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Marino Faliero - Doge von Venedig

George Gordon Noël Byron: Marino Faliero - Doge von Venedig - Kapitel 6
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typedrama
authorGeorge Byron
titleMarino Faliero - Doge von Venedig
publisherVerlag von Phillip Reclam jun.
seriesLord Byrons sämtliche Werke
volumeDritter Band
translatorAdolf Seubert
correctorreuters@abc.de
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Dritter Act.

Erster Auftritt.

Platz zwischen dem Kanal und der Kirche San Giovanni und Paolo.

Vor der Kirche eine Reiterstatue. In einiger Entfernung liegt eine Gondel im Kanal. Der Doge allein und vermummt.

Ich stehe vor der Stunde, deren Stimme,
Wenn durch das Sterngewölb' der Nacht sie tönt,
In böses Schwanken die Paläste hier
Versetzen könnt', daß ihre Marmorquadern
Bis zu dem Eckstein fürchterlich erbebten
Und alle Schläfer aus dem Traum erwachten,
Aus einem Schreckenstraum voll finstrer Ahnung
Des Unheils, das sie überfallen wird.
Ja stolze Stadt, du sollst gereinigt werden
Vom schwarzen Blut, das dich zum Siechenhaus
Der Tyrannei gemacht. – Man hat dies Werk
Mir aufgedrängt, ich hab' es nicht gesucht.
Ich bin dafür gestraft, daß 'ich so lang'
Patrizierpest sich rings verbreiten sah
Und nichts gethan, bis endlich sie auch mich
In meinem Schlafe traf. Nun bin ich an-
Gesteckt und muß mir durch ein heilend Bad
Rein waschen das Geschwür. – Erhab'ner Tempel!
Wo meine Väter ruhn, wo ihre Bilder
Den Flur beschatten, der mich trennt vom Grab,
Wo unsres Blutes wilde Herzen schlafen,
Zu einer Handvoll Asche eingeschrumpft,
So daß ein Häuflein ist, was so viel Helden
Gewesen einst, die eine Welt bewegt.
Du Haus der Heiligen, die mein Geschlecht
Behütet stets! Du zweier Dogen Gruft,
Die, meine Ahnen, einst gefallen sind,
Der unter Mühn, der auf dem Schlachtgefild,
Du Ruheplatz noch vieler unverwandter
Feldherrn und Räthe, deren großen Werke,
Und Stand und Wunden ich geerbt! Mach' jetzt
Die Gräber auf, füll' mit den Todten Schiff
Und Chor und ström' aus deinen Thoren sie,
Daß mich sie schaun. Ich rufe sie und dich
Zu Zeugen dessen auf, was mich gebracht
Zu diesem Schritt: ihr hohes reines Blut,
Ihr Wappenruhm, ihr mächt'ger Name ward
In mir entehrt, doch nicht von mir, vielmehr
Von jener undankbaren Adelsbrut,
Für die wir kämpften, sie uns gleich zu machen,
Doch nicht zu unsrem Herrn. Vor Allen du,
Du tapfrer Ordelaso, der einst fiel,
Wo seitdem ich gesiegt, auf Zara's Plan!
Verdienten jene Hekatomben, die
Von deinem und Venedigs schlimmstem Feind
Dein Enkel dort geopfert, solchen Dank?
Ihr Geister, lächelt heut' auf mich herab,
Denn meine Sache ist die eure auch
Und kann für alle Zeit jetzt eure werden.
Es ist ja Euer hoher Ruf und Namen
Mit meinem eng verknüpft, und unsres Hauses
Zukünft'gem Loos! Laßt glücken meinen Plan,
Und frei, unsterblich mach' ich diese Stadt
Und glänzender des Hauses Namen noch,
Jetzt wie dereinst, als je der eure war.

Israel Bertuccio tritt auf.

Israel. Wer da?

Doge. Venedigs Freund!

Israel. Der Doge ist's.
Willkommen, Herr! Ihr kommt noch vor der Zeit.

Doge. Seht mich bereit, an den Versammlungsort
Zu gehn.

Israel. Ich geh' mit Euch. Und stolz bin ich
Und froh, so viel Vertraun in Euch zu schaun.
So sind denn Eure Zweifel all verscheucht,
Seit wir das letzte Mal uns sahn?

Doge. Das nicht,
Allein ich hab' das wen'ge Leben, das
Mir bleibt, auf diesen Wurf gesetzt. Ich warf
Den Würfel schon, als ich zum ersten Mal
Auf den Verrath aus Eurem Mund gelauscht.
Fahrt nicht zurück! Das ist das Wort! Ich kann
Die Zunge nicht verdrehn, um schwarze That
Mit süßem Namen gleißend zu belegen,
Bin ich gewonnen auch, sie zu begehn.
Als ich vernahm, wie Euern Herrscher ihr
Versucht, und Euch nicht ins Gefängniß warf,
Da ward ich Euer schuldigster Genosse.
Jetzt könnt ihr, wenn es Euch gefällt, an mir
Das Gleiche thun.

Israel. Seltsame Worte, Herr,
Und unverdient, denn ich bin kein Spion
Und keiner von uns Beiden ist Verräther.

Doge. Von uns – von uns? – Gleichviel! Ihr habt ein Recht
Von »uns« zu sprechen ja. – Jedoch zur Sache!
Wenn der Versuch gelingt und frei und blühend
Venedig wird und wenn im Grab wir ruhn,
Sein Volk dereinst zu unsern Grüften wallt
Und seine Kinder Blumen streuen läßt
Auf der Befreier Todtenmal, wird der
Erfolg rechtfert'gen, heil'gen unsre That
Und wir wie Brutus stehn in der Geschichte;
Wo aber nicht, wo es mißlingt, und wir
Geheimen Plan und blutig Werk gebraucht
Wenn auch zu gutem Zweck, sind wir Verräther.
Mein biedrer Israel, du ganz so gut
Wie Der, der vor sechs Stunden war dein Herr
Und nun dein Bruder Hochverräther ist.

