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Marino Faliero - Doge von Venedig

George Gordon Noël Byron: Marino Faliero - Doge von Venedig - Kapitel 5
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typedrama
authorGeorge Byron
titleMarino Faliero - Doge von Venedig
publisherVerlag von Phillip Reclam jun.
seriesLord Byrons sämtliche Werke
volumeDritter Band
translatorAdolf Seubert
correctorreuters@abc.de
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Zweiter Akt.

Erster Auftritt.

Ein Gemach im Dogenpalast.

Angiolina und Marianna.

Angiolina. Was war des Dogen Antwort drauf?

Marianna. Er müsse
In eine Sitzung eben jetzt. Doch die
Muß nun zu Ende sein. Ich sah bereits
Die Senatoren in die Barken steigen.
Die letzte Gondel schwimmt der Menge nach,
Die in dem schimmernden Kanal sich drängt.

Angiolina. Ich wollt', er wär' zurück. In letzter Zeit
Ward er zuviel gequält, und Zeit – die weder
Sein heftig Herz gezähmt hat, noch geschwächt
Sein körperlich Gerüst, das nur noch mehr
Durch eine Seele scheint genährt, gestärkt,
Die so lebendig, rastlos ist, daß sie
Verzehrte minder derben Thon – auch Zeit
Vermag nicht viel an seinem Rachgefühl
Und Schmerz. Nicht wie sonst Geister seiner Art,
Die allen Zorn und Kummer gleich im ersten
Ausbruch der Leidenschaft vom Herzen stoßen,
Trägt jedes Ding bei ihm den festen Zug
Der Ewigkeit. Sein Denken wie sein Fühlen,
Die guten wie die bösen Leidenschaften
Sind nicht gealtert, wie viel Jahr' er zählt!
Sein kühnes Haupt trägt geist'ge Narben nur,
Des Alters Sinnen, doch nicht dessen Schwäche,
Und in der letzten Zeit war er noch mehr
Als wie gewöhnlich aufgeregt. Ich wollt',
Er wär' zurück, denn ich allein vermag
Noch etwas über den getrübten Geist.

Marianna. Wahr ist es, Seine Hoheit ward zuletzt
Durch Steno's Schmähung schwer bewegt, und wol
Mit Recht. Doch ohne Zweifel ist bereits
Dem Wicht für seine Unbesonnenheit
So schwere Strafe zuerkannt, daß sie
Die Achtung mehrt vor Frauentugend und
Vor edlem Blut.

Angiolina. Es war ein grober Schimpf.
Doch kümmert mich des unbedachten Spötters
Gemeine That nicht an sich selbst; nein, nur
Der Folgen halb, des tiefen Eindrucks halb,
Den auf Falerio's Seele sie geübt,
Auf diesen stolzen, heft'gen Mann, wie er
Mit Allen nur mit mir nicht ist. Ich zitt're,
Bedenke ich, zu was das führen kann.

Marianna. Der Doge wird doch gegen Euch gewiß
Nicht Argwohn hegen.

Angiolina. Argwohn gegen mich?
Selbst Steno hat das nicht gewagt. Als er
Im Mondlicht schleichend seine Lüge kratzte,
Muß sein Gewissen ihm geschlagen haben
Und jeder Schatten an der Wand sah zürnend
Auf sein verleumderisches Thun.

Marianna. Es wär'
Am Platz, würd' auf das Strengste er bestraft.

Angiolina. Er ist gestraft.

Marianna. Wie? ist der Spruch gefällt?

Angiolina. Das weiß ich nicht; doch hat man ihn entdeckt.

Marianna. Und dünkt Euch das genug für solchen Hohn?

Angiolina. Ich möcht' nicht Richter sein in einem Fall,
Der mich betrifft; noch weiß ich, welche Strafe
Auf eines Steno niederträcht'ge Seele
Recht Eindruck macht. Wenn aber seine Schmähung
Der Richter Herzen tiefer nicht bewegt,
Als sie mein eig'nes traf, so wird man ihn
Statt aller Züchtigung der ei'gnen Scham,
Wenn er noch Scham empfindet, überlassen.

Marianna. Doch die gekränkte Tugend heischt ein Opfer.

Angiolina. Was wäre Tugend, wenn sie Opfer brauchte
Und abhing gar von einem Menschenwort?
Zwar sagte jener Römer, als er starb,
»Sie sei ein Namen nur!« Doch wäre sie's
Erst dann, wenn Menschenhauch sie zeugen, sie
Zerstören könnt'.

Marianna. Doch manches Weib, das rein
Und treu, empfände solcher Kränkung Schmerz
In seiner ganzen Macht; und Damen selbst,
Die wen'ger streng, wie in Venedig ja
Im Ueberfluß, schrie'n unerbittlich, laut
Nach Züchtigung.

Angiolina. Dies ist nur ein Beweis,
Daß sie den Namen schätzen, nicht das Gut.
Die erstern kam die Wahrung ihrer Ehre
Vermutlich sauer an, wenn sie verlangen,
Daß man sie rühme drum. Die aber, die
Sie nicht gewahrt, erstreben ihren Schein,
Wie man um ein Geschmeide sich bemüht,
Deß Mangel man verspürt, doch dessen Werth
Man nicht zu schätzen weiß. Sie leben von
Der Ansicht Andrer nur und möchten ehrbar
Erscheinen, wie man schön erscheinen will.

Marianna. Für eine Edeldame denkt Ihr seltsam.

Angiolina. Doch dachte so mein Vater auch, und nächst
Dem Namen ist's mein einzig Erb' von ihm.

Marianna. Ihr braucht nicht mehr, da Ihr des Dogen Frau,
Des Haupts der Republik.

Angiolina. Ich hätte auch
Nicht mehr erstrebt, wär' ich nur Bauersfrau.
Doch fühl' ich deshalb wen'ger Liebe nicht
Und Dankbarkeit für meinen theuern Vater,
Der seinem frühsten, wohl bewährten Freund,
Dem Grafen Val Marino, unsrem Dogen,
Einst meine Hand gewährt.

Marianna. Und gab er mit
Der Hand auch Euer Herz?

