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Marquise von Pompadour

Dora Duncker: Marquise von Pompadour - Kapitel 28
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typefiction
authorDora Duncker
titleMarquise von Pompadour
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XXVII.

Ein kalter Februartag. Auf Wiesen und Hecken lag ein zarter Rauhreif. Die Myrten-, Jasmin- und Rosengebüsche in den Gärten von Choisy standen von glitzernden Schleiern überzogen, über die die Sonne ihr goldenes Netz spann.

Jeanne saß fröstelnd und hustend am Fenster ihres Salons und blickte auf das winterliche Bild. Wie still es in Choisy geworden war! Kein Laut, keine Schritte, kein Sprechen, kein Lachen! Der Hof war nach Versailles gegangen. Sie war zurückgeblieben – eine Kranke.

»Bis zu deiner Genesung, meine arme Jeanne!« hatte der König gesagt.

Jeanne lächelte skeptisch. Sie glaubte an keine Genesung mehr. Niemand, vielleicht nicht einmal Quesnay, wußte so gut wie sie, wie es um sie stand, wie ganz die letzte brennende Eifersucht auf die schöne Romans, in deren Banden der König noch immer lag, wie völlig der unglückselige Ausgang des Krieges sie aufgezehrt hatten.

Sie nahm einen brillantengefaßten Spiegel von dem Tischchen, das mit Medizinflaschen, Pulvern und Riechbüchschen bedeckt neben ihrem Stuhl stand.

Jeanne erschrak vor ihrem eigenen Bilde. Bleich, abgemagert, ein Zerrbild ihrer selbst. Nur ihre Augen leuchteten im alten Glanz, und um ihren blassen Mund lag, unvergänglich wie der Glanz ihrer Augen, jener Zug willensstarker Energie, der sie zur Höhe getragen hatte.

Die bleiche Frau öffnete ein kleines goldenes Döschen, das zwischen den Medikamenten stand. Sie, die die Frauen »qui s'enluminaient la mine« lebenslang belächelt hatte, sie, deren blendender Teint bis auf vereinzelte Krankheitstage niemals eine Nachhilfe nötig gehabt, malte ein feines, täuschendes Rot auf ihre Wangen. Wenn der König heute zu ihr kam, sollte er nicht in ein bleiches, verheertes Antlitz schauen.

Die Hausset trat vorsichtig ein, ein Glas heiße Milch, in die ein Beruhigungspulver gegen den krampfartigen Husten gemischt war, in der Hand.

Sie setzte das Glas neben die Marquise auf das Tischchen. Während sie ihre arme Herrin unauffällig mit einem Blick tiefsten Mitleidens streifte, sagte sie:

»Exzellenz, der Herr Minister von Choiseul bitten, vorgelassen zu werden,« und zaghaft fügte sie hinzu, »Doktor Quesnay erinnert, nicht zu lange und nicht zu lebhaft zu sprechen, Frau Marquise.«

Jeanne nickte der Hausset freundlich zu.

»Ich werde tun, was in meinen Kräften steht, aber du weißt, niemand kann über seinen eigenen Schatten springen; das Phlegma werdet ihr mir schwerlich noch angewöhnen.«

Choiseul trat sehr lebhaft ein, der ganze kleine häßliche Mensch Leben, Bewegung. Seine dicken Lippen lächelten im Triumph.

»Was gibt es? Reden Sie, Amboise! Etwas Gutes? Ich sehe es Ihnen an.«

Er eilte an ihre Seite, nahm ihre beiden noch immer schönen Hände und küßte sie.

»Ein Erfolg, Marquise, ein Triumph, an dem wir beide gleichen Anteil haben.«

Jeanne preßte die Hand aufs Herz. Sein Klopfen war so stark, daß sie das Gefühl hatte, es müsse ihrem Körper entfliehen.

»Die Jesuiten?«

Choiseul nickte. Seine lebhaften Augen strahlten. Seine Hand machte eine Geste des Auslöschens.

»Aus, vorbei. Durch den soeben erfolgten endlichen Richtspruch des Parlaments aus Frankreich gewiesen.« Zynisch, mit heuchlerisch frommem Augenaufschlag fügte er hinzu:

»Gelobt sei Jesus Christus in Ewigkeit, Amen!«

Jeanne war aufgesprungen. Die Freude hatte Ihr Flügel verliehen. Aller Decken und Hüllen ledig, stand sie hochaufgerichtet neben Choiseul, die glückfiebernden Hände auf seinen Arm gelegt.

»Ist es wahr, ist es möglich? Sagen Sie, Amboise – sprechen Sie!«

Sie herrschte es in ihrer altgewohnten, raschen Art.

Froh überrascht sah der Minister sie an. Wie sie da neben ihm stand in dem lichtblauen, lang nachschleppenden Gewand von schwerer Seide, das ihre königliche Haltung so vorteilhaft hob, leuchtenden Auges, sanft geröteten Antlitzes, auf dem das geschickt aufgelegte Rot nicht bemerkbar war, atmete Choiseul auf.

