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Marquise von Pompadour

Dora Duncker: Marquise von Pompadour - Kapitel 27
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typefiction
authorDora Duncker
titleMarquise von Pompadour
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XXVI.

An einem lachenden Januartage war Jeanne zum letztenmal nach Bellevue zurückgekehrt, um Abschied von einem Besitz zu nehmen, der ihr lange Jahre teurer als jeder andere gewesen war. Sie hatte das Schloß für 325000 Livres an den König zurückverkauft, um einen Teil ihrer Schuldenlast zu decken, die in den letzten Jahren zu einer enormen Höhe angewachsen war. Louis XV. hatte das Schloß seinen Töchtern zugedacht.

Durch die großen Fenster des Musiksaales sah Jeanne nachdenklich auf die Terrassen hinaus, auf deren Marmorstufen die strahlende Wintersonne glitzerte und gleißte.

Ihre Blicke flogen über die heimlichen Grotten und statuengeschmückten Bassins, über die immergrünen dichten Bosketts, über die Allee italienischer Pappeln mit dem Silberglanz des Rauhreifs auf den entlaubten Ästen, die zu der Nymphengruppe von Pigalle führte. Sie ruhten auf dem marmornen Reiterstandbild des Königs von Gênes, auf Coutons wundervoller Apollostatue. Alte Erinnerungen überkamen sie mit zwingender Gewalt. Sie sah das geliebte Kind, das der Tod ihr so unbarmherzig entrissen, mit seinen leichten federnden Schritten die Stufen zum Feigengarten hinabfliegen, sie sah das goldbraune Lockenhaar um das feine Köpfchen wehen, den lächelnden Mund, mit dem die Kleine sich rückwärts wendend ihr einen letzten Gruß hinaufrief.

Sie sah den König, von Sorgen nicht so hart bedrängt als heute; sie lebte all die guten, heiteren, glücklichen und beglückenden Stunden wieder, die sie gerade in Bellevue mit ihm gelebt.

Sie sah den Vater und Onkel Tournehem, die beide schon den ewigen Schlaf schliefen, an allem, was dies Schloß anging, den liebevollsten Anteil nehmen, sie sah die Gäste, die die Feste des Glanzes in der goldleuchtenden Pracht der Säle mit ihr gefeiert, sah die, die außerhalb des Schwarmes standen und ihr mehr gewesen waren als die große, ihr fremd gebliebene Menge. Vor allem sah sie Bernis, diesen besten und selbstlosesten Freund, der seit den Tagen ihrer ersten Jugend neben ihr geschritten war und der trotz allem ein Opfer ihrer Politik geworden, der um Choiseuls willen hatte fallen müssen.

Ihr Kopf senkte sich, da sie es dachte. Seltsam, wie schwer es ihr wurde, über das Muß dieses Entschlusses fortzukommen!

Sie hatte nicht anders handeln können. Bernis, dieser stete Warner, dieser Mann, der den Frieden zu seiner Mission gemacht, hatte in die Politik des Krieges nicht mehr getaugt. Choiseul war an seine Stelle getreten. Aber oft wünschte Jeanne, es hätte nicht so kommen müssen.

Madame du Hausset war ins Zimmer getreten, um die Marquise zu erinnern, daß der Herr Minister von Choiseul seinen Besuch für die elfte Stunde angesagt habe.

»Ich habe es nicht vergessen, liebe Hausset.«

»Frau Marquise sehen traurig und angegriffen aus,« bemerkte die Getreue voll aufrichtiger Teilnahme.

»Es geht mir auch nicht zum besten, meine Liebe. Sie wissen das so gut wie ich. Seit dem Anfall im Vorzimmer der Königin, seit mich der fatale Herzkrampf nicht bis in das Kabinett Ihrer Majestät gelangen ließ, will das törichte Herz nicht so wie ich. Überdies – ich dachte einmal wieder an den Kardinal Bernis! Wissen Sie, Hausset, wem ich im Grunde dieses harte Muß danke, mit dem ich mich selbst eines meiner besten Freunde beraubte? Niemand anderem, als diesem falschen Hund von Jesuiten, diesem Boyer von Mirepoix!«

Jeanne unterdrückte nur schwer eine Verwünschung.