Angiolina. Wol gab er es,
Sonst ward ihm jene nicht.

Marianna. Jedoch der Jahre
Gewalt'ge Kluft und – wenn ich's sagen darf –
Die Ungleichheit der geistigen Natur
Erregten Zweifel bei der Welt, ob Euch
Der Bund auch wahr und dauernd könnt' beglücken.

Angiolina. Die Welt denkt weltlich nur; jedoch mein Herz
Blieb stets bei seiner Pflicht, die mannichfach,
Doch niemals schwer.

Marianna. Und liebt Ihr den Gemahl?

Angiolina. Ich liebe jede edle Eigenschaft,
Die liebenswerth. Ich liebte meinen Vater,
Der mich zuerst erkennen lehrte, was
Wir lieben sollten an den Nebenmenschen,
Wie Neigungen man unterdrückt, die oft
Das reinste, edelste Gefühl des Menschen
Erniedrigen zu schlimmer Leidenschaft.
Er gab Faliero meine Hand; ihn hatte
Als edel, tapfer, adlig er erkannt,
Als reich an jeder Eigenart des Kriegers,
Des Bürgers, Freunds. In alle Dem fand ich
Ihn immer, wie mein Vater mir gesagt.
Er hat die Fehler jener hohen Männer,
Die lang' befohlen in der Welt: viel Stolz,
Die heft'gen Leidenschaften, die der Dienst,
Die Bräuche der Patrizier und ein Leben,
In Staats- und Kriegessturm verlebt, entfalten;
Und jenes feine Ehrgefühl, das in
Gewissem Maße eine Pflicht, jedoch
Wenn überreizt, zum Fehler wird. Und dies
Fürcht' ich in ihm! Auch war von Jugend auf
Er ungestüm; doch glich sich so dies aus
Durch seine edle Art, daß die behutsamste
Der Republiken ihrer Aemter höchste
Auf ihn gehäuft, von seiner ersten Schlacht
Bis zur Gesandtschaft, die zuletzt ihm ward,
Von der er dann zum Dogen überging.

Marianna. Doch hat vor Eurer Ehe Euer Herz
Für einen edeln Jüngling nie geklopft,
Der einer Schönheit wie der Eurigen
An Jahren besser angestanden hätte?
Habt seither Keinen ihr gesehn, der jetzt,
Wär' nicht gebunden Eure schöne Hand,
Auf Loredano's Tochter hoffen dürfte?

Angiolina. Ich gab Euch Antwort auf die erste Frage,
Als ich Euch sagte, daß ich mich vermählt.

Marianna. Jedoch die zweite?

Angiolina. Braucht der Antwort nicht.

Marianna. Ich bitt' Euch um Verzeihung, wenn ich Euch
Gekränkt.

Angelina. Gekränkt bin ich drob nicht, jedoch
Erstaunt. Ich wußte nicht, daß wer vermählt,
Darüber noch Betrachtungen dürft' hegen,
Wen man jetzt wählen würde, überhaupt
Auf Andres schaun als die vergang'ne Wahl.

Marianna. Gerade diese Wahl ist oftmals Schuld,
Daß der Gedanke kommt, man würde klüger
Jetzt wählen, könnt' man ungeschehn sie machen.

Angiolina. Es mag so sein, ich dachte nie so was.

Marianna. Der Doge kommt! Soll ich zurück mich ziehn?

Angiolina. 'S mag besser sein, Ihr lasset mich allein.
Er scheint gedankenvoll, wie er da geht. (Marianna ab.)

Der Doge und Pietro treten auf.

Doge (sinnend). Da ist ein sichrer Philipp Calendaro
Im Arsenal, der ein Commando führt
Von achtzig Mann und großen Einfluß hat
Auf die Kam'raden all. Der Mann, hör' ich,
Sei kühn und populär, rasch und beherzt,
Dabei verschwiegen auch. Gewinnen müßt'
Man ihn. Ich hoffe zwar, daß seiner sich
Schon Israel Bertuccio hat versichert;
Doch möchte ich' – –

Pietro. Verzeihung, gnäd'ger Herr,
Daß ich Euch stör' in Eurem Sinnen.
Bertuccio, der Senator, Euer Vetter,
Hat mich beauftragt Euch hierher zu folgen
Und Euch zu bitten, daß Ihr eine Stund'
Bestimmen mögt, wo er Euch sprechen kann.

Doge. Bei Sonnenuntergang – doch halt! – laßt sehn! –
Sagt: in der zweiten Stund' der Nacht. (Pietro ab.)

Angiolina. Mein Freund!

Doge. Mein liebstes Kind, verzeih! Warum hast du
So lang' gesäumt, dich mir zu nahn? Ich sah
Dich nicht.

Angiolina. Du warst ja in Gedanken tief
Versenkt; und Der da von dir ging, hat wol
Was Wichtiges dir vom Senat gebracht.

Doge. Mir? vom Senat?

Angiolina. Ich wollte ihn nicht stören
In seinem Dienst, in des Senates Dienst.

Doge. In des Senates Dienst!! Du irrst. Wir sind's,
Die immer dienen müssen dem Senat.

Angiolina. Ich dächt', der Doge herrsche in Venedig?

Doge. Er soll's. Jedoch genug! – – Wir wollen jetzt
Nur heiter sein. Wie geht es dir? Warst du
Heut' aus? Der Himmel ist umwölkt, doch fördert
Die ruh'ge Flut den leichten Ruderschlag
Des Gondoliers. Hast heute du noch nicht
Mit deinen Freundinnen verkehrt? Hielt dich
Musik vielleicht in süßer Einsamkeit?
Sprich: liegt Etwas, was du dir wünschen magst
Im Machtbereich, der noch dem Dogen blieb?
Gibt's einen Schmuck, ein ehrbares Vergnügen
Mit Andern oder auch allein, das dich
Erfreuen könnt', und dich für manche Stunde,
Entschädigte, die du an einen Greis
Verschwenden mußt, den manche Sorge quält?
Sprich und 's geschieht!

Angiolina. Du bist stets lieb mit mir.
Zu wünschen und zu bitten bleibt mir nichts
Als öfter dich zu sehn, und ruhiger.

