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Marquise von Pompadour

Dora Duncker: Marquise von Pompadour - Kapitel 5
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typefiction
authorDora Duncker
titleMarquise von Pompadour
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IV.

Die Märzsonne schien. Die Fasten waren vorüber. Zugleich mit dem beginnenden Frühjahr, das seine ersten Zauber über die Gärten von Versailles ausgeschüttet hatte, begannen die höfischen Festlichkeiten von neuem.

In einem Vorzimmer zu den petits cabinets saßen die Herren von des Königs Begleitung, die vor einer Stunde mit ihm von der Jagd gekommen waren und nun auf den Befehl Seiner Majestät zum Jagdsouper warteten.

Der Herzog von La Vallière,Urenkel François' von La Vallière, des Bruders Louises von La Vallière. Siehe »Ein Liebesidyll Ludwigs XIV.« dessen größter Ehrgeiz es war, Leiter der Bühnen Seiner Majestät zu werden, wandte sich an Richelieu und Ayen.

»Darf ich fragen, meine Herren, wie Ihnen gestern abend das Ballett von Rameau gefallen hat?«

Richelieu tauschte einen raschen Blick mit dem Herzog von Ayen, der eine ebenso boshafte als geistreiche Bemerkung auf der Zunge hatte.

»Nicht übel,« meinte Richelieu, »obwohl mir alles in allem – der Zuschauerraum bedeutend interessanter erschien.«

»Ganz meine Meinung,« spöttelte Ayen.

La Vallière lächelte verständnisvoll.

»Ich kann Ihnen nur Recht geben, meine Herren. Vor allem dünkte mich der Platz interessant, auf dem die schönste der Frauen mitten zwischen den Hofdamen Ihrer Majestät saß.«

La Vallière trat dichter an die Herzöge heran, damit ihn der junge polnische Edelmann nicht hören sollte, der gestern mit Aufträgen Stanislaus' an seine Tochter, die Königin, in Versailles eingetroffen war.

»Sie werden nach diesem Eklat nicht mehr bestreiten wollen, meine Herren, daß die Gemächer der Mailly neben den kleinen Kabinetten wieder bewohnt sind.«

Richelieu zuckte die Achseln.

La Vallière wandte sich an Ayen.

»Sie als Vertrauter Seiner Majestät –«

Richelieu fuhr mit frivolem Lächeln dazwischen.

»Zeichnen natürlich verantwortlich für die Erfolge Madame d'Étioles', wenn man auch geneigt ist, dem armen Binet die ganze Geschichte in die Schuhe zu schieben.«

»Ich habe gar keine Ambitionen, mich gegen Ihre Angriffe zu verteidigen, meine Herren. Ich wollte den König während der Festlichkeiten für den Dauphin bei guter Laune halten, das ist mir gelungen. Weiteres –«

»Weiteres ist Ihnen noch besser gelungen, Ayen. Nämlich die Prinzessin von Rohan zu ärgern, die Sie nicht ausstehen können, Herzog.«

Richelieu legte Ayen die Hand auf die Schulter und sagte in scherzhaftem Ton:

»Sie sehen, mein lieber Ayen, es gibt immer noch Leute, die selbst dem gewiegtesten Kartenmischer ins Spiel zu gucken vermögen. Im übrigen –«

Richelieu sprach leiser fort und sah sich nach dem Polen um, der seitab am Fenster stand und melancholisch in den Halbdämmer der Gärten hinuntersah. »Im übrigen haben die Dinge einen ernsteren Charakter angenommen, als man voraussehen konnte.«

»Ich weiß«, gab Ayen zurück. »Der Bischof tobt über die neue Favoritin, eine Favoritin ohne Religion, aufgewachsen unter den Einflüssen Fontenelles, Maupertuis' und Voltaires. Einstweilen ist der Dauphin noch zu sehr von seinen jungen Ehefreuden hingenommen, um sich seinem Erzieher anzuschließen. Auch das wird kommen!«

»Wie man mir aus sicherer Quelle mitteilt, fürchtet Mirepoix eine lange Dauer des Verhältnisses. Was ist Ihre Meinung, meine Herren?« fragte La Vallière.

»Ich erlaube mir, die gegenteilige zu haben,« entgegnete Richelieu rasch und entschieden. Ayen stimmte zu.

