sagst du da ?«

»Die einfache Wahrheit, mein Junge. Trachte, sie zu fassen.«

Charles brüllte auf wie ein Stier. Er hob die Faust gegen Tournehem.

»Das ist Ihr Werk, Onkel, und das dieser verfluchten Poisson. Ihr habt mich fortgeschickt, um sie zu verkuppeln. Aber wartet nur – wartet! Das soll euch schlecht bekommen! Schafft mir Jeanne zurück – oder –« er suchte in seinen Taschen nach einer Waffe.

Auch Tournehem hatte sich erhoben. Er legte beide Hände auf die Schultern seines Neffen so fest, daß Charles vergebens versuchte, ihn abzuschütteln.

»Du kennst Jeanne, oder vielmehr du kennst sie nicht, denn du hast es trotz aller Leidenschaft für sie niemals verstanden, sie an dich zu fesseln. So weit aber kennst du sie, um zu wissen: es gibt nur einen Willen für sie – den eigenen!«

D'Étioles stöhnte laut und ließ sich von Tournehem auf seinen Sitz zurückdrücken.

»Sie wollte gehen, und niemand vermochte, sie zu halten.«

»Sie ist bei einem Mann! Er soll es büßen! Mit seinem Leben soll er es büßen!«

Rasend vor Eifersucht stieß Charles es hervor.

»Du hast recht, ja. Jeanne ist bei einem Mann. Sie liebt diesen Mann über alles – und dieser Mann liebt sie über alles wieder – und dieser Mann –«

»Ist ein Schuft – ein Ehrloser –«

»Pst!« machte Tournehem. »Dieser Mann steht hoch über uns allen. Keine Rache und keine beleidigte Gattenehre reicht an ihn heran.«

Étioles begriff nicht. »Den Mann möchte ich sehen!« höhnte er.

Tournehem wies auf den blauen Seidengrund der Wand über dem Kamin, auf dem ein Bild Louis' XV. hing.

»Da, sieh ihn!«

Étioles verstand noch immer nicht. Verwirrt starrte er auf das Bild.

Er war ein guter Patriot und konnte nicht begreifen, was der Monarch mit dem Jammer und dem Schmutz seines Hauses zu tun haben sollte.

»Laß den König aus dem Spiel!« herrschte er.

»Schlecht möglich, mein Junge; denn er ist es, den Jeanne liebt, und von dem sie wiedergeliebt wird.«

Charles stieß einen unartikulierten Laut aus. Dann brach er zusammen. Mit den Händen in die Luft greifend, fiel er zu Boden. Eine lange, schwere Ohnmacht umfing ihn.

Eine Stunde vor dem Souper, das Jeanne, ehe die italienische Komödie begann, allein mit dem König nehmen sollte, erreichte sie ein Bote Tournehems, der sich sofort nach Abgabe des Briefes wieder entfernen wollte.

Jeanne hielt ihn zurück.

»Ist Herr Le Normant de Tournehem wieder in Paris?«

»Seit heute mittag, Madame.«

»Ist keine Antwort?«

»Nein. Wenn Madame fragen sollte, soll ich sagen: Es sei dringend notwendig, daß Madame sich den Anordnungen fügt, die in dem Brief stehen.«

»Es ist gut.«

Jeanne, die soeben ihre Toilette mit Hilfe einer Kammerfrau der Königin in dem Zimmer Frau von Maillys beendet hatte, öffnete das Schreiben des Onkels, das mit dem Bemerk »sekret und persönlich« versehen war.

Sie sah auf den ersten Blick, daß es nichts Gutes bedeutete. Tournehem schrieb ziemlich lakonisch, Charles sei heute mittag in seiner Gesellschaft zurückgekommen. Er sei nicht mehr zu halten gewesen. Da kein anderer Ausweg übriggeblieben, habe er ihm die volle Wahrheit gesagt. Er habe wie ein Rasender getobt, sei dann in eine tiefe Ohnmacht gefallen, aus der er, wenn möglich, noch rasender erwacht sei.