»Viel hat er mich im Leben gekostet, dieser fromme Mann. Um ein Haar wäre ich selbst im Anfang meiner Karriere sein Opfer geworden, hätte mich der König nicht so heiß geliebt, wäre ich diesem Boyer nicht doch überlegen gewesen! Wenn er dem König damals nicht abgeraten hätte, Bernis die Pension von 20000 écus zu geben, die der König mir schon für ihn zugesagt, niemals wäre Bernis Gesandter, niemals Minister geworden. Er bekleidete jetzt einen hohen kirchlichen Posten. Er wäre glücklicher geworden und ich hätte nicht nötig gehabt, mich von ihm zu trennen, ihm wehe zu tun!«

Jeanne fuhr mit dem Tuch über Stirn und Augen.

»Ah bah! Was nützt das Klagen! Ich schaffe ihn mir nicht wieder, und vielleicht ist es gut so, wie es ist!«

Der Minister wurde gemeldet.

Jeanne empfing Choiseul in ihrem Arbeitskabinett. Leichten Schrittes, ein Lächeln auf den Lippen, kam der kleine häßliche Mensch mit dem Mopsgesicht auf sie zu, die trotz ihrer Leiden kerzengerade in ihrer königlichen Haltung saß.

Er küßte ihr die Hand und legte ein großes Paket und einen Brief auf ein Tischchen neben dem Arbeitstisch der Marquise.

»So heiter, Exzellenz? Bringen Sie mir etwa eine Siegesnachricht?«

Ihre Lippen krausten sich spöttisch.

»Oder hat unsere neue Allianz mit Österreich eine neue Niederlage gezeitigt?«

»Ich bringe weder Sieg noch Niederlage, Frau Marquise, aber etwas, was Ihnen Freude machen wird. Starhemberg, der leider noch immer bettlägerig ist, hat mich gebeten, Ihnen dieses Schreiben zu überbringen.«

Er übergab der Marquise einen Brief aus Wien.

»Lesen Sie zuerst, Marquise, ich werde mir derweilen erlauben, den Inhalt des Paketes zu enthüllen.«

Kaunitz schrieb:

»Die Kaiserin ist gerührt, Madame, von dem Interesse, welches Sie an Ihrem Bündnis mit dem König nehmen. Sie hat bis heut die Beständigkeit und die Festigkeit gesehen, mit der Sie seit seinem Beginn dem glücklichen System zwischen beiden Höfen treu geblieben sind. Sie befiehlt mir, Ihnen Ihr Wohlgefallen in Ihrem Namen zu bezeugen. Sie nimmt an, daß es Ihnen nicht unangenehm sein wird, und daß der König es nur gutheißen kann, wenn Sie versucht, Ihnen zu beweisen, wie sehr Sie für Ihre Gefühle, für Ihn und Sie empfänglich ist, indem Sie Herrn Grafen Starkemberg beauftragt, Ihnen ein kleines Andenken zu überreichen und den Wunsch auszusprechen, daß Sie es als einen kleinen Beweis Ihrer Gefühle für Sie annehmen möchten.

Ich bin entzückt, daß die Kaiserin sich meiner Person bedient hat, Ihnen diese Gefühle zu übermitteln. Erweisen Sie mir die Gnade, davon überzeugt zu sein, und bewahren Sie mir Ihre gütige Gesinnung, die ich durch die Achtung und unverbrüchliche Anhänglichkeit zu verdienen bemüht sein werde, mit der ich, solange ich sein werde, bin ––«

Jeanne hatte strahlenden Auges gelesen. Von Minute zu Minute hatte sich ihr Antlitz mehr erhellt, ihre immer noch schönen Züge sich belebt. Ein sanftes Rot, das sie jung und reizend machte, flog wie Morgensonne über ihr Gesicht.

Choiseul, der wärmer für diese Frau empfand, als er es wahrhaben mochte, stand fasziniert von ihrem Anblick. Nie hatte er sie so strahlend schön gesehen. Seine sonst so hochmütige Haltung schrumpfte vor der Schönheit und dem Geist dieser Frau wieder einmal in Nichts zusammen.

Einem raschen Impulse folgend, zog er ihre Hand an seine Lippen und preßte einen langen heißen Kuß darauf.

Jeanne, mit ihren Gedanken ganz bei der Huld Maria Theresias, bemerkte die temperamentvolle Regung kaum.