Wenn sie doch nicht so krank wäre, wie Quesnay ihm vertraut? Nicht so rettungslos krank? Wenn die Zuversicht auf glücklichere Tage für die innere Lage Frankreichs sie aufrüttelte, gesund machte?!

Gleich aber wurde er aus seinen Illusionen gerissen. Ihr geschwächter Körper hielt dem Sturm der Freude nicht stand. Ein Zittern überfiel sie. Ihre Zähne schlugen hörbar zusammen.

Choiseul führte sie zu ihrem Stuhl zurück und wickelte sie sorglich wieder in Decken und Hüllen. Sie kämpfte schwer mit harter Atemnot.

»Ruhig, liebe Freundin, ruhig! Wir haben gesiegt über den Erzfeind Frankreichs. Lassen Sie uns mit Gelassenheit diesen Triumph genießen!«

Choiseul zog einen Stuhl neben den Jeannes und behielt ihre fiebernde Hand in der seinen. »Der Streich war seit lange für den heutigen Tag geplant.«

»Ohne mich!« rief Jeanne herrisch, ihre Qualen hinunterwürgend, und entzog ihm ihre Hand.

»Liebste Freundin, das Schwerste lag hinter uns. Hätte ich mich um die Freude bringen sollen, Sie mit dem endlichen glücklichen Ergebnis zu überraschen?«

Aber Jeanne war nicht so leicht umgestimmt. Noch war sie Herrscherin in Frankreich und Choiseul nur sein Minister. Niemand außer dem einen, dem Stärkeren, dem sie sich würde beugen müssen, sollte ihr das Zepter aus den Händen winden.

Choiseul ließ sich durch ihren Zorn nicht beirren. Er wußte, wie wert er ihr war, wie unentbehrlich; doppelt jetzt, da sie, eine Kranke, abseits vom treibenden Strom der Ereignisse lag.

»Unsere biederen Freunde haben sich am Ende aller Enden in ihrer eigenen Falle gefangen.«

»Das Haus Lioncy in Marseille? Der Prozeß des Hauses gegen die Gesellschaft –?« stieß Jeanne atemlos hervor.

Choiseul nickte.

»Hat für seine sauberen Handelsprinzipien mit der Verurteilung des Ordens geendigt. Übrigens hat die Verhandlung noch andere von uns lange geahnte Mißbräuche an den Tag gebracht. Und da Lorenz Ricci –«

»Dieser Schuft!« knirschte die Marquise. »,– mit seinem ›Sint, ut sunt, aut non sint‹»Entweder bleibe der Orden wie er ist, oder höre auf zu existieren.« jede Abänderung der Ordensverfassung verweigerte, war es ein leichtes, die Bande durch Richtspruch des Parlaments, dem das königliche Dekret auf dem Fuß folgen wird, aufzuheben.«

Jeanne sah triumphierenden Blickes geradeaus in die strahlende Winterpracht. Dies Werk ihres Lebens wenigstens von Sieg gekrönt! Durch Jahre ihr angetane Schmach heimgezahlt mit Vernichtung! Der Dauphin im tiefsten Kern seines Lebens getroffen! Gott sei Dank, daß sie es erleben durfte!

Sie drückte Choiseuls Hand. Der Groll war begraben.

»Und der König?«

»Er verharrt in tiefem Schweigen, aber seinen Mienen, dem Ausdruck seiner Augen, – welcher Augen, Marquise! – sah man es an, welch einen tiefen Eindruck ihm der Jubel des Hauses machte.«

»Wir haben ein Parlament von Jansenisten und Philosophen. Der König wird seinen endgültigen Frieden mit ihnen machen.«

»Verlassen Sie sich darauf, Marquise!«

Louis hatte sich für den Abend bei Jeanne entschuldigen lassen. Der Herzog von Ayen hatte einen Strauß zartrosa Rosen aus den Treibhäusern Versailles und einen Gruß des Königs gebracht. Eine Ministerkonferenz, die den Wortlaut des Ausweisdekrets festlegte und der er präsidieren mußte, hatte ihn in Versailles zurückgehalten.

Jeanne bedauerte es nicht. Zuviel schon hatte der Tag für ihre schwachen Kräfte gebracht.

Ayen war so erschrocken über den Anblick der Marquise, daß er sich rasch empfahl.

Jeanne sah nachdenklich auf die Blumen in ihrer Hand. »Rose de Pompadour« hatte man die blasse Rosenfarbe in Paris getauft, seit sie in Sèvres mit Vorliebe angewandt wurde. Wie lange würde dieses zarte Rosa ihren Namen tragen? Wie lange würden gewichtigere Spuren ihrer Tage sich unverwischt halten?!

Ayen war in das Zimmer der Hausset getreten, in dem er Doktor Quesnay zu finden hoffte.