Man habe ihm alle Waffen fortnehmen, ihn in sein Zimmer einschließen müssen. Es sei dringendst geboten, daß sie nicht wieder nach Hause zurückkehre, sondern in Versailles bleibe; er könne sonst für nichts gutsagen. Ihre Sehnsucht nach Alexandra möge sie bezwingen. Es würden sich Mittel und Wege finden, das Kind zu sehen. Briefe Charles' möge sie unbeantwortet lassen und im übrigen ihm die Entwirrung der Angelegenheit anvertrauen.

»Gott sei Dank, daß wir Tournehem haben,« dachte Jeanne, wie die Mutter es zuvor gedacht hatte.

Trotzdem sie dem Onkel ganz vertraute, überlief sie doch ein leises Gruseln. Sie kannte ihren Mann und die rasenden Ausbrüche seiner Eifersucht. Wenn er sich heimlich davonstähle, ihr auflauerte, einen Skandal provozierte, der sie bei Hofe unmöglich machte!

Sie mußte den König um Schutz anflehen. Nur bei ihm fühlte sie sich sicher. Sie mußte ihm das Versprechen ablocken, sie gleich heute nach der Komödie in Versailles zu behalten. Dorthin zu dringen, würde Charles nicht wagen. Dazu fehlte ihm denn doch der Mut. –

Um zu erreichen, was sie erreichen wollte, mußte sie heute doppelt schön, doppelt heiter und unterhaltend sein.

Sie seufzte leise auf. Sie fühlte sich nicht besonders wohl diesen Abend. Ein leichter Husten quälte sie noch immer, und die Rauheit der Kehle wollte nicht weichen. Dazu der Brief Tournehems mit seinen aufregenden Nachrichten!

Jeanne wurde sehr nachdenklich. Bei einem zarten Körper wie dem ihren würde es nicht immer leicht sein, den Anforderungen gerecht zu werden, denen sie gerecht werden mußte, um den König dauernd zu fesseln.

Rasch schüttelte sie diesen Gedanken wieder von sich ab. War sie nicht jung? Hatte sie nicht einen starken Willen, stark genug, alles körperliche und seelische Ungemach spielend zu bezwingen?

Sie trat vor den Spiegel. Sie sah erschreckend blaß aus. Sie legte wider ihre Gewohnheit ein wenig Rot auf, zupfte die Spitzen um den runden Ausschnitt und die weit ausfallenden Ärmel ihres Kleides zurecht, betrachtete die mit Blumen und Seidengaze durchwundene Frisur, die die Kammerfrau Ihrer Majestät heute geordnet hatte, und ließ im Schein der Kerzen die Brillanten spielen, welche der König ihr zur Erinnerung an die erste Liebesnacht geschenkt.

Dann trank sie das Glas Milch leer, das auf dem Toilettentisch für sie bereit stand, und nahm ein paar von den Tropfen, die der Hausarzt ihr schon als Kind gegen Heiserkeit verschrieben hatte.

Sie wußte, der König legte Wert auf den melodischen Klang ihrer Stimme. – – – –

Louis war nicht zum besten gestimmt. Sie sah es auf den ersten Blick. Irgend etwas bedrückte ihn, eine Einbildung oder ein wirkliches Geschehnis. Er war so zerstreut, daß er ihre Gegenwart kaum zu bemerken schien.

Jeanne schickte die Blaulivrierten mit einer kurzen, herrischen Gebärde aus dem Zimmer.

Sie zerlegte ihm selbst das Wildbret und das zarte Geflügel, sie forderte ihn auf, von dem Ragout zu nehmen, das er besonders gern aß, sie schenkte ihm von dem schweren Burgunder, den er mehr als den Champagner liebte, ein. Wie von ungefähr streifte sie mit der Hand an die seine.

Er blickte sie an. Wie schön sie war! Schöner dünkte sie ihn denn je.

»Jeanne,« sagte er, »du! Komm näher, ganz nahe! Welch ein elender Tag!«

Er stöhnte laut und blickte wie abwesend vor sich hin.