Doge. Und ruhiger?

Angiolina. Ja ruhiger, mein Freund!
Ach warum hältst du dich so fern, und gehst
Allein? Und läßt die Stirn durchfurchen von
Tiefgehendem Gefühl, das seine Macht
Und Wichtigkeit nicht ganz verräth und doch
Zu viel enthüllt?

Doge. Zu viel enthüllt? Wovon?
Was wär' denn zu enthüllen hier?

Angiolina. Ein Herz,
Das tief bewegt.

Doge. 'S ist nichts, mein Kind. Du weißt,
Daß in dem Staatsdienst täglich Sorgen drücken
Auf alle, die mit dieser Republik,
Der schwankenden, zu thun, die eben jetzt
Von außen leidet unter Genua,
Von innen unter Unzufriedenheit.
Das ist's, was jetzt nachdenklicher mich macht
Und wen'ger ruhig, als sonst meine Art.

Angiolina. Doch alles Das besteht schon lange her
Und erst in letzter Zeit sah ich dich so.
Verzeih'! In deinem Herzen sitzt Etwas,
Was über die Erfüllung geht der Pflicht,
Die dir Gewohnheit und die dein Talent
Stets leicht gemacht, ja zur nothwend'gen Kost,
Damit dein Geist in Ruhe nicht versumpfe.
Staatsfehden und Gefahren sind es nicht,
Die einen Mann wie dich so tief erschüttern;
Du hast ja jedem Sturm getrotzt, sankst nie,
Du hast den höchsten Kamm der Macht erklommen
Und wardst nicht müde unterwegs. Du stehst
Nun oben und schaust ruhig niederwärts
Auf all' die Klüfte drunten, würd'st nicht schwindlig
Und führ' der Genuese in den Hafen
Und tobte in San Marco Bürgerkrieg,
Du bebtest nicht, und würdest fallen so,
Wie einst du stiegst, mit unbewegter Stirne!
Jetzt aber ist ein andres dein Gefühl:
Nicht deine Lieb' zum Vaterland, dein Stolz
Scheint schwer verletzt.

Doge. Stolz, Angiolina? Ach
Ich habe keinen mehr!

Angiolina. Ja, jene Sünd',
Die einstmals Engel hat gestürzt, und die
Am ehesten die Sterblichen erfaßt,
Die Engel Stoff und Geist am nächsten sind.
Der Wicht ist eitel nur, der Große stolz.

Doge. Ich war auf meine, deine Ehre stolz
Tief in der Brust. – Doch zu was Andrem nun!

Angiolina. Ach nein! Ich hab' in allen Dingen ja
Sonst deine Lieb' getheilt; schließ' jetzt mich nicht
Von deinem Kummer aus! Schrieb er vom Dienst
Sich her, so weißt du, daß ich nie ein Wort
Aus dir zu locken hätt' gesucht noch suchte.
Doch da ich fühl', daß es dich selbst betrifft,
So ist's an mir, den Schmerz dir zu erleichtern,
Zu theilen ihn. Seit jenem Tag, da man
Des Thoren Steno Spötterei entdeckte,
Ist dein Gemüth gestört, bist du verändert.
Ich möchte dich zur Ruhe wieder bringen.

Doge. Zur Ruh'!! – Hast Steno's Urtheil du gehört?

Angiolina. Noch nicht.

Doge. Vier Wochen Haft.

Angiolina. Ist's nicht genug?

Doge. Genug?! – Für den Galeerensklaven ja,
Der, weil im Rausch gepeitscht, den Herrn geschmäht
Doch nicht für einen Schuft, der überlegt,
Falsch, kalten Bluts die Ehre einer Frau,
Des Fürsten selbst am Thron der Macht befleckte.

Angiolina. Mir scheint's genug, wenn ein Patrizier
Der Falschheit, Lüge überwiesen wird.
Nichts ist doch jede andre Strafe gegen
Die Einbuß' an der Ehr'.

Doge. Ein solcher Mensch
Hat keine Ehr'! Er hat sein Leben nur,
Sein nichtiges, und das hat man geschont!

Angiolina. Du möchtest doch nicht, daß er deshalb stürbe?

Doge. Jetzt nicht mehr! Da er einmal lebt, möcht' ich
Er lebt', so lang als er nur kann. Er hat
Den Tod jetzt zu verdienen aufgehört,
Und sein Verschonen richtet seine Richter.
Er ist jetzt rein, und sein Verbrechen ihr's.

Angiolina. O wenn der falsche, wüste Pasquillant
Sein junges Blut für sein Gespött vergossen,
Hätt' keine frohe Stunde mehr dies Herz,
Und keinen ruh'gen Schlaf dies Aug' gehabt!

Doge. Sagt nicht das Wort des Himmels: Blut um Blut?
Und wer verleumdet, tödtet mehr, als der's
Vergießt. Ist es der Schmerz der Schläge, nicht
Die Scham darob, was tödtlich auf uns wirkt?
Sagt nicht der Menschen Satzung: Blut für Ehre?
Für wen'ger selbst, für eine Handvoll Gold!
Sagt nicht das Völkerrecht: Blut um Verrath?
Ist es denn nichts, wenn in der Adern Gang,
Die rein, gesund bisher, man Gift eingießt?
Ist's nichts, daß Euern, meinen Namen, die
Erlauchten, man befleckt? daß einen Fürsten
Vor seinem Volk man so herabgesetzt?
Daß man die Ehrerbietung, die die Welt
Im Weib der Jugend, und im Mann dem Alter,
In dir der Tugend und in mir der Würde
Von jeher zollte, so mit Füßen trat?
Doch hüten mögen sich, die ihn geschont.

Angiolina. Der Herr gebeut, den Feinden zu verzeihn.

Doge. Verzeiht er seinen denn? Hat Satan er
Den ew'gen Zorn geschenkt?

Angiolina. Sprich nicht so wild!
Wie dir wird deinen schlimmsten Feinden auch
Der Himmel einst verzeihn.

Doge. So sei es! Amen!
Verzeih der Himmel ihnen!

Angiolina. Und du nicht?

Doge. Wenn sie im Himmel sind.