Erschreckt fragte er den Arzt, da er ihn wirklich in dem kleinen, lauschigen Gemach antraf, ob das Befinden der Marquise so hoffnungslos wie ihr Aussehen sei?

Quesnay zögerte einen Augenblick mit der Antwort, dann sagte er gelassen:

»Bei jedem anderen Patienten würde ich mit einem uneingeschränkten ›Ja‹ antworten. Bei der Frau Marquise wäre jede Voraussage eine Vermessenheit. Ihr Geist hat eine so enorme Herrschaft über ihren Körper, ist so klar und willensstark, daß nur ein Tor die Grenze dieses Lebens festlegen könnte, um sich zweifellos gründlich zu irren.«

Eine Weile saßen die drei stumm um den Tisch der Kammerfrau.

Nachdenklich sagte der Herzog.

»Ein seltsames Weib! Heute sind es, fast auf den Tag, neunzehn Jahre, seit ich die schöne Jeanne d'Étioles dem König auf dem Stadthausball zugeführt. Ich habe sie in all den langen Jahren kaum für Stunden aus den Augen verloren. Ein Weib aus dem Stoff, aus dem der Schöpfer eine Maintenon geformt. Nur liebenswürdiger, reizvoller. Und doch keine eigentliche Geliebte. Weniger und mehr als das – ein vertrauter Freund und Mitregent, der viel, viel Unglück über Frankreich gebracht hat.«

»Ohne es gewollt zu haben, Herzog!« rief Quesnay warm. »An der Schwäche des Königs mußte ihr starker Geist wachsen, in Herrschsucht ausarten. Ihn trifft die Schuld, nicht sie.«

Madame du Hausset hatte sich sacht davongeschlichen. Die Angst um ihre Herrin preßte ihr das Herz ab. Was sollte sie auch bei dem, was die Männer über sie sprachen? Sie konnte nicht wägen noch richten. Sie liebte die Marquise mit jeder Faser ihres Herzens. Ihr war sie stets nur die gütige Herrin gewesen.

Nachdem sie gegangen, fragte Ayen:

»Und die österreichische Allianz, gegen die der König sich mit Händen und Füßen gewehrt?«

»Ich bin kein Politiker,« gab Quesnay zurück; »ich weiß nicht, wie viel oder wie wenig bei dieser Allianz mit Österreich gesündigt worden ist, die zum mindesten Choiseuls und Kaunitz' Werk ebenso als das der Pompadour gewesen ist; aber eines weiß ich: als Kulturstaat hat Frankreich der Marquise viel zu danken: die Grazie und den Geschmack unserer Zeit, die Förderung der Kunst und der Künstler, den Schutz seiner Dichter, seiner Gelehrten, seiner Philosophen.«

Der Herzog nickte stumm.

»Die Kunst hat ihr ganzes Herz besessen. Sie ist es auch, die ihr finanzieller Ruin geworden ist.«

»Und der Frankreichs,« fügte Ayen bitter hinzu.

»Ich will die Verschwendung der Marquise nicht entschuldigen, ich will sie nur zu erklären versuchen. Den Schimpf des Pöbels hat sie nicht verdient. Wo die Marquise vergeudet, hat sie es nicht um leeren, großsprecherischen Prunk getan, sondern um der Schönheit den Weg zu bahnen. Sie hat die Kunst, man darf wohl sagen die gesamte bildende Kunst samt dem Kunsthandwerk trotz aller Prachtliebe auf einen einfacheren Stil, der den Versuch macht, sich der Antike zu nähern, zurückgeführt. Manch armen Schlucker hat sie am Wege aufgelesen, ihm Arbeit und Brot gegeben. Freilich, hätte sie weniger Schönheitssinn, weniger Geschmack, dafür mehr besonnenes Geschäftskalkül besessen, vieles zeigte ein anderes Gesicht.«

»Sieht es in ihren eigenen Finanzen wirklich so traurig aus, wie man sagt?« fragte der Herzog. »Die Jahresrente des Königs war doch hoch genug bemessen, und seine Geschenke –.«

»Seit Beginn des Krieges hat der König auf eigenen Wunsch der Marquise die Rente um ein Beträchtliches reduziert. Der Verkauf von Bellevue und Crécy hat wohl aufgeholfen, aber nicht genügend. Erst vor wenig Tagen wieder hat Madame du Hausset Lazare Duvaux wertvolle Schmuckstücke, Bijouterien, Tabatièren verkauft und Collin –.«

Quesnay unterbrach sich und seufzte schwer:

»Collin hat durch Pâris-Duverney 70000 Livres aufnehmen lassen müssen. Weiß Gott, das Los dieser Frau ist nicht so neidenswert, wie es für Fernstehende den Anschein hat. Sie hat mehr gegeben, als sie zurückempfangen hat. Der König wird sie bitter vermissen, wenn sie einmal die Augen schließt.«

»Diese Romans wird sie ihm nicht ersetzen,« bemerkte Ayen trübe.