»Die Königin suchte mich nach der Messe in meinen Gemächern auf. Es ist ihr Recht. Ich ahne nicht, ob sie etwas weiß. Sie langweilte mich unerträglich. Wie recht hat König Stanislaus, der mir einmal schrieb: ›Ich begreife dich, mein Sohn, und verzeihe dir alles. Meine Frau war genau so langweilig, wie meine Tochter, deine Gemahlin, es ist. Man kann schwer zwei langweiligere Königinnen finden. Du tust mir aufrichtig leid.‹«

Jeanne, die ihr Gesicht sonst vollkommen in der Gewalt hatte, konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Diese Aufrichtigkeit der Monarchen untereinander hatte entschieden einen belustigenden Beigeschmack.

Der König sah es, aber er zürnte ihr nicht.

»Du lächelst, unartiges Kind! Ach, ich sage dir, es ist nicht viel Heiteres dabei. Übrigens war der sehr ausgedehnte Besuch der Königin nicht alles. Herr Boyer, Bischof von Mirepoix, hatte um eine Audienz nachgesucht. Ich hatte keine Ursache, mich vor ihm zu verstecken. Als er anfing, mir Moral zu predigen, auf den verderblichen Einfluß der Philosophie und ihrer Anhänger anzuspielen, habe ich ihn sanft vor die Tür befördert. Auch Maurepas, der auf den Bischof folgte –«

Er unterbrach sich.

»Nichts von Politik!«

Jeanne war enttäuscht. Sie hatte ganz und gar nicht die Absicht, sich mit dem König nur über Liebe und Kunst zu unterhalten.

Sie wußte, Louis arbeitete gern mit Maurepas. Er war einer von den wenigen Ministern, der es verstand, ihm die Arbeit leicht und angenehm zu machen. Was hatte es heute zwischen ihnen gegeben?

Sie brannte darauf, die Räder der Staatsmaschine surren zu hören, in ihre Geheimnisse einzudringen, zu sehen, was andere nicht sahen, heute und morgen.

Übermorgen sollte das Räderwerk bereits stoppen oder laufen nach ihrem Belieben. Der Atem stockte ihr vor heimlicher Wonne.

Zunächst aber hieß es geduldig sein! Ohne daß der König ihre Absicht spürte, mußte sie der Politik nahe und näher kommen. Dazu war der Tag noch nicht da. Und heute vor allem mußte sie Vorsicht üben. –

Louis hatte die Speisen beiseite geschoben und sein Glas in einem Zuge leergetrunken. Schon lagen neue Schatten über seinen schönen, blauen Augen, die in guten Stunden so hinreißend blicken konnten.

Jeanne füllte ihm den Kristallkelch aufs neue mit dem schweren Burgunder, während sie selbst von dem süßen Muskateller nippte.

Er behielt ihre Hand mit dem Glase zugleich zärtlich in der seinen.

»Auf dein Wohl, mein Kind!«

»Ich habe die guten Wünsche Euer Majestät sehr nötig. Auch für mich war der Tag ein trauriger.«

»So, so,« meinte der König. »Was ist überhaupt am Leben! Am besten, man wäre nie geboren oder aber würde bald von hinnen gerufen, wie es mir beschieden ist.«

Er fiel wieder in sein dumpfes Schweigen zurück.

Jeanne senkte mutlos den reizenden Kopf. Gleich aber riß sie sich wieder zusammen. Es mußte sein; sie mußte ihn heute ganz auf ihrer Seite haben. Er durfte nichts denken, nichts fühlen als sie.

Ihre rege, niemals müde Phantasie kam ihr zu Hilfe.

In der melancholisch mystischen Stimmung, in der er sich befand, aufs neue von Todesahnungen gequält, was konnte sie Klügeres tun, als seinen Aberglauben zu Hilfe rufen!

»Majestät erzählten mir kürzlich von einem Spazierritt an einem nahen Dorfkirchhof vorüber. Majestät hatten, nach Euer Majestät Gewohnheit, einen Herrn der Begleitung auf den Kirchhof geschickt, zu sehen, ob frische Gräber aufgeschüttet seien. Als Herr von Sainteville zurückkam und die Frage Euer Majestät bejahte, überfiel Euer Majestät aufs neue die Furcht vor einem nahen Tode, in der Meinung, das offene Grab mahne an einem solchen.«

Louis, der ihr anfangs nur sehr zerstreut zugehört hatte, stieß das Glas heftig von sich.