Angiolina. Und früher nicht?

Doge. Was ist denn mein Verzeihen werth? Ich bin
Ein alter Mann, verbraucht, mißbraucht, verhöhnt,
Was thut's, ob ich verzeihe oder groll'?
Ich bin ja schwach und ohne Werth! Ich hab'
Zu lang gelebt. – Doch ändern wir das Thema.
Mein arm gekränktes Weib, Kind Loredanos!
Des tapfern, ritterlichen Manns! Dein Vater
Hat nicht geahnt, als seinem Freund er dich
Geschenkt, daß an die Schande er dich band,
Schand' ohne Sünd'! Denn du bist makellos.
Hätt'st einen bessern Mann, ja irgend Einen
Nur nicht den Dogen du gehabt, der Schimpf,
Dies Brandmal, diese Lästerung fiel nie
Auf dich. So jung, so schön, so gut und rein
Dies dulden müssen, und noch ungerächt!

Angiolina. Ich bin gerächt genug! Du liebst mich noch,
Vertraust mir, ehrest mich; und Jedermann
Weiß, daß gerecht du bist, daß ich bin treu.
Was könnt' ich mehr verlangen; du erzwingen?

Doge. 'S ist gut so, und kann besser werden noch.
Doch was geschehen mag, bewahre du
Ein freundlich Angedenken mir.

Angiolina. Warum
Sprichst also du?

Doge. Gleichviel warum ich's thu.
Ich möchte nur, was auch die Andern denken,
Daß jetzt, und wenn im Grab ich ruh', du mir
Die Achtung wahrst.

Angiolina. Was zweifelst du? Hat's je
Daran gefehlt?

Doge. Komm her, mein Kind! Ich möcht'
Ein Wörtchen mit dir sprechen. – Hör'! Dein Vater
War mir ein Freund. Des Glückes Laune trug
Die Schuld, daß für Gefälligkeiten er
Mein Schuldner ward, die Edle fester binden.
Als durch die letzte Krankheit hingestreckt,
Er unsern Bund beschloß, da wollt' er nicht
Entschäd'gen mich, denn ausgeglichen war
Durch seiner Freundschaft Treue Alles längst;
Er wollte deine Schönheit, bald verwaist,
Auf würd'ge Art vor den Gefahren schützen,
Die in dem lasterhaften Neste hier
Die unvermählte Einzelne bedrohn.
Ich dachte nicht wie er; doch wollt' ich nicht
Den Plan bekämpfen, der sein Todtenbett
Versüßt.

Angiolina. Ich hab' den Edelmuth noch nicht
Hier ausgelöscht, womit du batest, daß
Ich sprechen möchte, wenn mein junges Herz
Für irgend Einen schlagen sollt', mit dem
Ich glücklicher zu werden dächt'; – noch auch
Dein Angebot: so reich mich auszustatten,
Daß würdig ich des höchsten Ranges wäre,
Und gleichwol aufzugeben jedes Recht,
Das meines Vaters letzter Will' dir gab.

Doge. So war's nicht tolle Laune eines Greisen,
Des Alters oft verkehrte Sinnenlust,
Was mich verführt, die schöne Maid zu frein,
Die junge Braut. In meiner Jugend Glut
Sogar beherrscht' ich solche Leidenschaft,
Noch war mein Alter mit dem wüsten Trieb
Gepaart, der manchmal selbst den grauen Wicht
Befleckt, daß er die Hefe noch der Lust
Bis zu dem letzten Augenblick durchwühlt;
Noch wollt' ich selbstisch durch der Ehe Bund
Ein junges Opfer mir erkaufen, das
Zu hilflos war, ein ehrenvoll Geschick
Zurückzuweisen, und zu fühlend doch,
Um nicht sein Elend sattsam zu erkennen.
Nicht dieser Art war unser Ehebund:
Ich schenkte volle Freiheit dir zu wählen.
Als Antwort triebst du zu des Vaters Wahl.

Angiolina. So that ich, und vor Erd' und Himmel würd'
Ich noch einmal so thun; denn meinethalb
Bereut' ich's nie – bisweilen deinethalb,
Wenn ich darüber sann, was jüngst dich so
Verstört.

Doge. Ich wußte, daß mein Herz dich nie
Mit Heftigkeit behandeln, wußte auch,
Daß dich nicht lang' mein Alter hemmen würde;
Dann konnte meines ersten Freundes Tochter,
Sein würdig Kind, jetzt reicher, klüger auch,
Im vollsten Blühen ihrer Weiblichkeit,
Frei wieder einen Gatten sich erwählen;
Zu solcher Wahl geschickter nun gemacht
Durch die Vollendung dieser Prüfungsjahre,
Als Erbin eines fürstlichen Vermögens
Und Namens auch, und durch die kurze Buße
Von wenig Sommern bei dem alten Mann
Geschützt vor Allem, was Gesetzesränke
Und neid'sche Vettern gegen sie gewagt,
So konnte meines besten Freundes Kind
Dann passender für ihre Jahre wählen
Und ganz so wahr in dem getreuen Herzen.

Angiolina. Ich dachte nur an meines Vaters Wunsch,
Den seine letzten Worte heilig mir
Gemacht und sah nur auf mein Herz, damit
Es alle seine Pflichten that, und treu
An dem hing, dem ich angetraut. Nie schlich
Ehrgeiz'ge Hoffnung sich in meine Träume,
Wenn einst die Stunde kommen sollt', von der
Du sprichst, wird man es sehn.

Doge. Ich glaube dir,
Ich kenne dich als wahr: Die Liebe, die
Romant'sche Lieb', die ich in meiner Jugend
Als Wahn erkannt, nie dauernd sah, ja oft
Verhängnißvoll, sie hatte keinen Reiz
Für mich, selbst nicht' in meinen wildsten Jahren,
Und hätte drum, wenn da, auch jetzt ihn nicht.
Doch jene Achtung und die zarte Rücksicht,
Wie meine Sorge für dein wahres Wohl,
Die freudige Erfüllung jedes Wunsches,
Der ehrbar nur, mein Sinn für deine Tugend; –
Wie Wachsamkeit, die sich nicht zeigt, jedoch
Der Jugend kleine Fehler mild bedeckt,
Daß es nicht schmerzt, vielmehr nur abgewöhnt,
Ohn' daß man selbst es merkt, ja meint, man hab'
Aus eigner Wahl sich so gefaßt; – wie es
Mein Stolz, auf deine Schönheit nicht, auf dein
Betragen nur; wie mein Vertraun auf dich,
Wie meine väterliche Liebe mir,
Nicht kind'sche Huldigung; wie Freundschaft, Treu
In deinen Augen mir gewinnen konnten, –
Ein solch Gefühl erhoffte ich von dir.