Quesnays Stirn legte sich in tiefe Falten.

»Der König hätte ihr das nicht antun sollen. So erhaben sie darüber scheinen möchte, innerlich kommt die Marquise über die Untreue seiner Sinne nicht fort. Der Kampf gegen ihre brennende Eifersucht hat sie zu viel gekostet.«

Die Hausset trat leise ins Zimmer zurück.

»Sie schläft, Dieu merci. Das Herzklopfen und die Atemnot haben endlich nachgelassen. Der heutige Tag war zu viel für sie.«

In Paris nahm man aufrichtigen Anteil an dem täglich sich verschlechternden Befinden der Marquise. Warmblütig, gutmütig, leicht umgestimmt, war der Pariser geneigt, die Vertreibung der Jesuiten einzig als das Werk der Pompadour zu preisen, über den Erfolg im Innern Frankreichs die Schmach verlorener Schlachten zu vergessen.

Man verglich die Pompadour mit Agnes Sorel, man behauptete, eine alte Prophezeiung gefunden zu haben, die sie gleich der Sorel als Retterin Frankreichs proklamierte. Man sang auf allen Gassen:

Au livre du Destin, chapitre des grands rois,
On lit ces paroles écrites:
De France Agnès chassera les Anglois,
Et Pompadour les Jésuites.«

Jeanne selbst erfuhr lange nichts von den Lobeshymnen, in die sich die erbitterten Pamphlete übergangslos verwandelt hatten. Durch viele Tage war sie in halbliegender Stellung an das Bett gefesselt. Die beängstigenden Symptome ihrer Krankheit, die Herzkrämpfe, verbunden mit Erstickungsanfällen, wiederholten sich in immer rascherer Folge.

Wider jedes Erwarten gelang es der einsichtsvollen Pflege Quesnays eine Besserung herbeizuführen, die durch die Fürsorge und zarte Sorgfalt des Königs wesentlich unterstützt wurde.

Jeder, der Jeanne nahe stand, wußte: diese scheinbare Besserung könne nur eine vorübergehende sein.

Nur die Poeten in ihrem unverwüstlichen Optimismus glaubten ihre getreue Schützerin dem Tode abgerungen.

Mit den ersten frühlingskündenden Sonnenstrahlen schickte Favart warmempfundene Glücks- und Dankesstrophen.

»Le soleil est malade
Et Pompadour aussi;
Ce n'est qu'une passade,
L'un et l'autre est guéri;
Le bon Dieu, qui seconde
Nos voeux et notre amour,
Pour le bonheur du monde
Nous a rendu le jour
Avec Pompadour!«

An einem warmen Tage um das Ende des März hatte Quesnay eine Ausfahrt in die Gärten gestattet. Der König kam um die Mittagsstunde, Jeanne abzuholen; niemand anders als er selbst sollte die Marquise bei dieser ersten Ausfahrt begleiten.

In ihre kostbaren Pelze eingehüllt, lag Jeanne in den seidenen Polstern des königlichen Wagens.

Die kranken Lungen sogen begierig die sanfte reine Luft ein. Das Auge, strahlend noch und voller Leben, flog über die neuerwachende Pracht der Gärten, über die blauen Veilchenfelder, über die Beete voll blühender Krokos und vielfarbener Hyazinthen, über immergrüne Myrtenbüsche hin.

Der König hielt ihre Hand in der seinen. Schwermütig sah er auf das blasse Weib an seiner Seite. Wie schön sie noch immer war!

Wahrhaftig, sie schien einen Talismann zu besitzen, der ihre Schönheit unvergänglich machte.

An einem sonnigen, nach Süden gelegenen, von dichtem Arbutusgesträuch umhegten Platz erwartete Quesnay die Kranke. Er hatte einen bequemen Stuhl, seidene Decken und Kissen für die Marquise, einen Sitz für den König bereitstellen lassen.

Vorsichtig hob er Jeanne aus dem Wagen. Auf den Arm des Königs gestützt, legte sie in aufrechter Haltung die wenigen Schritte zu dem sonnigen Platz zurück.

Quesnay verabschiedete sich. Ein Page blieb zurück. Der Arzt hielt sich für alle Fälle in der Nähe.

Jeanne sah eine Weile stumm in die Runde. Lange sprach sie kein Wort. Ein tiefer Seufzer hob ihre kranke Brust.

»Wie schön ist die Welt! Wie schwer das Scheiden,« sagte sie endlich leise und gepreßt.

Ein grauer Schatten flog über des Königs Gesicht. Voller Angst würgte er an der Frage: Wußte sie, wie es um sie stand? Wußte sie, daß trotz aller Willensstärke ihr Leben nur nach Wochen, nach Tagen vielleicht zählte?

Jeanne erriet die Gedanken ihres königlichen Freundes, wie sie sie stets erraten hatte,

Sie lächelte ihm schwermütig zu.

