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Marquise von Pompadour

Dora Duncker: Marquise von Pompadour - Kapitel 18
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typefiction
authorDora Duncker
titleMarquise von Pompadour
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XVII.

Während die freundschaftlichen Beziehungen der Marquise von Pompadour mit Bernis die gleichen waren, der Abbé ihr in diskreter Zuneigung und Dankbarkeit für die ihm erwirkte Wohnung in den Tuilerien und die 1500 Livres Pension aus der Privatschatulle des Königs ergeben blieb, die Anstrengungen zu schätzen wußte, die sie für seine Karriere machte, hatten sich die Beziehungen zwischen Jeanne und dem Herzog von Richelieu mehr und mehr gelockert.

Die d'Estrades und d'Argenson hatten während Richelieus Abwesenheit im Felde das Ihre dazu getan, den Herzog, der mehr als eifersüchtig auf die Gunst des Königs war, gegen die immer zunehmende Macht der Pompadour aufzuhetzen.

Die Anhänger des Ministers und seiner Geliebten, die sich mit der Intimität, in der sie mit d'Argenson lebte, nicht zufrieden gab, sondern nicht aufhörte, nach der Gunst des Königs zu schielen, setzten große Hoffnungen auf die Rückkehr Richelieus.

Nach der Belagerung von Genua erschien der Herzog um Anfang des Jahres in Versailles, stolz und strahlend in seiner neuen Würde als Marschall von Frankreich, die er als Erbe Moritz' von Sachsen angetreten hatte.

Richelieu konnte es kaum erwarten, seinen Jahresdienst als erster Kammerherr zu übernehmen. In dieser seiner Stellung gedachte er am ehesten zum Ziel zu kommen: »die kleine Pompadour zu drücken, als wäre sie ein Mädelchen von der Oper« und nach einer neuen Maitresse, die weniger Raum an der Seite des Königs beanspruchte, Umschau zu halten.

Die Gelegenheit zur ersten Schlacht sollte nicht lange auf sich warten lassen.

Jeanne hatte den verwegenen und genialen Plan, den sie nach Ablauf des ersten Komödienjahres Onkel Tournehem mitgeteilt, wirklich durchgesetzt.

In die große Botschafterstiege, in der Louis XIV. einst ernste Symphonien aufführen ließ, war von Gabriel der neue Saal eingebaut worden. Die Bühne war genau so eingerichtet, wie Jeanne es damals vorgeschlagen hatte.

Sie ließ sich in kürzester Frist nach Belieben aufbauen und wieder fortnehmen, ein Kunststück, das einen Kostenaufwand von 65000 Livres verschlungen hatte. Dazu kamen die Unkosten der Kostüme, Dekorationen und Honorare, die im ersten Spieljahre eine Summe von 100000 écus erfordert hatten, uneingedenk der Requisiten, die allerdings zum größten Teil aus den »Menus Plaisirs« entnommen worden waren.

Die gesamte Hofgesellschaft, der König an der Spitze, war von dieser originellen Einrichtung so entzückt, daß von den Kosten bisher nicht viel die Rede gewesen war.

Der in Blau und Gold dekorierte Saal mit seinen 40 bequemen Zuschauerplätzen und ebenso vielen Sitzen für das Orchester, war ein Aufenthalt, dem man nicht genug des Lobes nachrühmen konnte.

Die gesamte Einrichtung war über den Kopf des Herzogs von Aumont, der im Jahre des Baues als erster Kammerherr im Amt war, getroffen worden. La Vallière hatte im Einverständnis mit der Pompadour vollkommen selbständig verfügt. Er richtete seine Befehle direkt an die Beamten der »Menus Plaisirs«, benützte das dort aufgespeicherte Material und ließ alle Orders an die Baumeister, Maler, Dekorateure auf eigene Hand an ihre Adressen gehen.

Der Herzog von Aumont hätte alle Rechte gehabt, dieser Autokratie zu steuern. Sämtliche Theater und Schauspielhäuser unterstanden der Begutachtung eines ersten Kammerherrn, ebenso die »Botschafterstiege« als Teil des Grand-Appartements. Aumont hatte indes niemals gewagt, sich den indirekten Anordnungen der Pompadour zu widersetzen.

Richelieu machte kurzen Prozeß. Gleich nach Antritt seines Amtsjahres legte er in einem sehr entschiedenen Brief an den König Protest gegen die von La Vallière eingeführten Mißbräuche ein.