Israel. Dies ist der Ort nicht, Solches in Betracht
Zu ziehn, sonst gäb' ich Antwort Euch. Jetzt zur
Versammlung? Kommt! Man könnte uns hier sehn.

Doge. Wir sind gesehn und waren's längst.

Israel. Gesehn?
Wo ist der Mann und dieser Stahl –

Doge. Steck ein!
Kein menschlich Auge ist's. Doch schau – was siehst
Du hier?

Israel. Nur eines Kriegers steinern Bild,
Der hoch auf stolzem Roß im bleichen Licht
Des Mondes sitzt.

Doge. Der Krieger war der Ahn
Von meines Vaters Ahnen, und dies Bild
Ihm zuerkannt, weil zweimal er die Stadt
Gerettet hat. Siehst du, er schaut zu uns
Herab!

Israel. Mein Fürst, das sind nur Phantasien,
Der Marmor hat kein Aug'.

Doge. Doch hat's der Tod.
Ich sag' dir, Mann! es lebt in solchem Ding
Ein Geist, der schaut und wirkt, und den man fühlt,
Wird er auch nicht gesehn. Und wenn es Zauber,
Um Todte zu erwecken, gibt, ist's wol
Durch solche That, wie wir jetzt im Begriff
Zu thun. Glaubst du, die Geister eines Hauses
Wie meines ist, vermöchten still zu ruhn,
Wenn des Geschlechtes letztes Glied und Haupt
Am Rande ihrer Gräber selbst Verrath
Mit wüthenden Plebejern spinnt?

Israel. Ihr hättet
Erwägen sollen dies, eh' Ihr noch Theil
An unserm Plane nahmt. Reut Euch der Schritt?

Doge. Nein! Doch ich fühl's und werd' es ewig fühlen.
Ich kann ein rühmlich Leben nicht so mir
Nichts dir nichts von mir thun, nicht ohne Weitres
Einschrumpfen zu dem Ding, das künftig ich
Muß sein, noch hehlings rauben Menschenleben.
Doch zweifelt nicht an mir! Gerade dies
Gefühl, grad' daß ich weiß, was mich so weit
Geführt hat, ist Euch beste Sicherheit.
In Eurem wild empörten Bund ist kein
Ergrimmter Handwerksmann, der so verletzt,
So tief gestürzt, so scharf zur Rache ward
Gereizt wie ich. Die Mittel grad', wozu
Die schändlichen Tyrannen mich gedrängt,
Sind solcher Art, daß ich sie doppelt für
Die Thaten hass', die ich vollbringen muß,
Um ihre Schandthat ihnen heimzuzahlen.

Israel. Kommt jetzt! – Hört Ihr? Die Stunde schlägt!

Doge. Fort! fort!
Die Todtenglock' ist für Venedig sie,
Wo nicht – für uns!

Israel. Sagt lieber doch: sie ruf'
Die Auferstehung seiner Freiheit aus.
Kommt diesen Weg – wir sind ganz nah' dem Ort. (Beide ab.)

Zweiter Auftritt.

Das Stelldichein der Verschworenen.

Dagalino, Doro, Bertram, Fedele Trevisano, Calendaro, Antonio delle Bende etc.

Calendaro (beim Eintreten). Sind Alle da?

Dagolino. Jawol, mit dir: die Drei
Im Dienst und unser Führer Israel,
Der jeden Augenblick erwartet wird,
Stehn nur noch aus.

Calendaro. Ist Bertram da?

Bertram. Hier, Herr!

Calendaro. Wart Ihr im Stand, die Anzahl zu ergänzen.
Die Eurer Compagnie gefehlt?

Bertram. Ich hab'
Ein Paar mir wol gemerkt, doch nicht gewagt,
Sie mit der Sache zu betraun, bis ich
Versichert mich, daß sie Vertrauens werth.

Calendaro. Nicht nöthig ist's, auf ihre Treu zu sehn.
Wer außer uns, und unsern Auserwählten
Kennt unsre Pläne ganz? Sie glauben, im
Geheim der Signoria sich verdingt, Eine geschichtliche Thatsache Siehe Anhang Note A.
Um ein'ge junge Edeln zu bestrafen,
Die durch Excesse dem Gesetz getrotzt.
Doch sind sie einmal ausgerückt und haben
Das neue Schwert im schwarzen Herzen erst
Der Senatoren eingeweiht, die man
Am meisten haßt, so werden sie nicht zögern,
Auch auf die Andern ihren Schlag zu thun,
Wenn sie das Beispiel ihrer Führer sehn.
Ich will sie schon in die Verfassung setzen,
Daß sie schon Schande halber, und um selbst
Zu sichern sich, nicht früher werden ruhn,
Bis Alle sammt vernichtet sind.

Bertram. Was sagt
Ihr? Allesammt?

Calendaro. Wen willst du denn verschone»?

Bertram. Verschonen? Ich? Dazu fehlt mir die Macht.
Ich fragte nur, weil ich gedacht, daß doch
Der oder Jener in der Zahl vielleicht
Der Bösen wär', den Alter oder Tugend
Der Gnade würdig machte.

Calendaro. Gnade? Ja,
Wie Nattern sie verdienen und empfangen,
Wenn sie zerhaun, im letzten wilden Krampf
Des gift'gen Lebens in der Sonne zucken.
Ich dächte wahrlich grad so gut daran,
Mitleid zu fühlen mit dem Zahn, den ich
Im Rachen fänd' der giftgeschwoll'nen Schlange,
Als Einen dieser Brut zu schonen. Nein!
Sie sind nur Glieder einer langen Kette,
Ein Stoff, Ein Athem und Ein Leib! Beisammen
Nur essen, trinken, leben, brüten sie,
Beisammen lügen, drücken, tödten sie,
So sollen sie auch sterben hübsch beisammen!