»Sie baten mich einmal um das Versprechen, Sire, Ihnen in allen Lebenslagen die Wahrheit zu sagen. Ich habe mich redlich bemüht, dieses Versprechen zu halten. Ich will es bis zuletzt. Auf Ihre stumme Frage gebe ich Ihnen diese Antwort: ja, ich weiß, daß ich sterben muß. Ich bin seit langem darauf vorbereitet. Es wäre nicht die Wahrheit, Sire, wollte ich Ihnen sagen, ich stürbe gern, es ist sehr hart, allem Ruhm zu entsagen, aber es wäre eine Lüge, wollte ich behaupten, mir graute vor dem Tode.«

Den König überlief es. Entsetzen und Bewegung kämpften in ihm. Welch eine unbegreifliche Größe, mit so viel Gelassenheit von dem Grauenhaftesten zu sprechen, das ihm, seit er denken konnte, das Blut in den Adern gefrieren machte. Nur fort, nur fort von diesem Grausen!

»Sie sollen sich nicht aufregen, Jeanne!« bat der König hastig. »Quesnay hat es mir auf die Seele gebunden.«

Wieder lächelte sie über seine Todesfurcht, die sie heute weniger begriff denn je.

»Ich rege mich nicht auf, Sire. Sie sehen, ich bin ganz ruhig. Ich huste nicht, mein Herz begehrt nicht aus dem Körper, ich ersticke nicht einmal.«

Sie sagte es mit ihrem alten ironischen Humor. Ernster fuhr sie fort:

»Wer weiß, ob mir noch einmal eine so gute Stunde wie diese beschieden ist.«

»Viele, viele,« stammelte der König angstgepeitscht.

»Nun, um so besser. Wir werden dann wieder fleißiger arbeiten können, als es in diesen letzten jammervollen Wochen der Fall war. Doch möchte ich die Gunst des Augenblicks benutzen, Sire, Ihnen zu danken für alle Liebe, alle Freundschaft, alles Vertrauen, das Sie mir unwandelbar geschenkt.«

Sie griff nach seiner Hand und wollte sie an die Lippen ziehen. Er aber kam ihr zuvor und küßte sie auf die Stirn.

»Du brauchst mir nicht zu danken, Jeanne,« Tränen standen in seiner Stimme, »ich habe dir nicht nur Gutes, ich habe dir auch viel Übles angetan. Du aber hast mich unzählbare Male über mich selbst hinausgehoben, wenn meine krankhafte Schwermut mich packte; du hast mir Mut eingeflößt, wenn ich verzagt war, mich heiter und froh gemacht, mir die Sorgen von der Stirn gescheucht.«

»Wer hätte das nicht für ›Louis den Vielgeliebten‹ getan!«

Er wehrte heftig ab.

»Nennen Sie mich nicht mehr so, Marquise, sprechen Sie nicht davon! Ich war es einst. Ich bin es längst nicht mehr. Aus Louis le Bien-aimé ist Louis le Bien-haï geworden.«

»Um Gott Sire, versündigen Sie sich nicht!«

Des Königs Mienen verdüsterten sich mehr und mehr.

»Sie kennen die Stimmung des Volkes nicht, Marquise. Viel hat sich geändert. Man würde Ihnen heute vielleicht zujubeln. Ihnen hat man den Frieden von Paris um der Ausweisung der Jesuiten halber vergeben, mir nicht.«

»Sie sehen zu schwarz, Sire. Oder hat man es gewagt –.«

»Man rebelliert nicht offen gegen mich, nein, aber tiefes erbittertes Schweigen herrscht, wo immer ich mich sehen lasse.«

Etwas wie Mitleid überkam sie, aber sie unterdrückte es rasch.

Was sollte ihm weichmütiges Empfinden, wo tatkräftiger Wille vonnöten war. Wenn er es nicht selbst vermochte, sich aufzurütteln, sie konnte ihm nicht mehr helfen.

Die Sonne verkroch sich hinter leichten Wolkenschleiern.

Jeanne fröstelte. »Mon soleil se couche,« sagte sie skeptisch und winkte dem Pagen, den Quesnay in der Nähe postiert hatte.

Schweigsam legten sie die Fahrt nach dem Schloß zurück.

Es war nur ein Schatten gewesen, der über die Sonne fortgezogen war. Die warmen schönen Frühlingstage hielten an. Mit ihnen die scheinbare Besserung der Marquise.

Jeanne nützte die kurze Frist, die ihr noch beschieden war. Sie ließ ihren Bruder Abel, den Marquis von Marigny, zu sich kommen und empfahl ihm die sorgfältige Durchführung aller begonnenen Arbeiten. Sie beschwor ihn, ein gewissenhafter Schützer der schönen Künste Frankreichs zu bleiben.

Mit Choiseul besprach sie, was zunächst für den daniederliegenden Handel, für die geschwächte Flotte not tat.