Sie trat an das Tischchen, auf dem das Geschenk der Kaiserin seiner Hüllen ledig in der Morgensonne funkelte.

Ein Ruf des Entzückens kam über Jeannes Lippen.

Aus einem wundervollen SchreibzeugDas Schreibzeug war mit einem Kostenaufwand von 77,000 Livres in Paris hergestellt worden, dann nach Wien und wieder nach Paris zurückgegangen. Die Kosten des Geschenks mit Verpackung und Versendung hatten sich auf 77,278 Livres, 93 S. belaufen von venezianischem Holz, mit den kostbarsten Intarsien, Beschlägen und einer Fülle edelster Steine geziert, leuchtete das brillantenumrahmte Bildnis der kaiserlichen Geberin.

Jeannes Entzücken kannte keine Grenzen. Jedem, der es hören oder nicht hören wollte, erzählte sie von der Huld Maria Theresias. In einem begeisterten Brief an Kaunitz bat sie, ihren Dank zu übermitteln.

Fast schien es, als sei das kostbare Geschenk der Kaiserin nur der Auftakt zu neuen Triumphen gewesen. Maria Theresias Freundschaft wuchs von Tag zu Tag. Bald wurde Jeanne die einzige Vermittlerin zwischen den beiden Höfen, ja, das österreichische Ministerium stützte sich in seiner Politik ausschließlich auf die Nachrichten der Pompadour.

Monsieur Lebel war entschieden schlechter Laune.

In der rue Sainte-Médéric, Nummer 4, war es durchaus nicht gegangen, wie es hätte gehen sollen. Der König war unzufrieden gewesen, aber Lebel hatte sich an dieser Unzufriedenheit so unschuldig wie ein neugeborenes Kind gefühlt.

Die Angelegenheit Murphy, so wie sie sich nach und nach entwickelte, kam ganz und gar auf das Konto der Frau Marquise und des Herrn Boucher.

Was konnte er dafür, daß die Kleine, nach ihrer Entbindung übermütig gemacht durch die reichen Geschenke und die allzu huldreiche Art des Königs, durch die Besuche der vornehmen Damen, welche die Neugier in den Hirschpark trieb, an eine von ihnen die freche Frage gerichtet hatte: »Wie weit seid ihr denn mit eurer famosen Alten?«

Was konnte er dafür, daß die Murphy als Antwort auf diese Frage Knall und Fall den Hirschpark hatte verlassen müssen, daß der König ihr 200000 Livres Ausstattungsgelder und dem Offizier, der die Gefälligkeit gehabt, sie vom Fleck weg zu heiraten und das Kind des Königs zu adoptieren, 50000 Livres Schmerzensgeld hatte zahlen müssen?

Was konnte er dafür, daß die kleine Louison, die jüngste Flickschusterstochter, dem König sehr bald langweilig geworden war, daß er mit den Schwestern Murphy kein Glück gehabt, wie seinerzeit mit den Schwestern Nesle?

Und nun sollte er gar dafür verantwortlich gemacht werden, daß das schöne Fräulein Romans sich sehr energisch geweigert hatte, im Hirschpark Wohnung zu nehmen, und auf einem reizenden kleinen eigenen Hause in Passy bestanden hatte!

Sacre nom de dieu, was zu viel war, war zu viel. Er hatte genug davon. Er wollte mit dem ganzen Weiberkram nichts mehr zu tun haben.

Nach kaum zwei Minuten aber war sein Zorn verraucht. Lebel schmunzelte wieder. Wahrhaftig, man konnte es dieser Anne Romans nicht übelnehmen, daß sie ihre Ansprüche gestellt hatte. Sie stammte ja am Ende nicht aus einem Flickschuster- und Altkleidergewölbe, sondern war die Tochter eines Advokaten in Grenoble und war dem König in aller Form von ihrer Schwester, Madame Varnier, in den Gärten von Marly vorgestellt worden.

Und die Hauptsache – Lebels Schmunzeln verwandelte sich in ein wollüstiges Grinsen – schön war sie, schön wie ein orientalisches Märchen.

Üppig und groß, ein wenig zu groß vielleicht, dabei aber von den herrlichsten Formen. Eine feine, weiße, seidige Haut und kohlschwarzes wundervolles Haar, in das sie sich wie in einen langen Mantel wickeln konnte. Unter fein geschwungenen Brauen lohten glutheiße, schwarze Augen. Eine edle Nase, der reizendste kleine Mund mit den weißesten Perlenzähnen vollendete das köstliche Frauenbild.