»Heut ist der König noch im ersten Rausch, im Bann der Schönheit und Jugend der d'Étioles. Aber rascher, als man glaubt, wird der Rausch verflogen sein. Ob der König sich auch tausendmal verschworen hat, keine Frau von Geburt mehr anzusehen, er wird, und das sehr bald, zu einer von ihnen zurückkehren. Ich kenne den König im Punkt der Liebe besser als irgend jemand sonst. Nie und nimmer wird ihn eine Frau aus dem Bürgerstand dauernd fesseln. Bei allen Vorzügen fehlt der d'Étioles doch, was jeder Frau fehlt, die nicht zu uns gehört, jene echte Vornehmheit, die der König nicht entbehren kann, die Noblesse der Manieren, an die er gewöhnt ist. Wo soll sie auch herkommen bei dieser geborenen Poisson?«

»Vergessen Sie nicht, meine Herren,« mischte sich La Vallière ins Gespräch, »die d'Étioles ist nicht nur schön, sie soll auch für alle Künste begabt und ungewöhnlich geistreich sein. Der Bischof steht auf dem Standpunkt, daß nicht die Geburt, sondern die Erziehung den Ausschlag gibt, und daß nichts sich leichter erziehe als eine geistreiche Frau, wenn sie sich nämlich erziehen lassen will.«

»Und der bürgerliche Name?«

»Namen und Titel kann der König bis zu jeder beliebigen Höhe verleihen.«

»Hat der Bischof auch mit Ihnen gesprochen, La Vallière?«

Der Herzog zuckte die Achseln.

»Vielleicht. Jedenfalls steht er auf dem Standpunkt, daß wir Hofleute die Gefahr unterschätzen, die in dieser leidenschaftlichen Hingabe des Königs liegt, weil wir es für ausgeschlossen halten, daß der König sich dauernd an eine bürgerliche Favoritin attachiert. Wer weiß, vielleicht hat Mirepoix recht.«

»Ich bleibe bei meiner Meinung.«

Ayen pflichtete Richelieu bei.

In der Tür erschien einer der Offiziere vom Dienst und brachte die Mitteilung, daß Seine Majestät den Herren danken lasse. Er beabsichtige, allein zu soupieren.

Als die Tür sich hinter dem Offizier wieder geschlossen hatte, begegneten die Augen Richelieus und Ayens sich in einem betroffenen Blick.

La Vallière aber sagte:

»Alle Achtung vor dem Scharfblick des Bischofs!«

Während die Herren von der Jagdgesellschaft unten auf die Befehle ihres Monarchen warteten, durchstreifte der König Arm in Arm mit Jeanne d'Étioles das Gewirr der kleinen Gemächer, der Geliebten alle Herrlichkeiten und Wunder dieses königlichen Schlupfwinkels unter den Dächern von Versailles zu zeigen.

Er führte sie von Treppe zu Treppe, durch alle Irrgänge, die nur dem König selbst und wenigen seiner Vertrauten bekannt waren. Er zeigte ihr seine reiche Bibliothek, seine Bilder und Landkarten, seine Drechselbank, seine Bäckereien und Küchen.

Er führte sie auf die oberen Terrassen mit ihren kunstvollen Gartenanlagen und den großen goldenen Vogelhäusern, in denen es hundertstimmig durcheinander pfiff, sang, schmetterte.

Jeanne hatte die Augen überall. In ihrer lebhaften Art, zu sprechen, sich zu geben, zeigte sie für alles Verständnis, fragte sie mit unfehlbar sicherem Instinkt nach dem, wonach der König gefragt sein wollte.

Er streichelte zärtlich ihr schönes Haar, küßte den lächelnden, lebhaft plaudernden Mund.

»Höre nur, wie sie singen, meine kleinen Hofsänger! Tu's ihnen nach und laß mich endlich deine liebe Stimme hören. Sing mir die alten Lieder von Lully, die man am Hof des Sonnenkönigs so gern hörte.«

Jeanne machte ein trauriges Gesicht.

»Sobald diese unartige Kehle wieder geschmeidig ist, Sire. Die kleinen Sänger haben es besser. Sie leiden nicht an Katarrhen und haben von den bösen Märzstürmen nichts zu fürchten.«

Louis schüttelte besorgt den Kopf.

»Der Katarrh noch immer nicht behoben? Du solltest einen Arzt fragen, Jeanne. Ich würde dir einen meiner Leibärzte schicken, wenn ich nicht fürchtete –«

Jeanne wußte sofort, wo der König hinauswollte.

»Nein, nein, Sire. Um keinen Preis. Der Arzt, der mich schon als Kind behandelte, hat in solchen Fällen viel warme Milch verordnet. Ich werde ganz gehorsam sein.«

Sie waren inzwischen durch ein paar reich dekorierte Räume in die »kleine Galerie der kleinen Gemächer« gekommen, die der König besonders bevorzugte.