Angiolina. Und immer hab' ein solches ich gehegt.

Doge. Das glaub' ich auch; denn als du mich gewählt,
Da kanntest du den großen Unterschied
Der Jahre wohl und wähltest dennoch mich.
Ich baute nicht auf meine Eigenschaften
Und würd' auf sie und Aeuß'res niemals baun,
Selbst wenn ich fünfundzwanzig zählte noch,
Ich bau' auf Loredano's reines Blut
In deinen Adern, baue auf die Seele,
Die Gott dir gab, auf deines Vaters Lehren,
Auf deinen Glauben, deine sanfte Tugend,
Auf deine Ehr' und Treue, für die meine.

Angiolina. Du thatest wohl. Ich dank' für dies Vertraun,
Wofür nur um so mehr zu ehren dich
Ich keinen Augenblick noch aufgehört.

Doge. Wo Ehre angeboren ist, und noch
Gekräftigt wird durch gute Lehren, steht
Auf Felsen auch die eheliche Treu'.
Wo sie nicht ist, wo leichter Sinn sich birgt,
Wo Eitelkeit und Weltlust blühn im Herzen,
Wo Sinnentaumel es durchzuckt, da kann
Bei so vergiftetem Geblüt man nie
Auf Ehrbarkeit sich irgend Rechnung machen,
Selbst wenn man sich mit Dem vermählt, den man
Am meisten liebt. Selbst die Vermenschlichung
Des Dichtergottes in des Marmors Reiz,
Der Halbgott selbst, Alcid, in seinem Glanz
Von übermenschlich männlicher Gestalt
Vermocht' zu fesseln nicht, wo Tugend fehlt,
Beständigkeit kennzeichnet sie allein;
Das Laster schwankt, die Tugend wechselt nicht.
Das Weib, das einmal fiel, fällt immer wieder,
Denn Laster muß Verändrung haben, Tugend
Steht wie die Sonn'; und was sich um sie her
Bewegt, trinkt Leben, Licht und Glanz aus ihr.

Angiolina. Und wenn in Andern diese Wahrheit du
Empfind'st und schaust, warum – verzeihe mir! –
Fröhnst du der heftigsten der Leidenschaften
Und störst die Hochgedanken deiner Seele
Durch ruhelosen Haß auf einen Steno,
Auf ein so nichtig Ding?

Doge. Du mißverstehst
Mein Herz. Nicht Steno ist's, der mich so sehr
Erregt. Wär' er's, er würd' – doch davon still!

Angiolina. Was fühlst du denn, und eben jetzt so tief?

Doge. Ich fühl' Venedigs Majestät verletzt
In seinem Herrn, wie in der Republik
Gesetz.

Angiolina. Ach warum willst du's anschaun so?

Doge. Ich dachte drüber nach, bis ich – Doch laß
Zu meinem Thema nun zurück dich bringen.
Da Alles das bedacht war, nahm ich dich
Zum Weib. Die Welt hat damals meine Gründe
Zu würdigen gewußt; und mein Benehmen
Bewies, sie hatte Recht, und deines war
Zu loben nur. Ich und die Meinigen
Gewährten Freiheit, Achtung dir, Vertraun.
Ein Sprosse Solcher, die der Heimat Fürsten
Geschenkt und Kön'ge von dem Thron gestürzt,
Erschienst in jeder Richtung würdig du,
Die erste Dame dieses Lands zu sein.

Angiolina. Wozu soll das?

Doge. Dazu, daß eines Schurken
Boshafter Hauch dies Alles weg konnt' blasen.
Ein Strolch, den wegen zügelloser Haltung
Ich aus der Mitte unsrer Festlichkeit
Hinweg mußt' führen lassen, ihn zu lehren,
Wie man im Haus des Dogen sich benimmt,
Ein solcher Schuft dürft' auf die Wand das Gift,
Das seine Brust ersticken wollte, spein
Und dieses Gift sich ringsumher verbreiten!
Des Weibes Unschuld und des Mannes Ehr',
Sie durften so zum Gassenhauer werden!
Der Doppelschuft, der jungfräuliche Scham
Durch jenen Schimpf verletzt, den öffentlich
Vor unsern höchsten Damen er den Mädchen
In unserem Gefolge angethan,
Durft' sich für den gerechten Abschub rächen,
Indem er seines Herrschers Ehgemahl
Vor Allen angeschwärzt; und Der wird nun
Von seinen edeln Vettern absolvirt!

Angiolina. Doch ward er zur Gefängnißhaft verdammt.

Doge. Für Seinesgleichen ist die Haft so viel
Wie Freisprechung; denn dieser kurze Schein-
Arrest wird im Palaste ja verbüßt.
Doch fertig bin ich mit dem Mann; der Rest
Geht dich an.

Angiolina. Mich?

Doge. Ja, Angiolina, dich!
Verwundere dich nicht! Dies hat so tief
An mir genagt, daß ich empfind', mein Leben
Kann nicht mehr dauern lang'. Ich wünschte nun,
Daß du die Weisungen dir ansiehst, die
Da drin du finden wirst (übergibt ihr ein Papier).
Befürchte nichts!
Es ist zu deinem Vortheil nur; lies es
Zur rechten Stunde durch.

Angiolina. Ich werde dich
Im Leben ehren und auch später noch.
Doch mögest du noch manchen Tag erleben
Und bessere als nun! Die Leidenschaft
Wird schon verwehn; du wirst dann heit'rer wol,
So wie du solltest, sein, und wie du warst.