Da der König nicht antwortete, ließ Richelieu das Kleine Theater wieder aufschlagen. Er erließ den strikten Befehl, daß kein Hofwagen ohne einen von ihm unterschriebenen Schein geliefert würde. Requisiten und Schmuck durften ohne seine Erlaubnis nicht mehr von den »Menüs Plaisirs« hergeliehen, Arbeiter des Hoftheaters ohne des Herzogs Genehmigung nicht mehr beschäftigt werden.

Jeanne war die letzte, sich diese offene Opposition bieten zu lassen. Die Aufführung von Lullys »Acis und Galathea« stand bevor. Das Werk bedurfte vieler Proben und kostspieliger Vorbereitungen. Der ganze Hof hatte seinen Besuch angesagt.

Die drei Prinzessinnen Madame Henriette, Adelaide und Victoire, die das Theater im neuen Saal mit Vorliebe besuchten, ebenso Maria Josepha steckten sich hinter die Königin.

Richelieus Maßnahmen wurden unhaltbar.

Der König, dem das Vergnügen der Marquise und seiner Kinder, die eigene Ruhe und Bequemlichkeit mehr am Herzen lagen als die Anordnungen Richelieus, fragte den Marschall gleich bei der ersten Audienz in eiskaltem Ton:

»Wie oft sind Seine Exzellenz schon in der Bastille gewesen?«

»Dreimal, Sire.«

Louis XV., der die Gründe, die den Herzog in die Bastille geliefert, sehr gut kannte, zählte sie dem Marschall mit Gemütsruhe vor.

Richelieu erschrak und beherzigte die Warnung. Er ließ den Theaterbetrieb bestehen, ohne sich wieder hineinzumischen.

Er schlug die Ratschläge d'Argensons und der d'Estrades, die ihm so schlecht bekommen waren, in den Wind. Er besuchte wieder regelmäßig die Empfänge der Marquise, zu denen sich die gesamte Hofgesellschaft, einschließlich der Prinzessinnen, drängte.

Er nahm jede Gelegenheit wahr, Jeanne galant seiner alten Freundschaft zu versichern, sich ihr für jeden ihrer Wünsche aufs liebenswürdigste zur Verfügung zu stellen.

Der Waffenstillstand war geschlossen.

Hartnäckiger verfolgte d'Argenson Hand in Hand mit der d'Estrades sein Ziel.

Auf indirektem Wege über Lebel hatte die d'Estrades erfahren, daß, obwohl es ganz und gar nicht den Anschein hatte, augenblicklich eine Art Verstimmung zwischen ihrer Cousine und dem König bestehe. Sie ließ sich Lebel kommen und examinierte ihn eingehend, ehe sie mit dem Minister konferierte.

Der schlaue Fuchs zuckte die Achseln.

Er behauptete, nichts Genaueres zu wissen. Der König sei allabendlich bei der Marquise. Er wolle zugeben, daß Seine Majestät früher von ihr zurückkehre als sonst, aber damit sei nichts bewiesen.

Die kleinen Anträge, die er dem König unter der Hand gemacht, sich gelegentlich mit anderen Frauen zu vergnügen, seien regelmäßig abgewiesen worden.

»Ich bin kein kleiner Antrag,« hatte die d'Estrades heftig zurückgegeben und war zu d'Argenson geeilt.

Der Minister stachelte, wie stets bei ähnlichen Anlässen, den Haß seiner Geliebten gegen die bürgerliche Cousine. Er erzählte der habsüchtigen Frau von neuen kostbaren Geschenken des Königs, ja von einer Rangerhöhung, die für die Pompadour in Aussicht stehe.

Der Neid brannte der kleinen häßlichen Person mit den groben Zügen in allen Poren.

»Morgen siedelt der Hof nach Choisy über. In drei Tagen werden Sie von mir hören, mein Freund,« knirschte sie mit verzerrtem Gesicht. –

Jeanne hatte auf Anraten Quesnays und unter getreuer Aufsicht der Hausset eine Milchkur begonnen, die ihrem Allgemeinbefinden außerordentlich gut tat. Im übrigen hatte der Arzt ihr eine strenge Diät verordnet.

Der König unterstützte diese Kur durch das weitgehendste Entgegenkommen. Er erließ es Jeanne, an der großen Hoftafel zu erscheinen, an anstrengenden Vergnügungen teilzunehmen.

Nach ein paar Tagen in Choisy sollte sie nach La Celle gehen, um sich für eine projektierte Reise in die Normandie vollends zu stärken.

Es kostete Louis mehr, als er sich eingestehen wollte, die Marquise so oft an seiner Seite entbehren zu müssen.

Er war verdrossen und schweigsam und trank bei der Tafel mehr, als es seiner Gesundheit zuträglich war.