Dagolino. Wenn Einer übrig blieb, er könnte so
Gefährlich sein wie diese ganze Brut.
'S ist nicht die Zahl, ob zehen oder tausend,
Der Geist ist's dieser Aristokratie,
Der ausgerottet werden muß. Und blieb
Ein einz'ger Schößling von dem alten Baum
Am Leben noch, er schlüge Wurzel bald
Und wüchse neu empor zu düstrem Grün
Und bitt'rer Frucht. Wir müssen fest sein, Bertram!

Calendaro. Nimm dir's zu Herzen, Bertram! Hörst du wol?
Ich hüte dich.

Bertram. Wer mißtraut mir?

Calendaro. Ich nicht;
Denn thät' ich es, du stündest jetzt nicht hier
Und schwatztest von Vertraun. Dein weiches Herz,
Nicht Untreu ist's, was dich verdächtig macht.

Bertram. Ihr solltet wissen, wer und was ich bin.
Ein Mann, wie ihr, gewillt, den Druck zu brechen,
Ein braver Mann auch, wie ich glaub' und wie
Mich Ein'ge wol von euch erkannt; und ob
Ich tapfer bin, könnt, Calendaro, Ihr
Bezeugen, der Ihr im Gefecht mich saht.
Doch, wenn Ihr drob noch Zweifel habt, will ich
An Eurem Leib die Zweifel machen klar.

Calendaro. Recht gern, wenn unser Unternehmen erst
Gethan, das nicht gestört darf werden durch
Derart'gen Zank.

Bertram. Ich bin kein Zänker, Herr!
Doch kann ich mich so tief in Feinde wagen,
Als irgend Einer, der mich hört. Warum
Denn wär' ich sonst Euch als Genosse und
Mitführer zugesellt? Gern aber geb'
Ich zu: ich bin nicht eisern von Natur,
Noch nicht gewöhnt, an schonungslosen Mord
Zu denken ohne ein Gefühl des Schauderns.
Die Schau des Bluts, das spritzt von grauen Köpfen,
Ist kein Genuß für mich: noch dünkt der Tod
Von Ueberfallenen mir Ruhm. Sehr wohl,
Nur zu wohl weiß ich ja, daß solche Thaten
Wir werden üben müssen an den Menschen,
Die uns zu solcher Rach' gereizt. Doch wenn
Es welche gab', die man verschonen könnt'
Mit diesem Blutgeschick, um unsrer selbst,
Um unsrer Ehre halb, um ein'ge Flecken
Hinweg zu wischen von dem Werk, das sonst
Ganz blutig starrt, wär's allerdings mir lieb,
Und darin seh' ich keinen Grund zu Spott
Und zu Verdacht.

Dagolino. Beruh'ge, Bertram, dich!
Wir hegen sicher nicht Verdacht auf dich.
Sei gutes Muths! Die Sache ist es nur,
Nicht unser Will', was solche That von uns
Verlangt. Wir waschen alle Flecken weg
In Freiheits reinem Quell.

Israel Bertuccio und der Doge treten ein, letzterer vermummt,

Dagolino. Ha, Israel!
Willkommen, Freund!

Verschworene. Willkommen, tapferer
Bertuccio hier! Du kommst heut' spät. Wer ist
Der fremde Mann?

Calendaro. Zeit ist es, ihn zu nennen,
Denn die Kam'raden sind bereit, als Bruder
In unsrem Bund ihn freudig zu begrüßen,
Na ihnen ich vertraut, daß einen Zuwachs
Du unsrer Sache bringen willst, den du
Für richtig hältst und der drum Allen recht.
So bauen wir auf jede deiner Thaten.
Er möge sich nun zu erkennen geben.

Israel. Fremdling! tritt vor! ( Der Doge enthüllt sich.)

Verschworene. Verrath! – Der Doge ist's!
Auf! Zu den Waffen! – nieder mit den Zwei'n!
Mit dem Bertuccio und mit dem Tyrannen,
An den er uns verkauft!

Calendaro ( zieht sein Schwert). Halt ein! Halt ein!
Wer einen Schritt thut gegen sie, der stirbt.
Halt ein! Hört den Bertuccio erst! Was? Ihr
Erschreckt vor diesem waffenlosen Greis?
Sag', Israel, was soll dies dunkle Spiel?
Israel. Laß sie nur kommen, daß sie selbst die Brust
Durchbohren sich! Selbstmörder, undankbare!
An unsrem Leben hängt doch eures auch,
Hängt euer Glück und euer Hoffen ja.

Doge. Stoßt zu! Wenn ich zu sterben fürchtete,
Und einen fürchterlichern Tod als ein
Vorwitzig Schwert von euch ertheilen könnt',
So stünd' ich jetzt nicht hier. – O edler Muth!
Du ält'ster Sohn der Furcht, der diese Herrn
So tapfer antreibt gegen einen Greis!
O seht die Kühnen doch, die einen Staat
Umwälzen und Senate stürzen wollen,
Und toll vor Wuth und Aengsten werden, wenn
Sie einen einz'gen Nobile nur schaun!
Erschlagt mich doch! Ihr könnt's, ich mach' mir nichts
Daraus. – Ei, Israel, sind das die Männer,
Die mächt'gen Herzen, die Ihr mir gerühmt?
Seht sie mal an!

Calendaro. Wahrhaftig, er hat uns
Beschämt und zwar mit Recht. Heißt das etwa
Vertraun in eures Haupts, Bertuccio's Treu.
Daß gegen ihn und seinen Gast das Schwert
Ihr zückt? Steckt ein und hört ihn an.

Israel. Nein! ich
Verschmäh's zu reden. Längst schon konnten sie
Erkennen, daß mein Herz unfähig des
Verraths. Nie habe ich die Macht mißbraucht,
Die mir ertheilt war: jed' geschicktes Mittel,
Das unsern Plan nur fördern könnt', zu brauchen.
Sie konnten sicher sein, daß Jedem, den
In diesen Rath ich bracht', die Wahl nur blieb,
Uns Bruder oder Opfer uns zu sein.