Doge. Ja wie ich sollte, werd' ich sein – wo nicht,
Dann – Nichts! – Doch niemals, niemals, niemals mehr
Wird auf die wen'gen Tage oder Stunden,
Die noch Falier's vergiftet Alter schauen,
Der süßen Ruhe sanfte Sonne strahlen.
Nie werden Bilder der Vergangenheit
Aus einem Leben, das nicht nutzlos war,
Nicht ohne Ruhm, die letzten Stunden mir
Versüßen vor der Nacht und sanfter mich
Hinüber wehn zur langen Ruhezeit!
Zu thun hab' ich nur wenig noch, zu hoffen
Nur ein'ge Rücksicht für das Blut, den Schweiß,
Der Seele Mühn, die zu des Landes Ehr'
Ich überstanden einst. Des Landes Diener,
Wenngleich sein Oberhaupt, wär' ich so gern
Mit einem Namen, der so rein wie der
Der Väter war, zu ihnen eingegangen.
Es sollte nicht so sein! – O wär' ich doch
Bei Zara schon gefallen!

Angiolina. Dort hast du
Den Staat gerettet einst; so lebe denn
Und rett' ihn noch einmal! Ein zweiter Tag
Wie jener wär' die beste Züchtigung
Für sie; für dich die einzig würd'ge Rache.

Doge. Nur einmal kommt in einem Menschenalter
Ein solcher Tag; mein Leben ist nicht ganz
Ein Menschenalter und das Glück hat wol
Genug gethan, daß einen es mir gab,
Wie kaum ein Bürger, den es hoch begünstigt,
In manchem Staat und manchem Jahr gewinnt.
Doch wozu das? Venedig hat den Tag
Vergessen längst, warum sollt' ich dran denken?
Behüt' dich, Angiolina, Gott! Ich muß
Ins Cabinet; ich habe viel zu thun,
Die Stunde drängt.

Angiolina. Gedenke, was du warst.

Doge. Vergeblich wär's! Erinn'rung an die Freude
Ist ja nicht Freude mehr; doch das Gedächtniß
Des Leids bleibt immer Leid.

Angiolina. Zum wenigsten,
Was immer drängen mag, laß dich erbitten
Und ruh' dich etwas aus. Dein Schlaf war schon
Gar manche Nacht so fieberhaft, daß Lind'rung es
Gewesen wär', man hätte dich geweckt.
Ich that es auch, wenn ich gehofft nicht hätte,
Natur werd' die Gedanken doch am End'
Bewältigen, die deinen Schlaf gestört.
Ein Ruhestündchen wird mit frischer Kraft
Und neuem Sinn dich den Geschäften schenken.

Doge. Ich kann nicht – darf nicht, wenn ich könnt', denn nie
Noch hatt' ich soviel Grund, ganz wach zu sein.
Jedoch nur wenig Tage noch, nur noch
Ein Paar von Träumen schwergequälte Nächte
Und ich werd' schlummern – fest – doch wo? Gleichviel!
Ade, mein Kind!

Angiolina. Laß einen Augenblick,
Nur einen Augenblick mich weilen noch
Bei dir. Ich kann dich nicht so lassen.

Doge. Nun,
So komm, mein holdes Kind! Vergib! Du warst
Gemacht, ein besser Loos als meins zu theilen,
Das sich umwölkt, indem's zum Thale führt,
Wo Tod in seinem dunkeln Mantel sitzt,
Der Alles überdeckt. Wenn ich dahin –
Und das mag früher selbst als nach dem Maß
Der Jahre sein, denn's regt sich was hier innen
Und oben – rings – als ob in dieser Stadt
Die Gottesäcker sich bevölkern wollten
So stark wie je durch Pestilenz und Krieg –
– Wenn Nichts ich bin, laß, was ich war, bisweilen
Ein Namen sein auf deinen süßen Lippen,
Ein Bild in deiner Phantasie von Einem,
Der, daß du um ihn trauertest, nicht möcht',
Nein! nur daß seiner du gedenkst. Nun laß
Uns gehn, mein liebes Kind, es drängt die Zeit. (Beide ab.)

Zweiter Auftritt.

Einsamer Platz in der Nähe des Arsenals.

Israel Bertuccio und Philipp Calendaro.

Calendaro. Nun, Israel, wie ist's mit Eurer Klage
Ergangen jüngst?

Israel. Ei gut!

Calendaro. Ist's möglich, Freund?
Er wird bestraft?

Israel. Gewiß!

Calendaro. Und wie? Um Geld?
Durch Sitzen?

Israel. Mit dem Tod.

Calendaro. Was! seid Ihr toll?
Wollt Ihr Euch rächen, wie ich Euch gerathen:
Mit eigner Hand?

Israel. Um einem Hassestrunk
Die große Racheschüssel aufzuopfern,
Die wir Venedig kochen, und ein Leben
Der Hoffnung für Verbannung einzutauschen,
Die eine Natter auf den Kopf zu treten,
Daß tausend and're Freund' und Brüder stechen?!
Nein, Calendaro! Für die blut'gen Tropfen,
Die schmählich mich benetzt, soll all sein Blut
Zur Sühne fließen, doch nicht seins allein!
Nicht für das Unrecht, das den Einzelnen
Betraf, soll unser Schlag geschehn, das taugt
Für egoist'sche Leidenschaft und für
Ein rasches Blut, doch wär's unwürdig deß,
Der die Tyrannen treffen will.

Calendaro. Ihr habt
Weit mehr Geduld, als ich mich rühmen kann.
War ich zugegen, als man Euch beschimpft,
Ich hätt' ihn niederschlagen müssen oder
Ich wär' erstickt in dem vergeblichen
Bemühn, in mir den Ingrimm zu ersticken.

Israel. Dem Himmel Dank, daß nicht dabei Ihr wart,
Ihr hättet Alles sonst verderbt. So wie's
Jetzt ist, steht unsre Sache günstig noch.

Calendaro. Ihr wart beim Dogen? Nun, was gab er denn
Zur Antwort Euch?

Israel. Daß Herr'n wie Barbaro
Man nicht bestraf'.

Calendaro. Ich hab's Euch ja gesagt.
Es war ein eitler Wahn, Gerechtigkeit
Aus solchen Händen zu erwarten.