Er hatte sich noch nie berauscht. In Choisy war er nahe daran.

Nichts konnte günstiger für die Pläne der d'Estrades, für die Partei d'Argensons sein als diese Stimmung Louis', die hinter der Geliebten des Ministers stand und ihr tagtäglich in den Ohren lag, die Gelegenheit beim Schopf zu packen, dem König die Pompadour zu ersetzen.

Eines Mittags, da Jeanne halb und halb versprochen hatte, bei der Tafel zu erscheinen, sich aber im letzten Augenblick noch entschuldigen ließ, schüttete der König aus Ärger und Gram den Wein in Mengen hinunter. Er wollte heiter sein auch ohne die Marquise.

Madame d'Estrades hatte den König genau beobachtet. Sie triumphierte. Endlich war der Augenblick gekommen, ihm Vergessen und Vergnügen in ihren Armen zu schenken.

Halb trunken, befahl der König nach der Tafel eine Gondelfahrt. Erstickend heiß war ihm zumute. Er wollte Luft, Kühlung genießen.

Er gab Lebel Order, die Marquise zu benachrichtigen. Sie sollte in der Königsbarke an seiner Seite sein.

Lebel, der mit der d'Estrades soweit unter einer Decke steckte, als ihn die sonst sehr genaue Frau für jeden Dienst hoch bezahlte, meldete zunächst der d'Estrades diese königliche Order.

Sie drückte ihm sogleich 20 Livres aus der Bestechungskasse d'Argensons in die Hand.

»Es ist gut, Herr Lebel. Ich gehe ohnedies zu meiner Cousine hinauf. Ich werde ihr den Wunsch des Königs überbringen.«

Aber die d'Estrades dachte nicht daran, zu gehen. Sie wickelte sich in ein kostbares Spitzentuch, das d'Argenson ihr aus England hatte kommen lassen, und wartete hinter einem Gebüsch versteckt auf die Abfahrt des Königs.

Er war in die Barke getaumelt. Gerade zur rechten Zeit, ihn zu halten, stieg sie nach.

Louis' Sinne waren nicht so umnebelt, daß er nicht bemerkt hätte, wer anstatt Jeanne an seiner Seite saß.

Er wies die zudringlichen Zärtlichkeiten der d'Estrades Zurück, aber im Grunde war er froh, jemand bei sich zu haben, der ihm die Zeit vertrieb.

Spät, bei vollkommener Dunkelheit, kam man nach Choisy zurück. Die Gesellschaft zerstreute sich rasch.

Ohne daß der König es bemerkte, war die d'Estrades ihm auf den Fersen gefolgt und hatte sich hinter ihm her in sein Kabinett geschlichen.

Im Vorzimmer warteten die Freunde der d'Estrades, die Kreaturen d'Argensons, die ihn um alles auf seinem Posten halten wollten.

Wenn es der Freundin des Ministers gelang, den König einzufangen, war das Spiel gewonnen.

Sie hatten lange zu warten. Schon wollten sie die Hoffnung aufgeben, als die d'Estrades mit aufgelöstem Haar und zerrissenem Spitzenschal aus dem Kabinett des Königs gestürzt kam.

»C'est fait!« rief sie der Kohorte triumphierend entgegen und verschwand in den Gemächern Mesdames.

D'Argenson zahlte seiner Maitresse diese Heldentat mit einer hohen Summe, obwohl er im Grunde an einen Erfolg der häßlichen d'Estrades beim König nicht glaubte, um so weniger als die nächtliche Szene das üble Nachspiel hatte, daß Madame d'Estrades wenige Tage später ziemlich dringend ersucht wurde, Choisy bis auf weiteres zu verlassen.

Der Minister versuchte die Wahrheit aus Lebel herauszubekommen.

Der aber behauptete, der König sei so betrunken gewesen, daß er schwerlich gewußt habe, was er gedacht oder getan.

Die d'Estrades dagegen schwur auf ihren Erfolg und nützte ihn vorderhand außerordentlich praktisch aus: sie brüstete sich laut mit der Liebschaft des Königs und verkaufte zu doppelten Preisen ihre vermeintliche Macht bei Louis XV. und ihre wirkliche bei d'Argenson.

Im Volk sang man Spottlieder auf die häßliche, intrigante, undankbare, geldgierige Frau.

»Si vous voulez faire
Dans le temps présent
La plus mince affaire,
Il faut de l'Argent;
Parlez à d'Estrades,
eile reçoit un écu, Lanturelu!

Si vouz voulez être
Sûr de la trouver
Et la reconnaître
Sans la demander,
Cherchez le visage le plus
semblable au c... Lanturelu.«

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