Neben der Galerie lag das »grüne Gewölbe«, in dem nach der Jagd des öfteren gespeist wurde.

Jeanne bewunderte die Jagdbilder von Lancret, Vanloo, Boucher und De Troy mit eingehendem Verständnis.

»Woher hast du all deine Weisheit, meine kleine Jeanne?«

Und Jeanne erzählte von den Sammlungen Onkel Tournehems, von ihren Zeichnungen und Gravüren und bat, gelegentlich ein Porträt Seiner Majestät nach Nattier gravieren zu dürfen.

Sie entwickelte ihm im Augenblick der Unterhaltung in ihrem klugen Kopf entstandene Ideen zu neuen Kunstsammlungen, sprach ihm von Plänen zu umfangreichen Kunstbauten, so sachlich und präzise, als habe sie jahrelang über diese Probleme nachgedacht.

Der König war ganz Ohr. Die Zeit ging ihm im Fluge dahin. Er fühlte sich wohl und glücklich wie lange nicht. Welch ein Vergnügen, mit einer so schönen und dabei so grundgescheiten Frau zu plaudern!

Ein Schatten ging über sein Gesicht, wenn er daran dachte, wie wenig Interesse seine Familie für seine Liebhabereien, für seine stillen, ausschließlich nach seinem Geschmack eingerichteten Winkel zeigte.

Selten nur kamen seine Kinder in diesen seinen köstlichsten Schlupfwinkel, von Maria Leszinska ganz zu schweigen, die die kleinen Gemächer seit Jahren nicht mehr betreten hatte. Ja selbst zu der Zeit, da ihre Ehe noch eine glückliche gewesen, hatte sie niemals an seinen Liebhabereien teilgenommen.

Während Jeanne aufmerksam die Skulpturen betrachtete, die außerordentlich geschickt der geringen Zimmerhöhe angepaßt waren, fragte sie den König, ob Ihre Hoheit die Dauphine nicht begeistert von allen Herrlichkeiten der kleinen Kabinette sei.

Ein bittrer Zug stand um den Mund des Königs.

»Wirst du es mir glauben, Jeanne, daß Maria Rafaela meine väterlichen Aufmerksamkeiten mit der auffälligsten Gleichgültigkeit entgegennimmt?«

»Wie ist das möglich, Sire?«

»Was wäre nicht möglich bei Personen, die unter dem Einfluß des Dauphin und seiner Jesuiten stehen! Wahrscheinlich haben mein Sohn und Mirepoix Maria Rafaela so viel furchtbare und abschreckende Märchen von den kleinen Kabinetten erzählt, daß sie es mit ihrer Moralität nicht vereinbar halt, sie zu betreten. Nach dreimaliger Aufforderung hat meine Schwiegertochter geruht, gestern endlich im Schutz des Dauphins in die Höhle des Löwen zu gehen.«

Louis lachte erbittert auf.

Dann schlang er den Arm um Jeanne, und sich wie schutzsuchend an sie lehnend, sagte er mit tiefer Melancholie:

»Du weißt nicht, du kannst nicht ahnen, wie grenzenlos einsam und traurig ich mich oft fühle, wie von Todesangst und Todessehnsucht zugleich gepackt. – Du darfst mich nie verlassen, du mußt immer um mich sein. Versprich mir das, Jeanne!«

»Sire, wie gern verspreche ich das!« Sie sah zu ihm auf, ob sie ein freies Wort wagen dürfe. Er war ganz Schwäche, haltlose Hingebung. »Wenn ich nur verstünde, weshalb Euer Majestät bei so liebevollen Gesinnungen für meine Person geruht haben, mich aus meinen Gemächern in Versailles wieder in das Hôtel des Chèvres zurückzuschicken?«

Louis schwieg nachdenklich und streichelte ihr zärtlich Arm und Hände.

»Wir wollen jetzt speisen, zum erstenmal unter vier Augen, Jeanne. Dann sprechen wir davon.«

Sie nahmen die Mahlzeit ganz allein. Die Lakaien in ihren blauen Livreen stellten Speisen und Getränke auf den Tisch, der mit Frührosen aus den Treibhäusern über und über bedeckt war, und verschwanden dann lautlos wieder.

Die Kerzen, die aus einer Onyxschale strahlten, verbreiteten ein mildes Licht.

Des Königs Mienen waren noch nicht wieder heller geworden. Jeanne versuchte auf alle Weise, ihn zu zerstreuen, ihn wieder heiter zu stimmen.