»Versuchen Sie, mein Freund, alles zu tun, was in Ihren Kräften steht an Friedenswerken wieder gutzumachen, was wir Frankreich durch den Krieg Übles angetan.«

Choiseul schlug bewegt in die dargebotene Rechte. Ihr klarer Verstand sah mit seinen Augen, er mit den ihren, welche Lasten der schwerbedrückten Nation von den Schultern genommen werden mußten.

Es dünkte ihn ein herber Trost, in ihrem Sinne fortzuarbeiten. –

Jeanne sandte Bernis einen Gruß in sein Exil, ohne ihm anzudeuten, daß es der letzte sei. Sie ließ Erkundigungen über VoltaireWie sehr Voltaire seine Gönnerin über den Tod hinaus schätzte, bewies der nachfolgende Brief des Philosophen an den Kardinal Bernis.

»Ich glaube, mein Herr, daß Sie einen schweren Verlust erlitten haben, Madame de Pompadour war Ihre aufrichtige Freundin; und wenn es mir erlaubt ist, noch weiter zu gehen, so glaube ihr aus meiner allobrogischen Zurückgezogenheit heraus, daß der König einen großen Verlust erleidet. Er war um seiner selbst willen von einer wahrhaftigen Seele geliebt, die logischen Geistes und gerechten Herzens war, etwas, was man nicht alle Tage findet.« einziehen, der ihr entfremdet war, seit er an den Preußenhof gegangen.

Obwohl ein Zwist mit Friedrich II. den boshaften Spötter längst aus Sanssouci fortgetrieben und ihn seit Jahren an die Schweizer Grenze nach Ferney verschlagen hatte, waren die Fäden zwischen ihr und dem einstigen Freunde nie wieder neu geknüpft worden. Nun war's zu spät dafür!

An Marmontel, der sie zuerst mit seinem feinfühligen Gedicht auf ihre Gründung der »École militaire« gewonnen, sandte sie eine kostbare Tabatière. Boucher bestimmte sie einen großen Teil seltener Stiche aus ihrem Besitz. Die École militaire und Sevres legte sie ihren Leitern wie heißgeliebte Kinder an das Herz.

Für den 7. April hatte Quesnay die Übersiedelung der Kranken nach Versailles angeordnet. Er wußte, daß die ganze Seele der Marquise daran hing, noch einmal in jene Räume zurückzukehren, die ihre eigentliche Heimat waren, in denen sie ihre letzten sieghaften Ruhmesträume geträumt hatte.

Hell und warm lachte die Sonne über Versailles, als Jeanne ihren letzten Einzug in das stolze Schloß der Bourbonen hielt. In den Gärten knospte und blühte es von tausendfachem Grün und zartfarbenen Blumen. Durch die weitgeöffneten Fenster ihrer üppigen Gemächer strömten Flieder- und Veilchenduft.

Jeanne lag erschöpft auf dem blaßblauen goldfüßigen Engelbett. Eben war der König von ihr gegangen. Die weißen abgemagerten Finger hielten noch die weißen Rosen, die er ihr als Willkommensgruß gebracht hatte.

Plötzlich packte sie's wie krampfhaftes Ersticken, ihr Körper bäumte sich auf.

»Luft, Luft!« keuchte sie.

Quesnay und die du Hausset kamen gerade noch zur rechten Zeit, die Ohnmächtige in ihren Armen aufzufangen. Über die weißen Rosen des Königs rann ein dunkler Blutstrom.

Schwere dunkle Tage folgten. Das von der Mutter ererbte, durch das rastlos aufreibende Leben der Marquise schnell und heftig zum Ausbruch gekommene Leiden machte rasende Fortschritte. Quesnay selbst bestand darauf, daß Senac und La Martinière hinzugezogen würden; keiner konnte helfen. Stumm, mit hilflos gerungenen Händen, sahen ihre Nächsten das Ende nahen.

Der König besuchte die Marquise täglich mehrere Male. Er brachte ihr Blumen und Früchte und streichelte ihre wachsgelben Hände, er drückte einen flüchtigen Kuß in ihr wundervolles Haar, aber er sprach kaum noch ein Wort.

Jeanne nützte jede erträgliche Stunde, sich über die Staatsgeschäfte auf dem laufenden zu halten. Choiseul, der seit dem letzten schweren Anfall in Versailles geblieben war und die meisten Nächte mit der du Hausset und Quesnay im Vorzimmer verbrachte, mußte Jeanne täglich dreimal Bericht erstatten. Sie beschied Janelle zu sich, der ihr jeden Nachmittag die Geheimkorrespondenz vorlegte. Jede Bitte, sich zu schonen, wies sie zurück. Sie wußte, ihr Leben zählte nur noch nach Stunden. Bevor der übermächtige Tod ihr das Zepter nicht entriß, sollte kein Sterblicher es ihr entwinden.

Sechs Tage nach ihrer Rückkehr nach Versailles, trat Quesnay spät abends in heftiger Belegung aus dem Krankenzimmer.