Wahrhaftig, der König war zu beneiden. Er war denn auch nicht schlecht verliebt! Himmel und Hölle hatte er in Bewegung gesetzt, diese Romans zu besitzen. Dieu merci, nun war er so weit und würde für eine Weile Ruhe geben. Aber durchgemacht hatte man, bis es so weit gekommen, durchgemacht!

Ganz erschöpft von der Erinnerung an die Martern dieser qualvollen Ereignisse lehnte Lebel sich in seinen bequemen Sorgenstuhl zurück, schlürfte den Tokayer, der vor ihm stand, und aß die kalte Frühstückspoularde zu Ende, die er beim Beginn seiner Reminiszenzen griesgrämig zurückgeschoben hatte. Ein Narr, der sich eine gute Stunde verderben ließ!

Erst nachdem die schöne Romans in dem verschwiegenen Häuschen in Passy dem König einen Sohn geboren hatte, hörte Jeanne von dieser neuen Liebschaft.

Schwerer betroffen von einem Ereignis, das sich außerhalb des Hirschparkes abspielte, als sie selbst es für möglich gehalten, rief sie umsonst die Lehren Madeleine Poissons zurück.

Gewiß, sie wollte nicht verzweifeln, daß eine neue Leidenschaft den König gepackt, sie wollte ihm doppelt an Geist und Güte geben, aber ach, sie vermochte es nicht.

Der stetig zunehmende Kampf mit den von Minute zu Minute wechselnden Stimmungen des Königs, die angestrengten Arbeiten mit den Ministern, die unablässige Sorge um den Krieg hatten sie matt und widerstandslos gemacht.

Umsonst versuchte Quesnay ihrer, in immer kürzeren Intervallen auftretenden Herzaffektionen Herr zu werden. Umsonst tröstete Frau von Brancas. Umsonst appellierte Jeanne an ihre eigene Willenskraft. Sie blieb dabei, daß die Romans im Herzen des Königs wahre Liebe entzündet habe, daß er ihr verloren sei. »Ich bitte euch, meine Lieben, wie sicher muß diese Romans ihrer Sache sein, daß sie sich überall mit ihrem Kinde zeigt? Daß sie ihren Stolz dareinsetzt, diesen Knaben, in kostbare Spitzen gehüllt, wie einen jungen legitimen Prinzen durch das Bois zu tragen, den herbeidrängenden Menschen lachenden Mundes zu sagen: ›Meine Herren, meine Damen! Geben Sie acht! Erdrücken Sie nicht das Kind des Königs.‹ Würde sie es wagen, wäre sie nicht seiner Liebe, seines Einverständnisses gewiß?«

Unzählige Male hatte Jeanne es auf der Zunge, den König geradeheraus zu fragen. Aber er zeigte sich sofort ungeduldig und ablehnend, sobald sie auch nur Miene machte, von anderen als von politischen Geschäften, kriegerischen Ereignissen, von den Angelegenheiten der École militaire und Sèvres, der Königin, den Prinzessinnen zu sprechen.

Auch der Name des Dauphins war ausgeschaltet. Choiseul hatte dem König den Verdacht eingeflößt, Seine Hoheit der Dauphin stehe durch seine Beziehungen zu den Jesuiten zweifellos mit dem Attentat Damiens in Zusammenhang.

Seitdem war der Rest von Zuneigung für den bigotten Prinzen im Herzen des Königs erloschen.

Jeanne durfte die Sorge um diesen letzten ihrer Feinde begraben. Aber auch diese Gewißheit konnte ihr die Ruhe ihres Herzens nicht wiedergeben.

Eines Tages trat der König lebhafter als sonst bei Jeanne ein. Sein Gesicht war gerötet, seine Augen flackerten unruhig.

Sie bemerkte sofort, daß er einen Ärger gehabt habe. Er besann sich auch nicht lange, ihr Mitteilung von der Ursache zu machen.