Doge. Und was werd' ich euch sein? So wie ihr thut,
Muß ich bezweifeln, ob die Wahl noch frei.

Israel. Wir wären hier zugleich gefallen, Hoheit,
Wenn diese raschen Männer weiter gingen.
Doch seht! sie schämen ob der Tollheit sich
Und lassen ihre Köpfe hängen. Glaubt's!
Sie sind, wie ich sie Euch geschildert. Sprecht
Sie an.

Calendaro. Ja, sprecht zu uns! Voll Staunen lauschen
Wir Alle Euch!

Israel ( zu den Verschworenen). Ihr seid jetzt sicher – nein!
Ihr habt fast schon gesiegt – doch höret und
Erkennt, daß ich die Wahrheit sprach.

Doge. Ihr seht
Mich hier, wie Einer von euch sprach, als alten
Und waffenlosen Mann. Noch gestern saht
Am höchsten Platz ihr mich im Dogensaal,
Scheinbar der Herr von unsern hundert Inseln,
Im Purpur meiner Würde, die Befehle
Ausgebend einer Macht, die nicht bei mir,
Noch auch bei euch, vielmehr bei unsern Herrn,
Bei den Patriziern ist. Warum ich dort
War, wißt ihr wohl. – Warum bin ich jetzt hier?
Er, der von euch am tiefsten ward verletzt,
Beschimpft, getreten, bis er nicht mehr wußte,
Ob er ein Wurm sei oder nicht, der mag
Die Antwort für mich geben, wenn sein eigen
Herz er drum fragt, was ihn hierher gebracht.
Ihr wißt, was kürzlich mir geschah; es weiß
Das Jedermann, und Jeder urtheilt anders,
Als jene dort, die zu Gericht gesessen
Und Schmach auf Schmach gehäuft. Jedoch erlaßt
Die Wiederholung mir; hier sitzt's, hier in
Dem Herzen sitzt der Schimpf. Doch weitre Worte,
Die ich zu viel mit Klagen schon verbraucht,
Vermöchten meine Schwäche nur zu zeigen.
Ich aber kam hierher, um selbst dem Starken
Noch größ're Stärke zu verleihn, und ihn
Zu Thaten anzuspornen, und nicht Waffen
Zu führen mehr des Weibs. Doch brauch' ich euch
Nicht erst zu spornen. Unser Sonderunrecht
Entsprang ja aus den öffentlichen Lastern
In diesem Staat, den ich nicht Republik
Und auch nicht Königreich vermag zu nennen;
Der weder Fürsten hat noch Volk, vielmehr
Die Sünden des Spartanerstaats, doch nicht
Die Tugenden: Bravour und Nüchternheit.
Die Herrn von Lacedämon waren Helden,
Die unsrigen sind Schwelger, wir Heloten,
Und ich der niedrigste, geknechtetste,
Wenn auch zu einem Trugbild ausstaffirt;
Wie ihre Sklaven trunken einst die Griechen
Gemacht, um ihre Kinder zu belustigen.
Ihr aber habt zu stürzen euch vereint
Dies Ungethüm von Staat, ja diese Spott-
Geburt von Regiment, dies Nachtgespenst,
Das nur mit Blut zu bannen ist – und dann
Soll wieder neu erstehn die Zeit des Rechts.
In einem neuen Freistaat wollen wir
Nicht unvorsicht'ge Gleichheit pflanzen, nein!
Ein gleiches Recht vielmehr, und klug vertheilt
Den Säulen gleich an einem Tempelbau,
Kraft gegenseitig gebend und empfangend,
Und fest das Ganze schaffend, doch auch schön
Und anmuthsvoll, so daß kein Theil darf fehlen,
Wenn nicht der Einklang drunter leiden soll.
Bei diesem großen Umgußwerke Einer
Von euch zu sein – wenn ihr mir traut – ist nun
Mein Wunsch. Wollt ihr mich nicht, so stoßt nur zu!
Mein Leben ist verwirkt, und lieber fall'
Ich von der Hand des freien Manns, als daß
Ich einen Tag noch leb', um den Tyrannen
Im Dienste von Tyrannen fortzuspielen.
Denn ich bin Keiner, bin es nie gewesen:
Lest eure Chronik nach! Berufen kann
Ich mich auf mein vergangen Regiment
In manchem Land, in mancher Stadt! Es mög'
Euch sagen, ob ich Unterdrücker war,
Ob nicht vielmehr ein Mann, der immerdar
Gefühlt, gedacht für alle andern Bürger.
Ja, wäre ich, wie der Senat gewollt,
Ein Träger nur von Rock und Mütz' gewesen,
Herausgeputzt zu einem Herrscherbild,
Des Volkes Geisel, eifrig unterzeichnend
Jed' Todesurtheil, schnöder Helfershelfer
Der Vierzig, des Senats, ein jedes Werk,
Das von den Zehn nicht gut geheißen wär',
Durch Zweifel hemmend, Schmeichler unsres Raths,
Ein Werkzeug, Narr, ein Puppenheld – dann hätten
Den Schuft sie nicht geschont, der mich verletzte.
All was ich leide, hat mich' nur betroffen,
Weil Mitleid mit dem Volke ich gefühlt.
Das wissen Viele, und die's noch nicht wissen,
Sie werden's schon erfahren eines Tags.
Inzwischen weih' ich, was auch folgen mag,
Euch meines Lebens letzte Tage nun
Und meine jetz'ge Macht, so wie sie ist,
Nicht die des Dogen, eines Mann's jedoch,
Der mächtig war, eh' man zum Dogen ihn
Herabgesetzt, und der noch Mittel hat
Und Geisteskraft. Ich setze meinen Ruf
– Und solchen hatt' ich –, meinen Athem – jetzt
Mein kleinstes Gut, denn meine Stund' ist nah' –
Mein Herz, mein Hoffen, meine Seel' setz' ich
Auf diesen Wurf. So wie ich bin, biet' ich
Mich euch und euern Führern jetzo an,
Nehmt oder nehmt mich nicht, den Fürsten, der
Gern Bürger wäre oder nichts, und der
Den Thron verließ, um Solcher nur zu sein.