»Weshalb erzählst du mir das?«

»Weil ich heute nacht einen seltsam schönen Traum hatte, Sire,« sie sah ihn zärtlich an, »und weil ich weiß, daß Euer Majestät an Träume geliebter Personen glauben!«

»Erzähle, Jeanne!«

»Wir ritten zusammen ins offene Land. Niemand sonst, wir beide allein. Es war ein Frühlingsmorgen, hell und lachend, wie der heutige es war. Von fern ragten Kreuze auf, golden in der Sonne funkelnd. Sie griffen nach meiner Hand, Sire, und sagten fröhlich: ›Komm, Jeanne, wir reiten geradeswegs auf den Kirchhof zu. Das Leben ist schön, wir sind jung, sind glücklich, der Tod kann uns nichts anhaben.‹ Wir zogen die Zügel straffer und sprengten dahin, daß Sand und Rasen hinter uns aufflogen. Wir hielten an der Kirchhofsmauer. Drei offene Gräber! Majestät erschraken einen kurzen Augenblick. Aber kaum, daß das Auge Euer Majestät die Gräber getroffen, schlossen sie sich wie durch einen Zauber. Tausend bunte Blumen überblühten die kahlen Stätten und leuchteten wie das Leben selbst in der goldenen Morgensonne.«

Des Königs Augen strahlten. Mut, neue Lebenshoffnung stand darin.

Er riß das junge Weib an sein Herz.

»Meine Jeanne, meine geliebte Jeanne, was du sagst, muß ja Wahrheit werden. Komm, wir wollen glücklich sein, weil das Leben so schön, der Tod so weit ist.«

Er hielt sie an sich gepreßt. Sie machte sich sanft von ihm los.

»Und mein Kummer, Sire! Soll mir für den kein Trost werden?«

»Jeder, den du haben willst !«

Er schlang seinen Arm um sie, sie ins Nebengemach aufs Ruhelager zu führen, sie aber widerstrebte und sah ihn traurig an.

Sie hob die Hände zu ihm auf mit einer Gebärde, die sie unwiderstehlich machte.

»Mir ist ein großes Unglück widerfahren, Sire. Mir droht Gefahr, vor der nur Euer Majestät mich schützen können.«

»Gefahr?« Er rief es erschreckt.

»Mein Gatte ist zurückgekommen. Er tobt vor Eifersucht und Wut. Er will mir ans Leben. Er will mich Euer Majestät mit Gewalt entreißen. Ach, was will er nicht!«

Sie sank, am ganzen Leibe bebend, schluchzend an seine Brust.

Einen Augenblick lang war ihm sehr unbehaglich zumute gewesen.

Kaum daß er aufgeatmet, drohte neues Unheil!

Sobald er den jungen, geliebten Leib aber wieder an seiner Brust fühlte, empfand er nur den einen Wunsch, Jeannes Kummer so rasch als möglich ein Ende zu machen.

»Ich kann nicht wieder nach Hause!« schluchzte sie.

»Komm, beruhige dich, mein Kind. Du bleibst heute nacht schon in Versailles. Verläßt es niemals wieder. Du schläfst wieder in deinen Gemächern. Ayen soll alles ordnen. Ich bin bei dir. Ich beschütze dich. Dein Mann erhält morgen meine königliche Weisung, daß er unverzüglich in die Scheidung von dir zu willigen hat.«

Sie küßte seine Hand.

»Dank, heißen Dank, Sire. Nie werde ich diese Stunde vergessen.« Dann seufzte sie tief. »Nur eines, eines möchte ich vergessen.«

»Was denn, mein Kind?«

»Den Namen, den ich mit dem Verhaßten gemeinsam trage.«

Louis wurde ungeduldig. Heiß drängte sein Blut.

»Auch dafür wird sich Rät finden. Der Name Étioles sei ausgelöscht durch einen neuen Namen, einen neuen Rang.«

Jeanne jubelte. Erreicht! Die erste Staffel zu Glück und Größe erreicht!

Sie warf sich ihm stürmisch in die Arme. Ihre Küsse und Liebkosungen waren nie so heiß und aufrichtig gewesen, als in dieser Nacht.

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