»Ich war bei der Königin,« sagte er mißlaunig, »diese notgedrungenen Besuche gehen ja jetzt seltener denn je ohne Ärgernis ab. Maria Leszinska wollte mich mit Augenaufschlag und gefalteten Händen über die Tugenden meines Sohnes belehren. Ich unterbrach sie ungeduldig. Sie begann mir mit verstärkten Gesten eine Predigt über das Verbrechen unseres österreichischen Bündnisses zu halten, das sich furchtbar durch verlorene Schlachten räche, da wurde mir die Sache zu bunt. Ich schlug mit der Faust auf den Tisch, daß ihr Lieblingsstück, die kostbare Sèvresvase, in tausend Stücke zerbrach. Die Königin weinte bittere Tränen, und ich machte, daß ich aus dem Gemach kam. Wenn ich auch meinen wohlberechtigten Ärger nicht bereue, so möchte ich ihr doch den Verlust der kostbaren Vase so rasch als möglich ersetzen. Sie würden mich verbinden, Jeanne, wenn Sie sogleich nach Sèvres führen und ein schönes Stück aussuchten, in dem Genre etwa, das den Prinzessinnen auf der letzten Ausstellung im Spiegelsaal so wohl gefallen hat.«

Mit Freuden sagte Jeanne zu. Sie war froh, dem König gefällig sein zu können. Madame du Hausset begleitete sie nach Sèvres. Der Direktor empfing die Marquise, glücklich über diesen langerwarteten Besuch. Er hatte tausend Fragen zu stellen, an ihren Geschmack und ihre Phantasie zu appellieren. Er hatte ein paar neue Formen anfertigen lassen, eine neue prachtvoll wirkende Farbenmischung probiert.

Jeanne war voll Eifer und Interesse. Wieder einmal fühlte sie, wie sehr ihr diese ihre Gründung ans Herz gewachsen war.

Die Maler, Zeichner und Former wurden herbeigerufen. Jeanne war ganz in ihrem Element. Sie gab Ratschläge, lobte, kritisierte. Sie verstand jede künstlerische Intention, jeden Anflug einer künstlerischen Absicht.

Ein junger venezianischer Maler, dessen Vater in Venedig im Dienst Bernis' gewesen, genoß die besondere Gunst der Marquise.

Der Direktor forderte den jungen Menschen auf, Madame Pompadour sein jüngstes Meisterstück zu zeigen. Geraldo Bozzi trug eine Vase herbei, die das Entzücken Jeannes erregte. Sie war gerade das, was dem König für die Königin gefallen würde. Mit einer köstlichen Überfülle rankender Blumen bedeckt, lachte das kleine Kunstwerk wie der Frühling selbst.

Jeanne drückte dem stolz errötenden Bozzi lebhaft die Hand.

»Bravo, bravo, mein junger Freund! Das haben Sie wirklich trefflich gemacht!« ––

Nach einer Stunde verließ Jeanne die Fabrik von Sèvres. Kaum daß sie aus ihrem Bereich heraus war, überfiel sie die alte Traurigkeit wieder. Die Anstrengungen der Hausset, die Gedanken der Marquise auf die Erfolge der Fabrik zurückzulenken, waren umsonst.

Plötzlich schnellte Jeanne aus den Polstern ihres Wagens auf und befahl dem Kutscher, zu halten.

»Es ist zwei Uhr,« sagte sie leise und aufgeregt. »Die Stunde, in der Mademoiselle Romans mit ihrem Kinde im Bois zu sein pflegt. Ich will sie und den Knaben sehen. Wir wollen durch das Bois gehen.«

Vergebens bat die Hausset, sich dieser Aufregung nicht auszusetzen, keine peinliche Szene herbeizuführen.

Jeanne war von ihrem Vorhaben nicht abzubringen.

»Wenn sie mich überhaupt kennt, diese Person, wird sie mich nicht erkennen. Von einer Szene kann keine Rede sein. Und was die Aufregung betrifft –«

Sie unterbrach sich, zog einen dichten Spitzenschal aus dem seidenen Beutel und schlang ihn um den Kopf. Dann schritt sie so schnell aus, daß die Hausset ihr kaum zu folgen vermochte.

Im Dickicht einer Allee, das man der Marquise bezeichnet haben mochte, fanden die Frauen nach kurzem Suchen, wonach die Marquise so stürmisch gedrängt: Anne Romans, ihren Knaben an der weißen Brust.

Jeanne schrak zusammen. Ein eisiger Schauer rann ihr den Rücken entlang, ein heißes Würgen stieg in ihrem Halse auf.