Calendaro. Faliero hoch! Venedig sei befreit.

Verschworene. Faliero hoch!

Israel. Kam'raden! that ich recht?
Gilt der Mann nicht ein Heer in unsrer Sache?

Doge. Jetzt ist die Zeit zu Lobgesängen nicht.
Noch hier der Ort zu schönen Schwärmerei'n.
Bin Einer ich von euch?

Calendaro. Ja, und der Erste,
Wie du es in Venedig warst. Sei uns
Gen'ral und Chef!

Doge. Gen'ral und Chef! Gen'ral
War ich bei Zara schon; in Rhodus und
In Cypern Chef und in Venedig Fürst.
Ich kann nicht ducken, das will heißen: ich
Bin Patrioten anzuführen nicht
Geschickt. Wenn ich die Würden abgelegt,
Die ich bis jetzt getragen, war es nicht,
Um andre anzuziehn: im Gegentheil,
Nur um Kam'rad zu sein von meines Gleichen.
Jedoch zur Sache nun! Bertuccio hat
Den Plan mir mitgetheilt. Er ist zwar kühn,
Doch ausführbar, wenn ich ihm Beistand leihe,
Und wenn er augenblicks wird ausgeführt.

Calendaro. So bald du willst. Meint ihr nicht auch, Kam'raden?
Gerichtet Hab' ich Alles zu dem Schlag.
Wann meint ihr, soll's geschehn?

Doge. Mit Tagesanbruch.

Bertram. So bald?

Doge. So bald? So spät! Denn jede Stunde
Vergrößert die Gefahr, und um so mehr,
Seit ich mit euch mich hab' vereint. Kennt ihr
Den Rath, die Zehen nicht? nicht die Spione,
Die Augen dieser Herrn, die ihren Sklaven
Nicht traun, noch wen'ger ihrem Fürsten, den
Zum Sklaven sie gemacht? Ich sage euch,
Gleich müßt der Hyder stoßen ihr ins Herz
Und tief; die Köpfe werden dann schon fallen.

Calendaro. Mit ganzer Seel' und Klinge stimm' ich bei.
Bereit sind unsre Compagnien: 's zählt jede
Bei sechzig Mann. Auf Israels Befehl
Stehn auf verschied'nen Sammelplätzen sie
Bewaffnet schon bereit und wachen eifrig,
Weil irgend eines großen Schlags sie harren,
Mög' Jeder nun auf seinen Posten gehn.
Und nun noch, Hoheit, welch' Signal?

Doge. Wenn ihr
Die große Glocke von San Marco hört,
Die ohne den besonderen Befehl
Des Dogen nicht gezogen werden darf
(Das letzte arme Vorrecht, das sie noch
Dem Fürsten ließen), rückt ihr nach San Marco.

Israel. Und dann?

Doge. Ihr schlagt verschied'ne Wege ein
Und zwar je compagnienweis', wobei
Ihr unterwegs Kriegsrufe schallen laßt
Und schreit: Die Genueserflotte sei
In Sicht, sie liege vor dem Hafen schon!
Sodann formirt um den Palast ihr euch,
In dessen Hofe schon mein Neffe eurer
Mit allen Freunden unsres Hauses harrt,
In großer Zahl und wohl bewehrt. Und während
Die Glocke tönt, schreit ihr nach allen Seiten:
»San Marco! auf! Der Feind ist vor der Thür'!«

Calendaro. Jetzt seh' ich, wo's hinauswill – weiter, Herr!

Doge. Wenn dann die Nobile's zum Rathe eilen
(Was bei dem Zeichen, das vom stolzen Thurm
Des Heil'gen tönt, sie nicht umgehen können),
Wird man einheimsen sie zur Ernte und
Statt mit der Sichel mit dem Schwert sie mähn.
Wenn Ein'ge säumig oder fern sein sollten,
Wird man sie einzeln um so leichter fassen,
Hat erst die Mehrzahl ihre ew'ge Ruh'.

Calendaro. Ich wollt', die Stunde wär' erst da! Nicht schneiden.
Nein! tödten wollen wir.

Bertram. Noch einmal, Herr!
Verzeiht, möcht' ich die Frage wiederholen,
Die ich gethan, eh' noch Bertuccio uns
Den großen Bundesbruder zugeführt,
Der weit gewisser unsre Sache macht
Und drum auch sicherer und so gestattet,
Daß einem Theile unsrer Opfer doch
Ein Strahl der Gnade leucht': Ist's nöthig denn,
Daß Alle fallen in dem blut'gen Schlachten?

Calendaro. Ja, Alle, auf die meine Leute stoßen
Und ich! Die Gnade, die sie uns erzeigt,
Zeig' ich.

Verschworene. Ja Alle, All'! – Ist jetzt die Zeit,
Daß man von Mitleid schwatz'? Wann haben sie
Mitleid gezeigt, gefühlt, erheuchelt nur?