Israel. Wohl!
Doch lullte es den Argwohn ein, weil es
Vertraun bewies. Hätt' ich geschwiegen, nicht
Ein Sbirre nur hätt' mich im Aug' behalten,
Als einen Mann, der heimlich Rache sinnt.

Calendaro. Doch warum macht Ihr Euch nicht an den Rath?
Der Doge ist die reinste Puppe ja
Und kann mit Noth für sich erhalten Recht.
Warum denn ihn angehn?

Israel. Erfahren sollt
Ihr's schon noch – späterhin!

Calendars. Warum nicht jetzt?

Israel. Geduldet Euch nur noch bis Mitternacht.
Seht jetzt die Listen nach, ersucht die Freunde,
Daß sie bereit die Haufen stellen, rüstet,
So daß der Schlag sofort geschehen kann,
Vielleicht in wenig Stunden schon. Wir haben
Lang' auf den rechten Augenblick gepaßt.
Die Stunde ist jetzt da, vielleicht schon morgen.
Ein längrer Aufschub möchte die Gefahr
Verdoppeln leicht. Seht zu, daß Alle pünktlich
Am Sammelplatze find, und wohl bewehrt,
Der sechzehn Haufen Führer ausgenommen,
Die bei der Mannschaft bleiben, harrend des
Signals.

Calendaro. Ein neues Leben wehn die Worte,
Die muthigen, in meine Brust. Entleidet
War längst mir dieses ewige Berathen!
Tag kroch um Tag dahin und fügte stets
Ein neues Glied nur an die schwere Kette
Und neues Unrecht, neuen Schimpf und Schande.
Die uns man anthat oder unsern Brüdern;
So schwoll die Stärke unserer Tyrannen
Nur immer mehr. Jetzt aber wollen wir
Abrechnung halten, was auch der Erfolg,
Ob's Tod, ob's Freiheit sei. Ich Hab' es satt
Bis in das Herz, daß keins von beiden kommt

Israel. Wir. werden frei sein, lebend oder todt,
Das Grab ist kettenlos. – Sind Eure Listen
Vollständig nun? Die sechzehn Compagnie'n
Auf sechzig Mann gebracht?

Calendaro. Ja, bis auf zwei,
Da fehlen etwa fünfundzwanzig Mann.

Israel. Gleichviel, es geht auch ohne sie. Bei wem
Denn fehlt's?

Calendaro. Bei Bertram und dem Greis Soranzo.
Die beiden Herrn betreiben's, scheint's, nicht so
Wie wir.

Israel. Ihr seid so feurig selbst, daß Den
Für kalt Ihr nehmt, der nicht gleich rastlos ist.
Doch birgt sich in verschlossenen Seelen oft
Nicht wen'ger Muth als in dem lautern Rächer;
Drum zweifelt nicht.

Calendaro. Am Alten zweifl' ich nicht,
Doch dieser Bertram ist von säumigem
Und weichem Naturell, was oft schon ward
Verhängnißvoll für Werke unsrer Art.
Ich sah, wie er ob Andrer Mißgeschick
Fast wie ein Kind geweint, und ganz vergaß,
Daß ja er selbst noch Größeres ertrug;
Und jüngst bei einem Streit ward übel ihm,
Weil Blut er sah, obschon nur eines Schufts.

Israel. Der Tapfre ist an Herz und Auge weich
Und fühlt auch da, wo ihm die Pflicht gebeut.
Ich kenne Bertram schon seit langer Zeit,
Es athmet keine ehrenwerth're Seele.

Calendaro. Es mag so sein; doch fürcht' ich weniger
Verrath als Schwäche stets. Indessen da
Er nicht Geliebte hat noch Frau, die sonst
Auf seines Geistes süße Milch könnt' wirken,
Mag er Passiren die Revue. Gut ist's,
Daß er allein steht und sonst Niemand hat
Als uns. Mit Weib und Kind wär' wen'ger er
Als irgend Einer zum Entschluß gelangt.

Israel. Es taugen Bande dieser Art auch nichts
Für den, der zu dem hohen Amt berufen ist,
Verderbte Republiken auszuputzen.
Wir müssen jed' Gefühl vergessen, nur
Dies Eine nicht, und jede Leidenschaft,
Nur die für unsern Zweck nicht, opfern können.
Wir dürfen nichts im Auge haben als
Das Vaterland; schön muß sogar der Tod
Erscheinen uns, damit zum Himmel steigt
Der Opferdampf, und Freiheit auf das Land
Herab für immer bringt.

Calendaro. Doch, wenn's mißlingt?

Israel. Wenn man für eine große Sache stirbt,
Kann von Mißlingen nicht die Rede sein.
Der Block mag trinken solcher Helden Blut,
Ihr Haupt mag dörren in der Sonne Strahl,
An Thor und Wällen mag ihr Leib verfaulen,
Lebendig geht ihr Geist doch um und um!
Gehn Jahre auch darüber hin und theilen
Noch Andre auch ein gleiches, dunkles Loos,
So mehren sie doch jene Weltgedanken,
Die tief und mächtig alle andern schlagen,
Und endlich doch zur Freiheit brechen durch.
Was wären wir, hätt' Brutus nicht gelebt?
Durch seinen Tod gab er die Freiheit Rom,
Ließ eine Lehre uns, die niemals stirbt,
'Nen Namen, der selbst eine Tugend ist,
Und eine Seele, die sich neu gebärt
In jeder Zeit, wo Schlechte triumphiren
Und knechtisch wird ein Staat. Ihn und
Den hohen Freund hieß man »die letzten Römer«,
Laßt uns »die ersten Venezianer« sein,
Entsprossen römischem Geblüt.

Calendaro. So sei's!
Denn unsre Väter flohn vor Etzel'n nicht
Nach diesem Sumpf, woraus Paläste wuchsen,
Auf Boden, den dem Schlamm des Ozeans
Sie abgetrotzt, um für den Einen Herrn
Sich tausend aufzuladen. Lieber noch
Sich vor den Hunnen beugen, den Tartaren,
Als vor den eiteln Seidewurmbaronen,
Der aufgeblas'nen Brut! Denn Attila
War doch ein Mann, sein Scepter doch ein Schwert.
Doch diese feige Kriechersippe siegt
Mit unsrem Arm und lenkt uns mit dem Wort,
Als wär's ein Talisman.