»Mein Gott!« stöhnte sie, »mein Gott, wie schön ist dieses verruchte Weib!«

Wirklich war es ein schönes Bild: diese junge, üppige Mutter mit dem säugenden Knaben im goldigen Grün des Buchenganges.

Stolz, den klassischen Kopf mit der Fülle schwarzen Haares, das ein kostbarer, diamantengeschmückter Kamm zusammenhielt, ein wenig gesenkt, blickte Anne Romans auf das schöne Kind an ihrem Busen.

Die eiskalte, bebende Hand der Marquise umklammerte die Finger ihrer treuen Begleiterin.

»Geh zu ihr. Sprich mit ihr. Frage sie nach dem Vater!« keuchte Jeanne.

Die du Hausset tat schweren Herzens, was die Herrin sie hieß.

Während die Marquise abgewandt stand, das Taschentuch an den Mund gepreßt, um ihr Schluchzen zu ersticken, trat die Hausset zu der jungen Mutter. »Ein schönes Kind,« sagte sie mit aufrichtiger Bewunderung.

Anne Romans hob stolz lächelnd den Kopf.

»Ich muß es zugeben, obwohl ich die Mutter bin.«

»Ist auch sein Vater ein schöner Mann?«

»Wunderschön! Wenn ich ihn nennen wollte, Sie würden meiner Meinung sein.«

»Also kenne ich den Vater des Kindes, Madame?«

»Mehr als wahrscheinlich.«

Die Hausset trat grüßend zurück.

Jeanne war wie hingemäht auf einer mosigen Erhöhung des Waldrandes niedergesunken. Sie hatte jedes Wort gehört, was gesprochen worden war.

»Gleicht der Knabe seinem Vater?« fragte sie mit bebender Angst in der Stimme. Die du Hausset nickte stumm.

Langsam erhob sie sich.

»All seine illegitimen Kinder gleichen ihm auf ein Haar! Man sagt, die Ähnlichkeit des Kindes mit dem Vater lasse auf die heiße Liebe seines Erzeugers zu der Mutter schließen. Gott sei's geklagt, mir hat der Himmel keins beschieden. Wer weiß, ob es ihn nicht unlösbar an mich geknüpft!«

Bittere Tränen rannen über ihre bleichen Wangen, als sie es sprach.

Am Abend des folgenden Tages besuchte die Marschallin von Mirepoix die Marquise.

Der frischen, klugen Frau, die allen Dingen des Lebens die heiterste, gesundeste Seite abgewann, gelang es, Jeanne zu trösten, wie sie sie nach dem Attentat getröstet hatte. »Mut, Mut, meine Liebe! Der König denkt nicht daran, den Knaben anzuerkennen. Ebensowenig wie den Herzog von Luc und all die anderen. Sie wissen das selbst am besten. Wir leben nicht im Zeitalter des von Ihnen angeschwärmten vierzehnten Louis,Siehe »Ein Liebesidyll Ludwigs XIV.« der mit anerkennenswerter Gewissenhaftigkeit für seine illegitime Nachkommenschaft sorgte. Des Königs Neigung zu Mademoiselle Romans wird vorübergehen, wie all seine Neigungen vorübergegangen sind. Er wird sich dauernd weder mit ihr noch mit dem Knaben beschweren. Mehr noch denn andere Männer ist der König Gewohnheitsmensch. An Sie ist er durch Jahre treuester Anhänglichkeit gewöhnt, Sie kennen seine Licht- und Schattenseiten. Er braucht sich weder zu bemühen, Ihnen zu gefallen, noch sich zu fürchten, Ihnen zu mißfallen. Sie durchschauen ihn bis auf den Grund seiner Seele. Er wird Sie ebensowenig verlassen, wie er Versailles und seine Lieblingsgemächer verlassen würde. Seien Sie klug, Marquise. Nehmen Sie die Dinge, wie sie sind. Weiß der Himmel, das Leben hat Sie vor schwerere Aufgaben gestellt, als vor den Kampf mit einer unbedeutenden Schönheit.« – –

So leicht, als die Mirepoix es sich vorstellte, vermochte Jeanne ihre Ruhe nicht wiederzufinden.

Aber sie fühlte, die Marschallin hatte recht, auch darin recht, daß sie sich nicht in fruchtloser Trauer erschöpfen dürfe. Großes forderte die Zeit von ihr, Großes im Ertragen von immer neuen Schicksalsschlägen, Großes im Aufringen zu immer neuen Entschlüssen.