Israel. Dem falsches Mitleid, Bertram, ist 'ne Thorheit,
Ein Unrecht gegen die Kam'raden und
Die Sache selbst. Siehst du nicht ein, daß, wenn
Wir Ein'ge schlüpfen lassen wollten, die
Nur lebten, die Gefallenen zu rächen?
Und wie Wär' aus den Schuldigen heraus-
Zufinden jetzt, wer wen'ger schuldig ist?
Nein! ihre Thaten all sind Eins – sind Ein
Erguß aus einer Körperschaft, die sich
Zu unsrem Druck vereint! Es ist schon viel,
Wenn ihre Kinder wir am Leben lassen.
Ja, ich bezweifle sehr, ob alle wir
Verschonen dürfen. Auch der Jäger' mag
Ein einzeln Tigerjunges wol noch sparen;
Wer aber möchte den gefleckten Herrn,
Die Mutter übergehn, wenn er nicht selbst
Zerrissen werden will von ihren Klauen?
Doch will des Dogen Stimme ich gehorchen,
Er soll entscheiden, ob man Einen schone.

Doge. Fragt mich das nicht! Versucht mit solcher Frag'
Mich nicht! Entscheidet selbst!

Israel. Ihr kennt ja besser
Die stillen Tugenden der Herrn als wir,
Die wir die öffentlichen Laster nur,
Den bösen Druck nur kennen, der sie uns
So todeswürdig macht. Ist Einer drunter,
Der unsre Gnad' verdient, so sagt es jetzt.

Doge. Dolfino's Vater war mein Freund, und Lando
Focht neben mir, Marco Cornaro ging
Nach Genua als Gesandter einst mit mir,
Das Leben rettete Veniero ich
– Soll ich's ein zweites Mal? Ich wollt', ich könnte
Sie Alle retten und Venedig mit!
Ja, alle diese waren meine Freunde –
Wie ihre Väter schon – bis zu dem Tag,
Da ich ihr Herzog ward. Dann fielen sie,
Wie treulos von der windzerzausten Blume
Die Blätter, von mir ab, und ließen mich
Allein mit rost'gem dornenvollem Stengel,
Den Niemand schützt in seiner Einsamkeit.
Sie fallen drum, wie sie mich welken ließen!

Calendaro. Venedigs Freiheit kann nicht blühn mit ihnen.

Doge. Wenn ihr das viele Unrecht auch, das man
An uns beging, erkennt und fühlt, so habt
Ihr keine Ahnung doch davon, welch Gift,
Das bis zur Quelle selbst des Lebens geht,
jed' menschlich Band und was nur gut und lieb.
Zerstört, in unsrem Staatsgebäude sitzt.
All diese Männer waren Freunde mir,
Ich liebte sie, und sie erwiderten
Aufrichtig, bieder meine Freundlichkeit,
Wir dienten, fochten, lachten miteinander,
Wir zechten und betrübten uns zusammen,
Wir gingen Ehen ein und Blutsfreundschaften,
Wir nahmen zu an Jahren und an Ehren,
Bis sie – mein Ehrgeiz nicht! – ihr eigner Wunsch
Zu ihrem Herrn mich zu erwählen trieb.
Und nun – Ade Erinn'rung an das Einst!
Ade gemeinsam Denken, Fühlen, Thun!
Ade der alten Freundschaft süßes Band,
Wo, wer noch übrig von der frühern Zeit
Und von den Thaten, die historisch nun,
Die Tage, die noch bleiben, uns versüßt,
Wo man sich gegenseitig ist ein Schatz,
Und wenn man sich begegnet, Jeder auf
Des Bruders Stirn' den Spiegel eines halben
Jahrhunderts schaut, und viel bekannte Wesen,
Die längst im Boden ruhn, drin schweben sieht,
Und hört, wie sie von alten Tagen flüstern
Und nicht ganz todt erscheinen noch, so lang'
Die Zwei noch übrig sind der frohen Schaar,
Der tapfern, gloriosen, sorgenlosen,
Die einst aus soviel Hunderten bestand,
So lang' sie Athem haben, drob zu seufzen,
Und Zungen noch von Thaten zu erzählen,
Die sonst ja stumm, nur noch auf Marmor reden.
O Gott! o Gott! – und muß ich Solches thun?

Israel. Mein gnäd'ger Herr! Ihr regt Euch zu sehr auf;
Jetzt ist's nicht Zeit, an solchem Ding zu nagen.

Doge. Nur 'nen Moment Geduld! Ich weiche nicht
Zurück! Laßt mich den Krebs euch erst bezeichnen,
Der dieses Regiment zernagt: Schon in
Der Stunde, die zum Dogen mich gemacht
Dem Dogen ach! – zu dem sie mich gemacht! –
Mußt Lebewohl ich dem Vergangenen sagen;
Ich starb für Alles, was einst war, vielmehr
Es starb für mich; nicht Freunde hatt' ich mehr,
Nicht Anverwandte, kein mir eig'nes Leben;
Von Allem war ich abgetrennt; man trat
Mir nicht mehr nah': Dies konnt' Verdacht erregen'.
Man liebte mich nicht mehr: Das war ja nicht
Gesetz! Man kreuzte meinen Sinn: so war
Des Staates Politik. Man höhnte mich:
Das war Patrizierpflicht! Man that mir Unrecht:
Dem Staate war dies recht. Mir selbst gab nie
Man Recht: Das hätte Argwohn ja erweckt!
So ward ich Sklave meiner Unterthanen,
So ward ich Feind von meinen alten Freunden!
Statt Wachen gab Spione man mir bei,
Statt Macht ein Kleids statt Freiheit eiteln Prunk,
Statt eines Rathes Kerkermeister nur,
Statt Freunde Untersuchungsrichter, statt
Des Lebens endlich eine Höll'!! Mir blieb
Nur eine Quelle süßer Ruhe noch,
Auch die vergifteten sie jetzt! Die Götter
Der reinsten Häuslichkeit zerschellten sie
An meinem Herd, und ihren Altar nahm
Gemeinheit ein und grinsendes Gespötte.

Israel. Ja, Ihr ward schwer beschimpft, doch sollt mit Glanz,
Eh' eine Nacht vergeht, gerächt Ihr werden.