Choiseul stand wartend in der Tür.

»Exzellenz, ich vermag ihr höchstens noch vierundzwanzig Stunden zu geben. Wäre es nicht das richtigste, Sie bereiteten die Marquise vor? Der König wird sich schwerlich dazu entschließen.«

Der Minister nickte stumm. Leise betrat er das Krankenzimmer. Jeanne saß wie immer hoch aufgerichtet in ihren Kissen.

Als sie Choiseul eintreten sah, fragte sie mit Schwacher Stimme:

»Etwas Neues, mein Freund?«

Der Minister schüttelte den Kopf und setzte sich neben ihr Lager.

Bedrückt und unschlüssig rang er nach Worten.

»Sie sollten sich nicht um Staatsgeschäfte kümmern, Marquise, Sie sollten ruhen.« bemerkte er stockend.

Jeanne lächelte melancholisch. »Ich werde es bald genug – morgen – heute – wer weiß.«

Sie sah Choiseul ins Gesicht. Der sonst so kühle, ruhige Mann schien seltsam bewegt. Da wußte sie genug.

»Sie sind gekommen, mir zu sagen: der Augenblick ist da?« Choiseul nickte stumm.

Eines Gedankens Länge zuckte es über ihr Gesicht. Dann hatte sie ihre Züge wieder vollkommen in der Gewalt. Kaltblütig sagte sie:

»Wozu wäre ich lebenslang eine Anhängerin der Philosophie gewesen, wenn ich mich zu guter Letzt vor dem Tode fürchten wollte! Nein, lieber Freund, ich habe meine Rolle ausgespielt, das Stichwort ist gefallen, ich bin zum Abgang bereit.«

»Haben Sie noch einen Wunsch, Marquise?«

»Bereiten Sie den König vor, Amboise. Ersparen Sie ihm alles, was ihm Grauen erregen könnte. Fragen Sie ihn, ob er wünscht, daß ich meinen Frieden mit der Kirche mache. Und Collin soll aus dem Geheimfach meines Sekretärs meine letzten testamentarischen Bestimmungen bringen. Sie sind vom 15. November 1757 datiert und haben ein Kodizill vom 30. März 1761.«

Choiseul neigte sich stumm und küßte die feine schlanke Hand, die schönste Frauenhand, die er in seinem reich bewegten Leben bewundert hatte.

Eine Stunde später trat der König bei der Marquise ein. Quesnay und die du Hausset hatten sie aus dem Bett gehoben und in einen Fauteuil getragen. Jeanne hatte ein wenig Rot auflegen lassen und einen kostbaren Mantel in des Königs Lieblingsfarben – blau und rosa – den Farben, in denen er sie zuerst im Wald von Sénart gesehen, um die Schultern gehängt. Sie wollte ihm den Eindruck ersparen, einer Sterbenden nahe zu sein.

Rasch, verlegen, in gebeugter Haltung trat Louis XV. ein. Er blieb in einiger Entfernung von Jeanne stehen.

»Choiseul sagt mir, Sie befinden sich nicht zum besten, Marquise. Einen Priester, ja, es wäre mir. lieb, ich werde Ihnen den Curé der Madeleine schicken.«

»Ich will meine Seele gern in seine Hände befehlen, Sire, wenn es so Ihr Wunsch ist.«

Er trat näher. Sie hatte so gar nichts von einer Sterbenden. Wenn Quesnay irrte? Wenn Choiseul übertrieben hätte? War es möglich, kurz vor dem Tode so ruhig, so gefaßt, so klar zu sein? Zögernd trat er zu ihr und faßte vorsichtig nach ihrer Hand.

»Ich hoffe, Sie morgen wieder besser zu sehen, meine liebe Jeanne.«

Sie nickte ihm gelassen zu.

»Hoffen ist das Vorrecht der Lebenden, Sire!«

»Wir sehen uns bald wieder.«

Sie hatte ein skeptisches Wort auf den Lippen, aber sie sprach es nicht aus. Sie sah ihn mit einem langen durchdringenden Blick an, als wolle sie bis auf den Grund seiner Seele sehen.

Dann schüttelte sie mit melancholischem Lächeln das schöne bleiche Haupt.

»Gute Nacht, Jeanne, schlafen Sie sanft!«

»Gute Nacht, Sire.«

Ein kurzer Handdruck, dann war er gegangen, ein wenig aufrechter, als er gekommen war. Sie atmete erleichtert. Sie hatte ihm die letzten Schrecken erspart.

In der Morgenfrühe des 14. April kam der Curé von Madeleine. Jeanne wurde allen Zeremonien gerecht. Sie wollte ihrem Andenken zuliebe nicht als Heidin aus der Welt scheiden, aber ihre Seele war nicht bei ihrem Beichtiger. Während der Curé ihr die Absolution erteilte, dachte sie weder an ihre Sünden noch an den frommen Vorgang. Ihre Gedanken waren bei den weltlichen Geschäften, die ihr für diese letzten Stunden noch oblagen.