Sie erzählte ihm drollige kleine Geschichten aus dem Kloster und allerhand Neuigkeiten, die ihr die Mutter zugetragen hatte, und die auf einem anderen Gebiet als die Neuigkeiten Lebels lagen, der seinen König allmorgendlich beim Lever mit den Intimitäten des Pariser Stadtklatsches versorgte.

Jeanne sprach von Voltaire und legte es dem König nahe, ihren alten Freund gelegentlich wieder nach Paris kommen zu lassen.

»Trotz aller Liebe zur Marquise muß es ihm doch am Ende langweilig werden, jahraus, jahrein tagsüber mit der Châtelet über Mathematik und Naturwissenschaften zu reden und des Abends mit ihr Schach zu spielen. Er soll übrigens ein neues Drama ›Sémiramis‹ unter der Feder haben, aus dem er Euer Majestät vielleicht einige Bruchstücke vorlesen darf. Es liegt Monsieur Voltaire viel am Urteil Euer Majestät.«

Louis antwortete nicht; Madame d'Étioles war in liebenswürdigen Eifer geraten. Er mochte sie nicht mit der Bemerkung kränken, daß ihm im Grunde an einem Besuch Voltaires in Versailles nichts gelegen sei.

Jeanne fragte nach der heutigen Jagd. Sie war nicht besonders ergiebig gewesen. Geschickt spielte sie das Gespräch auf die Jagden von Choisy im Walde von Sénart hinüber.

Sie packte den König bei seiner Eitelkeit. Sie erzählte ihm, wie bezaubert sie und alle anwesenden Frauen damals von seinem Anblick, von der Liebenswürdigkeit und Güte seines Wesens gewesen seien.

Langsam löste sie ihn aus seinem lethargischen Schweigen.

Er legte seine Hand heiß auf die ihre.

»Und du hast mich damals schon liebgehabt?«

Sie ließ die verführerischen, rätselhaften Augen in die seinen sinken.

»Grenzenlos, Sire.«

Er zog sie dicht an sich heran und küßte sie leidenschaftlich.

»Narr, der ich war, dich wieder gehen zu lassen. Wer versteht mich wie du? Wer liebt mich wie du? Wer bringt mich wie du über mich selbst hinaus? Wer ist so klug, so schön wie du? Höre, Jeanne. Ich habe dich nach den ersten heißen Tagen wieder aus Versailles fortgeschickt; ich wollte Vorsicht üben, dich nicht unter meinem Dach behalten. Diese Vorsicht galt in erster Stelle der Rücksicht für meine Familie. Ich wollte keinen neuen Skandal heraufbeschwören. Sie haben es mir schlecht gelohnt! Herr Boyer de Mirepoix, dieser Jesuit, mitsamt dem Dauphin haben es bereits gewagt, sich in diese meine Angelegenheit zu mischen. Mutmaßlich haben sie ihren Klatsch schon vor das Forum der Königin gebracht. Man wagt es, mich zur Rede stellen zu wollen. Mich dem Willen der Frommen im Lande zu unterwerfen.

Ich aber lasse mich nicht leiten, auch nicht dem Anschein nach,« rief er zornig. »Ich bin der König, Ich will es ihnen beweisen. Kein Jota meines Glückes sollen sie mir rauben. Ich werde ihnen zeigen, daß niemand Herr über mich ist.

Morgen abend haben wir italienische Komödie im Schloß. Nicht wie gestern im Reithaus wirst du zwischen den Hofdamen der Königin sitzen. Ich werde in der kleinen vergitterten Loge unterhalb der Loge der Königin sein. Du wirst die Loge neben der Bühne, mir und der Königin gerade gegenüber erhalten. Mag das Aufsehen so groß sein, als es wolle. Sie haben es nicht besser verdient. Ich werde Ayen noch heute abend von allem verständigen. In zwei, drei Tagen kehrst du in deine alten Gemächer neben den meinen zurück – vorläufig. Im Sommer wird die Wohnung der Châteauroux für dich restauriert werden. Einstweilen, wenn ich nicht bei dir sein kann, magst du von deinen hochgelegenen Fenstern hinausträumen über die Bäume von Versailles nach dem Wald von Marly hinüber. Im Herbst werden wir die Jagd in Marly zusammenreiten. Mein königliches Wort darauf!«

Er zog sie mit sich auf das Ruhelager im Nebengemach. Er kränzte ihr junges schönes Haupt mit den ersten köstlichen Frührosen. Er schwur ihr Liebe ohne Ende.

Und während sie seine heißen Liebkosungen mehr duldete, als daß sie sie erwiderte, verwandelte sich ihr das Wort Liebe in den Begriff »unumschränkte Macht«, eine Macht, wie sie nie vordem eine Königsgeliebte besessen hatte.

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