Doge. Ich hatte viel geschluckt! Es kränkte mich,
Doch ich ertrug's, bis überlief der Kelch
Der Bitterkeit mit diesem letzten Schimpf,
Der nicht nur nicht gestraft ward, nein! geweiht.
So reiß' ich denn jed' alt Gefühl aus nur,
Sie haben es ja lange schon erdrückt!
Schon als den falschen Eid der Treu' sie schwuren,
In jener Stund', mit jenem Schwüre schon
Entledigten des Freunds sie sich und machten
Sich einen Herrn, wie Knaben Spielzeug machen,
Sich zu vergnügen mit – und 's zu zerbrechen!
Ich sah von da an nur noch Senatoren
In finstrem Argwohnskampfe mit dem Dogen,
Wobei die Beiden Angst und Haß bewegte,
Sie fürchtend, daß die Tyrannei er ihnen
Entreißen könnt', er die Tyrannen hassend.
So sind in meinen Augen diese Herrn
Nicht Menschen mehr, und haben keinen Anspruch
Auf Bande, die sie selbst zerhaun; sie sind
Mir Senatoren nur, die Rechenschaft
Für jede Willkürthat mir geben müssen.
Und so will ich behandeln sie!

Calendaro. Und nun
Zur That! Auf eure Posten, Brüder, jetzt!
Dies sei die letzte Nacht des blosen Worts.
Ich möchte Etwas thun! San Marco's Glocke
Soll wach mich finden bei des Morgens Graun.

Israel. Auf eure Posten denn! Seid wachsam, fest!
Denkt an das Unrecht, das man uns gethan
Und an die Rechte, die der Preis. Der Tag
Soll uns der letzte der Gefahren sein,
Habt auf das Zeichen Acht und dann brecht los!
Ich geh' zu meiner Schaar; ein Jeder sei
In seinem Auftrag rasch. Der Doge kehrt
Nun zum Palast zurück, um Alles für
Den Schlag zu richten dort. Wir scheiden jetzt,
Um bald in Freiheit wieder uns zu sehn
Und Ruhm!

Calendaro. Wenn ich Euch wieder grüße, Doge!
Soll meine Huldigung des Steno Kopf
Auf dieses Schwertes Spitze sein!

Doge. Das nicht!
Er bleibe bis zuletzt gespart! Lauft nicht
So nicht'ger Beute nach, bis erst erlegt
Das bess're Wild; denn seine Schmähung war
Ein Wallen nur im großen Lasterkelch
Des allgemeinen Gifts, das uns gebraut
Die grundverdorb'ne Aristokratie.
Zu edlern Zeiten durft' er das nicht thun
Und hatt' es nie gewagt. Ich habe meinen
Besondern Zorn auf ihn schon im Gedanken
An unser großes Endziel ganz versenkt.
Ein Sklav' beleidigt mich und ich verlange,
Daß ihn sein stolzer Herr dafür bestraf';
Verweigert Der's, so tritt er selbst in die
Beleid'gung ein und geb' mir Rechenschaft.

Calendaro. Doch weil er einen Bruder uns gebracht,
Der unser Unternehmen höher hebt,
Zoll' ich so tiefen Dank ihm, daß ich gern
Ihm gab', was er verdient. Darf ich es thun?

Doge. Ihr wollt die Hand abhaun, doch ich den Kopf,
Ihr wollt den Schüler treffen, ich den Meister,
Ihr wollt nur Steno züchtigen, ich den
Senat. Ich kann mich mit dem Einzelhaß
Bei dieser großen Rache nicht befassen,
Die wie ein Feuer, das vom Himmel fällt,
Vertilgen muß, was sie nur trifft, wie einst,
Als Sodom und Gomorrah drunter sank.

Israel. Fort denn auf eure Posten! fort! Ich führ'
Den Dogen noch nach unsrem Ausgangspunkt
Zurück, zu sehn, ob nicht Spione dort
Gespäht. Dann eile ich dahin, wo die
Mir anvertraute Schaar in Waffen steht.

Calendaro. Lebt wohl denn bis zum Tag!

Israel. Glück sei mit euch!

Verschworene. Vertraut auf uns– jetzt fort! Hoheit, lebt wohl!

(Die Verschworenen grüßen den Dogen und Israel Bertuccio und ziehen sich zurück, Philipp Calendaro an ihrer Spitze. – Der Doge und Israel Beruccio bleiben.)

Israel. Wir haben sie bei Athem, 's kann nicht fehlen!
Jetzt bist du wirklich Fürst, und deinen Namen
Wirst höher als die höchsten du erheben.
Auch früher hat der freie Bürger schon
Auf Könige den Streich geführt, es sind
Cäsaren einst gestürzt, Patrizierhand
Hat Dictatoren hingestreckt, wie auch
Des Volkes Stahl schon oft Patrizier traf.
Doch wo bis heute hat ein Fürst noch je
Für seines Volkes Freiheit complottirt,
Sein Leben für die Bürger eingesetzt?
Denn immer und auf immer nur verschwören
Sie gegen Völker sich und legen Fesseln
Den Händen an, und nehmen sie nur ab,
Um ihnen Waffen drein zu geben gegen
Ein Nachbarvolk, so daß selbst Joch auf Joch
Und Sklaverei und Tod den Nimmersatten
Leviathan nicht füllt, nein, reizet nur!
Jetzt, Hoheit, ans Geschäft! wol ist es groß,
Doch größer noch der Lohn. Was brütet Ihr?
Noch eben wart Ihr doch voll Ungeduld!

Doge. Und ist's beschlossen denn? sie müssen sterben?

Israel. Wer?

Doge. Meine Blutsverwandte, Freunde all,
Die manche That mit mir getheilt – die Räthe!

Israel. Ihr spracht ihr Urtheil und es war gerecht.