Nachdem der Curé sie verlassen, traf sie die letzten Anordnungen für ihr Testament. Wenn sie auch im Augenblick nicht im Besitz von baren Summen war, stellte ihr Eigentum an Gütern, Häusern, Schmuck, Immobilien, Büchern und Kunstgegenständen immer noch ein großes Vermögen dar.

Der warme, lichte Tag sank in einen schwülen Abend.

Oben in den kleinen Gemächern saß der König und schrieb an seinen Schwiegersohn, den Infanten Philipp von Spanien. Ab und zu schreckte er auf und horchte mit atembeklemmender Spannung auf ein Geräusch, einen Ton, der Besonderes ankündigte.

Nichts – Totenstille rings umher.

Er trat ans Fenster und blickte zu den dunklen Gründen des Waldes von Marly hinüber, die sich wie ein schwarzes Gewölbe gegen die graue, zitternde Luft hoben, dann setzte er sich nieder und fuhr mit Schreiben fort.

»– – – meine Sorge vermindert sich nicht, und ich gestehe Ihnen, daß ich sehr wenig Hoffnung auf eine wirkliche Genesung habe und ein vielleicht sehr nahes Ende fürchte. Eine Bekanntschaft von nahezu zwanzig Jahren ist eine zuverlässige Freundschaft. Am Ende, Gott ist der Herr, und man muß sich seinem Willen beugen.«

Er wischte eine Träne aus den Augen und richtete sich zu strafferer Haltung auf.

Niemand sollte sehen, wie tief ihn der Verlust einer Frau schmerzte, mit der sein Leben inniger verwachsen gewesen war, als er es sich selbst, am wenigsten anderen eingestehen mochte.

Jeanne hatte ihren Nächsten ein letztes gutes Wort gesagt.

Choiseul, ihr Bruder, Quesnay und ihre Frauen standen in stummem, herzbeklemmendem Schmerz.

Sie hielt die Augen geschlossen. Der Kopf war wie im Schlaf ein wenig zur Seite gesunken. Ein weltverachtendes Lächeln stand um ihre Lippen gebannt.

Plötzlich, zum letztenmal, öffnete sie die Augen wieder, noch einmal leuchteten diese wundervollen, rätselhaften Sterne triumphierend auf, als hätten sie ein Neuland erblickt, aus dessen purpurnen Gefilden man sie willig als Königin, als Herrscherin grüßte.

Draußen heulte der Gewittersturm. Schwarz stand die Nacht. Fröstelnd hüllten die Offiziere der Wache sich in ihre Mäntel.

Unter den Fenstern der Marquise von Pompadour leuchtete der Schein einer Laterne auf. Ein kurzer, leiser Anruf. In den Gemächern der Toten wurde eine Scheibe hell. Zwei Fensterflügel öffneten sich. Auf einer schwarzverhangenen Bahre wurde ein Frauenkörper, in feine, durchsichtige Linnentücher gehüllt, herabgelassen.

Die Wachen schauderte es. Sie raunten einander ein leises Wort zu. Der Schein der Laterne entfernte sich. Die Fenster wurden wieder dunkel. Der niederzuckende Blitz fiel auf ein Nichts, eine leere Öde.

Dem jungen Gardeoffizier schlugen die Zähne zusammen.

»Fortgeschafft im Dunkel der Nacht, wie eine Verbrecherin. Sie, die in Glanz und Pracht hier aus und ein gegangen. Sie, die eigentliche Herrscherin. Das ist der Dank der Welt!«

Der andere schüttelte den Kopf.

»Gesetz, Kamerad. In keinem königlichen Hause darf über Nacht eine Leiche bleiben.«

Ein krachender Donnerschlag verschlang die bittere Antwort des jungen Offiziers.

Die Gewalt des ersten Frühlingsgewitters war gebrochen, aber immer noch rann der Regen unablässig, grau, eintönig fort.

Auf dem kleinen Balkon seines Arbeitskabinetts stand barhäuptig der König und sah dem Trauerzug nach, der die Marquise zur Gruft der Kapuziner brachte. Niemand hatte sich in seine Nähe gewagt. Ganz allein stand er, starren Blicks, frierenden Herzens, achtlos des Regens, der ihn durchnäßte. Seine Augen folgten dem schwarzen Zug, so weit sie es vermochten.

Als der Wagen, der die Leiche trug, des Königs Blicken entschwunden war, packte ihn das Grauen der Einsamkeit mit übermächtiger Gewalt. Sein Körper bebte, seine Hände schlossen sich wie im Krampf zusammen.

Nur eine auf der Welt hätte es vermocht, ihn dieser eisigen Angst zu entreißen, und diese eine senkte man – vielleicht in diesem Augenblick – hinunter in die kalte, stumme Gruft, die keinen zurückgab, den sie verschlungen hatte!

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