Israel. Er soll zerbrechen!
Du sagst mir. Alles sei jetzt vorbereitet;
Heut' hab' ich nicht wie sonst die Rund' gemacht,
Du weißt, warum. Doch deine Wachsamkeit
Wird meine Sorge wol vertreten haben.
Die kürzlich erst vom Rath ertheilte Weisung,
Daß wir verdoppeln sollen unsre Mühn,
Um die Galeeren eilig auszurüsten,
Verschaffte einen guten Vorwand uns,
Um Viele unsrer Freunde einzuführen
Theils in das Arsenal als Handwerksleute
Zur Ausrüstung, theils als Rekruten, die
In Eil' man aufgebracht, die Flotte, die
Man rasch beschafft, sofort auch zu bemannen.
Sind sie mit Waffen wohl versehn?

Calendaro. Ein Jeder,
Der mir vertrauenswerth erschien. Doch sind
Auch Ein'ge da, die besser man, bis es
Erst Zeit zum Schlagen ist, im Dunkeln läßt,
Und dann erst sie bewehrt, wenn in dem Rausch
Des Augenblicks sie keine Zeit mehr haben,
Um still zu stehn; vielmehr mit denen dann,
Die um sie sind, zum Handeln vorwärts müssen.

Israel. Das habt Ihr gut gemacht; Ihr habt Euch die
Wol all' bemerkt?

Calendaro. Die meisten, ja! hab' auch
Die andern Führer aufmerksam gemacht,
In ihren Haufen Gleiches vorzukehren.
So viel ich sah, sind unsrer wir genug,
Um auszuführen unsern Plan, schlägt man
Schon morgen los. Doch bis es erst so weit,
Trägt jede Stunde viel Gefahr im Schooß.

Israel. Die sechzehn sammeln wie gewöhnlich sich,
Sorenzo, Nicoletto Blondo nur
Und Marco Giuda ausgenommen, die
Im Innern Wache thun des Arsenals,
Und Alles fertig haltend des Signals,
Das jetzt wird ausgemacht, dort ruhig harren

Calendaro. Verlaßt Euch drauf.

Israel. Die andern Alle sollen
An Ort und Stelle sein, ich hab' 'nen Fremden
Dem Bunde vorzustellen.

Calendaro. Einen Fremden?
Kennt er's Geheimniß?

Israel. Ja.

Calendaro. Und habt Ihr es
Gewagt, der Freunde Leben zu gefährden,
Indem Ihr Einem Euch vertraut, der uns
Ganz unbekannt?

Israel. Ich habe Keines Leben
Als nur mein eigenes gewagt. Deß seid
Gewiß, denn Einer ist's, der doppelt sicher
Durch seinen Beistand unsre Sache macht.
Doch widerstrebte er, war' gleichwol er
In unserer Gewalt. Er kommt allein
Mit mir und kann uns nicht entfliehn. Indeß
Der läßt uns nicht im Stich.

Calendaro. Kein Urtheil kann
Ich drob erlauben mir, bis ich ihn kenne.
Ist er von unsrer Art?

Israel. O ja, im Geist,
Obschon ein Kind der Macht. 'S ist Einer, der
Auf einem Thron zu sitzen oder ihn
Zu stürzen taugt, der große Thaten that
Und große Wechsel sah; nicht selbst Tyrann,
Wenngleich geboren schon zur Tyrannei,
Im Kriege tapfer, weise in dem Rath,
Von Haus aus edel, wenn auch stolz und streng
Rasch und behutsam, doch vor allen Dingen
So angefüllt von sichern Leidenschaften,
Daß, wenn einmal gereizt, verspottet gar,
Wie er es ward am kitzlichsten der Punkte,
Die Griechensage keine Furie kennt,
Die wilder wär' als die, die seine Brust
Mit Flammenhand durchwühlt, und ihn, – daß er
Sich räche nur, – zu Allem fähig macht.
Füg' noch hinzu, daß von Gemüth er doch
Hochherzig ist, und sieht und fühlt, wie sehr
Das Volk gedrückt ist, und sein Leiden theilt.
Im Ganzen nimm ihn! Solchen brauchen wir
Und Solcher braucht auch uns.

Calendaro. Und welche Rolle
Theilst du bei uns ihm zu?

Israel. Es könnte sein,
Die unsres Oberhaupts.

Calendaro. Wie? und du selbst
Willst auf die Führerschaft verzichten?

Israel. Ja!
Mir liegt am Herzen nur, daß unser Plan
Gelingt nicht daß ich selbst zur Macht gelang.
Erfahrung und Geschick, und Eure Wahl
Bezeichneten als Euern Führer mich,
Bis sich ein würdigerer zeigen würd'.
Nun hab' ich einen aufgespürt, der wie
Ihr selbst bekennen werdet, würd'ger ist;
Glaubt Ihr, daß ich aus Selbstsucht, aus Begier,
Ein kurz Commando auszuüben, zögern
Und unser Aller Vortheil wegen meiner
Auf's Spiel würd' setzen, eher als mich Einem
Zu unterordnen, der mir weit voraus
In jeder Führereigenschaft? Nein, Freund!
Lernt besser kennen mich. Jedoch ihr Alle
Sollt drüber urtheiln. Fort! wir treffen uns
Zu der bestimmten Stund'. Seid wachsam nur,
Und gut wird Alles gehn.

Calendaro. Bertuccio! Freund!
Ich habe Euch als tapfer stets und als
Vertrauenswerth erkannt, um einen Plan
Mit Kopf und Herzen zu entwerfen, den
Ich auszuführen immer war bereit.
Was mich betrifft, ich will kein ander Haupt,
Doch was die Andern wollen, weiß ich nicht.
Ich gehe jedenfalls mit Euch, wie ich's
Bei jedem Unternehmen that. Lebt wohl!
Wir sehen wieder uns um Mitternacht. (Beide ab.)

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