Doge. So scheint's und ist es auch für Euch: Ihr seid
Ein Patriot, Plebej'scher Gracchus, das
Orakel der Rebellen, der Tribun
Des Volks, Euch tadl' ich nicht! Ihr handelt nur
In Eurer Rolle Geist. Sie drückten Euch,
Sie schmähten Euch. Das thaten sie auch mir.
Doch spracht Ihr nie mit ihnen, brachet nie
Das Brod mit ihnen, theiltet nicht ihr Salz;
Ihr hattet nie ihr Weinglas an den Lippen,
Ihr wuchst nicht auf mit ihnen, lachtet nie
Und weintet nie und zechtet nie mit ihnen;
Ihr lächeltet nie ihnen zu und heischtet
Ihr Lächeln nie für Euch; Ihr bautet nie
Auf sie, trugt sie in Eurem Herzen nie,
Wie ich es that. Mein Haar ist grau wie ihres,
Der Alten in dem Rath. Ich weiß noch wohl,
Wie unsre Locken rabenschwarz geweht,
Als wir die Beute bei den Inseln jagten,
Die wir dem falschen Muslim einst entrissen.
Kann ich mit Blut sie jetzt besudelt sehn?
Ein Selbstmord dünkt mir jeder, Stoß auf sie.

Israel. Ei Doge, Doge! Euer Schwanken ist
Ja eines Kinds nicht würdig! Wenn Ihr nicht
In zweiter Kindheit seid, ruft Eure Nerven
Zu Eurem Ziel zurück, und macht nicht Euch
Und mir die Schand'! Beim Himmel! Lieber wollt'
Ich's jetzt noch stecken lassen, oder scheitern
Mit unsrem Plan, als sehen, wie ein Mann,
Den ich verehr', vom kräftigsten Entschluß
Herab zu solcher blöden Schwachheit sinkt.
Ihr habt doch Blut in Schlachten oft gesehn
Und es vergossen, Andrer Blut und Eures,
Wie können ein Paar Tropfen Euch entsetzen,
Die aus den Adern alter Vampyr'n fließen,
Die so zurück nur geben, was sie selbst
Millionen abgezapft?

Doge. Habt noch Geduld
Mit mir! Ich will mit Euch ja Schritt um Schritt
Thun, Schlag um Schlag. Denkt nicht, ich schwanke noch!
Ach nein! 's ist die Gewißheit alles Dessen,
Was thun ich muß, was mich so schaudern macht.
Laßt diesen letzten bebenden Gedanken
Drum ihren Weg; nur Ihr erblickt sie und
Die Nacht, und beide ohne Mitgefühl.
Wenn dann die Stunde kommt, ist es mein Amt,
Die Glock' zu ziehen und den Schlag zu thun,
Der manches edle Haus entvölkern wird,
Und abzuhaun die höchsten Stammesbäume,
Die Erde deckend mit der blut'gen Frucht,
Und ihre Blüten grausam zu zermalmen.
Dies will ich thun und muß es thun, und hab'
Geschworen, es zu thun, nichts kann mich ab
Von der Erfüllung meines Schicksals wenden.
Doch schaudre ich, wenn ich bedenke, was
Ich sein muß, – was ich war. Drum habt Geduld.

Israel. Ermannet Euch! Ich fühle solche Zweifel
Des Herzens nicht, und ich versteh', sie nicht.
Ihr werdet heut' kein And'rer, habt ja stets
Gethan und thut nach eignem freiem Willen.

Doge. Ja, darin liegt's! Ihr fühlt es nicht, auch ich
Fühl's nicht, sonst stäch' ich auf dem Fleck dich nieder,
Um tausende von Leben zu erretten
Und, wenn ich tödtete, doch nicht zu morden.
Ihr fühlt es nicht, geht an dies Schlächterwerk,
Als wären diese Hochgebor'nen Stiere
Und für die Fleischerbank bestimmt! Wenn Alles
Vorüber dann, so seid Ihr frei und froh,
Und waschet ruhig Eure blut'gen Hände.
Doch ich, der ich bei diesem schrecklichen
Gemetzel dich und alle deine Brüder
Weit übertreffe, werde sein und sehn
Und fühlen dann! – O Gott, o Gott! 's ist wahr!
Und du hast Recht, entgegen mir zu halten,
Daß es mein eig'ner freier Wille war:
Und dennoch irrst du dich in mir, denn ich
Werd's thun! Bezweifle, fürchte nichts. Ich werde
Der Unbarmherzigste von Allen sein.
Doch handle ich nach meinem freien Willen,
Nach meinem Fühlen nicht – die hielten mich
Zurück; doch in mir, um mich ist die Hölle,
Und wie der Teufel, der da glaubt und bebt,
Muß ich verabscheun und es dennoch thun.
Hinweg! hinweg! geh' du zu deinen Brüdern.
Ich will mich eilen, meines Hauses Freunde
Zu sammeln. Zweifle nicht! San Marco's Glocke
Soll ganz Venedig wecken, bis auf ihn,
Den hingeschlachteten Senat. Eh' noch
Die Sonne aufsteigt aus der Adria,
Wird eine Jammerstimme tönen, die
Das Rauschen selbst des Meers im Schrei nach Blut
Betäuben wird. Ich bin entschlossen. – Komm!

Israel. Von ganzem Herzen! Lege nur den Zügel
An diese Sprünge deiner Leidenschaft.
Bedenk', was diese Männer dir gethan,
Und daß dies Opfer durch Jahrhunderte
Des Glücks, der Freiheit der erlösten Stadt
Beglichen wird. Ein richtiger Tyrann
Hätt' ganze Reiche ruhig ausgetilgt
Und doch das seltsame Bedenken nicht
Gefühlt, das Euch durchwühlt, weil Ihr ein Paar
Von diesen Volksverräthern schütteln wollt.
Glaubt mir, ein solches Mitleid ist noch mehr
Am falschen Platz als jene Gnad' mit Steno.

Doge. Du hast die Saite angeschlagen, Mann,
Die jedes Mitleid in mir tilgt. Ans Werk! (Beide ab.)

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