Mit unerhörter Pein stürmten die Erinnerungen an jüngst Erlebtes auf Jeanne ein.

Ein kurzes Aufatmen nach den Siegen Soubises, und das Kriegsglück hatte sich aufs neue gewandt. Ferdinand von Braunschweig hatte sämtliche von den Franzosen besetzten Plätze angegriffen und wiedergewonnen. Zwischen den beiden Heerführern Soubise und Broglie war ein Kampf entbrannt, heiß wie auf den blutgedüngten Schlachtfeldern. Einer hatte dem anderen die Verantwortlichkeit für die verlorenen Positionen aufgebürdet.

Der eine warf dem anderen vor, zu früh, der andere dem einen, zu spät angegriffen zu haben, die Schuld an der Niederlage von Villinghausen zu tragen, den Verlust von 5000 Menschenleben auf dem Gewissen zu haben!

Sie hatte bei diesem Streit, in Gemeinschaft mit Choiseul, Soubise im Recht erklärt, den Marschall Broglie von seinem Posten enthoben und ihn auf seine Güter exiliert.

Nur mit Schaudern vermochte sie daran zu denken, wie wenig sie bei diesem Entschluß mit den Sympathien der Pariser Bevölkerung für den populären Helden gerechnet hatte. Mit Entsetzen stand die Erinnerung an die öffentliche Kundgebung im Théâtre Français wieder vor ihr auf, als bei einer Vorstellung des »Tancrède« Mademoiselle Clairon, die unvergleichliche Darstellerin der Aménaide, von der Bühne herab den Vers gesprochen:

»On dépouille Tancrède, on l'exile, on l'outrage,
C'est le sort d'un héros d'être persécuté
Tout son parti se tait! Quel sera son appui?
Sa gloire – –
Un héros qu'on opprime attendrit tous les cœurs.«

Ein einziger Schrei der Empörung aus Tausenden von Kehlen hatte die Luft erschüttert: ein Vivat Broglie, ein Pereat der Pompadour war wie eine wilde, alles verschlingende Meereswoge über sie hingegangen.

Welch ein Triumph, welch eine große Stunde für ihre Feinde!

Hohn und Spott für sie, die sie nur von Sieg und Ruhm geträumt! Sollte Bernis recht behalten, als er die Saat dieses Krieges einen Frevel genannt, aus der Frankreich nur Blut und Schande erwachsen würde!

Alles bäumte sich in Jeanne gegen das Gespenst einer solchen Erkenntnis auf. Nein, tausendmal nein! Sie hatte die Brandfackel des Krieges entzünden helfen, um den verhaßten Feind niederzubrennen, Frankreich groß zu machen. Sollte dieser kühne Plan ein Hirngespinst, ein leerer Wahn bleiben?

Sie glühte wie im Fieber. Ihre Pulse flogen. Nur das nicht, nein! Keinen Schritt weit herunter ins Nichts. Höher, immer höher hinauf zu der goldenen Sonne des Ruhmes und der Größe. Und kaum daß sie es gedacht, traf Frankreich ein neuer Schicksalsschlag.

Die große Verbündete, Elisabeth von Rußland, war gestorben und Peter III. schloß, wider jede Voraussetzung, einen Waffenstillstand mit dem Preußenkönig, dem der Frieden von Petersburg folgte.

Was nützte der frühe Tod des Kaisers, da Katharina II. den Frieden bestätigte und strenge Neutralität bewahrte?

Sie rief Choiseul, heut ihren treuesten Freund und Verbündeten. Er sollte helfen, Rat schaffen!

Mit finsterer Miene trat der Minister bei der Marquise ein. Lange gab er keine Antwort auf ihr rasch und herrisch hervorgestoßenes »Was nun? Was nun?«

»Friedrich erhält freie Hand gegen seine übrigen Feinde,« sagte er endlich hart. »Wenn nicht ein Wunder geschieht, sind wir die Leidtragenden und können die Zeche zahlen.« –

Die Marquise knirschte. Ihre Eitelkeit, ihr Stolz bäumten sich himmelauf. Schauer des Entsetzens packten sie. Aber sie konnte dem Unabweisbaren nicht wehren. Nah und näher rückte es, Tag um Tag.

Wie ein schwarzes, blutsaugerisches Gespenst reckte es die Arme, krallte es seine beutegierigen Finger um das unglückliche Land.

Soubise wurde aus Hessen vertrieben, Kassel durch den Herzog von Braunschweig zurückerobert.

Der Seekrieg gegen England, bei dem die französische Flotte sich nicht glücklicher gezeigt als das Heer in deutschen Landen, wurde durch den Präliminarfrieden, den der am 10. Februar 1763 zu Paris geschlossene endgültige Frieden bestätigte, ruhmlos beendet.

Nur ein Schritt noch, nur eine armselige Frist von fünf Tagen bis zum Frieden von Hubertusburg, der Frankreichs und der Pompadour stolze Hoffnungen begrub!

Wie gefällt brach die Marquise zusammen. Alles, was sie gewollt, ersehnt, war in das Gegenteil umgeschlagen. Friedrich II. war nicht vernichtet. Der Frieden von Hubertusburg befestigte im Gegenteil die Stellung Preußens unter den ersten Mächten Europas. Maria Theresia, der sie auf Kosten Frankreichs gegen den Verhaßten zu Hilfe geeilt, mußte all ihren Ansprüchen, mußte Schlesien und Glatz entsagen. Vergebens das Opfer ungezählter Menschenleben, aufgewandter Summen. Vergebens Hoffnungen, Wünsche, Gebete. –

Unter der Maske der Stumpfheit barg Louis XV., was er bei diesem Ausgang empfand, den Bernis ihm vorausgesagt hatte. Er sprach kein Wort zu Jeanne. Das bleiche, schmerzzerwühlte Gesicht, in dem nur noch die wundervollen Augen lebten, jammerte ihn. Mit grimmiger Verachtung strafte er Choiseul und Starhemberg, aber er ließ es zu keiner offenen Fehde kommen. –

In den vielen einsamen Stunden, die dem Friedensschlusse folgten, dachte Jeanne lange und schmerzlich über das Wort, das sie, des königlichen Jammers müde, Louis nach der verlorenen Schlacht von Roßbach entgegengeschleudert hatte.

»Nach uns die Sintflut!« Sie begriff dieses Wort heute selbst nicht mehr.

In dieser Stunde bitterster Selbsterkenntnis ward es ihr klarer denn je, daß sie niemals das Grab als das Ende ihrer Herrschaft angesehen, daß es ihr niemals gleichgültig gewesen war, wie die Nachwelt über sie richten würde. Seit sie den Fuß auf die erste Sprosse der goldenen Leiter gesetzt, hatte sie keinen anderen Gedanken gehabt, als ihren Namen ruhmgekrönt, im strahlenden Glanz, in das Buch der Geschichte einzuschreiben.

An ruhmvoll eroberte Städte, unterjochte Provinzen hatte sie diesen Namen geknüpft gesehen. An all die großen Unsterblichkeiten, die siegreiche Kriege verleihen.

Ja, es hatte in diesem Feldzuge Augenblicke gegeben, da sie Friedrich gnadebettelnd zu ihren Füßen gesehen! Augenblicke, da sie die Hand des Eroberers auf Hannover, Hessen und beide Sachsen gelegt! Augenblicke, da sie die Fahnen Frankreichs bis an die Scheide getragen hatte!

Und sie hatte des Gerichts der Nachwelt spotten wollen!

Wie Jeanne so gramversunken grübelnd saß, schlich die du Hausset behutsam ins Zimmer. Seit der Minister Choiseul ihr gesagt, er fürchte sehr, daß ihre Herrin vor Kummer sterben werde, hatte die treue Frau nicht mehr den Mut, die Marquise lange sich selbst zu überlassen.

Jeanne verstand den Blick voll Liebe und Angst, der auf ihr ruhte. Sie lächelte schwach.

»Sorge nicht um mich! Es dauert noch ein Weilchen bis zum Sterben. Madame Bontemps hat mir aus ihren Karten prophezeit, daß mir Frist bleiben werde, mich selbst zu erkennen. Ich glaube ihr gern. Es stirbt sich nicht so rasch an Kummer. Sie wird recht behalten, wie die Lebou recht behalten hat, die mir als Kind schon vorausgesagt, daß ich des Königs Geliebte sein würde!«

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